Samstag, 3. November 2012

Lonnie Donegan


Wenn Sie sich jetzt fragen, was dies hier soll, dann bin ich natürlich nicht um eine Antwort verlegen. Das ist natürlich Lonnie Donegan - die moderne Version eines Minnesängers - im Jahre 1957, als er Putting on the Style sang. Nostalgie. Damals waren noch skiffle groups die große Sache, Ken Colyer und ➱Chris Barber (mit denen Lonnie Donegan auch zusammen spielte), beherrschten die Szene. Ich habe sie natürlich alle auf der Bühne gesehen, unsere eigenen Versuche, eine skiffle group zu gründen, endeten etwas kläglich. Man braucht dazu doch etwas mehr als ein Waschbrett und ein paar Fingerhüte.

Sie erinnern sich? Das stand hier schon mal, als ich über ➯Petrarca schrieb. Und Lonnie Donegan, der heute vor zehn Jahren starb, ist hier schon mehrfach erwähnt worden. Zum Beispiel in dem Post ➯Zickenjazz. Bei Lonnies Hits wie Puttin' on the Style oder Does your chewing gum lose its flavour on the bedpost overnight bin ich heute noch sehr textsicher. Ich schäme mich für diese Ausflüge in die Niederungen der Pop Culture kein bisschen, wir waren ja damals versessen auf all das, was aus England kam. Und ich gebe gerne zu, dass ich meine Plattensammlung aus den frühen sechziger Jahren inzwischen noch um CDs von Lonnie Donegan, Chris Barber und Monty Sunshine (und wie sie alle heißen) ergänzt habe. Für Leute, für die der Abstieg aus der Hochkultur bei den Jazzplatten von ➯ECM aufhört, ein schrecklicher Gedanke, aber ich kann's nicht ändern.

Ich möchte noch einige Sätze über unsere damalige skiffle group hinzufügen. Ich wäre ja gerne der Pianist gewesen, aber nicht überall, wo wir übten, gab es ein Klavier. Und ich war auch nicht annähernd so gut wie mein Klassenkamerad Gerd Lißewski, der Jazzpianist hätte werden können, wenn er es gewollt hätte. Das reichte bei unserem Musiklehrer Ernst Meißner aber nie für eine Eins im Fach Musikerziehung (meine Musiklehrer kommen hier in dem netten Post ➯Die Harmonie der Welt vor). Dazu sage ich jetzt lieber nichts. Der Gedanke, dass die Popkultur auch Kultur ist, hatte sich vor einem halben Jahrhundert an Bremer Gymnasien noch nicht durchgesetzt. Da ging es uns nicht anders als Hanif Kureishi mit seinem Musiklehrer Mr Hogg, wie er es in ➯Eight Arms to Hold You beschrieben hat.

Skiffle groups waren damals die große Mode, man brauchte musikalisch auch nicht viel mitzubringen. Leider waren in meiner skiffle group schon alle Positionen für Waschbrett und stählerne Fingerhüte besetzt. Für mich blieb damals nur das Instrument, für das die englische Sprache erstaunlicherweise sogar einen Fachbegriff hat: tea chest bass. Für dieses selbstgebastelte Instrument musste man sich in Bremen bei einer Firma, die mit Tee handelte, eine Teekiste holen. Ob man die schwarzen Teeflöhe unten drin ließ oder nicht, spielte für den Klang keine Rolle. Dann brauchte man nur noch einen Besenstiel und einen starken Bindfaden. Das einzige Problem für einen tea chest bass Virtuosen bestand darin, dieses Gerät zu dem jeweiligen Übungsort zu schleppen. Einen Kontrabass zu transportieren, ist dagegen easy. Wenn mir eines Tages nichts mehr einfällt, dann schreibe ich einen Einakter über die Leiden des jungen Teekisten Bassisten. Da ist Patrick Süsskinds Der Kontrabass nix dagegen.

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