Donnerstag, 12. Oktober 2017

Statistiken


Der Waldi kommt aus der Eifel und bietet als erstes mal achtzig Euro, die Susanne ist blond und kauft Schmuck. Der Ludwig ist schon auf Händen nach Rom gelaufen, und der Horst sagt Hallöchen und duzt jedermann gnadenlos und macht den Damen abgeschmackte Komplimente. Die Experten verstehen ihr Handwerk, aber der Albert und die Frau Doktor werden nicht geduzt. Nur der Sven, der wird geduzt. Sie kennen wahrscheinlich die Beteiligten, sie alle sind Akteure in der erfolgreichsten Vorabendsendung des ZDF, die ➱Bares für Rares heißt. Das ist so etwas Ähnliches wie die Antiques Roadshow der BBC, eine Sendung, die der Inspector ➱Richard Poole in der Karibik vergeblich zu empfangen versucht.

In Bares für Rares kam letztens ein Medaillon mit dem Bild von Madame Récamier zur Auktion. Nichts wirklich Wertvolles, es war nicht aus dem 19. Jahrhundert und war nicht auf Porzellan gemalt. Aber die Händler waren von der Salondame ganz hingerissen und boten viel mehr, als das Medaillon wert war. Kommt mal vor, normalerweise bieten sie eher zu wenig. Obgleich sie nicht solche Experten sind wie Dr Heide Rezepa-Zabel, Albert Maier und Sven Deutschmanek, verstehen sie von vielen Dingen erstaunlich viel.

Von Taschenuhren verstehen die Händler ziemlich wenig. Der Ludwig erwähnt immer die schönen Rubine, aber die sind in jeder Uhr. Blaue ➱Saphire wären schon eher selten. Der Herr, der eine ungetragene goldene Assmann Taschenuhr mit Papieren und Originalkarton anbot, nahm sie indigniert wieder mit nach Hause. Die Gebote erreichten nicht einmal die Hälfte des Preises, den man für diese Uhr zahlen muss. Und der Mann, der hundertzwanzig Taschenuhren vom Flohmarkt anbot, hätte bei ebay viel mehr für das Konvolut bekommen. Die IWC Frackuhr aus Platin aus den dreißiger Jahren wurde nur wegen des Namens IWC verkauft. Der Daniel sagte, da sei ja nur ein Standardwerk drin. Der Daniel hat Kunstgeschichte studiert, hat aber nur einen M.A., manchmal vertut er sich in seinen Schätzungen um hundert Jahre. Das macht keinen guten Eindruck, aber sonst ist er sehr nett.

IWC und Standardwerk? Auf der Seite des ZDF steht: Diese Taschenuhr, eine sogenannte Frack-Uhr, ist zeitlich um 1935 zu datieren. Ein Indiz dafür ist, dass im Staubdeckel ein Steinbock-Control-Stempel existiert, der in der Schweiz erst ab 1935 eingeführt wurde. Warum es kompliziert machen? Man hätte ja auch einfach die Werknummer im Register nachschauen können. Bei diesem Werk mit Breguetspirale, Streifenschliff und perliertem Boden sind alle Räder unter Brücken und Kloben, alle Steine in Goldchatons, das Ankerrad hat ein verschraubtes Decksteinplättchen, ein Standardwerk würde ich so etwas nicht nennen.

Die flachen Taschenuhren der 30er Jahre waren ein verzweifelter Versuch der Taschenuhrindustrie, sich gegen die neue Mode der Armbanduhren zu wehren. In der Mitte der 30er Jahre werden zum ersten Mal ebenso viel Armbanduhren wie Taschenuhren verkauft. Aber in dieser Zeit des Schwanengesangs der Taschenuhr werden wunderbare kleine Werke gebaut. Wie dieses ➱ Hamilton Werk hier. Die Rubine in Chatons gelagert, ein verschraubtes goldenes Deckplättchen für das Ankerrad, eine Schwanenhals Feinregulierung. Und dann doch das Federhaus in Steinen gelagert, mehr geht nicht. Man hat Hamilton nicht zu Unrecht die Patek Philippe von Amerika genannt. Ich könnte hier auch noch meine flache Eterna von 1940 erwähnen, die schon eine Stoßsicherung und eine Glucydurunruh hat. Und als Tüpfelchen auf dem i: ein Ankerrad aus Gold. Doch solche Feinheiten erkennt die lustige Rasselbande von Horst Lichters Händlern nicht.

Aber zurück zu Julie Récamier. Als ich an dem Abend noch einmal auf die Zahlen der Statistik schaute, stellte ich fest, dass in den letzten Stunden 84 Leser den Post ➱Julie Récamier angeklickt hatten. Und in der Woche vergrößerte sich diese Zahl noch auf 249 Klicks. Es ist ein schöner Post, und er wird immer mal wieder in großen Zahlen gelesen. Wie letzte Woche. Allerdings muss ich auch sagen, dass der schöne Post über die Salonière auch auf Platz 5 der Google Ergebnisse ist, wenn man den Namen Julie Récamier eingibt. So nett diese Zahlenspielereien in der Google Statistik sind, ich beginne, dem Ganzen zu misstrauen. Denn meine französischen Leser sind plötzlich alle verschwunden. Zehn Monate überschwemmten sie die Statistik, jetzt sind sie alle weg. Von einem Tag auf den anderen. Kann das sein? Ich habe nichts Böses gegen Frankreich gesagt.

Vor Jahren hatte ich mal etwas Ähnliches, da hatte ich plötzlich tausende von Lesern aus der Ukraine. Und ich hatte da ➱Valentina Lisitsa (Bild) oder das ukrainische ➱Trio Scho noch gar nicht erwähnt. Erstaunlicherweise habe ich jetzt relativ viele englische Leser, so viele hatte ich noch nie. Nur die Zahl der norwegischen Leser bleibt konstant, die Norweger sind treue Seelen. Aber stimmt das alles? Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, heißt es. Niemand weiß, wer das zuerst gesagt hat, ➱Churchill war es wahrscheinlich nicht.

