Sonntag, 18. Januar 2026

Hartmut K. Selke ✝

Mein Freund Hombre rief mich vor Weihnachten an, um mir zu sagen, dass er jetzt in einer Kurzzeitheim sei. Was machst Du da? fragte ich ihn. Ich warte auf den Tod, sagte er. Diese Krankheit, die die Buchstaben ALS hat, lähmt alles im Menschen. Weihnachten war er wieder zu Hause, Silvester rief er mich an, er wollte noch ein letztes Mal mit mir sprechen. Wenige Tage später ist er gestorben. Nul ne meurt avant son heure, sagt Montaigne. Vielleicht war es gut, dass das Leiden, das er klaglos ertrug, ein Ende hatte. Seinen Humor hatte er bis zuletzt behalten. Er musste mir Silvester umbedingt sagen, dass ich umbedingt so weitermachen sollte. Vielen Menschen würde mein Blog viel bedeuten. Er schickte mir immer das zu, was seine amerikanischen Freunde über meinen Blog sagten. Er war Gastprofessor in New York gewesen, und später hatte der Klett Verlag ihn als Cheflektor für Englisch und Französisch immer wieder in die USA geschickt, damit er denn Markt sondierte, neue Autoren gewann. In den Trump Jahren schickten ihm seine amerikanischen Freunde die besten politischen Cartoons, die er an mich weitergab.

Er hieß nicht wirklich Hombre, aber als wir mit unserer Clique, alles Doktoranden und wissenschaftliche Hilfskräfte, das Studio Filmtheater am Dreiecksplatz nach dem Western Man nannte ihn Hombre verließen, sagte Paul plötzlich zu ihm: Du heißt jetzt Hombre. Der Name blieb, wir waren noch jung. So wie hier beim Cricket bei Georg in Winsen. Hombre steht ganz rechts. Wie der Schotte links im Bild hieß, weiß ich nicht mehr, aber den Mann neben Hombre, den kenne ich. Den kannte wenige Jahre später ganz Deutschland, da war er mit seiner IT Firma Deutschlands jüngster Millionär.

Hombre hatte von uns allen die beste Doktorarbeit geschrieben, er musste die Fakultät ersuchen, sie auf Englisch schreiben zu dürfen. In lateinischer Sprache hätte man damals eine Dissertation einreichen können, aber nicht auf Englisch. Er bekam nur die Note rite, weil unser Professor zu feige war, seinen eigenen Kandidaten gegen den Zweitprüfer zu verteidigen, der Hombre für einen Linken hielt. Diesen rechtsradikalen Rotweinsäufer, der routinemäßig seinen Führerschein verlor, habe ich schon in dem Post Leo Spitzer erwähnt. Er hieß Karl August Ott. Hat in den 68er Jahren in einer Vorlesung proklamiert: Demokratisierung ist doch albern! Er war einer der bestgehassten Professoren der Universität, der vor jeder Vorlesung die Studenten von seinen Assistenten photographieren ließ. Die Photoapparate hatte die Uni bezahlt. Wozu sind Steuergelder da? Irgendwann war es den Studenten zu viel, sie verzierten einen Hörsaal mit Ott Graffiti (wie man hier auf dem Photo sehen kann) und schäumten das ganze Romanische Seminar mit allen Feuerlöschern aus, die sie im Haus hatten finden können.

Mein Freund Hombre hatte keinen Anteil daran, er war kein Revoluzzer, er war nur das Opfer von Ott. Ein Opfer des durchgeknallten Ärchäologieprofessors Schauenburg wurde er nicht. Der hatte ihm bei einer kleinen akademischen Party angedroht, dass er ihn aus dem öffentlichen Dienst entfernen lassen würde. Nur weil Hombre bei der Party ein paar linke Sprüche losgelassen hat. Ich habe den Mann als er gehen wollte, beiseite genommen und habe ihm gesagt, dass sein Vorgänger Wilhelm Kraiker (bei dem ich studiert hatte) solchen Unsinn niemals gesagt hätte. Und dann habe ich ihn dem ganz kalten Ton, zu dem auch inzwischen pensionierte Stabsoffiziere immer noch fähig sind, gesagt, dieser Nachmittag könne für ihn auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde nach sich ziehen. Von einer Entfernung aus dem öffentlichen Dienst war nie wieder die Rede.

Hombre war der sanfteste Mensch, den ich kenne. Und er war der ehrlichste Mensch, den ich kenne. So ist er seinen Weg durchs Leben gegangen, sanft und ehrlich. Er hat für den Klett Verlag viel getan. In der Deutschen Nationalbibliothek hat die Liste der Bücher, die er geschrieben, herausgegeben und mit Annotationen versehen hat, dreiundzwanzig Titel. Aber ich glaube, die haben nicht alles erfasst, er hat ja manches auch unter einem Pseudonym geschrieben. Er hat diese Schulausgabe von Slaughterhouse Five herausgegeben. Aus dem Roman, der hier schon erwähnt, habe ich ein Zitat nie vergessen: The two little girls and I crossed the Delaware River where George Washington had crossed it, the next morning. We went to the New York World's Fair, saw what the past had been like, according to the Ford Motor Car Company and Walt Disney, saw what the future would be like, according to General Motors. And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep. 

Seine Dissertation über Ralph Ellison, die statt des rite den Fakultätspreis verdient gehabt hätte, ist von der amerikanischen Ellison Forschung immer wieder zitiert und gelobt worden. Es war gut, dass er sie auf Englisch geschrieben hatte. Ralph Ellison kannte in Deutschland damals kaum jemand. Hombre hatte seine Dissertation mit einer Widmung an Ralph Ellison geschickt, aus dessen Bibliothek ist das Buch nach Ellisons Tod in die Library of Congress gekommen. Da hat er nun eine Karteikarte. Happiness is having your own library card, hieß es einmal bei den Peanuts. 

Ich habe ihn schon ein dutzend Mal in meinem Blog erwähnt, das hatte immer etwas mit Dank zu tun, den ich ihm schuldete. Ich habe das ganze Leben Geschenke von ihm bekommen. Er schickte mir auch alles, was er schrieb. Von dem Whisky, den er mir zum achtzigsten Geburtstag schenkte, ist noch etwas übrig. Eins seiner Geschenke sehe ich jeden Tag, es ist eine kolorierte Zeichnung von Ernest Shepard aus Winnie-the-Pooh, die hängt bei mir in Augenhöhe in einem kleinen Goldrahmen neben einem Bücherregal. So ist mein Freund Hombre täglich bei mir.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen