Montag, 21. November 2011

Kleist


Irgendwie habe ich mich vor diesem Tag gefürchtet, weil ich ahnte, dass meine Leser von mir erwarten, dass ich über Heinrich von Kleist schreibe, der heute vor zweihundert Jahren mit Henriette Vogel Selbstmord beging. Ich hatte mir schon überlegt, dass ich dem aus dem Weg gehe und unter der Überschrift Kleist ganz cool über den Dichter Ewald von Kleist und seinen traurigen Tod nach der Schlacht von Kunersdorf schreibe. Aber vielleicht hätten manche Leser das nicht so witzig gefunden, und so muss ich doch über den Großneffen von Ewald von Kleist schreiben.

Ich klagte mein Leid letzte Woche im Antiquariat Eschenburg dem Dr. J., einem pensionierten Theaterwissenschaftler, der mir feinsinnig ein Gedicht von Brecht für den Anfang des Kleist-Artikels vorschlug. Er hatte den Satz, in dem Brecht und Lorbeerstock vorkamen, noch nicht beendet, als ich sagte Schon geklaut, lieber Herr J. Da bin ich gut drin, im schnellen Klauen, immature poets imitate; mature poets steal. Und so stelle ich hier einmal, das Gedicht hin, das Bertolt Brecht 1939 in Paris über Kleists Stück Der Prinz von Homburg geschrieben hat:

O Garten, künstlich in dem märkischen Sand!
O Geistersehn in preußischblauer Nacht!
O Held, von Todesfurcht ins Knien gebracht!
Ausbund von Kriegerstolz und Knechtsverstand!

Rückgrat, zerbrochen mit dem Lorbeerstock!
Du hast gesiegt, doch war’s dir nicht befohlen.
Ach, da umhalst nicht Nike dich. Dich holen
Des Fürsten Büttel feixend in den Block.

So sehen wir ihn denn, der da gemeutert,
mit Todesfurcht gereinigt und geläutert
mit Todesschweiß kalt unterm Siegeslaub.

Sein Degen ist noch neben ihm: in Stücken.
Tot ist er nicht, doch liegt er auf dem Rücken
Mit allen Feinden Brandenburgs in Staub.


Brecht mochte das Theaterstück nicht. Goethe zeigte Unverständnis gegenüber den Werken von Kleist (bis auf den Zerbrochenen Krug, den hatte er selbst auf die Bühne gebracht - war aber ein Flop): Ich habe ein Recht, Kleist zu tadeln, weil ich ihn geliebt und gehoben habe; aber sei es nun, daß seine Ausbildung, wie es jetzt bei vielen der Fall ist, durch die Zeit gestört wurde, oder was sonst für eine Ursache zum Grunde liege; genug, er hält nicht, was er zugesagt. Sein Hypochonder ist gar zu arg; er richtet ihn als Menschen und Dichter zugrunde

Auf seine Zeitgenossen übte Kleist keine große Wirkung aus. Da hat Tommy Mann schon Recht, wenn er schreibt: Kleists Erzählsprache ist etwas absolut Singuläres. Es genügt nicht, sie ‚historisch‘ zu lesen, - auch zu seiner Zeit hat kein Mensch so geschrieben wie er. Sind seine Stoffe herausfordernd, sein Vortrag ist es nicht minder, und seine Zeitgenossen, einige kunsterfahrene Bewunderer ...ausgenommen, haben ihn ungenießbar manieriert gefunden. Und doch kann von Manieriertheit nicht die Rede sein, wo soviel Ernst, Natur, persönliche Notwendigkeit herrschen. Ein Impetus, in eiserne, völlig unlyrische Sachlichkeit gezwungen, treibt verwickelte, verknotete, überlastete Sätze hervor, in denen immer wieder mit verschachtelten „dergestalt, daß“-Konstruktionen gewirtschaftet wird und die geduldig geschmiedet und zugleich von atemlosem Tempo gejagt wirken. Er bringt es fertig, eine indirekte Rede von 25 Druckzeilen ohne Punkt-Pause hinzulegen, worin nicht weniger als dreizehn „daß“ hintereinander herhetzen, mit einem „kurz, daß“ am Ende, welches aber das Ende nicht ist, denn es folgt noch ein „und daß“. Berühmt als Meisterstück gedrängter Exposition ist der Anfangssatz des „Erdbebens von Chili“, der mit souveräner Sachlichkeit alles Nötige unterzubringen und in schöner Gliederung auf einmal anzusprechen weiß: „In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.“ In diesem außerordentlichen Stil sind Geschichten erzählt, von denen keine es an Außerordentlichkeit fehlen lässt. Das musste so lang hier stehen, man darf Thomas Mann nicht unterbrechen, wenn er seine Sätze drechselt und reiht.

Doch dieses ungenießbar manieriert, das ist bei Kleist immer da, es ist alles gewollt, alles hart erarbeitet. Er ist kein natürlicher Schriftsteller (Die Hölle gab mir meine halben Talente), aus dessen Feder die Literatur nur so herausfließt. Denken wir einmal für einen Augenblick daran, dass er ein Zeitgenosse von Sir Walter Scott ist. Clemens Brentano schreibt nach Kleists Tod: Der arme gute Kerl, seine poetische Decke war ihm zu kurz, und er hat sein Leben lang ernsthafter, als vielleicht irgend ein neuer Dichter, daran gereckt und gespannt. Er ist allein so weit gekommen, weil er keine recht herrlichen Menschen gekannt und geliebt, und gränzenlos eitel war. Ich mag Brentano nicht so sehr, aber vielleicht hat er mit diesen Sätzen einmal Recht gehabt.

Kleists Texte laden nicht dazu ein, hineinzuspringen und darin zu baden. Das Gefühl kann ich bei Eichendorff (auch ein Zeitgenosse) haben, nicht bei Kleist. Michael Kohlhaas wäre das einzige, wo mir das gelänge. Und doch, wenn man sich strebend bemüht, ihn zu lesen, stößt man immer wieder auf große, atemberaubende Sätze. Und, erstaunlicherweise, manchmal auch auf Humor. Ich tue mich mit dem Lesen von Kleist genauso schwer wie er sich mit dem Schreiben. Ich versuche ihn immer noch zu verstehen. Hilft einem die Sekundärliteratur? Ich weiß es nicht. Ein Buch wie Das Textbegehren des Michael Kohlhaas von Helga Gallas wohl kaum. Das erste Buch, das ich über Kleist las, war Curt Hohoffs Band in der gerade von Kurt Kusenberg ins Leben gerufenen Reihe der rowohlts monographien. Das Kleist Buch ist er erste Band der ganzen Reihe. War das symbolisch? Warum nicht Goethe? Der Band von 1958 ist inzwischen durch einen neuen von Hans-Georg Schede ersetzt worden, einem Literaturwissenschaftler, der nicht unbedingt als Kleist-Forscher hervorgetreten ist. Er verfasst sonst Lektürehilfen für Reclam und für die schreckliche Reihe der Königs Erläuterungen. Ich weiß nicht, ob Kleist nicht einen besseren Biographen verdient hat.

Ich kann zwei Bücher zu Kleist aus ganzem Herzen empfehlen. Das auch, weil es die einzigen sind, die ich immer wieder benutze. Das eine, und das habe ich schon mehrfach in meinem Blog erwähnt, ist László F. Földényi Heinrich von Kleist: Im Netz der Wörter. Was ist das für ein Buch! Die ganze Welt von Heinrich von Kleist in knapp hundert "Lexikonartikeln", die alle kleine in sich geschlossene Essays sind. Ausgehend von Wörtern in Kleists Werk, alphabetisch geordnet von Ach bis Zufall, mit Querverweisen auf andere Essays. So, dass man in diesem Buch zick und zack, hin und her liest. Und das soll auch so sein, sagt der Autor in seinem Vorwort: Ein schonendes Buch. Es verschont den Leser, erspart ihm die Mühe des Auslesens. Es befreit ihn von der Last, so zu tun als ob...

