Montag, 21. April 2014

Charles Follen Adams


Das wird heute mal ein kurzer Post. Es hält sich ja hartnäckig eine Legende, dass im 18. Jahrhundert beinahe das Deutsche die Amtssprache der USA geworden wäre und bei der Abstimmung nur an einer Stimme gescheitert ist. Diese Legende hat auch einen Namen, es ist die sogenannten Muhlenberg Legende. An der Stimme des Frederick Muhlenberg soll alles gescheitert sein, the faster the Germans become Americans, the better it will be, soll er gesagt haben. Henry Kissinger hat das beherzigt, aber richtiges Englisch hat er nie gelernt.

Das Gedicht heute ist von dieser Sorte Denglisch, die wir leicht verstehen. Es stammt von Charles Follen Adams aus seiner Sammlung Yawcob Strauss, and Other Poems (➱hier im Volltext):

I haf von funny leedle poy
Vot comes schust to mine knee;
Der queerest schap, der createst rogue,
As ever you dit see.
He runs und schumps and schmashes dings
In all barts off der house:
But vot off dot? He vas mine son,
Mine leedle Yawcob Strauss.

Das geht jetzt noch einige Strophen lang so ➱weiter. Auch dieses seltsame Deutsch gibt es heute noch in den USA, es ist eine Sprache, die Pennsylvania Dutch heißt. Sie wurde in dem Post ➱America schon einmal erwähnt. Ab 1872 hat Adams, der am 21. April 1842 geboren wurde, hat seine kleinen Geschichten und Gedichte in diesem Dialekt geschrieben, er hatte großen Erfolg damit. Er war allerdings kein deutscher Einwanderer, er war ein Nachkomme des berühmten Samuel Adams (und so natürlich auch mit den beiden Präsidenten ➱Adams weitläufig verwandt). Er ist heute beinahe vergessen, die meisten Lexika amerikanischer Literatur verzeichnen  ihn nicht, Robert Spillers Literary History of the United States erwähnt ihn nicht. Ich kenne den Dichter kauziger Verse schon lange, allerdings nur, weil ein Kollege von mir mal eine Arbeit über mundartlichen Humor in der amerikanischen Literatur geschrieben hat.

Wenige Jahre, nachdem ich die ersten Leedle Yawcob Gedichte gelesen hatte, begegnete mir jedoch Adams wieder, aber diesmal in einem ganz anderen Kontext. Ich war dabei, alles über das 13th Massachusetts Regiment zu recherchieren, weil ich an einem Artikel über Florentine Ariosto Jones schrieb, den Gründer der Uhrenfabrik IWC in Schaffhausen (das Bild unten zeigt eins seiner ersten Uhrwerke, das schlicht Kaliber Jones heißt). Man weiß über Jones nicht so viel, weiß aber, dass er im Bürgerkrieg war. Vielleicht ist er einer der Soldaten auf diesem Bild seines Regimentskameraden, des Malers Henry Bacon.

Nach monatelanger Wühlarbeit in Archiven und Dokumenten (und dem Kampf mit einem vorsintflutlichen Computer) kannte ich beinahe das ganze Regiment. James Follen Adams inklusive. Als mich die IWC fragte, welches Honorar ich für den ➱Artikel haben wollte, habe ich zurückgefragt, ob sie mir soviel zahlen würde, wie das Regiment Soldaten hatte. Hat die IWC anstandslos getan. Also habe ich an Charles Follen Adams einen Schweizer Franken verdient. An jedem der anderen Soldaten des Regiments natürlich auch.


Sonntag, 20. April 2014

Ostern


Ich sah dieses tolle Bild (wir denken uns mal eben Ostereier statt der Äpfel in den Korb) im Blog, der ➱Weimar heißt. Den ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit gerne empfehle. Nicht, weil ich da in der Blogroll zu finden bin, sondern weil dies einer der interessantesten Blogs im Netz ist. Ein erstaunliches Bild, sieht auf den ersten Blick aus wie die Neue Sachlichkeit der zwanziger und dreißiger Jahre - oder vielleicht doch eher wie der Magische Realismus? Denn dies ist keine normale Apfelernte, kein déjeuner sur l’herbe. 

Der englische Kunsthistoriker Timothy Wilcox schreibt in Day in the Sun: Outdoor Pursuits in the Art of the 1930s, einem wirklich originellen Buch über die Kunst der dreißiger Jahre in England, über dieses Bild: The image of the happy courting couple receives an unexpected twist in this painting, as the girl, provocatively toying with a daisy, seems to make herself available to anyone but the boy she is with. Die ländliche Idylle trügt. Wie Frauenherzen. Wir nehmen mal an, dass der junge Mann (hier eine Aquarellversion des Bildes), im Geiste die Blätter zählt: sie liebt mich, sie liebt mich nicht.

Das Gänseblümchen, die ewige Schönheit (Bellis perennis) das hier so prononciert in der Bildmitte ist, heißt im Englischen daisy, was wahrscheinlich von day's eye kommt (bei ➱Chaucer heißt die Blume eye of the day). Es gibt zu daisy auch ein Lied, das in England im Jahre 1933, als das Bild gemalt wurde, sicher jedermann kannte. Das Lied ist schon über hundert Jahre alt, und seit mehr als einem halben Jahrhundert kenne ich es auch. Weil uns unser Englischlehrer ➱James Tröbs all diese schönen Dinge beigebracht hat, die der Engländer einmal liebte. Wie ➱P.G. Wodehouse oder The Wind in the Willows, wie ➱The ash grove how graceful, how plainly 'tis speaking oder eben ➱Daisy Bell:

Daisy, Daisy, give me your answer, do,
I'm half crazy all for the love of you.
It won't be a stylish marriage
I can't afford the carriage
But you'd look sweet upon the seat
Of a bicycle built for two


Das Lied spielt auch in dem Roman Sommer in Lesmona eine große Rolle (zu dem Buch gibt es ➱hier schon einen Post), denn diesen Schlager bringt der junge ➱Percy - in den sich die Heldin des Romans unsterblich verliebt - aus London mit. Ich hätte ja jetzt den Text des Liedes als Gedicht des Tages verkaufen können, aber es sollte an Ostern doch etwas mehr sein. Nun hatte ich das schöne, rätselhafte Bild mit dem Titel Amity von Bernard Fleetwood-Walker (dies Filmplakat von Das Gänseblümchen wird entblättert konnte ich natürlich nicht auslassen), hatte aber noch kein Ostergedicht. Ich wollte ja auch nichts nehmen, was schon jeder kennt.

Wenn ich zu Ostern anfange, Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick aufzusagen, bekomme ich bei Bekannten und Freunden sofort Redeverbot. Wofür hat man das eigentlich auswendig gelernt? Also schaute ich mich bei dem amerikanischen Dichter ➱Andrew Hudgins um, den ich ja schon häufiger zitiert habe. Und da fand ich ein ganz wunderbares Gedicht. Es heißt Princess after Princess, es steht in seinem neuesten Gedichtband, der Clown at Midnight: Poems heißt:

Bright eggs lambent in their baskets, they changed
to princesses again, surpassing now
a reverie of Easter, their satin and sateen
belilaced, enrosed, and daisey-ed among the yellow
resurrected dandelions.
                                           'Me next!
Me next' they ordered, as on my knee I bounced
each beauty, beating hoof beats on my thighs
and assuring one, two, and three they were beautiful,
until I boosted the fourth onto the tiring legs
of Uncle Horse. Gobbets of chocolate
blotted her chin and cotton violets.
Ire stiffened her overbite, and I was slow to lie.
'You didn't say I was beautiful!' she blurted.
The thunderbolt face of a sunburnt mother turned
'Of course you're beautiful!'
                                             'Tell me again!'
The frantic horse began to gallop. 'You're beautiful'.
'Again!'
              'Be You Tee Full,' I sang.
                                                      'Again.'
Hoof beats, feigned hoof beats, carried us away ---
lie, liar, and the undeceived,
abandoning the princesses to beauty.

Ich wünsche all meinen Lesern ein gesegnetes Osterfest. Mögen Sie nicht in diese Lage kommen, in der sich der Sprecher des Gedichts Princesses befindet. Oder in die des Begleiters der jungen Dame auf dem Bild von Bernard Fleetwood-Walker. Aber vielleicht sind unsere Vorahnungen da ja unberechtigt, vielleicht sieht es mit den beiden in wenigen Jahren ja so aus:

Das Bild ist natürlich auch von Bernard Fleetwood-Walker. Diesmal ist ein ein Selbstportrait des Künstlers mit seiner ersten Frau Marjorie White (Mickey) und seinen beiden Söhnen Colin und Guy in Polperro in Cornwall. Seine Frau ist wenige Jahre nach der Fertigstellung dieses Bildes gestorben. Alle Bilder des interessanten Malers Bernard Fleetwood-Walker können Sie auf ➱dieser Seite anschauen. Andrew Hudgins' Gedichtbände müssten Sie sich schon kaufen (oder Sie können auch ➱hier klicken). Wenn Sie ihn bei einem Vortrag über das Handwerk des Dichters auf der Sewanee Writers' Conference erleben wollen, klicken Sie ➱hier.

Samstag, 19. April 2014

Lord Byron


Then peace to thy spirit, my earliest Friend,
Beloved in thy life, and deplored in thine end;
Yet happy art thou to escape from the woe
Which awaits the survivors of friendship below.

I should not lament thee because thou art free
From the pangs that assail human nature and me;
Yet still I deplore thee in whom I have lost
The companion of childhood I valued the most.

Oh, if there is heaven thou surely art blest,
If death is eternal, at least then at rest.
Then away with the tears which we fruitlessly shed –
Let us mourn for the living, not weep for the dead.

Yet to think of the days we together have seen,
Of what thou now art, and of what we have been.

Ich weiß nicht so ganz, ob das Gedicht wirklich echt ist. Wenn ja, dann ist der zehnjährige Byron, der gerade den Adelstitel eines Barons geerbt hat, schon ein richtiger Dichter. Auf jeden Fall beherrscht er die Konventionen des Klagelieds. Das Gedicht findet sich auf der Seite von ➱Peter Cochran, auf dieser ➱Seite mit den frühen Gedichten von Byron sucht man es vergeblich. Doch das folgende Gedicht, das wohl 1814 entstanden ist, das ist auf jeden Fall echt. Es ist ein Abschiedsgedicht für seine Jugendliebe, die zwei Jahre ältere Mary Chaworth. Die Nachbarsfamilien Byron und Chaworth haben ein leicht gespanntes Verhältnis zueinander. 1765 hatte Byrons Großonkel (von dem er den Titel und den Besitz erbte), den Großvater von Mary in einem Duell getötet. Doch im Jahre 1803, wenn sich Byron in Mary verliebt, ist das schon beinahe vergessen:

Farewell! if ever fondest prayer
For other's weal availed on high,
Mine will not all be lost in air,
But waft thy name beyond the sky.
'Twere vain to speak, to weep, to sigh:
Oh! more than tears of blood can tell,
When wrung from guilt's expiring eye,
Are in that word - Farewell! - Farewell!

These lips are mute, these eyes are dry;
But in my breast and in my brain,
Awake the pangs that pass not by,
The thought that ne'er shall sleep again.
My soul nor deigns nor dares complain,
Though grief and passion there rebel;
I only know we loved in vain -
I only feel - Farewell! - Farewell!

Ich habe dazu auch eine deutsche Übersetzung, die von dem Bremer Otto Gildemeister stammt. Der mehrfache Bürgermeister seiner Heimatstadt ist wohl der gebildetste Bremer im 19. Jahrhundert gewesen. Er ist in diesem Blog schon mehrfach erwähnt worden, irgendwann komme ich noch mal dazu, einen längeren Post über ihn zu schreiben. Schon als Schüler hatte er damit begonnen, sich an Übersetzungen zu versuchen. Am Ende seines Lebens hatte er Shakespeares Sonette, ➱Ariosts Der rasende Roland und Dantes Göttliche Komödie übersetzt. Und dazu noch Lord Byrons Werke in sechs Bänden. Und dann gibt es noch diese wunderbaren Essays von ihm, von denen der Rütten und Loening Verlag 1991 eine Auswahl unter dem Titel Allerhand Nörgeleien herausgebracht hatte. Die Essays sind aber auch ➱hier im Projekt Gutenberg zu lesen.

Lebwohl! – wenn je inbrünstig Flehn
Für andrer Glück dort oben gilt,
Dann wird nicht ganz in Luft verwehn
Mein Seufzer, der gen Himmel schwillt,
Nicht Trän' und Wort den Jammer stillt:
Mehr als ein Auge, heiß und hohl,
Aus dem der Strom der Reue quillt,
Sagt dieses Wort – Lebwohl! – lebwohl!

Mein Aug' ist dürr, mein Mund ist still,
Im Hirn und Herzen aber steht
Die Qual auf, die nicht rasten will,
Der Schmerz, der nimmer schlafen geht,
Nicht mehr die Seele klagt und fleht;
Denn Gram und Liebe stürmen wohl,
Doch weiß sie: unser Glück verweht!
Doch fühlt sie nur – lebwohl! – lebwohl!

Lord Byron ist heute vor 190 Jahren gestorben. Von ihm ist viel geblieben. Wir haben ja nicht so viele Dichter mit einem solchen Werk. Und solch einem Leben. Er spielt ➱Cricket auf dem berühmten Cricket Ground von Lords, streift in Venedig mitternachts seinen Frackmantel nach einer durchzechten Nacht ab, springt in den Canale Grande und schwimmt nach Hause. Über den Hellespont ist er auch geschwommen, das machen ihm noch jedes Jahr hunderte nach. Man wundert sich, dass er neben all dem noch zum Dichten kommt. Byrons Werk ist leicht erreichbar, mein Lesetip wären seine Briefe und Tagebücher. Da ist er (beinahe) ganz er selbst. Und dann kann ich noch Sigrid Combüchens schönen Roman ➱Byron empfehlen.

Byron ist in diesem Blog natürlich kein Unbekannter. Wenn Sie seinen Namen in das Suchfeld eingeben, werden Sie viele Ergebnisse bekommen. Eins ist ein amerikanischer Schauspieler, der nicht nur ein Byronic hero war, sondern auch noch Byron mit Vornamen heißt. Wir kennen ihn besser unter dem Namen James Dean.

Freitag, 18. April 2014

Karfreitag














The Way of Pain

For parents, the only way
is hard. We who give life
give pain. There is no help.
Yet we who give pain
give love; by pain we learn
the extremity of love.

I read of Abraham's sacrifice
the Voice required of him,
so that he led to the altar
and the knife his only son.
The beloved life was spared
that time, but not the pain.
It was the pain that was required.

