Freitag, 9. Januar 2015

Invasion


Im Jahre 1801 schreibt ein gewisser John Jervis an das Board of Admiralty: I do not say, my Lords, that the French will not come. I say only they will not come by sea. Das ist nun sicher sehr witzig. Wie sollten die Franzosen denn sonst nach England kommen? Er wird recht behalten. Vom Jahr 1066 mal abgesehen, haben es die Franzosen nie geschafft, England zu erobern. Der Sitzungssaal des Board of Admiralty sieht heute übrigens immer noch so aus wie auf dem kolorierten Stich vom Anfang des 19. Jahrhunderts.

Der Satz I do not say, my Lords, that the French will not come. I say only they will not come by sea war nicht so einfach dahingesagt. Es gab in England durchaus eine berechtigte Furcht vor der Invasion. Auch wenn James Gillray das im Jahr 1796 auf die leichte Schulter nimmt, die Gefahr war da. 1798 hatte Napoleon zum ersten Mal eine Armee an der Kanalküste zusammengezogen.

Er wird Jahre später, wenn die Engländer ihn nach St Helena gebracht haben, sagen: Si au lieu de l’expédition d’Egypte, j’eusse fait celle d’Irlande; si de légers dérangements n’avaient mis obstacle à mon entreprise de Boulogne, que pourrait être l’Angleterre aujourd’hui? Que serait le continent, le monde politique? Dabei wäre es doch so leicht gewesen, Que nous soyons maitres du detroit six heures, et nous serons maitres du monde, hatte er 1804 an Admiral Latouche geschrieben. Damals hatte er eine ganze Armee mit dem schönen Namen Armée des côtes de l'Océan in Boulogne versammelt.

Aber die englische Channel Fleet, die John Jervis kommandiert, hat irgendwie etwas gegen diese Idee. Es ist noch nicht Wellington, es sind englische Admiräle, die Napoleon die empfindlichsten Niederlagen bereiten. Admiral Nelson, der ihm bei Abukir die Flotte zerstört hat, den bewundert er. Er besitzt sogar eine Büste von ihm. Nach Trafalgar hält sich die Bewunderung in Grenzen. Dass dieser Admiral Sidney Smith (hier auf dem Bild von John Eckstein) seinen Siegeszug bei Akkon aufgehalten hat, das wird er ihm nie vergeben. Der Weg nach Indien schien doch schon so nahe.

James Gillray hat das mit der Leistung der englischen Admirale in seinem Cartoon aus dem Jahre 1803 schon richtig erkannt. Hier hält der englische König den korsischen Fuchs Napoleon in der Hand (im Hintergrund galoppiert William Pitt herbei) und wirft ihn seinen Hunden zum Fraß vor. Die Hunde haben Namen am Halsband: sie heißen ➱Horatio Nelson, Marquess Cornwallis, Sir Sidney Smith, Lord Alan Gardner und Lord St Vincent. Cornwallis ist dabei, weil er als Lord Lieutenant von Irland gerade die tausend Franzosen unter General Jean Humbert aus Irland verjagt hat.

Es sind diese schönen Fragen, die mit dem Wort wenn beginnen, und in denen das Wort hätte häufig vorkommt, die die Weltgeschichte interessant machen. Napoleon wird nach ➱Waterloo Zeit genug haben, um über diese Fragen nachzudenken. Die Sache mit der Invasion scheint immer noch nicht ganz aus den Köpfen der Engländer zu sein. Auf der Insel macht gerade ein Buch von Jenny Uglow von sich reden, das die Reaktion der Engländer auf die französische Bedrohung untersucht. Es hat den Titel In These Times: Living in Britain Through Napoleon's Wars, 1793-1815. Alle Rezensenten haben es (wie die meisten Bücher der Autorin) lobend besprochen.

Peter Stotdard, der Herausgeber des Times Literary Supplement, zitierte in seiner ➱Besprechung das lange vergessene Theaterstück A Penny for your Song von John Whiting, das Peter Brook 1951 für das Festival of Britain auf die Bühne gebracht hatte. Die Times schrieb damals: He may have fallen into go-as-you-please charade while trying for fantasy, but he has escaped pretentiousness. Mir fällt bei dieser exzentrischen upper class Familie und dem elegisch-poetischen Ton des Stücks aus irgendeinem Grund immer Tom Stoppards Arcadia (das ➱hier einen Post hat) ein.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich das Stück (aus dem später noch eine ➱Oper wurde) 1960 gelesen habe. Es war in dem Buch Englische und irische Dramen enthalten, das in der Reihe Theatrum Mundi bei Fischer erschienen war. Da hatte es, die Bibel zitierend, den deutschen Titel Wo wir fröhlich gewesen sind. Ich war von dieser Komödie begeistert. So etwas hätte wir im Schultheater spielen sollen. Aber wir spielten Henry von Heiselers Der junge Parzival, da stand ich mit Bernd Neumann, der später Politiker wurde, auf der Bühne. Das habe ich schon in dem Post ➱Gemäldegalerie erwähnt. Das Stück war definitiv nicht so witzig und so poetisch wie A Penny for your Song, von dem ich einmal eine Inhaltsangabe gebe:

An invasion by Napoleon is expected at any time and Timothy and his brother Lamprett have made preparations for that eventuality. Lady Bellboys has joined the local women’s Amazons and appears in armour. A primitive fire-engine is at the ready. Posters proclaiming ‘Invasion!' are prepared. The members of a local defence organisation are deployed to resist the enemy. Timothy dresses as Napoleon to confuse his troops and is mistaken for Nelson. Lamprett descends into a well in search of a secret tunnel and later appears in a balloon which descends into the garden. A blind wounded soldier accompanied by his guide, a small boy, arrives on his way to see George III to ask him to stop the war. Dorcas, Lamprett’s daughter, falls briefly in love with him. The servant, Humpage, spends the entire play in a tree with a telescope looking for the enemy. 

There is much talk of love. But Napoleon doesn’t arrive and the play ends beautifully as evening falls and the characters discuss cricket. This is a lovely play. Very funny and witty, and very, very gently reminds us of the nonsense and sadness of war and life too, and is wonderfully positive about basic Goodness and things that really matter like Cricket and What Shall We Have For Lunch? Die Franzosen sind nicht gekommen, weder durch einen Tunnel noch mit dem Luftballon. Da redet man am Ende des Tages erst einmal über ➱Cricket. Das ist doch typisch englisch.

Das Theaterstück A Penny for your Song wird leider nicht so häufig gespielt. In der Spielzeit 1954-1955 brachte es Boleslaw Barlog auf die Bühne des Schloßpark Theaters in Berlin. Mit Chariklia Baxevanos; ach, war die damals niedlich. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass sie mal zehn Jahre mit Harald Juhnke zusammengelebt hat. Die Rolle von Dorcas Bellboys, der Tochter von Sir Timothy, wurde bei der Premiere von Virginia McKenna gespielt. Ein von ihr signiertes Programmheft kostet heute bei Amazon 999 Dollar.

