Sonntag, 25. September 2011

Marion Zimmer Bradley


Die hatte ich vollständig vergessen. Dabei ist sie erst vor zwölf Jahren gestorben. Aber vor dreißig Jahren hatte sie ihre große Zeit. Weil sie die Artus-Geschichte wieder recycelt hatte. Diesmal aus der Sicht einer Frau, das galt als ganz große Leistung. Aber worin sollte die Leistung liegen? Hatte man Rosemary Sutcliff schon völlig vergessen? Verändert sich die Welt von Camelot, wenn sie nicht von T.H. White erzählt wird? Aber alle Feministinnen - auch eine neue Erscheinung der damaligen Zeit - fuhren voll auf Marion Zimmer Bradley ab. Da durfte man kein böses Wort sagen. Irgendwann wurde es aber auch den letzten (und der letzten) klar, dass es hier keine Erneuerung der Welt von Camelot und des Artusromans aus weiblicher Perspektive gab, sondern dass hier schlicht und einfach eine amerikanische Bestsellerautorin ein altes Strickmuster neu entdeckt hatte, um viel, viel Geld zu machen.

Hollywood hatte das Thema Camelot auch damals entdeckt, die Zauberformel des telling it again and again besitzen nicht nur Schriftsteller. Zur Zeit von Kennedy, dessen Hofhaltung damals auch als Camelot on the Potomac bezeichnet wurde, hatte man den Stoff als Musical präsentiert. Aber wenig später hatte Richard Lester mit Robin and Marian schon liebevoll ironisch Abschied von dieser Märchenwelt genommen hatte. Was für Sean Connery, den Robin Hood im Rentenalter lediglich der Start für eine neue Karriere in einem neuen Genre war: Highlander, Robin Hood: Prince of Thieves sollten noch kommen. Und dann der letzte Schrott namens Der Erste Ritter.

Zwei Jahre vor The Mists of Avalon kam John Boormans Excalibur in die Kinos. Blechrüstungen und brachiale Taten in Breitwand, viel Blut, manche schöne Bilder. It tries overhard to be simultaneously critical and credulous, magical and earthy, inspiring and entertaining, urteilte damals die Sunday Times. Und dann kamen dreißig Jahre nur noch Filme, die alles von Camelot bis Sherwood Forest verwursteten. Sogar vor dem altenglischen Beowulfslied machte Hollywood nicht Halt und offerierte den Kinozuschauern Der 13te Krieger und Beowulf, beides in einem Jahr. Ich weiß nicht, ob die Verkaufszahlen des altenglischen Beowulf daraufhin gestiegen sind (beide Filme waren übrigens ein Flop), aber wenn ich die Sprache nicht schon beherrschte, würde ich lieber noch einmal Altenglisch lernen, als mir einen dieser Filme noch einmal anzusehen. Wenn man die neunziger Jahre mit zwei Robin Hood Verfilmungen (John Irvin und Kevin  Reynolds) begonnen hat, dann muss man sie auch mit zwei Beowulf Verfilmungen beenden. Das ist nur logisch.

Was die Engländer Arthurian Romance nennen, gehört im Mittelalter zum Größten, was die europäische Literatur hervorbringt, von Chrétien de Troyes bis Gottfried von Straßburg, Hartmann von Aue bis Wolfram von Eschenbach. Aber offensichtlich endet das Ganze nicht Jahrhunderte später mit Le Morte Darthur von Sir Thomas Malory. Gut, es gibt einige Jahrhunderte Pause, aber das 19. Jahrhundert öffnet dann wieder mit Sir Walter Scott und Alfred Lord Tennyson die alte Schatztruhe. Oder sollte man sagen: den Giftschrank? Und es hat ja auch nichts genützt, dass Mark Twain in A Connecticut Yankee in King Arthur's Court (oder diesem wunderbaren ➱Zeitungsartikel) das Ganze lächerlich gemacht hat.

Was Hollywood nicht davon abhielt, A Connecticut Yankee in King Arthur's Court dreimal (1920, 1931 und 1949) zu verfilmen, bevor sich Whoopi Goldberg darüber hermachte. Die Sache mit den Rittern und der Tafelrunde ist schon ein zählebiger Stoff. Sie kann sich in die Disney Studios verirren, in die Comics abwandern (Hal Fosters Prince Valiant) und unbeschadet aus ihnen nach Hollywood zurückkehren. Europas Antwort, Monty Python and the Holy Grail einmal ausgenommen, waren zwei seltsame französische Filme, Bressons Lancelot du Lac und Rohmers Perceval le Gallois, die beide keine Kassenerfolge waren. Im Gegensatz zu Boormans Excalibur, der stilbildend für eine ganze Generation von sword & sorcery Filmen war und eine Tsunamiwelle von neuen Artusfilmen bewirkte. Goethes kleines Gedicht, in dem er bewundert, dass Amerika keine verfallenen Schlösser hat und im Innern zu lebendiger Zeit nicht durch unnützes Erinnern und vergeblichen Streit gestört wird, ist ja ganz nett. Aber die Amerikaner wollen offensichtlich unnützes Erinnern und Ritter in Weißblech. Oder wollen es dem Rest der Welt verkaufen. Man kann diese Geschichten ja immer wieder erzählen, weil sie (wie Rosemary Sutcliff sagte) Geschichten for children of all ages from eight to eighty-eight sind.

Die Grabbelkästen von Buchhandlungen und Modernen Antiquariaten sind soll von Ritterromanen von Autoren, von denen ich noch nie gehört habe. Lassen Sie die Romane da liegen, selbst wenn sie Die Nebel von Avalon heißen. Kehren wir zurück zu den wirklichen Quellen. Mein Lesetip wäre das Mabinogion. Gibt es auch im ➱Internet, aber das ist nichts gegen die gute alte Buchform. Und über den Rest der Artusepik (oben der Anfang von Wolframs Parzifal), die wirklich lesenswerte Literatur, reden wir ein andermal.

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