Hier wird gerade die Kieler Woche 2026 eröffnet. Das sind von links die Stadtpräsidentin Bettina Aust, der Oberbürgermeister Samet Yilmaz, die Paralympics Siegerin Kirsten Bruhn und der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Wenn da noch Platz auf dem Bild wäre, dann wären da auch noch die Landtagspräsidentin Kristina Herbst und der Ministerpräsident Daniel Günther mit drauf. Nur der neue Kieler Oberbürgermeister trägt einen Schlips. Grün, weil das seine Partei ist. Steinmeier hat bei der Eröffnung gesagt: Wir brauchen in Zeiten wie diesen ein Miteinander in diesem Land und müssen zeigen, was uns verbindet. Und dazu leistet die Kieler Woche einen Beitrag. Ich weiß zwar nicht so genau, was das heißt, aber es klingt auf jeden Fall besser, als was der Bundespräsident Heinrich Lübke in Kiel zu sagen pflegte.
Der hatte schon 2013 seinen Platz in dem Post Kieler Woche. Wenn Sie den Post lesen, dann bekommen Sie einen Eindruck davon, was die Kieler Woche, die es seit →1882 gibt, einmal war. Eher Klasse statt Masse. Ach was, ich stelle Teile davon (leicht überarbeitet) noch einmal ein:
Früher war die Kieler Woche noch schön. Als Heinrich Lübke noch Bundespräsident war. Da ging die halbe Uni zur Eröffnung der Kieler Woche, weil seine Reden so wunderbar waren. Einmal sprach er nicht vom Balkon des Rathauses, sondern vom Balkon des Kultusministeriums an der Kieler Förde. Es waren beinahe nur Studenten als Zuhörer da. Seine Rede wurde von denen ständig kommentiert. Damals wurde noch viel kommentiert, vor allem im Kino. Was da alles in den Eddie Constantine Filmen in der Nachtvorstellung im Regina gesagt wurde - man hätte es mitschneiden sollen. Heinrich Lübke hat man mitgeschnitten, den gab es auf einer Platte die ✺Redet für Deutschland heißt.
An jenem Tag, als Lübke an der Kieler Förde sprach, blieb ihm die studentische Unruhe nicht verborgen. Die Sitte des Kommentierens war ihm wohl fremd, er ist wahrscheinlich auch nie in der Nachtvorstellung des Regina gewesen, um zum zehnten Mal ✺Zum Nachtisch blaue Bohnen zu sehen. Das Staatsoberhaupt war leicht pikiert, und er sprach die schrecklichste Drohung aus, die ein Bundespräsident ausstoßen konnte: Wenn Sie weiter so ungezogen sind, dann erzähle ich Ihnen nichts mehr von der Kwiiin! Das sind Sätze, die man nie vergisst. Es erinnerte mich ein wenig an die Schwärmerei des Generalinspekteurs de Maiziere über die Königin Sirikit wenige Jahre vorher. Erzählt dann glücklicherweise doch noch von der Queen.weitererzhlt, Ist besser als Else Strathmanns Geschichten von Elsbett Jahre später.
Das war noch die Zeit, als der Bremer Werftbesitzer Ernst Burmester seine Aschanti IV (hier ist sie vor Laboe), eine der schönsten deutschen Yachten, den Bundespräsidenten und Bundeskanzlern kostenlos für repräsentative Staatsaktionen zur Verfügung stellte. Auf dem Photo im oberen Absatz ist Lübke 1961 Gast auf der Aschanti. Burmester war der einzige Bremer, der einen Bentley fuhr. fand er vornehmer als einen Rolls-Royce zu fahren (das steht schon in dem Post Borgward). Seine Enkelin Biggi hat mir mal die schöne Geschichte erzählt, dass Burmester während der Kieler Woche seinen Bentley vor dem Kieler Yacht Club im absoluten Halteverbot abgestellt hatte. Und dem herbeieilenden Polizisten sagte: Junger Mann, ich segle jetzt mit Herrn Krupp und dem Bundespräsidenten auf der 'Germania', Sie passen bitte hier so lange auf meinen Wagen auf.
Die Kieler Woche war auch noch schön, als Gustav Heinemann Präsident war. Ich bin ihm einmal am Abend auf dem Bellevue Fähranleger begegnet. Es waren vielleicht zwanzig Leute auf der Anlegerbrücke, die völlig überrascht waren, dass plötzlich der Bundespräsident vom Fährschiff kam. Ohne großes Gefolge. Die Leute traten verlegen zur Seite, einige klatschten. Neben mir war ein besoffener Prolli, der herumpöbelte: Ihr werdet doch alle von Pankow bezahlt, wenn ihr für den klatscht. Ich drohte ihm mit kaltem Offizierston an (den hatte ich noch drauf, weil ich damals in den Semesterferien häufig die Uniform zu Wehrübungen anzog), dass ich ihn in die Förde werfen würde, wenn er nicht sofort ruhig sei.
Und plötzlich stand ein kleiner Mann in einem hellbraunen Anzug neben mir, der eine ovale Messingmarke aus der Hosentasche zog und fragte, was hier los sei. Ich sagte ihm, dass der besoffene Typ neben mir gerade den Bundespräsidenten beleidigt hätte. Und schwupps, hatte er den Prolli am Arm und führte ihn eine Seitentreppe des Anlegers hinunter. Eddie Constantine hätte das nicht besser gekonnt. Gustav Heinemann hat nichts davon gemerkt.
Betrunkene Prollis waren damals auf der Kieler Woche noch nicht die Regel. Heute schon. Damals war es noch eine Veranstaltung für Segler mit ein wenig kulturellem Beiprogramm. Ich beherbergte die Woche über immer Segler aus meinem Heimatort, die mir regelmäßig alle Alkoholvorräte wegtranken, mich aber immer mal auf ihrer Yacht mitnahmen. Das waren zuerst noch schöne Mahagoniboote, später wurden Rennziegen aus Plastik daraus. Also diese Dinger, wo unter Deck nichts ist, als eine Nähmaschine zum Segel nähen. Mit dem kulturellen Beiprogramm wurde es mehr, als Dieter Opper Leiter des Kieler Kulturamts wurde. Der war freier Künstler, später ist er Kunstlehrer an der Kieler Gelehrtenschule geworden. Hier auf diesem alten Photo steht er rechts außen. Der kleine Typ links neben ihm ist Markus Lüpertz (mit dem Opper die Gruppe Großgörschen 35 gründete), der fährt heute Rolls Royce und trägt Maßanzüge. Dieter Opper ist leider schon tot, aber so wie Lüpertz ist er nie herumgelaufen. Er trug immer Cordjacketts und Cordanzüge, hatte die Haare schulterlang, anstelle eines Schlipses baumelte ihm selbstgemachte Kunst auf der Brust.
Er hat in den acht Jahren in Kiel als Leiter des Kulturamts sehr viel bewegt.. Er hat sicher in Bremen, wo den Rang eines Staatssekretärs bekam, auch viel bewegt, aber glücklich war er da nicht. Und er hat die Spiellinie auf der Kiellinie erfunden. Auf diesem Bild hinterlässt er (mit Fellmütze) auf der Spiellinie farbige Fußabdrücke. Kilometerlange kostenlose Kreativität auf der Kieler Woche. Das war toll. Es gab von Opper auch ein bisschen Theorie dazu, die von gesellschaftlich notwendige Entwicklung kreativer Fähigkeiten, die Herausbildung bewußter Wahrnehmung und die damit verbundene Befähigung zur Auseinandersetzung mit Lebensbedingungen und ihrer möglichen Veränderung sprach. Theorie musste damals sein. Spielen ohne Theorie geht nicht.