Aber es ist natürlich etwas dran, wir haben es gelernt, Statistiken zu misstrauen. Denken wir nur an den ADAC, und die Zahlen, die uns die deutsche Autoindustrie im  Abgasskandal geliefert hat, waren auch alle gelogen. Da halten wir uns lieber an Mark Twain, der in seiner Autobiographie gesagt hat: Figures often beguile me particularly when I have the arranging of them myself; in which case the remark attributed to Disraeli would often apply with justice and force: 'There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.'

Montag, 9. Oktober 2017

Ché Guevara


Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara

Sie fürchten dich, und wir lieben
dich vorn im Kampf, wo der Tod lacht,
wo das Volk Schluß mit der Not macht.
Nun bist du weg - und doch geblieben.
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara.

Und bist kein Bonze geworden,
kein hohes Tier, das nach Geld schielt
und vom Schreibtisch aus den Helden spielt
in feiner Kluft mit alten Orden.
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara.

Ja, grad die Armen der Erde,
die brauchen mehr als zu fressen
und das hast du nie vergessen,
daß aus Menschen Menschen werden.
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara.

Der rote Stern an der Jacke,
im schwarzen Bart die Zigarre,
Jesus Christus mit der Knarre
- so führt dein Bild uns zur Attacke.
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara.


Wolf Biermann hat das ➱Lied 1976 in Köln gesungen, kurz danach wurde er ausgebürgert. Ich habe das Konzert damals im Fernsehen gesehen. Es war ein musikalisches Ereignis, das sicher von dem Abschiedskonzert von The Band übertroffen wurde. Aber das Konzert neun Jahre nach dem Tode von Ché Guevara war natürlich auch ein politisches Ereignis, die Ausbürgerung von Biermann machte Schlagzeilen. Von Seiten der Stasi hieß es: Durch sein hetzerisches Auftreten und Gesamtverhalten in der BRD hat Biermann die bereitwillige Erfüllung der ihm von erbitterten Feinden der DDR übertragenen Rolle, den real existierenden Sozialismus in großem Ausmaß und auf das Gröbste zu verunglimpfen, eindeutig demonstriert. Die Aberkennung der Staatsbürgerschaft der DDR war die logische Konsequenz, den Plan des Gegners und die von ihm erstrebten Auswirkungen entschieden zu durchkreuzen. Wenn man Lieder wie Und als wir ans Ufer kamen singt, wo die letzten Zeilen lauten: Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier, dann verunglimpft man den real existierenden Sozialismus natürlich.

Dass Ché Guevara ein Jesus Christus mit der Knarre war, das findet sich nicht in dem originalen ➱Lied Hasta Siempre, Comandante, das hat sich Biermann ausgedacht. Ché Guevara hat zu dem Thema gesagt: I am no Christ, nor a philanthropist. I am the very opposite of Christ… I will fight with all the arms within reach, instead of letting myself be nailed to a cross. Der Doktor der Medizin Ernesto Rafael Guevara de la Serna, den man Ché Guevara nennt, wurde heute vor fünfzig Jahren von einem betrunkenen Feldwebel der bolivianischen Armee erschossen.

Das traurige Ende eines Kommandanten, der keine Truppen mehr besaß, ist der Anfang von einem Mythos. Die Photographien, auf denen die Rolex (hat er die bei ➱Cuervo y Sobrinos gekauft?) nicht fehlen darf, werden zu ikonischen Bildern eines Revolutionärs, der Stalin verehrte: Nun bist du weg - und doch geblieben. Ché Guevara T Shirts kann man heute immer noch kaufen. Dass er immer kubanische Zigarren rauchte, ist bei seinem Asthma eigentlich erstaunlich, aber er ist ein Mann der Widersprüche.

Im Jahre 1967 starb auch ➱Benno Ohnesorg. Der war kein Revolutionär, und Ché Guevara war sicher nicht sein Held. Aber wir sind jetzt in einer Zeit, wo man bei einer Demonstration sterben kann. Im November 1967 besucht Rudi Dutschke Bremen. Nicht mit einem offenen Jeep mit roter Flagge wie in Zadeks Film ➱Ich bin ein Elefant, Madame. Dutschke kommt mit dem Flugzeug (in dem er zum ersten Mal saß), der Bremer Salonrevolutionär Olaf Dinné hatte ihn abgeholt und in die Lila Eule gebracht. Dort soll er unverständliches Zeug geredet haben. Im nächsten Jahr gab es die ➱Bremer Schülerunruhen, das war der Beginn von 1968. Da hatte sich Olaf Dinné in die Schweiz abgesetzt, wenn es ernst wurde, dann wollte er nichts mit der Revolution zu tun haben.

Im Februar 1968 tötete der General Nguyễn Ngọc Loan in Saigon auf offener Straße einen nordvietnamesischen Soldaten. Im April wird Martin Luther King erschossen und Rudi Dutschke in den Kopf geschossen. Bis zum Massaker von Kent State sind noch zwei Jahre hin. Und in allen Studentenbuden hängen Poster mit dem Bild des Comandante.

Nicht dieses hier. Sondern das Bild, das den Namen Guerrillero Heroico trägt, mit dem 90mm Teleobjaktiv einer Leica geschossen.  Palmen sind nett, sind aber ein christliches Symbol, nichts für Revolutionäre. Die Palme muss weg. Dieses Bild war die Ausgangsbasis, da musste Alberto Korda noch einiges im Labor machen. Beinahe alle berühmten Photos des 20. Jahrhunderts entstanden in der Dunkelkammer des Photographen, ob das das Hissen der Flagge von Iwo Jima oder das Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Reichstag war.