I read of Christ crucified,
the only begotten Son
sacrificed to flesh and time
and all our woe. He died
and rose, but who does not tremble
for his pain, his loneliness,
and the darkness of the sixth hour?
Unless we grieve like Mary
at His grave, giving Him up
as lost, no Easter morning comes.

And then I slept, and dreamed
the life of my only son
was required of me, and I
must bring him to the edge
of pain, not knowing why.
I woke, and yet that pain
was true. It brought his life
to the full in me. I bore him
suffering, with love like the sun,
too bright, unsparing, whole.

Als Wendell Berry, der dieses Gedicht in den achtziger Jahren schrieb, in Stanford bei Wallace Stegner studierte, hießen seine Mitstudenten Edward Abbey, Larry McMurtryErnest Gaines und Ken Kesey. Jeder von ihnen ist seinen eigenen Weg gegangen. Sie alle haben die amerikanische Kultur geprägt. Ken Kesey hat One Flew over the Cuckoo's Nest geschrieben, Edward Abbey hat für die Umwelt gekämpft und Larry McMurtry hat die unendliche Geschichte des Wilden Westens weitergeschrieben. Außer Wendell Berry ist keiner von ihnen ein christlicher Dichter geworden. Larry McMurtry und Ken Kesey haben in diesem Blog schon einen Post, Edward Abbey wird in McCool und Spätwestern erwähnt.

Der Mitstudent, der dem Dichter, Farmer und Umweltaktivisten Wendell Berry gedanklich vielleicht am nächsten steht, ist Edward Abbey. Über den hat Berry einmal gesagt: But the quality in him that I most prize, the one that removes him from the company of the writers I respect and puts him in the smaller company of the writers I love, is that he sees the gravity, the great danger, of the predicament we are now in, he tells it unswervingly, and he defends unflinchingly the heritage and the qualities that may preserve us. I read him, that is to say, for consolation, for the comfort of being told the truth. There is no longer any honest way to deny that a way of living that our leaders continue to praise is destroying all that our country is and all the best that it means. We are living even now among punishments and ruins. For those who know this, Edward Abbey's books will remain an indispensable solace. His essays, and his novels too, are"antidotes to despair." For those who think that a few more laws will enable us to go on safely as we are going, he will remain—and good for him!—a pain in the neck.

Edward Abbey hatte seine eigene Religion, die aus der Natur gewonnen war. Darin ähnelt er dem ersten Westernhelden Amerikas, James Fenimore Coopers Natty Bumppo, den wir den Lederstrumpf zu nennen pflegen. Der ist der American Adam in einem American Paradise. Ein Paradies, das Cooper, der erste ökologisch bewusste Schriftsteller Amerikas, schon bedroht sieht, als er seine Leatherstocking Novels schreibt. Wenige amerikanische Schriftsteller haben das Erbe von Cooper bewahrt. Ich weiß nicht, ob Thoreau mit seinem Buch Walden wirklich ein Erbe Coopers war.

Thoreau hat eins mit der Natur einsam im Wald gelebt, O.K:  I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived. I did not wish to live what was not life, living is so dear; nor did I wish to practice resignation, unless it was quite necessary. I wanted to live deep and suck out all the marrow of life, to live so sturdily and Spartan-like as to put to rout all that was not life, to cut a broad swath and shave close, to drive life into a corner, and reduce it to its lowest terms, and, if it proved to be mean, why then to get the whole and genuine meanness of it, and publish its meanness to the world; or if it were sublime, to know it by experience, and be able to give a true account of it in my next excursionAber es war keine echte Einsamkeit, ein Spaziergang von einer Viertelstunde brachte ihn ins nächste Dorf. Soll ich noch erwähnen, dass er mal aus Unachtsamkeit einen ganzen Wald angezündet und nicht bei den Löscharbeiten geholfen hat?

Da Wendell Berry hierzulande nicht so bekannt geworden ist, hätte ich noch ein zweites Gedicht von ihm. Es heißt A Speech to the Garden Club of America und wurde im Jahre 2009 im New Yorker veröffentlicht:

Thank you. I’m glad to know we’re friends, of course;
There are so many outcomes that are worse.
But I must add I’m sorry for getting here
By a sustained explosion through the air,
Burning the world in fact to rise much higher
Than we should go. The world may end in fire
As prophesied – our world! We speak of it
As “fuel” while we burn it in our fit
Of temporary progress, digging up
An antique dark-held luster to corrupt
The present light with smokes and smudges, poison
To outlast time and shatter comprehension.
Burning the world to live in it is wrong,
As wrong as to make war to get along
And be at peace, to falsify the land
By sciences of greed, or by demand
For food that’s fast or cheap to falsify
The body’s health and pleasure – don’t ask why.
But why not play it cool? Why not survive
By Nature’s laws that still keep us alive?
Let us enlighten, then, our earthly burdens
By going back to school, this time in gardens
That burn no hotter than the summer day.
By birth and growth, ripeness, death and decay,
By goods that blind us to all living things,
Life of our life, the garden lives and sings.
The wheel of Life, delight, the fact of wonder,
Contemporary light, work, sweat, and hunger
Bring food to table, food to cellar shelves.
A creature of the surface, like ourselves,
The garden lives by the immortal Wheel
That turns in place, year after year, to heal
It whole. Unlike our economic pyre
That draws from ancient rock a fossil fire,
An anti-life of radiance and fume
That burns as power and remains as doom,
The garden delves no deeper than its roots
And lifts no higher than its leaves and fruits.



