Donnerstag, 15. März 2018

Einfuhrzölle


Ein junger amerikanischer Uhrmacher steht am Anfang seiner Karriere, da kommt der Bürgerkrieg. Als guter Patriot meldet er sich freiwillig und tritt in ein Bostoner Infanterieregiment ein. Er könnte dieser Mann sein, weil der auf dem vor kurzem entdeckten ↝Photo stolz seine Uhr in der Hand hält. Aber er ist nicht der einzige Uhrmacher im Regiment, man merkt, dass Boston die Metropole der amerikanischen Uhrmacherei ist. Unser Uhrmacher, nennen wir ihn ↝Jones, überlebt den Krieg und geht danach zu der Uhrenfirma von ↝Edward Howard.

Die stellt hervorragende Uhren her. Der Kapitän Charles Dwight Sigsbee von der ↝USS Maine hatte eine besessen, die mit dem Schiff bei der Explosion im Hafen von Havanna unterging. Als ihm der Taucher seine Uhr am nächsten Tag wiederbringt, spült Sigsbee sie mit kaltem Wasser aus und gießt anschließend Öl hinein. Und schickt sie zur Firma Howard. Er weiß das alles, weil er schon mehrfach mit seiner Taschenuhr über Bord gegangen ist. Wo immer heute seine Uhr ist, sie wird wahrscheinlich immer noch gehen.

Unserem Mr Jones wird es nach einigen Jahren bei Howard zu langweilig, obgleich er da die schöne Positition eines superintendent hat. Er wechselt zu George P. Reed in Boston, der auf dem Gebiet von Erfindungen und Innovationen der führende Mann in Amerika ist. Dies hier ist eine seiner Uhren, ein Chronometer, in dem alles steckt. Auch die Firma von Edward Howard wird Erfindungen von Reed in ihre Uhren einbauen und das auf der Platine mit Reed's Patent kennzeichnen.

Mr Jones, dem seine Eltern die exotischen Vornamen Florentine Ariosto gegeben haben, reicht es nicht, bei den besten amerikanischen Uhrenfabriken zu arbeiten. Er träumt von einer eigenen Uhrenfabrik. In Amerika kann er die nicht bekommen. Bei dem Boom der Uhrenindustrie findet er keine Uhrmacher mehr. Die Jahre nach dem Bürgerkrieg, von Mark Twain etwas ironisch als Gilded Age bezeichnet, sind die Goldgräberzeit der amerikanischen Uhrenindustrie. Jones lässt sich auf ein neues - vielleicht typisch amerikanisches - Abenteuer ein: die Gründung einer amerikanischen Uhrenfabrik außerhalb Amerikas. In einem Billiglohnland, wo man es versteht, Uhren zu bauen. Der Schweiz. Wo man schon massenhaft amerikanische Taschenuhren fälscht, dies hier ist eine davon. Auch wenn Sie nichts von Uhren verstehen, können Sie sehen, dass dies hier mit der Qualität von Howard und Reed nichts zu tun hat, da kann man auf die Platine schreiben, was man will.

Noch ein zweiter Amerikaner geht in die Schweiz, es ist Aaron Lufkin Dennison, den man den Vater der amerikanischen Uhrenindustrie nennt. Er will hier keine Uhren herstellen lassen, sondern nur Teile des Werks. Die Uhren werden dann in Boston bei der Firma Tremont zusammengebaut. Das Prinzip wird später die amerikanische Firma ↝Gruen übernehmen, die ihre Werke in der Schweiz bauen lässt. Man nimmt an, dass Aaron Dennison dem jungen Jones beim Aufbau seiner Fabrik behilflich gewesen ist. Er wird allerdings bald die Schweiz verlassen und in England die bedeutendste Firma für Uhrengehäuse aufbauen.

