Mittwoch, 17. Februar 2010
Sklaverei
Before the pilgrims landed at Plymouth, we were here, hat Martin Luther King gesagt. Und er meinte damit, dass ein Jahr bevor die Dissidenten unter Führung von William Bradford mit der Mayflower bei Plymouth Rock landen (sie waren vorher schon an anderen Stellen an Land gegangen) afrikanische Schwarze in Jamestown in Virginia sind. Angeblich von einem holländischen Schiff gebracht, der Beginn des Sklavenhandels. Nach anderen Meinungen von einem dänischen Schiff. Lassen wir die Dänen mal aus dieser Geschichte heraus, es wird noch fünfzig Jahre dauern, bis es Dänisch-Westindien gibt. Und es wird noch anderthalb Jahrhunderte dauern, bis der Graf Heinrich Karl von Schimmelmann mit dem Sklavenhandel der reichste Mann Europas wird.
Und man sollte auch dazu sagen, dass die Dänen die ersten sind, die die Sklaverei und Sklavenhandel wieder abschaffen. Man hat sich in Hamburg-Wandsbek 2006 bemüßigt gefühlt, Heinrich Schimmelmann ein Denkmal zu setzen. Der Bronzekopf dem Sklavenhändlers wurde aber gleich mit roter Farbe übergossen. Rot wie Blut. Nach den Protesten, auch von internationalen Organisationen, hat man das Denkmal 2008 wieder abgebaut. Denk mal! Allerdings hat sich die Hamburger Kultursenatorin bei der ganzen Aktion nicht mit Ruhm bekleckert. Das einzige, was Heinrich Schimmelmann mit Kultur zu tun hatte, war die Gründung des berühmten Wandsbeker Bothen, Chefredakteur Matthias Claudius.
Also ein holländisches Schiff. Und der Kapitän soll auch noch das Vorbild für Wagners Fliegenden Holländer gewesen sein. Die Spekulationen schießen ins Zeug. Es ist kein holländisches Schiff, obgleich man das tausendfach im Internet lesen kann, einer schreibt vom anderen ab. Es heißt White Lion und gehört einem kalvinistischen Pfarrer aus Cornwall. Englisches Bürgertum und englischer Kleinadel verdienen jetzt ganz gut mit den so genannten privateers, lizensiertem Piratentum. Der weiße Löwe hat Papiere aus Holland und hat als letzten Hafen Vlissingen angegeben. Papiere zu haben, ist wichtig, es unterscheidet den Freibeuter vom Seeräuber. Die White Lion und ein zweiter Freibeuter namens Treasurer haben ein portugiesisches Schiff namens Sao Joao Bautista überfallen. Statt der riesigen Schätze finden sie nur halb verhungerte Angolaner an Bord. Die White Lion nimmt twenty odd von ihnen, wie es in alten Quellen heißt, an Bord und tauscht sie in Jamestown gegen Vorräte ein. Die Treasurer will das auch, aber sie hat keine gültigen Papiere, nur italienische Kaperbriefe, gefälscht und abgelaufen. Mit solchen Leuten möchte man in Virginia keine Geschäfte machen, man möchte nicht zum Heimathafen des Piratentums werden. Der König James I. betrachtet die Virginia Company, der er eine charter erteilt hat, die eine Art carte blanche ist, sowieso mit Missvergnügen. Schreibt eine Schrift gegen den Tabak, De abusu Tobacci. Also kommen nur ungefähr zwanzig schwarze Afrikaner an Land. Beginn der Sklaverei in Amerika?
Wohl kaum. Sie werden für eine Zeit indentured servants. Das sind auch die meisten Weißen hier in Jamestown. Man verdingt sich für eine festgesetzte Zeit als Arbeiter bei einem Herrn, hat keine Rechte und kann auch verkauft werden. Aber am Ende dieser durch einen Kontrakt festgelegten Zeit ist man frei (wenn man überlebt). Die schwarzen Angolaner werden freie Bürger werden, werden heiraten und Handel treiben. Es ist erstaunlich, wie lange es gedauert hat, bis die Wahrheit über diese ersten schwarzen Amerikaner detailliert bewiesen ans Licht gekommen ist. Erst im Jahre 2007 wird Tim Hashaws Buch The Birth of Black America erscheinen (nachdem vorher schon Marinehistoriker die Identität der Schiffe geklärt hatten). Martin Luther King hat es nicht mehr lesen können. Es hätte ihm gefallen.
