Samstag, 15. Juli 2017

Generalskrise


Möge es Ihnen gelingen, gegenüber dem in der Öffentlichkeit überstrapazierten Begriff der 'Reformer' einer geläuterten soldatischen Tradition verbunden mit modernem Denken zum Durchbruch zu verhelfen. Das schreibt dieser so nett lächelnde Herr 1964 an den neuen Inspekteur des Heeres. Manche SPD Politiker halten ihn für einen der reaktionärsten Generäle der Bundeswehr. Mit 37 Jahren war er einer der jüngsten Generäle Hitlers. Kommandeur der Division Feldherrnhalle, Ritterkreuz mit Eichenlaub. Im Nürnberger Prozess wird er eidesstattliche Versicherungen abgeben, dass die Division Feldherrnhalle keine SA Einheit gewesen sei (obgleich sie den Namen einer SA Einheit trägt und die meisten Soldaten aus der SA kommen). Die Amerikaner behalten ihn nach dem Ende des Krieges erst einmal, übergeben ihn an die Russen und bekommen ihn wieder zurück. Warum haben sie ihn nicht behalten? Als die Bundeswehr gegründet wird, ist der ehemalige Generalmajor Günther Pape sofort dabei. Fängt als Brigadegeneral an und hat bald seinen alten Dienstgrad wieder.

Und er erinnert den Kollegen Ulrich de Maizière an diese etwas schwammige geläuterte soldatische Tradition verbunden mit modernem Denken. Mit den reformerischen Kräften hat Pape nichts am Hut, so wie er mit den Offizieren des Widerstands nichts zu tun hatte. Wenn er in einem Düsseldorfer Gymnasium einen Vortrag hält, dann ist das entscheidende Zitat Wer in der Gegenwart die Vergangenheit vergißt, verliert die Zukunft! Es ist ein Zitat von Hans Röttiger, der der erste Inspekteur des Heeres der Bundeswehr war, ich weiß nicht, was der Generalleutnant, der noch den Ersten Weltkrieg mitmachte (und sein Eisernes Kreuz eher als sein Notabitur hatte), von Günther Pape gehalten hat.

Der General Pape, der heute vor 110 Jahren geboren wurde, meint mit der Vergangenheit offenbar etwas anderes als Hans Röttiger (hier im Gespräch mit Helmut Schmidt). Röttiger war 1956 als Inspekteur des Heeres nicht unumstritten. Kesselring hasste ihn, weil Röttiger in Italien mit den Alliierten Kapitulationsverhandlungen aufgenommen hatte, als Kesselring noch an den Endsieg glaubte. Erich von Manstein verachtete Röttiger, weil er kein Ritterkreuz hatte, wegen der Kapitulation in Italien und wegen seiner Rolle bei den Nürnberger Prozessen. Denn da hatte sich Röttiger gegen seine Kameraden gestellt, weil er eingesehen hatte, dass der Rußlandfeldzug den Zweck hatte, den militärischen Bandenkampf des Heeres dazu auszunutzen, die rücksichtslose Liquidierung des Judentums und anderer unerwünschter Elemente zu ermöglichen. Hans Röttiger war in Himmerode dabei, wo die Bundeswehr geplant wurde. Zu der Zeit saß der Generalmajor a.D. Pape in einer Kommission, die sich damit beschäftigt, ob die Ritterkreuzträger in der neu zu schaffenden Armee ihr Ritterkreuz tragen dürfen. Wer in der Gegenwart die Vergangenheit vergißt, verliert die Zukunft!

Röttiger war strikt gegen die Atombewaffnung: Nach den Erfahrungen in dieser Richtung, insbesondere in der Folgezeit des Zweiten Weltkrieges, dürfte es immerhin fraglich sein, ob ein seiner Verantwortung bewußter Soldat gleich welchen Dienstgrades, sich bereit finden wird, den Einsatz von Massenvernichtungswaffen mit seinem Namen zu decken oder auch nur ‚mitzudecken’. Es wäre sehr wohl denkbar, daß der Soldat, der wohl wie kaum ein anderer die Folgen eines derartigen Handelns zu beurteilen vermag, in einem solchen Fall zu einer Art ‚Atomdienstverweigerer’ würde.

Allerdings hatte Röttiger eine Versuchsgruppe ins Leben gerufen, die einen möglichen Einsatz von Atomwaffen durchspielen sollte. Ich zitiere dazu einmal aus einer interessanten ➱Dissertation: Symptomatisch ist hier der Verlauf der ersten Lehr- und Versuchsübung des Heeres (LV 58) auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne/Niedersachsen 1958, bei denen erstmals in einer Manöverlage der Einsatz von Atomsprengkörpern theoretisch durchgespielt wurde. Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Hans Röttiger, brach die Übung schließlich ab, als der Atomeinsatz sich tatsächlich unerwartet verheerend auf das durchgeführte Gefechtsszenario der gepanzerten und infanteristischen Kräfte ausgewirkt hatte. Da muss wohl das gleiche passiert sein, was ich in dem Post ➱Fallex beschrieben habe. Dies Bild ist auch im Jahre 1958 in Bergen-Hohne gemacht worden: Adenauer betrachtet wohlfällig ein Holzmodell des ➱HS-30, den man gerade ankauft. Den Panzer gibt es zwar noch nicht, aber ein Holzmodell ist doch auch schön.

Es geht bei der Generalskrise von 1966 darum, wie die Bundeswehr in die Gesellschaft integriert werden soll, es geht um die Macht, die Leute wie Pape und der Generalinspekteur Trettner gerne hätten. Ich habe dazu einen lesenswerten Report des Spiegel mit dem Titel ➱Uns versteht keiner so richtig. Ich habe in den sechziger Jahren genügend Generäle kennengelernt, manche waren menschlich und als Vorgesetzte hervorragend. Wie mein erster Divisonskommandeur Cord von Hobe (hier bei seiner ➱Rede zum 20. Juli im Hof des Bendlerblocks). Sein Nachfolger Otto Uechtritz sieht zwar in seiner Uniform schneidig aus, besitzt aber keine intellektuellen Fähigkeiten. Den General Ulrich de Maizière habe ich einmal erlebt, es war ein sehr peinlicher Auftritt, Sie können die Geschichte in dem Post ➱Heinrich Hannover nachlesen.

Die Bundeswehr hat in den sechziger Jahren die Stärke von beinahe einer halben Million erreicht. Sie hat damals 230 Generäle, inzwischen ist die Bundeswehr kaum noch halb so stark, hat aber immer noch etwas mehr als zweihundert Generäle. Was machen die alle? Dass wir eine gegenüber den Allierten vorzeigbare Armee haben, täuscht darüber hinweg, dass es im Inneren nicht in Ordnung ist. Was wir als Spiegel Affäre bezeichnen, ist der größte politische Skandal der Bundesrepublik. Am Ende muss Strauß gehen und Adenauers Regierung ist beschädigt, von dem Abgrund an Landesverrat bleibt nichts übrig. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch eine kleine Anekdote zu Strauß und Röttiger einfügen. Im Bonner Presseclub hat Strauß über den neben ihm sitzenden General Röttiger gesagt, er trage eine Uniform, in der man ihn, wenn er keine Rangabzeichen trüge, für einen Zigarettenverkäufer halten könnte. Das sind wunderbare Manieren dieses gebildeten Altphilologen. Über seinen Rausschmiss aus dem Amt wusste er Erstaunliches zu sagen: Ich bin damals behandelt worden wie ein Jude, der es gewagt hätte, auf dem Reichsparteitag der NSDAP aufzutreten.

Nach der Spiegel Affäre kam der Skandal von Nagold, Übergriffe gegen Soldaten häuften sich. Auch in unserer Brigade hatte wir einen Fall. Da hatte ein Leutnant des Fallschirmjägerbataillons 313 in Varel seine Soldaten zum Essen von Brennesseln gezwungen, hatte sie Liegestütze über einem offenen Messer machen lassen etc. Die Bundeswehr reagierte damals sehr schnell. In Nagold war die Kompanie sofort aufgelöst worden, alle Soldaten wurden strafversetzt.

Im Fall des Brennesselfresser wurde der für die Dauer der staatsanwaltlichen Ermittlungen zu meiner Kompanie versetzt. Das am Sonntag geplante Fußballspiel konnte nicht stattfinden, der Fußballplatz war mit Hubschraubern vollgeparkt, da war die halbe Hardthöhe bei uns. Der Brennesselfresser durfte normalen Dienst tun, aber keine Waffe tragen. Und er durfte nicht in den Speisesaal des Kasinos, er musste in der Küche essen. Es wurden ihm da aber keine Brennesseln serviert. Wenn der Staatsanwalt ihn sehen wollte, musste ich in vorführen, musste dafür den Helm aufsetzen und die P38 umbinden. Der Brennesselfresser war ein armes Schwein, er hatte einen reichen Vater, war von jeder Schule geflogen. Abitur an einem schlecht beleumundeten Internat. Danach Berufssoldat, ein Säufer und Schinder. Solche Leute hätte die Bundeswehr nie gebraucht. So wie sie den General Günther Pape nicht gebraucht hätte.

Aber der General Pape ist mit seinen Kameraden im Hintergrund (oder sollte man Untergrund sagen?) dabei, dass einer geläuterten soldatischen Tradition verbunden mit modernem Denken zum Durchbruch verholfen wird. Sprich, dass die Generäle gegenüber der Politik mehr Macht bekommen. Sie wittern Morgenluft, da der Nachfolger von Strauß, Kai-Uwe von Hassel, ein schwacher Mann ist. Angeblich wurde er in diesen Kreisen von Quassel genannt. Ich konnte damals nichts gegen von Hassel sagen, sein Name steht auf meiner Ernennungsurkunde zum Leutnant. Im BMVg gibt es einen Hauptabteilungsleiter namens Ernst Wirmer, der für eine klare Trennung zwischen Truppe und Zivilverwaltung eintritt. Das ist für ihn das wichtigste Element einer demokratischen Wehrverfassung. Er hat eine andere Lebensgeschichte als die reaktionären Generäle. Sein Bruder wurde von Freisler zum Tode verurteilt, und Wirmer selbst war von der Gestapo verhaftet worden. Wir können glücklich sein, dass es auch solche Männer im Verteidigungsminsterium gegeben hat.

Die sechziger Jahre, insbesondere die Zeit von 1963 bis 1967, gelten als die Epoche des Ausbaus und der Konsolidierung. Es sind zugleich die Jahre des Ringens um die Innere Führung. Die Gegensätze zwischen Befürwortern und Gegnern brechen nun in voller Schärfe auf, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung. Der General Pape ist mit seinen Kameraden im Hintergrund (oder sollte man Untergrund sagen?) dabei, dass einer geläuterten soldatischen Tradition verbunden mit modernem Denken zum Durchbruch verholfen wird. Sprich, dass die Generäle gegenüber der Politik mehr Macht bekommen.

Der ist jetzt Generalinspekteur, über ihn hat die DDR gerade ein Weissbuch über die Kriegsverbrechen des General-Inspekteurs der Bundeswehr, General Heinz Trettner veröffentlicht. Und nun geschieht etwas Fürchterliches, es kommt der Gewerkschaftserlass, den Ernst Wirmer bei von Hassell durchgesetzt hatte. Trettner ist so beleidigt, dass er seinen Hut nimmt, einen Tag später folgt ihm sein Kumpel Pape. Der Inspekteur der Luftwaffe Werner Panitzki (Bild) war Tage zuvor wegen der Starfighter Krise zurückgetreten, damit verliert die Bundeswehr in einer Woche drei Generäle aus der Führungsetage.

Der Spiegel titelt Aufstand der Generale, aber ist das Ganze wirklich so schlimm? Es ist ein Sieg des Hauptabteilungsleiters Ernst Wirmer und ein Sieg der Demokratie über die ewig Gestrigen.Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel wußte die Chance zu nutzen. Die Generale hatten ihm die Rolle eines Retters der Demokratie vor dem Griff der Militärs nach der Macht zugespielt. Ein General kann nach dem Soldatengesetz jederzeit ohne Begründung in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden. Und Generäle gibt es genug, auch wenn sie kein Ritterkreuz haben wie Trettner und Pape. Ich möchte an dieser Stelle einmal an den Satz von Abraham Lincoln erinnern, den er auf einem Truppenbericht, wonach man so und soviel ➱Generäle und so und soviel Pferde verloren habe, notiert, dass es schade um die Pferde sei. I can make more generals but horses cost money. Das sind doch mal Prioritäten.

Trettner wird noch den Vorschlag machen, die Grenze zur DDR mit Atomminen zu sichern, und er weiß auch, daß der Krieg gegen die Sowjetunion - anders als die Umerziehungspropaganda behauptet - in erster Linie ein nur schweren Herzens begonnener, aufgezwungener Präventivkrieg war und daß unmenschliche Formen vom ersten Tage an von den aufgeheizten sowjetischen Soldaten durch die Ermordung deutscher Kriegsgefangener ... in die Auseinandersetzung hineingetragen wurden. Da war Hans Röttiger ganz anderer Meinung. Herr von Hassel wird sein klein bisschen Reputation verspielen, wenn er bei der Beerdigung des Generals der Waffen SS Hans Jüttner die Trauerrede hält.

Eine traurige Sache ist es hiermit. Diese Flagge hatte der ➱Bruder von Ernst Wirmer 1944 als Flagge des deutschen Widerstands entworfen, heute dient sie der ➱Pegida als Flagge. Von dem nettesten General, mit dem ich eine Viertelstunde gesprochen habe, weiß ich nicht einmal den Namen. Ich weiß nur, dass es ein Brigadegeneral war, der aus Bonn kam. Und dass er plötzlich mitten in der Nacht in meinem Zelt saß. Wir waren in einem Großmanöver mit den Engländern, und die Lage war katastrophal. Drei Tage Dauerangriff ohne anzuhalten, drei Tage kein Schlaf.

Die Engländer spielten nur zwei Tage mit, sagten damned German blitzkrieg und verpieselten sich dann in die Wälder. Das waren Berufssoldaten, die wussten, wann man aufhören muss. Die ersten Fünftonner landeten im Straßengraben, weil ihre Fahrer am Lenkrad einschliefen. Auf einer Straßenkreuzung sah ich meinen Freund W., der in der Dunkelheit wie ein besoffener Pariser Flic den Verkehr zu regeln versuchte. Was ist mit ihm? fragte ich seinen Fahrer. Er hat Captagon genommen, Herr Leutnant, sagte der. Hol ihn von der Kreuzung, sagte ich. Und nimm ihm das Captagon weg (W. ist übrigens ohne das Captagon noch Oberst im Generalstab geworden). Diese kleine Geschichte fügte ich auch in den Lagebericht ein, den der nette General von mir forderte. Ich bin nicht glücklich, wenn ich nicht eine kleine Geschichte einfügen kann. Der General stellte mir noch einige Fragen, war aber mit der Schilderung der Lage zufrieden. Als er das Zelt verließ, fragte ich ihn: Warum ich? Er drehte sich um und sagte: Ach, das ist einfach. Wenn ich einen Berufsoffizier frage, weiß ich, was er mir erzählen wird. Da frage ich doch lieber einen Reserveoffizier, der im Studium ist. Der hat einen klareren Kopf und keinen Respekt vor der militärischen Hierarchie. Und außerdem habe ich mit einem englischen Colonel geredet, der mir gesagt hat, dass Sie der einzige deutsche Offizier seien, mit dem er sich vernünftig unterhalten kann.

Und dann sagte er noch: Schlafen Sie gut. Morgen ist alles anders. Am nächsten Morgen war alles anders, es gab eine Auszeit von 24 Stunden. Niemand bewegte sich in Richtung des Fulda Gap. Nur die Engländer wurden gebeten, die Positionen einzunehmen, die sie vor einem Tag besetzt haben sollten.

Donnerstag, 13. Juli 2017

Hexer, Zinker et al.


Im Rahmen des Krimisommers in 3sat zeigen wir vier Edgar-Wallace-Verfilmungen von Regisseur Alfred Vohrer. Zu sehen sind 'Das Gasthaus an der Themse', 'Der Zinker', 'Der Hexer"'sowie 'Neues vom Hexer'. Das steht auf der Internetseite von 3sat. Und ich hatte mich schon gewundert, wo Anfang Juli plötzlich die vielen ➱Edgar Wallace Filme herkamen. Aber es ist das Sommerloch, da kann man alles senden.

In dem Post zu ➱Siegfried Schürenberg habe ich vor zwei Jahren geschrieben: Dabei konnte der Schauspieler Siegfried Schürenberg natürlich viel mehr, als stereotyp einen vertrottelten Londoner Polizeichef zu spielen. Ich habe seit Jahrzehnten die Idee, einmal über die deutschen Edgar Wallace Verfilmungen zu schreiben, über ihre Schauspieler, ihre Struktur, über das, was sie uns über das deutsche Publikum sagen. Aber ich bin nie dazu gekommen. Es gibt dazu erste Ansätze in diesem Blog wie die Posts ➱Edgar Wallace, ➱Dieter Borsche, ➱Trenchcoats, ➱Heinz Drache und ➱Film und Mode zeigen.

Es wäre eine schöne Idee, einmal die Ideologie und die Ikonographie der Wallace Filme zu untersuchen. Bei Wikipedia, die eine recht gute ➱Seite zu den Filmen haben, finden sich die Sätze: Trotz ihres großen Erfolgs stießen die Edgar-Wallace-Filme mit Ausnahme der Boulevard- und Tageszeitungen bei fast allen Filmkritikern auf breite Ablehnung. 

Die zum Teil bis heute zitierten Rezensionen, von denen manche den Wallace-Filmen jeglichen ästhetischen oder künstlerischen Anspruch aberkennen oder einige sogar mit Propagandafilmen des Dritten Reiches vergleichen, müssen heute im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den 1960er Jahren betrachtet werden. Eine unvoreingenommene, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Edgar-Wallace-Filmen fand bis heute nur ansatzweise statt.

Schon George Orwell hatte über Wallace gesagt: It would be interesting and I believe valuable to work out the underlying beliefs and general imaginative background of a writer like Edgar Wallace. Orwell schrieb das in einem Brief an Geoffrey Gorer und fügte dem Satz noch hinzu: But of course that's the kind of thing nobody will ever print. Doch das Kriminalgenre, das soviel Ideologie transportieren kann, hat ihn nicht losgelassen, wenig später schrieb er seinen berühmten Essay ➱Raffles and Miss Blandish. In dem Edgar Wallace natürlich nicht fehlen durfte. Orwell redete über die Romane von Wallace, die deutschen Wallace Verfilmungen haben wenig mit den Romanen zu tun.

Wallace ist mit seinen Romanen Millionär geworden, Wilhelm Goldmann, der 1928 die Buchrechte von Wallace kaufte, sicher auch. Die Übersetzer der Romane auf keinen Fall. Ich habe Freunde, die während ihres Studiums für Goldmann übersetzt haben, die bekamen für ihre Arbeit so gut wie nichts. Ich will gegen den alten Goldmann nichts sagen, er schickte mir eine Flasche Sekt, als ich Goldmann Autor wurde.

Nein, nicht für Krimis, Goldmann hatte ja mal eine sehr angesehene wissenschaftliche Reihe, die Das Wissenschaftliche Taschenbuch hieß. Die Frau, die mein Manuskript lektorierte, hieß Dr Gertrud Wimmer, sie hat alle meine Zitate in der Münchener Staatsbibliothek überprüft. So viel Genauigkeit gab es selbst bei Suhrkamp nicht. Als Wilhelm Goldmann starb und Bertelsmann den Verlag kaufte, war das Wissenschaftliche Taschenbuch die erste Sache, die eingestampft wurde. Wallace geht immer, Wissenschaft nicht.

3sat hat sich Filme von Alfred Vohrer herausgepickt, Das Gasthaus an der Themse ist dabei, der größte Erfolg an den Kinokassen. Ein besonders hervorragender Regisseur ist Alfred Vohrer nicht gewesen, aber seit Quentin Tarantino in Berlin Alfred Vohrer is a genius! gerufen hat, denken manchen Kritiker darüber nach, ob sie ihre Meinung über Alfred Vohrer ändern sollten.

George Orwell hat 1944 über die Helden von Edgar Wallace gesagt: His own ideal was the detective-inspector who catches criminals not because he is intellectually brilliant but because he is part of an all-powerful organization. Hence the curious fact that in Wallace's most characteristic stories the 'clue' and the 'deduction' play no part. The criminal is always defeated by an incredible coincidence, or because in some unexplained manner the police know all about the crime beforehand. The tone of the stories makes it quite clear that Wallace's admiration for the police is pure bully-worship.

A Scotland Yard detective is the most powerful kind of being that he can imagine, while the criminal figures in his mind as an outlaw against whom anything is permissible, like the condemned slaves in the Roman arena. His policemen behave much more brutally than British policemen do in real life--they hit people with out provocation, fire revolvers past their ears to terrify them and so on -and some of the stories exhibit a fearful intellectual sadism. (For instance, Wallace likes to arrange things so that the villain is hanged on the same day as the heroine is married.) But it is sadism after the English fashion: that is to say, it is unconscious, there is not overtly any sex in it, and it keeps within the bounds of the law.

Das ist natürlich etwas ganz anderes als in den deutschen Filmen, wo Scotland Yard etwas desorganisiert ist und der Chef leicht vertrottelt agiert. Und die Kommissare Joachim Fuchsberger (13 Filme) oder Heinz Drache (9 Filme) nichts von dem Ideal von Wallace mitbringen. Und Wallaces Inspector Elk ein ganz anderer ist als Siegfried Lowitz. Und dennoch haben wir diesen Trash der sechziger Jahre liebgewonnen.

Weil wir zum Beispiel Agnes Windeck lieben. Die Schauspiellehrerin, die auch ➱Miss Marple synchronisierte, hatte bestimmt Spaß bei dem ganzen Unsinn (Siegfried Schürenberg in sechzehn Filmen auch). Wir können an diesem Photo (mit Barbara Rütting links) sehen, dass in diese Filme von Zeit zu Zeit der deutsche ➱Expressionismus der zwanziger und dreißiger Jahre hineinschwappt. Eine solche Ausleuchtung, die an den ➱Film Noir erinnert, haben wir immer, wenn es besonders unheimlich sein soll. Und sicherlich ist in den Filmen (wie auch in den Romanen von Wallace) immer noch ein Rest der ➱Gothic Novel zu finden.

Für manche Schauspieler war eine Rolle in einem Wallace Film schnellverdientes Geld. Für manche war es das Ende der Karriere, da war ihnen alles egal. Rekordhalter in Auftritten war Eddi Arent, der in 23 Edgar Wallace Kriminalfilmen zu sehen war. Er sorgte für das komische Element, obgleich die Filme an sich schon komisch genug waren. Manche schafften es, aus der Welt von Edgar Wallace zu entkommen. Wie ➱Karin Dor (5 Filme, hier in Der grüne Bogenschütze etwas leichter bekleidet), die noch bei Hitchcock und James Bond zu sehen war. Und Klaus Kinski (16 Filme) war natürlich zu Höherem berufen, als Noch einen Wunsch, Mylady? zu sagen.

Weil 3sat Neues vom Hexer sendete, konnte man auch noch Margot Trooger sehen, die mochte ich immer. Sie hatte ihren ersten Auftritt auf der Bühne 1947 in Bremen, und in Bremen hat sie auch noch mit Peter Zadek Ich bin ein Elefant, Madame gedreht. Mit dem hatte sie schon in Die Dame in der schwarzen Robe zusammengearbeitet, Zadeks erstem Krimi für das deutsche Fernsehen.

Kann ich einen von Deinen Gangsteranzügen bekommen, fragte mein Bruder beim Mittagessen. Mein Vater war etwas pikiert, dass seine Zweireiher als Gangsteranzüge bezeichnet wurden. Aber der amerikanische Gangsterfilm der zwanziger Jahre hatte den Zweireiher zu eben diesem Kleidungsstück gemacht, das man mit dem Gangster assoziiert (lesen Sie mehr in ➱Kleider machen Leute ➱Bonnie und Clyde).

Mein Bruder bekam einen Anzug (beinahe schwarz mit feinen roten und weißen Streifen) und ließ ihn sich bei dem Schneider Anton Schiwal umarbeiten. Das erste Mal, das ich ihn in dem Anzug sah, war in einer Vollversammlung an der Uni. Er war vor das Mikrophon getreten und forderte den Rücktritt des ➱Kultusministers. Herr von Heydebreck trat auch eine Woche später zurück, daran kann man sehen, dass Gangsteranzüge eine gefährliche Sache sind. Man muss aber dazu sagen, dass an dem Abend noch zahlreiche andere Studenten den Rücktritt des Ministers forderten, die keinen Gangsteranzug trugen.

