Freitag, 6. Januar 2023

das kleine Fischweib

Das ist Carl Jacobsen im Jahre 1896, er ist einer der reichsten Dänen. Ihm gehört die Ny Carlsberg Brauerei. Mit seinem Vermögen tut er viele gute Werke. Er hat auch die Ny Carlsberg Glyptotek gegründet. Das ist nicht so meine Sache, ich habe mit Plastiken meine Schwierigkeiten. Das habe ich vor vielen Jahren meinem Onkel Karl gestanden, der Bildhauer war. Ich habe aber natürlich eine Plastik von ihm. Und ich war natürlich auch in der Glyptotek in Kopenhagen und besitze sogar einen Katalog. Das Haus von Jacobsens Eltern war voll mit Werken von Bertel Thorvaldsen, den mag ich auch nicht besonders, aber er hat hier schon einen Post. 

Den Post musste ich damals schreiben, weil mir die Astrid diesen fetten Katalog Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde geschenkt hat. Also, kurz gesagt, der Bierbrauersohn Carl Jacobsen ist mit Statuen aufgewachsen, und er hat im Anschluss an eine Italienreise mit seinem Vater die Münchener Glyptothek kennengelernt, die einen großen Eindruck auf ihn gemacht hat. Er lernt auch den Archäologen Wolfgang Helbig kennen, der für ihn in Rom einkaufen soll: Eine so schöne, vielseitige und lehrreiche Skulpturensammlung wie nur möglich. Und da es in Kopenhagen noch fast gar nichts gibt, können wir anfangen, wo wir wollen. 

Was es bisher in Kopenhagen an Plastiken gab, stand in der Akademie und diente den Malern zum Studium, wie wir es hier auf dem Bild von Knut Baade sehen können. Carlsberg will, dass nicht nur Künstler, sondern jeder die Kunst sehen kann. Von nun an kauft er mehr und mehr. Klassik und Moderne, seine Glyptothek wird auch eine große Rodinsammlung haben. Der Kuss, der schon in dem Post Nackt zu sehen ist, ist auch dabei. Und Jacobsen schenkt seiner Heimatstadt nach der Maxime Den levende kunst hører det levende folk til eine Statue nach der anderen. Eine davon kennen wir alle.

Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1909 ist Carl Jacobsen in der königlichen Oper, es gibt ein eventyrballet in drei Akten. Mit Musik. Die Musik ist von Fini Valdemar Henriques, damals einer der beliebtesten Komponisten des Landes. Vieles von seinen Kompositionen wird in Dänemark heute noch gespielt. Es ist zum Beispiel eine CD lieferbar, auf der Christina Bjørkøe ✺Klavierstücke von ihm spielt. Christina Bjørkø kennen Sie schon aus mehreren Posts, weil sie die Goldberg Variationen so schön spielt. Wenn Sie etwas von der Musik dieses Abends hören wollen, dann klicken Sie ✺hier und ✺hier. Das Thema des Ballets am Weihnachtstag kennt jeder Zuschauer. Es ist Den lille havfrue, das Märchen von H.C. Andersen von der kleinen Meerjungfrau, deren Haut so rein und so fein wie ein Rosenblatt war, ihre Augen so blau wie die tiefste See. Die kleine Meerjungfrau spielt die Primaballerina Ellen Price.

Jacobsen, Bierbrauer und Kunstmäzen, ist von der Aufführung begeistert. Und da neben dem Bier und der Kunstförderung Statuen und Skulpturen sein Leben ausmachen, will er sofort eine Bronzestatue von Ellen Price als kleine Meerjungfrau haben. Die Primaballerina erklärt sich bereit, dem Bildhauer Edvard Eriksen (hier mit seiner Ehefrau Eline Vilhelmine Møller) Modell zu sitzen. Eriksen ist noch jung, aber schon sehr berühmt, im Vorjahr hatte er die Statuen für den Sarkophag von Christian IX und Königin Louise gestalten dürfen. Die Arbeit an der Statue gestaltet sich schwierig. Als Ellen Price erfährt, dass sie dem Bildhauer nackt Modell sitzen soll, lehnt sie das kategorisch ab. Eriksen könne ihr Gesicht modellieren, aber dann ist Schluss.