Man wird hier geradezu spielerisch zum Kleist Kenner. Als ich vor zwanzig Jahren László Földényis Buch Melancholie las, wusste ich über den Autor nicht mehr, als das, was der Verlag Matthes & Seitz im Klappentext geschrieben hatte. Es gab noch kein Google und all die Dinge, mit denen man sich in Sekunden schlau machen kann. Inzwischen weiss ich, dass er einer der bedeutendsten Intellektuellen Ungarns ist, und mir fällt im Augenblick in Deutschland niemand ein, der sich mit ihm vergleichen ließe. Dieses Buch ersetzt einen ganzen Meter Sekundärliteratur zu Kleist. Die sparsam verwendeten Anmerkungen, die sich jeweils rechts auf den schön gesetzten Seiten finden, zeigen, dass der Autor trotz seines essayistischen Ansatzes mit der Kleist-Forschung vertraut ist. Wenn man Kleist kennt, wird man dieses Buch lieben und Kleist mit neuen Augen lesen. Wenn man Kleist noch nicht gelesen hat, hat man hier den schönsten Zugang zu der Fackel Preußens, wie Joachim Maass Kleist in seiner Biographie vor einem halben Jahrhundert Kleist genannt hat (und dieser Titel fehlt erstaunlicherweise in diesem Buch, das ist kaum zu glauben).

Meine zweite Buchempfehlung ist Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen von Helmut Sembdner, 1957 bei Schünemann in Bremen erschienen, zwanzig Jahren später in einer Neuauflage bei Insel. Alle Fakten zu Kleist auf fünfhundert Seiten. Wenn man die gelesen hat, wird man noch Heinrich von Kleists Nachruhm: Eine Wirkungsgeschichte in Dokumenten vom gleichen Autor besitzen wollen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Literaturwissenschaft mit Ausnahme von Helmut Sembdner (der im Gegensatz zu Helga Gallas niemals Ordinarius für Germanistik war) in den letzten hundert Jahren nicht so viel geleistet hat. Denn vor genau einhundert Jahren sagte der österreichischen Literaturwissenschaftler Jacob Minor: Ich bin der Meinung, dass Heinrich von Kleist, trotz dem Vielen, was über ihn geschrieben worden ist, bis zum heutigen Tage ein ungelöstes Problem geblieben ist, vielleicht das größte, das die Literaturgeschichte bietet.

Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein! steht auf seinem Grabstein. Ob der wirklich da steht, wo man die Leichen des Denatus von Kleist und der Denata Vogel (so die Terminologie des Obduktionsberichts) beerdigt hat, ist nicht so klar. Die Zeile aus dem Prinz von Homburg stand nicht immer auf dem Stein, den die Nazis 1936 (wegen möglicher ausländischer Besuche während der Olympischen Spiele) auf das Grab gestellt hatten. Da stand zuerst Er lebte, sang und litt, in trüber schwerer Zeit, er suchte hier den Tod, und fand Unsterblichkeit. 1941 hatten die Nazis gemerkt, dass Max Ring jüdisch gewesen war, also verschwand diese Zeile. Kein Hinweis mehr auf den Freitod des retirierten Seconde-Lieutenants. Die letzten Jahrzehnte war das Grab völlig verfallen und diente, wie der Präsident der Kleist-Gesellschaft Günter Blamberger berichtete, für Grillabende unter Anglern oder wurde im Internet für Gruftie-Erlebnisse angeboten. Für Theodor Fontane war es nach dem Bau der Grunewaldbahn noch ein Ausflugsziel, hundert Jahre danach war es völlig verwahrlost. Nach endlosen Querelen aller möglichen Interessengruppen hat man es gerade noch rechtzeitig zum heutigen zweihundertsten Todestag hingekriegt, das Grab in einen halbwegs präsentablen Zustand zu versetzen. Ach, es ist meine angebohrne Unart, nie den Augenblick ergreifen zu können, u immer an einem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin, und in einer Zeit, die vorbei ist, oder noch nicht da ist

Sonntag, 20. November 2011

Tango


Am 20. November des Jahres 1913 soll der deutsche Kaiser ein Verbot für das Tangotanzen von Offizieren in Uniform erlassen haben (Dieser Tanz führt den deutschen Offizier auf Irrwege). Und im gleichen Jahr hat die Königlich Sächsische Polizeidirektion in Dresden festgestellt: Diese Tänze verletzen das Sittlichkeitsgefühl, weil die Tänzerin dabei häufig die Beine seitwärts abspreizt, sodass man die Unterkleider und die Strümpfe sieht. Das geht ja nun gar nicht, wo bleibt da das decorum? Walzer ist gesellschaftsfähig (war er auch nicht immer), Tango auf keinen Fall. Auf jeden Fall nicht für Wilhelm II. Majestät bevorzugen ja eher Märsche wie Preußens Gloria. Die Oper Der Rosenkavalier verließ er mitten in der Vorstellung, nicht ohne ein Det is keene Musik für mich! von sich zu geben. Der Anlass für das Tangoverbot lag nicht irgendwo in der Gosse - wohin das argentinische Rinnsteinkind nach landläufiger Meinung gehörte - sondern in den feinsten Kreisen. Die Gattin des Präsidenten des preußischen Landtags Hans Axel Tammo Graf von Schwerin-Löwitz hatte in den Räumen des Landtags zu einem Tango-Tee geladen. Shocking. Drüben in Argentinien ist der Tango die Musik der Sehnsucht der kleinen Leute. Und hier gibt es einen Tango-Tee für die wilhelminische Schickeria.

Wilhelm II  hätte vor seinem Verbot mal nach Rom hätte schauen sollen. Da hatte der Papst Pius X zwar zu Anfang des Jahrhunderts den Tango als sündhaft bezeichnet und den katholischen Gläubigen das Tangotanzen verboten. Aber dann soll ein argentinischer Tangotänzer nach Rom gereist sein und dem Papst vorgetanzt haben. Woraufhin der das Tanzverbot zurücknahm. Wir wollen mal hoffen, dass die Geschichte wahr ist. Das Verbot des Tanzens ist so alt wie das Tanzen selbst. Denn Tanzen ist nichts anderes denn eine Bewegung zur Geilheit, ein Spiel, das allen Frommen übel ansteht, vom lebendigen Teufel, Gott zur Schmach, erfunden... Das wüste Umlaufen, das unzüchtige Drehen, Greifen und Maullecken ist Sünde... Sagt Cyriacus Spangenberg in seinem Ehe-Spiegel im Jahre 1578.

Als ich auf der Heeresoffizierschule war, standen Gesellschaftstänze noch auf dem Dienstplan. Es wurde sogar vom Kommandeur der HOS zum Ende des Lehrgangs kontrolliert, ob die Offiziersanwärter tanzen konnten. Natürlich ohne Tango, war wohl zu schwer. Boogie-Woogie durfte getanzt werden, soweit war der Verfall der Sitten schon fortgeschritten. Am Ende des Lehrgangs gab es auch einen kleinen Abschlussball, ich bin sicher, dass sich unser Hörsaaloffizier Haltungsnoten in sein kleines schwarzes Büchlein notierte. Es wurde damals übrigens auch die Beherrschung der französischen Sprache gefordert (Englisch, Sportabzeichen und DLRG Schein waren eh selbstverständlich).

Und dann gab es auf dem Dienstplan noch das korrekte Öffnen von Sektflaschen und den Handkuss. Für den Handkuss bekam ein Lehrgangsteilnehmer einen weißen Baumwollhandschuh angezogen und dann ging das los. Stundenlang Handkuss, bis jeder das im Schlaf beherrschte. All dies zielte auf Formen des Benehmens ab, die für den adligen Offizier des 18. Jahrhunderts selbstverständlich waren und die sich beharrlich (wenn auch erstarrt) über Jahrhunderte gehalten haben. Aber im 18. Jahrhundert gab es natürlich noch keinen Tango. Obgleich es damals (und in allen Jahrhunderten zuvor) auch Tänze gab, die als unschicklich empfunden wurden. Wie die unzüchtige Volta, die zum Lieblingstanz Elizabeth I wurde. In der Kulturgeschichte der Menschheit gehört vieles Unschickliche eine Generation später zur akzeptierten Kultur (natürlich nicht das Benehmen von Ronald Pofalla oder der Betrug von Herrn von und zu ➱Guttenberg). Wenn über den Tango gesagt wird, dass er Bordellmusik sei, kann man das gleiche über den Jazz sagen.