Che Guevara starrt auf dem Bild auf die Calle 23. Er ist auf einer Beerdigung für die Opfer der Explosion des französischen Frachters Le Coubre, was für Propaganda und Presse etwas Ähnliches war wie die Explosion der Maine (die ➱hier einen langen Post hat). Es ist ein leerer Blick, aber man kann alles in ihn hineinlesen. Vor allem, wenn der Photograph das Bild noch ein wenig bearbeitet, dann bleibt was gut war und klar war. Das Victoria & Albert Museum versichert uns: The photograph enshrines Che as a mythic hero. Taken from below, the revolutionary leader with searching eyes and resolute expression becomes larger than life. A perspective that dominates the imagery of social realism, it bears an irresistible aura of authority, independence and defiance.

Das V& A hat das letzte Wort, weil sie diese Ausstellung ➱Che Guevara: Revolutiory & Icon gemacht haben. Für den Modephotographen Alberto Korda bedeutete die Kubanische Revolution das berufliche Aus, nichts mehr mit dem Photographieren von schönen Frauen. Für sein Photo hat er keinen Pfennig Tantiemen gesehen, da Kuba das Internationale Copyright Abkommen nicht unterschrieben hatte. Ich hatte niemals ein Che Guevra Poster und hatte auch nie etwas für ihn übrig. Aber ich finde es erstaunlich, wie man diesen drittklassigen Revolutionär mit einem multimedialen posthumen Personenkult vermarkten konnte. Christopher Hitchens, den ich nie für einen großen Denker gehalten habe, hat gesagt: He belongs more to the romantic tradition than the revolutionary one. To endure as a romantic icon, one must not just die young, but die hopelessly. Che fulfils both criteria. When one thinks of Che as a hero, it is more in terms of Byron than Marx. Vielleicht sollte man Daniel Boorstins The Image: A Guide to Pseudo-Events in America noch einmal lesen.

Es ist die Macht der Bilder, die häufig gefälscht werden müssen, um ihre Macht zu entfalten. Diesen Herrn da links wird man niemals für einen romantischen Revolutionär halten. Obgleich das Outfit stimmt, und er auch eine Zigarre in der Hand hat. Es ist Jérôme Savary in seiner schrägen Inszenierung von ➱Jacques Offenbachs Oper La Périchole. Neben ihm Elise Caron, geradezu göttlich als Périchole. Es ist eine Oper, die etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat, mit einer Sängerin, die eine Maitresse eines peruanischen Vizekönigs wird. Vielleicht hat die historische La Perricholi für Peru mehr Gutes bewirkt als Ché Guevara für Kuba.

Ich finde es beruhigend, dass es nicht nur Positives über den kubanischen Rolexträger im Internet zu lesen gibt. So schrieb Philip Holstein zum 80. Geburtstag von Ché Guevara in RP Online: Che und sein Konterfei lösten sich im Laufe der Zeit völlig vom Menschen, von der historischen Gestalt ab. Die Popkultur schliff das Grauenhafte dieses Mannes weg und die Tatsache, dass er seit dem kubanischen Aufstand nur Debakel erlebt hatte. Che wird wie ein schlechter Popsong, der bei einem besonders schönen Erlebnis gespielt wurde, nur noch mit Gerechtigkeit, Güte und der Revolution zu mehr Menschlichkeit assoziiert: Wären doch alle so wie Che! Che wurde zum Luftgeist, zu einer Mischung aus Punk und Puck, zu einem Wesen aus dem Bereich der Sehnsucht, zum letzten Einhorn, alles Menschenlichen beraubt, reine Theorie, ein Ideal. Die Maßstäbe der Realpolitik, der Historie gar, sie passen nicht mehr auf ihn. Heute ist Che nur mehr Zitat, buchstäblich ein Abziehbild. Und er beendet seinen Artikel mit dem Satz: Hätte es Che nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Weltlandschaften


Da links ist die schöne Welt, da rechts, da möchten wir nicht wohnen. Zwischen den beiden Welten ist das Wasser des Grauens, der Totenfluß Styx. Der flämische Maler Joachim Patinir, der am 5. Oktober 1524 in Antwerpen starb, hat dieses Bild gemalt. Wir wissen nicht so viel über Patinir. Er hat ➱Dürer gekannt, und er war mit Quintin Massys befreundet.

Albrecht Dürer war sogar auf der Hochzeit von Patinir: Item am sondag vor der creutzwochen hat mich maister Joachim, der gut Landschafft mahler, auf sein Hochzeit geladen und mir alle ehr erbotten. Dürer hat ihn auch gezeichnet, er sieht ein wenig traurig aus. Patinir hat Landschaften gemalt, er ist einer der ersten in Europa, der die Landschaftsmalerei pflegt. ➱Kenneth Clarke hat in ➱Landscape into Art über ihn gesagt, er sei the first painter to make landscapes more important than his figures. Häufig sind diese Landschaften das, was man eine ➱Weltlandschaft nennt.

Und er malt bizarre Felsen und bizarre Wolken in seine polychromen Landschaften. Farben, die sich Walt Disney nicht schöner hätte ausdenken können, Menschen spielen in der Landschaft keine Hauptrolle. Sie sitzen klein unten in der Ecke, wie hier der Heilige Hieronymus (der bei Dürer natürlich ganz anders aussieht). Kunsthistoriker reden da auch nicht von Menschen, sondern von der Staffage. Und es ist auch nicht das pralle Menschenleben, das die Niederländer Jahrhunderte später auf die Leinwand bringen, es sind Szenen aus der Bibel oder ausgewählte Heilige.