Judi Dench, die heute ➱M ist, hat die schöne kleine Rolle der Dorcas Bellboys auch einmal mit der Royal Shakespeare Company gespielt, sie liebte das Stück. Die Illustrated London News schrieb damals über diese Aufführung: Whether you like 'A Penny For A Song' or not must depend entirely upon your reaction to its special spirit of gentle madness, or what Mr. Whiting has called 'the finer lunacies of the English at war'. Für den Herausgeber der Heinemann Ausgabe war die Aldwych production of 1962 a memorable theatrical experience, with all the sparkling fun and stimulating argument closing in unspoken poetry.

John Whiting hat über sein Stück gesagt: 'A Penny for a Song', the second play to be written, the first to be produced, was finished in the summer of 1950. It was written at a time of great personal happiness, and by then it seemed natural that such a feeling should be expressed in a play. I was entirely uncritical of life as I was living it then, and the whole world seemed to be in love. War appeared the greatest absurdity. This is a small play, no more. Es ist, wenn man so will, ein Theaterstück über die Heimatfront. Das war den Zuschauern im Jahre 1951 bewusst, dass das Stück auf den Krieg anspielte. Der Krieg lag erst wenige Jahre zurück. Diesmal waren die Franzosen nicht die Bedrohung Englands gewesen, diesmal waren es die Deutschen.

Englands ➱Home Front ist immer wieder thematisiert worden, die BBC hat eine riesige Materialsammlung angelegt (klicken Sie einmal diese ➱Seite an), und wir finden das Thema natürlich auch in Romanen und Filmen. Die Invasion bleibt den Engländern erspart, Romane wie SS-GB und Fatherland bleiben Utopie. Aber auch das Fernsehen schaute begierig nach diesem Stoff, und so konnte es nicht ausbleiben, dass es eines Tages Dad's Army geben würde. Vielleicht war es der überwältigende Erfolg dieser Serie, der die BBC Jahrzehnte später bewog, eine Krimiserie mit dem Thema der Heimatfront zu verknüpfen.

Als ich den Post ➱Inspector Gently geschrieben hatte, nörgelte ein Freund, dass ich wieder einmal den Detective Chief Superintendent Foyle nicht erwähnt hätte. Das ist richtig, right würde Foyle sagen. Zwar haben hier die Inspektoren ➱Barnaby, ➱Lewis und ➱Poole schon einen Post, zwar gibt es schon einen Post namens ➱Englische Krimiserien, aber DCS Foyle kommt hier noch nicht vor. Der ermittelt nämlich während des Krieges an der Heimatfront, mit Hilfe seiner Fahrerin Sam (gespielt von Honeysuckle Weeds) und seines Sergeanten Paul Milner.

In der vierten Serie gibt es auch eine Folge, die Invasion heißt. Aber damit sind nicht die Deutschen, sondern die Amerikaner gemeint. Die mochte man damals in England nicht so sehr, overpaid, overfed, oversexed and over here, hieß es über sie. Diese Krimiserie (➱hier eine Übersicht über die Folgen) ist gleichzeitig eine Lehrstunde in englischer Geschichte. Es gibt nichts Besseres! Und irgendwann wird es hier auch einen Post zu der Serie Foyle's War. Es gibt die Serie auf DVD, allerdings nur im Originalton (keine Untertitel). Man fragt sich, weshalb die BBC das nicht zustande bringt, so etwas Gutes zu synchronisieren. Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, aus dem sie The Marriage of Figaro (lesen und sehen Sie ➱hier mehr) nicht wieder auf den Markt bringen.

Nein, die Franzosen kommen nicht über den Kanal nach England. Andersherum funktioniert das schon. Wenn den Engländern danach war, die Franzosen kennenzulernen, dann schickten sie Henry V oder den Major Marmaduke Thompson. Und war der König von England nicht auch der König von Frankreich? Erst 1801 hat man diesen Anspruch aufgegeben. Calais war Jahrhunderte lang in englischer Hand. Selbst, als die Franzosen es erobert hatten, war es immer noch ein wenig englisch. Hier wird man Hogarth festnehmen, der dann sein Bild The Gate of Calais or O, the Roast Beef of Old England malt. Hierher wird Beau Brummell vor seinen Gläubigern fliehen. Nein, Frankreich gehört eigentlich den Engländern. Hat nicht Rolls-Royce ein Modell namens Corniche im Programm? Ältere englische Damen sollen schon mal ihre Chauffeure angewiesen haben, mit dem Rolls in Südfrankreich stilecht auf der linken Straßenseite zu fahren.

John Jervis, der den wunderbaren Satz they will not come by sea geprägt hat, hat natürlich etwas mit der See und der Admiralität zu tun. Er ist der First Lord of the Admiralty. Für diese Position braucht man kein Admiral zu sein. Man könnte auch Buchhändler sein wie William Henry Smith. Dann wird man vom Punch karikiert und landet bei Gilbert und Sullivan in der komischen Oper H.M.S. Pinafore. Und darf die schöne ➱Arie I am the monarch of the sea, The ruler of the Queen's Navee, Whose praise Great Britain loudly chants singen. Falls Sie noch nie etwas von den Herren Gilbert und Sullivan gehört haben, dann sollten Sie ➱dies jetzt unbedingt anklicken. Nicht alle Amtsträger, ob sie Admiral waren oder nicht, haben etwas von diesem Amt verstanden.

Dieser Herr schon. Der war zwar nicht bei der Royal Navy, aber eine militärische Karriere hat er durchaus. Und er wird als First Lord die englische Marine modernisieren, wobei er auf den Sachverstand von Admiral John Fisher vertraut. ➱Winston Churchill (dessen Mutter heute Geburtstag hat) ist ein Beweis dafür, dass auch ein Zivilist das Amt sachkundig ausfüllen kann. Was ein Jahrhundert vor ihm der Admiral John Jervis tut. Den hatte man gerade zum Viscount Saint Vincent ernannt, nach der Seeschlacht von St Vincent vier Jahre zuvor. Da war der John Jervis der Sieger gewesen. Und einer seiner Captains hatte in der Schlacht gegen alle Befehle verstoßen. John Jervis sah wohlwollend darüber hinweg. Der junge Captain wurde umgehend Ritter des Bath Ordens und Rear Admiral. Sein Name: ➱Horatio Nelson.

