Samstag, 3. Januar 2026

nie gesehen


In der Folge Nicht schießen (1985) der Fernsehreihe Schwarz-Rot-Gold ermittelt der Zollfahnder Zaluskowski (Uwe Friedrichsen) gegen einen international tätigen Kriminellen, der einen amerikanischen Hochleistungscomputer in die Sowjetunion schmuggeln will. Was ihm am Ende nicht gelingt, der Zollamtsrat Zaluskowski und seine Truppe werden den Computer in einem Container im Hamburger Hafen sicherstellen. Der Kriminelle bleibt auf der Flucht, seine beiden Helfershelfer  (Thekla Carola Wied und Peter Fitz) werden in den USA festgenommen. Peter Fitz war schon in dem ersten Film der Serie Unser Land, der wie Nicht schießen von Dieter Wedel gedreht worden war, der Bösewicht. Wedel war nach seiner Dissertation von Dieter Meichsner (der alle achtzehn Folgen von Schwarz-Rot-Gold schrieb)  als Filmregisseur für den NDR angeworben worden. Die drei Folgen (Unser LandAlles in ButterNicht schießen), die er für die Serie drehte, gehören qualitativ mit zu den besten der Serie.

Am Anfang des Films plant der Bösewicht (gespielt von Joachim Bißmeier) in der Hamburger Kunsthalle zusammen mit einem Kompagnon den großen Coup. Sie stehen in der Kunsthalle vor einem großen Bild. Einem sehr großen Bild, es ist fünfzig Quadratmeter groß. Ich habe das Bild nie gesehen, dabei kenne ich die Hamburger Kunsthalle gut. War sogar jahrelang Mitglied im Kunstverein. Deshalb konnte ich 1974 bei der großen Caspar David Friedrich Ausstellung auch an der langen Schlange vorbei flanieren, um am Eingang meinen kleinen grünen Mitgliedsausweis zu zeigen. Das Bild, das ich nie hesehen habe, heißt Der Einzug Kaiser Karls V in Antwerpen, die Hamburger Kunsthalle hatte es 1882 für 130.000 Mark gekauft.

Damals fand man die Bilder von Hans Makart ja chic, vor allem, wenn auf dem Bild auch noch nackte Ehrenjungfrauen unbekleidet bei hellem Sonnenschein durch die Straßen wanderten. Man kennt heute die Namen der nackten Damen der Wiener Schickeria, das Bild führte damals zu einem Skandal. Während des Zweiten Weltkriegs rollte man das Bild ein und ließ es im Keller verschwinden. Ende der siebziger Jahre hatte der Kunsthallendirektor Werner Hofmann die Idee, den Schinken wieder aus dem Keller zu holen. Die Restaurierung des Gemäldes kostete 130.000 Mark und dauerte mehr als ein Jahr. Man musste die fünfzig Quadratmeter ganz vorsichtig wieder glattbügeln.

Als man dann die ganze kitschige Pracht des Wiener Historismus wieder in der Kunsthalle stehen hatte, war man mit dem Bild nicht so glücklich, es passte nicht so richtig ins Gesamtbild, es erschlug alle Bilder daneben. Man wollte es allerdings nicht wieder zusammenrollen, man baute einfach eine Gipswand davor. Im Jahre 2020 nahm man die Wand wieder weg, weil man eine Makart Ausstellung plante. Sie können das auf diesem Video sehen. Auf diesem Photo kann man sehen, dass man die Wand schon abgebaut hat, das Bild ist noch von einer Schutzfolie umgeben.

Nackte Frauen soll es am 23. September 1520 in Antwerpen wirklich gegeben haben. Albrecht Dürer berichtet Melanchton in einem Brief von den allerreizendsten Jungfrauen, fast nackt, nur in einem sehr dünnen und durchsichtigen Schleier gehüllt, die er gesehen habe. Der Kaiser habe sie aber nicht beachtet. Dürer war in Antwerpen, weil er hoffte, dass der neue Kaiser die Rentenzahlungen erneuerte, die ihm Kaiser Maximilian gewährt hatte. Makart hat Dürers Bericht von seinem Aufenthalt in Antwerpen gekannt, und deshalb haben wir die nackten Frauen in der Bildmitte. Und Albrecht Dürer auch. Man muss nur genau hingucken. Wenn Sie von der grünen Girlande auf dem Balkon links ein Stück heruntergehen, dann sehen Sie Dürer im Profil.

1938 wollte das Münchener Haus der Deutschen Kunst auf Wunsch von Herman Göring das Bild gerne kaufen. Göring (hier ein Blick in seine Kunstsammlung) hatte ja selbst mehrere →Bilder von Markart. Eins der Bilder hatte ihm Adolf Hitler geschenkt, der selbstMakart bewunderte. Aber die Kunsthalle lehnte ab. Dr Werner Kloos schrieb: Es handelt sich um eines der repräsentativsten Stücke dieses Meisters in Deutschland und bildet das Hauptwerk der erst vor wenigen Monaten neu eingerichteten 'Galerie des 19. Jahrhunderts' in unserem Haus. Zudem ist dieses Werk seit Jahrzehnten mit der hamburgischen Museums- und Kunstgeschichte eng verbunden und stellt einen der Hauptanziehungspunkte dar. Da die Kunsthalle entsprechend der wieder wachsenden Bedeutung Hamburgs als 'Tor zur Welt' mehr und mehr von Ausländern und Fremden in großer Zahl besucht wird, würde das Verschwinden dieses Bildes eine unersetzliche Lücke in unseren Bestand reißen. Kloos war ein echter Nazi, war in der NSDAP und Untersturmbannführer der SS. Wie dieser Mann nach dem Krieg Direktor des Bremer Focke-Museums werden konnte, ist mir bis heute unklar.

Der Makart-Saal soll anregen, Sichtweisen zu hinterfragen. Der Makart-Saal, als Auftaktsaal des Rundgangs durch die Museumssammlung, soll in Zukunft das Publikum anregen, herkömmliche Sichtweisen zu hinterfragen. Was früher vielleicht richtig war, muss den heutigen Vorstellungen nicht mehr entsprechen. Das kann man auf der Seite der Hamburger Kunsthalle lesen. Sind das Plattitüden oder ist das kunsthistorische Verzweiflung? In diesem Jahr werden die USA zweihundertfünfzig Jahre alt, dies wäre doch ein schönes Geschenk. Donald Trump wird das Bild sicher gefallen, und in Mar-a-Lago würde das Bild auch einen besseren Platz haben als in der Hamburger Kunsthalle.

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