Patinir findet wenig Beachtung in seiner Zeit, er hat auch nur wenige Bilder (29?) gemalt. Manche sind umstritten, wie dies hier. Keine Menschen zu sehen, nur ein grasender Esel. Es ist wahrscheinlich eine Darstellung der Ruhe auf der Flucht, Maria und Joseph sind verloren gegangen. Nur der grasende Esel ist noch da, es ist noch ein langer Weg nach Ägypten. Das Bild hat dem Dortmunder Bierbrauer Josef Cremer gehört und ist später in den Besitz von Daniël George van Beuningen gekommen. Der es dem Museum Boijmans Van Beuningen schenkte, da hängt es immer noch (im Augenblick ist es für eine Ausstellung ausgeliehen).

Auf diesem Bild von der Taufe Christi hat Patinir wieder die ganze Welt abgebildet. Und die bizzaren Felsen durften nicht fehlen (die Kreidefelsen von ➱Caspar David Friedrich sind auch ein wenig bizarr). Kenneth Clark vermutet bei diesen wirklichkeitsfremden Felsen: Perhaps another reason for the unreal mountains of Gothic landscape was that medieval man did not explore them: he was not interested. Noch sind Berge für den Menschen ➱Warzen auf der Erde, Petrarca ist noch nicht auf den ➱Mont Ventoux geklettert, die Ästhetisierung der ➱Bergwelt hat noch nicht begonnen. Dieses Bild beinhaltet übrigens eine kleine Sensation: die erste Darstellung des ➱Rheinfalls von Schaffhausen. Vielleicht sollte die ➱IWC mal ein Modell Joachim Patinir herausbringen, stilvoller als das Modell Boris Becker wäre das allemal.

Die Versuchung des Heiligen Antonius ist ein beliebtes Thema der Malerei, wahrscheinlich deshalb, weil man da nackte Frauen auf die Leinwand bringen kann. Ich glaube, ich habe das in dem Post ➱Aktmalerei schon gesagt. Die Frauen, die den tugendhaft asketischen Antonius hier in ➱Versuchung führen wollen, sind bekleidet, aber eigentlich interessieren sie uns nicht. Was uns interessiert, ist die Landschaft und der Himmel, der oben links bedrohlich die Versuchung orchestriert.

Dürer nannte seinen Kollegen einen Landschaftsmaler, aber die Gattung der Landschaftsmalerei wird noch lange brauchen, bis sie etabliert ist. So konstatierte der Engländer Edward Norgate in seinem Werk Miniatura; or, The art of limning im Jahre 1650: It is more than time to proceede to the second, which is Lanscape, or Landscape, (an Art soe new in England, and soe lately come a shore, as all the Language within our fower Seas cannot find it a Name, but a borrowed one, and that from a people that are noc great Lenders but upon good Securitie, the Duch). Perhaps they will name their owne Child.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Nationalfeiertag


Als ich nach der Bundestagswahl den Post Unser Land schrieb, hatte ich nicht daran gedacht, dass eine Woche später der Nationalfeiertag sein würde. Vielleicht hätte ich dann für Herrn Gauland noch den ein oder anderen Satz übrig gehabt. Ein halbes Jahrhundert nach Adolf von Thadden haben wir wieder eine rechtsradikale Partei im Parlament. Vielleicht ist das auch ganz gut: indem wir über die AfD diskutieren, diskutieren wir über unser Selbstverständnis, unsere Demokratie. Die Zeitungen versichern uns, dass unser Land zerrissen ist. Wirklich? Die Kanzlerin tut das, was sie immer tut: schweigen und die Raute machen. Ist das genug? Anita Ekberg konnte das besser. Es könnte bei uns etwas mehr sein:

Nein, das gemeine Beste, 
Des eignen Wohlergehens nur einzig sichre Feste 
Erweckt in mir den Trieb; Trieb, den der Himmel ehrt, 
Wenn seines Eifers Glut der Bosheit Spreu verzehrt. 
Die angestorbne Pflicht, das Vaterland zu schützen, 
Der Freiheit Gott zu sein; der Unschuld Recht zu stützen, 
Ist der geheiligte, mit Blut gelegte Grund
Worauf das Wohl des Staats und unserer Väter stund. 

Den lasset uns vereint mit unserm Blut verteidgen.

Gut, es ist ein wenig veraltet, was Justus Möser da in seinem Theaterstück Arminius schreibt, aber es hat auch mit unserer Nation zu tun.

Früher hatten wir den 17. Juni als Nationalfeiertag, jetzt ist es der 3. Oktober. Das mit dem dem 3. Oktober hat seinen Grund. Weil Sabine Bergmann-Pohl am 23. August in der Volkskammer das Abstimmungsergebnis bekannt gab: Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990. Das liegt Ihnen in der Drucksache Nr. 201 vor. Abgegeben wurden 363 Stimmen. Davon ist keine ungültige Stimme abgegeben worden. Mit Ja haben 294 Abgeordnete gestimmt. Mit Nein haben 62 Abgeordnete gestimmt, und sieben Abgeordnete haben sich der Stimme enthalten. Meine Damen und Herren, ich glaube, das ist ein wirklich historisches Ereignis. Wir haben uns die Entscheidung alle sicher nicht leicht gemacht, aber wir haben sie heute in Verantwortung vor den Bürgern der DDR in der Folge ihres Wählerwillens getroffen. Ich danke allen, die dieses Ergebnis im Konsens über Parteigrenzen hinweg ermöglicht haben.

Ich stelle heute etwas ein, das schon in meinem ersten Jahr als Blogger am 3. Oktober hier stand (und 2015 und 2016 leicht verändert noch einmal). Es kann nicht schaden, es heute noch einmal hierher zu stellen:

Auferstanden aus Ruinen
Und der Zukunft zugewandt,
Laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muß uns doch gelingen,
Daß die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.

Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind!
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint.

Laßt uns pflügen, laßt uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschlands neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint. 

Das hätten wir ja als Nationalhymne nehmen können, vom neuen Deutschland. Warum eigentlich nicht? Kann man ja auch zu der Melodie von Gott erhalte Franz den Kaiser singen, braucht man nicht unbedingt (wie Hans Albers in Wasser für Canitoga) zur Melodie von Goodbye Johnny zu singen. Wir haben in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg etwas länger gebraucht, bis wir überhaupt eine Nationalhymne bekamen. Es war Konrad Adenauer sehr peinlich, in Amerika mit Heidewitzka, Herr Kapitän begrüßt zu werden. Oder in seiner engeren Heimat mit Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien. Wir können ja glücklich sein, dass uns nach 1945 diese Hymne erspart blieb:

Land der Väter und der Erben,
uns im Leben und im Sterben
Haus und Herberg, Trost und Pfand,
sei den Toten zum Gedächtnis,
den Lebend'gen zum Vermächtnis,
freudig vor der Welt bekannt,
Land des Glaubens, deutsches Land.

Der Aufruf Macht das Tor auf des Bundestages von 1958 war im Jahre 1989 endlich erhört worden, als Wahnsinn das Wort der Stunde wurde. Das Wort Willkommenskultur gab es noch nicht im Repertoire der Presse, dies war jetzt Wahnsinn. Sind wir am Tag der Silberhochzeit zweier Staaten jetzt alle glücklich? Wo sind die blühenden Landschaften? Gibt es ein einheitliches Lohnniveau in Deutschland?

Es war eine Revolution ohne Blut, niemand ist an die Laterne gehängt oder vor ein Peloton gestellt worden. Erich Mielke ist verurteilt worden. Wegen eines Mordes im Jahre 1931, für nix anderes. Schalck-Golodkowski hat ein Jahr bekommen, aber auf Bewährung. Lebte danach in Rottach-Egern. Ausgerechnet da. Kaum waren wir ein Land, kaum waren die ersten verurteilt, gab es schon die ersten Rufe nach einer Amnestie. Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat, hat Bärbel Bohley gesagt. Aber für die Juristen ist alles gut, wie man hier lesen kann. Und das Wort vom Unrechtstaat hört man auch nicht mehr, seit uns die Linguistin Gesine Lötzsch erklärt hat, dass das ein propagandistischer Kampfbegriff gewesen sei.

Eine Woche nach dem Fall der Mauer bin ich einmal durch das Land gefahren, das heute nur noch Mäck-Pomm heißt (dabei ist das E in Mecklenburg ein langes Dehnungs-E). Ich konnte die Fahrt, das flache Land im Herbst mit den wunderbaren alten Alleen, genießen. Mein Bruder saß am Steuer seines nagelneuen Autos.

Das auch etwas mit dem Fall der Mauer zu tun hatte. Den Wagen davor hatte er bei einem örtlichen Händler gekauft, Werksvertretung der Automarke. Alles war gut. Bis eines Tages die Kripo in seiner Praxis stand. Beinahe alle Autos, die der Händler verkauft hatte, hatten mehr oder weniger gefälschte Papiere, Kilometerstand des Tachos und Nachweis für Inspektionen waren manipuliert. Der Händler war flüchtig. Er war in die DDR geflohen. Vier Wochen vor dem Fall der Mauer. Der Autohändler war wahrscheinlich einer der wenigen Menschen in Deutschland, der über die deutsche Wiedervereinigung nicht glücklich war. Mein Bruder lernte Mecklenburg-Vorpommern dann später noch genauer kennen, weil der Prozess gegen den kriminellen Autohändler in Schwerin stattfand.

Kurz vor der Grenze überfiel mich bei unserer Fahrt, wie bei jedem Grenzübertritt in den Jahrzehnten zuvor, der übliche Schiss. Aber da war nichts mehr mit Kontrolle. Kein Satzbeginn mit Gänsefleisch mehr (Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen?). Keine im Busch lauernden Vopo Wartburgs mehr, wo man doch mit willkürlichen Strafmandaten so schöne Devisen einnehmen konnte. Die durch die DDR donnernden Laster aus Skandinavien wurden nie aufgeschrieben, die brachten Devisen. Ich traute dem Frieden noch nicht so recht, aber als ich in Schwerin sah, dass Jugendliche aus einem Trabbi heraus vorbeifahrenden Vopos den Mittelfinger zeigten, da wusste ich, dass eine neue Zeit angebrochen war. Das ist die Symbolik der Freiheit. Und an zerbröckelnden Mauern hing jetzt auch schon westliche Reklame. Das erste Billboard, das ich in der Noch-DDR sah, bedeckte die Wand eines zerbröckelnden Hauses. Es war von einer Zigarettenfirma, auf dem Plakat stand nur: WEST. Ich fand das eine schöne Symbolik. Ich ärgere mich noch immer, dass ich meinen Photoapparat nicht mitgenommen hatte.

Noch bevor die Mauer fiel, hatte Coca Cola den Weg in die DDR gefunden, wurde tatsächlich für zwei Mark fünfzig (Ost) in Läden gesehen. Eine Studentin, die in den Semesterferien bei Coca Cola jobbte, schenkte mir damals einen Coca Cola Anstecker und prophezeite mir, der wäre eines Tages sehr viel wert. Der rote Anstecker zeigte das geeinte Deutschland, mit dem Schriftzug Coca Cola in der Mitte. So, als ob Coca Cola Deutschland geeint hätte. Coca Cola und Kommunismus haben die gleiche symbolische Farbe. Ich weiß nicht, was der kleine Anstecker heute wert ist. Ich habe ihn aber immer noch. Ich stecke ihn jedes Jahr am 3. Oktober an.

Alles, was jetzt kam, war Kommerz. Abwickeln, umrubeln, plattmachen. Es gab damals einen Krimi aus der Reihe Schwarz-Rot-Gold, in dem der Hamburger Zollfahnder Zaluskowski mit seiner Mannschaft jetzt in Berlin sitzt, und lauter Kriminelle dabei sind, an dem Umrubeln zu verdienen. Da hat es Dieter Meichsner (dem der NDR und wir alle viel zu verdanken haben) uns mal wieder bewiesen, dass man Fernsehkrimis mit politischer Aufklärung verbinden kann.

Der erste Tatort, den die ARD 1970 sendete, hieß Taxi nach Leipzig. Er hatte gezeigt, dass man beide Deutschlands in einem Fernsehkrimi unterbringen konnte. Nach der Wiedervereinigung bekamen wir auf dem Bildschirm viele neue Kommissare, die das deutsch-deutsche Verbrechen bekämpften. Die Kommissare Kurt Böwe und Uwe Steimle aus Schwerin waren mir immer die liebsten. Aber leider ist Kurt Böwe, den viele noch aus Konrad Wolfs Der nackte Mann auf dem Sportplatz kannten, inzwischen tot. Und dem Uwe Steimle hat die ARD gekündigt.

Was war das vor fünfundzwanzig Jahren für eine Chance, gemeinsam einen neuen Anfang zu wagen! Aber dazu hätte es anderer Leute bedurft. Obgleich es ja nie an Idealisten gefehlt hat. Ich kenne Leute, die hier hochdotierte Positionen aufgegeben haben, um da drüben bei einem Neuaufbau zu helfen. Das ist etwas anderes als jene, die mit der Buschprämie dahin gelockt wurden. Aber für den dicken Kohl konnte das, woran er keinen Anteil gehabt hatte, jetzt nicht schnell genug gehen, Kanzler der Einheit wollte er sein. Sein Buch Ich wollte Deutschlands Einheit habe ich letzte Woche im Grabbelkasten eines Antiquariats gesehen, koste (nagelneu und ungelesen) zwei Euro. Ich habe es aber nicht gekauft.

Wir hätten ja von den Bürgerrechtlern lernen können und von der ganzen Intelligenz der Opposition. Wir hätten ja Jens Reich (hier mit Bärbel Bohley im Oktober 1989) zum Bundespräsidenten machen können. Wenn man bedenkt, was seit den griechischen Philosophen alles über die kluge Staatsführung gesagt worden ist. Und was gab es? Keine Konzeption, nur Gemauschel, und die so genannte Treuhand und tausenderlei Skandale, von denen die Leuna Affäre nur einer von vielen ist. Inzwischen haben wir eine Bundeskanzlerin und einen Bundespräsidenten aus der DDR, aber wir können uns noch entsinnen, dass die Kanzlerin alles versucht hat, damit Gauck nicht Bundespräsident wurde.

Als die DDR Bürger dann in riesigen Zahlen kamen, weil es ein Begrüßungsgeld gab, und als ihre Rennpappen mit dem bläulichen Auspuffgas die Straßen verstopften, als die Geschäfte hier auch am Sonntag offen hatten, damit das Begrüßungsgeld gleich in ihre Kassen kam, da hatte man das Gefühl: jetzt kommt eine neue Zeit. War aber letztlich auch nur Kommerz. Ich habe dem hellblauen Trabbi, der neben mir auf dem Parkplatz stand, einen Zehnmarkschein unter den Scheibenwischer geklebt. Wochen später standen die Russen in der Einkaufsstraße und vertickten Russenuhren, alles nur Komandirskie, die Sowjetarmee bestand nur aus Kommandeuren. Und wenige Wochen später wurden sie von Leuten abgelöst, die jetzt geschnitzte geflügelte Jahresendfiguren verkauften. Der Ausverkauf des Ostens hatte begonnen. In Berlin sollen sogar Kalaschnikows auf dem Flohmarkt verkauft worden sein.

Das Gute mit der Einheit ist, dass ich Onkel Karl leicht erreichen kann. Der war zum Entsetzen der Berliner Verwandtschaft seinem Lehrer, dem Bildhauer Gustav Seitz, 1951 von Berlin-West nach Berlin-Ost gefolgt. Vor einem halben Jahrhundert habe ich meine Freundinnen bei Berlinbesuchen immer zur Stalinallee geschleppt und großspurig behauptet, dass all die Skulpturen mit den Helden der Arbeit von meinem Onkel Karl seien. Was nicht ganz stimmte, machte aber um 1960 auf junge Frauen großen Eindruck. Aber von diesen heroischen Jugendsünden war er eigentlich schon lange weg, wie seine Schwimmerin aus dem Jahre 1952 da links beweist.

Und wenig später hat er in Berlin sogar für die Bremer Stadtmusikanten gesorgt, das war wohl ein bildhauerischer Gruß an die Bremer Verwandtschaft. Das Photo von 1967 zeigt, dass eine Freiplastik auch von praktischem Nutzen sein kann. Haben wir sonst noch etwas aus der Kultur zu vermelden? Außer dem Roman Der Turm? Die Welt war der Meinung, Tellkamp habe wahrscheinlich den Roman des Jahrzehnts geschrieben. Den ultimativen Roman über die DDR, diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden. Aber ist das Ganze wirklich Literatur? Es kann sich kaum mit Werner Bräunig messen. Die Neuausgabe von Bräunigs Rummelplatz und seinen Erzählungen Gewöhnliche Leute muss man unbedingt begrüßen. Dass viel, viel Geld in die Museen geflossen ist, natürlich auch.