Dienstag, 16. Februar 2010
Edward Hopper
Als F. Scott Fitzgerald 1923 nach Long Island zieht, um The Great Gatsby zu schreiben, lernt er seltsame Leute kennen. Die er alle in seinen Roman hineinschreibt. Einer seiner Nachbarn lässt sich hunderte von Hemden in London machen. Schwupps, schreibt Fitzgerald die Hemden ans Ende von Kapitel fünf. They're such beautiful shirts schluchzt Daisy, aber wir wissen, dass es um etwas anderes geht als Oberhemden. Im ✺Film von 1974 kommen die Hemden von Turnbull & Asser, man kann den Markennamen ganz deutlich lesen. Der Film war durch eingeworbenes product placement finanziert, bevor man ein Drehbuch, einen Regisseur und die Darsteller hatte. Ein seltsames Phänomen. Der Film brachte uns auch Gatsby-weiße Anzüge. Zum Missvergnügen von Tom Wolfe, der seine Idee mit dem weißen Anzug bei Mark Twain geklaut hat. 1923 markiert den Anfang Fitzgeralds an seinem Meisterwerk, aber es markiert auch den Beginn seiner Alkoholikerkarriere.
Am Ende des ersten Kapitels von The Great Gatsby kehrt der Erzähler Nick Carraway von einem Besuch bei seiner reichen Cousine Daisy zu seinem kleinen Häuschen (das er ironisch als seinen estate bezeichnet) neben dem Palast von Gatsby zurück. Zum ersten Mal sieht er in der Dunkelheit der Mondnacht mit dem silver pepper of the stars seinen geheimnisvollen Nachbarn, der auf ein kleines grünes Licht auf der anderen Seite der Bucht starrt. Ein Symbol für die unerreichbare Liebe. Fitzgerald hat viel Arbeit auch diese Romanstelle verwendet, sie ist ein Pendant zu dem romantisch-pathetischen Schluss des Romans. Es ist Frühling, aber Already it was deep summer on roadhouse roofs and in front of wayside garages, where new red petrolpumps sat out in pools of light. Die Welt des Automobils hat schon ihren Weg in die amerikanische Natur gefunden. Und die Technik dringt noch auf eine andere Weise in den Roman ein. Fitzgerald schreibt filmisch, sieht die Welt mit den Augen eines Regisseurs, eines Kameramanns.
Edward Hopper hat 1940 ein Bild gemalt, dem er den Titel Gas gegeben hat. Es zeigt eine Tankstelle an einer einsamen Straße, und das Bild erscheint wie eine Illustration zu der Romanstelle where new red petrolpumps sat out in pool of light. Fitzgerald hat das Bild nie gesehen, das ihn an seinen Roman hätte erinnern können. Als es ausgestellt wird, ist er schon tot. 1940 verkaufte Scribners mal gerade noch sieben Exemplare von The Great Gatsby. Aber Hopper hatte Fitzgeralds Romanstelle wohl nicht im Kopf. Er war, wie immer, auf der Suche nach dem geheimnisvollen Licht in der Stunde der Dämmerung, der Vermischung von künstlichem und natürlichem Licht. Wir finden das immer wieder bei ihm, in House at Dark (1935), Cape Cod Evening (1939) ebenso wie in Seven A.M (1948), von den berühmten Nighthawks ganz zu schweigen. Manche Maler haben sich darauf spezialisiert, wie Atkinson Grimshaw in Liverpool. Manche Kameraleute können das auch. Wie hat hat Chris Menges das mit der roten Telephonzelle im Dämmerlicht in Local Hero hingekriegt? Hopper hat das ganze Jahr 1940 an diesem Bild gearbeitet. Seine Frau schreibt an eine Freundin Ed is about to start a canvas - an effect on night on a gasoline station... Pictures come so hard this year. They used to flow along so much more easily.
Hopper befindet sich einmal wieder in einer schweren Depression. Es gibt eine gezeichnete Skizze von drei Pumpen einer Mobilgas Tankstelle und eine Zeichnung, die schon das ganze Konzept des Bildes beinhaltet, auch wenn hier der rote Pegasus und der Schriftzug Mobilgas noch fehlen. Hopper guckt sich den ganzen Sommer lang Tankstellen an, freundet sich auch mit Jimmy de Lory, dem Tankstellenbesitzer in Truro an. Die Stimmung, die Fitzgerald sozusagen im Vorbeifahren, evoziert, wird für den Maler zu einer großen Herausforderung. Aber irgendwann kann seine Frau Jo schreiben Ed's canvas is coming on nicely. The pumps are shining red - and the lights above so bright and the trees dark beyond and a road going off in the distance. Da ist das Bild schon beinahe fertig. Vier Tage früher klang das bei ihr noch nicht so optimistisch: Ed is struggling. It's a hard time to put one's mind on painting - and he's seen it all so often around here. He's doing a filling station - at twilight, with the lights over the pumps lit. And when we go to look at them - around here, they aren't lit at all. They're not wasting Elec til it's pitch dark, later than Ed wants. He's painting in the studio entirely now. Lots more comfortable - but much harder to do. I'd hate it. When you are in front of the thing, its presence helps you.