Für den Rest der Nixe wird Eriksen seine Ehefrau als Modell nehmen, aber es ist immer noch nicht klar, wie die Skulptur aussehen soll. Jacobsen will eine Nixe mit Fischschwanz, Eriksen eine Menschenfrau mit Beinen. Am Ende gibt es einen Kompromiß, die Figur bekommt Beine, die in einen Fischschwanz enden. Meine Erfahrung sagt mir: Wenn man Künstler machen lässt, was sie wollen, wird es am besten, wird Jacobsen sagen. Das hier ist Alice Eriksen, die Enkelin von Edvard und Eline Eriksen mit einer Kopie der Figur, die wir alle kennen. 

Alice Eriksen, die mit ihren Brüdern bis 2029 die Rechte an den verkleinerten Kopien der Skulptur hat, hat in einem Interview gesagt, dass es niemals zur Diskussion stand, dass die Primaballerina Ellen Price nackt posierte. Das hätte meine Großmutter nicht zugelassen, sie saß schließlich bei allen Frauen-Skulpturen ihres Mannes Modell. Neben den kleinen Kopien, die niemals so groß sein dürfen wie das Original (das hatte Edvard Eriksen so verfügt), gibt es an einigen Orten der Welt autorisierte Abgüsse des Originals.

Carl Jacobsen konnte noch erleben, dass vier Jahre nach dem Balletabend die lille havfrue an der Langelinie aufgestellt wurde. Er brauchte nicht mehr zu erleben, was im letzten halben Jahrhundert mit der Skulptur, die zum Wahrzeichen von Kopenhagen geworden war, geschah. Heute vor 25 Jahren haben Unbekannte der Kleinen Meerjungfrau zum zweiten Mal den Kopf abgesägt. Das erste Mal war das 1964 geschehen. Das hatte Ellen Price, die sehr alt geworden ist, noch miterlebt, in dem Jahr, in dem die Plastik zum zweiten Mal ihren Kopf verlor, ist die Primadonna gestorben. Hatte die Neunzigjährige das noch mitbekommen, dass es wieder einen Anschlag auf die Figur gegeben hatte, die auch ein Teil von ihr war? Man konnte die Plastik immer wieder originalgetreu restaurieren, denn man besaß noch das Gipsmodell des Bildhauers. Aber die Dekaptation vor einem Vierteljahrhundert war nicht das Ende der Untaten. Immer wieder wurde aus schier Schandudel das kleine Fischweib bemalt und besudelt. Wahrscheinlich klebt sich irgendwann noch ein Klimakleber an ihr fest.

Wenn Sie die Geschichte der kleinen Seejungfer von H.C. Andersen lesen wollen, dann gibt es hier einen Link zum Projekt Gutenberg. Oder zum dänischen Original. Andersens Märchenfigur war schon mehrfach in diesem Blog. Zum einen im letzten Jahr in einem kurzen Post, der nicht ganz ernst heißt. Zum anderen gab es hier 2011 schon einen längeren kulturhistorischen Post mit dem Titel Meerjungfrauen + Waldnixen. Wenn ich einen Scanner hätte, dann wäre hier das Photo zu sehen, wie ich vor sechzig Jahren an der Langelinie die kleine Dame betrachte. Und diese eleganten beigen Chinos anhabe. Man kann auf dem Photo auch sehen, was man auf jedem Photo sehen kann: die lille havfrue ist sehr klein. Aber sie hat eine große Wirkung. Die haben nackte Damen, die aus dem Wasser kommen, immer. Ob sie von Sandro Botticelli gemalt sind oder Ursula Andress heißen.