Und sicherlich ist die Semperoper ein Schmuckstück, vor allem als Bierreklame, deshalb hat sie ja auch schon den inoffiziellen Namen Radeberger Arena. Was bleibet aber, stiften die Dichter. Also jetzt einmal von Bräunigs Roman Rummelplatz abgesehen. Und auch davon abgesehen, dass der von mir sehr geschätzte Günter de Bruyn Theodor Fontane immer ähnlicher und von Buch zu Buch besser wird.

Sein Buch Deutsche Zustände, zehn Jahre nach 1989 veröffentlicht, ist immer noch der Lektüre wert. Was auch etwas mit den schönen Photos von Barbara Klemm zu tun hat, die mit ihrer Ruhe und Ausgewogenheit hervorragend zum Ton des Buches passen. Nicht zuletzt die Duotone Druckqualität der Photos und das ruhige Layout des Buches tragen zum sinnlichen Vergnügen der Lektüre bei. Dies war ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer ein Buch, das ein anderes Deutschland jenseits des peinlichen politischen Tagesgeschäfts und der bunten Versprechungen der Werbewelt zeigte.

Ein anderes Bild von einer kommoden Diktatur zeigte uns auch Günter Grass' Roman Ein weites Feld. Den ich übrigens für seinen besten Roman halte. Ich bin kein Fan von Günter Grass, irgendjemand hatte mir diesen voluminösen Pappband in die Hand gedrückt und gesagt: Lies mal! Auf dem Cover stand: Unverkäufliches Leseexemplar... Bitte keine Rezensionen vor dem 28. August 1995. Ich las, es war ein wunderbares Leseerlebnis. Als ich die Geschichte von Fonty Wuttke las, wurde mir plötzlich klar, dass ich durch das Leben gekommen war, ohne je Fontanes Vor dem Sturm gelesen zu haben. Ein Versäumnis! Als ich mit dem Fontane fertig war, beschloss ich, dass ich jetzt eigentlich auch das tun könnte, wozu mich Friedrich Hübner jahrzehntelang drängte, nämlich endlich Tolstois Krieg und Frieden zu lesen.

Ein weites Feld bietet ein Panorama der deutschen Geschichte. Und das wenige Jahre nach der Wende, da kann man nur sagen: Respekt. Der Filmemacher Edgar Reitz brauchte etwas länger. Mit Heimat 3: Chronik einer Zeitenwende hat Edgar Reitz sein Heimat Projekt abgeschlossen und Wende und Wiedervereinigung auch nach Schabbach kommen lassen: Das ist natürlich schon für mich ein tiefgreifendes Erlebnis zu sagen 'dieses ist der letzte Teil von Heimat', also als berufliche Aufgabe. Und ich habe doch immerhin na bald 25 Jahre mit diesem Projekt verbracht, sodass dieses Projekt selbst eine Art Heimat bildet. Und das zu beenden, das ist nicht schmerzlos. Der Stoff geht mir nicht aus, und Geschichten erzählen unter dem Dach eines großen erzählerischen Werkes das Heimat heißt, das könnte ich ewig fortsetzen so lange ich gesund bin und arbeiten kann. Aber mit deutschen Fernsehsendern mich um das Budget zu streiten, und jede Silbe im Drehbuch rechtfertigen zu müssen, das will ich nicht noch einmal, das ist klar. Deswegen ist es Abschied von Schabbach. 

Sieben Jahre lang Gezerre mit der ARD wegen der Finanzierung für etwas, was der Abschluss des größten filmischen Meisterwerks über ein halbes Jahrhundert Bundesrepublik ist. Aber für einen Pausenclown wie Harald Schmidt, dafür hatten sie Geld bei der ARD. Das ist unser Problem, wieder nix wie Kommerz. Die Intendanten der Rundfunkanstalten haben Gehälter, von denen Bundespräsidenten nur träumen können, und was wird produziert? Dieser erschütternde Degeto-Quark, aber kein Geld für Heimat 3. Na ja, wir sind nicht aufs Fernsehen angewiesen. Gucken Sie sich jetzt nicht bei YouTube Heimat an, sondern kaufen Sie sich das Gesamtwerk Heimat I-III. Passt zur Themenwoche Heimat, die die ARD gerade [i.e. 2015] veranstaltet.

Was bleibet aber, stiften die Dichter. Mein Buch der Einheit fiel mir (wie die besten Bücher, die ich gelesen habe) in einem Grabbelkasten in die Hand. Noch auf der Straße im Passantengewühl fing ich an zu lesen. Das Buch heißt Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise. Und ich nehme mal an, dass die Autorin Irina Liebmann mit ihren Büchern nicht auf sechs Millionen verkaufte Exemplare kommt wie Ildikó von Kürthy. Oder Inga Lindström, Charlotte Link und wie sie alle heißen. Obgleich es wirklich schön wäre, wenn sechs Millionen Deutsche Irina Liebmanns Buch lesen würden. Ein sentimental journey durch Deutschland, Ost und West, wechselnd zwischen Prosa und prose poem. Von der Wasserwelt in Lebus bis zum Rhein, hoch poetisch und hoch komisch. Dies ist ein Buch, das uns unsere hässliche Wirklichkeit vergessen lassen kann - obgleich die immer auch im Buch ist. Ich bin dem Zufall dankbar, dass ich das Buch 2010 passend zum zwanzigsten Jahrestag der Einheit gefunden hatte. Und ich bin Irina Liebmann ja sowas von dankbar, dass sie dieses Buch geschrieben hat.


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Samstag, 30. September 2017

Benn & Oelze


Immer einsamer wird es, menschenleer. Wohin führen die Jahre, wohl nirgends hin, hatte der Bremer Kaufmann F.W. Oelze Ende Juli 1936 seinem Briefpartner Gottfried Benn geschrieben. Und der antwortete mit dem Briefdatum vom 4. September 1936 mit einem Gedicht:

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde – im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.