Josephine Nivison Hopper weiß, wovon sie redet, sie ist selbst Malerin gewesen. Jetzt ordnet sie sich dem Genie ihres Mannes unter. If there can be room for only one of us, it must undoubtedly be he. Eigentlich ist es traurig. Aber so haben wir seine geheimnisvollen Bilder, nicht ihre (von denen sie selbst nicht viel hielt). Die Straße auf dem Bild Gas verschwindet hinter der Tankstelle, immer dunkler werdend, im Wald. Wohin führt sie? Zu Nick Carraways estate in der Mondnacht, die ihn alone in the unquiet darkness zurücklässt?
Lassen wir Hoppers Bildern ihre Geheimnisse, man braucht nicht alles zu erklären. Zur gleichen Zeit wandert der Dichter Robert Walser mit seinem Gönner Carl Selig durch die Schweiz. Am Wochenende, da hat er Ausgang aus der Anstalt. Einmal weigert er sich ein klosterähnliches barockartiges Gebäude zu betreten: Das ist alles viel hübscher von außen. Man muss nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen: Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten: Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht. Brutal wird alles begehrt und in Besitz genommen.
Kaum ein anderer Maler wird in den nächsten zehn Jahren in diesem Blog so häufig erwähnt werden wie Edward Hopper. Lesen Sie auch: Jo Hopper (und Eddie), Edward Hopper, Einsamkeit, ythlaf, Winslow Homer, Frank Duveneck, Alexander Deineka, Grant Wood, William Merritt Chase, Luminism, Emily Dickinson, John French Sloan, Gustave Caillebotte, Abstraktion, Realisten, Richard Oelze, Friedrich Mißfeldt, 18th century: Architecture, John Quincy Adams, This place of memory, il miglior fabbro, Franco Costa, Lohn der Angst, Warren Oates, Raymond Thornton Chandler, Mein Dänemark, silvae: Wälder: Lesen, 29. Februar, Starrachse
Kaum ein anderer Maler wird in den nächsten zehn Jahren in diesem Blog so häufig erwähnt werden wie Edward Hopper. Lesen Sie auch: Jo Hopper (und Eddie), Edward Hopper, Einsamkeit, ythlaf, Winslow Homer, Frank Duveneck, Alexander Deineka, Grant Wood, William Merritt Chase, Luminism, Emily Dickinson, John French Sloan, Gustave Caillebotte, Abstraktion, Realisten, Richard Oelze, Friedrich Mißfeldt, 18th century: Architecture, John Quincy Adams, This place of memory, il miglior fabbro, Franco Costa, Lohn der Angst, Warren Oates, Raymond Thornton Chandler, Mein Dänemark, silvae: Wälder: Lesen, 29. Februar, Starrachse
Sonntag, 14. Februar 2010
Katharine Ross
Katharine Ross ist vor einigen Wochen siebzig geworden. Siebzig, man kann es kaum glauben. Gott, war sie damals schön. Das Gesicht der Sixties. Obgleich, wenn sie sich genügend Khol um die Augen tun, sehen sie damals alle gleich aus: Jacqueline Bisset, Jean Shrimpton, Julie Christie, Charlotte Rampling. Als Katharine Ross in ✺The Graduate die Tochter von Mrs. Robinson spielte, war sie nur acht Jahre jünger als Anne Bancroft. Aber sie wirkt viel jünger (und Anne Bancroft viel älter). Der Film wäre ja nichts ohne die Musik von Simon und Garfunkel und Katharine Ross. Sie hat am Anfang ihrer Karriere Glück gehabt. Drei gute Filme schnell hintereinander, dann ein Karriereknick. Klägliche Filme. Hollywood kann nichts mit wirklich schönen Frauen anfangen. Sie hätte nach Frankreich gehen sollen. Catherine Deneuve kriegt immer gute Rollen. Und Truffaut hätte bestimmt etwas mit ihr anfangen können. Nach seiner Devise, dass die ganze Kunst des Filmes darin besteht, schöne Frauen schöne Dinge tun zu lassen, hätte das was werden können. Sie heiratet, wird geschieden.
