Mittwoch, 28. November 2012

Beresina 1812


An 'Borodino' knüpften sich hundert Fragen, und von Meerheimb, während er diese Fragen beantwortete, blieb der Mittelpunkt des Kreises. Er erzählte von dem Marsche über das unaufgeräumte, die entsetzlichsten Szenen bietende Schlachtfeld, von dem Einzug in Moskau, von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, endlich von dem Aufgeben der verödeten und mittlerweile zu einer Brandstätte gewordenen Hauptstadt. Mit dem Bilde, das er von diesem Elend entwarf – eine Woche später war er verwundet worden –, brachen seine Schilderungen ab. Es konnte dabei nicht fehlen, daß einzelner französischer Heerführer, Neys oder Nansoutys, noch häufiger Murats und des Vizekönigs, mit wenig verhehlter Vorliebe gedacht wurde; aber die Verhältnisse lagen damals in Preußen und ganz besonders in seiner Hauptstadt so eigentümlich, daß solcher Vorliebe ohne die geringste Besorgnis vor einem Anstoß Ausdruck gegeben werden konnte. Niemand wußte, wohin er sich politisch, kaum, wohin er sich mit seinem Herzen zu stellen hatte, denn während unmittelbar vor Ausbruch des Krieges dreihundert unserer besten Offiziere in russische Dienste getreten waren, um nicht für den 'Erbfeind' kämpfen zu müssen, standen ihnen in dem Hilfskorps, das wir ebendiesem 'Erbfeinde' hatten stellen müssen, ihre Brüder und Anverwandten in gleicher oder doppelter Zahl gegenüber. Wir betrachteten uns im wesentlichen als Zuschauer, erkannten deutlich alle Vorteile, die uns aus einem Siege Rußlands erwachsen mußten, und wünschten deshalb diesen Sieg, waren aber weitab davon, uns mit Kutusow oder Woronzow derartig zu identifizieren, daß uns eine Schilderung französischer Kriegsüberlegenheit, an der wir, gewollt oder nicht gewollt, einen hervorragenden Anteil hatten, irgendwie hätte verletzlich sein können.

Dieser Absatz folgt in dem Roman ➯Vor dem Sturm der eingeschobenen Erzählung Borodino, die der Herr von Meerheimb gerade vorgetragen hat. Die Erzählung komplementiert eine andere Binnenerzählung, Erinnerung aus dem Krieg in Spanien: Das Gefecht bei Plaa, die ein Rittmeister von Hirschfeldt vorträgt. Der hat auf der englischen Seite gegen Napoleon gekämpft. Der Herr von Meerheimb stand bei Borodino in dem Hilfskorps unter dem sächsischen General Johann Adolf Freiherr von Thielmann auf der französischen Seite. Es geht in diesem Absatz bei Fontane um die Loyalitäten des politischen Zufalls. Wenige Jahre nach Borodino wird Thielmann, inzwischen auf Seiten der Preußen, bei Wavre seinen Beitrag zum Sieg von ➯Waterloo beitragen. Aber der Sieg über Napoleon ist für die Personen von Vor dem Sturm noch ferne Zukunft. Fontanes Schilderung der Schlacht von Borodino ist nicht so berühmt geworden wie die Beschreibung, die uns ➯Tolstoi in Krieg und Frieden gibt.

Weder für die Franzosen noch für die Russen hatte sie den geringsten Sinn. Ihr nächstes Resultat war und mußte sein: für uns Russen, daß wir den Untergang Moskaus beschleunigten (den wir doch über alles in der Welt fürchteten), und für die Franzosen, daß sie den Untergang ihrer Armee beschleunigten (den sie gleichfalls über alles in der Welt fürchteten). Die Bataille de la Moskova ist für Napoleon ein Sieg, weil er das Terrain behauptet. Aber ein Sieg auf welche Kosten! Die Zahlen der Historiker gehen auseinander, doch man kann davon ausgehen, dass Napoleon einen großen Teil seiner Armee verliert. Die Verluste der russischer Armee sind ebenso groß, aber dies ist ihr Land, sie können Reserven mobilisieren. Ihren fähigsten General, den Fürsten Pjotr Iwanowitsch Bagration, können sie natürlich nicht ersetzen. Wie schön geordnet sah der Rußlandfeldzug noch auf diesem Bild aus, das der bayrische Maler Albrecht Adam (der den Russlandfeldzug im Gefolge von ➯Eugène de Beauharnais mitgemacht hatte) von der Überquerung des Njemen durch Eugène de Beauharnais gemalt hat.

In Smolensk hatte das auch noch gut ausgesehen. Da erringt Napoleon einen trügerischen Sieg, aber die Stadt wird von den Russen angezündet, es gibt keine Vorräte mehr für die französische Armee. Und Borodino ist der Anfang vom Ende, nur Napoleon will das nicht sehen. In der Schlacht fällt der französische General Auguste-Jean-Gabriel de Caulaincourt, sein Bruder Armand Augustin Louis de Caulaincourt wird überleben. Er wird auch als einziger General seinen Kaiser auf der Flucht begleiten, er hat seine Erlebnisse in einem Bericht voll bitterer Ironie festgehalten. Wenn Napoleon sagt: Die Russen müssen allen Völkern als eine Geißel erscheinen ... Man sollte nur noch einen Feind in Europa sehen; dieser Feind ist der russische Koloß, antwortet ihm Caulaincourt: Sie selbst sind es, Sire, den man fürchtet! Eine Antwort von schöner Doppeldeutigkeit.

Nach Borodino (hier in der Darstellung von Albrecht Adam) kommt nicht die erhoffte russische Kapitulation, die Napoleon täglich erwartet. Es kommt das brennende Moskau. Dann der lange Rückzug, dann der Übergang über die Beresina. Heute vor zweihundert Jahren war die Schlacht an der Beresina entschieden. Die französischen Truppen schmolzen gleichmäßig in mathematisch regelmäßiger Progression zusammen. Und jener Übergang über die Beresina, über den so viel geschrieben worden ist, war nur eine der Zwischenstufen in der Vernichtung des französischen Heeres und keineswegs die entscheidende Katastrophe des Feldzuges. Wenn über die Beresina so viel geschrieben worden ist und noch geschrieben wird, so kam das von seiten der Franzosen nur daher, daß auf den eingestürzten Beresinabrücken die bis dahin über einen größeren Zeitraum verteilten Leiden, die die französische Armee auszuhalten hatte, sich plötzlich in einen Moment zusammendrängten, zu einem tragischen Schauspiel, das allen im Gedächtnis blieb.

Mit erstaunlicher Distanz entscheidet sich Tolstoi, in ➯Krieg und Frieden so gut wie nichts über die Schlacht an der Beresina zu schreiben. In diesem Augenblick sieht er die Lage der Armeen mit beinahe strategischer Kälte, was er auch tun muss, um Kutusow bei dem Gezänk der Generäle in einem noch helleren Licht dastehen zu lassen. Diese Distanz des Romanciers haben die Augenzeugenberichte, die die Schlacht an der Beresina erlebten, selten. Natürlich wird man dort auch Sätze finden wie: 'Frierst du, mein Freund?' fragte Napoleon einen alten Grenadier, der bei einer Kälte von zwanzig Grad blaugefroren neben dem Schlitten des Kaisers stapfte. 'Nein, Sire', antwortete der Soldat. 'Solange ich Sie sehe, ist mir warm!', aber das scheint eher aus einem patriotischen französischen Kitschroman zu stammen. Napoleons Sekretär Baron Fain will sogar einen aufleuchtenden Sonnenstrahl gesehen haben, der seinem Kaiser den Weg über die Beresina Pontonbrücke wies.

Er war der einzige, der das berichtet. Ansonsten sehen die Augenzeugenberichte eher so aus, wie der des jungen Capitain ➯von PapetDurch die viele Passage der Pferde war der vor der Brücke befindliche Morast beinahe aufgetäut, sodaß die meisten Pferde hier einsanken, die dann durch die Anstrengungen, sich emporzuarbeiten, mehrere Menschen umwarfen, die, da von allen Seiten gedrängt wurde, meistenteils verloren waren. So mußte man also, um nach der Brücke zu gelangen, von einem Pferd aufs andere springen. Wer ausglitschte und unter ein Pferd zu liegen kam, wurde von den Nachfolgenden zertreten. Wer unglücklicherweise die Brücke verfehlte, denn da man, in den Haufen eingepreßt, nicht wissen konnte, in welcher Direction dieselbe lag, und sich also vom Ohngefähr leiten lassen mußte, da der Fluß nicht zugefroren war und Hülfe unmöglich, ertrinken.

Ähnlich ist das, was der Schweizer Albrecht von Muralt schreibt, der Leutnant bei den bayrischen Cheveaulegers ist: Ungeachtet der Anwesenheit des Kaisers, der von seinem Ge­folge umgeben dicht an der linken Brücke zu Fuß hielt, um selber den Übergang zu beaufsichtigen, nahm die Unordnung mit jedem Augenblicke zu. Feindliches Artilleriefeuer ließ sich schon ganz nahe vernehmen. Einige Kanonenkugeln schlugen ganz dicht auf der Anhöhe ein, auf der wir übernachtet hatten und wo noch im­mer eine zahllose Menge lagerte. Andere Schüsse ließen das Eis­wasser in der Beresina emporwirbeln und schleuderten die Eisschollen haushoch in die Luft. Wenn man Albrecht von Muralt und Thomas Legler Beresina: Erinnerungen aus dem Feldzug Napoleons I. in Russland 1812 liest, oder Caulaincourts Memoiren,  Eckart Kleßmanns Sammlung Napoleons Russlandfeldzug in Augenzeugenberichten oder Boris (von) Uxkulls Armeen und Amouren ein Tagebuch aus napoleonischer Zeit, erhält man ein facettenreiches Bild von diesem schicksalhaften Ereignis vor zweihundert Jahren. Der oben erwähnte Secondelieutenant ➯Thomas Legler ist übrigens derjenige gewesen, der an dem Tag das berühmte ➯Beresinalied gesungen hat.

Millionen von Menschen beginnen plötzlich gegeneinander eine zahllose Menge von Übeltaten: Betrug, Verrat, Diebstahl, Fäl­schung von Banknoten, Raub, Brandstiftung und Mord zu bege­hen, wie sie die Listen aller Gerichte der Welt wohl während eines ganzen Jahrhunderts nicht aufzählen. Aber man spricht von gro­ßen und heroischen Zeiten anstatt von Verbrechen und nennt das Ereignis Krieg. Ich habe Tolstois Text bewusst einmal hierher gestellt, ich habe dazu auch ein passendes Video. Vielleicht klicken Sie ➯dies einmal an. Nein, sagen Sie jetzt nichts, wir lernen nichts aus der Geschichte. Im Zweiten Weltkriegs wird in der sowjetischen Offensive 1944 (die nach dem Fürsten Bagration auch Operation Bagration hieß) die deutsche 4. Armee nach der Überquerung der Beresina in einem Kessel östlich von Minsk vernichtet.

Die oben zitierten Buchtitel wären auch heute mein Lesetip. Und natürlich die Posts ➯Beresina und ➯Caulaincourt in diesem Blog, vielleicht noch jener Post, der ➯Briefwechsel heißt, in dem die Beresina auch eine Rolle spielt. Ich habe das heute durchgehend mit den Bildern von Albrecht Adam illustriert. Außer diesem letzten Bild, das auch von einem bayrischen Maler ist, allerdings einem unbekannten Volkskünstler. Doch das Bild ist rührender als jede heroische Schlachtenmalerei.



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