Mittwoch, 4. Januar 2023

Zur Sache, Schätzchen


Heute vor fünfundfünfzig Jahren hatte der Film Zur Sache, Schätzchen Premiere. Das Publikum liebte den Film, die Kritik auch. Die sprach vom Neuen Deutschen Film, das Pamphlet dazu hatte Joe Hembus mit seinem Buch Der deutsche Film kann gar nicht besser sein geliefert. Das war 1961 in Bremen bei Schünemann erschienen, einem Verlag, der die konservativen Bremer Nachrichten herausgab und nicht für revolutionäre Neuerungen bekannt war. Der sich aber in den sechziger Jahren eine Reihe namens City Buch leistete, in der ganz erstaunliche Bücher erschienen. Wie zum Beispiel das erste Buch über den Western, Jean-Louis Rieupeyrouts Le Western, Ou le cinéma américain par excellence, in deutscher Übersetzung. Oder der Co­mic Bar­ba­rella von Jean-Claude Fo­rest. Und Karl Mickinns Altweibersommer mit einer nackten Schönheit von Paul Wunderlich auf dem Schutzumschlag. Da war Joe Hembus bei Walther H. Schünemann schon richtig aufgehoben. Zwanzig Jahre später schrieb er zusammen mit dem Truffaut Spezialisten Robert Fischer das Buch Der Neue Deutsche Film. Das bei Goldmann erschienene Buch hatte ein Vorwort von Douglas Sirk.

Drei Tage nach Beginn der Dreharbeiten schrieben May Spils und ihr Hauptdarsteller Werner Enke das Drehbuch um. Der Film sollte wie Godards Außer Atem, mit dem er viele Ähnlichkeiten hat, mit dem Tod des Hauptdarstellers enden, aber jetzt war gerade in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen worden. Soviel Realität wollte man dann doch nicht haben. Denn mit der Realität und den beginnenden Revolutionen auf der Straße hatte der Film wenig zu tun. Es sollte nicht böse enden. May Spils drehte 1968, als alles politisch wurde, einen unpolitischen Film über das Nichtstun. 

Wenn man sich die Top Ten der erfolgreichsten Filme in Deutschland anschaut, dann muss man sagen, dass die wenig mit dem zu tun haben, was wir 1968 nennen, nichts von Vietnam, dem Prager Frühling oder den Bremer Straßenbahnunruhen. Die deutsche Filmwelt sah an der Kinokasse so aus: 

1.  Das Dschungelbuch (27.394.000)
2.  Zur Sache, Schätzchen (6.500.000)
3.  Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe (6.000.000
4.  Zum Teufel mit der Penne (6.000.000)
5.  Die Nichten der Frau Oberst (5.000.000)
6.  Zur Hölle mit den Paukern (4.000.000)
7.  Immer Ärger mit den Paukern (4.000.000)
8.  Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe II – Sexuelle Partnerschaft (3.500.000)
9.  Die Wirtin von der Lahn (3.000.000)
10 Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung (3.000.000)

Von diesen Filmen habe ich nur Zur Sache, Schätzchen gesehen. Es gab andere Filme in den Kinos. Wie zum Beispiel Baisers volés und La mariée était en noir von Truffaut oder Les Biches von Chabrol, das war eine ganz andere Welt. Werner Enke und Uschi Glas machten den Film zum Kultfilm. Uschi Glas, die einen Nackauftritt verweigert hatte, war gleich in drei Filmen der Top Ten des Jahres 1968, neben Zur Sache, Schätzchen war sie auch in Zur Hölle mit den Paukern und Immer Ärger mit den Paukern zu sehen. Und in dem Edgar Wallace Film Der Gorilla von Soho. Die beinahe gleichaltrige Catherine Deneuve hatte da schon Die Regenschirme von Cherbourg, Ekel, Leben im Schloß und Belle de Jour gedreht.

Die deutsche Komödie aus dem Jahre 1968, die mit https://zursacheschaetzchen.de eine eigene Internetseite hat, hat sich gehalten. May Spils und Werner Enke versuchten mit mehreren Filmen an diesen Erfolg anzuknüpfen, das hätten sie lassen sollen. Diese Schwabinger Leichtigkeit konnte man nicht wiederholen. Wenn Sie wollen, können Sie den Film ✺hier sehen. Und wenn Sie noch mehr über den Film wissen wollen, dann klicken Sie den Post Uschi Glas an, den ich zum siebzigsten Geburtstag von Apanatschi geschrieben habe.

Samstag, 31. Dezember 2022

gute Vorsätze

Ich brauche das Jahr nicht Revue passieren zu lassen, wir wissen alle, was passiert ist. Dies war mein zwölftes Jahr als Blogger. Silvester 2010 servierte ich hier Dinner for One, das kann man nicht übertreffen. Häufig gab es Silvester Gedichte, eins soll es heute wieder geben. Es ist von der schottischen Dichterin Jackie Kay, die bis 2021 Makar (Poet Laureate of Scotland) war. Das Gedicht heißt Promise, es ist ein schönes kleines Gedicht, die schottische Regierungschefin ✺Nicola Sturgeon liebt es auch:

Remember, the time of year
when the future appears
like a blank sheet of paper
a clean calendar, a new chance.
On thick white snow
You vow fresh footprints
then watch them go
with the wind’s hearty gust.
Fill your glass. Here’s tae us. Promises
made to be broken, made to last.

Ich wünsche all meinen Lesern ein glückliches neues Jahr. Und dass es Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen geben möge.

Freitag, 30. Dezember 2022

Made in Italy: Ign. Joseph


Ich habe ihn einmal gesehen, er trug wirklich rote Schuhe, die sein Markenzeichen geworden sind. Und er hatte diese scharfe Hose an, die die Engländer drainpipes nennen. Er besuchte Michael Rieckhof, weil es in dem von Kelly gegründeten Laden Ignatious Joseph Hemden gab. Die Hemden gibt es inzwischen bei den feinsten Adressen. Auch in England. Ignatious Joseph kommt aus Sri Lanka, aber dort läßt er seine Hemden nicht herstellen, sein Ideal heißt Italo-British. Ein britischer Stil mit italienischer Lässigkeit. Mit den Engländern hat er es, denn Sri Lanka, das früher Ceylon hieß, war einmal Teil des britischen Weltreichs. 

Gegen seine Hemden kann man nichts sagen, ich habe seit Jahrzehnten mehrere von ihnen, das ist italienische Qualtätsarbeit mit viel sichtbarer Handarbeit. Und einem hervorragenden Kragen. Das Beste an den Hemden aber sind die gelben Schachteln, in denen sie kommen. Ich bewahre darin ein getipptes Romanfragment und die Einkommensteuererklärungen auf. Man kann überall im Internet lesen, dass die Hemden von Ign. Joseph in Italien hergestellt werden: The shirts are made in Europe by people who have the tradition and skills needed to make luxury clothing, the Italians, heißt es auf der Seite von Dantendorfer. Meine Hemden haben auch alle ein kleines Made in Italy Etikett. Aber jetzt stimmt das wohl nicht mehr, Ignatious Joseph hat sich von den Italienern verabschiedet. Die waren ihm zu teuer geworden und lieferten nicht mehr die Qualität, von der er träumte.

Ignatious Joseph, der seinen Firmensitz in Düsseldorf hat und den Italo-British Style pflegt, hat jetzt einen neuen Lieferanten. Nicht mehr in Italien, sondern in der Schweiz. Irgendwann werden Made in Italy und Made in Germany durch Made in Europe ersetzt, hat Joseph gesagt, aber Swiss Made wird immer Swiss Made bleiben. Vor sechzig Jahren gab es im Tessin noch fünfundzwanzig Hemdfabriken, heute gibt es nur noch eine einzige. Und die heißt Bruli und hat hier mit Schweizer Oberhemden schon einen Post. Die Hemden haben ein kleines Etikett, auf dem Swiss Made by Brulisauer SA steht. Über Josephs Wechsel zu der Schweizer Firma, die auch schon einmal die Hemden für Tom Ford und Ermenegildo Zegna genäht hatte, können Sie hier alles in der Schweizer Handelszeitung lesen. Ein bisschen Italien ist aber immer noch in den Hemden, denn die Näherinnen von Bruli, die Ignatious Joseph zehntausend Hemden im Jahr nähen, kommen alle aus Italien.

Mittwoch, 28. Dezember 2022

Beware of young girls


Als ihr Ehemann sie wegen einer jüngeren Frau verließ, flippte sie völlig aus. Die New York Times schrieb später darüber: Mr. Previn had begun an affair with the actress Mia Farrow, then in her early 20s, whom he later married, and Ms. Previn, who had a history of emotional fragility and mental illness, fell apart. Fearful of traveling in general and of flying in particular, she had a breakdown on an airplane that was waiting to take off, shouted unintelligibly and tore at her clothes, and spent several months in a psychiatric hospital. Die Frau, deretwegen ihr Mann sie verlassen hatte, war jung, sehr jung. Sie war eine Freundin der Betrogenen gewesen, ging bei ihr ein und aus. Sie hieß Mia Farrow und war gerade von Frank Sinatra geschieden. 

Die betrogene Ehefrau erzählte der ganzen Welt die Geschichte in einem Lied. Das Lied kannte auch Mia Farrow, die in ihrer Autobiographie What Falls Away schreibt: Dory Previn experienced things quite differently, and made that clear publicly through her songs. I am sorry to have contributed to her pain. Das Lied heißt ✺Beware of young girls, es findet sich 1970 auf Dory Previns erster Platte ✺On my way to where. Es ist leider nicht auf der Platte We're Children Of Coincidence And Harpo Marx, die ich schon sehr lange besitze. Ich habe in dem Post Rickie Lee Jones nichts Nettes über diese Platte gesagt, die ich damals nur gekauft hatte, weil die Sängerin Dory Previn auf dem Cover der Ingrid ein wenig ähnlich sah. Die auch schön singen konnte, aber nie in einem Flugzeug ausflippte. We're Children Of Coincidence And Harpo Marx war das letzte Studioalbum von Dory Previn, sie hat noch viel geschrieben und noch lange gelebt. Aber Beware of young girls hier wird immer an sie erinnern, ein Song, in dem jedes Wort der Wirklichkeit ihres Lebens entsprach:

Beware of young girls who come to the door
Wistful and pale, of twenty and four
Delivering daisies with delicate hands
Beware of young girls, too often they crave
To cry at a wedding, and dance on a grave

She was my friend, my friend, my friend
She was invited to my house
Oh yes, she was
And though she knew my love was true
And no ordinary thing
She admired my wedding ring
She admired my wedding ring

She was my friend, my friend, my friend
She sent us little silver gifts
Oh yes she did
Oh what a rare and happy pair she inevitably said
As she glanced at my unmade bed
She admired my unmade bed
My bed

Beware of young girls who come to the door
Wistful and pale, of twenty and four
Delivering daisies with delicate hands
Beware of young girls, too often they crave
To cry at a wedding, and dance on a grave


She was my friend, my friend, my friend
I thought her motives were sincere
Oh yes I did
Ah, but this lass, it came to pass
Had a dark and different plan
She admired my own sweet man
She admired my own sweet man

We were friends
Oh yes we were
And she just took him from my life
Oh yes she did
So young and vain, she brought me pain
But I'm wise enough to say
She will leave him one thoughtless day
She'll just leave him and go away
Oh yes

Beware of young girls who come to the door
Wistful and pale, of twenty and four
Delivering daisies with delicate hands
Beware of young girls, too often they crave
To cry at a wedding, and dance on a grave

Beware of young girls
Beware of young girls
Beware

Die Geschichte von dem Songtext von Dory Previn und Mia Farrow könnte hier zu Ende sein, aber es gibt da noch eine kleine perverse andere Geschichte mit einem Songtext, der auch auf der Platte On my way to where ist. Die Sache ist durch die TV Serie Allen vs. Farrow im letzten Jahr wieder hochgekocht worden, es geht um den angeblichen Mißbrauch von Woody Allen an seiner siebenjährigen Adoptivtochter Dylan Farrow. Die 2014 in einem Brief an die New York Times geschrieben hatte: What’s your favorite Woody Allen movie? Before you answer, you should know: when I was seven years old, Woody Allen took me by the hand and led me into a dim, closet-like attic on the second floor of our house. He told me to lay on my stomach and play with my brother’s electric train set. Then he sexually assaulted me. He talked to me while he did it, whispering that I was a good girl, that this was our secret, promising that we’d go to Paris and I’d be a star in his movies. I remember staring at that toy train, focusing on it as it traveled in its circle around the attic. To this day, I find it difficult to look at toy trains.

Woody Allen hat das immer bestritten, und er hat gegenüber der Presse erklärt, dass Mia Farrow ihrer Adoptivtochter die Geschichte eingeflüstert habe. Und dafür den Liedtext von Dory Previn ✺With my Daddy in the attic verwendet habe. Lassen Sie mich daraus einige Zeilen ziteren: 

With my Daddy in the attic, 
That is where my being wants to bed… 
With the door closed on my mama and my sibling competition, 
And my Shirley Temple doll that truly cries… 
With my Daddy in the attic, 
That is where my dark attraction lies…
In the terrifying nearness of his eyes,
With no window spying neighbors,
And no husbands in the future,
To intrude upon our attic,
Past the stair where we’ll live on…
And he’ll play his clarinet when I despair,
With my Daddy in the attic,
With my Daddy in the attic…

In seiner Autobiographie Apropos of Nothing hat Woody Allen geschrieben, dass ihn Dory Previn während der Sorgerechtsprozesse angerufen und ihn gewarnt habe: She alerted me to a song she’d written, the lyric of which referred to some encounter that went on between a little girl and her father in the attic. She told me Mia would sing it, and she was certain that’s what gave Mia the idea to locate a fake molestation accusation she would make in the attic. Popsongs sind eine gefährliche Sache.

