Freitag, 23. Januar 2026

encore une fois: Stendhal


Marie-Henri Beyle, den wir besser unter seinem Pseudonym Stendhal  kennen, wurde heute vor 243 Jahren geboren. Ich nehme seinen Geburtstag einmal dazu, ein wenig Ordnung in meinem Blog zu bringen, denn von Stendhal war hier oft die Rede. Und bevor ich all diese Posts aufliste, möchte ich noch dieses Buch empfehlen. Es heißt A Lion for Love: A Critical Biography of Stendhal, ist 1979 bei Basic Books in New York erschienen, sieben Jahre später gab es die Biographie bei der Harvard University Press als Paperback. In Deutschland gab es das Buch 1982 bei Hanser, die zwanzig Jahre später Rot und Schwarz und Die Kartause von Parma von Elisabeth Edl neu übersetzen ließen. 1985 erschien die Biographie als Taschenbuch bei Ullstein. Ab 1992 hatte Rowohlt den Titel im Programm, offensichtlich schien in Deutschland ein Bedarf für eine Stendhal Biographie zu sein. Robert Alter war Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft in Berkeley. Er hat in Harvard promoviert, das sollte schon für eine gewisse Qualität bürgen. Tut es auch. Diese Biographie gehört zu dem Besten und Lesbarsten, was über Stendhal geschrieben wurde. 

Als Mitarbeiterin wird im Titel Carol Cosman genannt, das ist die Ehefrau von Robert Alter. Die kennt sich in der französischen Literatur auch aus, sie hat immerhin Sartres Monsterwerk über Flaubert Der Idiot der Familie ins Englische übersetzt. A Lion for Love ist ein erstaunliches Buch über den Mann, der für seine Suche nach dem Glück den Namen beylisme erfunden hatte. Es ist keine trockene Biographie zweier Akademiker, es ist auch schon ein Stück kongenialer Literatur. Es besitzt eine gewisse Magie - als ich es gelesen hatte, habe ich es gleich ein zweites Mal gelesen. Wenn man Stendhal mag (und wer könnte diesen Autor nicht mögen?), dann sollte man dieses Buch unbedingt lesen! Die Biographie von Johannes Willms, die 2010 bei Hanser erschien, würde ich auf keinen Fall empfehlen, das habe ich schon in Stendhal Biographien gesagt. Was Stefan Zweig 1928 über Stendhal geschrieben hat, das lohnt allerdings immer noch die Lektüre:

Denn Stendhals Menschen, das sind wir von heute, geübter im Selbstbetrachten, geschulter in Psychologie, bewußtseinsfreudiger, moralunbefangener, durchnervter, selbstneugieriger, müde aller kalten Erkenntnistheorien und nur gierig nach Erkenntnis des eigenen Wesens. Für uns ist der differenzierte Mensch kein Monstrum mehr, kein Sonderfall, als den sich der einsam unter Romantiker geratene Stendhal noch empfand, denn die neuen Wissenschaften der Psychologie und Psychoanalyse haben uns seitdem allerhand feine Instrumente in die Hand gespielt, Geheimes zu erlichten und Verflochtenes zu zerlegen. Doch wieviel hat dieser »merkwürdig vorausahnende Mensch« (abermals nennt ihn so Nietzsche!) von seiner Postkutschenzeit her und aus seiner Napoleonsuniform schon mit uns gewußt, wie spricht sein Nichtdogmatismus, sein frühes Wahleuropäertum, sein Abscheu vor der mechanischen Vernüchterung der Welt, sein Haß gegen alles pompös Massenheroische das Wort uns vom Munde! Wie scheint sein heller Hochmut über die sentimentalen Gefühlsblähungen seiner Zeit berechtigt, wie gut hat er seine Weltstunde in der unsern erkannt! 

Unzählig die Spuren und Wege, die er mit seinem abseitigen Experimentieren der Literatur eröffnete: Dostojewskis »Raskolnikow« wäre undenkbar ohne seinen Julien, Tolstois Schlacht bei Borodino ohne das klassische Vorbild jener ersten wirklichkeitsechten Darstellung von Waterloo, und an wenig Menschen hat sich Nietzsches ungestüme Denkfreude so völlig erfrischt wie an seinen Worten und Werken. So sind sie endlich zu ihm gekommen die »âmes fraternelles«, die »êtres supérieurs«, die er zeitlebens vergeblich suchte, ein spätes Vaterland, jenes, das seine freie Kosmopolitenseele einzig anerkannte, nämlich »die Menschen, die ihm ähnlich sind«, hat ihm für immer das Bürgerrecht und die Bürgerkrone verliehen. Denn keiner seiner Generation, es sei denn Balzac, der einzige, der ihn brüderlich gegrüßt, steht uns heute so zeitgenössisch nah im Geist und Gefühl: durch das psychologische Medium des Drucks, durch kaltes Papier fühlen wir atemnah und vertraut seine Gestalt, unergründlich, obzwar er wie wenige sich ergründet, schwankend in Widersprüchen, phosphoreszierend in Rätselfarben, Geheimstes gestaltend und Geheimstes verhaltend, in sich vollendet und doch nicht beendet, aber immer lebendig, lebendig, lebendig. Denn gerade die Abseitigen ihrer Stunde ruft die nächste am liebsten in ihre Mitte. Gerade die zartesten Schwingungen der Seele haben die weiteste Wellenlänge in der Zeit.

Zu seinen Lebzeiten hatte Stendhal kaum Leser, sodaß er irgendwann schrieb: Ich schreibe nur für hundert Leser, und von jenen unglücklichen, liebenswürdigen, charmanten, aufrichtigen und unmoralischen Wesen, denen ich gern gefallen würde, kenne ich kaum ein oder zwei. Sie können die ganze Wehklage über fehlende Leser im Orginal in dem Post nullkommanix lesen. Wenn er dem Roman La Chartreuse de Parme in Versalien die Worte to the happy few voranstellt (was Thackeray in seinem Roman Vanity Fair auch machen wird), dann weiß er, es werden nur wenige sein. Weil nur wenige wissen: Un roman est comme un archet, la caisse du violon qui rend les sons c'est l'âme.

Volterranos 'Sybillen' haben mir vielleicht die heftigste Freude eingeflößt, die mir die Malerei je bereitet hat. Ich befand mich schon bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die Nähe der großen Männer, deren Gräber ich gesehen hatte, in einer Art Ekstase. Ich war in die Betrachtung edelster Schönheit versunken, die ich ganz dicht vor mir sah und gleichsam berühren konnte. Meine Erregung war an dem Punkt angelangt, wo sich die himmlischen Gefühle, die uns die Kunst einflößt, mit den menschlichen Leidenschaften vereinen. Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen. Was Stendhal hier beschreibt, wird eines Tages in die Medizingeschichte wandern. Die Überwältigung durch den genius loci bis zum Schwinden der Sinne hat heute den schönen Namen Stendhal Syndrom.

Ich kenne das, ich habe es oft erlebt, ich hatte keinen Namen dafür. Manche Augenblicke im Leben, der spiritus loci mancher Orte, manche Stimmungen scheinen mich zu überwältigen. Ich scheine gleichzeitig alles zu sehen, hören, riechen. Mit einer erhöhten Intensität speichert mein Gedächtnis diese Momente auf einer Festplatte namens Memoria ab, offenbar litt ich, ohne es zu wissen, unter dem Stendhal Syndrom

Der ehemalige kaiserliche Kriegskommissar, der mit Napoleon in Russland war, ist erst spät zum Schreiben gekommen. Zuvor widmete er sich den Frauen, wie er sagt: Die meisten dieser holden Wesen haben mich durchaus nicht mit ihrer Huld beehrt, aber sie haben mein ganzes Leben buchstäblich ausgefüllt. Dann erst folgen meine Werke. Die Frauen kommen auch in dem Entwurf für einen Nachruf vor, den er 1838 in Montpellier geschrieben hat. Der Text ist unter dem Titel →Lebensabend in seine nicht vollendete Autobiographie →Das Leben des Henri Brulard gewandert, einem letzten literarischen Meisterwerk. 

Dass wir heute beinahe alles aus seinem Spätwerk, alles aus seinen Notizen und Manuskripten, lesen könen, verdanken wir einem Mann namens Casimir Stryjeński, der ab 1889 in Stendhals Geburtsort Grenoble die Stadtbibliothek durchwühlt hatte. Damals war Stendhal schon beinahe vergessen. Casimir Stryjeński wurde zum découvreur de Stendhal. Steht nicht im Wikipedia Artikel, sollte aber.


Und dann habe ich noch bewegte Bilder, den Film Le rouge et le noir von 1954 mit Gérard Philipe und De l'amour  von 1964 mit Anna Karina, Elsa Martinelli und Michel Piccoli. 
 

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