Lesen Sie auch: Karfreitag (2010), (2011), (2012). Im letzten Jahr habe ich den Karfreitag nicht vergessen, da stand hier Kuckucksnest, und das hatte schon seinen Grund.

Donnerstag, 17. April 2014

Chris Barber


Vor einem halben Jahrhundert war er hier, das war im Mai 1959 eine Sensation. Das Cover der Schallplatte Metronome MLP 15031 zeigt einen roten englischen Doppeldeckerbus mit dem Zielort Moscow, der durch das Brandenburger Tor fährt. Die Quadriga da oben hatte man vor einem halben Jahr in einer Nacht- und Nebelaktion heruntergeholt und den Preußenadler und das Eiserne Kreuz entfernt. Dieser Militarismus verträgt sich angeblich nicht mit den Staatszielen der DDR. Vor Schinkels Neuer Wache paradieren sie aber noch jeden Tag in ihren Uniformen, die den Wehrmachtsuniformen so ähnlich sehen. Aber man kann damals noch durch das Brandenburger Tor fahren. ➱Ulbrichts Satz Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten, ist noch nicht ausgesprochen. Zu dem Konzert, das der Engländer (zu dessen Band der rote Bus gehört) in der Deutschlandhalle gibt, werden auch dreitausend DDR Bürger kommen. Ein Viertel des Publikums. So voll war die Deutschlandhalle nicht mal 14 Tage vorher, als Bubi Scholz hier boxte.

Der Engländer, von dem hier die Rede ist, heißt Chris Barber. Er wird heute achtzig Jahre alt. Happy Birthday, Chris! Er ist das Aushängeschild des Traditional Jazz, was die Engländer trad jazz oder einfach nur trad nennen. Die Rückkehr zu Dixieland und New Orleans Jazz. Auch in Deutschland entstehen jetzt solche Jazzbands, wie die Low Down Wizards von Abbi Hübner oder Addi Münsters Old Merry Tale Jazzband. Wenn sie aus Skandinavien kommen, heißen sie Papa Bue's Viking Jazzband. Aber eigentlich kommt die Bewegung aus den USA, wo George Lewis jetzt eine Renaissance feiert, und aus England. Ohne Humphrey Lyttelton (ein Mitglied des englischen Adels) wäre das vielleicht nichts geworden. Heute spielen ältere Herren mit grauen Bärten bei der Eröffnung von Baumärkten Dixieland. Damals, als es noch neu war, wurde es Zickenjazz genannt. Wer das sagte, hatte Charlie Parker im Kopf (und im Ohr) und hasste das Dixieland Revival.

Chris Barber bringt den Klarinettisten Monty Sunshine mit, Lonnie Donegan ist leider nicht mehr bei der Band, hier auf dem Bild ist er noch zusehen. Von links nach rechts: Monty Sunshine (clarinet), Tony [Lonnie] Donegan (banjo), Ken Colyer (cornet), Ron Bowden (drums), Chris Barber (trombone) und Jim Bray (bass). Dafür hat Barber jetzt Ottilie Patterson als Sängerin. Und die kann wirklich singen. Wenn sie, nachdem die Band mit dem Climax Rag richtig Stimmung in der Deutschlandhalle gemacht hat, ihr Easy, Easy Baby erstmal a cappella beginnt, hat sie das ganze Publikum für sich. Das Konzert war lange vorher ausverkauft, Chris Barber ist schon berühmt. Vier Wochen vor dem Berliner Konzert war er mit seiner Band in der amerikanischen Ed Sullivan Show aufgetreten. Live, wie man so schön sagt. Die erste britische Band, die das in Amerika geschafft hat. Auch in Berlin spielt Barber sein Ice Cream, You Scream, das fehlt in keinem Konzert, es ist sein Markenzeichen. ➱George Lewis hat es zuerst aufgenommen, und es ist sicherlich auch eine Reverenz an den großen Klarinettisten, der sich nach dem ersten Erfolg in den Roaring Twenties als Hafenarbeiter durch die Great Depression durchgeschlagen hat.

Der Jazz hat von seinem Beginn an auch die Dichter herausgefordert, selbst ➱Ezra Pound war der neuen Musik gegenüber aufgeschlossen. Aber derjenige, der wohl am besten den Rhythmus des Jazz mit der Lyrik verbunden hat, ist Langston Hughes gewesen. Und deshalb gibt es heute als Geburtstagsgruß für Chris Barber ein Gedicht von Langston Hughes.

Juke Box Love Song

I could take the Harlem night
and wrap around you,
take the neon lights and make a crown,
take the Lennox Avenue busses,
taxis, subways,
and for your love song tone their rumble down.
Take Harlem's heartbeat,
make a drumbeat,
put it on a record, let it whirl,
and while we listen to it play,
dance with you till day -
dance with you, my sweet brown Harlem girl.

Das Bild ganz oben zeigt Ottilie Patterson am Mikrophon, von Chris Barber ist rechts nur die Posaune zu sehen. Sorry, Chris.

Das stand hier schon einmal, am 17. April 2010 unter dem Titel ➱Zickenjazz. Mein Blog war ein Vierteljahr alt und wurde erstaunlicherweise schon gelesen. Damals gab es nicht einmal ein Photo von dem Geburtstagskind, ich reiche das heute mal nach. Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Ottilie Patterson steht rechts neben ihm, die ist auch schon ein paar Jahre tot. Sie sind ja beinahe alle schon tot, die Helden meiner Jugend, die Traditional Jazz spielten: Ken Colyer, Humphrey Lyttelton, Monty Sunshine, Lonnie Donegan. Aber Mr Acker Bilk lebt noch. Und da müssen wir doch mal eben ➱hier in Petite Fleur hineinhören.

Chris Barber hat heute Geburtstag. Da müssen hier natürlich Glückwünsche stehen. Und ein Gedicht. Ich könnte ja den Text von I scream, you scream, we all scream for ice cream! nehmen, aber es sollte schon etwas Schönes sein. Da nehme ich doch ein Gedicht von Raynette Eitel (die ich schon mehrmals hier vorgestellt habe):

Things That Make Me Cry

The soft percussive sound of your wings
beating on high as they head into
the blue infinity of sky…

Fizzy jazz shaken into my martini
along with the green olive
at the end of a used-up day…

Fire fading across the hearth,
my heart tick-ticking in slow time
with the flickering flames…

Old photos where the past lives on,
and youth stays in its glossy place
beside laughter and love…

Your soft breathing as you sleep
deep beneath your dreams,
while stars light your way across the night.

Und ich lege jetzt mal die alte LP aus dem Jahre 1959 auf, die da oben abgebildet ist. Kratzt und knirscht ein bisschen. Aber wie ➱Wilhelm Busch sagt: Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt Läuft die Zeit; wir laufen mit. Dafür, dass sie über fünfzig Jahre alt ist, hat sie sich gut gehalten.

Lesen Sie auch: ➱Lonnie Donegan, ➱Ingeburg Thomsen.


Dienstag, 15. April 2014

Wilhelm Busch


Wilhelm Busch wurde am 15. April 1832 geboren, diesen Tag können wir nicht auslassen, ohne hier ein Gedicht von ihm zu präsentieren. Wir verdanken ihm Weisheiten wie Dies ist ein Brauch von alters her. Wer Sorgen hat, hat auch Likör oder Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben. Was natürlich vermuten lässt, dass er Alkoholiker war. Er war auch ein starker Raucher (man kann die Tabakpfeife hier an seinem Arbeitsplatz sehen), aber sechsundsiebzig Jahre alt ist er immerhin geworden.

Ganze Generationen sind mit seinen Geschichten aufgewachsen und haben heute immer noch Wilhelm Busch Zitate parat. Nicht jeder Deutsche mochte den Zeichner und Maler. Abends Lektüre von Buschs 'Humor. Hausschatz' – eher verstimmend, notiert Thomas Mann in seinen Tagebüchern. Und sein Sohn Golo wollte dem Vater nicht nachstehen und schrieb: Die Leute genossen die Werke des nur scheinbar heiteren, unergründlich boshaften, menschenfeindlichen Humoristen mit nie versagender Freude.

Aber die Krone der Miesepetrigkeit gebührt sicher einem deutschen Schriftsteller, dessen Werk nicht unbedingt viel Humor zeigt. Ja, es ist unser Nobelpreisträger Heinrich Böll, der diagnostizierte: aber das nationale Unglück der Deutschen wollte es wohl, daß ihre Vorstellung von Humor von jemand bestimmt werden sollte, der verhängnisvollerweise Wort und Bild miteinander verband: von Wilhelm Busch. Ich halte das für ein Verhängnis. Zur Wahl stand Jean Paul, ein Humaner, der Humor hatte, gewählt aber wurde Busch, ein Inhumaner, der sich selbst illustrierte, es ist der Humor der Schadenfreude, des Hämischen, und ich zögere nicht, diesen Humor als antisemitisch zu bezeichnen, weil er antihuman ist. Es ist die Spekulation auf das widerwärtige Lachen des Spießers, dem nichts heilig ist, nichts, und der nicht einmal intelligent genug ist, zu bemerken, daß er in seinem fürchterlichen Lachen sich selbst zu einem Nichts zerlacht. Ja, was sagen wir dazu? Er hätte es mit Wilhelm Busch kürzer sagen können: Wenn mir aber was nicht lieb, Weg damit! ist mein Prinzip.

Alles, was wir über Buschs Leben müssen, hat er auf einer Seite Papier selbst gesagt: Kam in den 50er Jahren nach München. – Zeichnete im Künstlerverein Jung-München viel persönliche Karikaturen. Von 1859? an beginne ich für die »Fliegenden« Texte zu illustrieren, die mir gegeben wurden. Bald aber hatte ich eigene Einfälle. Machte auch Gedichte für das Blatt, z.B. Lumpenlieder (von W. Diez illustriert), der harte Bleistift usw. Mein Monogramm (WB) setzte ich nicht immer dabei.

Die Bilderbogen und größeren Bildergeschichten entstanden so, daß zuerst die Zeichnungen gemacht und nachträglich die Verse dazu geschrieben wurden, also umgekehrt wie beim Illustrieren. Max und Moritz, Schnurrdiburr usw. erschienen noch im Verlag von Braun & Schneider, nur gab ich inzwischen einen Bilderbogen ans »Daheim«; den Hans Huckebein, das Bad am Samstagabend an »Über Land und Meer« und die Bilderpossen (Sie gingen nicht) an den Verleger Richter. So arbeitete ich bis Ende der 60er Jahre fast nur für Braun & Schneider. Ungefähr zur Zeit der Unfehlbarkeitserklärung kam der Heilige Antonius bei Schauenburg in Lahr heraus. (Wurde angeklagt, aber freigesprochen vom Schwurgericht in Offenburg-Baden.) Von nun an erschienen alle meine Sachen, Fromme Helene usw., in der Fr. Bassermannschen Verlagsbuchhandlung. (Ausgenommen etwa ein Bilderbogen für den Kladderadatsch und einige Zeichnungen in Kunst für Alle.)

Einen Heiligen Antonius, alte Schrift, Zeichnungen etwas verändert und koloriert, Pergamenteinband, außerdem die Entwürfe zu Fromme Helene und Bilder zur Jobsiade schenkte ich an Frau Johanna Keßler in Frankfurt a/M., die auch zwei von mir modellierte Büsten in Gips, Silhouetten und einige Ölbilder von mir besitzt. Was ich ehedem sonst noch zu malen versuchte, ist im Besitz von Verwandten. – Alle Überreste aus Skizzenbüchern hab ich meiner Schwester Fanny geschenkt. – Manches ist verstreut, ich weiß nicht wohin.

Das Gedicht des Tages kommt aus dem Nachlass von Wilhelm Buch. Es hat den Titel Fink und Frosch. Die letzte Strophe ist mir die liebste, ich zitiere sie seit einem halben Jahrhundert. Passt immer.

Im Apfelbaume pfeift der Fink
Sein: pinkepink!
Ein Laubfrosch klettert mühsam nach
Bis auf des Baumes Blätterdach
Und bläht sich auf und quackt: »Ja ja!
Herr Nachbar, ick bin och noch da!«

Und wie der Vogel frisch und süß
Sein Frühlingslied erklingen ließ,
Gleich muß der Frosch in rauhen Tönen
Den Schusterbaß dazwischen dröhnen.

»Juchheija heija!« spricht der Fink.
»Fort flieg ich flink!«
Und schwingt sich in die Lüfte hoch.

»Wat!« ruft der Frosch, »Dat kann ick och!«
Macht einen ungeschickten Satz,
Fällt auf den harten Gartenplatz,
Ist platt, wie man die Kuchen backt,
Und hat für ewig ausgequackt.

Wenn einer, der mit Mühe kaum
Geklettert ist auf einen Baum,
Schon meint, daß er ein Vogel wär,
So irrt sich der.

Das ist, wenn 'Tobias Knopp' ein Epos ist, eine Tierfabel. Das ideelle und metaphorische Moment liegt in der traditionellen Tierfabel in der Vorstellung vom stellvertretenden Reden. Frosch und Vogel würden dann typische Verhaltensweisen bedeuten in einem festgelegten überschaubaren sozialen Bereich. Die Idee des Fliegenkönnens stünde der des Kriechenmüssens entgegen. Der versuchte Tausch könnte nur die Diskrepanz aufdecken. Sagt Helmut Heissenbüttel. Danke. Wäre nicht nötig gewesen. Man kann Wilhelm Busch ohne Exegeten verstehen. Das ist das Schöne an ihm.

Alle Bilder sind von Wilhelm Busch, der die alten Holländer liebte und auch ein guter Maler war. Das habe ich zum ersten Mal in Bremen bestaunt, als die Kunsthalle seine Zeichnungen und Gemälde ausstellte. 1975 gab es eine Ausstellung im Wilhelm Busch Museum, und seitdem hat es eine Vielzahl von Ausstellungen gegeben, die den Maler Wilhelm Busch (der leider den größten Teil seines Werkes vernichtete) vorstellten. Das umfangreichste Verzeichnis findet sich in Hans Georg Gmelins Buch Wilhelm Busch als Maler. Mit einem vollständigen Werkverzeichnis nach Vorarbeiten von Reinhold Behrens (425 Seiten mit zahlreichen Schwarzweiß- und Farbabbildungen). Man kann das Buch noch beim ZVAB finden.

