Montag, 26. September 2011

(Sir) Anthony Blunt


Was wird aus Spionen, die keiner mehr braucht? Weil sie längst enttarnt sind und gar nicht mehr spionieren? Sie sitzen in Moskau in irgendeinem Plattenbau und saufen sich zu Tode. Oder sie gehen in London ordentlich ihrer Arbeit nach und verwalten die ➱Kunstschätze der Königin. Und Alan Bennett, der ein Herz für solche Existenzen hat, schreibt sie in ein Theaterstück. Und dann kommt John Schlesinger und nimmt diese beiden Theaterstücke als Basis (und Bennett schreibt ihm auch noch die Drehbücher), um An Englishman Abroad und A Question of Attribution für die BBC zu drehen. Und so werden Guy Burgess und Sir Anthony Blunt (auf diesem Filmphoto von James Fox gespielt) noch zu literarischen Figuren und Teilen der Filmgeschichte.

Anthony Blunt wurde heute vor 104 Jahren geboren. Sein Ruhm als Kunsthistoriker ist ihm geblieben, alles, was er an weltlichen Ehrungen bekommen hat, hat man ihm wieder weggenommen. Aus der Royal Academy trat er 1980 aus. Mit ihm trat der berühmte Historiker A.J.P. Taylor aus der Royal Academy aus, weil er die Hexenjagd schlichtweg unerträglich fand. Denn Blunts Rolle als "Spion" war verglichen mit der von Guy Burgess eigentlich marginal, er war niemals im Besitz wirklicher Staatsgeheimnisse; und die Russen, denen er Material zuspielte, waren damals nicht der Feind Englands sondern ihr Verbündeter. Die Königin hat ihm den Rittertitel entzogen, das geschieht selten. Und das war nicht so ein einfacher OBE, immerhin hatte sie ihn zum Knight Commander des Royal Victorian Order gemacht. Es war eigentlich ein wenig albern, ihm den Titel damals wegzunehmen, denn die Königin hatte seit Jahren gewusst, das Blunt ein Spion für die Russen gewesen war. Dass er so in die Öffentlichkeit gezerrt wurde, verdankte Sir Anthony Blunt nur Maggie Thatcher, die einen schnellen Pressecoup brauchte. Denn eigentlich hatte Blunt seinen Frieden mit den englischen Geheimdiensten längst gemacht. Verräter hin oder her, eigentlich tut er einem schon ein wenig leid. Hier können wir ihn bei seinem Auftritt in der BBC nach der öffentlichen Demaskierung sehen.

Die Geheimdienste, mit denen Blunt einen Deal gemacht hatte, haben ihn immer wieder befragt. Bennett verkürzt in seinem Theaterstück diese Ereignisse. Das müssen Dramatiker tun, manche bringen ja ein ganzes Leben in einem Akt unter. A Question of Attribution ist nicht sehr lang, es ist auch schon zusammen mit An Englishman Abroad an einem Abend aufgeführt worden. Single Spies hieß das Ereignis damals, bei dem Alan Bennett selbst in die Rolle von Anthony Blunt schlüpfte (Regie hatte er auch geführt). In dem Film von John Schlesinger tut das James Fox, unübertroffen und unübertrefflich. Neben seiner schauspielerischen Leistung in Joseph Loseys The Servant ist dies sicherlich ein Höhepunkt in seiner Karriere.

Der Mittelteil von A Question of Attribution ist ein kleines Theaterstück in sich. Professor Blunt ist gerade dabei, im Palast ein neues Bild aufzuhängen, als unerwartet die Königin (hier gespielt von Prunella Scales) hereinkommt. An weiteren Mitwirkenden haben wir in dieser Szene einen working class Palastangestellten, der wesentlich mehr von Kunst versteht als der Public School Absolvent, den Blunt in den Palast mitbringt. Und dann gibt es natürlich auch noch einen Corgi, der darf nicht fehlen. Glücklicherweise habe ich diesen Teil des Filmes als ➱Video gefunden, schauen Sie mal hinein. Prunella Scales ist als Königin ganz wunderbar. Der Corgi als Corgi auch.

Es geht in diesem Teil des Stückes um die Echtheit von Bildern, a question of attribution, aber es geht auch um das Doppelleben von Sir Anthony Blunt. Das wird dem Zuschauer schnell klar. Das ist wirkungsgerichtetes Theater, geschrieben von einem Profi, der selbst Schauspieler und Regisseur war. Der auch lange gebraucht hat, bis man begriff, dass er wirklich ein bedeutender Schriftsteller ist. Aber nach den Ehrungen für The Madness of King George und dem Publikumserfolg von The Uncommon Reader hat sich diese Meinung ja langsam durchgesetzt. Wo er die Königin nun schon in A Question of Attribution und in The Uncommon Reader hineingeschrieben hat, wäre vielleicht der Order of the Companions of Honour angebracht. Ein CBE und einen Sir Titel hat er allerdings schon abgelehnt. Mit der wunderbaren Begründung: I felt that being a knight would be akin to wearing a suit every day of my life. Wenige Jahre später verzichtete er auf einen Ehrendoktor aus Oxford, weil Rupert Murdoch dort eine Professur finanziert: I'm aware of the arguments about bad money being put to good uses, but I still think that Murdoch is not a name with which Oxford should have associated itself.

Alan Bennett (links) kommt aus der working class, er hat nicht den Lebenslauf wie Guy Burgess (Eton und Cambridge) oder Anthony Blunt (Marlborough und Cambridge). Aber er war in Oxford, was er seiner Intelligenz und nicht seiner Herkunft verdankte. Wenn man in Oxford war, ist man immun gegen Versuchungen, sein Vaterland zu verraten. Das machen nur Leute aus Cambridge. Hat A.L. Rowse mal gesagt, der immer für skurrile Meinungen gut war. Gut, dass wir das wissen.

Beide Filme von John Schlesinger sind auf DVDs einzeln nicht zu finden, sie sind aber in der Cassette Alan Bennett at the BBC enthalten. Deren Kauf lohnt sich auf jeden Fall.

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1 Kommentar:

  1. Ich habe kürzlich das vierteilige TV-Drama "Cambridge Spies" gesehen und wollte mehr über die Biografien der Spione erfahren. Durch Googlen bin ich auf dieses Blog gestossen. Sehr bemerkenswert finde ich das hier verlinkte Interview mit dem demaskierten Blunt. Das Blog hat mein Interesse auch an den beiden hier besprochenen Filmen geweckt. Gesehen habe ich bereits "A Question of Attribution". Das dort gezeigte Gespräch Blunts mit der Queen ist höchst amüsant. Vielen Dank für den Hinweis! Ich werde mir auf jeden Fall auch "An englishman Aborad" besorgen.

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