Ich habe eine englische Straßentheatergruppe mit dem schönen Namen Sheer Madness (zu der auch →Rafael Marx gehörte) nicht vergessen, die da einen Hamlet in fünfzehn Minuten aufführten. Mit Gesangseinlagen. Da war Zadeks Hamlet in Bremen nichts dagegen. Die Gruppe war von einer Frau namens →Minnie Marx gegründet worden (die auch beinahe alle Hauptrollen spielte), und Sheer Madness waren wirklich gut. Ohne alle Theorie. Heute gibt es immer noch eine Spiellinie, aber mit der Kreativität ist es dahin, da herrscht der Kommerz. Und die Bierbuden und der Schwenkgrill. Dicht an dicht. Und dazwischen Millionen von Besuchern, weil dies das größte Volksfest Europas sein soll. Heute definieren sich Volksfeste durch die Besucherzahlen. Und die Zahl der Bierbuden, Schwenkgrills und der Dixie Klos.
Gesegelt wird auch noch irgendwo, weit draußen in der Förde, aber das scheint niemanden mehr zu interessieren. Die Zeit, da Albert Einstein auf der Kieler Förde segelte, ist unwiederbringlich vorbei. Die Tage, in denen Theodor Fontane die Förde mit Gelb wird das Laub, es rötet sich die Frucht, In blauer Stille liegt die Kieler Bucht, Es schweigt der Wind, die Fläche zittert kaum, Und nur die Möwen sind wie Wellenschaum bedichtete, sind auch passé. Jetzt ist Ballermann angesagt, Lotto King Karl kommt auch. Und bekannte Stars aus Verbotene Liebe und anderen Vorabendserien. Wenn das nichts ist.
Viele Kieler meiden jetzt die Stadt und das Fördeufer. Dieser Blogger auch. Ich war am Donnerstag zu letzten Mal in der Stadt, um mir eine Dose Tabak zu kaufen. Der Händler sagte mir, eigentlich könnte er seinen Laden jetzt dichtmachen. Die dreihunderttausend Besucher pro Tag verirren sich nie in die Nebenstraßen, und die Kunden kommen sowieso nicht mehr in die Stadt der Baustellen, weil die weiträumig abgesperrt ist. Auch die großen Läden entlang der Holstenstraße klagen regelmäßig über Besucherschwund. Wer sich von Bierbude zu Bierbude und Schwenkgrill zu Schwenkgrill bewegt, kauft nicht noch bei P&C oder Anson's ein. Die Stadt Kiel klagt auch, weil die Kieler Woche für sie jedes Jahr ein Zusatzgeschäft ist. Aber sie haben ja einen solventen Sponsor, einen Premiumpartner, der HSH Nordbank heißt. Das ist diese Bank, die immer hart an der Pleite segelt (um mal in der maritimen Bildlichkeit zu bleiben).
Die HSH Nordbank gibt es nicht mehr, Anson's (eine P&C Tochter) ist auch aus Kiel verschwunden. Die Kultur, die Dieter Opper auf die Kiellinie gebracht hat, ist auch nicht mehr da. Aber die Besuchermassen unf der Kommerz sind noch da. Fish & Chips kosten auf dem Internationalen Markt dreizehn Euro. Segler gibt es beim größten Seglerfest der Welt auch noch. Wie immer, weit draußen. Aber denen gefällt Kiel auch nicht mehr. Im letzten Jahr hatte der Olympiasegler Philipp Buhl für die Organisation der Segelwettbewerbe nur die Wörter Trauerspiel und nicht olympiareif übrig. In diesem Jahr soll alles besser werden.
Das einzige Gute an der Kieler Woche ist, dass mit ihr mein Heuschnupfen zu Ende geht, der mit der Rapsblüte angefangen hat.
Noch mehr Kieler Woche in den Posts 125 Jahre Kieler Woche, die wunderschöne Layla. Es ist, wie es ist. Basel. Max Oertz und Cutty Sark. Die meisten Leser (vor Max Oertz) hat Cutty Sark. Alles, was in dem Post steht, ist wahr.







.jpg)




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen