Dienstag, 4. Mai 2021

Die schöne Magelone


Der Poetry Month ist vorbei, aber Gedichte bleiben. Die Leser sind auch alle geblieben, das war vor elf Jahren noch anders. Beinahe 45.000 Leser hatte ich im April, es gab viel zu entdecken. Mein Lieblingsgedicht war Robert Penn Warrens True Love, aber das war nicht das Lieblingsgedicht der Leser. Die lasen in großen Zahlen Horrorfilm, ein Gedicht, bei dem kein Verfasser erwähnt wurde. Sie haben aber wohl alle geahnt, dass ich der Verfasser war. Allerdings kam Horrorfilm nur auf Platz zwei, der Sieger in der Leserstatistik war zu meiner großen Überraschung der Post über die Barockliteratur.

Der Dichter Wilhelm Lehmann hat heute Geburtstag, und den feiern wir mal eben mit dem Gedicht In Solothurn. Die schöne Magelone, die hier angesprochen wird, ist die Heldin eines Prosaromans aus dem 15. Jahrhundert, der über die Jahrhunderte immer wieder neu erzählt worden ist. Sie können ihn hier in der Version von Ludwig Tieck lesen. Oder eine Stunde lang Dietrich Fischer-Dieskau zuhören, wie er Die schöne Magelone von Brahms singt. Lehmann liebt es, in seinen Gedichten Liebespaare aus Sage und Epik unterzubringen. So haben wir neben der Königstochter Magelone und Peter von Provence in anderen Gedichten noch die Erwähnung von Merlin und Viviane, Parzival und Kondwiramur, Sigune und Schionatulander und Tristan und Isolde. Wie gegenwärtig sind doch Parzival, Kondwiramur, Merlin, wenn sie in Wilhelm Lehmanns ... Gedichten erscheinen, schrieb Günter Eich 1948.

Wilhelm Lehmann schrieb das Gedicht In Solothurn im Sommer 1948. Er hatte jetzt Zeit zu reisen, er war im Vorjahr pensioniert worden, und so nahm er die Einladung von Hermann Hesse in die Schweiz gerne an. Hesse hatte seine Einladung mit Sätzen wie Der in Eckernförde lebende deutsche Lyriker Wilhelm Lehmann gehört nach meinem Urteil zu den nicht häufigen echt dichterischen und echt lyrischen Begabungen in der heutigen deutschen Literatur begleitet. Lehmann notierte damals in seinem Tagebuch: 

30. August 1948. Der letzte Tag im Lande Jeremias Gotthelfs. Es bezeugt die Macht der Dichtung, 'daß uns die Häuser und Bäume auf dem Schauplatz seines Lebens mehr als andere Häuser und Bäume ergreifen'. Ein sanfter Wind lockert den warmen Augustnachmittag, Die Zweige der Weinreben schwingen sacht. Das seitliche Fenster des Gartenpavillons bekleiden mit grünem Licht die Blätter der Osterluzei. Sie drängt einen Stengel durch den Fensterrahmen zu dem altmodischen Stahlstich an der Wand, der einen zusammengesunkenen Alten zeigt, wie er dem Klavierspiel eines jungen Mädchens lauscht in der 'Wonne der Wehmut'. Darunter steht: Les Exilés (Un Air national). Um mein Glas Most schwirren Wespen. Die südliche Tür des Pavillons führt in den Bauerngarten, in dem Basilikum, Bohnenkraut, Thymian ihre Düfte brauen. An der heißen Planke hängt ein Pfirsich von der Art, die man Venusbrust nennt, Die blauen Dolden der Agapanthe, der Liebesblume, als Knospen unter den Riemenblättern verborgen bei meiner Ankunft, blühen jetzt zum Abschiede. In der Märchenstadt Solothurn führt eine großartige, von zwei köstlichen Brunnen flankierte Freitreppe zu der barock-klassizistischen Ursenkathedrale. Den Jurastein, aus dem sie gebaut ist, verwandelt das brennende Mittagslicht in weißen Marmor. Die Brunnen spielen wie in den Versen Eichendorffs. Am Hotel de la Couronne am Fuße der Kathedrale mit vergoldeten Balkongittern, fährt der Reisewagen aus dem 'Taugenichts' vor, und ihm entsteigt die schöne Magelone. Ich strich durch den Sommerfrieden. Unter den Bäumen saßen Menschen und schauten ins Land oder lasen. Eine Schulklasse zeichnete eine efeubewachsene Mauer und trieb Possen hinter dem Rücken des Lehrers...

Eine Dame steigt vor dem vornehmen Hotel de la Couronne aus einem Auto, der Dichter macht sie in der Phantasie zur Magelone, und reimt das etwas prosaisch auf Balkone. Aber das ist schon genial, wie aus dem Prosatext des Tagebuchs eine Art Sonett wird, wie aus dem Satz Am Hotel de la Couronne am Fuße der Kathedrale mit vergoldeten Balkongittern, fährt der Reisewagen aus dem 'Taugenichts' vor, und ihm entsteigt die schöne Magelone das Gedicht entsteht:

In Solothurn

Vor hundert Jahren suchte ich die schöne Magelone.
Sie liebte mich, ich war ihr gut genug.
Vor hundert Jahren, als mein Fuß mich schwebend trug.

Ich bin in Solothurn. Frag ich, ob sie hier wohne?
Die weiße Kathedrale fleht den Sommerhimmel an. 
Auf hoher Treppe sitze ich, ein junggeglühter Mann.
Die alten Brunnenheiligen stehn schlank;
Die Wasser rauschen, Eichendorff zum Dank.

Hotel de la Couronne. Mit goldnen Gittern schweifen die Balkone. 
Ein Auto hielt. War sie's, die in den Sitz sich schwang?
Adieu! Dein Reiseschal des Windes Fang.

Die Brunnen rauschen. Ihre Stimme spricht 
Uns hundert Jahre wieder ins Gedicht: 
Mich, Peter von Provence, dich, Magelone.


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