John Jervis ist wahrscheinlich einer der bedeutendsten Admirale der Royal Navy gewesen. Nicht wegen seiner Erfolge zu See. Die waren eher gering: St Vincent was not a great tactician. The battle of St Vincent, the only major battle in which he commanded, though temporarily deflecting a projected Franco-Spanish invasion, was not decisive and gained its fame largely through the nation's relief at the news of a victory during a gloomy period of the war. His importance lies in his being the organizer of victories; the creator of well-equipped, highly efficient fleets; and in training a school of officers as professional, energetic, and devoted to the service as himself. His mind was firm, clear, and decisive. Sagt P. K. Crimmin in seinem ➱Artikel im Oxford Dictionary of National Biography. John Jervis wurde heute vor 280 Jahren geboren, und das wäre sicher einen kleinen Post wert. Aber: es ist, wie es. Dieser ➱Post ist schon heute vor zwei Jahren geschrieben worden (und in dem Post ➱Admiral John Byng kommt Jervis auch schon vor).

Falls Sie noch mehr Admiräle brauchen: am  9. Januar 1860 ist Karl Rudolf Brommy in St. Magnus bei Bremen gestorben. Er war der erste deutsche Admiral der 1848 neu gegründeten Reichsflotte. Für den Marschendichter Hermann Allmers, der auch ein alter 48er Revolutionär war, ist Brommy ein zu Unrecht vergessener Held. Und so sorgt er nach Brommys Tod für ein Ehrenmal, auf dem seine Verse stehen:

Karl Rudolf Brommy ruht in diesem Grabe
Der ersten deutschen Flotte Admiral
Gedenkt des Wackren und gedenkt der Tage,
An schöner Hoffnung reich und bittrer Täuschung.


Er hat nicht nur ein kleines Ehrenmal an einem Weserdeich, er hat natürlich auch einen ➱Post in diesem Blog.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Emoji Dick


Das erste Kapitel von Moby-Dick heißt Loomings. Daher kommt meine Blog Adresse, ich hatte ganz am Anfang die Idee, einen reinen Melville Blog zu schreiben. Der erste Satz im ersten Kapitel heißt Call me Ishmael. Sie können das hier illustriert zweisprachig sehen, einmal im englischen Original und einmal in Emoji. Das ist, wie der Wikipedia Artikel weiß: Ein Emoji [emodʑi] (jap. 絵文字 bzw. えもじ Bildschriftzeichen) ist ein Ideogramm, das insbesondere in SMS und Chats längere Begriffe ersetzt. Alles klar?

Und nun gibt es eine neue Ausgabe von Moby-Dick. Es gibt ja schon eine Vielzahl von ➱Ausgaben des Romans, so ist es ja nicht. Es stellt sich nur die Frage: Musste das wirklich sein? Als ich 1976 bei der Vorbereitung der Schleswiger ➱Ausstellung Illustrationen zu Melvilles Moby-Dick mit einem Cartoon aus dem Playboy ankam, auf dem eine übergewichtige nackte Prostituierte zu einem Seemann sagt: And stop calling me Moby Dick!, dachte ich mir, dass mit solchen Dingen ein Tiefpunkt erreicht sei. Alle Jugendbuchversionen und Comics hatten wir schon gesammelt. Der Museumsdirektor Dr Joachim Kruse druckte den Cartoon aber ohne mit der Wimper zu zucken ab. Heute beschäftigt sich die Popular Culture scheinbar nur noch mit Produkten dieser Art. ➱Andrew Delbanco gibt in der Einleitung seines vorzüglichen Buches Melville: His World & Work einen Eindruck davon.

Aber für Freunde des Romans gibt es bessere Literaturtips als dieses Machwerk Emoji Dick. Zum Beispiel das Buch von Philip Hoare Leviathan or, The Whale. Und eine interessante Internetadresse hätte ich auch noch: eine Onlineversion des ➱Romans mit Anmerkungen. Die zwar nicht das Niveau der Hendricks House Ausgabe von 1952 erreichen, aber doch für sehr viele Leser nützlich sein mögen. Und wenn Sie Emoji Dick unbedingt lesen wollen (die Library of Congress soll auch schon ein Exemplar haben), dann klicken Sie ➱hier. Viel Vergnügen bei der Lektüre.

Montag, 5. Januar 2015

sansculotte


Wenn dieses Bild nicht wäre, ich hätte gar nicht gewusst, dass es einen Maler namens Boilly überhaupt gibt. Es ist ein Bild, das man nicht vergisst. Der Franzose Louis-Léopold Boilly starb heute vor 170 Jahren, er ist beinahe 84 Jahre alt geworden und hat in seiner langen Karriere sehr, sehr viele Bilder gemalt. Er wuchs in der Monarchie auf, erlebte (und überlebte) die Revolution und die Herrschaft Napoleons. Und die Rückkehr der Bourbonen. In der Zeit der Revolution gerät er mal in politische Schwierigkeiten, weil seine Bilder - typische Rokoko Verführungsszenen - etwas schlüpfrig erscheinen. Er kommt während der Schreckensherrschaft vor das gefürchtete Comité de salut public, man fordert, dass seine Bilder verbrannt werden.

Da macht es sich gut, dass er noch in letzter Minute den ➱Triumph des Marat präsentieren kann. Und auf den zwei Jahre zuvor gemalten Sansculotten, den Fahnenträger der Revolution, verweisen kann. Es ist nicht irgendein beliebiger Fahnenträger, der hier als die Verkörperung des neuen Menschen der Revolution auftritt. Es ist der Sänger ➱Simon Chenard, der bei dem Fest zur Befreiung Savoyens durch die Revolutionsarmee die ➱Marseillaise gesungen hat. Boilly war mit ihm befreundet, er hat ihn hier noch einmal gemalt, da legt er seinen Arm um den Freund. Das Bild ist eine ➱Ölskizze für das große ➱Bild Réunion d’artistes dans l’atelier d’Isabey, wo die beiden in derselben Positur stehen. Boilly hat Chenard auch zusammen mit dem Maler François Gérard ➱gezeichnet.

Auf der Ölskizze von Boilly ist der Schauspieler und Sänger Simon Chenard kein Sansculotte mehr, da ist er ganz Dandy. Die Herren sind à la mode, man trägt keine Perücken mehr. Das revolutionäre Auftreten von Chenard war nur eine Inszenierung, just for show. Der Originaltitel des Bildes ist auch Le Chanteur Chenard en costume de sans-culotte. Das ist so ähnlich wie bei ➱Caroline de Bendern, die als La Marianne de Mai 68 berühmt wurde. Den Maler François Gérard hatte Napoleon zum baron de l'Empire gemacht, Boilly hat das nicht geschafft, zum Chevalier der Ehrenlegion hat es aber gereicht.