Dann heiratet sie 1984 Sam Elliott (und ist bis heute mit ihm verheiratet), den hatte sie 1969 gar nicht beachtet, als sie Butch Cassidy and the Sundance Kid drehte. Da hatte er nämlich auch mitgespielt. Er ist vier Jahre jünger als sie, aber er sieht älter aus. Wie ein Mann, der weiß, was er will. Am besten gefällt er mir in Gettysburg (nach dem Roman The Killer Angels von Michael Shaara), da spielt er den General John Buford. Der ist an diesem Tag der erste in Gettysburg. Er sieht vom Kirchturm die anrückende Südstaatenarmee, und er macht jetzt alles richtig. Er sichert für die anrückende Armee der Nordstaaten den Höhenzug im Westen von Gettysburg und hält mit seiner Kavallerie Robert E. Lee so lange auf, bis General Reynolds eintrifft. Mit Ruhe und Souveränität. Wahrscheinlich hat Katharine Ross so jemanden gebraucht. Bevor sie 1984 heirateten, hatten sie schon acht Jahre zusammen gelebt. Sie hatten sich vor einer Autowaschanlage wiedergetroffen. Ich treffe niemals Katharine Ross vor einer Autowaschanlage.
Ihr am wenigsten beachteter Film, ✺Tell them Willie Boy is Here, verdient es eigentlich, immer wieder gezeigt zu werden. Der Regisseur Abraham Polonsky hat nach der Uraufführung gesagt, dass dieser Film keine Allegorie auf die Verfolgung und Vernichtung der Indianer sei. Das hier sei seine Geschichte. Der überzeugte Marxist Polonsky ist in der Hexenjagd der McCarthy Jahre verfolgt worden und hatte jahrzehntelang Berufsverbot in Hollywood. Katharine Ross spielt Lola, eine Paiute Indianerin, die mit Willie Boy in die badlands flieht. Verfolgt von Robert Redford als Sheriff Coop Cooper. Wenn sie dann am Ende tot in ihrem weißen Kleid vor dem Haus liegt, man hätte heulen können. Ist ja nichts Schlimmes, im Kino zu heulen, eleos kai phobos. Tommy Mann hat auch immer im Kino geheult. Schreibt er ins Tagebuch: Im Kino gewesen. Geweint.
In ✺Butch Cassidy and the Sundance Kid spielt sie die Lehrerin Etta Place, die mit Paul Newman auf dem Fahrrad sitzt, zur Musik von Raindrops keep falling on my head. Burt Bacharach hat einen Oscar dafür gekriegt, und B.J.Thomas ist mit dem Song auf den ersten Platz der Charts gekommen. Eigentlich mag ich B.J. Thomas überhaupt nicht, aber diese Platte habe ich denn doch. Wenn Katharine Ross im Film Abschied von Paul Newman und Robert Redford nimmt, nimmt sie auch Abschied von den wirklich guten Rollen. Der Rest ist Schweigen. Obgleich sie 2001 in Donnie Darko immer noch gut aussieht. Sie schreibt auch Kinderbücher, die sehr erfolgreich sind. Und lebt immer noch mit Sam Elliott zusammen. Auf ✺YouTube gibt es einen kleinen Film Katharine Ross Tribute. Zwei Minuten und siebenundzwanzig Sekunden lang, den sollte man sich unbedingt anschauen. Dann kommen die Sixties wieder zurück, und sie bleibt für immer so jung wie sie damals war.
Arno Schmidts Wohnwagen
Anfang der siebziger Jahre hat ➱Arno Schmidt die Idee, einen Wohnwagen zu kaufen. Den wollte er im Garten so aufstellen, dass er morgens da drin schon den Sonnenaufgang an der Schreibmaschine erleben kann. Das kann er in seinem Arbeitszimmer oben in dem kleinen Haus in Bargfeld nicht. Dann plant er um, seine Frau Alice soll in dem Wohnwagen schlafen, damit der große Schriftsteller im Haus mehr Raum hat. Erstaunlich was die arme Dichtergattin alles mit sich machen lässt. Ein Leben lang Aufopferung für ihren Mann. Sie ist ja schon überglücklich, wenn Bekannte sie mal mit einem Auto zu einem Ausflug mitnehmen. Als Arno dann einen Herzanfall hat, wird wieder umgeplant. Er zieht jetzt nach unten, damit er die Treppen nicht mehr zu steigen braucht. Aber die Idee mit dem Wohnwagen bleibt, der soll jetzt das Büro von Alice werden, die die ganze Korrespondenz für den Schriftsteller erledigt.