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Sonntag, 13. April 2014

Marilyn Bowering


Die kanadische Dichterin Marilyn Bowering ist nicht mit ihrem Landsmann George Bowering verwandt, aber inzwischen ist sie in Kanada sicher schon genau so berühmt wie der kanadische Poet Laureate. Marilyn Bowering, die heute Geburtstag hat, ist in Deutschland nicht so bekannt geworden wie manche ihrer kanadischen Kolleginnen. Ich denke da an Margaret Atwood oder Aritha van Herk (mit der ich mir einmal das Büro teilte und die ➱hier schon erwähnt wurde), deren Bücher bei Rowohlt verlegt wurden.

Während Marilyn Bowerings Gedichte noch nie in Deutschland erschienen, gibt es zwei Romane von ihr in deutscher Sprache: Die Wahrheit der Welt (Visible Worlds) und Der grüne Glasstein (Cat’s Pilgrimage). Beide von deutschen Unterorganisationen (Goldmann und btb Verlag) von Random House auf den Markt gebracht. Bei der Nennung von Goldmann fällt mir nur ein, dass ich auch einmal Goldmann Autor war. Aber das war, bevor der alte Goldmann (der seine Autoren noch zu Weihnachten anrief und ihnen ein frohes Fest wünschte) starb und der Verlag verscherbelt wurde.

Machen wir doch Marilyn Bowerings Lyrik an ihrem Geburtstag ein klein wenig bekannter. Ich wollte erst das schöne ➱Gedicht Love Poem for my Daughter für den heutigen Tag nehmen, aber ich habe dann ein Gedicht gewählt, das Hotel heißt. Nach dem ersten Lesen dachte ich Wow, das soll es sein. Und für eine Illustration kam natürlich nur dieser ➱Hopper in Frage, Hopper passt immer, das ist erstaunlich.

Hotel

That was the year of hotel rooms 
Bad judgment, some salesman with a model contract 
In Prince George 
And I was all about irony: a mini-skirt 
Hair like a veil, but my home was the library 

My home was the library, not a cheap bedspread and 
Some guy with a moustache saying, 
My wife can’t understand me
I had only been curious 
In the dark, the yellow bedside lamp 
Was damp and furious: my mini-skirt fell off 
And the Vietnam vet in the next room cried: Don’t worry 
We don’t carve up chicks 
Personally

God said—it was God’s voice on the radio—in the guise of 
My school friend, Tom—a DJ— 
God or Tom—said on the radio: Please call
So I leapt up, all reasonable and not confrontational 
Not at all stoned, and I phoned 
Dear Tom, wherever you are 
I’m telling you now 
Then I ran down the hall. The policeman who stopped 
Me driving said I’d been going too slow. Oh 

There was also the year of the knife, the year of the gun 
The year when God’s voice whispered, again and again 
What are you trying to do
Kill yourself?
But this was the year of hotel rooms 
When I looked into corners nobody swept and felt 
Their pull; when I wore my hair like a pall 
And didn’t know how lovely I was at all

Das Gedicht stammt aus dem Buch Soul Mouth, das vor zwei Jahren erschien. Die Autorin stellt das Buch auch in diesem ➱Video vor. Und ich hätte hier auch eine Rezension. Die kritischen Stimmen waren gemischt. Zwar grundsätzlich lobend - kanadische Dichter loben einander immer - aber doch ein wenig krittelnd. Do ut des. Das bekannte Tauschgeschäft läuft auch unter dem Namen Freundschaft, heißt es in ➱Harald Hartungs Der Tag vor dem Abend. Es gibt erstaunlich viele Dichter in Kanada, viele von ihnen sind auch gleichzeitig Literaturkritiker. Da bleibt es nicht aus, dass man sich untereinander die Bälle zuschiebt. Das Bild oben zeigt die kanadische Dichterin Jan Conn (die zugleich auch Wissenschaftlerin ist, Gottfried Benn hätte seine Freude daran), die vor Jahren einen mit 10.000 $ dotierten Preis für das Gedicht Golden erhielt. Weil Marilyn Bowering dafür ➱stimmte. Ich habe schon bessere Gedichte gelesen, für die der Autor keine 10.000 Dollar erhalten hat. ➱Edgar Allan Poe hat 15 $ für The Raven bekommen.

Aber sei es, wie es sei. Ich will nicht den Fehler von Hans-Jürgen Heise begehen, der der Gruppe 47 mafiaähnliche Strukturen vorwarf. Er hatte ja so  recht, aber man sollte es nicht sagen. Blogger sind freie Menschen, sie dürfen sagen, was sie wollen. Sie sind subjektiv und deshalb objektiv. Und so kann ich Dichter wie ➱Andrew Hudgins, ➱Red Shuttleworth oder ➱C.K. Stead über den grünen Klee loben. Das mache ich aus Überzeugung. Ich könnte an manchen Gedichten von Marilyn Bowering herummäkeln, wie das Jeffrey Weingarten ➱hier nicht zu Unrecht tut. Und dennoch, vieles von ihr ist einfach Wow! Wie das Gedicht Hotel. Oder Zeilen wie diese:

In the night, when the sky holes open
and flights of crows dismember the planets -
when everyone is gone -
I know what death is