Colin McArthur hat in seinem Buch Underworld USA aufgezeigt, welche Bedeutung Kleidung innerhalb der Ikonographie besitzt. Robert Warshow hat in ➱The Gangster as Tragic Hero gesagt: Like other tycoons, the gangster is crude in conceiving his ends but by no means inarticulate; on the contrary, he is usually expansive and noisy (the introspective gangster is a fairly recent development), and can state definitely what he wants: to take over the North Side, to own a hundred suits, to be Number One. In vielen Gangsterfilmen (wie zum Beispiel in The Public Enemy) gibt es Szenen, in denen sich der Bandenchef bei seinem Schneider einen neuen Anzug machen lässt.

Diese Gangster tragen keine ➱Lederjacken und keine Schiebermützen mehr, aber sie beweisen uns, dass der französische Gangsterfilm von den Amerikanern gelernt hat. Ob das der ➱Borsalino von ➱Alain Delon, der Trenchcoat von ➱Yves Montand (in Vier im roten Kreis) oder der elegante Zweireiher von Jean Gabin sind, Kleidungsstücke bekommen jetzt eine symbolische Bedeutung. Sie brauchen keine hundred suits, sie haben die besten Schneider von Paris.

Die deutschen Edgar Wallace Filme machten von den ikonographischen Möglichkeiten, die der amerikanische Gangsterfilm und der französische Gangsterfilm in bezug auf die Symbolik der Kleidung entwickelt haben, wenig Gebrauch. Ein Bösewicht braucht doch nur auszusehen wie Werner Peters, wenn er böse guckt. Das muss nicht noch durch vestimentäre Symbole betont werden.

Mode und Filmmusik sind ein Spiegelbild ihrer Zeit: Miniröcke, nackte Busen, reißerische Soundtracks, Marylin-Monroe-Chick, Turmfrisuren, Schlaghosen, Koteletten und breite, scheußlich gemusterte Krawatten. Kurz gesagt: Edgar-Wallace-Filme sind einfach klasse, steht in den Stuttgarter Nachrichten. Es ist eine Frage, wie man dieses klasse definiert. De gustibus non est disputandum. Gab es da wirklich nackte Busen? Ich dachte immer, dass die Filme FSK ab 16 waren und dass ein Filmbild wie dieses den Höhepunkt der Wallaceschen Erotik darstellte. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einen Satz von Wallace zitieren: An intellectual is someone who has found something more interesting than sex.

Alles soll in England spielen, aber selten wurde da ein Wallace Film gedreht. Man drehte in Hamburg und Berlin. Auch englische Filmgesellschaften drehen einen Film in Liverpool, der in London spielen soll, es kommt offenbar nicht so drauf an. Es werden viel schwarze ➱Melonen getragen, vorzugsweise von Eddi Arent. Und natürlich alle Sorten von ➱Trenchcoats, es war die große Zeit dieses Kleidungsstücks. Es war auch noch die große Zeit des Kinos, wo ➱Der Frosch mit der Maske Millionen ins Kino lockte. ➱German Grusel bewies den Satz, dass es unmöglich ist, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein. Wenn er in kleinen Dosen daherkommt wie bei 3sat, dann gilt das wahrscheinlich noch heute.


Dienstag, 11. Juli 2017

Køgebucht


Heute vor 590 Jahren begann die Seeschlacht im Øresund und in der Køgebucht bei Kopenhagen, sie war Teil des Dänisch-Holsteinisch-Hanseatischen Krieges. Obgleich die Hanse zahlenmäßig überlegen war, hat sie die mehrtägige Seeschlacht verloren. Offensichtlich kannten die Dänen und Schweden ihre Küsten besser, das Wasser kann in der Ostsee ja manchmal sehr flach sein. Was jeder Segler weiß, wenn er (wie ich) da schon mal ein Folkeboot auf Grund gesetzt hat. Viele der Seeschlachten zwischen den Ostseeanrainern, die sich offensichtlich immer bekämpfen müssen, enden im flachen Wasser. Bei Schwedeneck findet man im Wasser immer noch schwedische Säbel von der Seeschlacht von Fehmarn im Jahre 1715.

Auch jemand, der keinen Hochseesegelschein besitzt, kann hier sehen, dass das dänische Kriegsschiff etwas zu nah am Strand segelt. ▹Legerwall nennen Seeleute so etwas. Wenig später sind Gefion und ▹Christian VIII verloren, zerschossen von den Eckernförder Küstenbatterien (lesen Sie mehr in ▹Provisorische Regierung). Die Christian VIII (links) wird explodieren, die Gefion wird aufgebracht, in Eckernförde umgetauft und der von ▹Admiral Brommy kommandierten Reichsflotte übergeben

Und dann wäre da natürlich die Seeschlacht auf der ▹Kolberger Heide (hier gemalt von ▹Vilhelm Marstrand), in der der dänische König Christian IV ein Auge verliert. Das blutige Taschentuch und einige Granatsplitter kann man noch im Schloss ▹Rosenborg sehen. Das Blut wird jede Woche nachgefärbt, hat mir eine freche Dänin erzählt. Aber das ist natürlich nicht wahr, das Taschentuch ist Teil eines nationalen Ereignisses, das noch in der Nationalhymne gefeiert wird: Kong Christian stod ved højen mast i røg og damp...

Die Anführer der Hanseflotte im Jahre 1427, Bürgermeister und Amtmänner, mussten für ihre Unfähigkeit büßen. Johann Bantzkow wurde öffentlich hingerichtet, Hinrik Van Haren in Wismar von dem von Claus Jesup angestachelten Mob gelyncht. Tidemann Steen wurde in Lübeck ins Gefängnis geworfen. Der Hamburger Bürgermeister Hein Hoyer blieb bis zum Waffenstillstand von 1432 in dänischer Gefangenschaft. In St Pauli (wo sonst) gibt es heute noch eine Hein Hoyer Straße. Dass sich die Køgebucht hervoragend für Seeschlachten eignet (oder dafür, Schiffe auf Sand zu setzen), haben die Dänen 1677 bewiesen, als sie an gleicher Stelle wie 1427 die schwedische Flotte vernichteten.

Ich war schon einmal für ein paar Tage in Køge. Das steht schon in diesem Blog, aber ich kopiere das noch einmal hierher, falls Sie nicht zu den zehntausend Lesern gehören sollten, die den Post ▹Mein Dänemark schon gelesen haben:

Als wir in Køge Halt machen, schaue ich einer hübschen Blondine nach, die bei einem Typ hinten auf der Vespa sitzt und seine photographische Ausrüstung festhält. Die ▹Vespa tuckert langsam über den Strand bis sie hinter einer Düne verschwindet. Wahrscheinlich hat er dann Nacktaufnahmen von ihr gemacht. Aber daran denkt damals keiner von uns. Mein Bildergedächtnis aber bewahrt das Bild der Blondine auf, die wie die kleine ▹Meerjungfrau in Kopenhagen hinten auf dem Motorroller sitzt und langsam an uns vorbeigleitet.

Später am Nachmittag radle ich mit Volker auf einer einsamen Straße durch blaudunkle Wälder, es wird schon schummrig, wir sollten umkehren und rechtzeitig zum Abendessen zu Hause sein. Ein kleiner See rechts, dann wieder Wälder. Weit und breit kein Mensch. Plötzlich taucht in dieser geheimnisvollen Abendstimmung ein Schloss vor uns auf. Ich bekomme ein Gefühl der Angst angesichts dieser unwirklichen Szenerie. Laß uns umkehren, sage ich, wir kommen bestimmt zu spät zum Abendessen. Schweigend radeln wir zurück. Heute weiß ich, dass es das Schloss Vallö war, damals war es eine surreale Erscheinung, wie eine Fata Morgana, als ob man in ▹Eichendorffs Welt hineingeradelt wäre.

Viele Jahre später sehe ich bei einem Hinterhofhöker ein Ölbild von einer menschenleeren Parklandschaft in der Dämmerung. Hat etwas von ▹Edward Hopper an sich. Ich kaufe es ohne zu zögern, während mir der Händler aus irgendeinem Grund erzählt, dass er alles über Hinterradstarrachsen von englischen Sportwagen weiß. Hatte mal sieben Stück davon in der Garage liegen. Und Grace Kelly ist nur deshalb verunglückt, weil der Sportwagen eine Starrachse hatte. Ich lasse ihn reden, der absurde Soundtrack dringt nicht in meine Parklandschaft ein. Das geheimnisvolle Bild hängt noch immer in meinem Wohnzimmer. Und immer wieder erinnert es mich an jenen Abend bei Schloss Vallö. Mein Leben wird von Bildern zusammengehalten.

Was in dieser romantischen Beschreibung fehlt, ist die Wasserschlacht, die Volker und ich uns am nächsten Tag mitten im Hafen von Køge geliefert hatten. Von den Seeschlachten von 1427 und 1677 hatten wir noch nie gehört. Wir hatten uns Ruderboote ausgeliehen, und eine Wasserschlacht schien an diesem Sommertag genau das Richtige. Volker, der immer ein bisschen Quatsch im Kopf hatte, hatte damit angefangen. Es gab in unserem Seegefecht keine Sieger und Verlierer, niemand wurde mit dem Schwert hingerichtet. Wir waren lediglich beide klatschnass. Volker ist später Kapitän geworden, hat aber niemals ein Schiff auf Grund gesetzt.

Freitag, 7. Juli 2017

Wehrpflicht


Am 7. Juli 1956 beschloss der Bundestag die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, da gab es allerdings in den Kasernen von ➱Andernach schon 1.200 Soldaten in schlecht sitzenden ➱Uniformen, alles Freiwillige. Weil es ja noch keine Wehrpflicht gab. Es waren keine einfachen Soldaten, es waren nur Offiziere und Unteroffiziere, die alle noch in der Wehrmacht gedient hatten. Diese ersten Freiwilligen der noch namenlosen deutschen Streitkräfte (der Name Bundeswehr taucht erst 1956 in der Diskussion auf) wurden am 21. November 1955 vereidigt. Das war der 200. Geburtstag von Gerhard von Scharnhorst, der in diesem Blog mit ➱Heeresreform schon einen Post hat. Man hatte solche Symbolik damals gerne. Allerdings wurde Scharnhorst damals in noch größerem Maße in der DDR, die für einen guten Westdeutschen natürlich Sowjetisch Besetzte Zone hieß, geehrt und verehrt. Mahnwachen am Scharnhorst Denkmal in Großgörschen und Gedenkmünzen. Und es gab in den siebziger Jahren sogar einen ➱Mehrteiler im Fernsehen.

Mit den Pariser Verträgen von 1955 war Westdeutschland (ohne Saarland) zu einem mehr oder weniger souveränen Staat geworden. Und zum Mitglied in der NATO. Es sollte jetzt schnell gehen mit dem Aubau der deutschen Armee, die eine Stärke von 500.000 Mann haben sollte, das wünschte sich Konrad Adenauer. Der hatte schon 1950 in einem ➱Interview mit der New York Times eine Verstärkung der Alliierten Streitkräfte in Europa gefordert. Und eine eigene Armee als Gegengewicht zur Kasernierten Volkspolizei in der Sowjetzone. Aber ein wenig Symbolik, eine Erinnerung an den deutschen Freiheitskampf gegen Napoleon, ist immer gut. Und aus dem Freiheitskampf gegen Napoleon bezog die junge Armee auch ihre Ideale: Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben, hatte Scharnhorst gesagt. Das ist der Ursprung der allgemeinen Wehrpflicht aus dem Geist der Revolution und Befreiungskriege, schrieb Stephan Speicher in der Berliner Zeitung. Adenauer hat das bestimmt nicht so gesehen.

Wenn man zwanzig Jahre nach dem letzten ➱Wehrgesetz eine Wehrpflicht beschließt - für die man Teile des Grundgesetzes ändern muss - dann braucht man Behörden und Institutionen für die Verwaltung. Vom Verteidigungsministerium bis hinunter zum Kreiswehrersatzamt. Von 1957 bis 2010 wird es mehr als 20 Millionen Musterungen geben. Man brauchte neben den Erfassungsstellen eine Infrastruktur mit Kasernen und Truppenübungsplätzen. Kasernen und Truppenübungsplätze waren noch da, die konnte man wiederverwenden. Der Herrgott schuf in seinem Zorn Sennelager bei Paderborn, pflegte mein Opa zu sagen. Der Spruch war schon in der Kaiserzeit nicht ganz neu. Ebenso wie mein Opa lernte ich die rote Erde von ➱Sennelager kennen.

Vor Jahren traf ich bei einem Herrenabend bei ➱Hans Fander einen pensionierten Oberst, mit dem ich ins Gespräch kam, weil wir beiden die einzigen in der Runde waren, die alle deutschen Truppenübungsplätze kannten. Als er hörte, dass ich aus Vegesack sei, erzählte mir, dass seine militärische Karriere in Grohn begonnen hatte (wo im Zweiten Weltkrieg ➱Helmut Schmidt stationiert war). Da hätten ihn mal nachts auf dem Heimweg zur Kaserne am Vegesacker ➱Hafen zwei große kräftige sailors in die Mitte genommen, ihn hochgehoben und durchschüttelt. Und gesagt: Ihr seid die teuersten Arbeitslosen der Bundesrepublik. Nicht jeder in Deutschland mochte die Soldaten, die jetzt Bürger in Uniform sein sollten. Für eine Armee braucht man nicht nur Soldaten, man braucht natürlich auch Waffen. Die kaufte man am besten bei kriminellen Unternehmern, die einen Kumpel im Verteidigungsministerium haben. Es wäre jetzt schön, wenn Sie an dieser Stelle den Post ➱Schrott lesen würden, dann wissen Sie alles darüber.

Das Soldatenleben begann für die wehrpflichtigen Westdeutschen ab 1956 im Kreiswehrersatzamt (die DDR hatte noch keine Wehrpflicht, deren ➱Wehrpflichtgesetz kam erst 1962). Die fünfziger Jahre waren die große Zeit der Kreiswehrersatzämter und der Bürokratie. Einer häufig schleppend langsamen und unfähigen Bürokratie, da hat jeder etwas zu erzählen, der einmal mit einem KWEA zu tun hatte. Die Kreiswehrersatzämter gibt es heute nicht mehr, sie wurden mit Wirkung vom 30. November 2012 aufgelöst. Die Bürokratie gibt es heute natürlich immer noch. Als ich aufgefordert wurde, mich zur Musterung zu melden, bin ich zum Kreiswehrersatzamt nach Bremen gefahren. Dafür bekam ich schulfrei. Ich trug damals den Blazer, den ich auch in ➱Rotterdam anhatte, das geht aus dem Photo in meinem Wehrpass hervor. Das Kreiswehrersatzamt war damals noch in einem Seitenflügel vom Polizeipräsidium. Noch nicht in dem viel zu großen Hochhaus in der Falkenstraße, das später jahrelang leer stand, für ➱Tatort Dreharbeiten benutzt wurde und danach Flüchtlingen als Übergangswohnheim diente. Ich bekam am Ende der Musterung einen Wehrpass. Der allerdings ein klein wenig fehlerhaft war, das merkte ich erst, als ich wieder zu Hause war. Da hatte doch tatsächlich ein minderbemittelter Beamter statt Jay den Vornamen Jesus hineingeschrieben.

Ich schrieb einen bösen Brief (mit so etwas war ich damals gut) an den Leiter des Kreiswehrersatzamtes. Dem war die gotteslästerliche Sache furchtbar peinlich, er entschuldigte sich eine DIN A4 Seite lang. Ich musste meinen Wehrpass zurückschicken und bekam ihn dann wieder zugeschickt. Keinen neuen, man hatte das Jesus einfach wegradiert, mit dem Messer geschabt. Man kann es heute immer noch unter dem Jay lesen. Wenn die Geschichte jetzt zu Ende wäre, dann wäre sie eigentlich schon komisch. Aber sie ist noch nicht zu Ende. Plötzlich bekam ich Werbepost, die den Vornamen Jesus enthielt - das Kreiswehrersatzamt hatte offensichtlich die Namen der Wehrpflichtigen an die Bundespost verkauft. Was nach meiner Rechtsauffassung illegal war. Ich schrieb wieder böse Briefe. Die Bundespost gab mir nach mehreren Briefen eine Adresse, wo ich mich beschweren könne.