Aber ansonsten haben die beiden Porträtmaler Boilly und Gérard eine recht ähnliche Karriere: sie passen sich allen Regierungen an. Allerdings muss man natürlich festhalten, dass Gérard viel berühmter geworden ist als Boilly. Peintre des rois, roi des peintres, ist der Titel eines Buches über ihn, und das beschreibt ihn wohl sehr schön. Auch in diesem Blog ist Gérard kein Unbekannter, er taucht schon in den Blogs ➱Apotheose, ➱Heeresreform, ➱Julie Récamier und ➱Franz Krüger auf. Gérard hat Simon Chenard später noch einmal gemalt (hier), eine leicht dandyhafte Eleganz ist geblieben. Von der revolutionären Geste des Jahres 1792 fehlt jede Spur.

Wenn man Louis-Léopold Boilly heute nicht mehr so kennt, bedeutet das nicht, dass er erfolglos war. Er war in seiner Zeit ein beliebter und berühmter Maler. Er hatte keine Akademie besucht, hatte nicht wie Gérard bei dem berühmten ➱Jacques-Louis David studiert. Er war allerdings kein Autodidakt, wie es der deutsche Wikipedia Artikel behauptet. Er hat bei Guillaume Dominique Jacques Doncre die Kunst der trompe l'oeil Malerei erlernt, und wenn man die beherrscht, dann ist man auch für die Porträtmalerei gerüstet.

Und für den großen David hat der etwas kleinere Louis-Léopold Boilly 1810 eine Huldigung gemalt, die Le Sacre de Napoléon von Jacques-Louis David zitiert. Er möchte sich ein wenig bei dem berühmtesten Maler der Epoche einschmeicheln. Wenn ich das große Werk sage, dann nur aus dem Grunde, weil das ➱Bild sehr groß ist: nämlich sechs mal zehn Meter. Boillys ➱Bild, das eine staunende Menschenmenge im Louvre vor dem Bild Davids zeigt, hat nur ein Zehntel der Ausmaße: 61.6 x 82.6 cm. Es ist Paradestück, ein Beweis seines malerischen Könnens, Davids Historienschinken auf einem Viertel dieser kleinen Fläche unterzubringen. Boilly hatte das Bild lange nicht ausstellen können. Als es fertig war, hatte sich Napoleon gerade von Joséphine scheiden lassen, da konnte man ein solches Bild schlecht zeigen. Und nach dem Sturz Napoleons konnte man mit Bildern wie diesem auch keinen Staat machen.

Boilly hatte David (hier ein Selbstportrait) um Erlaubnis gebeten, dessen Bild kopieren zu dürfen. Der Meister besuchte Boillys Studio, fand den Maler nicht vor und hinterließ diese NotizDavid est venue rendre verbalement sa réponse à M. Boilly; elle lui sera favorable comme il avait tout lieu de l'attendre d'une personne qui a toujours fait cas de son talent, surtout voulant traiter un sujet qui ne peut que flatter infiniement. Il lui observe que pour le moment le tableau est encore roulé depuis qu'il est de retour du Salon; mais aussitôt que M. Boilly en aura besoin, c'est-à-dire d'ici à quelques jours, il sera maître de venir à son atelier, place de Sorbone, et là il fera tout ce qu'il pourra lui etre nécessaire pour son tableau, don’t l'idée est charmante et qui ne pourra que gagner traiter par lui. Déjà je l'avais observé, et nous verrons si nous l'avons senti tous deux également. David.

Boilly braucht das große Format nicht: Generally he worked on a small scale, with a smooth and meticulous technique, sagt das Oxford Dictionary of Art. Der Soldat auf der linken Seite erklärt dem Publikum, wer wer auf dem Bild von David ist. Das ist bei Historienbildern dieser Art immer schwierig. Aber wir wissen, dass ganz rechts Louis-Léopold Boilly mit seiner Familie steht. Boilly ist nicht der erste, der das Innere einer Galerie malt, schon die Holländer liebten dieses ➱Thema. ➱Zoffanys Tribuna of the Uffizi ist zu Recht berühmt geworden. Und Jahrzehnte später wird der Amerikaner ➱Samuel Morse seine Gallery of the Louvre malen (klicken Sie ➱hier). Aber bei keinem der anderen Maler erfahren wir soviel über die Mode der Zeit wie bei Boilly.

In Meyers Großem Konversations Lexikon von 1905 können wir lesen: Mit 25 Jahren ging er nach Paris, wo er schnell durch seine Schilderungen aus dem täglichen Leben zu Ansehen gelangte. Obwohl er eine sehr fruchtbare Tätigkeit entfaltete (er malte ca. 5000 Bildnisse), zeichnen sich seine Genrebilder und Porträte durch Lebendigkeit der Darstellung und große Naturwahrheit der Auffassung aus, so daß sie auch einen hohen sittengeschichtlichen Wert besitzen. Fünftausend Bilder sind eine erstaunliche Zahl. Ich weiß nicht, ob wirklich mal jemand die Portraits gezählt hat, oder ob wir Boilly - von dem die Zahl stammt - glauben sollen. Angeblich brauchte er nur zwei Stunden für ein Portrait. Der junge Napoleon ist auch unter den Portraitierten, aber die High Society, die Gérard malt, wird sich nicht von Boilly malen lassen.

Interessanter als die Zahl fünftausend ist eigentlich die Aussage mit dem  hohen sittengeschichtlichen Wert. Das ist praeter propter auch die Ansicht, die Susan L. Siegfried in ihrem Buch The Art of Louis-Léopold Boilly: Modern Life in Napoleonic France vertritt. Ich zitiere dazu einmal einen kurzen Text von der Seite der Yale University Press: Boilly has long been recognized as the most significant painter of everyday life in Napoleonic France, one whose portraits and genre scenes provide delightful illustrations of the period. In this book Susan Siegfried argues that Boilly's paintings should be read not just for their documentary detail but also for their wider cultural significance—for the light they shed on social and sexual tensions of the era.

Auf diesem Bild sehen wir Monsieur Gaudry, einen hohen Beamten im Schatzamt, der seiner Tochter eine Geographiestunde gibt. Es ist ein sehr persönliches Bild, Monsieur ist im déshabillé, trägt keine Kleidung die seinen Stand symbolisiert. Boilly kann sich erlauben, Monsieur Gaudry so zu malen, er ist mit ihm befreundet. Kinder brauchen jetzt ständig Geographiestunden, müssen ständig umlernen. Napoleon verändert mit seinen Armeen immer wieder die bekannten Grenzen. Auf dem Bild können wir auch eine Karte von Ägypten sehen, wenn man diese ➱Abbildung vergrößert, kann man die Sphynx erkennen. Ich weiß jetzt nicht, ob Napoleon so gerne an sein ägyptisches Abenteuer erinnert werden will (lesen Sie ➱hier mehr dazu), aber das Bild war im Pariser Salon 1812 (und noch einmal 1814) ein großer Erfolg. Einen Globus und Landkarten finden wir auch sehr häufig in der niederländischen Malerei (auch bei ➱Vermeer), und der holländischen Genremalerei verdankt Boilly (der auch Bilder von Gerard Terborch und Gabriel Metsu sammelte) sehr viel. Der seltsame kleine Hund unten rechts auf dem Bild, der uns zu fixieren scheint, hatte den Namen Brusquet, er kläffte ständig, aber niemand nahm es ihm übel. Nicht mehr, seit er eine Bande von Einbrechern im Finanzministerium verjagt hatte.

