Montag, 10. Oktober 2011

bicycles


Unter dem Titel Zwei Banditen kam der Film heute vor 42 Jahren in die deutschen Kinos, der Titel wurde dann aber schnell in Butch Cassidy und Sundance Kid geändert. Ein Film, der mit einer unendlichen Gelassenheit dahinbummelt (so Joe Hembus in seinem unübertroffen Western-Lexikon), 112 Minuten lang. Gleichzeitig mit Butch Cassidy and the Sundance Kid kam Peckinpahs The Wild Bunch in die Kinos. Auch ein Spätwestern. Aber ohne Fahrräder, ohne B.J. Thomas, der Raindrops Keep Fallin' on My Head singt. Mit dem vollen Orchester von Burt Bacharach. Und ohne diese schöne Lehrerin Etta Place, die von Katharine Ross gespielt wird. Mit Butch Cassidy and the Sundance Kid hatte Hollywood eine Zauberformel gefunden, eine alternately absurd and dreamy saga that might have been fantasized by Truffaut's Jules and Jim and Catherine—before they grew up, wie Vincent Canby in der New York Times schrieb.

Technologie und Fortschritt dringen in den neuen ➱Spätwestern ein. Die Eisenbahn war ja schon immer da, seit dem ersten Western The Great Train Robbery. Aber jetzt kommen auch noch die Autos - Joel McCrea wird am Anfang von Ride the High Country beinahe von einem Auto überfahren. In Butch Cassidy and the Sundance Kid gibt es nun ein Fahrrad. Und einen geschäftstüchtigen Vertreter: I say this, I say ladies and gentlemen, boys and girls, friends and enemies, meet the future...mode of transportation for this weary Western world. Now I'm not gonna make a lot of extravagant claims for this little machine. Sure, it'll change your whole life for the better, but that's all. Er beendet seine Ausführungen mit dem Ausspruch The Horse Is Dead.

Die Szene mit dem Fahrrad ist in den Film hineingefügt wie ein ➱Werbespot. Sie hat auch die Ästhetik eines Werbespots (much of the film veers from the chic to the merely slick), man könnte Fahrräder mit dieser Szene verkaufen. Natürlich konnte B.J. Thomas nach dem Film eine Menge Platten von Raindrops Keep Fallin' on My Head verkaufen, der Song wurde umgehend die #1 der Charts. Wenn B.J. Thomas seinen Song im Film singt, ist die Welt der ménage à trois noch heil. Dank der Ästhetik des Werbespots. Aber das Kitschpostkartenidyll (➱Pauline Kael fühlte sich in ihrer Filmkritik an ➱Elvira Madigan erinnert) ist trügerisch. Butch Cassidy hat immer diese tollen Pläne - Boy, I got vision, and the rest of the world wears bifocals - und so verlassen sie den Westen, die Heimat aller Helden des amerikanischen Westens, um nach Bolivien zu gehen. Nicht ohne sich von dem Fahrrad zu verabschieden, Butch scheint nicht so ganz an die Sätze des Fahrradverkäufers (it'll change your whole life for the better) zu glauben. Sie könnten ja jetzt auf ihrem Weg nach New York in die Kutsche steigen, wir brauchten das Fahrrad nicht mehr zu erwähnen, aber es kommt wieder ins Bild. Paul Newman schiebt es verächtlich den Hügel hinunter, wo es in einem kleinen Rinnsal landet: Future's all yours, you lousy bicycles.

Und dann bleibt die Kamera auf den sich im Wasser drehenden Speichen des Fahrrades, während das Bild langsam eine ➱Sepia-Tönung annimmt, mit der der ganze New York Teil aufgenommen wird (und die wir auch am Schluss wiederfinden). Das fanden viele damals ganz toll - auch das Schlussbild wird die Sache mit der Sepia-Tönung wiederholen, aber eigentlich war es nur - wie der ganze Film - hochpolierter Kitsch. Wer die Sache mit dem Rad im Wasser für Filmkunst hält, hat noch nie einen Eisenstein Film gesehen. Etta Place geht mit den zwei Banditen (in manchen Teilen entspricht der Film der historischen Wirklichkeit, der Vorspann sagte ja: Not that it matters, but most of it is true!) nach Bolivien. Aber vorher sagt sie ihnen: I'm twenty-six, and I'm single and a schoolteacher and that's the bottom of the pit. And the only excitement I've known is here with me now. So I'll go with you and I won't whine. And I'll sew your socks and I'll stitch you when you're wounded, and I'll do anything you ask of me, except one thing: I won't watch you die. I'll miss that scene if you don't mind.

Wir brauchen sie auch nicht sterben zu sehen, weil der Film das letzte Bild einfriert. Und so bleiben sie forever young. Was aus der wirklichen Etta Place geworden ist (auf dem Photo oben nach ihrer Heirat mit Harry Alonzo Longabaugh, auch Sundance Kid genannt), weiß niemand.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Bavaria


Heute vor 161 Jahren wurde in München die Statue der Bavaria feierlich enthüllt. Sie hat auch einen wirklich schönen Wikipedia Beitrag. Das könnte es eigentlich für heute sein, denn ich habe weder zu großen Denkmälern noch zu Bayern ein Verhältnis. Denn das ist schwierig für Norddeutsche, für die südlich von Hannover schon Süddeutschland anfängt. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich schon mehrfach in Bayern war. Und dass ich einige ganz reizende Bayern kenne. Oder Norddeutsche, die in Bayern wohnen. Ich habe auch bayrische Leser, das habe ich gemerkt, als ich über ➱Albert Stagura schrieb. Da bekam ich E-Mails von Lesern, die über die Chiemseemaler sehr viel mehr wussten als ich.

Ich möchte die Bavaria zum Anlass nehmen, mal eben zu gestehen, dass ich als Norddeutscher eine ganz kuriose Neigung zu Bayern habe. Ich habe keine Haferlschuhe, ich schwärme nicht für Bayern München. Aber ich schwärme für Franz Xaver Bogner. Wenn es nach mir ginge, könnten sie bei Bayern III München 7 und Irgendwie und Sowieso wochenlang wiederholen. Und jeden Tag die Musik von Haindling spielen. Als vor kurzem Irgendwie und Sowieso wieder einmal wiederholt wurde, habe ich natürlich alle Folgen gesehen. Es muss eine sentimentale, nostalgische Sehnsucht sein. Aber wenn irgendjemand die Zeit zurückholen kann, dann ist es der Bogner Xaver. Und der Soundtrack von Irgendwie und Sowieso. Ich habe mir sofort das Doppelalbum Filmmusik von Haindling gekauft. Als die zum x-ten Mal die Wohnzimmer füllte, fiel mir ein Musikstück ein, das auch von einer bayrischen Gruppe gespielt wurde, das ich vor Monaten im TV gesehen hatte. Ich hatte leider nur eine Minute davon gesehen, ich wusste nichts über die Gruppe, aber ich hatte mir das Sendedatum und alles notiert, was damals in meinem Programmheft stand. Jetzt fing das Suchen an, kreuz und quer mit Google. Und plötzlich hatte ich es. Sogar bei YouTube. Es war zwar kein bayrisches Lied, was da Herzschmerz ergreifend gespielt wurde, es war ein schwedisches Volkslied, aber es war eine bayrische Gruppe. Die heißt Hahn im Korb, und ihr Stück ➱Visa i backa ist wirklich wunderbar.

Ich klicke es jeden Tag einmal an. Sollten Sie auch mal probieren.

Samstag, 8. Oktober 2011

Cordjackett


Comeback des Cordsakko. Eigentlich ist es falsch, beim Cordsakko von einem Comeback zu sprechen – denn es war eigentlich nie richtig weg. Das Sakko von Tommy Hilfiger wurde jedoch ganz neu interpretiert und die Idee des Cordsakkos auf innovative Weise umgesetzt. Und das kann sich sehen lassen! Der Einreiher aus Baumwollcord ist schmal geschnitten und kommt zunächst recht casual daher. Doch die Details sprechen eine andere Sprache und lassen das Herrensakko ganz schön elegant wirken. Es lässt sich, je nach Anlass, perfekt kombinieren und wertet jedes Outfit – egal ob Businesslook oder die sportliche Jeans/Pullover-Variante – extrem auf. Die typischen Kissing Buttons an den Ärmeln, die feine Verarbeitung der Taschen und Nähte und das softe Innenfutter mit darin eingewebtem Designer-Schriftzug machen das Stück zu einem echten Hilfiger.

Ich lese so etwas ja zu gerne, weil diese Texte (gleichgültig für welche Marke) so völlig schwachsinnig sind. Glaubt irgendjemand das, was hier steht? Erinnern Sie sich noch an den Loriot Sketch mit dem ➱Anzugkauf? Vielleicht lernen Verkäufer diese Texte auswendig, um sie ihren Kunden zuzuflüstern. Wenn irgendjemand in der Lage ist, Locken auf eine Glatze zu ziehen, dann sind es die Werbetexter, die für die Modeindustrie schreiben.

Der berühmte ➱Roland Barthes hat einmal ein Buch mit dem Titel Die Sprache der Mode geschrieben. Aber so scharfsinnig und witzig er sonst in seinen Beobachtungen der Alltagskultur ist, dies ist leider ein völlig humorloses und unlesbares Werk. Ein etwas verzweifelter Versuch mit einem strukturalistisch-semiotischen System Claude Lévi-Strauss zu imponieren. Barthes hoffte vergebens, dass Lévi-Strauss (nicht mit der Jeansdynastie verwandt) das als Doktorarbeit annehmen würde. Ich will mich nicht auf die semiotischen Spuren von Roland Barthes begeben, Sätze wie Ein Zeichen des ersten Systems (ein schwarzes Kleid, das einen festlichen Anlaß bedeutet) wird zum Signifikanten des zweiten Systems, dessen Signifikat die Modeideologie oder Moderhetorik bildet, werden mir nicht über die Lippen kommen.

Natürlich sagt Kleidung etwas. Auch wenn wir die Botschaft häufig nicht verstehen, selbst als dedicated follower of fashion. Wie zum Beispiel bei den Klamotten von ➱Thomas Gottschalk. Was sollen sie uns sagen? Und selbst, wenn auf dem Kleidungsstück noch eine sprachliche Botschaft steht, ist die nicht immer klar. Für 12,50 € können Sie bei amazon.com ein T-Shirt mit der Aufschrift I fucked Paris Hilton kaufen. Ob der Käufer qualifiziert ist, ein Hemd mit diesem Satz zu tragen, wird von Amazon nicht überprüft. Die Sprache der Mode ist ein Babel, für das Google Translate noch kein Übersetzungsprogramm hat. Aber ich will nicht auf der Ebene von Roland Barthes Sprache der Mode schreiben, ich will auch nicht Alison Luries interessantes Buch The Language of Clothes diskutieren, ich möchte einmal dem Cordjackett in der Geschichte der Mode nachgehen. Und der Frage: woher kommt es eigentlich?

Das Cordjackett ist jetzt überall zu sehen. Letzte Woche habe ich im Fernsehen drei Moderatoren gesehen, die eins trugen. Es ist schon seit einigen Jahren Mode (ich bin mit meinen unzeitgemäßen Beobachtungen etwas spät dran), vor zehn Jahren wurde in Modezeitschriften eine Renaissance des Cordjacketts gefeiert. Im Herbst 1994 auch, es kommt offensichtlich immer beharrlich wieder. Und beharrlich kommen auch solche Sätze wieder wie: Corduroy used to be considered déclassé. But with today's plush new versions and colours, the fabric has a more luxe look that even works for evening. Sidney Webb wäre im ausgehenden Jahrhundert ein Zeuge für den Gedanken des déclassé, wenn er schreibt: corduroy has been relegated to the use of navvies and tramps.

Aber der Cord kommt seit einigen Jahrzehnten in der Herrenmode immer wieder, und das nicht bei den navvies und tramps. Eher bei Caruso, Cucinelli, Kiton und Zegna, bei denen ein Cordjackett dann auch leicht etwas Vierstelliges kostet. Cord ist vor allem gefragt, wenn sich Männer jugendlich geben wollen. Wir alle haben Edmund Stoiber mit seinem hellbraunen Cordanzug noch nicht vergessen. Das war natürlich a bit too much of a good thing, ➱Cordhosen sind O.K. Cordsakkos auch, aber Cordanzüge, die sind nun ganz daneben. Es sei denn, Sie hätten noch einen olivgrünen needlecord Anzug von John Stephen aus Carnaby Street circa 1970, das lassen wir noch durchgehen. Catherine Horwood ist in ihrem Buch Worst Fashions: What we shouldn't have worn...but did etwas doktrinärer. Bei ihr heißt es ganz simpel: Avoid at all costs: Anything corduroy - poor man's velvet! So streng wollen wir heute mal nicht sein. Dennoch gelten Regeln für Cord. Erstens: niemals Breitcord! Zweitens: keine Cordanzüge! Erst recht keine Cordanzüge aus Breitcord. Das sage ich nun einmal in meiner Eigenschaft als arbiter elegantiarum. Stoiber hätte mich fragen sollen, da ist er jetzt selbst dran Schuld, dass er kein Bundeskanzler geworden ist. Das war eine Sprache der Mode, die wir alle verstanden haben.

Die Cordjacketts in ihrer augenblicklichen Form sind als modisches Kleidungsstück noch nicht so alt. Wenn wir mal alle Formen von Arbeitsjacken und Outdoorjacken (links) und deren Revival (wie zum Beispiel die schönen toskanischen Jagdjacken von der Firma Capalbio) draußen vor lassen. In dem Bereich kann man Cordjacken schon bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen, und für solche Jacken hat Cord immer eine Rolle gespielt. Auch Cowboys haben Cordjacken getragen. Der Katalog vom Versandhaus Montgomery Ward enthält 1895 ein halbes Dutzend Cordjacketts, die mit Preisen zwischen 9 und 11 Dollar sogar teurer sind als manche Jacketts aus Wolle. Wahrscheinlich werden sie deshalb gekauft, weil sie den Ruf haben, unverwüstlich zu sein, the poor man's velvet.

Es fehlt auch nicht an Erwähnungen von Cordjacketts in englischen Romanen und Autobiographien im 20. Jahrhundert, wo sie immer etwas zweckentfremdet von Großvätern als Jacke für die Gartenarbeit getragen werden. Entweder haben die alle den selben Großvater mit dem selben Cordjackett oder der Opa im Garten mit dem alten Cordjackett ist schon zu einem Stereotyp geworden. Es fehlt auch nicht an Klagen darüber, dass man keine qualitativ hochwertigen Cordhosen oder Cordjacketts mehr bekommt, weil sie keine Mode sind. Das kann ich nachfühlen, das kenne ich. Ein Leben lang auf der Suche nach der ultimativen Cordhose - und manchmal gab es zehn Jahre lang überhaupt nichts (außer Zimmermannshosen aus Manchesterkord) in den Läden. Gibt es nur, wenn es der Mode einfällt, von einem Comeback des Cordsakko zu reden - mit der Mode für Cordjacketts ist es wie mit dem Schweinezyklus.

Im Amerika der zwanziger Jahre taucht Cord in der Form von Cordhosen an den Ivy League Universitäten auf - von den ➱Waschbärmänteln und den Stutz Bearcats wollen wir heute nicht reden. Cordjacken auch, die werden aber nur von Studentinnen getragen (und dann in bunten Farben). An die Damen richtet sich auch eine Mode, die nach dem Krieg aus Frankreich nach Amerika schwappt (auf jeden Fall schreibt Life ganz begeistert im Jahre 1946 darüber), Cordjacken aller Art und Kostümjacken aus Cord sind die große Mode. Ist auch billiger als teure Wollstoffe. Für die einen gibt es ➱Christian Diors New Look, für die anderen gibt es Cord. Der wird (wie alle Gewebe, die im Englischen fustian heißen) das Image nie ganz los, the poor man's velvet zu sein.

In der Herrenmode gibt es in Amerika in den fifties auf dem ➱Ivy League Campus auch Cordjacketts, auf jeden Fall bieten J. Press und Brooks Bros. so etwas an. Die werden zu einer Art typischer Berufskleidung von Professoren. Und Lehrern. Wird auch so in Katalogen beworben: perfect for the classroom. Da, wo man sich nicht den guten Anzug ruinieren will. Die Sakkos ist einreihig, beige oder braun. Meistens drei Knöpfe, wobei das oberste Knopfloch in den 50er und 60er Jahren noch in das Revers hineingebügelt wurde. Nicht nur bei Cordjacketts, das ist eine amerikanische Eigenart, die ich nie verstanden habe. Sie können in Alan Flussers Clothes and the Man genügend Bilder davon sehen. Die Italiener, die so stolz auf ihr strappato Revers sind, würden bei diesen Bildern wahrscheinlich auf der Stelle blind werden.

Aber nicht nur Professoren tragen das corduroy jacket, irgendwann tragen es auch die Studenten. Falls Sie einen Beweis brauchen sollten: was trägt Dustin Hoffmann in der Szene von The Graduate, in der sich Anne Bancroft so lasziv ihre Strümpfe anzieht? The PTA, Mrs. Robinson Won't OK the way you do your thing Ding, ding, ding. Da sich der Ivy League Stil offensichtlich ad infinitum recyceln lässt, hat natürlich heute Ralph Lauren Cordjacketts im Programm. Wenn man Glück hat, sind die in Italien von einer reputierlichen Firma gemacht. Ich habe mal in einem Secondhand Laden ein altes Brooks Brothers Cordjackett (Made in the USA of Imported Fabric) gekauft, das bei mir nur mein Mrs Robinson Jackett heißt. Immer wenn ich es trage, warte ich heimlich darauf, dass ich ➱Katharine Ross treffe.

In England sieht es mit der Entwicklung des Cordjacketts ein wenig anders aus (von diesem Cordanzug aus dem Jahre 1967 mal abgesehen). Zum einen sind Cordhosen an englischen Universitäten in den zwanziger Jahren kein Thema. Man trägt flannels, die irgendwann unter dem Namen ➱Oxford bags groteske Weiten annehmen. Und dazu einen Blazer vom Cricketclub oder der Rudermannschaft. Oder ein Tweedjackett. Das Cordjackett oder Cordsamtjackett findet sich eher in den Kreisen, die man heute mit dem Wort Bloomsbury belegt. Da kommt man zwar aus der upper middle class aber man möchte gerne ein wenig Bohème sein, da ist ein Cordjackett oder ein Cordsamtjackett genau das richtige. Aber nicht in den Farben von beige bis braun, die heute vorherrschen.

Wenn man schon die englische Bohème ist, dann besinnt man sich doch auf englische Exzentrik und trägt Cordjacketts in allen Schattierungen von Lila. Ein dunkles Flaschengrün ist auch sehr beliebt. Der Farbton wird sich in England lange halten, David Hemmings trägt in ➱Antonionis 'Blow-up' natürlich ein dunkelgrünes Cordjackett. Es war nicht sein eigenes, wie man manchmal liest: I had a costume fitting that same afternoon, where they threw a pair of white jeans and a green corduroy jacket at me. And for the first time, I was allowed to see the script and was given a copy to take away. Das Jackett wurde übrigens während der Dreharbeiten gestohlen. Jocelyn Rickards, die für die Klamotten des Films verantwortlich zeichnete, hatte großes Schwierigkeit, ein Ersatzjackett so umzuschneidern, dass man beim späteren Dreh keine Unterschiede zum ersten Jackett erkennen konnte.

Bei diesem Typ des Cordjacketts kann man sicherlich in Farbe und Materialien die Vorläufer in dem englischen ➱smoking jacket des 19. Jahrhunderts sehen. Dieser Look wird sich in England lange halten, der New Edwardian Style wird ihn wiederbeleben. Dessen groteske Proletarisierung, der ➱Teddy Boy Look, wird ihn nicht umbringen können. Und in der Zeit der Peacock Revolution ist er wieder da, und in den Anzeigen der sixties liest man Farbbezeichnungen wie crimson, mauve und burnt orange. Im Katalog The Cutting Edge: 50 Years of British Fashion 1947-1997 des Victoria & Albert Museums findet sich zum Beispiel ein schönes dunkelbraunes Cordsamtjackett mit paspelierten Revers, das einmal Roy Strong gehört hatte. Den habe ich immer für seine schrille Kleidung bewundert.

Und selbst eine eher konservative langweilige Firma wie Dunn & Co. hatte nette flaschengrüne Cordjacketts im Angebot (links). Wo ich die verblichene Firma Dunn & Co., die über Jahrzehnte ganze Generationen von Engländern mit Tweedjacketts versorgte, erwähne, sollte ich auch Beale&Inman erwähnen, die mal für die Qualität ihrer Cordprodukte berühmt waren. Auch sie gibt es nicht mehr, sie wurden irgendwann von der Moss Bros. Gruppe geschluckt, in ihren Laden in London ist inzwischen die italienische Firma Corneliani eingezogen. Das sind so Sachen, die ich bedauere. Wenn bei ➱Staben in Hamburg die italienische Firma Pal Zileri einzieht, dann bedauere ich das nicht. War eh der langweiligste Laden in Hamburg (Helmut Schmidt kaufte da immer), und der Senior Willi Staben war ein großer Nazi (mit dem schönen Titel Reichsmodewart) gewesen.

Ich lasse die Italiener heute mal draussen vor. Sie machen keine Mode, sie machen nur alles eleganter und in besserer Qualität, aber sie sind nicht wirklich innovativ. Doch einen Sprung über den Kanal zu den frogs müssen wir noch machen, nach Paris, an das linke Seineufer. Dort, wo der Existentialismus in den Straßencafés und Jazz Clubs gelebt wird. Wo man all das abgelegte Zeug der amerikanischen Truppen trägt - army surplus wird jetzt mit einem Hauch existentialistischer Theorie veredelt. Jean Paul Sartre trägt auch eine Parka. Cord bekommt hier zusätzlich eine klassenkämpferische Note, weil es eigentlich eine Handwerker- und Arbeiterkleidung ist - aus diesem Grund hatten in den dreißiger Jahren englische Linksintellektuelle begonnen, Cordhosen zu tragen. Man wollte dem Arbeiter näher sein. Der Pariser Schmuddel-Look, lange bevor in Seattle grunge entsteht, ist zum Teil aus der Not der Nachkriegszeit geboren, zum Teil ist er aber auch nur Inszenierung.

Der Look wird sich lange halten. Er verschmilzt auch schnell mit einer anderen Jugendkultur, die wir in England und den USA finden, den so genannten folkies. Karierte Holzfällerhemden und Cordjacketts werden ihr Standardoutfit. Woody Allen läuft immer noch so rum. Wir müssen die folkies noch von den gleichzeitig auftauchenden Beatniks abgrenzen, mit denen sie aber viel gemeinsam haben. Es gibt jetzt zum ersten Mal im 20. Jahrhundert gleichzeitig eine Vielzahl von Jugendkulturen, die sich durch einen eigenen Modestil auszeichnen. Das Cordjackett findet sich bei mehreren dieser Kulturen (Existentialisten, folkies, Beatniks und zum Teil auch bei Teddy Boys), wird aber niemals von hipsters, ➱Mods oder Rockern getragen. Kleidungsstücke sprechen jetzt nicht nur eine Sprache, sie werden auch schon zu einer Art Glaubensbekenntnis.

Wenn Pierre Cardin in den sechziger Jahren die Mode revolutioniert, hat er auch Cordjacketts im Programm. Die haben dann allerdings kein Revers und keinen Kragen mehr, und wir können sie wenig später an den Beatles entdecken. Mein Bruder hatte damals so ein Teil, als er eine schwere Phase von Beatlemania hatte. Die Beatles tragen natürlich keine Pierre Cardin Jacken. Aber ihr Schneider ➱Douglas ("Dougie") Millings (hier auf dem Photo) hatte sich schon von dem Franzosen inspirieren lassen.

So, da haben wir in Kurzfassung die Entwicklungslinien. Amerikanische Universitäten, zerstreute Professoren, folkies, ältere Buchhändler in Antiquariaten - Hollywood trägt in vielen Filmen seinen Teil zur Stereotypisierung bei. Cordjackett bedeutet immer: ein klein wenig intellektuell und ein klein wenig weltfremd. Der perfekte Tarnanzug für alle grauen Modemäuse und alle Woody Allens dieser Welt. Und dann haben wir noch die englische Bohème der Zwanziger, die Pariser Intelligentzia im Quartier Latin der Nachkriegszeit. Aus all dem bedient sich heute die italienische Mode. Heute bringen italienische Luxusfirmen wie ➱Raffaele Caruso Cordsakkos mit echten Knopflöchern auf den Markt, das muss nicht sein. Ich fand es schon etwas übertrieben, dass die Knopflöcher an meiner Tom Reimer Cordhose schneidermäßig echt umsäumt sind. Der Cord bei dem Caruso Jackett ist (ich weiß das, weil ich eins habe) aus einem Stoff, der bei Zegna Cashco heißt. Ist ein Blending aus cashmere und cotton. Klingt aber nach cash. Das ist eine Baumwolle, die hat schon ganz nahe neben der Kaschmirziege gelegen, sagte mir einmal ein Verkäufer. Man vergisst solch blöde Sprüche nie, das ist wie bei Loriot. Aber seien wir ehrlich, diese eleganten Cordjacketts sind natürlich völlig daneben. Wenn ein Cordjackett aus Cord von Brisbane Moss ist, dann ist das völlig O.K. Cordjacketts sollen nicht elegant sein. Das müssen olle ehrliche Dinger sein, die man am besten im Secondhand Laden kauft - und möglichst in Läden, die auch noch Manchester Hosen führen - dann haben sie schon die richtige Patina.

Oder man trägt sie seit einem halben Jahrhundert wie Hans-Olaf Henkel: Das Cordjackett auf diesen Fotos hat mich mein Leben lang begleitet. Ich trug es in meiner Sturm-und-Drang-Zeit in Hamburg, es kam mit nach Sindelfingen, Böblingen und München, wo ich für IBM war. Es war in Amerika, Ceylon, Kalkutta, Paris. Das Sakko hatte sich mein Stiefvater 1953 beim Schneider Nauschütz in den Hamburger Colonnaden schneidern lassen. Mein Stiefvater war Künstler, Lautensänger (er hat den Evergreen „Einmal noch nach Bombay“ komponiert). 1958 vermachte er mir das Sakko. Es hatte einen phantastischen Stoff, eine tolle Farbe – nur die Ärmel waren entsetzlich kurz und die Schultern zu breit. Ein Schneider hat mir die Ärmel verlängert. Man sieht noch heute den Rand, der die ursprüngliche Ärmellänge anzeichnet und den mehrfaches Reinigen nicht beseitigen konnte. 2000 habe mich in dem Sakko für das Titelfoto meiner Lebenserinnerungen ablichten lassen. Einen 80-jährigen Schneider bewog das, mir zu schreiben und anzubieten, das Jackett zu restaurieren. Er hat die Knöpfe, das Futter und die Nähte erneuert – ich bin überzeugt, dass das Jackett jetzt noch weitere 52 Jahre halten wird. Die Frage ist, welcher meiner beiden Söhne es mal erben wird.

Genauso muss das sein, Sie können das rührende Festhalten eines Mannes an seinem Lieblingsjackett hier noch einmal im ➱Bild sehen. Ich bin übrigens ohne ein Cordjackett durch das Leben gekommen, aber seit einigen Jahren habe ich doch ein paar. Alle second hand oder Ebay, aber von den feinsten Firmen. Ich trage sie zuhause als Strickjackenersatz, lümmel mich mit ihnen im Sessel rum und schreibe meinen Blog. Mit meinem Mrs Robinson Jackett kann ich allerdings nicht am Computer schreiben. Das hat nämlich Lederknöpfe am Ärmel, und die klappern immer auf dem Schreibtisch, ding, ding, ding.

Freitag, 7. Oktober 2011

Edgar Allan Poe


Heute vor 162 Jahren ist er in Baltimore gestorben. Er war vierzig Jahre alt. Die Umstände seines Todes bleiben rätselhaft, die Theorien nennen Mord, Selbstmord, Cholera, Tollwut und Syphilis als mögliche Ursachen. Man hatte ihn auf der Straße gefunden, in great distress, and ... in need of immediate assistance. Der größte Fehler des armen Edgar Allan Poe in seinem Leben ist es gewesen, Rufus Griswold  zum Verwalter seines literarisches Werkes zu machen. Edgar Allan Poe is dead. He died in Baltimore the day before yesterday. This announcement will startle many, but few will be grieved by it, schrieb ➱Griswold wenige Tage nach dem Tod von Poe. In dem few will be grieved by it deutet sich schon an, was nun aus Griswolds Feder kommen wird, eine Verleumdungskampagne par excellence. Ein geisteskranker Trinker, der seine 13-jährige Cousine heiratet und besoffen in der Gosse stirbt. Und was nicht alles. An allen Vorwürfen ist irgendwo etwas dran, wo viel Schmutz geworfen wird, da bleibt auch viel hängen. Rufus Griswolds Biographie wird das Bild Poes immer überschatten. Was Poes Biographie betrifft, haben wir leider mehr Konfabulationen als Fakten.

Es hat Poe auch nicht geholfen, dass sich die neue Wissenschaft der Psychologie seiner angenommen an, dazu forderte sein Werk ja auch geradezu heraus. And much of Madness and more of Sin/And Horror the soul of the plot. Immer wieder madness. Eines der kuriosesten Werke dieser neuen Wissenschaft stammt von einer echten Prinzessin, der Lieblingsschülerin von Freud (auf dem Photo links neben ihm). Man hätte Marie Bonaparte wahrscheinlich vergessen, wenn sie nicht vor kurzem von Catherine Deneuve gespielt worden wäre. Die Prinzessin  hat sicherlich große Verdienste (das größte ist wahrscheinlich, dass sie den Spinner Jacques Lacan aus der Vereinigung der französischen Psychiater geschmissen hat), aber ihr Buch Edgar Poe: Etude psychanalytique von 1933 ist mit Vorsicht zu geniessen. Es gibt seit Rufus Griswold mehr schlechte als gute Biographien über Edgar Allan Poe.

Wobei ich nichts gegen Hervey Allens Buch Israfel sagen will, für das Jahr 1926 war das schon ein Wurf; man muss Romanschriftsteller sein, um sowas zu schreiben. Eine Biographie, wie sie Hershel Parker zu Herman Melville vorgelegt hat, bleibt eigentlich immer noch ein Desiderat. Sicher ist die Biographie der Prinzessin Marie Bonaparte inzwischen ein Klassiker der Wissenschaftsgeschichte, aber sie ist keine ernstzunehmende Biographie. Gerade hat Peter Ackroyd ein 176 Seiten langes Büchlein (Poe: A Life Cut Short) geschrieben, das sicher sehr nett ist, aber auch keine richtige Biographie ist. Am besten gefällt mir da immer noch die Biographie von Kenneth Silverman aus dem Jahre 1992 Edgar Allan Poe: Mournful and Never-ending Remembrance.

Und ich habe sogar eine Empfehlung für eine deutschsprachige Biographie, es ist kaum zu glauben. Der Verfasser heißt Frank T. Zumbach (und er hat auch einen schönen, für einen Edgar Allan Poe Spezialisten passenden ➱Blog - diese Adresse sollten alle Freunde des gepflegten Schauers unbedingt testen). Dafür dass diese Biographie schon beinahe ein Vierteljahrhundert alt ist, hat sie sich erstaunlich gut gehalten. Als sie 1986 im Winkler Verlag erschien, war sie neben Walter Lennigs kleiner Biographie in der Reihe der rowohlts monographien die einzige deutsche Buchpublikation zu Poe die ernst zu nehmen war. Frank T. Zumbachs Biographie ist keine trockene Wissenschaft, Zumbach hat zwar Anglistik studiert, aber er ist freier Schriftsteller und Übersetzer, kein Universitätsprofessor. Gott sei Dank, möchte man sagen. E.A.Poe: Eine Biographie ist nicht nur eine Biographie des Autors, das Buch portraitiert auch eine Epoche der amerikanischen Kultur. Es ist gut geschrieben, so dass jeder es lesen kann (was bei Werken aus professoraler Feder ja nicht immer gegeben ist). Und es gibt dem Leser einen Schlüssel zum Verständnis von Poes Werk. Was kann man sich mehr wünschen? Ja, man kann das Buch auch noch bei Amazon oder Amazon Marketplace finden.

Während die amerikanischen Literaturprofessoren sich mit bewundernswertem Fleiß immer wieder auf Poes ebenso erfolglosen Zeitgenossen Herman Melville gestürzt haben, bleibt Edgar Allan Poes Werk heute immer noch vernachlässigt. Es gibt leider bis heute noch keine zuverlässige Gesamtausgabe der Werke von Edgar Allan Poe. Die ➱Virginia Edition, die schon über hundert Jahre alt ist, ist nicht ganz vollständig. Und Thomas O. Mabbotts Werkausgabe wurde leider durch seinen Tod beendet. Obgleich, die Bände, die er vollendet hat, ein Muster für jede Werkausgabe sein können. In Deutschland gibt es seit seit drei Jahren im Insel Verlag für 248 € eine vierbändige kommentierte Werkausgabe. Mit 4.254 Seiten das Vollständigste von Poe, was es auf Deutsch gibt. Diese Ausgabe ist nicht ganz neu, sie ist - herausgegeben von dem Berliner Anglistikprofessor Kuno Schuhmann und Hans Dieter Müller - 1966 im Walter Verlag erschienen. Es hält sich das Gerücht, dass diese Ausgabe den Walter Verlag ruiniert hätte, aber das ist wohl nicht ganz wahr. 1979 gab es eine zehnbändige Paperback Lizenzausgabe (Pawlak), die allerdings schnell verramscht wurde. Aber die Ausgabe des Walter Verlags wurde dankenswerterweise von Gert Haffmanns 1994 wiederbelebt. Jetzt bringt der Insel Verlag sie noch einmal heraus. Die berühmtesten Übersetzer, die an dieser Werkausgabe mitgearbeitet haben, sind schon lange tot: ➱Arno Schmidt und Hans Wollschläger.

Und dann muss ich noch ein drittes deutschsprachiges Werk nennen, ➱Liliane Weissbergs Edgar Allan Poe. Erschienen 1991 in der Sammlung Metzler als Band 204 dieser Reihe. Der materialreichste Forschungsbericht in Buchform, den es gibt. Und das ist noch die Kurzfassung. Im Vorwort schreibt die Verfasserin, die 1984 in Harvard über Poe promoviert hatte: Die erste Fassung des vorliegenden Textes hatte den traurigen Ruhm, das längste Manuskript zu sein, das jemals für einen 'Sammlung Metzler' Band eingereicht wurde. Aber sie wussten bei Metzler schon, dass sie mit dem Manuskript etwas ganz Besonderes hatten, und man kann der Autorin für dieses Buch nur ewig dankbar sein. Es ist beim Verlag vergriffen, aber es gibt noch Restexemplare im Modernen Antiquariat.

Vielleicht ist mir ja auch der ein oder andere Leser dankbar für diese kleine Literaturübersicht. Aber natürlich kann man Edgar Allan Poe auch ohne alle Sekundärliteratur lesen. Obgleich Kommentare eines Gelehrten manchmal ja sehr schön sind. Ich habe die Modern Library Ausgabe von The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe, die einmal Newton Arvin gehört hat. Mit seinen Unterstreichungen und Kommentaren. Besser geht es nicht.

Und über Edgar Allan Poe, der die detective story und die short story erfand (von der Science Fiction ganz zu schweigen), schreibe ich gerne noch ein anderes Mal. Die Bilder sind natürlich von ➱Horst Janssen, den Edgar Allan Poe nie losgelassen hat.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Parnell


Von dem ersten Gedicht des Neunjährigen haben wir nur wenige Zeilen: His quaint-perched aerie on the crags of Time / Where the rude din of this […] century / Can trouble him no more und My cot alas that dear old shady home / Where oft in youthful sport I played / Upon thy verdant grassy fields all day / Or lingered for a moment in thy bosom shade. Sein stolzer Vater hat es drucken lassen, angeblich hat er ein Exemplar an den Papst geschickt. Das Gedicht wurde 1891 geschrieben, da ist Charles Stewart Parnell gerade gestorben. Der Titel des Gedichtes Et Tu, Healy bezieht sich auf Parnells politischen Widersacher Tim Healy, es kann aber sein, dass dieser Titel 1891 noch nicht über dem Gedicht stand. Wir haben leider kein einziges Exemplar von dem Gedicht. Vielleicht sollten die mal im Vatikan in der Poststelle nachgucken, ob die da noch einen Brief mit der Absenderadresse Brighton Square, Rathgar, Dublin haben. Der Absender ist ein gewisser John Stanislaus Joyce. Mr Joyce ist ein großer Verehrer des irischen Politikers Charles Stewart Parnell, der heute vor 120 Jahren starb.

Fünfundzwanzig Jahre nach Parnells Tod wird der erste Roman von James Joyce erscheinen, A Portrait of the Artist as a Young Man. Es ist die Neufassung eines Romans, der zuerst Stephen Hero hieß, der heimliche Held des Romans ist nicht Stephen, sondern Charles Stewart Parnell. Überall im Roman kommt er wieder vor, die Symbolisierung des Freiheitsgedankens der Iren.

He saw the sea of waves, long dark waves rising and falling, dark under the moonless night. A tiny light twinkled at the pierhead where the ship was entering: and he saw a multitude of people gathered by the waters' edge to see the ship that was entering their harbour. A tall man stood on the deck, looking out towards the flat dark land: and by the light at the pierhead he saw his face, the sorrowful face of Brother Michael.
He saw him lift his hand towards the people and heard him say in a loud voice of sorrow over the waters:
—He is dead. We saw him lying upon the catafalque. A wail of sorrow went up from the people.
—Parnell! Parnell! He is dead!
They fell upon their knees, moaning in sorrow.

James Joyce bewundert Parnell ebenso wie sein Vater, immer wieder wird der Politiker, der schon zu Lebzeiten zu einer Art Mythos wurde, in seinem Werk vorkommen, nicht nur in Portrait of the Artist as a Young Man, auch immer wieder in Ulysses. Es ist nicht der public sinner Parnell, der an seinem Lebenswandel scheitert, es sind die Iren, die ihre großen Männer verraten. Politiker wie Parnell, Schriftsteller wie Joyce.

1912 heißt es in seinem Artikel The Shade of Parnell in Il Piccolo della Sera: The Fact that Ireland now wishes to make common cause with British democracy should neither surprise nor persuade anyone. For seven centuries she has never been a faithful subject of England. Neither, on the other hand, has she been faithful to herself. She has entered the British domain without forming an integral part of it. She has abandoned her own language almost entirely and accepted the language of the conqueror without being able to assimilate the culture or adapt herself to the mentality of which this language is the vehicle. She has betrayed her heroes, always in the hour of need and always without gaining recompense. She has hounded her spiritual creators into exile only to boast about them. She has served only one master well, the Roman Catholic Church, 
which, however, is accustomed to pay it faithful in long term drafts.

Joyce schließt seinen Artikel mit: In his final desperate appeal to his countrymen, he begged them not to throw him as a sop to the English wolves howling around them. It redounds to their honour that they did not fail this appeal. They did not throw him to the English wolves; they tore him to pieces themselves.

Ja, so sind sie, die Iren, Mythos und Verrat. Träumen seit Cuchulain und Brian Boru von ihren Königen. Und dann: And in a spirit of Irish fun / Betrayed her leaders one by one. Und nicht nur die politischen Führer werden verraten, den Schriftstellern geht es nicht anders: This lovely land that always sent / Her writers and artists to banishment. Schreibt er 1912 in Gas from a Burner. James Joyce hat Irland 1904 verlassen, er trauert der Insel sein ganzes Leben lang nach.


Die schönen Irland Bilder sind von Joyces Zeitgenossen Paul Henry.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Jacques Offenbach


Heute vor 131 Jahren ist Jacques Offenbach in Paris gestorben, sein Vater hatte den kleinen Jakob nach Paris geschickt, weil er glaubte, dass er in der französischen Hauptstadt bessere Chancen hätte als in Köln. Jakob, der sich prompt Jacques nannte, war ein Zeitgenosse Richard Wagners, der ja auch einmal in Paris tätig war. Wagner hat Offenbach gehasst, aber noch mehr hasste er einen anderen Deutschen in Paris (irgendwie scheinen alle deutschen Komponisten in dieser Zeit in Berlin zu sein), der Giacomo Meyerbeer heißt. Und Erfolg hat, Wagner nicht so sehr. Jacques Offenbach ist nicht der einzige berühmte Rheinländer in Paris. Es gibt da noch einen Dichter aus Düsseldorf namens Heinrich Heine, der mag den Cellisten und Komponisten Offenbach auch. Der Dichter aus Düsseldorf und der Komponist aus Köln liegen heute beide auf dem Père Lachaise Friedhof begraben, ihre Gräber sind nur wenige Meter voneinander entfernt.

Offenbach ist noch immer in unseren Ohren. Wenn vielleicht auch nur durch diesen schmissigen Can-Can aus Orpheus in der Unterwelt (den gibt es in Köln noch in jedem Karneval zu hören) oder die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen. Wie die Barcarole klang, das wusste Offenbach, weil er die Melodie schon einmal in Die Rheinnixen verwendet hatte. Aber Hoffmanns Erzählungen hat Offenbach nie auf der Bühne gesehen. Als er in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober starb, war sie noch nicht ganz fertig. Sie ist heute für Musikhistoriker noch ein kleines Rätsel, obgleich es sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat, dass man die von Michael Kaye rekonstruierte Fassung spielt. Kent Nangano hatte mit dieser Version in Lyon großen Erfolg. Ich habe die Inszenierung auf Arte gesehen und war begeistert. Obgleich sie vielleicht nicht jedermanns Sache ist. So schreibt eine gewisse Callas123 unter dem Titel Pubertäre [sic!] Quatsch bei Amazon: Bloß nicht kaufen oder wenn schon gekauft, dann an Leute verschenken, bei denen man nicht mehr eingeladen werden möchte. Also, mir könnte man das schon schenken. Und Leute wie Callas123 würde ich eh nicht einladen.

Ich habe auf Arte vor Jahren noch eine andere Jacques Offenbach Oper gesehen, von der es aber leider keine DVD gibt. Wenn das jetzt jemand von den Arte Kulturfuzzis lesen sollte: Leute, bringt die Inszenierung von La Pèrichole von Jérôme Savary als DVD heraus! Es war ein geschickter Einfall von Savary, für die Rolle der Périchole keine ausgebildete Opernsängerin zu nehmen. Sängerinnen wie Régine Crespin, schön und gut. Aber Elise Caron, die noch nie eine Oper gesungen hatte, als Périchole, das war wirklich ein Ereignis (Sie können hier einen ➱Schnipsel sehen). Wenn Joan Sutherland die Périchole singt, dann singt sie das wie eine Opernsängerin. 

C’est une fille des rues : elle n’a pas une voix de chanteuse, hat Elise Caron über die Schwierigkeit gesagt, die richtige Stimme zu finden: Dans sa direction, Jérôme le disait également "prends pas ta voix de bourgeoise!". Pour projeter ma voix, j’avais tendance à la rendre plus aigue, ça ne fonctionnait pas. Je rattrape dans les graves un côté plus… poissonnière. Le placement de la voix a été un vrai travail. Ja, ein bisschen mehr Fischweib, das ist es, so richtig schön ordinär. Callas123 hätte es bestimmt nicht gefallen. Wahrscheinlich ist Jacques Offenbach auch wirklich nicht jedermanns Sache, Offenbach ist nicht Eduard Künneke. Seine Operetten, die eigentlich keine Operetten sind, sondern Offenbachiaden (wie Karl Kraus so schön sagte) sind, sind nicht jedermanns Sache.

Für Offenbach Liebhaber hätte ich heute noch zwei Tips. Na ja, vielleicht kennen Sie das alles schon, dann sind diese Tips für all die anderen, die noch Jacques Offenbach Liebhaber werden wollen. Die erste Empfehlung ist ein Film, der schon sechzig Jahre alt, aber unvergessen und unvergesslich ist. Nämlich The Tales of Hoffmann von Powell und Pressburger, drei Jahre nach dem berühmten The Red Shoes gedreht (mit der selben Hauptdarstellerin). Der berühmte Sir Thomas Beecham leitet das Orchester. Den Film kann man noch ohne größere Schwierigkeiten als DVD bekommen.

Meine zweite Empfehlung ist ein Buch, das zwar vergriffen ist, sich aber noch leicht im Antiquariat finden lässt. Es heißt Das imaginäre Tagebuch des Herrn Jacques Offenbach, geschrieben von einem Kölner namens Alphons Silbermann. Und niemand außer Deutschlands witzigstem Soziologen hätte dieses Buch schreiben können! Achten Sie darauf, dass Sie die erweiterte Neuausgabe von 1991 (Piper-Schott) kaufen. Die ist nämlich mit 457 Seiten doppelt so dick wie die Erstausgabe von 1960.

Es gibt eine Vielzahl von Jacques Offenbach Seiten im Internet, die Hälfte ist stillgelegt, oder der Browser kann die Seite nicht finden. Irgendwie scheint mir das typisch für die Offenbach Rezeption zu sein. Würden Angela Merkel und all die zweifelhaften B-Promis, die jedes Jahr nach Bayreuth pilgern, auch zu einer Jacques Offenbach Festwoche kommen? Warum machen wir Deutsche Wagner zu unserem Nationalhelden? Also mal außer der Tatsache, dass er im 19. Jahrhundert von einem geisteskranken Bayern und im 20. Jahrhundert von einem geisteskranken Österreicher verehrt wurde. Vielleicht sollte die Domstadt Köln mal eine Gegenveranstaltung zu Bayreuth ins Leben rufen, alljährliche Jacques Offenbach Festwochen. Damit dieser wunderbare Musiker nicht nur auf so schreckliche Dinge reduziert wird wie den Meuchelmord an der Barcarole durch Mireille Matthieu oder André Rieu. Ich weiß nicht, was von beiden das Schlimmere ist.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Rembrandt, once again


Rembrandt Harmenszoon van Rijn, der Maler, der unter seinem Vornamen bekannt wurde, ist heute vor 342 Jahren gestorben. Im gleichen Jahr beschließt ➱Samuel Pepys sein wunderbares Tagebuch, da seine Sehkraft nachlässt. Ich hatte ja vor Monaten schon einmal über Rembrandt geschrieben, aber Google kann das plötzlich nicht mehr finden (doch, gerade geht es wieder, erstaunlich). Seit sie ihre neuen ➱Dynamic Views eingeführt haben, spielt das ganze Blogger System ein wenig verrückt. Ich beobachte das mit einem gewissen Amüsement. Falls Sie den Rembrandt Post verpasst haben sollten, lesen Sie ihn doch ➱hier noch einmal. Ist mit Liebe geschrieben. Wie eigentlich alles in diesem Blog.

Ich möchte dem damaligen Rembrandt Post noch einige Lesetips hinzufügen, ein klein wenig ausführlicher als am 15. Juli. Für den Fall, dass Sie alles über Rembrandt wissen wollen. Mein erster Tip heißt Gary Schwartz. Der ist in Brooklyn geboren, lebt aber schon mehr als sein halbes Leben in den Niederlanden. Er ist Kunsthistoriker und weit über Holland bekannt. Sein Rembrandt-Buch vereint alle persönlichen Ansichten aus einem Forscherleben mit den neuesten Ergebnissen der Rembrandt Forschung. Es wendet sich, und das erkennt man schon in seiner Aufmachung und dem Layout, nicht unbedingt an den Kunsthistoriker (obgleich der es natürlich auch lesen kann), sondern an jedermann, der an Rembrandt interessiert ist. 

In dem Punkt konkurriert es ein wenig mit Simon Schamas exzellentem Buch Rembrandt's Eyes. Aber so brillant Schama als Kulturhistoriker ist, er ist nun mal kein professioneller Kunsthistoriker wie Gary Schwartz. Und man merkt das leider bei seinen Büchern in kleinen Details, er schreibt zu viel und zu schnell. Früher hätte es für ein Gelehrtenleben ausgereicht, wenn man ein Buch wie Landscape and Memory (meiner Meinung nach sein bestes Buch) geschrieben hätte. Aber Schama gibt sich damit nicht zufrieden. Je mehr ich von ihm lese, desto häufiger entdecke ich ihn bei kleinen Fehleren und kleinen Flusigkeiten, das ist sehr witzig. Das alles soll Rembrandt's Eyes nicht abwerten, aber in vielen Dingen ist der Leser bei einem Kunsthistoriker wie Gary Schwartz besser aufgehoben.

Der will auch nicht den ganz großen kulturhistorischen Kontext wie Schama präsentieren, der ja eher eine Biographie Rembrandts (und von Rubens gleich mit) und der Niederlande schreibt. Obgleich Gesellschaft, sozialer Kontext und Auftraggeber für Schwartz in seiner Einführung in das Werk Rembrandts durchaus eine Rolle spielen. Schwartz konzentriert sich auf das Werk Rembrandts und behandelt Gemälde, Zeichnungen und Radierungen in sehr didaktischer Weise. So erläutert er zum Beispiel für den Laien, wie eine Radierung entsteht und all diese Dinge, die Kunstgeschichtsstudenten im Grundstudium lernen. Für alle Argumente in seiner Interpretation der Bilder hat er Illustrationen als Belege, sodass der Leser ihm jederzeit folgen kann. Und dabei gleichzeitig sehen lernt. Der Facettenreichtum des Buches ist außerordentlich, und die Qualität der 648 Abbildungen ist hervorragend. Es gibt eigentlich keine bessere Einführung in Rembrandts Werk.

Es gibt kürzeres (und preiswerteres) wie zum Beispiel die Bild-Biographie Rembrandt von Isabel Kuhl in der Reihe Prestel Art Guide. Was diese promovierte Kunsthistorikerin auf nur siebzig Seiten serviert, ist wirklich erstaunlich. Durchgehend farbige Illustrationen (die Radierungen sind natürlich einfarbig), eine Zeittafel, eine sehr gute kommentierte Literaturliste, ein Verzeichnis der Museen, in denen man Rembrandt Bilder sehen kann. Ideal für Manager, die keine Zeit haben. Oder für Kultusminister. Nein, im Ernst: das Büchlein bietet viel. Wer an einem Wochenende in einem Schnellkurs zum Rembrandtspezialisten werden will, kann das mit diesem kleinen Buch tun.

Noch mehr bietet natürlich der Rembrandt Band der Rowohlts Bildmonographien. Seit Kurt Kusenberg bei Rowohlt 1958 diese Reihe begründet hat, sind in der ➱Reihe hunderte von Titeln erschienen. Rowohlts Monographien sind ein Muster an Demokratisierung des Wissens, preiswerter als eine ordentliche Pizza oder eine Kinokarte, hat die Süddeutsche Zeitung gesagt. In meinen Bücherregalen machen die Rowohlts Monographien einen Meter und zwanzig Zentimeter aus, ich gebe gerne zu, dass ich ihnen viel verdanke. 1977 erschien in der Reihe der Rembrandt Band von Christian Tümpel, der zum 400. Geburtstag Rembrandts vom Verfasser neu überarbeitet wurde. Das Buch wurde 25 Seiten länger und enthielt jetzt (wie alle neuen Titel in der Reihe) Farbabbildungen. Christian Tümpel ist sicherlich der bedeutendste deutsche Rembrandtforscher der neueren Zeit gewesen, und für diesen lächerlich niedrigen Preis von 8,50€ gibt es nichts Besseres. Es sei denn, Sie finden für den Preis auf einem Flohmarkt einen echten Rembrandt.

Am 4. Oktober 1669 ist Rembrandt gestorben. Die Beerdigung war vier Tage später, die Mitglieder der Malergilde sind anwesend. Das müssen sie sein, das steht so in ihrer Standesordnung, sie können sich allerdings von ihren Frauen vertreten lassen. Alles, was Rembrandt besitzt. wird am 5. Oktober 1669  von einem Notar aufgenommen. So wie damals bei seinem Konkurs ein Beamter des Magistrats fein säuberlich den ganzen Besitz aufgezeichnet hatte. Es ist nicht viel, aber es sind schon wieder drei Zimmer voller Bilder, das Sammeln hat er nie lassen können.

In seinen Selbstportraits altert Rembrandt vor unseren Augen. Und doch ist er uns nach mehreren Jahrhunderten immer näher gekommen. Wir können bei Google Rembrandt eingeben, und schon ist er da, wir brauchen nicht einmal seinen Namen korrekt zu schreiben. Was eines Tages kommen würde, hat sich Walter Benjamin sicher nicht träumen lassen, als er Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit schrieb. Ich auch nicht. Als ich vor vielen Jahren im Internet einen Artikel von einem australischen Kunsthistoriker las, dass man das Internet für die akademische Lehre nutzen könnte, fand ich das sehr komisch. Damals hießen Suchmaschinen noch web crawler und waren langsamer als die Ameisen in Altona auf der Chaussee. Mac hatte noch als Symbol eine Bombe, die einem sagte, dass gleich alles aus war. Sie erschien ziemlich häufig auf dem Bildschirm. Wenn man sich ein Bild hochladen wollte, konnte man sich erst einmal einen Tee kochen. Das hat sich alles geändert. Heute wäre selbst ich (und ich bin ein Computeridiot) in der Lage, in wenigen Tagen einen ganzen Internetkurs zu Rembrandt Harmenszoon van Rijn zu planen, mit Bildern.

Aber so schön diese bunte Welt aus dem Internet ist - wenn Sie es noch nicht gemacht haben sollten, spielen Sie doch mal ein wenig mit dieser ➱Seite - es geht doch nichts gegen ein richtig gutes Buch. Oder ein Bild von Rembrandt in einem Museum. Oder ein gutes Rembrandt Gedicht wie dies von der Engländerin Elizabeth Jennings, es heißt Rembrandt’s Late Self-Portraits:


You are confronted with yourself. Each year
The pouches fill, the skin is uglier.
You give it all unflinchingly. You stare
Into yourself, beyond. Your brush’s care
Runs with self-knowledge. Here

Is a humility at one with craft.
There is no arrogance. Pride is apart
From this self-scrutiny. You make light drift
The way you want. Your face is bruised and hurt
But there is still love left.

Love of the art and others. To the last
Experiment went on. You stared beyond
Your age, the times. You also plucked the past
And tempered it. Self-portraits understand,
And old age can divest,

With truthful changes, us of fear of death.
Look, a new anguish. There, the bloated nose,
The sadness and the joy. To paint’s to breathe,
And all the darknesses are dared. You chose
What each must reckon with.