Aller guten Dinge sind drei, es gibt da noch einen Amerikaner, den es nach dem Bürgerkrieg in die Schweiz zieht. Er heißt Albert H. Potter, ich habe ihn schon in dem Post ↝Charles Fasoldt erwähnt. Er wird in Genf die qualitativ hochwertigsten und ästhetisch schönsten Uhrwerke bauen, amerikanische Uhrmacherkunst made in Switzerland. Die Firma, die Florentine Ariosto Jones gründet, wird eines Tages auch ein Uhrwerk bauen (Kaliber 71), das Ähnlichkeiten mit diesem Werk hat. Erstaunlicherweise macht Potter aber noch etwas ganz anderes.

Er wird Billiguhren unter den Markennamen Charmilles oder Charmilles Genève produzieren, die eine erstaunliche Konstruktion haben: Gehäuseboden und Basisplatine sind aus einem Stück. Potter hatte erkannt, dass der Markt nach preiswerten Taschenuhren lechzt. Jeder will jetzt eine Taschenuhr besitzen. Potter sagte über seine Uhr: the best watch you can buy for $ 4.00, vielleicht war sie das. Und vielleicht war sie sogar den billigen Dollaruhren in den USA überlegen, die jetzt in Amerika massenhaft hergestellt werden. Auch Mark Twain wird Geld in eine ↝Uhrenfabrik investieren. Er wird viel Ärger damit haben.

Was Dennison und Potter machen, damit will Jones nichts zu tun haben, er will Uhren von erstklassiger Qualität bauen. Hier haben wir eins seiner ersten Uhrwerke, das sich qualitativ leicht mit den Werken von Lange & Söhne messen kann. Die Gründung einer amerikanischen Uhrenfabrik in der Schweiz ist eine schöne Idee, die Sache hat nur einen kleinen Haken. Und das sind die Einfuhrzölle, die die USA während des Bürgerkrieges erhoben haben. Jones glaubt daran, dass die nach dem Krieg wegfallen werden. Sonderbarer Schwärmer, würden wir sagen. Wann verzichtet der Staat darauf, seine Bürger zu schröpfen? Die Sektsteuer wurde für die Schlachtschiffe von Wilhelm II erfunden, wir haben sie heute immer noch. Die USA denken gar nicht daran, die Einfuhrzölle aufzuheben.

Jones wird seine Firma in Schaffhausen International Watch Company nennen. 1869 gegründet, 1875 Konkurs. Einfuhrzölle. ↝Florentine Ariosto Jones reist (flieht?) zurück in die USA, handelt mit Uhren, bekommt eine Vielzahl von Patenten und ist danach für die American Steam Appliance Company in Sudbury bei Boston tätig. Die Firma, die er in Schaffhausen gegründet hat, existiert noch heute. Ihre ↝Uhrwerke für Taschenuhren haben einen legendären Ruf.

Drei Amerikaner, drei Geschichten. Schon früh im Jahrhundert hatte Dennison das System von ↝Eli Whitney auf den Bau von Großuhren angewandt, am Ende des Jahrhunderts bauen die Amerikaner bessere ↝Taschenuhren als die Schweizer. Heute bauen sie keine mehr. Ich hätte ja gerne eine Taschenuhr mit dem Kaliber Jones oder eine mit diesem seltenen Kaliber 71, das auch als Fischschwanz Kaliber bezeichnet wird und dem Potter Kaliber oben ein wenig ähnelt. Doch so etwas ist leider nicht mehr zu bekommen. Meine IWC Taschenuhr hat das Kaliber 52. Sie ist über hundert Jahre alt und geht immer noch genau.


Wenn Sie wissen wollen, wie der Bürgerkrieg für Florentine Ariosto Jones ausgesehen hat, sollten Sie diesen ↝Post lesen. Das ist einer der ganz wenigen Posts, der nicht original für diesen Blog geschrieben wurde. Der Artikel ist vor Jahren in leicht veränderter Form in der Firmenzeitschrift der International Watch Company Schaffhausen erschienen. Es steckt viel Recherche in dem Artikel, die IWC hat das damals freundlicherweise mit einem schönen Scheck honoriert.

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