In der ➱Tanzstunde der fünfziger Jahre gehörte der Tango selbstverständlich zum Pflichtprogramm, genau wie die Tatsache, dass man mit Schlips und Kragen zum Tanzunterricht kam. Der Besitzer meiner Tanzschule, Nico Arff, hatte ein Holzbein, das ihn beim Tanzen aber nicht behinderte. Er konnte es beim Eins, Zwei, Tangoschritt laut hörbar über das Parkett schleifen lassen, das sah sehr elegant aus. Die Tanzstunde hat sich in den letzten fünfzig Jahren gewandelt. François Knaak und Nico Arff gibt es nicht mehr. Die Standardtänze auch nicht. Die Disco hat das alles überflüssig gemacht. Ich nehme mal an, dass bei der Bundeswehr inzwischen das Üben des Handkusses auch weggefallen ist. Ich sehe heute Bundeswehroffiziere ohne Handschuhe auf den Straßen; wir mussten die schon tragen, wenn sich die Tür des Offizierkasinos hinter uns schloss und wir den Kasernenhof betraten.

Man mag all diese Formen für überflüssig halten, so wie der Neuankömmling im Dschungel von Borneo, der in ➱Somerset Maughams Kurzgeschichte The Outstation von Mr Warburton folgende Lektion erteilt bekommt: When I lived in London I moved in circles in which it would have been just as eccentric not to dress for dinner every night as not to have a bath every morning. When I came to Borneo I saw no reason to discontinue so good a habit. For three years during the war I never saw a white man. I never omitted to dress on a single occasion on which I was well enough to come in to dinner. You have not been very long in this country; believe me, there is no better way to maintain the proper pride which you should have in yourself. When a white man surrenders in the slightest degree to the influences that surround him he very soon loses his self-respect, and when he loses his self-respect you may be quite sure that the natives will soon cease to respect him. Maughams Mr Warburton mag etwas spießig wirken, aber er hat auf einer höheren Ebene Recht mit seiner Beschreibung der white man's burden. Das Empire gründet sich auf die stiff upper lip und auf das Einhalten von Regeln. Warburton ahnt auch, dass sein dinner jacket ihn davor bewahrt, unterzugehen wie der Mr Kurtz in Joseph Conrads Roman Heart of Darkness.

Die Zivilisation ist für die geistigen Nachfolger von Wilhelm II immer dabei zusammenzubrechen, aber es werden andere Dinge als der Tango sein, die den Untergang des Abendlandes herbeiführen. Wilhelm mit seinen hunderten von Uniformen und seiner sinnentleerten Einhaltung von absurden Etiketteregeln hat uns in den Ersten Weltkrieg gebracht. Nicht die saudade, nicht der Tango zu den Klängen des Bandoneons. Denn der Tango ist mehr als ein Tanz. Wie Enrique Santos Discepolo es formulierte, ist er ein trauriges Gefühl, das man tanzen kann.

Ich bin kein Fachmann für den Tango. Jeder Argentinier ist Fachmann. Und wahrscheinlich auch jeder Finne. Dass ich den Erlass seiner Majestät zum Anlass nehme, um über Tango zu schreiben, hat mit diesen Bildern zu tun. Und mit Gerd Newiger, der diese Intarsien-Bilder mit den Tangoszenen gemacht hat und alles über das Bandoneon weiß, weil er diese Instrumente auch repariert.

Da hat der Heinrich Band aus Krefeld, der das Instrument aus der Concertina entwickelt hat, ganz schön was angerichtet. Was wäre Astor Piazolla ohne ihn? Das Bandoneon wurde das Instrument für die argentinischen Tangokapellen. Es wurde aber auch um 1900 zum Instrument von deutschen Arbeitervereinen. Bevor die Nazis an die Macht kamen, gab es in Deutschland noch hunderte von Bandoneon Orchester. Heute sind es nicht mehr so viele. Eher ganz wenige. Aber ich weiß, dass es wenige Kilometer von meinem Heimatort Vegesack entfernt noch einen gibt. Bevor ich Gerd Newiger kennenlernte, wusste ich nichts von vom wichtigsten Musikinstrument des Tangos. Ich weiß, dass die Finnen verrückt nach Tango sind. Die Japaner auch. Die liebten Hans Schmidt-Isserstedt und das NDR Sinfonieorchester, weil er auf seinen Japan-Tourneen immer einen Tango im Programm hatte. Aber ich hatte niemals Astor Piazolla und das Kieler Bandonions Orchester (über das es sogar einen ➱Dokumentarfilm gibt) gedanklich miteinander verbunden. Inzwischen weiß ich mehr. Und wenn Sie auch mehr wissen wollen, dann lesen Sie doch bitte mal eben diese wunderbare ➱Geschichte von Gerd Newiger, die sich auf den Internetseiten von Hans Fander findet. Ich kann die Lektüre der Geschichten auf den Seiten ➱Meine Erzählungen und ➱Andere Geschichten nur wärmstens empfehlen.

Das Ganze fing damit an, dass ich bei Hans Fander (Bild) eingeladen war. Bis auf meinen Studienfreund ➱Hannes Hansen und den Buchhändler und Kieler Kulturpreisträger Eckart Cordes (der in seinem Leben beinahe alle deutschen Autoren in seine Buchhandlung geholt hatte und mit den meisten befreundet ist) kannte ich keinen der Gäste. Aber das sollte sich schnell ändern. Das Gute war: keiner der Gäste kam aus der Universität. Das sind furchtbare Abende mit Hochschullehrern (nur eine Lehrerkollegiums Party ist noch schlimmer - ich weiß, wovon ich rede). Am Anfang bemühen sie sich noch um gepflegte Konversation (the thin layer of civilization), den Rest des Abends schludern sie dann über Kollegen und Studenten. Aber hier war alles anders. Obgleich wir uns nicht kannten, verstanden wir uns sofort. Dafür brauchten wir nicht einmal die vom Gastgeber bereitgestellten alkoholischen Köstlichkeiten.

Es wurde ein wunderbarer Abend. Wir redeten bei Rippchen und Kartoffelsalat über die verhängnisvolle deutsche Marinetradition und deutsche Großadmirale, die lokale Kulturpolitik und komplett unfähige Kulturdezernenten (die vielleicht eher zum Untergang des Abendlands beitragen als der Tango). Über die Einsamkeit des Spaziergängers nachts in amerikanischen Großstädten und im Londoner Hyde Park. Über die Légion Étrangère, in der Hans Fander als junger Mann zur Zeit von ➱Dien Bien Phu gewesen war. Über deutsche Truppenübungsplätze (weil der pensionierte Oberst und ich alle kannten) und den Unterschied im Sozialverhalten von deutschen und englischen Offizieren. Und wir redeten natürlich über Bandoneons und das Kieler Bandonion Orchester, der Regisseur des Dokumentarfilms über das Orchester, Karl Siebig, gehörte auch zu den Gästen. Und ich durfte natürlich die Intarsien-Bilder mit dem Thema ➱Tango von Gerd Newiger bewundern, die an den Wänden hingen (also jene Bilder, die nicht vom Gastgeber selbst gemalt worden waren). Zuerst glaubt man, dass die Personen auf das Holz gemalt sind, aber dann erkennt man, dass es Intarsienarbeiten sind. Da kann man auf fünf Zentimeter herangehen und die dicke Lesebrille aufsetzen, da erkennt man keine Übergänge, so fein sind die gearbeitet.

