Freitag, 7. Januar 2011

Trevor Howard


Als er Brief Encounter drehte, war sein Ruf als Schauspieler gesichert. Mit Carol Reeds The Third Man (für das Graham Greene das Drehbuch geschrieben hatte) wurde er wirklich berühmt. In einer anderen Graham Greene Verfilmung, The Heart of the Matter, hat er auch die Hauptrolle gespielt. Natürlich war er auch Captain Bligh in der Meuterei auf der Bounty. Und der Air Vice Marshal Keith Park in der Battle of Britain. Offiziere zu spielen gelang ihm immer, er war selbst einer im Zweiten Weltkrieg gewesen. War aber schon früh aus der Armee entlassen worden, angeblich wegen psychischer Instabilität.

Wahrscheinlich hat er da schon getrunken. Er war ein legendärer Säufer. Ebenso wie Richard Burton, Oliver Reed und Peter O'Toole. Über die genialen Säufer der englischen Bühne gibt es ja hunderte von Anekdoten. Wenn mehrere Herren frühmorgens betrunken auf einer Londoner Straße lagen und Shakespeare zitierten, waren entweder Trevor Howard oder Peter O'Toole immer dabei. If I had all the money I'd ever spent on drink, I'd spend it all on drink, hat er einmal gesagt. Inzwischen gibt es nicht nur Anekdoten über die hellraisers sondern ein ganzes Buch von Robert Sellers: Hellraisers: The Life and Inebriated Times of Richard Burton, Richard Harris, Peter O'Toole, and Oliver Reed. Trotz ihres Alkoholkonsums haben die Herren es aber immer noch fertigbekommen, auf der Bühne oder vor der Kamera ihren Mann zu stehen und ihren Part zu spielen. Richard Burton kann ja meinetwegen soviel trinken wie er will, aber wie er mit seiner walisischen Sing-Sang Stimme Under Milkwood oder die Gedichte von Thomas Hardy spricht, das ist schon einsame Klasse.

Trevor Howard hat so ganz nebenbei auch Modegeschichte geschrieben. Nicht wegen dieses maßgeschneiderten Tweedanzugs (man beachte das lange Knopfloch am Revers!), sondern wegen des Kleidungsstücks, das er als Major Calloway in The Third Man trägt (während der Dreharbeiten soll er häufig auch noch seine alte Army Uniform getragen haben). Niemand hat in einem Dufflecoat so gut ausgesehen wie er. Ich ganz bestimmt nicht. Den ersten - den mir meine Eltern kauften als ich in einem Alter war, wo man sich noch nicht gegen den Geschmack der Eltern wehren kann - den habe ich gehasst. Meine Mutter hat mir dann noch ein rotes Tartanfutter reingenäht, damit er etwas hübscher aussah. Hat aber nicht viel geholfen.

Jahrzehnte später habe ich noch einen Versuch gemacht und mir eins dieser brettharten, schuß- und bißsicheren Teile gekauft, die man bei Ladage&Oelke in Hamburg bekommt. Trägt ja halb Hamburg und kommt sich damit furchtbar englisch vor. Aber mit diesem Dufflecoat bin ich auch nicht glücklich geworden, ich habe ihn eines Tages verschenkt, Englishness hin oder her. Wir wissen natürlich alle, dass Monty so ein Teil getragen hat, aber eigentlich war der Dufflecoat ein Mantel der Royal Navy. So wie ihn Jack Hawkins in The Cruel Sea trägt. Erstaunlicherweise war er als Navyuniformstück nicht blau, der hatte genau die Farbe von Trevor Howards Mantel. Wer den Mantel erfunden hat, ist nicht so ganz geklärt. Die Firma Gloverall, die immer noch diesen modischen Dauerbrenner herstellt, wird immer mit dem Teil in Verbindung gebracht. Allerdings hat mir ein Vertreter der Firma Tibbett einmal erzählt, dass seine Firma den Dufflecoat erfunden und als erste geliefert hat. Gloverall soll nur in dies Geschäft gekommen sein, weil sie nach Kriegsende die Reste der unverwüstlichen Navymäntel als navy surplus gekauft haben. Vielleicht ist diese Geschichte aber auch nur Seemannsgarn. Wie Gloverall ist Tibbett immer noch im Geschäft, auch wenn es nicht mehr die originale Firma ist, dafür steht jetzt der Name Montgomery auf dem Label der Dufflecoats.

Ich hoffe, Sie haben das bewundernd registriert, wie ich in einen Artikel über Trevor Howard (der heute vor 23 Jahren starb) eine kleine Geschichte des Dufflecoats eingeschoben habe. Ich komme damit Leserwünschen nach, die mir zum Jahresende übermittelt wurden, und die sich auf den Satz: wir wollen mehr Herrenmode in diesem Blog reduzieren lassen. Aber, mesdames et messieurs, die erste Woche des Jahres ist noch nicht zu Ende, und es gab schon Hüte und Dufflecoats. Mehr kann man nicht wollen.

Wenn man wie Trevor Howard mit zwei Filmen (Brief Encounter, The Third Man) angefangen hat, die alle Filmkritiker zu den größten Werken der englischen Filmkunst zählen, dann wird man dieses Niveau nicht immer aufrechterhalten können. In dem doch etwas schrottigen Film Die Seewölfe kommen hätte er lieber nicht mitspielen sollen. Obgleich er auch diese Nebenrolle gut ausfüllt, er kann in Nebenrollen sehr gut sein. Wie zum Beispiel dem Dr. Rank in Loseys Verfilmung von Ibsens Nora (A Doll's House 1973).

Am besten fand ich Trevor Howard in einem Schwarzweißfilm, der überhaupt nicht mehr auf dem Markt zu bekommen ist, nämlich Carol Reeds Verfilmung von Joseph Conrad zweitem Roman An Outcast of the Islands. Mit einer Starbesetzung (Robert Morley als Almayer, Trevor Howard als Peter Willems und Ralph Richardson als Captain Lingard) war der Film 1953 bei den Kritikern ein Flop, gilt aber vielen Kritikern bis heute als die beste Joseph Conrad Verfilmung. Und manchen auch als die beste schauspielerische Leistung von Trevor Howard.

So sagt Robert T. Moss - der jetzt das letze Wort über Trevor Howard haben soll - in seinem Buch über Sir Carol Reed: Trevor Howard, an actor of such consummate professionalims that he may never have given a less than competent performance, is at the top of his form in 'Outcast', which may be his best work as a film actor. It is most striking for the variety and intensity of passion that Howard was able to exhibit, a rare accomplishment from an actor whose countrymen are so noted for their sangfroid and emotional reserve. The spectrum of feelings through which Willem passes includes haughty smugness, disdain, ennui, cackling triumph, feverish love, rage, frenzy and morbid despair. His realization of these emotions never misses by a flicker.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Hüte


Wo ist sie hin, die Hutkultur? Vor einem halben Jahrhundert betrat der Mann von Welt niemals die Straße, wenn er nicht einen Hut auf dem Kopf hatte. Und Handschuhe trug. Das gehörte einfach dazu. Arbeiter trugen Mützen, Herren trugen Hüte. Heute tragen selbst Rentner, die sich eigentlich gut kleiden könnten, Basecaps. Wollen Sie irgendwelche New Yorker Rapper imitieren? Wirkt ja nur peinlich. Der Hutindustrie, wenn man von einer Industrie überhaupt noch reden kann, geht es schlecht. Was ist aus Vanzina geworden? Panizza scheint nur noch als Hutmuseum zu existieren. Borsalino soll es ja noch geben.

Christys stand vor wenigen Jahren vor dem Ruin, wurde aber gerettet. Lock & Co gibt es glücklicherweise noch immer, seit dreihundert Jahren im Familienbesitz. Ich weiß noch, als der Laden von Ernst Fricke in der Sögestraße in Bremen schloss, weil der Inhaber verstorben war. Und er war ein so feiner Herr, schluchzte die Verkäuferin, und er ist zweimal im Jahr London gefahren, um Hüte zu bestellen. Dafür hatten die Hüte, die er bei Lock & Co geordert hatte auch seinen Namen neben dem Firmenwapperl im Futter. Dass die Hüte aus England kamen, darauf legte man im anglophilen Bremen viel Wert. Aber die feinen Herren, die Hüte aus London tragen, sind eine bedrohte Spezies geworden.

Kennedy ist schuld, sagen manche Modehistoriker. Weil er Hüte gehasst hat. Das stimmt nicht so ganz, zu seiner Amtseinführung hat er einen Zylinder getragen, wie die Präsidenten vor ihm. Es war schweinekalt an dem 20. Januar 1961 als der Dichter Robert Frost sein Gedicht The Gift Outright vorlas. Und von der Sonne geblendet und Tränen in den Augen vom kalten Wind, mittendrin stockte. Kriegt er es zu Ende? fragten sich die Zuschauer. Er kriegte. Seit dem Tag gehören amerikanische Dichter schon beinahe zur Amtseinführung eines Präsidenten (Maya Angelou, Miller Williams, Elizabeth Alexander), Hüte nicht mehr. Das war der neue Kennedy Stil, der die Dichtung mit der Politik vermengte. Kennedy hat allerdings manchmal Hüte getragen, es gibt Photos davon. Aber die Kennedy Jahre markieren modehistorisch doch schon einen Einschnitt (nicht nur wegen des Zweiknopf Einreihers), der Hut verschwindet langsam aus der Öffentlichkeit.

Dabei ist die Öffentlichkeit der Ort, wohin der Hut gehört. Man trägt ihn nicht drinnen. Außer man heißt Indiana Jones (der das Modell Poet von Herbie Johnson trägt) oder Crocodile Dundee. Manchmal geht der Hut drinnen doch, da es Religionsgemeinschaften gibt, bei denen der Hut in der Kirche oder der Synagoge getragen wird. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch The Fall of Public Man einen Verfall der Umgangsformen nachgezeichnet. Über Jahrhunderte hat es - ich vereinfache Sennett mal ein wenig - Umgangsformen für das Draußen und das Drinnen gegeben. Die Umgangsformen für die Öffentlichkeit waren von anderer Art als die Umgangsformen im privaten Bereich. Sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber nicht mehr. Verließ man das Haus und betrat die Straße, war man in einer anderen Welt, die ihre eigenen Gesetze hatte. Der Begriff des Straßenanzugs kommt noch aus dieser Zeit. Dem Rentner, der mit einer Adidas Hose und Adiletten auf die Straße schlurft, um sich seine Bild Zeitung zu kaufen, ist das heute egal. Man wird für diesen Aufzug nicht mehr gesellschaftlich ostraziert. Die clothes police nimmt heute niemanden mehr in Gewahrsam. Dabei wäre das ein Desideratum von größerer gesellschaftlicher Bedeutung als das Rauchverbot, dass es diesen public man, von dem Richard Sennett spricht, wieder gibt. Die clothes police könnte dann auch gleichzeitig das Handyverbot in der Öffentlichkeit kontrollieren.

Ich muss es gestehen, ich liebe Hüte. Natürlich habe ich auch diese englischen und irischen Mützen in allen Farben. Obgleich ich davon mehrere habe, trage ich in den letzten Jahren nur diese braune Tweedmütze von Lock & Co., die bestimmt schon dreißig Jahre alt ist. Diese Dinge werden ja im Alter, wenn sie nicht von liebenden Frauen entsorgt werden, immer besser. Ich hatte mal einen blauen Bowler von Barbisio, den habe ich aber leichtfertig einer Theater AG geliehen. Als ich ihn zurückbekam, war er nicht mehr der gleiche. Da habe ich ihnen den für den Fundus geschenkt. Mein Hutvorrat (von Lock& Co., Christys, Herbert Johnson) hat vor zehn Jahren eine schöne Erweiterung erfahren, als ich bei einem Second Hand Laden ein halbes Dutzend der feinsten Hüte der Welt (ungetragen) für einen Fuffi kaufte. Und der Händler gab noch einen dazu.

Und neben den ganzen Borsalinos, Vanzinas und Pannizas ist dieses Gratisgeschenk mein Lieblingshut. Es ist ein graugrüner weicher Sporthut, leider ist sein Etikett irgendwann mal herausgefallen (man liest nur noch Firenze - Paris - London), das mir versicherte, dass er aus lapin sei. Ich weiß, was das ist. Ich war vor Jahrzehnten der einzige in meinem Bataillon, der kein lapin au vin rouge gegessen hat, als wir ein Vierteljahr in Frankreich im Manöver waren (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Weil ich Offizier vom Dienst war und zu spät zum Essen kam, da war das Kaninchen alle. Der Koch hat mir ein paar Spiegeleier gemacht. Wenige Stunden später war ich der einzige im Bataillon ohne Lebensmittelvergiftung. Seitdem weiß ich, dass lapins nicht zum Essen da sind, sondern nur für Hüte gut sind.

Wenn die meisten Männer heute keine Hüte mehr tragen, gibt es doch Bereiche, in denen die Kopfbedeckungen noch florieren. Zum Beispiel der jetzt bevorstehende Karneval, wo Männer, die niemals einen schönen Borsalino aufsetzen würden, sich die seltsamsten Papphüte auf den Kopp setzen. Und natürlich die Welt des Films. Viele Filme wären nichts ohne Hüte. Sean Connery trägt in den frühen James Bond Filmen selbstverständlich einen Hut, den er dann  elegant in Miss Moneypennys Büro durch die Luft segeln lässt. Solche Trilbys gibt es heute noch zu kaufen, schauen Sie doch einmal hier hinein. Und was wäre Alain Delon in Der eiskalte Engel ohne seinen Borsalino? Der ganze Film lebt doch von diesem Hut. Und auch Monsieur Hulot ohne porkpie geht nun gar nicht.

Ich habe beschlossen - einer der vielen guten Vorsätze für das neue Jahr - irgendwann an dieser Stelle noch mehr über Hüte zu schreiben, über Trilbys, Porkpies, Homburgs und ➱Bowler. Vielleicht gibt es dann wieder eine Hutkultur. Und wenn wir eine Hutkultur haben, kriegen wir vielleicht auch wieder einmal eine richtige Kultur. Ach, wäre das schön.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Arturo Benedetti Michelangeli


Man müßte Klavier spielen können,
Wer Klavier spielt hat Glück bei den Fraun.
Weil die Herrn, die Musik machen können,
Schnell erobern der Damen Vertraun.

Der Klang des bespielten Klavieres
Wirkt auf jede erregend wie Sekt,
Und ihre geheimsten Gefühle
Werden piano doch forte geweckt.

Ich weiß nicht, ob der italienische Pianist Arturo Benedetti Michelangeli, der heute vor einundneunzig Jahren geboren wurde, diesen Schlager gekannt hat. Hätte er darüber lachen können? Er wirkte immer etwas melancholisch, schien nicht ganz von dieser Welt. So viel Applaus, so viele Menschen, aber eine halbe Stunde nach dem Konzert fühlt man sich einsamer als zuvor, hat er einmal gesagt. Was macht manche Pianisten zu einem Mythos und andere nicht? Wilhelm Kempff oder Wilhelm Backhaus sind große Pianisten gewesen, aber hat es jemals einen derartigen Hype um sie gegeben wie um Glenn Gould oder Arturo Benedetti Michelangeli? Angela Hewitt oder Ragna Schirmer sind brillante Pianistinnen, aber werden sie verehrt wie Michelangeli? Die verdienstvolle Dokumentation von Philips Die grossen Pianisten des 20. Jahrhunderts präsentierte 74 Künstler von Géza Anda bis Krystian Zimmermann, aber nur wenige hatten diesen Nimbus, der Michelangeli umgab.

Seit die Salons des 19. Jahrhunderts die virtuosen Tastenlöwen hervorgebracht haben und das Klavier die Domäne der Töchter des Bürgertums wurde, hat es viele Klaviervirtuosen gegeben. Natürlich gibt es auch Karikaturen des Virtuosentum wie Richard Clayderman. Ich hatte mal eine Nachbarin, die spielte jeden Tag mit Schmackes stundenlang die Ballade pour Adeline. O manno, wie ich Rischarkleidermann gehasst habe. Man hätte eine Mietminderung verlangen sollen. 

Meine eigenen Klavierkünste sind begrenzt, zuerst hat mein Opa mich unterrichtet (der zu Anfang des Jahrhunderts als Dorfschulllehrer noch sonntags die Orgel spielen musste), dann wurde ich zur Klavierlehrerin geschickt. Der konnte ich nicht erzählen, dass ich eigentlich Jazzpianist werden wollte. Also blieb nur Die Schule der Geläufigkeit von Carl Czerny. Dann Sonaten von Friedrich Kuhlau, dann Bach und Mozart. Aber ich bewunderte meinen Klassenkameraden Lizzi Lißewski, der alles aus der Lamäng spielen konnte, Klassik und Jazz. Manchmal erlaubte mir der Leiter des Jugendheims, Hannes Meyer, dass ich auf dem etwas heruntergekommenen Flügel im großen Saal abends noch eine Stunde spielen durfte, wenn er schon zugesperrt hatte. Da habe ich für mich eine Art von Musik erfunden, für die später Keith Jarrett berühmt geworden ist. Ich hätte mir das patentieren lassen sollen.

Doch ich habe etwas von dem Klavierunterricht mitgenommen. Ich kann immer noch mit einer Münze auf dem Handrücken spielen, obgleich ich inzwischen gehört habe, dass diese Methode ziemlicher Quatsch ist. Ich kann Noten lesen und kann ziemlich gut falsche Noten hören. Und ich habe auf ewig eine Bewunderung für gute Pianisten, seien sie Männer oder Frauen. Das wird meine Klavierlehrerin freuen, die das jetzt bestimmt auf der Wolke im Himmel liest, wo alle Klavierlehrerinnen sitzen, die wir in unserer Jugend nicht geliebt haben. Es wird sie aber auch freuen, dass ich mir, als ich an der Uni pensioniert wurde, als erstes ein neues Klavier gekauft habe.

Arturo Benedetti Michelangeli wollte eigentlich Violinist werden (als er drei Jahre alt war), ist dann aber beim Klavier gelandet, weil sein Vater, den er sehr verehrte, auch Klavier spielte. Bei seinem ersten Konzertauftritt war er fünf. Er kam auf die Bühne, verbeugte sich und verschwand wieder. Wurde wieder aus dem Vorhang geschubst, verschwand wieder. Es dauerte einige Zeit, bis man hinter der Bühne begriff, dass er keinen Schiss hatte und von der Bühne fliehen wollte. Er suchte nur einen Erwachsenen, der ihn auf den Klavierschemel hievte. Danach spielte er, blond und schön (wie seine spätere Frau Giuliana sagte), unaufgeregt und brillant zwei Czerny Etüden. Die Geschichte mit dem Klavierschemel gibt es auch in einer anderen Version, wie es überhaupt für alles in seinem Leben mehrere Versionen gibt. Man weiß wenig über das Leben von ABM. Aber die Geschichte, dass er 1939 bei einem Wettbewerb als ersten Preis eine Armbanduhr und eine Mitgliedskarte der faschistischen Partei erhielt, die Armbanduhr einsteckte und den Parteiausweis liegen ließ, die ist wohl wahr. Dass er Jagdflieger in der italienischen Luftwaffe war, entspricht wahrscheinlich  nicht der Wahrheit, dass er dem Widerstand nahestand, wohl schon. Dass er schnelle Sportwagen geliebt hat und mit Todesverachtung mit überhöhter Geschwindigkeit über enge italienische Landstraßen gebrettert ist, dafür gibt es viele Zeugen.

Er hat nicht nur sein Privatleben verteidigt, er hat auch eine Aura der Unnahbarkeit verbreitet. Kritiker empfanden das manchmal als Arroganz gegenüber den Hörern. la faccia del silenzio, hat ihn eine italienische Zeitung genannt. Für Camilla Cederna, die ihn einmal interviewt hat, war sein Gesicht aus Marmor, abstrakt, kaum jemals lächelnd. Journalisten müssen ja immer übertreiben. Er hat lange geprobt, bevor er etwas öffentlich spielte. Für Beethovens Sonate Opus 111 jahrelang. Da erzählte man in der Nachbarschaft, dass die Vögel in seinem Garten die schon mitzwitschern konnten. Den zweiten Satz mit dem schönen sangbaren Teil (den Thomas Mann als Hommage an Theodor Wiesengrund Adorno in seinem Doktor Faustus als Wiesengrund, o Wiesengrund anklingen lässt) ganz bestimmt. Sein Repertoire ist auch - ähnlich wie bei Glenn Gould - relativ klein gewesen, man sollte alles kennen und dann auswählen, was man für sich selbst spielt und was man in der Öffentlichkeit spielt.

Bevor ich ihn entdeckte, hießen meine Helden Van Cliburn und Glenn Gould. Und Champion Jack Dupree. Den hatte ich vor einem halben Jahrhundert nachts mit einem Transistorradio auf einem Segelboot im Hafen von Kopenhagen gehört. My name is Champion Jack Dupree, and they are broadcasting me... Jahre später habe ich ihn nach einem Konzert hinter der Bühne erwischt. Und da hat er mir mit einem dicken schwarzen Filzer, wie ihn die Möbelpacker zum Beschriften den Umzugskisten verwenden, ein Autogramm auf die in einer Plastiktüte mitgeschleppte Platte geschrieben. Yours Champion Jack Dupree 1975 steht da rechts oben in der Ecke. Hätte ABM sowas gemacht?

Die Schönheit der Töne ergreift uns, haut uns um. Ob Orpheus die Welt mit seiner Stimme verzaubert oder ob Glucks Orpheus J'ai perdu mon Eurodice singt, es verwandelt unseren Alltag. Die sechzehnjährige Göre im Adidas Trainingsanzug, die zu ihrem Auftritt bei Jugend musiziert zu spät kommt und dann durch das ganze Kirchenschiff scheest, die Treppe hinauf, und dann auf der Orgel einen göttlichen Bach spielt, ist sie noch die gleiche, die eben die Kirchenruhe störte? Oder hat sie mit ihrer Fähigkeit, uns durch ihr Orgelspiel zu verzücken, jetzt göttliche Dimensionen angenommen? Der deutsche Archäologe Ludwig Curtius hat Arturo Benedetti Michelangeli 1942 in Italien erlebt. Und in seiner kurzen Skizze (die sich in Torso: Verstreute und nachgelassene Schriften und nicht in seinen Lebenserinnerungen Deutsche und Antike Welt findet) wird Benedetti Michelangeli zu einem jungen Gott. Curtius kommt aus einer anderen Zeit, der darf so etwas sagen. Bevor er Professor für Archäologie wurde, war der Schüler von Adolf Furtwängler bei dem als Privatlehrer seines Sohnes Wilhelm beschäftigt. Bei dem größten pianistischen Gottesanbeter unserer Republik, Joachim Kaiser, klingt in seinem Kapitel über ABM in seinem Buch Große Pianisten in unserer Zeit auch viel Überirdisches an. Joachim Kaiser ist ein gebildeter Mann, ohne Frage, aber ich kann das nicht ab, wie er über Musik redet. Und das ist ja auch seit Jahrzehnten das gleiche Geschwafel, und es ist diese quallige Geschwöge (das quallige Geschwöhge ist nicht von mir, ich habe es letztens gelesen, und es gefiel mir), das für viele Menschen offensichtlich einen Musikkritiker ausmacht.

Als Joachim Kaiser sein Große Pianisten in unserer Zeit schrieb, konnte er noch nicht auf sehr viele ABM Platten zurückgreifen, es gab nur wenige. Das ist heute anders. Es gibt mittlerweile im Netz auch eine Diskographie. Ich habe inzwischen 47 CDs. Das bedeutet aber nichts, denn ABM CDs zu kaufen ist so etwas wie Überraschungseier kaufen. Inzwischen habe viele Studios ihre Archive geöffnet. Erstklassige Aufnahmen aus dem Maida Vale Studio der BBC, knisternd Knackendes von der RAI. Warum sind eigentlich Jazz-Aufnahmen aus den dreißiger und vierziger Jahren technisch gut und Klassikaufnahmen aus der gleichen Zeit so kläglich?

Der Markt ist überschwemmt mit Raubkopien (gegen die der Meister einen lebenslangen Kampf geführt hat) und unautorisierten Konzertmitschnitten. Die häufig von unterirdischer Aufnahmequalität sind. Aber auch da kann man Überraschungen erleben: während das Orchestra Sinfonica di Roma della Radiotelevisone Italiana im Hintergrund dahinwabert, gibt es plötzlich kristalline Klavierpassagen, die einen aufhorchen lassen. Wahrscheinlich liegt der Effekt auch darin, dass klangliche Welten zwischen dem Pianisten und dem störenden Orchester liegen. Am besten ist man, sagt man ja immer, aufnahmetechnisch mit den Aufnahmen der Deutschen Grammophon beraten. Obgleich die so wirklich toll leider auch nicht sind (aber immer noch besser als die EMI Aufnahmen aus den Abbey Road Studios). Und ganz oben stehen da natürlich seine Debussy Aufnahmen.

Wenn Sie noch nie etwas von ABM, diesem jungen Gott, den Alfred Cortot 1939 den neuen Liszt genannt hat, gehört haben sollten, oder immer einen Bogen um ihn gemacht haben sollten und jetzt fragen: womit anfangen? dann wäre meine Antwort ganz klar und einfach. Nehmen Sie die vier Mozart Klavierkonzerte (KV 415, 450. 466, 503), die er 1989 mit Cord Garben und dem NDR Orchester in Bremen und Hamburg aufgenommen hat. Und vielleicht wäre ein preiswerter Zehnerpack ABM auch nicht schlecht. Und dann werden Sie die Debussy CDs haben wollen, und die schönen Haydn Klavierkonzerte. Scarlatti, Albéniz, Granados und Mompou. Und am Ende haben Sie ganz viele CDs von ABM. Es ist ein klein wenig wie eine Sucht.

Er ist mit achtzehn Professor am Konservatorium geworden, und er hat länger als ein Vierteljahrhundert unterrichtet. Er hat gerne unterrichtet. Das passt kaum ins Bild von dem einsamen Virtuosen, dem faccia del silenzio. Er hat auch so nebenbei Amateure aus seiner Nachbarschaft unentgeltlich unterrichtet. Über seine Lehrtätigkeit hat er 1966 gesagt: Ich widme ihr einen großen Teil meiner Zeit und sie kostet mich sehr viel Energie. Der Unterricht, den ich gebe, ist zeitlich nicht begrenzt. Ich bin für meine Schüler jederzeit da, wenn sie Rat brauchen. Vielleicht tue ich dies aus einem Mangel an Egoismus. Und er hat hinzugefügt - und das ist sicherlich sein eigenes Credo gewesen: Die meisten Studenten müssen anfangen, Musik zu studieren, nachdem sie das Konservatorium absolviert haben. Technik hat erst dann einen Wert, wenn sie für musikalische Zwecke angewandt wird. Zu viele Pianisten üben heutzutage ihre Musik wie Klavierspieler aus. Die Aufgabe eines Künstlers ist, die Gedanken und die Aussage eines Komponisten zum Leben zu erwecken. Dazu muss man die Musik spielen und nicht nur die Noten.


Dienstag, 4. Januar 2011

James Bond


Heute vor 110 Jahren wurde James Bond in Philadelphia geboren. Er war ein in der Fachwelt weltweit bekannter Ornithologe. Sein Standardwerk über die Vogelwelt der Karibik Birds of the West Indies erschien 1936. Es lag auch auf dem Nachttisch eines englischen Hobby Ornithologen, der einmal im Jahr aus dem regnerischen England in die Karibik flüchtete. Und der eines Tages begann, seinem älteren Bruder Peter nachzueifern und auch Bücher zu schreiben. Dessen Buch The Sixth Column aus dem Jahre 1953 ist von keinem Geringeren als Arno Schmidt ins Deutsche übersetzt worden. War das rororo Taschenbuch Nummer 80 und erschien im April 1953. Ich dachte, dass dafür inzwischen Liebhaberpreise gezahlt würden, aber man kann es bei Amazon Marketplace antiquarisch noch ganz preiswert bekommen. Billiger als Brigitte Kronauer, aber viel witziger.

Im gleichen Jahr wie Peter Flemings The Sixth Column erschien auch Ian Flemings erster Roman Casino Royale. Geschrieben in seinem Haus Goldeneye auf Jamaica. Da wo das Buch des Ornithologen James Bond auf dem Nachttisch lag. Ein Spionageroman braucht natürlich einen guten Namen für den Helden, und was lag da näher als dieses schlichte James Bond auf dem Cover von Birds of the West Indies? Gesagt, getan, It struck me that this brief, unromantic, Anglo-Saxon and yet very masculine name was just what I needed, and so a second James Bond was born, hat Ian Fleming der Ehefrau des Ornithologen in einem Brief geschrieben.

Die Schriftstellerin Mary Wickham Bond hat 1966 ein kleines Büchlein darüber geschrieben, wie man sich mit einem zweiten Mann namens James Bond zurechtfindet. Denn irgendwann wurde der ja berühmt. Nicht gleich mit Casino Royale, das war erstaunlicherweise - kann sich heute niemand mehr vorstellen - auf dem Buchmarkt ein Flop. Aber irgendwann las Mrs Bond in der Presse seltsame Dinge über ihren Gatten, die definitiv nichts mit der Vogelkunde zu tun hatten. Und wenn der Anfang der sechziger Jahre in einem Hotel am Empfang den Satz sagte My name is Bond, James Bond, was glauben Sie, was dann passierte? Brüllendes Gelächter am Tresen? Konsterniertes Schweigen und dann ein akzentuiertes: Sir? Das Ehepaar Bond, das Ian Fleming eines Tages in Jamaica kennenlernte - bei der Gelegenheit überreichte Fleming Bond seinen neuesten Roman mit der Widmung To the real James Bond, from the thief of his identity - hat nicht nur Nachteile aus der Sache mit der Namensgleichheit gehabt. Und keineswegs soviel Ärger wie Ian Flemings verhasster Nachbar ➱Ernö Goldfinger, der ja auch in einen Roman wanderte.

Mit dem Anglo-Saxon name hatte Fleming Recht, der Name Bond ist alt. Er taucht schon im Altenglischen als ein status name für einen Farmer, einen husbandman auf. Husbandmen sind im Status eins unter der yeoman. Nach der Invasion der Normannen verliert er seinen Status und (so der Oxford Names Companion) became associated with the notion of bound servitude. Das bound servitude passt doch prima auf 007. So wie auf dieser Schwarz-Weiß-Zeichnung sollte er nach Fleming aussehen. Inzwischen haben wir so viele Inkarnationen von ihm, dass wir langsam die Übersicht über die vielen Bonds verlieren. Weshalb aber Robbie Williams in einem Song mit Kylie Minogue über einen honorary Sean Connery singt, der down for ornithology ist, das weiß ich wirklich nicht.

I'm an honorary Sean Connery, born '74
There's only one of me
Single-handedly raising the economy
Ain't no chance of the record company dropping me
Press be asking do I care for sodomy
I don't know, yeah, probably
I've been looking for serial monogamy
Not some bird that looks like Billy Connolly
But for now I'm down for ornithology
Grab your binoculars, come follow me


Montag, 3. Januar 2011

Victor Borge


Den Namen Victor Borge hat er in Amerika angenommen, eigentlich hieß er Börge Rosenbaum und war ein Däne. Heute vor 102 Jahren in Kopenhagen geboren. Aber wenn man Rosenbaum heißt und es nicht lassen kann, im Konzertsaal Witze über die Nazis zu machen, dann kommt das bei den Besatzern im Jahre 1940 nicht so gut an. Nur Klavier zu spielen war ihm irgendwann zu langweilig, und deshalb erfand er diese unnachahmliche Kombination von einem Klaviervirtuosen und einem Komiker. Die ihm schöne Beinamen eintrug: The Clown Prince of Denmark oder The Unmelancholy Dane.

Aber bei aller Komik sollte man nicht vergessen, dass er auch ein hervorragenden Pianist war und sicherlich auch eine Karriere als seriöser Konzertpianist hätte machen können. Wenn da nicht die Lust am Witzeerzählen gewesen wäre. Als er in Amerika ankam, konnte er kein Wort Englisch, das musste er lernen - er lernte es im Kino - wenn er mit seiner Piano-Comedy Nummer weitermachen wollte. Dänische Witze verstehen die Amerikaner nicht so gut. Heute gibt es ja den Holländer Hans Liberg, der auch Witze am Piano macht. Aber der ist nichts gegen Victor Borge. Weil Borge auch jeden stand-up comedian an die Wand spielen konnte, wenn er nicht Klavier spielte. Liberg kommt in japanische Designerklamotten gehüllt auf die Bühne und spielt den Clown, die Witze sind voraussagbar. Victor Borge war der Gentleman, bei dem man nicht erwartete, dass er einen plötzlichen Rollenwechsel im Repertoire hatte.

Ich habe den Great Dane vor beinahe einem halben Jahrhundert bei dänischen Bekannten im Fernsehen gesehen. Natürlich schwarz-weiß, mehr gab es bei Danmark Radio noch nicht (in Deutschland auch nicht). Machte aber gar nichts. Ich war damals hin und weg von dem Mann. Hätte sofort eine DVD von ihm gekauft, aber so etwas gab es damals noch nicht (heute kann man ihn auf CD und DVD und im Internet hören und sehen). Ich habe ihn dann noch häufig im Radio gehört, und irgendwann tauchte er auch im deutschen Fernsehen auf. Besonders seine Nummer mit der Phonetic Punctuation war damals besonders beliebt. War das Äquivalent zu Jerry Lewis mit seiner Schreibmaschinennummer. Aber es gibt noch anderes und besseres als die Sache mit der phonetic punctuation. Wenn Sie Google mit Victor Borge füttern und dann auf Videos klicken, haben Sie bestimmt für die nächsten Stunden (oder Tage) Ihr Vergnügen.

Borge war ein eleganter Mann, und er hatte einen guten Schneider. Er war irgendwie dazu geboren seine Arbeitskleidung, den Frack oder das Dinner Jacket, richtig auszufüllen. Viele Musiker und Dirigenten sehen im Frack ja immer etwas seltsam aus, wahrscheinlich deshalb, weil er aus einem Kostümverleih kommt. Natürlich erlaubte er sich, dafür ist das show business ja da, kleine sartoriale Freiheiten, wie auf diesem Photo zu sehen ist. Die chamoisfarbene Frackweste (mit gleichfarbigem Einstecktuch) wäre nichts für Puristen. Passt aber farblich zum Dannebrog Orden.

Der 3. Januar ist der Todestag von Baldassare Galuppi, einem der wichtigsten italienischen Opernkomponisten des achtzehnten Jahrhunderts. Der hat auch Klaviersonaten geschrieben, die von Pianisten nicht so häufig gespielt werden wie die von Mozart, Haydn, Beethoven oder Schubert. Aber ein italienischer Pianist hat eine Galuppi Sonate nie ausgelassen. Und das ist ➱Arturo Benedetti Michelangeli, von seinen Verehrern nur ABM genannt (obgleich diese Abkürzung heute eine andere Bedeutung evoziert). Arturo Benedetti Michelangeli war ebenso wie Borge ein eleganter Mann, geradezu ein Dandy. Er liebte auch schnelle italienische Sportwagen, und es ranken sich tausende von Geschichten um ihn. Von denen wohl nicht alle wahr sind.

Wenn er nicht mit seinem eigenen Klavier rund um die Welt gereist wäre, hätte ihn Italien auch als Botschafter italienischer Eleganz um die Welt schicken können. Beachten Sie doch einmal bei dieser Aufnahme mit abgeschaltetem Ton, wie sein Frack sitzt. Und wie ökonomisch er mit seinen Escarpins das Pedal einsetzt. ABM galt als einer der grössten Perfektionisten, und das ist er auch in seiner Kleidung. Nun kann es natürlich völlig gleichgültig sein, wie ein Pianist spielt - wenn er brillant ist, kann er meinetwegen wie Struwelpeter auf die Bühne kommen. Aber nicht erst seit Mozarts rotem Frack gehört Eleganz mit zu dem show business, das sich im Konzertsaal abspielt. Und da muss man doch leider in den letzten Jahrzehnten einen Verfall der Kleidungskultur beklagen (das konnte man bei allen Weihnachtskonzerten wieder im Fernsehen sehen). Wenn man bedenkt, wie viel Geld heute für Solisten und Dirigenten bezahlt wird, müsste bei denen doch etwas für einen guten Schneider übrig bleiben. Da braucht das Teil nicht unbedingt von Wilvorst zu sein. Zumal sie das ja als Berufskleidung von der Steuer absetzen können.

Das einzige Mal, das ich ABM gesehen hatte, trug er keinen Frack, sondern einen dunklen Anzug und einen schwarzen dünnen Rollkragenpullover. Rollkragenpullover hat er sein Leben lang geliebt, man kann es auf vielen Photos sehen, aber im Konzertsaal hatte er sie nicht getragen. Aber jetzt im Jahre 1989 war alles anders. Im Jahr zuvor war er in Frankreich auf der Bühne zusammengebrochen, die Konzerte in Bremen, Kiel und Hamburg sind für ihn so etwas wie ein neuer Lebensabschnitt. Dieses neue Leben wird begleitet von dem Pianisten und Dirigenten Cord Garben, der über seine Zeit mit ABM auch ein Buch geschrieben hat. Es gibt wenige Bücher über Arturo Benedetti Michelangeli. Ganz wenige. Wenn man einmal an Glenn Gould denkt, über den gibt es viele Bücher. Auch sehr gute Bücher. Arturo Benedetti Michelangeli: Gratwanderungen mit einem Genie ist aus verschmähter Liebe geschrieben, weil der enigmatische Pianist irgendwann mit dem Autor gebrochen hatte, und der Schmäh scheint leider zu sehr in dem Buch durch. Vielleicht ist es immer noch besser als wenn es eine Hagiographie geworden wäre. Natürlich ist Klatsch und Tratsch immer schön. Am besten hat mir in dem Buch die Anekdote gefallen, wo Justus Frantz, der sich selbst mal als einen der besten Pianisten der Welt bezeichnet hat, vergeblich versucht hat, zu dem Meister vorzudringen. Ich sage jetzt nix mehr über Justus Frantz, weil Volkers Bruder mit ihm zur Schule gegangen ist, und wir uns schon mal über den künstlerischen Status seines Klassenkameraden heftig gestritten haben.

Die Galuppi Klaviersonate hat ABM an dem Abend, als ich ihn sah, nicht gespielt. Da spielte er nur Mozart. Sie ist aber hier zu hören oder auf dieser DVD zu sehen. Die Aufnahme im Internet hat ein Hörer so kommentiert: La version définitive d'un pure chef d'oeuvre. Galuppi évoque à la fois Scarlatti et Mozart avec une pointe de Haydn. Das ist sehr schön gesagt. Die Sonate C-Dur vertreibt auch böse Geister. whenever it is a damp, drizzly November in my soul (wie Melvilles Ishmael sagt), sollte man diese CD auflegen. Denn dann tritt das ein, was Wordsworth in seinem Gedicht über die daffodils so schön gedichtet hat: And then my heart with pleasure fills, And dances with the daffodils.

Alle neunzig Klaviersonaten von Galuppi sind von Peter Seivewright aufgenommen worden. Wem das zu viel ist, der ist der der Aufnahme von Wolfgang Glemser von sechs Sonaten sicher gut bedient.

Sonntag, 2. Januar 2011

Jubiläum


Now is the winter of our discontent
Made nearly summer by this spell of spring;
And all the snow that lour'd upon our house
In the deep bosom of the gutters buried.
Grim winter smoothed his wrinkled front;
And now, instead of mounting bicycles
We still drive cars with massive winter tyres,
Because we can not know for sure
How long this blissful spell will last.
If it be now, ’t is not to come;
if it be not to come, it will be now;
if it be not now, yet it will come:
the readiness is all.

Now as the days of merriment are over -
We look for something to divert our mind
from Christmas gifts and too much drink,
something to make us laugh and make us think.
But where to turn to other than this blog?

This last resort of readers, this famous blog,
This place of majesty, this seat of Wit,
This other Eden, demi-paradise;
This fortress, built by Blogspot for herself,
Against infection, and the hand of bugs;
This land of such dear souls, my readers,
eager to wait for t'morrow's post,
And hear the tidings from this little world;
This precious blog set in the silver sea,
of world wide web's virtuality
Which serves it in the office of a wall,
Or as a moat defensive to a house,
Against the envy of less happier blogs;
This blessed blog, this earth, this realm, this Jayland.

Jay ist mit diesem Blog, der seinen Namen nach den Silvae von Publius Papinius Statius hat, und dessen Adresse das erste Kapitel Loomings von Melvilles Moby-Dick zitiert, seit einem Jahr im Netz. Unser täglich Blatt gieb uns heute, hat Thomas Mann einmal in einem Brief geschrieben. Das habe ich leicht und locker geschafft, ohne Schreibkrisen, ohne writer's block. Zuerst wusste ich noch nicht so ganz, was ich tue, die ersten posts waren Gehversuche in der neuen Welt. ➱Tiefen vom 4. Januar finde ich immer noch sehr schön. Als ich am gleichen Tag noch ➱I skovens dybe stille ro schrieb und dann Post von der dänischen Sängerin Maggie bekam, war ich hin und weg von diesem Medium. Ich hatte auch Tränen in den Augen. Und plötzlich merkte ich, dass dies meine brave new world sein könnte. Ende März zog ich mit ➱Mein Blog, meine Leser schon ein kleines Résumé, da hatte ich schon Boden unter den Füßen. Das waren jetzt keine Gehversuche mehr, ich merkte - bildlich gesprochen - dass ich in dieser neuen Welt Tango tanzen konnte. Oder Polka, Walzer links und rechts herum.

Im altenglischen Beowulf Lied, heißt es an einer Stelle so schön Widsið maðolade, wordhord onleac. Dieser Widsith, ein erfahrener Krieger, der da auf eine Rede antwortet, schließt seinen word-hoard (so die neuenglische Schreibung) auf. Das Altenglische hat viele schöne sprachliche Bilder. Einen Wort-Schatz haben wir ja auch im Deutschen, oder wir haben ihn nicht mehr. Oder haben das slüzzelîn verloren. Und wo ich nun einmal diesen geheimnisvollen word-hoard aufgeschlossen hatte, und er offensichtlich gut gefüllt war, beschloss ich, weiter zu schreiben. Irgendwann kam der Entschluss, das jeden Tag zu machen, ein Jahr lang. Ich mag gar nicht zurückblicken, es ist mir auch ein klein wenig unheimlich. Dass ich soviel Lob bekommen habe, erfreut mich natürlich, macht mich glücklich. Dass CK geschrieben hat: Ihr Weblog ist ein Diamant unter den unzähligen beliebigen und nichtssagenden Sandkörnern in der "blogosphere"! (ja, das musste ich zum zweiten Mal zitieren!) ist inzwischen noch übertroffenen worden. Weil mich Rene Schaller auf seiner Homepage zum Best Blog in 2010 ausgerufen hat.

Und watt nu? Keine Angst, ich mache weiter. Die Batterien sind noch nicht leer. Vielleicht schreibe ich etwas langsamer, nicht mehr jeden Tag. On verra. Und diesen kleinen Scherz da oben, wird mir Willie Shakespeare hoffentlich verzeihen. Ich war wegen des Jubiläums ein wenig übermütig.

Samstag, 1. Januar 2011

Stil


Vor einigen Jahren half ich auf einem Parkplatz in einer norddeutschen Großstadt einer mir unbekannten Dame der besseren Gesellschaft, mehrere Gepäckstücke in ihren Daimler zu wuchten, man hat ja diese gute Erziehung zum Ritterlichen. Die Dame bestand darauf, mir zum Dank meinen Parkschein zu bezahlen und sagte dann plötzlich im Gespräch: Sie sind nicht von hier. Ich war ein wenig verblüfft und sagte ihr, dass ich aus Bremen komme. Sie sind auch nicht aus Bremen, Sie kommen woanders her, ich höre das an ihrer Sprache. Nun war ich völlig erstaunt, auch ein wenig verärgert, dass man meine bremische Herkunft anzweifelte (denn das ist ja irgendwie das Schlimmste, das man einem Bremer antun kann). Aber vielleicht war hier jemand, der wie Professor Henry Sweet (den Shaw in Pygmalion als Henry Higgins verewigen sollte) die Gabe hatte, jemandem auf den Kilometer genau zu sagen, woher er kam. Ostercappeln, sagte die Dame. Das erstaunte mich, ich bot der Dame ein halbes Dutzend Ortsnamen zwischen Preußisch Oldendorf und Bad Rothenfelde an, wo Verwandte aus den Familien meiner Großeltern wohnten. Ich sehe, wir verstehen uns, sagte die Dame, man kann seiner Herkunft nicht entkommen. Ich denke noch immer leicht amüsiert an dieses Erlebnis, offensichtlich gibt es in meinem Akzent, der je nach Stimmungslage sehr, sehr bremisch sein kann, noch sprachliche Reste aus der Kindheit, als wir aus dem zerbombten Bremen zu den Verwandten längs des Wiehengebirges geflohen waren.

Der Autor von Wir alle spielen Theater hat uns versichert, dass wir alle verschiedene Rollenrepertoires beherrschen. Und meistens kommen mit diesen Repertoires auch noch verschiedene Akzente. Ich kann neben meinem steifen (mit betontem -st) Bremisch noch mit einem anderen deutschen Akzent aufwarten. Irgendjemand auf der Hardthöhe hatte in den Anfangstagen der Bundeswehr die Idee, die Division, in der ich war, zur Hälfte aus quirligen Rheinländern und zur anderen Hälfte aus sturen Norddeutschen zusammenzusetzen. Man war in Bonn davon überzeugt, dass das eine gute Mischung sei. Und ich hatte noch einige Jahren Schwierigkeiten, meinen Jürgen von Manger Akzent wieder loszuwerden.

Färbt unser Sprechstil auf das Schreiben ab? Manchmal, eher häufig, spreche ich wie Jan Fedder oder Tim Mälzer (die ich auch in ihrem Sprechen uneingeschränkt bewundere) -  aber schreibe ich auch so? In den Weihnachtstagen schickte mir ein Freund diese Adresse. Da kann man bei der FAZ seinen Stil testen lassen, kriegt dafür sogar ein Zertifikat: Ich schreibe wie XYZ. Ich habe aus meinem Blog etwas kopiert und erfuhr, dass ich wie Friederike Mayröcker schreibe. Nahm einen anderen Text - und davon gibt es ja bei mir im Blog genug - und da schrieb ich wie Melinda Nadj Abonji. Musste erst nachgucken, wer das überhaupt war, aber dann fiel mir ein, dass ich sie einmal auf 3sat gesehen hatte. Dritter Versuch. Diesmal war ich Kurt Tucholsky. Dagegen ist nichts zu sagen. Und als ich eben den Anfang dieses Textes eingab, schrieb ich laut FAZ Stiltest wie Theodor Fontane. Das gefällt mir.

Ich nehme ja auch jeden Namen, solange mir dieser Test auf wissenschaftlicher Basis nicht erzählt, ich schriebe wie Renate Meinhof von der Süddeutschen. Ich würde gerne wie Simon Schama schreiben, und ich muss natürlich zugeben, dass mehr als fünfzig Jahre regelmäßiger Lektüre von Observer oder Sunday Times irgendwo Spuren hinterlassen. Ich bewundere Tom Wolfe, aber es hätte keinen Sinn, ihn nachahmen zu wollen. Ich finde es sehr gut, wie Günter de Bruyn schreibt - aber damit sind wir letztlich wieder bei Fontane, denn er wird im Alter Fontane im Stil immer ähnlicher.

Ich habe eben noch drei verschiedene Texte aus diesem Blog in den wissenschaftlichen FAZ Stiltester eingegeben und erfahren, ich schreibe wie 1) Heinrich Heine 2) Friedrich Nietzsche 3) Thomas Bernhard. Ja, ich bin schon ein Chamäleon. Und dann habe ich den wirklich echten Test gemacht, ich habe einen Text von Heine genommen. Und wie schreibt er? Darauf kommen Sie nie. Heinrich Heine schreibt wie Friedrich Nietzsche. Ich glaube, das wäre Harry jetzt peinlich. Und dann ritt mich der Teufel, und ich tippte einen Text von Brigitte Kronauer in das Eingabefeld. Und erfuhr, dass sie wie Georg Klein schreibt. Ich weiß zwar nicht, wer das ist, aber es ist bestimmt komisch.

Erfunden hat das Ganze ein siebenundzwanzigjähriger Russe aus Montenegro namens Dmitry Chestnykh. Zuerst gab es das nur auf Englisch. Die Seite wurde über Nacht Kult, und viele machten damit die seltsamsten Erlebnisse: I entered a passage from the NIV translation of the Bible and got Kurt Vonnegut. Holy Cat's Cradle! Und die kanadische Schrifstellerin Margaret Atwood, die ich einmal getroffen habe und von der ich ein schönes Photo gemacht habe, bekannte auf Twitter: According to the I Write Like analysis, I write like... Ta da! Stephen King! Who knew? Ich habe eben bei der absolut sicheren und unbestechlichen Messmethode einen Text von Stephen King eingegeben. Und siehe da, er schreibt nicht wie Margaret Atwood, er schreibt wie Artur Schnitzler. Also ich habe das Spiel ein Stündchen lang mit deutschen und englischen Texten getrieben. Nie identifizierte das Stilerkennungsprogramm den Autor. Außer in einem Fall. Als ich eine im Internet zugängliche Leseprobe von Tellkamps Der Turm eingab, sagte das Programm: Sie schreiben wie Uwe Tellkamp.

Die Lehre für mich aus diesem elektronischen Trivial Pursuit war: ich schreibe weiter wie bisher. Auch wenn ich in diesem neuen Jahr etwas langsamer schreiben werde. Vielleicht nicht mehr jeden Tag, wie manche Leser es jetzt schon gewohnt sind. Vielleicht manchmal etwas anspruchsvoller im Stil, um gleich in den ersten Zeilen dieser Niederschrift zu beweisen oder darzutun, daß ich noch zu den Gebildeten mich zählen darf. Nach dem Stiltester der FAZ ist das von Theodor Fontane, haarscharf daneben, aber auch vorbei. Wir wissen natürlich, dass es der erste Satz des wunderbaren Romans Stopfkuchen von Wilhelm Raabe ist.