Im letzten Jahr stand hier der lange Post Bremen, 8. Mai 1945, den es in diesem Blog vorher schon zweimal an diesem Tag gab. Deshalb gibt es heute am Tag des Kriegsendes etwas anderes. Das stand hier im Ansatz zwar vor Jahren schon einmal, fand aber keine Leser. Am 8. Mai 1949 wurde in Berlin das →Treptower Ehrenmal für die Millionen gefallenen Soldaten der Roten Armee eingeweiht. Es gibt im Tiergarten noch ein anderes Ehrenmal mit zwei grünen russischen T 34 Panzern davor. Die im Ukrainekrieg eine andere symbolische Bedeutung gewonnen haben als damals, als man sie aufstellte. Viele Berliner forderten, dass man die Panzer wegräumt.
Dass man das Ehrenmal im Treptower Park damals an einem 8. Mai einweihte, hatte natürlich seine Bedeutung. Es ist das Kriegsende, das heute als Tag der Befreiung gilt, wie das Richard von Weizsäcker. 1985 formulierte: Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen. Mein erster Besuch des Ehrenmals im Jahre 1960 war sehr beschwerlich. Ich hatte mir bei einem Sportunfall den linken Fuß gebrochen und humpelte mit einem Gipsverband zum Ehrenmal. Es war ein langer Weg vom Busparkplatz bis zu dem Ehrenmal, aber ich wollte unbedingt das Innere des Denkmals mit dem Mosaikbild sehen.
Mein Onkel, der Bildhauer Karl Lemke (hier eine Plastik von ihm), hat mir mal eine Geschichte über den Bau des Ehrenmals erzählt, die nicht in den Geschichtsbüchern steht, deshalb stelle ich die heute hierher. Wenn er 1945 aus dem Krieg in die Heimatstadt Berlin zurückkommt, ist er einundzwanzig. Zweimal schwerverwundet, aber lebendig, nicht alle in der Familie hatten dieses Glück. Er hätte in der Firma seines Vaters arbeiten können, aber das wollte er nicht, er wollte etwas ganz anderes machen. Er wurde Steinmetz. 1947 bekam er eine Zusage von der Kölner Dombauhütte, aber er konnte die Stelle nicht antreten, weil er für das zerbombte Köln keine Zuzugsgenehmigung bekam. So etwas gab es damals. Aber Karl blieb bei den Steinen und studierte Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. Er wusste, was er wollte. Und er wusste, was er für seinen Beruf brauchte:
Einer seiner Lehrer war Gustav Seitz, dessen Meisterschüler er wurde. Er folgte Seitz auch nach Ost-Berlin, als der seine Stelle als Professor in Charlottenburg verlor, weil er den Nationalpreis der DDR für sein Denkmal für die Toten im KZ Weißwasser/Oberlausitz (Bild) entgegengenommen hatte. Offiziell ist zwar Friede, aber insgeheim hat der Krieg nicht aufgehört. Da errichtet jemand ein Denkmal für die KZ Opfer und verliert deshalb seine Stellung und bekommt Hausverbot. Weil das Denkmal im falschen Deutschland steht. Ab 1951 leitete Seitz ein Meisteratelier für Bildhauerei an der neu gegründeten Deutschen Akademie der Künste. Karl ist da bis 1953 sein Schüler, Meisterschüler. Seitz darf die DDR verlassen, wann er will, Karl nicht. Seitz geht 1958 nach Hamburg, Karl bleibt in der DDR und wird Dozent an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.
Doch ich muss zurückkommen zu der kleinen Geschichte, die er mir erzählt hat. Und damit kommen wir wieder zurück in die vierziger Jahre nach Charlottenburg. Eine junge Frau kommt da jeden Vormittag als Modell für die angehenden Künstler, zieht sich aus und posiert, wie die Künstler es verlangen. Mittags ist sie weg. Sie hat noch eine andere Beschäftigung. Da geht sie in den Osten der Stadt, eine Wanderin zwischen den Welten. Sitzt Modell für die russischen Künstler, die den Innenraum des Denkmals gestalteten. Wahrscheinlich ist sie auf den Mosaiken im Kuppelraum des Treptower Ehrenmals das Mütterchen Russland.
Vielleicht ist das vormittägliche Aktmodell von damals auch die Vorlage für Karls Schwimmerin gewesen. Das war 1952 eine seiner ersten öffentlichen Arbeiten. Die Figur stand auf einem gemauerten Sockel vor dem Schwimmbad an der Höchsten Straße, aber da steht sie nicht mehr. Das Schwimmbad ist 2000 abgerissen worden, wie so viele Schwimmbäder. Die Plastik wanderte in den Volkspark Friedrichshain, wo sie irgendwann mit →Farbe beschmiert wurde. Heute ruht die Figur im Depot des Berliner Grünflächenamts. Irgendwie ist das traurig.
Die Arbeit hält mich lebendig, hat sie in einem Interview zu ihrem achtzigsten Geburtstag gesagt. Der Photograph Michael Engler, hat mal einen Film über sie gedreht, der im Dritten Programm des NDR und bei 3sat zu sehen war. Ist leider nicht bei YouTube. Die guten Sachen verschwinden im Internet immer zuerst. Vor einigen Jahren hat man ihre Bronzeplastik Die große Sitzende in Magdeburg mit Gold besprüht, das hätte nicht sein müssen. Tut aber der Schönheit des Werkes keinen Abbruch. A thing of beauty is a joy forever.



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