In drei Wochen gibt es im Rathaus der Stadt Kiel im Rahmen der Veranstaltungen zur Hundertjahrfeier des Rathauses eine Ausstellung Die Kunst der Intarsie. Maritimes Kiel und mehr. Kunstvolle Einlegearbeiten mit Bildern von Gerd Newiger. Die Ausstellung wird am 5. Dezember um 17 Uhr im Foyer des Rathauses von der Stadtpräsidentin Cathy Kietzer eröffnet. Und natürlich gibt es auch Bandoneonmusik, weil Günter Trauer aus Berlin kommt. Bis dahin können sie den ja schon mal auf ➱YouTube hören.


P.S. (6. Dezember 2011) Gerd Newiger, zu dessen Ausstellungseröffnung ich gestern war, schickte mir per Mail ein Gedicht von Julius Cortazar. Das hat ihm seine Tochter Nicole einmal zum Geburtstag geschenkt. Das Gedicht ist so hübsch, das ich es gerne hier zitiere:

Guten Abend, liebes Bandoneon, wie schön,
dass es Dir gut geht und Du in guten Händen
bist... Komm mir nicht mit Schüchternheit,
Meister Blasebalg, lass mich Deine Musik hören;
Ich begleite Dich mit Wein, Tabak und der ganzen
Sehnsucht und Erinnerung, Die Deinen Namen trägt,
 denn Du heißt Ciriaco Ortiz, Federico, Laurenz,
Du heißt Piazzolla, Pichuco... so viele andere
Namen, und diese Nacht heißt Du Juan Jose Mosalini.
Du siehst, ich kenne Dich; atme tief und fang an,
erzähl mir von Buenos Aires, das jetzt so weit weg
ist für mich, erzähl mir von meinem Leben als
kleiner Bub und Junge...
und danke, liebes Bandoneon. 


Und wenn es hier schon Cortazars Buenas noches, che bandoneón gibt, dann sollte natürlich die Aufnahme von J.J. Mosalini ➱hier nicht fehlen.

Samstag, 19. November 2011

Winterreise


Lieber Schober! Ich bin krank. Ich habe schon elf Tage nichts gegessen und nichts getrunken, und wandle matt und schwankend von Sessel zu Bett und zurück...Sey also so gut, mir in dieser verzweiflungsvollen Lage durch Lectüre zu Hilfe zu kommen. Von Cooper habe ich gelesen: Den letzten der Mohikaner, den Spion, den Lootsen und die Ansiedler. Solltest Du vielleicht noch was von ihm haben, so beschwöre ich Dich, mir solches bey der Frau v. Bogner im Kaffeeh. zu depositiren. Mein Bruder, die Gewissenhaftigkeit selbst, wird solches am gewissenhaftesten mir überbringen. Oder auch etwas Anderes. Dein Freund Schubert.

Das schreibt Schubert auf seinem Krankenbett, kurz vor seinem Tod. Er liebt die Romane von James Fenimore Cooper (Goethe mochte sie auch). Interessant scheint mir, dass er die Ansiedler erwähnt. Der vollständige Titel des Romans ist Die Ansiedler oder die Quellen des Susquehannah (The Pioneers), er war vier Jahre vor Schuberts Tod zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Es kommt viel Schnee in diesem Roman vor. Sehr viel Schnee, gleich zu Anfang.

Und mit dem vielen Schnee in Coopers Pioneers und den augenblicklichen Temperaturen komme ich mal eben auf Schuberts Winterreise, die Schubert ein Jahr vor seinem Tod (er ist heute vor 183 Jahren gestorben) vollendet hatte. Da war der Dichter des Textes, ➱Wilhelm Müller, gerade gestorben. Wahrscheinlich hat er nie erfahren, dass ein Komponist in Wien seine Lieder vertont hatte. Die ersten, die den Zyklus gesungen hörten, waren Schuberts Freunde: Schubert war durch einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, erwiderte er nur: "Nun ihr werdet bald hören und begreifen". Eines Tages sagte er zu mir: "Komme heute zu Schober, ich werde euch einen Kranz schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu hören, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war". Er sang uns nun mit bewegter Stimme die ganze Winterreise durch. Wir waren durch die düstere Stimmung dieser Lieder ganz verblüfft, und Schober sagte, es habe ihm nur ein Lied "Der Lindenbaum" gefallen. Schubert sprach hierauf nur: Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen. Und er hatte Recht, bald waren wir von dem Eindruck dieser wehmütigen Lieder begeistert...

So hat es Schuberts Freund Joseph von Spaun berichtet. Er schwärmte auch davon, wie Johann Michael Vogl (Bariton), am Klavier vom Komponisten begleitet, diese Lieder gesungen hat. Der hat ja viel zur Verbreitung von Schuberts Liedern getan. Dass sich der Der Lindenbaum sofort durchsetzen würde, leuchtet jedem ein. Aber der ganze Zyklus hat sich, seit es die Schallplatte gibt, doch erstaunlich spät bei Sängern und Publikum durchgesetzt. Inzwischen gibt es so viele Aufnahme von der Winterreise, dass man sie gar nicht mehr übersehen kann, diese schöne ➱Liste ist wahrscheinlich nicht einmal vollständig.

Die Winterreise meiner Jugend, unzählig oft auf meinem Braun ➱Schneewittchensarg abgespielt, war natürlich die 1955er Aufnahme von Dietrich Fischer-Dieskau mit Gerald Moore am Klavier. Fischer-Dieskau hatte Teile aus dem Liederzyklus schon während seiner Gefangenschaft in Italien gesungen. Die Winterreise sollte ihn nie loslassen, ich weiß nicht, wie oft er sie noch gesungen hat. Die erste Tonaufnahme wurde am 19. Januar 1948 in Berlin gemacht, am Klavier war Klaus Billing. Die Aufnahme ist heute noch lieferbar, Fans von FiDi müssen sie natürlich besitzen. Man kann sie trotz aller Schwächen der Aufnahme sicher auch heute noch mit Gewinn hören (man kann ➱hier die einzelnen Lieder anspielen). Es war nicht die erste deutsche Aufnahme in dieser Zeit, wir dürfen nicht vergessen, dass es damals schon zwei Aufnahmen mit Peter Anders gab.

Wenn auch Fischer-Dieskau mit zahlreichen unterschiedlichen Aufnahmen die fünfziger und sechziger Jahre beherrschte, ganz ohne Konkurrenz ist er nicht. Ich lasse einmal die Aufnahme von Hans Hotter unerwähnt, weil ich finde, dass seine Stimme nicht zur Winterreise passt (ich habe die bei EMI in der Reihe Great Recordings of the Century erschienene Aufnahme natürlich). Jemand der Wagner singt, sollte nicht Schubert singen. Und da ich gerade beim Mäkeln bin: so sehr ich ➱Peter Schreier bei der Schönen Müllerin mag (sowohl die Aufnahme mit Walter Olbertz als auch die mit Konrad Ragossnig [Gitarre]), seine Winterreise mag ich nicht. Er kommt viel zu dünn rüber und Swjatoslaw Richter spielt Swjatoslaw Richter aber keine Schubert Liedbegleitung.

Die interessantesten Aufnahmen kommen damals von ausländischen Sängern. Und damit meine ich zum Beispiel Gérard Souzay, der eine echte Konkurrenz zu seinem Freund Fischer-Dieskau ist. Auf meiner Billig CD von Belart (World Famous Premium Quality), die nichts anderes als die Philips Aufnahme ist, können sie zwar seinen Namen nicht richtig schreiben, aber sonst ist das eine tolle Aufnahme. Wenn das etwas mickrige Klavier von Dalton Baldwin nicht wäre. Heute kann man so etwas besser aufnehmen, eine Aufnahme wie die von Thomas Quasthoff mit Daniel Barenboim hat solche Schwächen nicht.

Aber das non plus ultra der sechziger Jahre kommt aus England, von dem Gespann ➱Benjamin Britten und Peter Pears. Die schon zwanzig Jahre lang mit Schubert Liedern aufgetreten waren, aber mit der Decca Aufnahme von 1963 haben sie die Plattenwelt wirklich bereichert. Wir sehen jetzt einmal wohlwollend über die manchmal seltsame Aussprache von Peter Pears hinweg. Als Fischer-Dieskau die Winterreise zum ersten Mal aufnahm, war er dreiundzwanzig. Der Tenor Peter Pears ist fünfundfünfzig und singt wie ein Zwanzigjähriger, das ist wirklich erstaunlich. Und noch erstaunlicher ist das Klavierspiel des Komponisten Benjamin Britten. Fernab von jeder deutschen Tradition haben sich Britten und Pears ihren eigenen Schubert erarbeitet: Sometimes one can be quite daunted when one opens the Winterreise – there seems to be nothing on the page...It was not possible for Schubert to indicate exactly the length of rests and pauses, or the colour of the singer's voice or the clarity or smoothness of consonants. This is the responsibility of each individual performer, and at each performance he will make modifications. The composer expects him to, he would be foolish if he did not.

Ich mache erst einmal Schluss für heute, die neueren Aufnahmen stelle ich ein anderes Mal vor. Wenn noch mehr Winter ist und mein Herz an dem Himmel sein eignes Bild gemalt sieht. Wenn nichts als der Winter, der Winter kalt und wild ist. Einen Geheimtip habe ich zum Schluss auch noch, eine Aufnahme fernab der großen Namen und der großen Labels. Und doch die vielleicht ausgewogenste Aufnahme der Winterreise überhaupt. Aufgenommen 1986 in der Lukaskirche in Dresden und 1997 bei Berlin Classics erschienen. Siegfried Lorenz (der die Winterreise schon 1977 in New York gesungen hatte, für so etwas durfte man auch mal aus der DDR) und Norman Shetler haben da etwas ganz Aussergewöhnliches vollbracht, unspektakulär, frei von erkünstelter Dramatik. Und da es es die Idealaufnahme nicht gibt, weil Fritz Wunderlich zwar zweimal die Schöne Müllerin, aber niemals die Winterreise gesungen hat, bleibt das erst einmal der Tagestip.

Die Winterbilder sind von dem norwegischen Maler Ludvig Munthe.

Freitag, 18. November 2011

Niels Bohr


Dieses Wappen hat er sich entworfen, als er Ritter des Elefanten-Ordens geworden ist, das ist der höchste dänische Orden. Die lateinische Inschrift sagt Contraria sunt Complementa, und wahrscheinlich ist das für einen Atomphysiker ein gutes Motto. Und irgendwie auch eine Hoffnung, dass aus der Atomkraft etwas Gutes entstehen könnte und nicht nur die Atombombe. Niels Bohr, der heute vor neunundvierzig Jahren starb, hat nicht nur den Elefanten-Orden erhalten, er hat auch den Nobelpreis bekommen und war einer der berühmtesten Dänen. Im Internet gibt es eine schöne ➱Anekdote, die seine Genialität als Physiker demonstriert, aber man weiß nicht so genau, ob die wahr ist oder ob das nur eine von den vielen Urban Legends ist. Aber die kleine Niels Bohr Anekdote, mit der ich heute das Internet bereichere, die ist auf jeden Fall wahr.

Wir springen mal eben zurück in das Jahr 1960, auf den Campingplatz von Grenaa in Dänemark. Es war ein wunderschöner Sommer. In der Erinnerung sind natürlich alle Sommer wunderschön, aber dieser Sommer war es wirklich. Das war der Sommer, wo ich die hübsche blonde Gunilla Hedmark aus Stockholm kennengelernt habe. Die habe ich schon einmal in meinem Blog erwähnt; wenn man jetzt den Namen Gunilla Hedmark bei Google eingibt, komme ich auf Platz zwei der Ergebnisse. Das finde ich sehr witzig. Ich hoffe ja immer noch, dass sie sich irgendwann einmal bei mir meldet, weil wir uns irgendwann vor Jahren aus den Augen verloren haben.

Unsere Nachbarn auf dem Campingplatz waren ein Ehepaar mit drei Söhnen (und zwei Collies), die aus Odense kamen. Er war dort Organist und las im Urlaub am liebsten de Romaner mit die Mörders darinne. Sie hatten einen grünen Buckel-Saab, der neben ihrem Zelt stand. Das war das Modell 92 aus den frühen fünfziger Jahren. Damals wusste man noch nicht so viel von blonden Frauen mit Sommersprossen, kannte aber alle Automodelle Europas. Und dieser grüne Saab (der dunkler war als dieser) spielt eine Hauptrolle in meiner Niels Bohr Geschichte, die mir der Organist (der ein bisschen aussah wie Piet Klocke) erzählt hat.

Unser rothaariger Organist war mit seinem Saab in Kopenhagen gewesen. Er ist da sehr vorsichtig gefahren, weil er aus der Provinz kam und Kopenhagen eine Großstadt ist. Obgleich da in den fünfziger Jahren noch nicht so viel los war. Meine Mutter hatte mal mit unserem blauen Opel ein Rencontre mit einer Straßenbahn (die hatte natürlich schuld), hat den Schaden aber sofort ausbügeln lassen. Die Sache wäre unentdeckt geblieben, bis mein Vater fragte Seit wann haben wir eigentlich einen General Motors Sticker hinten auf der Heckscheibe? Da kam die Sache raus.

Ich schweife ab. Ich fange noch mal an. Also, unser rothaariger Organist fährt mit seinem Saab ganz vorsichtig durch Kopenhagen, als ihm aus einer Straße, aus der gar kein Auto kommen kann, weil es eine Einbahnstraße ist, ein amerikanischer Straßenkreuzer vor den Wagen schießt. Ein kleiner Crash ist unvermeidlich. Unser Organist steigt aus und ist stinkesauer. Sein Unfallgegner kommt ihm ganz zerknirscht entgegen. Er sieht ihn, erkennt ihn (weil sein Unfallgegner ebenso bekannt ist wie der dänische König) und sagt: Aber das macht doch gar nichts Herr Bohr, das ist doch nicht der Rede wert. Dann haben sich die beiden die Hände geschüttelt und sind weitergefahren. Er hat den Kotflügel nie reparieren lassen, nur einmal überlackiert. Die Beule, die Niels Bohr da reingefahren hatte, war im Sommer 1960 immer noch da. Und natürlich immer ein Anlass, diese kleine Geschichte zu erzählen.

Als die Organistenfamilie, die wir in den Jahren danach noch häufig in Odense besucht haben, abreiste, kamen Zelt und Gepäck auf das Dach vom grünen Saab. Die drei Kinder, rothaarig wie der Vater, auf den Rücksitz, die blonde Ehefrau auf den Beifahrersitz, und unser Organist setzte sich an Lenkrad. Steckte dann die Finger in den Mund und pfiff laut und schrill. Und dann hüpften die beiden Collies links und rechts durch die offenen Fenster in das Auto. Hätte ich damals eine Filmkamera gehabt, dann wäre diese Szene heute bei YouTube bestimmt ein Renner.

Donnerstag, 17. November 2011

Method Acting


Vor hundert Jahren wurde Lee Strasberg geboren. Für viele wäre es besser gewesen, wenn sie nie von ihm gehört hätten. Marilyn Monroe zum Beispiel. Lee Strasberg gehörte zu den Begründern des Group Theatre, und dann hat er das Method Acting erfunden. Er hatte einmal die Schauspieltruppe von Konstantin Stanislawski gesehen, und nun bastelte er sich aus Stanislawskis Theorien seine Method, die er in seinem Actors Studio predigte. Nach der Theorie von Strasberg spielte der Schauspieler nicht einfach eine Rolle, er wurde praktisch zu der Person, die er spielte. Robert De Niro fraß sich 27 Kilo an, um den Boxer Jake LaMotta zu spielen. Natürlich nicht um ihn zu spielen - um Jake LaMotta zu sein.