Nach meiner Beschwerde hörte ich nie wieder etwas davon und vergaß die ganze Sache. Fünfzehn Jahre später traf ich Arne Börnsen, den Bruder meines Freundes ➱Gert Börnsen in Bremen. Der war SPD Politiker wie sein Bruder, er wäre Postminister geworden, wenn man diesen Posten nicht abgeschafft hätte. Er sagte Herzlichen Glückwunsch, Jay. Ich wusste nicht, wozu er mich beglückwünschte. Da sagte er mir, dass meine Eingabe an die Post gerade im Postausschuss des Bundestages verhandelt worden sei. Und der hätte festgestellt, dass die Adressenweitergabe durch das KWEA an die Post widerrechtlich gewesen sei, und dass die Post das schon ein Jahrzehnt zuvor gewusst habe. Die Post sei übrigens verpflichtet gewesen, mir die Entscheidung des Ausschusses mitzuteilen. Was sie natürlich nie getan hat.

Meine Lamentatio über die Unfähigkeit von Kreiswehrersatzämtern ist noch nicht zu Ende. Kaum hatte ich meinen Wehrpass mit dem geänderten Vornamen zurück, da bekam mein Vater eine Aufforderung zur Musterung. Er konnte das nicht glauben, sagte zu mir: Schreib Du denen mal. Ich setzte mich vor die schwere Hermes 3000 Schreibmaschine in seiner Praxis und schrieb wieder einen bösen Brief. Muss ich das lesen? fragte er. Ich sagte: Es genügt, dass Du das unterschreibst. Mein Vater war als Leutnant der Reserve mit sieben Granatsplittern im Körper kurz vor Kriegsende aus der Wehrmacht entlassen worden, besaß einen Schwerbehindertenausweis auf dem kriegsbeschädigt stand. Er fiel ganz bestimmt nicht mehr unter das Wehrpflichtgesetz.

Nun hätte sich der Leiter des Kreiswehrersatzamtes natürlich für seinen Fehler entschuldigen müssen, wie wenige Monate zuvor für den Vornamen Jesus, aber das tat er nicht. Mein Vater erhielt eine zweite, scharf formulierte, Vorladung. Man glaubte ihm nicht. Er solle gefälligst seinen Wehrpass mitbringen, wenn er behaupte, Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen zu sein. Mein nächster böser Brief, den ich im Namen meines Vaters schrieb, begann mit der Frage, ob er vielleicht auch noch sein Eisernes Kreuz und seine Verwundetenabzeichen in Schwarz und in Silber mitbringen sollte? Und dann folgte für den Rest der DIN A 4 Seite eine Beleidigung nach der anderen, hochironisch und so richtig satt. Das ist die einzige Sprache, die Kreiswehrersatzämter verstehen. Mein Vater hat nie wieder etwas vom Kreiswehrersatzamt gehört.

Ich natürlich noch länger, weil ich mich freiwillig zum Bund gemeldet hatte und danach auch noch Wehrübungen gemacht habe. Genügend Gegenstand für Korrespondenzen mit dem Kreiswehrersatzamt gab es immer, schließlich unterliegt man der Wehrüberwachung. Ich lasse das lieber aus. Es ist zu armselig. In meinem Wehrpass liegt hinten ein Dutzend offizieller Schreiben, Einberufungsbescheide und so etwas. In einem von zwölf Schreiben hat man Namen, Titel und Dienstgrad richtig hinbekommen, das finde ich ein schönes Ergebnis für ein Kreiswehrersatzamt, das in einem 15-stöckigen Hochhaus sitzt. Ein steinernes Denkmal für Parkinsons Gesetz von der Vermehrung der Beamten. Es ist gut, dass es keine Kreiswehrersatzämter mehr gibt und man die Gebäude zur Unterbringung von Flüchtlingen verwenden kann. Die Bundeswehr brauchten wir eigentlich auch nicht mehr. Eine Küstenwache und die Bundespolizei reichen doch voll aus.

Die Wehrpflicht (die interessanterweise im Artikel 4 der Europäischen Menschenrechtskonvention unter Verbot der Sklaverei und der Zwangsarbeit erwähnt wird) ist immer ➱umstritten gewesen. Ich zitiere dazu einmal den Bundespräsidenten Roman Herzog, der 1995 beim vierzigjährigen Bestehen der Bundeswehr sagte: Die Wehrpflicht ist ein so tiefer Eingriff in die individuelle Freiheit des jungen Bürgers, dass ihn der demokratische Rechtsstaat nur fordern darf, wenn es die äußere Sicherheit des Staates wirklich gebietet. Sie ist also kein allgemeingültiges ewiges Prinzip, sondern sie ist auch abhängig von der konkreten Sicherheitslage. Ihre Beibehaltung, Aussetzung oder Abschaffung und ebenso die Dauer des Grundwehrdienstes müssen sicherheitspolitisch begründet werden können. Gesellschaftspolitische, historische, finanzielle und streitkräfteinterne Argumente können dann ruhig noch als Zusätze verwendet werden. Aber sie werden im Gespräch mit dem Bürger nie die alleinige Basis für Konsens sein können. Wehrpflicht glaubwürdig zu erhalten, heißt also zu erklären, weshalb wir sie trotz des Wegfalls der unmittelbaren äußeren Bedrohung immer noch benötigen.


Noch mehr Bundeswehr in diesem Blog: Fallex, Élysée Vertrag, Landkarten, Winston Churchill, Nachtfahrt, Uniformen, Aufklärung, FJS, Großer Zapfenstreich, Unsere Marine, Schrott, Eisernes Kreuz, Afghanistan, Opernhaus Hannover, Waterloo, Hoya, Munitionsdiebstahl, Aurora, Heeresreform, Thomas Lawrences Blücher, Bergen-Belsen, Löwen, Landesverrat

Dienstag, 4. Juli 2017

Der falsche Tag


Heute ist der amerikanische Nationalfeiertag, ein Feiertag, der übrigens auch seit über hundert Jahren in ➱Dänemark begangen wird. Das nennt sich Rebildfesten, die Feiern finden im Naturschutzpark Rebild Bakker in Nordjütland statt. Donald Trump hat am Wochenende Golf gespielt. Früher gingen amerikanische Präsidenten am Nationalfeiertag in die Kirche oder wohnten einem Festakt bei. To be an American, whether by birth or choice, is a high privilege. As citizens of this good nation, we can all be proud of our heritage and confident in our future. The ideals of July 4th, 1776, still speak to all humanity. And the revolution declared that day goes on, hat George W. Bush im Jahre 2003 am Independence Day gesagt.

Für drei Präsidenten (Thomas Jefferson, John Adams und James Monroe) war der Nationalfeiertag der Todestag. Der Präsident Zachary Taylor trank am 4. Juli 1850 bei den Feierlichkeiten wegen der großen Hitze Unmengen von Milch mit Eis und aß Kirschen dazu. Fünf Tage später war er tot. Cholera oder Typhus, man weiß es nicht so genau. Einen kleinen Festakt, oder eher eine Party, soll es bei Trump heute aber auch noch geben. Wenn er rechtzeitig vom Golf in New Jersey zurückkommt.

Seine Administration spielt das Ganze herunter, man hat wohl Angst, dass er sich wieder einmal blamiert. Wahrscheinlich wird er heute etwas twittern. Liest das überhaupt noch jemand? Der New Yorker hat gerade zum Nationalfeiertag einen interesanten Artikel, der an die denkwürdige ➱Rede von Frederick Douglass im Jahre 1852 erinnert. ➱American Dignity steht da im Titel, mit der dignity hat es Trump nun gerade nicht so.

Als ich begann, diesen Blog zu schreiben, dachte noch niemand an Donald Trump. Ich war ein halbes Jahr in der blogosphere, als ich etwas über die berühmte Unabhängigkeitserklärung schrieb. Wörter wie fake news und alternative facts waren damals noch nicht gebräuchlich, sonst hätte ich sie bestimmt verwendet. If the Fourth of July was not the date of the first formal declaration of American independence, what then was its claim to distinction? fragt Daniel Boorstin in seiner hervorragenden dreibändigen Kulturgeschichte The Americans. Damit sie heute über den vierten Juli mitreden können, stelle ich den Post ➱Independence Day noch einmal ein. Sie könnten natürlich auch den Roman Independence Day von ➱Richard Ford lesen.