Man kann die Bilder Boillys sicherlich auch als eine Fundgrube für die Modegeschichte nehmen. Wir können dem Bild Passer-payez zweierlei entnehmen. Zum einen, dass im Jahre 1803 in Paris rote und grüne Regenschirme Mode sind. Zum anderen, dass das Bürgertum dafür ➱zahlt, wenn es auf einer hölzernen Planke über den Schlamm Pariser Straßen gelangt. Sollen wir auch noch darauf eingehen, dass ein Rock gelüpft wird und ein Unterrock sichtbar wird? Ist das jetzt ein Rückfall in die scènes galantes, die ihm in der Revolution so viel Unbill einbrachten? Und was ist mit dem Hündchen, das Madame im Busen trägt?

Ja, die Franzosen. Überall sexuelle Konnotationen. Dieses Bild von 1790 könnte ja harmlos sein. Wenn die junge Dame nicht auf diese Schrift zeigen würde: Ce qui m’allume, m’enteint. Und darüber sitzt auf der Konsole noch ein kleiner Amor. Der junge Mann (definitiv kein Sansculotte) in der Bildmitte ist verwirrt. Es sind Bilder wie dies Ce qui allume l'amour l'éteint, ou la jeune philosophe, die Boilly während der Terrorherrschaft in Schwierigkeiten bringen. Aber das Publikum liebt zweideutige Botschaften und gelüpfte Röcke, die Bilder werden als Stiche und Lithographien massenhaft verbreitet.

Natürlich rufen solche Bilder den Moralisten auf den Plan. Und so schreibt Johann Georg Heinzmann im Jahre 1800 in Meine Frühstunden in Paris: Beobachtungen, Anmerkungen und Wünsche Frankreich und die Revolution betreffend folgendes: Und spazierst du auf den Gassen mit deinen Kindern, so würdest du alle Augenblicke rufen müssen: Komm, schau nicht dahin! – und das würde deine Kinder nur noch begieriger machen, sie würden also zu den ausgelegten, aufgehängten Gemälden, Bildern und Kupferstichen hintreten, sie mit Verwunderung beschauen; und was würden sie sehen? 

Wie Töchter sich entehren, wie Buhlerinnen sich geberden, wie die Kokette sich brüstet, wie der Hahnreye lächerlich gemacht, und aller Sittsamkeit und Schaam der Abschied gegeben wird. Oft dachte ich, wenn ich so junge Leute vor solchen Bilderläden stehen sah, was hilft alles Zusprechen in den Schulen, wenn die öffentliche Erziehung durch das Beyspiel der Bürger fehlt, und die Polizey es wieder vernichtet. Es ist ein Widerspruch, Leute tugendhaft machen zu wollen, und ihnen doch alle Reizungen geben, es nicht zu seyn! Auf diesem Bild bietet ein junger Mann einer Dame Geld an, weil er sie wegen ihrer hochmodischen Aufmachung für eine Nutte hält. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht, Incroyable et Merveilleuse in Paris ist doch ein sehr moralisches Bild.

Auch unser Goethe, der im übrigen ja erotische Zeichnungen sammelte (Sie sollten jetzt einmal eben den Post ➱Schmutzige Lyrik lesen), hat sich bemüßigt gefühlt, eine Recension einer Anzahl französischer satyrischer Kupferstiche zu schreiben. Wir lassen das jetzt einmal weg, ein so guter Beschreiber von Bildern wie ➱Lichtenberg in seiner Ausführlichen Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche ist er nie und nimmer. Sie können aber mehr zu diesem Thema in dem wunderbaren ➱Goethezeitportal lesen.

Boillys Bild des Sansculotten mit der Fahne ist ein Bild der politischen Propaganda. Es ist gleichzeitig ein Bild der Geschichte der Herrenmode, das zeigt, dass jetzt statt der Kniebundhosen die langen Hosen angesagt sind. Obgleich wir natürlich sagen müssen, dass mit Boillys Bild von Simon Chenard die Kniebundhosen noch lange nicht abgeschafft sind. Denn was trägt Robespierre hier auf dem Bild von Boilly? Definitiv nicht die Hose der Sansculotten. Die Kniebundhose wird weiterleben. In der Reitkleidung, in den Knickerbockern und in der ganz formellen Kleidung. Wenn Winston Churchill die Königin zum Abendessen empfängt, wird er zum Frack eine Kniebundhose und schwarze Seidenstrümpfe tragen (lesen Sie mehr in den Posts ➱Beinkleider und ➱Fräcke). Auch deshalb, weil man den Hosenbandorden dann endlich einmal an der richtigen Stelle tragen kann.

Im England des 18. Jahrhunderts gibt es keine Sansculotten, die eine neue Hosenmode bringen, hier regelt sich die Mode (die vielleicht auch ein Terrorregime ist) nach der neuen Kategorie des taste. Die Zeit der Revolution ist auch eine Zeit Revolution der Mode, die ersten ➱Modejournale entstehen. Und der deutsche Philosoph Christian Garve schreibt 1792 sein ➱Buch Über die Moden. Der Colonel Bryce McMurdo trägt auf dem Bild von ➱Raeburn beim Fliegenfischen Pantalons und keine Kniebundhosen mit Seidenstrümpfen. Sir John Sinclair trägt (auch auf einem ➱Bild von Raeburn) etwas, was die Schotten trews nennen. Und die gab es schon lange vor der Revolution und den Sansculotten. Und wenn Sie mehr über die Entwicklung der Hosenmode wissen wollen, dann sollten Sie jetzt des Post ➱18th century: Fashion lesen.

In den 1820er Jahren wendet sich Boilly verstärkt der Lithographie zu. Jetzt tobt er sich aus, jetzt wird er zum Karikaturisten. Daumier kann noch viel von ihm lernen. Das ist jetzt ein anderer Boilly (wie zum Beispiel hier in dem Bild L’Effet du mélodrame, einer Lithographie von 1830, oder in dem ➱Bild Une loge, un jour de spectacle gratuit) als in dem patriotischen Bild des Vorzeige Sansculotten Simon Chenard oder dem Bild La lecture du Bulletin de la Grande Armee.

Aber das satirische Talent, dieser Hang zur Karikatur sind nichts wirklich Neues bei ihm. Schon dieses Bild aus dem Jahre 1797 (im gleichen Jahre gemalt wie Incroyable et Merveilleuse in Paris weiter oben). Über dem Ganzen schwebt (weil die Kutsche gleich umkippen wird) ein junger Dandy, ein incroyable (das weibliche Pendant zum incroyable ist merveilleuse). Kaum ist la Grande Terreur vorbei, kaum ist Robespierre hingerichtet (natürlich in Kniebundhosen), da gibt es in Frankreich einen neuen Terror: die Mode der incroyables und der merveilleuses. Satirisch kommentiert von einem Maler, dem das Komische jetzt über das das Patriotische und Nationale geht.

Louis-Léopold Boilly hat bei Wikipedia einen etwas kläglichen Artikel, der auch noch zum größten Teil aus einem über hundert Jahre alten Konversations Lexikon stammt. François Gérard hat auch einen schlechten Artikel, aber auf der Seite gibt es genügend Abbildungen. Repräsentative Abbildungen von Boillys Werk finden Sie ➱hier. Und hier hätte ich noch einen interessanten Artikel zu Boilly. Warum müssen die deutschen Wiki Artikel eigentlich immer so schlecht sein? Ich dachte mir, dass Boilly etwas Besseres verdient hätte und schrieb diesen Post hier.

Darstellungen des Werkes von Boilly von deutschen Kunsthistorikern wird man kaum finden. Einzig Fritz Baumgart in seinem hervorragenden Buch Vom Klassizismus zur Romantik. 1750-1832: Die Malerei im Jahrhundert der Aufklärung, Revolution und Restauration (im Antiquariat ganz preiswert) hat eine halbe Seite für den Franzosen übrig. Die kühle, gläserne Schärfe der Zeichnung und der Lichtbehandlung erinnert Baumgart an Wilhelm von Kobell, er hebt Boillys registrierenden Realismus hervor und betont den Gegensatz zur englischen Genremalerei: Das Anekdotische fehlt, Herz und Gemüt spielen keine Rolle. Für Baumgart ist es eine Malerei, die bereits alle Elemente des Biedermeier-Realismus enthält.

Wenn Sie heute einen Boilly haben wollen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Reproduktionen sind das Preisgünstigste. Die Firma fineart-china bietet da auch gleich ein Beispiel, wie das bei Ihnen zu Hause aussehen wird. Etwas mehr als für eine Reproduktion wird man für Stiche und Lithographien ausgeben müssen. Ein echter Boilly wird allerdings schon ein wenig teurer: vor fünf Jahren wurde bei Christies das ➱Bild L'entrée au Café Turque du jardin für $ 4,562,500 zugeschlagen.

Noch ein anderer französischer Maler ist übrigens mit dem 5. Januar verbunden. Es ist Boillys Zeitgenosse Anne-Louis Girodet-Trioson, der am  5. Januar 1767 geboren wurde. Der hat ➱hier aber schon einen Post, so dass wir den heute mal auslassen.

Samstag, 3. Januar 2015

Anfänge


Was wird er damit machen? Ein schöner Titel, Arno Schmidt benutzte ihn auch für einen Essay. Und nun kann jedermann dieses Medium, in dem ich seit wenigen Minuten angemeldet bin, lesen? Und das alles in wunderschöner Schrift, wie gedruckt. Und man kann die Farbe variieren. Wenn Herman Melville das alles gekannt hätte, dann wäre Moby-Dick nicht in London gedruckt worden, sondern hier. Und seine Schwester, die das Manuskript abschrieb, hätte nicht immer über Hermans Handschrift fluchen müssen. Und Druckfehler, wie soiled fish wären uns auch erspart geblieben. Ich signiere das erstmal Scardanelli, diese elektronische Verführung ist zuviel für mich.

Das schrieb ein Blogger, der sich den Namen Jay gegeben hatte, heute vor fünf Jahren. Die Wahl des Namens hatte natürlich etwas mit Fitzgeralds ➱Jay Gatsby zu tun, andererseits heißt Jay wirklich seit Jahrzehnten für viele seiner Freunde Jay. Die Fußballmannschaft hatte damals damit angefangen, ihn so zu nennen. Dass Jay für die Adresse das ungewöhnliche Wort ➱loomings verwendete, hatte etwas damit zu tun, dass er mit dem Gedanken spielte, nur über Herman Melville zu schreiben.

Ein Gedanke, den er bald aufgab, als er sah, welche Möglichkeiten dieses ihm bis dahin unbekannte Medium offerierte. Dennoch ist viel Melville in diesem Blog, wenn Sie Melville oder Moby-Dick in das Suchfeld eingeben, werden Sie das sehen. Das erste Kapitel von Moby-Dick hat den Titel Loomings. Es ist das Kapitel, in dem der Mann, dessen Namen wir nie erfahren, beschließt, auf einem Walfänger anzuheuern. Und so wie ich mir den Namen Jay gegeben habe, gibt er sich den Namen IshmaelCall me Ishmael, sagt er im ersten Satz. Es ist der kürzeste Satz im Roman. Am Ende des ersten Kapitels heißt es über die Schicksalsgöttinnen:

Though I cannot tell why it was exactly that those stage managers, the Fates, put me down for this shabby part of a whaling voyage, when others were set down for magnificent parts in high tragedies, and short and easy parts in genteel comedies, and jolly parts in farces—though I cannot tell why this was exactly; yet, now that I recall all the circumstances, I think I can see a little into the springs and motives which being cunningly presented to me under various disguises, induced me to set about performing the part I did, besides cajoling me into the delusion that it was a choice resulting from my own unbiased freewill and discriminating judgment. Ich fand dieses cajoling me into the delusion that it was a choice resulting from my own unbiased freewill and discriminating judgment immer wunderbar, denn wahrscheinlich geht es uns allen so, dass wir glauben, wir treffen unsere Entscheidungen aus freiem Willen treffen. Auch demjenigen, der am 3. Januar 2010 als Blogger seine Reise in eine unbekannte Welt begann.

Ich konnte es nicht lassen, im oberen Absatz das furchtbar kitschige Bild von Paul Thumann abzubilden (oder jetzt diesen ➱Chatterton von Henry Wallis). In diesem Blog kommt viel Kitsch vor, sogar der King of Kitsch hat hier schon einen ➱Post. Kitsch kommt, das habe ich nach fünf Jahren langsam gemerkt, immer gut an. Warum sollten sonst so viele Leute Posts wie ➱George Spencer Watson oder ➱Arnold Böcklin lesen? Aber das Leserverhalten kann ich nicht ergründen, da kann ich die Statistikzahlen anstarren, solange ich will. Ist aber immer wieder interessant.