Englischen Schauspielern ist das Method Acting immer sehr seltsam vorgekommen, though this be madness yet there is method in 't.  Wenn Laurence Olivier Richard III spielte, kam er als Laurence Olivier auf die Bühne und spielte dann Richard. Er war nicht schon morgens beim Frühstück und in allen Wochen zuvor im Privatleben Richard III gewesen. Wenn man sich von einem Augenblick zum anderen verwandeln kann, dann ist man ein Schauspieler. Wenn man sich über Nacht verwandelt, ist man Gregor Samsa. Theater ist die Kunst des schönen Scheins, und das einzige Gesetz der Bühne wurde nicht von Stanislawski oder Strasberg formuliert, sondern von Noel Coward: Just know your lines and don't bump into the furniture. Denn die Schauspielerei ist nichts Großartiges, wie schon Katharine Hepburn sagte: Acting is the most minor of gifts... After all, Shirley Temple could do it when she was four.

Karl Malden hat in seiner Autobiographie die wunderbare Geschichte erzählt, wie er mit Maureen Stapleton Macbeth probt. Lee Strasberg redet stundenlang auf sie ein, um ihnen zu erklären, wer sie sein sollen und wie sie zu spielen haben. Hinterher gestehen die beiden sich irgendwann, dass sie nichts, aber rein gar nichts von den Ausführungen von Strasberg verstanden haben. Und Maureen Stapleton sagt: Let's just play the scene quietly between the of us. Let's do nothing. Und wenn sie das tun, ist Strasberg begeistert und ruft: Now that's what I meant! Wir können die Gedanken der beiden, Either something's wrong with us or something's wrong with him, sicherlich verstehen.

Durch den Mitbegründer des Actors Studio Elia Kazan ist Karl Malden berühmt geworden. Karl Malden gehört zu der Gruppe der Method Actors, und die Filme von Elia Kazan wurden jetzt beinahe nur noch mit Method Actors besetzt. Die Mitglieder des Actors Studio finden jetzt auch aus einem anderen Grund schnell eine Beschäftigung in Hollywood: die Hexenjagd des HUAC und anderer Ausschüsse (wie der des berüchtigten Joe McCarthy) hat hunderte von Schauspielern arbeitslos gemacht. Dazu hatte Elia Kazan - Hollywood's Number One Rat wie die Village Voice titelte - seinen Teil beigetragen. Wenn man so will, sind die Method Actors die Profiteure der paranoiden Kommunistenhatz.

Kazans Filme, wie A Streetcar Named Desire, On the Waterfront und East of Eden, die die fünfziger Jahre prägten, trugen zur Verbreitung von the Method bei. Oder, wie es der Cambridge Companion to American Theatre so schön süffisant formuliert: ...the Studio became renowned as the high temple of the Method. The popular notion of the Studio as a place where the mumble, scratch, and slouch are tokens of integrity derives from film directed by Elia Kazan (A Streetcar Named Desire, 1951; On the Waterfront, 1954; East of Eden, 1955) which feature moody, verbally inarticulate, spectacularly neurotic performances by Studio members as Marlon Brando and James Dean.

Als Julie Burchill noch wirklich gut war und noch keiner gehässig Trendnutte über sie sagte, da hat sie einen hervorragenden Essay über die englische Jugendkultur geschrieben, der den Titel The Method Rhythm hatte. Und da heißt es über die Method: An invitation to self-delusion, the Method offered an opportunity for actors never to have to admit that they were wearing masks, blurring the line between fantasy and reality - ciphers no more! - an attraction that was impossible to resist, both to themselves and their constituency. The method and its practitioners had a more profound effect on white Western teenagers in the Fifties than even rock and roll. The Method achieved the ultimate postwar showbusiness dream - it was bigger than Elvis.

So ein klein wenig Vitriol peppt einen Text doch immer auf. Aber ich habe das nur deshalb abgetippt, weil ich überzeugt bin, dass sie Recht hat. Es geht nicht um Schauspielkunst, es geht um Inszenierung. Lord Byron war darin ein Meister. Aber neben der Selbstinszenierung war er auch noch ein großer Dichter. Sein amerikanischer Namensvetter ist nur ein Meister der Method Acting Selbstinszenierung. Falls Sie es nicht wussten, James Dean hieß mit Vornamen BYRON. Den kleinen Gag konnte ich nicht auslassen.

Ich habe am Anfang Marilyn Monroe erwähnt. Das hat seinen Grund. Weil ich der Überzeugung bin, dass der Scharlatan Strasberg, der kein wirklicher Regisseur, sondern so etwas wie der Bagwan der Actors Studio Sekte ist, ihr Leben versaut hat. Sein ehemaliger Kumpel aus dem Tagen des Group Theatre und den Anfängen des Actors Studio hat über ihn gesagt: The more naïve and self-doubting the actors, the more total was Lee’s power over them. The more famous and the more successful these actors, the headier the taste of power for Lee. He found his perfect victim-devotee in Marilyn Monroe.

Wenn er ein wirklicher Pädagoge gewesen wäre, dann hätte er ihr gesagt: Baby, Du siehst gut aus, Du kannst tanzen und singen, Du kommst im Film gut an - was willst Du mehr auf der Welt? Und hätte sie wieder nach Hause geschickt, statt ihr den teuren Privatunterricht zu geben und sie in die vollständige Abhängigkeit zu treiben. Um dann nach ihrem  Tod zu sülzen: For us, Marilyn was a devoted and loyal friend – a colleague constantly reaching for perfection. We shared her pain and difficulties, and some of her joys. She was a member of our family.... It is difficult to accept the fact that her zest for life has been ended by this dreadful accident. Despite the heights and brilliance she had attained on the screen, she was planning for the future. She was looking forward to participating in the many exciting things. In her eyes, and in mine, her career was just beginning.... She had a luminous quality. A combination of wistfulness, radiance, and yearning that set her apart and made everyone wish to be part of it - to share in the childish naivete which was at once so shy and yet so vibrant.

Die Veröffentlichung von Fragments hat uns eine andere Marilyn Monroe gezeigt, ihre Briefe an Strasberg und seine Frau Paula sind Hilfeschreie des armen Monsters an seinen Dr Frankenstein. Und für die psychologisch geschulten Leser (und wer ist das heutzutage nicht) habe ich noch einen Traum von ihr, den sie in Form eines Gedichts aufgeschrieben hat. In dem sie sich vorstellt, dass Strasberg sie operiert. Und dann all ihre Probleme verschwunden sind:

Best finest surgeon—Strasberg
to cut me open which I don’t mind since Dr. H
has prepared me—given me anaesthetic
and has also diagnosed the case and
agrees with what has to be done—
an operation—to bring myself back to
life and to cure me of this terrible disease
whatever the hell it is—













Und wenn die Chirurgen ihres Traumes (Dr H ist ihre Psychiaterin Dr Margaret Hohenberg, eine Freundin von Strasberg) sie aufgeschnitten haben, finden sie NICHTS:

and there is absolutely nothing there—
Strasberg is
deeply disappointed but more even—
academically amazed
that he had made such a mistake. He
thought there was going
to be so much—more than he had ever
dreamed possible …
instead there was absolutely nothing—
devoid of
every human living feeling thing—
the only thing
that came out was so finely cut sawdust—like out of a raggedy ann doll—and the sawdust
spills
all over the floor & table and Dr. H is
puzzled
because suddenly she realizes that this is a
new type case. The patient … existing
of complete emptiness
Strasberg’s dreams & hopes for theater
are fallen.
Dr. H’s dreams and hopes for a permanent
psychiatric cure
is given up—Arthur is disappointed—
let down +


Ich lasse das mal unkommentiert so stehen und gebe Marilyn das letzte Wort. Mit einem kleinen Gedicht, das wiederum aus Fragments stammt:

on the screen of pitch blackness
comes/reappears the shapes of monsters
my most steadfast companions …
and the world is sleeping
ah peace I need you—even a
peaceful monster.


Marilyn Monroes Tapfer lieben: Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe (S. Fischer 2010), die Übersetzung von Fragments, lohnt die Lektüre unbedingt. Wenn Sie keine 24,95 € dafür ausgeben wollen, dann lesen Sie doch diesen hervorragenden ➱Essay, den Sam Kashner für Vanity Fair geschrieben hat.

Mittwoch, 16. November 2011

John Bright


John Bright wurde heute vor zweihundert Jahren geboren. Kennt man ihn noch? Wenn er sonst nichts hinterlassen haben sollte, so hat er die englische Sprache um den schönen Ausdruck flogging a dead horse bereichert. Kann man bei vielen Gelegenheiten verwenden. Wird im Augenblick in der englischen Presse gerne mit Blick auf Griechenland verwendet, in Sätzen wie The concern is, how long do you keep flogging a dead horse? How long can Greece continue to be bailed out before someone says enough? John Bright ist ein Politiker gewesen, der die Kunst der politischen Rede beherrschte wie kaum ein anderer, one of the most gifted orators that England has ever produced hat Karl Marx gesagt. Die Kunst der politischen Rede liegt ja heute bei uns etwas im Argen. Und da meine ich nicht nur Herrn Pofalla.

Vor hundert Jahren, da kannte man John Bright in England noch. Auf jeden Fall in Lancashire. Ein Gelegenheitsdichter aus Lancashire namens William Baron (der auch unter dem Pseudonym Bill-O'-Jack's Verse im regionalen Dialekt schrieb) veröffentlichte diese etwas hölzernen Verse:

John Bright

'A soul on highest mission bent,
A potent voice in Parliament,—
A figure steadfast in the storm.''
—Tennyson. 


A hundred years have winged their flight,
And left their furrows on Time's brow,
Since Rochdale's greatest son first saw the light,—
He whom we honour now. 


Sink differences of sect and creed,
And Party rancour let us shun ;
At such a time, the one thing that we need
Is perfect unison.

This feeling should predominate ;—
To pay our homage reverently,
And, with one will and purpose, celebrate
John Bright's centenary.

For 'tis our privilege to boast
That Rochdale was his native town ;
We shared in all his early struggles most,—
We share in his renown.

The people's wrongs he made his own,
Nor ever feared to take their part.
He won his way by deeds, not words alone,
Into the nation's heart.

And all the nation lauds to-day
The statesman, long since dead and gone;
Adding its tribute unto those we pay
To our illustrious son.

Time cannot dim his memory :
Secure he stands on Fame's steep height,
' Great souls are portions of Eternity '—
And great indeed was Bright!


Das Tennyson Zitat hat sich William Baron willkürlich bei Tennyson geborgt, nicht dass der diese Zeilen über John Bright geschrieben hätte. Er hat zwar über John Bright geschrieben, aber hat nicht so nette Dinge gesagt. Nicht jeder in England mag John Bright. Er war Quäker, und deshalb war er gegen den Krieg. The most belligerent of pacifists hat man ihn genannt. Er lässt sich von der britischen Großmannssucht und Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des Krimkriegs nicht anstecken: The Angel of Death has been abroad throughout the land; you may almost hear the beating of his wings. Er war ganz energisch gegen den Krimkrieg (weshalb die Engländer sich da hineinziehen lassen, nachdem sie sich gerade in Afghanistan eine blutige Nase geholt haben, bleibt sowieso rätselhaft):

And what is that cost? War in the north and south of Europe, threatening to involve every country of Europe. Many, perhaps fifty millions sterling, in the course of expenditure by this country alone, to be raised from the taxes of a people whose extrication from ignorance and poverty can only be hoped for from the continuance of peace. The disturbance of trade throughout the world, the derangement of monetary affairs, and difficulties and ruin to thousands of families. Another year of high prices of food, notwithstanding a full harvest in England, chiefly because war interferes with imports, and we have declared our principal foreign food-growers to be our enemies. The loss of human life to an enormous extent. Many thousands of our own countrymen have already perished of pestilence and in the field; and hundreds, perhaps thousands, of English families will be plunged into sorrow, as a part of the penalty to be paid for the folly of the nation and its rulers.

When the time comes for the 'inquisition for blood,' who shall answer for these things? You have read the tidings from the Crimea; you have, perhaps, shuddered at the slaughter; you remember the terrific picture,— I speak not of the battle, and the charge, and the tumultuous excitement of the conflict, but of the field after the battle—Russians, in their frenzy or their terror, shooting Englishmen who would have offered them water to quench their agony of thirst; Englishmen, in crowds, rifling the pockets of the men they had slain or wounded, taking their few shillings or roubles, and discovering among the plunder of the stiffening corpses images of the 'Virgin and the Child.' You have read this, and your imagination has followed the fearful details. This is war,—every crime which human nature can commit or imagine, every horror it can perpetrate or suffer; and this it is which our Christian Government recklessly plunges into, and which so many of our countrymen at this moment think it patriotic to applaud! You must excuse me if I cannot go with you. I will have no part in this terrible crime. My hands shall be unstained with the blood which is being shed. The necessity of maintaining themselves in office may influence an administration; delusions may mislead a people; Vattel may afford you a law and a defence; but no respect for men who form a Government, no regard I have for 'going with the stream,' and no fear of being deemed wanting in patriotism, shall influence me in favour of a policy which, in my conscience, I believe to be as criminal before God as it is destructive of the true interest of my country.


Als der Krimkrieg mit all seinem Schrecken vorbei ist, veröffentlicht Honoré Daumier diese satirische politische Zeichnung: die Herren Cobden, Bright (in der Mitte) und Sturge langweilen sich, weil sie nicht mehr gegen den Krieg wettern können. Er hat diese drei englischen Politiker noch mehrere Male künstlerisch verunglimpft. Woraus wir lernen können, dass es nichts wert ist, wenn man ein englischer Pazifist ist und vernünftige Meinungen hat, wenn man im falschen Jahrhundert lebt.

Dienstag, 15. November 2011

Jean Gabin


Am Ende von Jean Renoirs großem Film La Grande Illusion wird auf ihn geschossen. Aber er entkommt im Schnee über die Schweizer Grenze. Am Ende all der anderen großen Filme in dieser Zeit stirbt er den Filmtod. In La Bandera und Quai de Brûmes wird er erschossen, in Pépé le MokoLa Bête Humaine und Le Jour se Lève begeht er Selbstmord. Es wird schon gewitzelt, dass er eine Klausel in seinen Verträgen hat, dass er in jedem Film sterben darf. La Bête Humaine brauchte man nicht umzuschreiben, Zola sorgt da schon für die Katastrophe, aber in den meisten anderen Filmen hat Jean Gabin verlangt, dass in den Drehbüchern eine Szene ist, in der er zum Mörder wird, zum unschuldig Schuldigen - damit er zum Schluss in der letzten Szene in einer Art poetischer Gerechtigkeit schön sterben kann.

Es ist jetzt viel Tragik in den Filmen des französischen Poetischen Realismus, die den amerikanischen Film Noir vorwegnehmen. Den Begriff réalisme poétique hat der Franzose Michel Gorel in der Zeitschrift Cinemonde zum ersten Mal 1934 verwendet (er sprach von dem französischen Film allerdings auch von merveilleux social). Jean Gabin spielt hier tough und einsilbig Arbeiter oder Soldaten (beides kannte Gabin aus seinem Leben), den archetypischen Proletarier mit der Zigarette im Mund. Der durch die Verhältnisse aus der Bahn geworfen wurde, ein Opfer der Umstände ist. Und natürlich ist immer eine Frau im Spiel. Was wäre der französische Film ohne Frauen. Von der Frau erhofft sich der Held, den Gabin in den dreißiger Jahren verkörpert, immer die Rettung. Viele Männer denken ja so. Aber wir wissen natürlich, dass Frauen niemals die Rettung sind. Auf jeden Fall, wenn wir alle Jean Gabin Filme gesehen haben.

Jean Gabin, der heute vor fünfunddreißig Jahren starb, ist das Gesicht des französischen Films der dreißiger Jahre. Ein französischer Filmkritiker hat diese Zeit auch als das cinéma d'acteurs bezeichnet, weil es eine Zeit ist, in der sich einige Schauspieler durchsetzen und einen Zeitstil des Film prägen. Wir müssen dabei bedenken, dass Frankreich nicht das Starsystem von Hollywood kennt. Schauspieler sind nicht ausschließlich an ein Studio gebunden, von dem sie gnadenlos mit einem riesigen Apparat vermarktet werden. Wer es vom Stummfilm in den Tonfilm geschafft hat, kommt vom Theater oder (wie Gabin) vom Varieté. Natürlich  lernt man in Frankreich auch von Hollwood, irgendjemand hat einmal ausgerechnet, dass es von Jean Gabin in den dreißiger Jahren mehr close-ups gibt als von anderen Schauspielern. Wobei das französische close-up eher ein Medium close-up ist, kaum diese in Hollywood zum Überdruss verwendete Einstellung. Bevor ich jetzt einen Einführungskurs Filmwissenschaft gebe, sage ich mal einfach: Gabin setzt sich durch seine Präsenz auf der Leinwand durch, nicht durch die Inszenierung. Natürlich gibt es die auch: dieses Filmphoto inszeniert ihn auf die gleiche Weise, in der Hollywood die Garbo inszeniert.

In Hollywood war Gabin auch, das ist irgendwie gescheitert. Ebenso wie die Liebesgeschichte mit Marlene Dietrich. Vorher soll er eine Affäre mit Michèle Morgan gehabt haben. Ich lasse das mal beiseite. Ebenso wie seine Karriere in der Armee des Freien Frankreich, die dem ältesten Panzerkommandanten der französischen Armee das Croix de Guerre einbrachte. Einen zivilen Orden hat er später auch noch bekommen, als er Officier de la Légion d’Honneur geworden ist. Da ist er in der gleichen Gruppe wie Marlene Dietrich. Und Ulrich Wickert. Und diese Officiers sind eine Gruppe über dem Ordensträger Goethe. In dessen Rangstufe sich seit dem letzten Jahr Michael Schumacher befindet. Man mag sich diese Liste gar nicht angucken, der Orden ist nix mehr wert, spätestens seit Wowereit Commandeur de la Légion d’Honneur geworden ist. Wahrscheinlich, weil er immer ein Glas Champagner in der Hand hat.

Nach dem Krieg hat Gabin es schwer, die richtigen Rollen zu finden. Den Typ Film, in dem er der alleinige Star war, wo der melodramatische Film ganz auf ihn (und eine schöne Frau) zugeschnitten war, gibt es so nicht mehr (obgleich Regisseure wie Henri-Georges Clouzot und Yves Allegrét ein wenig von diesem Fim in die fünfziger Jahre transportieren). Da geht es Gabin ein wenig wie Hans Albers. Aber Gabin kann alles spielen. Und so finden wir ihn jetzt häufiger auf der richtigen Seite des Gesetzes, wenn er Kommissare in Trenchcoats spielt (unter anderem einen gewissen Maigret). Und alle anderen. Er kann den Clochard ebenso überzeugend spielen wie das Familienoberhaupt in Les grandes Familles. Und er kann auch mit Schauspielern einer anderen Generation zusammenspielen, wie mit Brigitte Bardot, Alain Delon oder Jean Paul Belmondo.

Attention aux roches, et surtout, attention aux mirages ! Le Yang-tsé-Kiang n'est pas un fleuve, c'est une avenue. Une avenue de 5000 km qui dégringole du Tibet pour finir dans la mer Jaune, avec des jonques et puis des sampans de chaque côté. Puis au milieu, il y a des… des tourbillons d'îles flottantes avec des orchidées hautes comme des arbres. Le Yang-tsé-Kiang, camarade, c'est des millions de mètres cubes d'or et de fleurs qui descendent vers Nankin, puis avec tout le long des villes ponton où on peut tout acheter, l'alcool de riz, les religions… les garces et l'opium… Jede zweite Nacht fährt Monsieur Albert Quentin im Traum den Jangtsekiang hinunter. Da ist er als Soldat einmal gewesen, jetzt gehört ihm das Stella in Tigreville.

Tigreville ist natürlich nicht auf der Landkarte, weil wir in einem Roman sind. Der Roman heißt Un Singe en Hiver (Ein Affe im Winter). In Wirklichkeit heißt Tigreville Villerville, und da ist man heute noch stolz, dass hier ein Teil der Dreharbeiten zu der Romanverfilmung stattgefunden hat. Monsieur Albert Quentin wird natürlich von Jean Gabin gespielt. Der junge Mann namens Gabriel Fouquet aus Paris, den es außerhalb der Saison hier an die Kanalküste verschlagen hat, wird von Jean Paul Belmondo gespielt. Er ist hier um seine Tochter zu besuchen, die hier in einem Internat ist. Er will nur ein paar Tage bleiben. Es werden Wochen werden. Er trinkt viel. Auf der Suche nach der ivresse. Dann träumt er von Spanien. In seinen Träumen ist er ein berühmter Torero. Wenn er ein Torero ist, steht er auch schon mal tagsüber auf einer Straßenkreuzung mit Autos als Stieren. Das hat der Autor des Romans, Antoine Blondin, der ein großer Trinker war, in Paris auch gerne gemacht. Wenn er betrunken war, konnte der Stotterer Blondin fließend reden. Vielleicht trinkt er auch nur, weil die Deutschen ihn im Krieg als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt haben.

Monsieur Quentin trinkt nicht mehr, seit er in den schlimmsten Stunden des Krieges seiner Frau geschworen hat, dass er damit aufhört, wenn sie beide den Krieg überleben. Jetzt lutscht er Bonbons. Aber irgendwann in der Nacht, zum Ende des Films hin, da spuckt er sein Bonbon vom Balkon auf die Straße und sagt Dinge wie: Écoute, ma bonne Suzanne, t'es une épouse modèle. Mais si, t'as que des qualités. Et physiquement, t'es restée comme je pouvais l'espérer. C'est le bonheur rangé dans une armoire. Et tu vois, même si c'était à refaire, et bien je crois que je t'épouserais de nouveau. Mais tu m'emmerdes. Tu m'emmerdes gentiment, affectueusement, avec amour ! Mais tu m'emmerdes ! Und beginnt eine geradezu epische Sauftour mit Gabriel Fouquet, an deren Ende ein Feuerwerk in der Nacht am Strand steht.

En Chine, quand les grands froids arrivent, dans toutes les rues des villes, on trouve des tas de petits singes égarés sans père ni mère. On sait pas s'ils sont venus là par curiosité ou bien par peur de l'hiver, mais comme tous les gens là-bas croient que même les singes ont une âme, ils donnent tout ce qu'ils ont pour qu'on les ramène dans leur forêt, pour qu'ils trouvent leurs habitudes, leurs amis. C'est pour ça qu'on trouve des trains pleins de petits singes qui remontent vers la jungle. Das ist die Geschichte, die Fouquet von dem Kolonialsoldaten gehört hat, und die er nun seiner Tochter erzählt. Die ihn fragt: Dis p'pa, tu crois qu'il en a vu des singes en hiver? Seine Antwort ist Je pense qu'il en a vu au moins un. Und so fährt er am Schluss mit seiner Tochter mit der Bahn in seinen Dschungel, der Paris heißt, zurück.

Un Singe en Hiver ist ein kleiner Film, von Henri Verneuil mit einem kleinen Budget gedreht.Aber der Film zeigt, dass sich Jean Gabin auch in kleinen Filmen wohlfühlt. Vor allem, weil er hier einen Drehbuchautor hat, der ihm in den Jahren zuvor immer die richtigen Rollen geschrieben hat. Denn mit Michel Audiard hatte Gabin schon in Maigret tend un piègeArchimède, le clochardLes grandes famillesLe président und Le cave se rebiffe zusammengearbeitet. Der Film wurde kommerziell ein großer Erfolg und hat immer noch den Status eines kleinen Kultfilms. Was natürlich an den Dialogen liegt, die Michel Audiard geschrieben hat, die sich an den poetischen Text des Romans halten.Der Roman ist übrigens viel besser als der Film. Ich habe den grünen Suhrkamp Band aus dem Regal geholt und ihn nach einem halben Jahrhundert noch einmal gelesen - er ist immer noch gut.