Freitag, 23. September 2011

Herbst


Jetzt ist es offiziell, es ist Herbst. Der Schatten liegt schon auf den Sonnenuhren, und die Winde auf den Fluren sind längst losgelassen. Dass der Sommer zu Ende ist, wissen wir hier oben schon etwas länger, wir hatten nämlich keinen. Und die schönen Sommerhosen habe ich im Schrank schon weit nach hinten gepackt und die ➱Cordhosen nach vorne geholt. Es heißt Abschied nehmen von den italienischen Baumwolljacketts, her mit den Tweedjacketts. In Kiel gab es sogar am Wochenende einen Tweed Run, wo sich Leute in Tweedklamotten auf Fahrrädern durch die Stadt bewegten. Das Ergebnis können Sie hier sehen.

Der ➱Oberbürgermeister Albig war auch dabei. Auf einem geliehenen Fahrrad. Der weiß schon, weshalb er kein Fahrrad besitzt. Weil die in dieser Stadt nur geklaut werden. Mir sind hier in vier Jahrzehnten vier Fahrräder geklaut worden. Ich überlege mir jetzt, ob ich mir eins kaufen oder eins klauen soll. Sie können daraus schließen, dass ich nicht am Tweed Run teilgenommen habe. An den Tweedklamotten hätte es nicht gefehlt, nur am Drahtesel. Ich hätte natürlich dem Oberbürger sein Fahrrad klauen können. Da hätte er dann zum ersten Mal gesehen, was die wirklichen Probleme dieser Stadt sind.

Diese Tweed Runs greifen ja seit einigen Jahren weltweit um sich. In Oldenburg in Niedersachsen gab es letztens auch schon einen. Stecken die Hersteller von Tweedjacketts dahinter oder die Fahrradindustrie? Nach unbestätigten Gerüchten soll die englische Sattelfirma Brooks zu den Sponsoren des ersten Londoner Tweed Run gehört haben. Die Kieler Wirtschaft wurde am Wochenende nur marginal belebt, bei Kelly's wurden ein paar Tweedjacketts mehr als sonst verkauft. Bei dem Second Hand Laden Weltgewand wurde das Angebot nach stilechter Kleidung durchsucht. Und in dem Fahrradgeschäft mit dem ausgefallenen Angebot, Bahne's Radsonne, war man auch nicht unzufrieden.

Aber Tweed Run hin oder her, heute ist der Beginn des astronomischen Herbstes und der Tag des Herbst-Equinoktiums. Der Sommer kommt nicht mehr zurück, so sehr wir uns das wünschen. Es ist immer das gleiche. Viele Dinge kommen nicht mehr zurück. Die Vergangenheit, unsere Jugend, manche Frauen, viele Kugelschreiber. Wir müssen uns stilvoll vom Sommer verabschieden, und das geht natürlich nur mit einem Gedicht. Ich könnte natürlich das von Rilke nehmen, das früher bei Germanisten das BHW Gedicht hieß. Beamtenheimstättenwerk wegen der Zeile wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Aber das Gedicht Herbsttag kennt ja jeder. Und wer es nicht kennt, kann es hier nachlesen. Ich mag zwar Rilke nicht besonders, aber dieses Gedicht kenne ich, ich kann es sogar auswendig. Aber heute wollen wir nichts haben, wo Herbst drüber steht, wie dies hier:

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.

Nein, wir wollen noch einmal den Sommer. Oder die Erinnerung daran. Also nehme ich mal ➱Wilhelm Lehmann, wer kennt den heute noch? Außer natürlich meine Lesern, die ich schon ein halbes Dutzend mal an Deutschland bedeutendsten Naturdichter des 20. Jahrhunderts erinnert habe. Das Gedicht heißt Fahrt über den Plöner See:

Es schieben sich wie Traumkulissen
Bauminseln stets erneut vorbei,
Als ob ein blaues Fest uns rufe,
Die Landschaft eine Bühne sei.

Sich wandelnd mit des Bootes Gleiten
Erfrischt den Blick Laub, Schilf und See:
Hier könnte Händels Oper Spielen,
Vielleicht Acis und Galathee.

Die Finger schleifen durch die Wasser,
Ein Gurgeln quillt um Bordes Wand,
Die Ufer ziehn wie Melodieen,
Und meine sucht nach deiner Hand.

Wenn alle nun das Schifflein räumen,
Wir endigen noch nicht das Spiel.
Fährmann, die runde Fahrt noch einmal!
Sie selbst, ihr Ende nicht, das Ziel.

Es schieben sich wie Traumkulissen
Bauminseln stets erneut vorbei,
Als ob ein blaues Fest uns rufe,
Die Landschaft ein Bühne sei.

Sich wandelnd mit des Bootes Gleiten
Erfrischt den Blick Laub, Schilf und See:
Wir dürfen Händels Oper hören,
Man gibt Acis und Galathee.

Wir sehen, was wir hören, fühlen,
Die Ufer sind die Melodien;
Bei ihrem Nahen, ihrem Schwinden,
Wie gern mag uns das Schifflein ziehn!

Dort schwimmt bebuscht die Prinzeninsel,
Hier steigt die Kirche von Bosau -
Wir fahren durch den Schreck der Zeiten,
Beisammen noch, geliebte Frau.

Heißt solcher Übermut vermessen?
Rächt sich am Traum der harte Tag?
Muss seine Eifersucht uns treffen,
Wie den Acis des Riesen Schlag?

Die Götter sind nicht liebeleer -
Was ihr den beiden tatet, tut!
Die Nymphe flüchtete ins Meer,
Acis zerrann zu Bachesflut.


Wunderschön, mit leichter Hand dahingetupft, ein wenig romantisch mit klassischen Anspielungen, eine Idylle. Aber keine Idylle ohne Gefährdung, et in Arcadia ego. Das Gedicht ist im August 1940 geschrieben, man merkt es ihm beinahe nicht an. Nur aus den Zeilen Wir fahren durch den Schreck der Zeiten, Beisammen noch, geliebte Frau könnte man die Gefährdung des Lebens herauslesen. In den Tagebüchern von 1940 herrscht dagegen ein anderer Ton vor: Ich schickte ihr [Frieda Lehmann] heute morgen das an sie gerichtete Gedicht »Fahrt über den Plöner See« [...]. Jeden Abend diese Radiomeldungen - und wir leben noch? Es ist nicht mehr zu ertragen. Sie haben Weimar bombardiert [...] Es ist November. Das Herz kann kaum noch.

Fünf Verlage hatten Der grüne Gott (aus dem Fahrt über den Plöner See stammt) abgelehnt. Lambert Schneider, der aufrecht durch das so genannte Dritte Reich gegangen ist, hat den Gedichtband ge
druckt. Teile der ersten Auflage von zweitausend Exemplaren sind bei Bombenangriffen in Leipzig verbrannt. Wenige werden 1942 die Gedichte gelesen haben, von denen viele, bei aller schon beinahe verzweifelten schwärmerischen Hinwendung zur Natur, doch einen leisen Subtext haben. Und manchmal ist der Krieg plötzlich da in all der Natur, wie in den Gedichten Signale oder An meinen jüngeren Sohn. Der Mann, der hier über Grasmücke, Goldammer, Löwenzahn und Wiesenschmätzer schreibt, weiß, was außerhalb der Dichtung geschieht, er ist nicht blind. Und so springt er in dem Gedicht Auf sommerlichem Friedhof (1944), das seinem Freund Oskar Loerke in memoriam gewidmet ist, plötzlich von der beinahe idyllischen Beschreibung des Grabes von Loerke mit Fliegenschnäpper und blauem Eisenhut zu etwas völlig Unvermutetem:

Sirene heult, Geschützmaul bellt.
Sie morden sich: es ist die Welt.
Komm nicht! Komm nicht! Laß mich allein,
Der Erdentag lädt nicht mehr ein.
Ins Qualenlose flohest du,
O Grab, halt deine Tür fest zu!

Die schöne Fahrt über den Plöner See, der schöne Sommertag, jetzt haben wir einen Schatten auf sie geworfen. Aber alle Schönheit ist vergänglich, das wussten schon unsere Barockdichter. Die Fahrt über den Plöner See ist die Konstruktion des Schönen aus dem Schrecklichen; es wäre unsinnig, vergessen zu wollen, was unter der Oberfläche der Kitschpostkarte ist. Denn vergessen will der Dichter selbst nicht, wenn er 1948 in Das Wagnis schreibt:

Und schreckt euch nicht, was hier geschehn? 
Ich stolpre über Flakstandrest.
Brüllt sein Geschütz und taubt mein Ohr?
Kohlweißling schläft im stummen Rohr -
So mag sein weißes Segel wehn!
Ihr wagt euch wieder, ihr vergeßt.

Der Plöner See mit seiner Prinzeninsel ist noch da, wo er sein soll. Wenn ich der Webcam des Segelvereins trauen darf, ist der Himmel da so milchig mau wie hier. Ja, es ist Herbst. Die Große Plöner See-Rundfahrt hat ihren Fahrplan schon etwas ausgedünnt, aber bis zum 3. Oktober fahren die Schiffe noch. Die Fahrt nach Bosau (zu der man auf der Prinzeninsel umsteigen konnte) ist aber seit einer Woche zu Ende. Und da wir den Ort gerade erwähnt haben, man betont ihn natürlich nicht auf der zweiten Silbe, das tut nur der Dichter unter dem Zwang des Versmaßes.


Kommentare:

  1. Endlich mal jemand, der Rilke auch nicht mag. Vielen Dank. Der Ausdruck "BHW-Gedicht" war mir neu, auch dafür vielen Dank, das passt ja wirklich sehr gut.

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  2. Bei der Bemerkung zu Rilke habe ich selbstredend reflexhaft die Stirn gerunzelt, aber dies beiseite gelassen - die "Fahrt über den Plöner See" ist in der Tat ein wunderbares Gedicht, vielen Dank für den Hinweis.

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