Die Sache mit dem Wohnwagen ist die große Chance für einen der größten Arno Schmidt Verehrer der Republik. Der wohnt in Bremen und ist von Krupp als Finanzchef der Vereinigten Flugtechnischen Werke dorthin geschickt worden. Er heißt ➱Otto Proksch und hat zwei Doktortitel. Kaum jemand von den 18.000 Beschäftigten bei VFW ahnt, dass ihr Chef ein leidenschaftlicher Arno Schmidt Leser ist. Selbst wenn sie es wüssten, der Name Arno Schmidt würde ihnen nichts sagen. VFW baut Flugzeuge, aber sie haben jetzt auch diversifiziert und bauen im Werk Hoyenkamp große Wohnwagen mit selbsttragender Karosserie. Ich weiß nicht, wie Otto Proksch Arnos Idee mit dem Wohnwagen spitzgekriegt hat. Aber er bietet Alice Schmidt den VFW 550 zum Sonderpreis von 10.000 Mark an. Firmenrabatt, und wahrscheinlich noch ein persönlicher Fan-Rabatt von Proksch. Er holt Alice auch mit dem Auto ab (Arno ist zu schwach für die Fahrt nach Bremen) und zeigt ihr alles, was VFW so baut. Auch die größeren Modelle, aber Alice ist der Meinung, dass der VFW 550 mit 12 Quadratmeter Innenfläche durchaus ausreicht.
Otto Proksch hat mir die Geschichte damals erzählt. Aber was für ihn eine Sternstunde sein sollte, wurde für ihn zur Enttäuschung. Arno Schmidt war zu krank und schwach (oder auch mal wieder zu unwillig), um auf seinen treuesten Leser einzugehen. Dabei konnte der Zettels Traum schon beinahe auswendig. Ich hatte die Geschichte beinahe vergessen, weil ich sie damals auch nie in der Arno Schmidt Literatur gefunden habe. Aber dann fand ich eines Tages in dem wunderschönen Photoband von Michael Ruetz Arno Schmidt Bargfeld ein Photo (No. 91) von dem Wohnwagen neben dem Haus. Da hat der VFW 550 schon ironisch den Namen Wagenkontor bekommen. Unter dem Bild sind zwei Briefe von Alice Schmidt an Dr. Proksch und ihre Mutter, den Wohnwagenkauf betreffend, abgedruckt. Der Wohnwagen hat sich auf dem Photo schon völlig in die Natur des Gartens eingepasst, the machine in the garden.
In dem Gedicht Walter Scotts Einzug in Abbotsford beschreibt Theodor Fontane die vielen Wagen, mit denen Sir Walter vor seinem neugekauften Schloß ankommt. Jeder Wagen enthält die Figuren und Requisiten der Romanwelt des Romanciers:
Requisitenkammer, Schatzkammer noch mehr,
So kommt der Zug von Edinburgh her.
Dreiundzwanzig Wagen. Nun ladet ab
Und, Sir Walter, schwinge den Zauberstab!
Arno Schmidt braucht keine dreiundzwanzig Wagen, ihm reicht ein einziger, damit seine Frau die Manuskripte abtippen und die Korrespondenz erledigen kann. Den Zauberstab besitzt er ebenso wie Sir Walter, den Rest hat er im Kopf oder in seinen Zettelkästen. Der Wohnwagen ist heute, wie man auch einem Photo im Internet sehen kann, arg heruntergekommen. Vielleicht sollte die Reemtsma Stiftung nicht nur das Werk von Arno pflegen, sondern auch mal den Wagen waschen. Auf Privatgrundstücken darf man das ja.
Samstag, 13. Februar 2010
Dresden
Von der Kuppel der Frauenkirche sah ich diese leidigen Trümmer zwischen die schöne städtische Ordnung hineingesät; da rühmte mir der Küster die Kunst des Baumeisters, welcher Kirche und Kuppel auf einen so unerwünschten Fall schon eingerichtet und bombenfest erbaut hatte. Der gute Sakristan deutete mir alsdann auf Ruinen nach allen Seiten und sagte bedenklich lakonisch: Das hat der Feind Gethan! Der junge Mann, der hier schreibt (und von der Dresdener Gemäldegalerie beeindruckter sein wird als von Frauenkirche und Zerstörungen), ist Student und hat gerade über den Holocaust geschrieben.