Das Bild von Colonel John Trumbull kennt jeder Amerikaner, 4. Juli, Nationalfeiertag, die Declaration of Independence wird unterzeichnet. Nichts davon ist wahr, außer das ➱John Trumbull das Bild (365 x 548 cm) gemalt hat. Das Dokument, das wir als Declaration of Independence kennen, ist nicht am 4. Juli von allen Abgeordneten unterschrieben worden. Das Bild zeigt den Augenblick, in dem eine Kommission von fünf Mitgliedern des Continental Congress (➱Thomas Jefferson, ➱John Adams, ➱Benjamin Franklin, Robert Livingston und ➱Roger Sherman) dem Vorsitzenden John Hancock einen Text präsentieren. Der lange Jefferson scheint dem korpulenten Adams auf den Fuß zu treten, man hat das als einen Beweis der Feindschaft zwischen Jefferson und Adams interpretiert. Aber das mit dem Fuß stimmt natürlich bei genauerem Hinsehen nicht. Die beiden Herren sind zu ihrem Lebensende doch noch wieder Freunde geworden, wie ihr ➱Briefwechsel ab dem Januar 1812 zeigt.

Den Text der Unabhängigkeitserklärung hat Jefferson geschrieben, in a day or two, wie Benjamin Franklin schreibt. Die anderen haben ein wenig darin herum korrigiert, sacred & undeniable truths durch self-evident truths ersetzt und solche Kleinigkeiten. Der Kongress in Philadelphia wird zum Leidwesen Jeffersons tagelang an seinem schönen Text herumdoktern (dieses Bild von Jean Leon Gerome Ferris ist schon in dem Post ➱New York zu sehen). Jefferson wird immer seinen originalen Text aufbewahren und darüber klagen, dass der Kongress dieses wunderbare Dokument verändert hat. Während der Beratung hat er kein Wort gesagt, er hat nur schweigend dagesessen. Es hätte sich nicht gehört, dass er seinen eigenen Text verteidigt hätte, das hat John Adams für ihn übernommen. Benjamin Franklin hat versucht ihn zu trösten und ihm eine kleine Geschichte erzählt. Wer jemals Franklins Poor Richard's Almanack oder seine Autobiography gelesen hat, weiß, dass Franklin im Erzählen von kleinen Geschichten ganz groß ist:

I have made a rule, whenever in my power, to avoid becoming the draughtsman of papers to be reviewed by a public body. I took my lesson from an incident which I will relate to you. When I was a journeyman printer, one of my companions, an apprentice hatter, having served out his time, was about to open shop for himself. His first concern was to have a handsome signboard, with a proper inscription. He composed it in these words, 'John Thompson, Hatter, makes and sells hats for ready money,' with a figure of a hat subjoined. But thought he would submit it to his friends for their amendments. The first he showed it to thought the word 'Hatter' tautologous, because followed by the words 'makes hats,' which showed he was a hatter. It was struck out. The next observed that the word 'makes' might as well be omitted, because his customers would not care who made the hats. If good and to their mind, they would buy them, by whomsoever made. He struck it out. A third said he thought the words 'for ready money' were useless, as it was not the custom of the place to sell on credit. Every one who purchased expected to pay. They were parted with, and the inscription now stood, 'John Thompson sells hats.' 'Sells hats!' says the next friend. 'Why, nobody will expect you to give them away. What then is the use of that word?' It was stricken out, and 'hats' followed it, the rather as there was one painted on the board. So the inscription was reduced ultimately to 'John Thompson,' with the figure of a hat subjoined.

So liest sich die Geschichte dann eines Tages in der Version von Benjamin Franklin. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass rein juristisch und völkerrechtlich der Abfall der Kolonien schon längst vollzogen ist, wenn der Kongress jetzt noch über sprachliche und stilistische Feinheiten diskutiert. Denn am 2. Juli 1776 hatte der Kongress einen Antrag von ➱Richard Henry Lee aus Virginia angenommen, den dieser am 7. Juni in den Kongress gebracht hatte: that these United Colonies are, and of right ought to be free and independent States, that they are absolved from all allegiance to the British Crown, and that all political connection between them and the State of Great Britain is and ought to be totally dissolved. Das ist die wirkliche Unabhängigkeitserklärung Amerikas am 2. Juli.

Das ➱Dokument, das man nach zweitägigem Hickhack am 4. Juli absegnet, ist schöne Rhetorik. Es ist erstaunlich, dass keiner der fünf Mitglieder der Kommission den Boten des Kongresses zum Drucker begleitet hat, auch Jefferson nicht. Man hätte ja mal Korrektur lesen können. So wimmelt der Text von Druckfehlern. Man kann in dem Bild links aber auch sehen: die Declaration ist nicht von den Delegierten unterschrieben. Am 4. Juli (und ich wiederhole das gerne noch einmal) wird nichts unterschrieben. Die einzigen Namen, die sich hier finden, sind die vom Präsidenten des Kongresses John Hancock (hier von ➱John Singleton Copley portraitiert) und des Sekretärs Charles Thomson.

Dieses Dokument hier kommt viel später. Im Journal des Kongresses findet sich unter dem 2. August 1776 der Eintrag The Declaration of Independence being engrossed and compared at the table was signed by the members. Und auch das ist nicht ganz richtig, Matthew Thornton wird erst im November unterschreiben (fünf Kongressmitglieder aus Pennsylvannia und George Read aus Delaware irgendwann zwischen August und November). John Hancock hat seinen Namen ganz groß geschrieben. Nicht aus Eitelkeit, wie er später betonte, sondern weil der englische König Schwierigkeiten mit den kleinen Buchstaben hätte. Ich glaube doch, dass es eher seine Eitelkeit war. Er wäre ja auch sehr gerne anstelle Washingtons Oberkommandierender der Armee geworden, obgleich er keinerlei militärische Erfahrung hatte. Aber die englische Sprache wird durch ihn ein Idiom mehr haben: put your John Hancock here ist das Äquivalent für unsere Redewendung, dass wir unseren Kaiser Wilhelm unter ein Schreiben setzen.

The second day of July, 1776, will be the most memorable epoch in the history of America. I am apt to believe that it will be celebrated by succeeding generations as the great anniversary festival. It ought to be commemorated as the day of deliverance, by solemn acts of devotion to God Almighty. It ought to be solemnized with pomp and parade, with shows, games, sports, guns, bells, bonfires, and illuminations, from one end of this continent to the other, from this time forward, forever more ... posterity will triumph in that day's transaction ... Das schreibt John Adams am 3. Juli 1776 an seine Frau ➱Abigail. Das da oben ist das wichtige Dokument, es trägt den Antrag von Lee, den Zusatz agreed to und das Datum vom 2. Juli 1776.

Die Pennsylvania Evening Post (die auch wenig später, am 6. Juli, den Text des Unabhängigkeitserklärung auf ihrer ersten Seite haben wird) hatte am Abend des 2. Juli den Aufmacher This Day the Continental Congress declared the United Colonies Free and Independent States. Irgendwie sollten die Amerikaner diesen Tag feiern. John Adams und Thomas Jefferson, die sich im Jahre 1775 noch mochten, sich dann voneinander entfernten und im Alter wieder zueinander fanden, schaffen es in schöner Synchronie, am selben Tag zu sterben. Am 4. Juli 1826.

Samstag, 1. Juli 2017

Wilde Justiz


Die Eckkneipe, die Lammers heißt, ist schon länger zu. Jetzt sind auch noch Türen und Fenster mit Brettern verrammelt worden. Ein trauriger Anblick, aber ich mochte die Kneipe nie. Zuletzt war es angeblich eine Institution der gehobenen Kieler Gastronomie. Lügen haben lange Nasen. Vor mehr als einem halben Jahrhundert war es ein Studentenlokal. Nicht meins. Ich war mit den anderen Hilfskräften zweimal die Woche zwei Häuser weiter im Heinrich VIII. Da aßen wir nachts um zehn Blaubeerpfannkuchen, wenn wir die Vorlesung für den Professor für den nächsten Tag fertig getippt hatten. Der wusste ja nicht, was er am nächsten Tag las. Einmal haben wir aus Versehen einige Seiten vertauscht. Außer uns hat das am nächsten Tag aber keiner bemerkt. Der Professor nicht, die Studenten auch nicht. Wenn wir mit unserem Professor essen gehen mussten, waren wir im ▹Oblomow. Wenn wir ganz wir selbst waren, saßen wir abends im QuamQuam und bestellten etwas, was Kairinisch Pilaw (oder so ähnlich) hieß. Im Quam war auch immer eine Ecke für die Anglisten reserviert, da verjagte die Bedienung jeden, der sich da hinsetzen wollte.

Jetzt wo das Lammers ganz zu ist, ist auch der widerliche Typ mit seinem fetten schwarzen Daimler verschwunden. Den parkte der Typ, der in jedem Mafiakrimi hätte mitspielen können, konsequent im Halteverbot an der Ecke zur Wrangelstraße. Wurde nie aufgeschrieben. So wie die Loddels von der Kieler Küste früher nie ein Ticket an den Frontscheiben ihrer exotischen Karossen hatten - dafür trugen aber auch alle Polizisten von der Falkwache eine ▹Rolex. Nein, das ist böse. Das darf man nicht schreiben. Wenn Sie wirklich wissen wollen, wie es in den Sixties an der Kieler Küste zuging, dann sollten Sie die Lebenserinnerungen von ▹Karl Koch lesen. Einem Hünen, der sein Kneipenpublikum mit Versen aus der Ilias unterhielt und besser Englisch sprach als die Englischlehrer der Gelehrtenschule.

Mein Freund ▹Keith Kernspecht, der natürlich auf der Kieler Gelehrtenschule war, hat die Erinnerungen von Karl Koch unter dem Titel Karl von der Küste: Erinnerungen an den Kieler Kiez (1960-1976) mit Hauern, Huren, Hafenloddels herausgegeben. Wer in dem Buch nicht steht, ist der wirklich berühmte Professor, der sich jede Woche einmal nachmittags in einem Amüsierbetrieb einfand. Das war kein schlimmes Lokal, eher ein Café, das im Puff lag. Es gab eine Art Varietéprogramm und manchmal hüpfen den Mädels die Möpse aus dem Oberteil, das war alles. Wenn ich jetzt seinen Namen nennen würde, würde mir niemand die Geschichte glauben. Den Namen des berühmten ▹Südstaatenautors, der hier als Gastprofessor an der Uni war, den nenne ich auch nicht. Der war so verzweifelt über die Tristesse des Ortes, dass er sich ständig im Puff besoff und dann da liegen blieb. Irgendwann sollte mal die Subgeschichte dieser Stadt geschrieben werden, mit Hauern, Huren und Hafenloddels. Professoren und Möpsen.

Lassen Sie mich zum Lammers mit seiner hochwertigen Kreativküche zurückkommen. Ich fahre da beinahe täglich dran vorbei und denke nicht groß über das Lokal nach. Vor allem, weil ich mich nicht mehr über den falsch geparkten fetten schwarzen Daimler ärgern muss. Es ist lange her, da war ich einige Male im Lammers. Weil die da eine neue Tresenschlampe hatten, die in der Dunkelheit ganz passabel aussah. Schlank, apart. Die war aber bald wieder weg, hatte angeblich eine Kneipe in Lübeck aufgemacht. Ich habe sie nie wirklich vergessen, ich sehe ihr Gesicht immer noch vor mir. Man konnte sie auch nicht vergessen, weil sie noch berühmt wurde, als sie in einem Lübecker Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter erschoss.

Revenge is a kind of wild justice, sagt Sir Francis Bacon in seinem Essay ▹On Revenge, aber er schränkt das gleich ein wenig ein und fügt hinzu: which the more man's nature runs to, the more ought law to weed it out. Sergeant Hathaway zitiert in einer Folge von Lewis (die dann auch ▹Wild Justice heißt) diesen Satz von Francis Bacon. Englische Krimiserien wie ▹Morse und ▹Lewis enthalten ja (wie der Detektivroman in seinem Golden Age in den zwanziger Jahren) immer viel Zitate. ▹Barnaby nicht, deshalb liebt Angela Merkel wahrscheinlich die Serie. Wenn Francis Bacon auch konzediert, dass der Wunsch nach Rache in der Natur des Menschen liege, ist er natürlich auf Seiten der Justiz: the more ought law to weed it out. 

Aber in der Mitte seines Essays findet sich der Satz: The most tolerable sort of revenge is for those wrongs which there is no law to remedy. Gilt das für Marianne Bachmeier? Ein Jurist und Essayist, der etwas älter als Francis Bacon war, sagte dazu: Denn so gut wie der Rächer sehen will, um daraus Vergnügen zu ziehen, so muß derjenige, an dem er sich rächet, auch sehen, um davon Mißvergnügen zu haben und Reue zu empfinden. Es wird ihn gereuen, pflegen wir zu sagen. Glauben wir denn, daß er Reue darüber fühlen werde, wenn wir ihm eine Kugel durch den Kopf gejagt haben? 

Hier schreibt niemand anderer als ▹Michel de Montaigne. Er kennt das Wesen des Menschen in seiner Zeit: Ich lebe in einer Zeit, in der, wie es in wilden Bürgerkriegen nun einmal ist, Beispiele kaum glaublicher Grausamkeit sich häufen. Fälle, die schlimmer sind als die furchtbarsten Berichte aus der Antike, sind heute etwas Alltägliches. Trotzdem habe ich mich durchaus nicht damit abgefunden. Ehe ich es gesehen habe, habe ich mir gar nicht denken können, daß Menschen so barbarisch sein sollten, aus bloßer Mordlust einen Mitmenschen zu töten, ihm Glieder abzuhacken, mit allem Scharfsinn unbekannte Qualen und neue Todesarten auszudenken, und zwar nicht etwa aus Haß oder Profitgier, sondern nur zu dem Zweck, sich an dem Schauspiel eines Menschen in Todesnot zu weiden, an seinen Schmerzensgesten und an seinem Stöhnen und Schreien. Das ist doch offenbar die Höhe der Grausamkeit, »daß ein Mensch seinen Mitmenschen tötet nicht aus Zorn, nicht aus Angst, nur weil er ihn sterben sehen will« Der Mensch hat, fürchte ich, von der Natur selbst etwas wie einen Instinkt zur Unmenschlichkeit mitbekommen. 

Den letzten Satz, Der Mensch hat, fürchte ich, von der Natur selbst etwas wie einen Instinkt zur Unmenschlichkeit mitbekommen, den sollten wir uns mal merken. 

Sir Francis Bacon ist Philosoph, Jurist und Essayist wie Montaigne. Seine ▹Essays sind nett, sind aber nichts im ▹Vergleich mit Montaigne: Suppose yourself a child, and that two old men live near you. One is Montaigne. He is delighted by your visits, stuffs you with cookies, asks after your interests, takes it graciously in stride when you tell him (being a child) that they have changed, offers up anecdotes and friendly advice that he will not be offended if you disregard. The other is Bacon. When you visit, he sits you down, offers you wine—they do that where he comes from—and takes everything you say seriously. You have opinions; he treats them like theories. You have observations; he treats them like theses. You have tastes; he treats them like positions. You finish bewildered and afraid. Montaigne makes you feel grown up; Bacon lets you know that you are not even as grown up as you thought.

Francis Bacon bemüht sich, das englische Recht zu reformieren, er wird mit On Revenge keine Apologie der Rache schreiben. Er lebt nicht mehr in der Zeit von Montaigne, aber auch in seiner Zeit hat die Rache Konjunktur. Hochkonjunktur. Es ist die Blütezeit der jakobäischen Rachetragödie. Auf der Bühne ist die Rache besser aufgehoben als im wirklichen Leben. Und sie ist aus der Literatur nicht wegzudenken, von Kriemhild in den Nibelungen (Sweet is revenge – especially to women), Kleists ▹Michael Kohlhaas, dem ▹Grafen von Monte Christo bis zu ▹Effi Briest. Man kann unzählige Beispiele finden. 

Ich hätte zum Schluss noch eine kleine Geschichte, die auch von wilder Justiz und von der Kneipe Lammers handelt. Es ist Jahre her, da bretterte ein besoffener Jugendlicher mit seinem Auto nachts in die Hauswand des Lammers. Verpasste ein sechzehnjähriges Mädchen, das in der Begleitung des Vaters vom Kino heimkam, gerade mal um einen Meter. Der Vater zerrte den jungen Mann aus dem zerbeulten Auto und haute ihm eins in die Fresse. Revenge is a kind of wild justice. Der betrunkene Unglücksfahrer verlor seinen Führerschein und musste die Reparatur der Hauswand bezahlen. Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, aber es kommt noch etwas: der junge Mann verklagte den Vater des Mädchens wegen Körperverletzung. Es kam zu keiner Verhandlung. Der Richter weigerte sich, das Verfahren zu eröffnen. Nos scimus quia lex bona est, modo quis ea utatur legitime.