Samstag, 24. Dezember 2022

Wiehnachten


Un tau dei Tid let dei Kaiser Augustus utgewen, dei ganzen Lüd süllen up 't frisch für dei Stüer upschrewen warden. Un dit wir dat irste Mal wil dei Tid, dat Kyrenius dei Landshauptmann in Syrienland wir. Dunn würd denn nu jederein nah sin Heimat reisen, dat hei sick dor upschriwen let. Un ok Joseph reist‘ ut Galiäaland, ut dei Stadt Nazareth, nah Land Judäa nah David sin Stadt, nah Bethlehem. Denn hei stammt‘ jo her ut David sin Hus un Geslecht. Hei müßt sick ok ni upschriwen laten. Un sin Fru Maria nehm hei mit. Dei drög ’n Kind unner ’n Harten. Un as sei nur dor wiren, dunn wiren ok ehr Dag‘ dor, un ehr irst lütt Jung würd buren. Un sei wikkelt‘ em trecht in Dauk‘ un led em in ne Krüww, denn sei wüßt süs nich, wohen mit em.
       Un dor wiren Hirers dicht bi up’n Fell‘. Dei wakten nachts bi ehr Haud. Un unsern Herrgott sin Engel kem ehr tau Gesicht, un ’n hellen Glast von Gott sin Herrlichkeit würd bi ehr uplüchten, un sei würden dull bang. Dunn säd dei Engel tau ehr: „West nich bang! Kikt, ick mag jug grote Freud kund, dei gellt för dei ganzen Minschen. Denn dei Heiland is hüt för jug buren in David sin Stadt. Dat is dei Herr Christus. Un an dit Teiken sallt ji em kennen: Ji warden ’n lütt Kind finnen, dat is trecht wickelt un liggt in ne Krüww.“
       Un mit eins wiren bei den Engel ok gortau veel anner Engels ut ’n Himmel. Dei lawten Gott un süngen dorbi: „Ihr wes Gott den Herrn in ’n hogen Hewen, Fred up Irden för dei Minschen gauden Hartens!“
       Un as nu dei Engels von ehr wedder nah ’n Himmel flagen wiren, dunn säden dei Hirers dei ein tau ’n annern: „Wi will’n nu hengahn nah Bethlehem un will’n uns dat ankiken, wat uns Herrgott uns hett weiten laten.“
       Un sei güngen rasch hen un fünnen Maria un Joseph un dat Kind dor in dei Krüww. As sei 't oewerst seihn hadden, dunn verteilten s‘ ehr, wat ehr oewer dat Kind seggt wir. Un all, dei 't hüren deden, verwunnern sick dor oewer, wat ehr von dei Hirers seggt würd. Un Maria künn all des Dingen nich vergeten un würd s‘ in ’n Harten behollen. Un dei Hirers güngen wedder trüg un lawten und pristen Gott wegen alls, wat s‘ hürt un seihn hadden, so as 't tau ehr seggt wir.


Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Weohnachtsfest.

Donnerstag, 22. Dezember 2022

Pierre Brasseur


Der französische Filmschauspieler Pierre Brasseur wurde am 22. Dezember 1905 in Paris geboren. Er ist hier im Blog schon in den Posts La vie de château und deux histoires d'amour erwähnt worden. Er war in vielen Filmen zu sehen, auch in solchen Filmen, die Klassiker des französischen Kinos geworden sind. Wie in Hafen im Nebel (Le quai des brumes) mit Jean Gabin oder in Kinder des Olymp (Les enfants du paradis) an der Seite von Arletty. Hier sind die beiden auf einem Szenenphoto zu sehen.

Brausseur war allerdings auch in dem bescheuertsten Film, den ich je gesehen habe: Vögel sterben in Peru (Les oiseaux vont mourir au Pérou). Als wir damals aus dem Kino kamen, fragte mich die Gila: War da irgendein Sinn drin? Ich konnte die Frage nicht beantworten. Irgendjemand hatte uns erzählt, dass der Film ganz toll sei, weil da Jean Seberg drin war, die wir aus A bout de souffle kannten. Und Maurice, der Hauptdarsteller von Fahrstuhl zum Schafott. Und eben Pierre Brasseur, der in ✺Die großen Familien (Les grandes familles) und ✺La vie de château so großartig gewesen war. Und Danielle Darrieux, die kurz zuvor als Lady Chatterley zu sehen gewesen war.

In diesem Film spielt Brasseur den Ehemann von Jean Seberg, einer jungen Nymphomanin, die den Tod sucht. Junge Nymphomaninnen, die den Tod suchen, sind ein schönes Thema für Pornofilme, und die merikanische Zensur reihte ihn auch in diese Kategorie ein. Es war der erste Film, dem die amerikanische Motion Picture Association das Prädikatat X gab. Obgleich das kein richtiger Porno war, aber Szenen wie diese mit der halbnackten Jean Seberg am Strand reichten offenbar für die Beurteilung aus.

