Heute vor zweihundertfünfzig Jahren hat der hessische Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel (der sich schon in dem Post Johann Heinrich Tischbein d.Ä. findet) die Subsidienverträge mit England unterschrieben. Das Wort bedeutet nichts anderes als Menschenhandel. Der Landgraf vermietet seine Untertanen als Soldaten an die Engländer, die sie in Amerika im Unabhängigkeitskrieg einsetzen. Unser Dichter Johann Gottfried Seume ist auch dabei, er kommt hier in dem Post Courbière vor. Auf diesem Bild von Conrad Gessner reiten hessische Husaren auf einer Nachtpatrouille durch den dunklen amerikanischen Wald. Können sie dem Mann trauen, der ihnen mit einer Laterne den Weg zeigt?
Wir wissen es nicht, viele von ihnen werden nicht in die Heimat zurückkehren. Die hessischen Soldaten sind für das Klima in dem neuen Kontinent nicht gerüstet. Bei der Battle of Monmouth ist es 35 Grad heiß, viele hessischen Soldaten mit Helmen und Brustpanzern erleiden einen Hitzschlag. Viele desertieren auch. Von dem admirablen bonne humeur, mit dem sie einst aufbrachen, ist nicht viel übrig geblieben:
Dir Deutschland gute Nacht!
Ihr Hessen, präsentiert’s Gewehr,
Der Landgraf kommt zur Wacht.
Ade, Herr Landgraf Friederich,
Du zahlst uns Schnaps und Bier!
Schießt Arme man und Bein‘ uns ab
So zahlt sie England Dir.
Ihr lausigen Rebellen ihr,
Gebt vor uns Hessen Acht!
Juchheisa nach Amerika,
Dir Deutschland gute Nacht!
Das ist, so versichert uns eine zeitgenössische Quelle, ein schön und wahrhaftig Soldatenlied, das zu Kassel auf der Parade von den abziehenden Militärs mit admirabler bonne humeur vor ihrer Durchlaucht gesungen ward.
Die Hessen, die jetzt überall im Amerika sind, sind auch schon überall in diesem Blog. Wenn George Washington den Delaware überquert, was Emanuel Gottlieb Leutze in seinem berühmten Gemälde festgehalten hat, dann wird er auf der anderen Seite des Flusses keine Engländer finden. In Trenton sitzen die Hessen, die sich Weihnachten 1776 ergeben müssen. Washington ist auf diesem Gemälde von John Trumbull in der Bildmitte, der General rechts auf dem weißen Pferd ist Nathanael Greene. Der Offizier mit den roten Hosen, der sich kaum noch auf den Beinen hält, ist der tödlich verwundete hessische Oberst Johann Rall. Sein Leben ist in einen Roman von Sandra Paretti und einen ✺Fernsehfilm gewandert.
Alles hier an den Wänden der Rotunde des Capitols sind Gemälde von John Trumbull, sie zeigen die amerikanische Geschichte. Sie zeigen aber auch deutsche Soldaten, wie das →Régiment de Royal Deux-Ponts, das Herzog Christian IV. von Zweibrücken an Frankreich vermietet hatte. Da kämpfen dann Hessen gegen Hessen. Nach den Schlachten von Saratoga und Bennington wandern die meisten Hessen in amerikanische Gefangenschaft. Der General Friedrich Adolf Riedesel, über dessen amerikanischen Abenteuer seine Frau den Bericht die Berufsreise schreibt, wird nach drei Jahren ausgetauscht. Der General Knyphausen kämpft noch den ganzen Krieg über, er verlässt Amerika 1782 nur, weil er dabei ist zu erblinden.
Die unglaubliche Summe von 600.000 Pfund Sterling kassiert Friedrich II. von Hessen-Kassel von den Briten für 12.000 Soldaten. Sie werden ihren Familien entrissen, in die Armee gepresst, wie auf diesem Bild. Da hilft es auch nicht, wenn die Ehefrau auf das Kind in der Wiege weist. Friedrich der Große hat über den hessischen Landgrafen gesagt: Wäre der hessische Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er seine Untertanen nicht wie Vieh, das an die Schlachtbank geführt wird, an die Engländer verkauft haben. Das ist ein unwürdiger Zug in dem Charakter eines Fürsten. Solches Vertragen ist durch nichts als schmutzige Selbstsucht hervorgerufen. Friedrich Kapps Buch →Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika aus dem Jahre 1874 ist hier lesbar.
Viele der Soldaten aus Hessen werden in Amerika sterben, an Krankheiten und Kriegsverletzungen. Viele wandern in die Kriegsgefangenschaft, wie diese Hessen links im Bild von der Schlacht von Bennigton. Beinahe fünftausend werden in Amerika bleiben. Der Präsident Thomas Jefferson unterschreibt am 2. Februar 1781 die →Proclamation Inviting Mercenary Troops in the British Service to Desert. Ein klein wenig wird das neue Amerika auch von Hessen aufgebaut werden.
In diesem Jahr feiert Amerika ein Semiquincentennial. Ich glaube, das wird ein Egotrip von Donald Trump werden. Vor fünfzig Jahren haben alle deutschen Bundesländer kulturelle Ausstellungen zur Zweihundertjahrfeier organisiert. Ich hatte in Schleswig einen kleinen Teil daran, nicht nur, weil ich für den Ministerpräsidenten Stoltenberg die Eröffnungsrede für die Ausstellung schrieb. Ich glaube, in diesem Jahr wird es so etwas nicht noch einmal geben.






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