Wir sind nicht im Jahre 1945. Wir sind im Jahre 1768. Der junge Mann heißt Johann Wolfgang Goethe, sein literarisches Werk über den Untergang einer Stadt heißt Belshazzar. Die Frauenkirche verdankt ihr Überleben damals vielleicht nicht der bombenfesten Bauweise durch George Bähr, sondern vielleicht eher Friedrich II, der einem Artillerieoffizier befohlen hatte: Laß er den ollen Dickkopp stehen! Zweihundert Jahre nach Goethe will ein Schriftsteller einen Roman über die Bombardierung von Dresden schreiben. Er findet keinen rechten Anfang. Er schreibt an die US Air Force und bitte um Informationen über den Bombenangriff. Man teilt ihm mit: top secret. Wir sind im Jahre 1968, top secret. Wenige Leute in Amerika wissen etwas darüber, so soll es auch bleiben. Der Autor besucht Freunde, um sie nach Dresden zu fragen. Er hat seine kleine Tochter und deren beste Freundin dabei. The two little girls and I crossed the Delaware River where George Washington had crossed it, the next morning. We went to the New York World's Fair, saw what the past had been like, according to the Ford Motor Car Company and Walt Disney, saw what the future would be like, according to General Motors. And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep. Der Autor, der hier Kultur und Geschichte der USA mit einer automobilen Bildlichkeit beschreibt, war zehn Jahre vorher Saab Händler. Er kennt sich aus, in der Welt der Automobile. Er wird bis zu seinem Lebensende die Meinung vertreten, dass er den Nobelpreis nur deshalb nicht bekommen hat, weil er in seinen Werken abfällige Bemerkungen über schwedische Automobile gemacht hat. The Swedes have short dicks and long memories, soll er gesagt haben. Solche Sätze kommen beim Nobelpreis Komitee nicht so gut an.
Der Autor, der im ersten Kapitel seines Romans über die Schwierigkeiten beim Schreiben über Dresden erzählt, heißt Kurt Vonnegut, Jr. Er hat deutsche Vorfahren. Er hat sich 1943 freiwillig zur US Army gemeldet, als er nach Deutschland kam, hat sich seine Mutter umgebracht. Der Roman heißt Slaughterhouse Five, der Held des Romans heißt Billy Pilgrim. Ein amerikanischer Jedermann, hat aber auch ein bisschen von Vonnegut. Wie Vonnegut geht Billy 1943 in die Armee, wie Vonnegut kämpft er in der Ardennenoffensive. Über die hat Vonneguts Kollege William Wharton einen beeindruckenden Roman geschrieben, der A Midnight Clear heißt. Und wie Vonnegut landet Billy Pilgrim als Kriegsgefangener in Dresden. Die Mauern des Schlachthofs Nummer fünf schützen die beiden vor dem Bombentod. Billy Pilgrim lebt zwischen mehreren Welten, unstuck in time, der Roman ist auch Science Fiction, Utopie. Wir können es uns aussuchen, in welcher Welt wir sein wollen. So it goes. Weder Billy Pilgrim noch Kurt Vonnegut bekommen den Nobelpreis. Auch nicht eine Romanfigur namens Kilgore Trout, der in diesem Roman (und in vielen anderen von Vonnegut) auftaucht. So it goes. Dieser Satz kommt im Roman aber immer wieder vor. Als der Roman verfilmt wurde, hat kein geringerer als ➱Glenn Gould die Filmmusik dazu geschrieben.
Arthur Harris, der eigentlich mit Vornamen Bomber zu heißen scheint, bekommt in der New Year's Honours List von 1946 keinerlei Erwähnung (erst Churchill macht ihn 1953 zum Baronet). Er ist der Chef des Bomber Command, er hat sich diese Position in einem erbitterten Machtkampf gegen intelligentere Luftmarschälle wie Hugh Dowding und und Keith Rodney Park erkämpft. Die haben immerhin England in der ➱Battle of Britain gerettet. Wenn es nach Harris gegangen wäre, hätte es überhaupt keine Spitfires gegeben, es wären nur Bomber gebaut worden. Flächenbombardement ist seine Devise, neben dem Vornamen Bomber hat er noch einen zweiten Vornamen. Butcher, der Schlächter. Jeder zweite RAF Soldat verliert unter seinem Kommando das Leben. Weil Harris Deutschland brennen sehen will. Lübeck bombardiert er vor Dresden mal zu Probe, weil historische Stadtkerne so schön brennen. Hat er gesagt. Wenige Jahre nach seinem Tod hat Queen Mum ein Denkmal für Harris enthüllt. So it goes. Viele Engländer waren der Meinung, dass sie da doch ein paar Pink Gins zuviel getrunken hätte und besser zu Hause geblieben wäre.
Wir gedenken heute der Dresdener Bombennacht und der Opfer, aber wir scheinen nur über Neonazis zu reden. Billy Pilgrim hätte das seltsam gefunden. Sind die Neonazis dafür da, dass wir es vermeiden können, über Dresden nachzudenken? Oder sind sie, wie im Trauerspiel des jugendlichen Goethe die Schrift an der Wand mene mene tekel u-pharsin?
And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep.
Leser
Manche Schriftsteller meiden ihre Leser und die Öffentlichkeit wie die Pest, Jerome David Salinger, Thomas Pynchon. Man kann das verstehen, wenn man gerade die 1085 Seiten von Against the Day schreibt, möchte man nicht ständig von Ph.D. students belämmert werden, die einen nach dem Sinn fragen. Arno Schmidt vertrieb jeden Besucher vom Grundstück. Bis auf den jungen Mann, der ihm sagte, dass er zufälligerweise Millionär sei und beschlossen habe, dem großen Arno Schmidt so viel Geld zu geben, wie der Literaturnobelpreis einbringen würde. Der hieß Reemtsma, und den hat Arno denn doch in die Küche eingeladen und ihm einen Korn eingeschenkt. Manche Schriftsteller beantworten ganz rührend Post von den Lesern, Hermann Hesse hat das getan. Manche schreiben dann darüber, wie Martin Walser in Des Lesers Selbstverständnis: Inzwischen bin ich Adressat von Schülerpost und erfahre so, daß im Deutschunterricht Schülerinnen und Schüler darin geübt werden, die Bedeutung von Büchern zu entdecken, die ich geschrieben habe. Der Lehrer weiß offenbar die Bedeutung, darf sie aber den Schülern nicht sagen. Ich weiß, meinen die Schüler, die Bedeutung. Findige Schüler rufen mich abends an oder schreiben mir...Walsers kleines Pamphlet ist ein Plädoyer für die Autonomie des Lesers. Eine Aufforderung, selbst eine Meinung zu haben und nicht ständig nach dem Interpreten zu rufen. Aber Schüler und Studenten werden nicht aufhören, Autoren nach dem Sinn zu fragen. Rosamunde Pilcher braucht man nicht zu fragen, da ist dem Leser alles klar.
Als der englische Dichter und Literaturkritiker Ian Hamilton eine Biographie über Salinger schrieb, ist der gerichtlich gegen ihn vorgegangen, um vieles aus dem Buch zu verbieten, was Hamilton in mühevoller Kleinarbeit in Archiven herausgefunden hatte. Da hatte er allerdings, wie er später merkte, einen Fehler gemacht. Denn nach amerikanischem Recht muss alles, was im Prozeß verboten werden soll, vorher gerichtsöffentlich vorliegen. Die Schlange vor der Gerichtsdruckerei soll einen Kilometer lang gewesen sein. Hamiltons Buch, In Search of J.D. Salinger, ist ohne die verbotenen Stellen erschienen. Aber halb Amerika kannte die jetzt.
Manche Autoren führen ein Büchertagebuch, das sie dann veröffentlichen. Thomas Mann hat das mit Die Entstehung des Doktor Faustus so gemacht, da braucht dann kein Leser mehr Fragen zu stellen. Kommentierte Werkausgaben, in denen viel philologische Arbeit in Fußnoten und Kommentar gesteckt wurde, sind für den Leser auch immer schön. Alle Bücher brauchen spätestens nach fünfzig Jahren Fußnoten und Erklärungen, hat der berühmte Dr Johnson im 18. Jahrhundert gesagt. Manchmal werden die Erklärungen beinahe so lang wie der Text. Harold Beaver hat das mit seiner Ausgabe von Melvilles Moby-Dick bewiesen. Manchmal verraten Autoren auch, wo sie all die Zitate geklaut haben, die sie in den Text montiert haben. T.S. Eliot hat das bei The Waste Land getan. Und Michael Wildenhahn bei Prinzenbad. Aber das war natürlich nicht so berühmt wie The Waste Land, nachdem Eliots Freund Ezra Pound das erstmal umgeschrieben hat.
Eigentlich brauchen wir als Leser den Autor ja nicht als sinnstiftenden Oberlehrer, wir suchen uns ja selbst aus dem Text aus, was wir darin finden wollen. Ich glaube eher, daß es einem Buch gegenüber kein Mißverständnis gibt, da jeder Leser, wenn er ein Buch liest, mit diesem Buch immer nur sich versteht, nicht das Buch hat Martin Walser gesagt. Und etwas Ähnliches hat auch Marcel Proust gesagt: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst hätte nicht erschauen können. Danke, Marcel.
Die einfältige Wirtstochter Maritornes in Don Quixote, die all die Rittergeschichten so gerne hört, weil sie gar hübsch sind, antwortet auf die Sinnfrage Und was dünkt euch davon, junges Mägdlein? des Pfarrers: Ich weiß es meiner Seelen nicht. Ich höre auch mit zu, und wirklich, wenn ich es auch nicht verstehe, so habe ich doch meine Freude am Zuhören. Bewahren wir uns als Leser diese Naivität, nicht nur bei Ritterromanzen.
Freitag, 12. Februar 2010
An Englishman Abroad
Alan Bennett ist heute einer der beliebtesten Schriftsteller Englands, er hat lange schreiben müssen, bis die Literaturkritik ihm diesen Titel verliehen hat. Inzwischen wird er auch in Deutschland geschätzt. The Uncommon Reader (Die souveräne Leserin) hat da vieles geändert. Und in den letzten Jahren haben sich auch kleinere Erzählungen wie The clothes they stood in (Cosi fan tutte) und The Lady in the Van gut verkauft. Am schönsten von ihm finde ich The Madness of George III. Als Film hieß es The Madness of King George, ohne das III. Man fürchtete, dass das amerikanische Publikum nach Teil I und II fragen könnte. Und natürlich zwei kleine bezaubernde Theaterstücke, die häufig als Doppelpack aufgeführt worden sind, An Englishman Abroad und A Question of Attribution.
Beide Stücke, die auch für das Fernsehen verfilmt wurden, handeln vom Verrat. Von Engländern der upper class, die für Moskau spionieren. In beiden Stücken geht es um wirkliche Personen, um Guy Burgess und Anthony Blunt. In An Englishman Abroad trifft Guy Burgess in Moskau auf die australische Schauspielerin Coral Browne (im Film spielt Coral Browne sich selbst, Alan Bates spielt Burgess) und bittet sie, für ihn in London einige Einkäufe zu machen. Er möchte einen neuen Anzug haben, das muss natürlich ein englischer Anzug sein. Was man in Moskau herstellt, das kann ein Gentleman, der in Eton und Cambridge gewesen ist, natürlich nicht tragen. Auch wenn er ein Vaterlandsverräter ist (Clothes have never been the comrades' strong point. Besides, I don't want to look like everybody else, do you?). Früher haben ihn Anzüge nicht interessiert I never cared tupppence for clothes before. I was kitted out in the traditional garb of my class. Aber jetzt, in der Einsamkeit von Moskau, da möchte er doch einen neuen englischen Anzug zur Identitätsgewinnung haben. Coral Brown nimmt seine Maße und geht damit in London zu seinem Schneider. Sie versucht, zuerst den Namen des Kunden geheim zuhalten, gibt ihn dann aber doch preis:
Tailor: We have two Mr Burgesses. I take this to be Mr Burgess G. How is Mr Burgess? Fatter I see. One of our more colourful customers. Too little colour in our drab lives these days. Knowing Mr Guy he'll want a pinstripe. But a durable fabric. His suits were meant to take a good deal of punishment. I hope they have stood him in good stead.
Als Coral Browne den Schneider um Diskretion bittet, sagt der: Oh, Madam. Mum is always the word here. Moscow or Maidenhead, mum is always the word. Schneider sind offensichtlich verschwiegener als Spione. Bei einem zweiten Einkauf in einem anderen Geschäft weigert sich der Angestellte, Coral Browne Pyjamas zu verkaufen: The Gentleman is a traitor, Madam. Schließlich beliefere man die königliche Familie. Anzüge kann man bestellen, aber Pyjamas werden nicht an jeden verkauft, an dieser Stelle hat Alan Bennett für die Australierin Browne eine kleine Hassattacke auf die Verlogenheit der Engländer in das Stück geschrieben. Obgleich die Namen der beiden Firmen nicht genannt werden, hat sich Bennett diese Szenen nicht ausgedacht. Die ganze Geschichte ist wahr, der Anzug erreicht Guy Burgess an seinem Geburtstag 1958 in Moskau.
Lesen Sie auch: Alan Bennett. Und der ganze Film ist ✺hier zu sehen.
Lesen Sie auch: Alan Bennett. Und der ganze Film ist ✺hier zu sehen.
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