Pierre Brasseur (dessen deutsche Stimme in dem Film Siegfried Schürenberg war) spielt in diesem Film den sadomasochistischen Ehemann der sexsüchtigen Seberg, mit der er auf einer Weltreise in Peru gelandet ist. Er hat einen schönen Rolls Royce, aber das ist dann auch das einzig Schöne an diesem Film, der Rolls Royce und die halbnackte Jean Seberg. Der Spiegel hatte 1968 kein nettes Wort für den Film übrig: Vögel sterben in Peru (Frankreich; Farbe) ist kein tierfreundliches Werk von Grzimek, mögen auch zur Kulturfilm-Musik noch so viele Möwenschwärme über Strand und Meer rauschen. Romain Gary, 54, französischer Diplomat und Erfolgsautor, hat die Vögel-Tragödie nach einer eigenen Erzählung inszeniert -- mit der eigenen Ehefrau Jean Seberg im höchst tragischen Hauptpart. 
     Denn sie wälzt und wälzt sich als blonde Nymphe Adriane im nächtlichen Sand und im klapprigen Lusthaus, unter peruanischem Jungvolk und am Herzen der Bordelldame Fernande (Danielle Darrieux), und keiner, keine kann ihr helfen -- auch der gestrandete Dichter mit den traurigen Augen (Maurice Ronet) nicht, der sie in letzter Sekunde aus dem Ozean fischt. Sie liebt bis zum Zerbrechen und wird nimmer satt: Die Dienste ihrer Liebhaber im heißen Klima bei Lima sind wie Garys Regie -- unbefriedigend.
       
Gary, der sich seit langem zum Retter alteuropäischer Fabulierkunst berufen fühlt, schätzt selbst als Regie-Debütant noch die klassische Metapher. Er filmt Adrianas wabbeligen Ehemann (Pierre Brasseur) im Rolls-Royce als welken Othello und gibt ihm einen rüden Chauffeur. vormals Fremdenlegion, mit auf die Suche nach der streunenden Gattin -- der stopft als Kaugummi kauender Todesengel á la Cocteau sandauf, sandab durch die Dünen.
       Doch statt ihrer sinkt der Chauffeur dahin, und wo er anhielt, fährt der Dichter fort -- Othello nimmt ihn in seinen Sold, bedeutungsschwanger lächelt Adrians. Sie blickt zum Horizont und denkt: Helft den armen Vögeln. Da strahlt auch das ganze Parkett: Paloma, ohé.

Der Regisseur des Films war Romain Gary, der ein wenig so aussieht, als sei er der Zwillingsbruder von Pierre Brasseur. Es war sein erster Film, eigentlich war er Schriftsteller. Das Drehbuch hatte er auch geschrieben. Und mit der nymphomanen Hauptdarstellerin war er verheiratet. Die hatte noch ein Jahr zuvor gesagt, sie würde nie in einem Film auftreten, bei dem ihr Ehemann Regie führte. Nun tat sie es. Es war ein Fehler. Die Kritiker verrissen den Film.

Beinahe fünfzig Jahre hat Pierre Brasseur vor der Kamera gestanden. Hier sehen wir ihn mit einem weißen Anzug neben Danielle Darrieux, die eine Bordellwirtin spielt. Den Ehemann einer Nymphomanin zu spielen, war nicht seine größte Rolle. In vielen Filmographien von Brasseur wird der Film gar nicht erwähnt, als ob es ihn nie gegeben hätte. Im Internet gibt es eine wirklich schlechte Kopie des ✺Films, aber arte hat etwas ganz Wunderbares. In der Reihe ✺Blow Up gibt es hier in zehn Minuten alles über den Film, bösartig und komisch. Als wir damals das Studio am Dreiecksplatz verließen, sagte Gila: Sowas gucken wir uns nie wieder an. Nen, dies war kein Film, den man ein zweites Mal sehen wollte. Auf die Liste der films de ma vie kommt er jedenfalls nicht. Hätten wir an der Kasse das Eintrittsgeld zurückverlangen sollen?