Die zehn Zeilen des Posts ➱Literatur (noch mit Randausgleich geschrieben, später ging ich zum Flattersatz über) waren meine ersten Schritte in der schönen neuen Welt der blogosphere. Ich bekam schnell die fünfzehn Minuten Berühmtheit, von denen Andy Warhol gesprochen hatte (➱Horst Janssens Der Andy war hohl darf an dieser Stelle nicht fehlen). Was mich bis heute erstaunt. Denn wir müssen bedenken, dass ich einen Tag zuvor überhaupt noch nicht wusste, was ein Blog war. Fünf Jahre nach meinem ersten Post bin ich natürlich schlauer. Ist das heute ein Tag, um ein Resümee zu ziehen? Ich weiß nicht, es gab hier schon zu viele Jubiläen in letzter Zeit: anderthalb Millionen Leser, der tausendfünfhundertste Post. Und Sätze wie Ruhig und wunschlos blicke auch ich von der spätherbstlichen Hochebene meines Lebensabends ins lichte Tal meiner Jugend nieder, kriege ich sowieso nicht hin. Der Satz findet sich in einer Biographie des Bremer Bürgermeisters Johann Smidt, geschrieben von seiner Enkelin Bernhardine Schulze-Smidt. Wenn man Bernhardine heißt, dann muss man so schreiben. Das ist so ähnlich wie bei dem Namen ➱Eufemia.

Ich war von meiner ersten Publikation im Internet so berauscht, dass ich ihr noch in der selben Nacht die Posts ➱Poem und ➱Jazz folgen ließ. Und am nächsten Tag: ➱Tiefen, ➱Kopenhagen und ➱I skovens dybe stille ro. Alles noch ohne Bilder. Bilder konnte ich noch nicht. Ich konnte eh nichts als schreiben. Diese Posts waren auch noch sehr kurz. Ja, das gab es in diesem Blog einmal. Ich hatte (und habe) kein Konzept, keinen Plan, all dies war Zufall. Oder die delusion that it was a choice resulting from my own unbiased freewill and discriminating judgment. Es ist eine kuriose Sammlung, aber es war meine eigene Sammlung, meine Handschrift. Meine Stimme.

Das Schöne an einem Blog ist ja, dass man hemmungslos subjektiv sein darf (was Wissenschaftler nicht dürfen), dass man seinen spleen nicht rechtfertigen muss. Ich brauchte nicht zu See zu fahren, wie Ishmael: Some years ago—never mind how long precisely—having little or no money in my purse, and nothing particular to interest me on shore, I thought I would sail about a little and see the watery part of the world. It is a way I have of driving off the spleen and regulating the circulation. Whenever I find myself growing grim about the mouth; whenever it is a damp, drizzly November in my soul; whenever I find myself involuntarily pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, that it requires a strong moral principle to prevent me from deliberately stepping into the street, and methodically knocking people's hats off—then, I account it high time to get to sea as soon as I can. Bevor der damp, drizzly November meine Seele erreicht (und ich weiß, wovon der Erzähler redet), sitze ich an meinem Computer. Konsequent. Jeden Morgen um acht. Ich halte mich da an Thomas Mann, der Unser täglich Blatt gieb uns heute! gesagt hat.

Alles was ich schrieb, war neu. Auch für mich. Nur ein halbes Dutzend Posts sind zuvor in Zeitschriften, Büchern oder Lexika publiziert worden. Mit dem Post ➱Kleider machen Leute am 7. Januar gewann ich die Herzen einer neuen Lesergruppe. Kaum war ich auf der Welt, war ich der darling des Dandy Clubs. Die an der Mode interessierten Leser verlangten immer mehr von diesen kleinen Artikeln. Ich habe diese Posts (166 sind es insgesamt) inzwischen auch in einem kleinen eigenen Blog versammelt, der den Namen ➱kleiderschrank (mit dem Untertitel fashion & culture) hat. Und da gibt es sogar manchmal auch Damenmode (wie in den Posts ➱Jil Sander, ➱Mary Quant, ➱Dior, ➱Coco Chanel, ➱Haute Couture, ➱Breakfast at Tiffany's oder ➱Charles Frederick Worth).

Ich habe einmal zurückgeblättert und nachgeschaut, womit ich jedes Jahr im Blog begonnen habe. Stieß dabei auf den Post vom ersten Januar 2011, den ich überhaupt nicht mehr kannte. Und fand im letzten Absatz die programmatische Ankündigung: ich schreibe weiter wie bisher. Werde ich tun, mir fällt auch nichts Besseres ein. Und ich stelle den Text vom Jahresanfang des Jahres 2011 noch einmal hier ein. Neu in dem Text sind nur die Links, die auf Posts verweisen, die mittlerweile in diesem Blog erschienen sind.

Vor einigen Jahren half ich auf einem Parkplatz in einer norddeutschen Großstadt einer mir unbekannten Dame der besseren Gesellschaft, mehrere Gepäckstücke in ihren Daimler zu wuchten, man hat ja diese gute Erziehung zum Ritterlichen. Die Dame bestand darauf, mir zum Dank meinen Parkschein zu bezahlen und sagte dann plötzlich im Gespräch: Sie sind nicht von hier. Ich war ein wenig verblüfft und sagte ihr, dass ich aus Bremen komme. Sie sind auch nicht aus Bremen, Sie kommen woanders her, ich höre das an ihrer Sprache. Nun war ich völlig erstaunt, auch ein wenig verärgert, dass man meine bremische Herkunft anzweifelte (denn das ist ja irgendwie das Schlimmste, das man einem Bremer antun kann). 

Aber vielleicht war hier jemand, der wie Professor Henry Sweet (den ➱Shaw in Pygmalion als Henry Higgins verewigen sollte) die Gabe hatte, jemandem auf den Kilometer genau zu sagen, woher er kam. Ostercappeln, sagte die Dame. Das erstaunte mich, ich bot der Dame ein halbes Dutzend Ortsnamen zwischen Preußisch Oldendorf und Bad Rothenfelde an, wo Verwandte aus den Familien meiner Großeltern wohnten. Ich sehe, wir verstehen uns, sagte die Dame, man kann seiner Herkunft nicht entkommen. Ich denke noch immer leicht amüsiert an dieses Erlebnis, offensichtlich gibt es in meinem Akzent, der je nach Stimmungslage sehr, sehr bremisch sein kann, noch sprachliche Reste aus der Kindheit, als wir aus dem zerbombten Bremen zu den Verwandten längs des ➱Wiehengebirges geflohen waren.

Der Autor von Wir alle spielen Theater hat uns versichert, dass wir alle verschiedene Rollenrepertoires beherrschen. Und meistens kommen mit diesen Repertoires auch noch verschiedene Akzente. Ich kann neben meinem steifen (mit betontem -st) Bremisch noch mit einem anderen deutschen Akzent aufwarten. Irgendjemand auf der Hardthöhe hatte in den Anfangstagen der ➱Bundeswehr die Idee, die Division, in der ich war, zur Hälfte aus quirligen Rheinländern und zur anderen Hälfte aus sturen Norddeutschen zusammenzusetzen. Man war in Bonn davon überzeugt, dass das eine gute Mischung sei. Und ich hatte noch einige Jahre Schwierigkeiten, meinen Jürgen von Manger Akzent wieder loszuwerden.

Färbt unser Sprechstil auf das Schreiben ab? Manchmal, eher häufig, spreche ich wie Jan Fedder oder Tim Mälzer (die ich auch in ihrem Sprechen uneingeschränkt bewundere) -  aber schreibe ich auch so? In den Weihnachtstagen schickte mir ein Freund diese Adresse. Da kann man bei der FAZ seinen Stil testen lassen, kriegt dafür sogar ein Zertifikat: Ich schreibe wie XYZ. Ich habe aus meinem Blog etwas kopiert und erfuhr, dass ich wie Friederike Mayröcker schreibe. Nahm einen anderen Text - und davon gibt es ja bei mir im Blog genug - und da schrieb ich wie Melinda Nadj Abonji. Musste erst nachgucken, wer das überhaupt war, aber dann fiel mir ein, dass ich sie einmal auf 3sat gesehen hatte. Dritter Versuch. Diesmal war ich Kurt Tucholsky. Dagegen ist nichts zu sagen. Und als ich eben den Anfang dieses Textes eingab, schrieb ich laut FAZ Stiltest wie ➱Theodor Fontane. Das gefällt mir.

Ich nehme ja auch jeden Namen, solange mir dieser Test auf wissenschaftlicher Basis nicht erzählt, ich schriebe wie Renate Meinhof von der Süddeutschen. Ich würde gerne wie Simon Schama schreiben, und ich muss natürlich zugeben, dass mehr als fünfzig Jahre regelmäßiger Lektüre von Observer oder Sunday Times irgendwo Spuren hinterlassen. Ich bewundere ➱Tom Wolfe, aber es hätte keinen Sinn, ihn nachahmen zu wollen. Ich finde es sehr gut, wie ➱Günter de Bruyn schreibt - aber damit sind wir letztlich wieder bei Fontane, denn er wird im Alter Fontane im Stil immer ähnlicher.

Ich habe eben noch drei verschiedene Texte aus diesem Blog in den wissenschaftlichen FAZ Stiltester eingegeben und erfahren, ich schreibe wie 1) Heinrich Heine 2) Friedrich Nietzsche 3) Thomas Bernhard. Ja, ich bin schon ein Chamäleon. Und dann habe ich den wirklich echten Test gemacht, ich habe einen Text von Heine genommen. Und wie schreibt er? Darauf kommen Sie nie. Heinrich Heine schreibt wie Friedrich Nietzsche. Ich glaube, das wäre Harry jetzt peinlich. Und dann ritt mich der Teufel, und ich tippte einen Text von ➱Brigitte Kronauer in das Eingabefeld. Und erfuhr, dass sie wie Georg Klein schreibt. Ich weiß zwar nicht, wer das ist, aber es ist bestimmt komisch.

Erfunden hat das Ganze ein siebenundzwanzigjähriger Russe aus Montenegro namens Dmitry Chestnykh. Zuerst gab es das nur auf Englisch. Die Seite wurde über Nacht Kult, und viele machten damit die seltsamsten Erlebnisse: I entered a passage from the NIV translation of the Bible and got Kurt Vonnegut. Holy Cat's Cradle! Und die kanadische Schrifstellerin ➱Margaret Atwood, die ich einmal getroffen habe und von der ich ein schönes Photo gemacht habe, bekannte auf Twitter: According to the I Write Like analysis, I write like... Ta da! Stephen King! Who knew? Ich habe eben bei der absolut sicheren und unbestechlichen Messmethode einen Text von Stephen King eingegeben. Und siehe da, er schreibt nicht wie Margaret Atwood, er schreibt wie ➱Artur Schnitzler. Also ich habe das Spiel ein Stündchen lang mit deutschen und englischen Texten getrieben. Nie identifizierte das Stilerkennungsprogramm den Autor. Außer in einem Fall. Als ich eine im Internet zugängliche Leseprobe von Tellkamps Der Turm eingab, sagte das Programm: Sie schreiben wie Uwe Tellkamp.

Die Lehre für mich aus diesem elektronischen Trivial Pursuit war: ich schreibe weiter wie bisher. Auch wenn ich in diesem neuen Jahr etwas langsamer schreiben werde. Vielleicht nicht mehr jeden Tag, wie manche Leser es jetzt schon gewohnt sind. Vielleicht manchmal etwas anspruchsvoller im Stil, um gleich in den ersten Zeilen dieser Niederschrift zu beweisen oder darzutun, daß ich noch zu den Gebildeten mich zählen darf. Nach dem Stiltester der FAZ ist das von Theodor Fontane, haarscharf daneben, aber auch vorbei. Wir wissen natürlich, dass es der erste Satz des wunderbaren Romans Stopfkuchen von ➱Wilhelm Raabe ist.

Das Schreiben fällt mir leicht, Schwierigkeiten habe ich nur mit der neuen Rechtschreibung. Ich mache immer wieder Fehler, aber ich habe mein eigenes Korrekturprogramm. Besser als das eines jeden Computers. Kann man nicht herunterladen oder kaufen. Das Programm heißt Georg (Sie sehen ihn auf dem Photo unten rechts stilecht im ➱Morning Coat), der findet beinahe jeden Tippfehler. Dafür gebührt ihm großer Dank. Ich finde zwar auch jeden Fehler, aber nur in den Manuskripten von anderen Leuten. Ich habe für viele Freunde und Kollegen die Korrekturen für ihre Bücher und Aufsätze gelesen. Aber bei eigenen Texten bin ich blind. Da hilft es auch nicht, dass ich das ➱T-Shirt anziehe, das mir ➱Heidi mal geschenkt hat. Da steht in großen Buchstaben drauf: Ich kann lesen. Vielleicht hätte sie mir besser ein Shirt geschenkt, das den Aufdruck hat: Ich kann fehlerfrei schreiben.

Von der Heidi habe ich auch diese schöne Karte bekommen, die den Post ➱Jean-Pierre Desclozeaux ziert. Ja, das bin ich. Der Herr weiter oben in dem blauen Anzug mit den weißen Karos und der im weißen Anzug, das bin ich natürlich auch. Der auf den Photos sowieso.