Montag, 26. November 2012

Play it again, Sam


Play it again, Sam sagt Ingrid Bergman in Casablanca nicht. Sie sagt Play it once, Sam, for old times' sake und Play it, Sam. Play 'As Time Goes By'. Aber sie sagt niemals Play it again, Sam. Der Film Casablanca hatte heute vor siebzig Jahren Premiere. Inzwischen können wir alle den Text bis hin zu Louie, I think this is the beginning of a beautiful friendship ja schon ➯aufsagen. Als Autoren des Filmskripts zu dem Film flackern die Namen von Howard Koch, Philip und Julius Epstein über die Leinwand. Die drei haben auch einen Oscar für das Best Screenplay bekommen. Kleingedruckt war auch noch  from a play by Murray Burnett and Joan Alison zu lesen.

Howard Koch, einer der berühmtesten Drehbuchautoren Hollywoods, sagte dreißig Jahre später über das Theaterstück Everybody Comes to Rick's von Burnett und Alison, The play provided an exotic locale and a character named Rick who ran a cafe but little in the way of a story adaptable to the screen. Offensichtlich war es doch adaptable. ➯Murray Burnett hatte gegen diese Aussage geklagt, weil er der Meinung war, dass er Film seinem Theaterstück mehr verdankte. Er hat aber vor Gericht verloren. 1991 hat der 89-jährige Howard Koch seine Meinung über die Leistung des jungen Lehrers Murray Burnett und seiner Ko-Autorin Joan Alison korrigiert: Having read the play more recently, I believe that the complaint was, to some extent, justified. Er hatte das Theaterstück nie zuvor gelesen. Er hatte damals nur die Feinarbeit an dem Skript gemacht, das er von den Brüdern Epstein auf den Tisch bekommen hatte.

Burnett und Alison (das Alison ist ein pen name, ihr richtiger Name war Joan Appleton) haben ihr Theaterstück Everybody Comes to Rick's im Januar 1942 an den Produzenten Hal Wallis für 20.000 Dollar verkauft. Das war damals viel Geld, Hollywood hatte noch nie so viel für ein Theaterstück bezahlt, das noch nie aufgeführt worden war. Wenn sie schlau gewesen wären, hätten sie auf das Bargeld verzichtet und eine prozentuale Beteiligung an den Einspielergebnissen verlangt. Der Film, der ein Budget von knapp einer Million Dollar hatte, brachte Warner Bros. Millionen ein.

1982 hat der amerikanische Journalist Chuck Ross ein interessantes Experiment gemacht. Er tippte das Filmskript von Casablanca (➯hier im Volltext) ab, versah es mit dem Titel Everybody Comes to Rick's  und schickte es unter dem Namen Erik Demos an 217 Agenturen. Neunzig schickten es ungelesen zurück. Achtzehn Exemplare gingen auf dem Postweg verloren, beim Zustand der deutschen Post heute wären es wahrscheinlich noch mehr. Achtunddreißig Agenturen lehnten das Skript ab, geizten aber nicht mit Verbesserunsgvorschlägen wie 'I just think you need to rework it... you have excessive dialogue at times.' - 'To bridge the gap between 'talented writer', which you now are, and 'professional writer', which is yet to come, you need professional help. And that will have to be paid for. I could recommend a 'literary surgeon' who would help you, but are you ready to accept professional help????' -  'I think the dialogue could have been sharper and I think the plot had a tendency to ramble. It could've been tighter and there could have been a cleaner line to it.' - 'I gave you five pages to grab me -- didn't do it.' - 'Too much dialogue, not enough exposition, the story line was weak, and in general didn't hold my interest.' - 'Story line is thin. Too much dialogue for amount of action. Not enough highs and lows in the script.' - 'I strongly recommend that you leaf through a book called 'Screenplay' by Syd Field, especially the section pertaining to dialogue. This book may be an aid to you in putting a professional polish on your script, which I feel is its strongest need.' Ich weiß jetzt nicht, ob Howard Koch diese schöne Geschichte noch mitgekriegt hat. Immerhin haben 33 Agenturen erkannt, dass es das Drehbuch von Casablanca war.

Das Internet hat keinen Text von Everybody Comes to Rick's (aber immerhin ein Photo vom Inhaltsverzeichnis). Das Internet hat tausende von Photos von ➯Bergman und Bogart, aber kein Photo von Murray Burnett. Lediglich in dem Buch Round Up the Usual Suspects: The Making of Casablanca - Bogart, Bergman, and World War II von Aljean Harmetz, die jahrzehntelang die Hollywood Korrespondentin der New York Times war, findet sich ein Photo. Das 1992 erschienene Buch erschien übrigens 2001 auch in einer deutschen Ausgabe (Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen. Berlin Verlag 2001). Es ist hervorragend recherchiert, alles, was man über den Film wissen will, steht hier drin. Und natürlich hat sich jeder, der über Casablanca schreibt, hier reichlich bedient. Was in diesem ➯Blog eine schöne Übersicht über die Entstehung des Theaterstück gibt (und so daherkommt, als sei es eigene Recherche), steht natürlich auch bei Aljean Harmetz. Wenn Sie Casablanca Fan sind und dieses Buch noch nicht besitzen, sollten Sie es sich kaufen. Was ich auch noch empfehlen kann, ist Michael Curtiz's 'Casablanca' von Richard J. Anobile in der Reihe der Film Classics Library. Alle Shots des Filmes in Einzelphotos, und dazu der ganze Text - was will man mehr?

Ja, natürlich eine DVD. Möglichst eine mit der Originalversion des Films. Es hat in Deutschland vor sechzig Jahren auch eine andere Version gegeben. Um 25 Minuten gekürzt. Und vollständig nazi-frei. Das berühmte Wettsingen in Rick's Café zwischen der Marseillaise und Es braust ein Ruf wie Donnerhall fehlte natürlich. Und aus dem Widerstandskämpfer Victor László war ein norwegischer Atomphysiker geworden, der rätselhafte Delta-Strahlen entdeckt hatte. Man betonte 1952 auch nicht, dass beinahe alle Flüchtlinge in dem Film von deutschen Juden gespielt wurden. Erst recht nicht, dass dieser Film ein perfekter ➯Propagandafilm war - passend zur Landung der Amerikaner in Nordafrika. Schauen Sie sich doch diese brillant inszenierte ➯Szene einmal an.

Aber alles, was der Film als Botschaft hatte, stand schon in Murray Burnetts Theaterstück. Er hatte die Nazis 1938 in Europa erlebt (und hatte auch in Südfrankreich eine Bar gesehen, in der es einen schwarzen Pianisten und Emigranten gab). Als er in die USA zurückkehrte, sagte er zu Joan Alison, die mehr Muse als Ko-Autorin war: No one can remain neutral, God damn it, Joan. No one can remain neutral. Die freiwillige Selbstzensur von 1952 hatte all das nicht begriffen und tat das Schlimmste, was man diesem Film antun konnte. Selbst in der Redaktion des Spiegel gab es in dem Jahr offensichtlich niemanden, der das Original kannte, ich zitiere einmal die Filmkritik aus der Ausgabe vom 24.9.1952:

CASABLANCA (USA). Beklemmend edelmütig ausgetragener Dreieckskonflikt, nicht ohne Spannung so kunstreich kompliziert, daß alle drei am Leben bleiben: Ingrid Bergman, liebend, lächelnd, wie nur sie es kann, zuweilen eine Träne vertropfend; Humphrey Bogart als Barbesitzer, ein Amerikaner in Casablanca, zu vielem fähig geworden; Paul Henreid als Leuchte der Naturwissenschaft, zur Zeit politischer Flüchtling. Peter Lorre spielt einen Mann, der gemordet hat. In den Hauptrollen der Weltkrieg II und Casablanca, Umsteigequartier für Schiffbrüchige aller Art. Bessere Hollywood-Konfektion. (Warner Bros.) Man hätte natürlich auch sagen können, dass dies ein beinahe jüdischer Film war, vom Regisseur über die Drehbuchautoren bis zu einer Vielzahl der Schauspieler. Diese Dimension hätte man vielleicht erkennen können. Aber 1952 wollte man so etwas nicht hören. Und so zeigt das Plakat von Hans-Otto Wendt (dem führenden Plakatmaler der fünfziger Jahre) uns auch nur eine schöne Schwedin und ein bisschen Exotik im Hintergrund, von Krieg und Vertreibung ist nicht die Rede. Und wenn man die Beiträge auf dieser ➯Seite liest, dann kann man sehen, dass viele heute immer noch gar nichts begriffen haben.

Murray Burnett hat sich eines Tages (auch dank des Copyright Acts von 1976) das Recht erkämpft, sein Stück Everybody Comes to Rick's (in einer überarbeiteten Versionauf die Bühne zu bringen. In diesem Zusammenhang sollte ein anderes Theaterstück erwähnt werden, das vor zwei Jahren in Neuseeland aufgeführt wurde. Es heißt ➯Don't Mention Casablanca, und dahinter verbirgt sich eine ➯Geschichte, die noch viel spannender ist, als die Entstehung von Casablanca.

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