Als Benn das Gedicht schreibt, dem er im Brief an Oelze den Satz Bedarf keiner besonderen Antwort! beifügt, sind die Olympischen Spiele von Berlin gerade vorbei. Da hatte ein anderer deutscher Dichter in der Olympia-Zeitung von der tierhaften, pantherhaften Vollkommenheit von Cornelius Johnson, dem Neger aus USA, geredet. Der Olympiasieg sollte aber die weiße Rasse nicht beunruhigen: Die Vollendung des Wissenden, der Allwissende, ist der Gott. Und die Vollendung des Ahnenden, das Instinktwesen, ist das Tier ... Darum sind die Möglichkeiten der weißen Rasse, die hauptsächlich die Trägerin des Wissens ist, gar nicht abzusehen. Und darum haben die coloured men, entgegen gewisser pessimistischer Prophezeiungen, keine Chance auf dieser Welt. Der Mann, der diese Zeilen schreibt, wird nach 1945 Thomas Mann aufs Übelste attackieren, es ist niemand anderer als ➱Manfred Hausmann.

Ich habe gerade im Antiquariat Benns ➱Statische Gedichte für einen Euro gefunden. Natürlich besitze ich eine Benn Gesamtausgabe, aber diese alte Ausgabe des Arche Verlags war mir doch den Euro wert. Ich nahm auch noch Gottfried Benn Das Nichts und der Herr am Nebentisch von Joachim Dyck mit. Auch für einen Euro, Gottfried Benn ist billig zu haben. Das Buch von Dyck ist die perfekte Einführung in Benns Leben und Werk. Also, wenn Sie keine Gesamtausgabe haben und nicht alle Briefe Benns an den Bremer Kaufmann ➱Friedrich Wilhelm Oelze gelesen haben sollten, dann ist das Buch von Joachim Dyck das beste, das sie lesen können. Neben der Einleitung und dem 50-seitigen bebilderten biographischem Essay enthält es auch fünfzig Gedichte von Benn. Das letzte Gedichte ist ➱Kann keine Trauer sein, es ist auch Benns letztes Gedicht, vielleicht sein schönstes.

Der Germanistikprofessor Dyck hat in den letzten Jahren viel zu Gottfried Benn geschrieben, sein neuestes Werk heißt Benn und Bremen, ein Buch das in seiner Länge weit über ➱Herr Oelze aus Bremen: Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm Oelze aus dem Jahre 2001 hinausgeht. Für das ➱Buch von ➱Hans Dieter Schäfer (der auch ➱Wilhelm Lehmann herausgegeben hat) war man damals ja dankbar. Ich hätte für Sie hier einen schönen ➱Aufsatz von Matthias Weichelt, dem Herausgeber der Zeitschrift Sinn und Form, über Benn und Oelze.

Benn bewundert den Bremer: so englisch, so rittmeisterlich, so chic genre. Benn bewundert die Kleidung von Oelze, der promovierte Jurist wird für ihn geradezu zu einem Dandy; irgendwann fragt er ihn, ob ➱Gamaschen noch en vogue sind. Das Urteil des Hanseaten, der sich seine Anzüge in London schneidern lässt, bezüglich der Gamaschen ist vernichtend. Benn legt seine Gamaschen ab. Oelze kann bei seinen Besuchen der Savile Row als Engländer durchgehen, er spricht ein perfektes Oberklassenenglisch. Er hat in England studiert, und seine Familie hat dort immer wieder Urlaub gemacht.

Mit den Jahren wird der Briefton immer freundschaftlicher, zur Verbrüderung kommt es aber nie. Doch irgendwann vertraut Benn seinem fernen eleganten Brieffreund brieflich alles an, er weiß, dass Oelze das nicht publizieren wird. Dass er die Nazis verachtet und dass er heiraten will: … ich habe die letzten Jahre in zerrissener Bettwäsche geschlafen u. wenn ich krank war, musste ich mir die Haferflocken allein durchs Sieb rühren –, ich mag nicht mehr! Soll ich nun hier ein Dienstmädchen nehmen, das nichts zu tun hat, oder eine Aufwartung, die stiehlt, u. daneben wieder die 2 – 3 Freundinnen, die doch auch alle geheiratet werden wollen, – da sagte ich mir, ich kombiniere das lieber alles u. nehme mir eine Frau, die gesellschaftlich sicher ist u. ausserdem arbeiten kann u. die – 21 Jahre jünger, – zu erziehen mir sogar Freude macht u. der dieser elende Staat sogar noch Pension zahlen muss, wenn ich tot bin, ja dieser letztere Gedanke war mir ein ganz besonderer Genuss in Anbetracht des Staates, in dem ich mir so schwer mein Brod verdienen musste und immer noch muss …

Benn bewundert die Villen, in denen Oelze wohnt. Vor allem diese weiße klassizistische Villa in Oberneuland. Der widmet er sogar ein kleines Gedicht:

Das Haus in Bremen, das ich nun wirklich sah
bisher ein Schemen, mir nur im Geiste nah
das wird nun dauern in steter Wiederkehr
die weißen Mauern, die Bäume alt und schwer.

Zu seinem Lebensende wird Oelze in die Villa seines Freundes Dr Theodor Ichon ziehen (wo es auch scheußliche Wandgemälde von ➱Arthur Fitger gibt), davon ist aber auf der Seite der heutzutage furchtbar vermarkteten Villa Ichon nichts erwähnt. Oelzes Mutter wurde in Kingston geboren, der Stadt, die Harry Belafonte mit Jamaica Farewell in unsere Köpfe gebracht hat. Oelzes Opa F. A. Ebbeke hatte da 1865 Zuckerrohrplantagen erworben und eine Rumfirma aufgemacht.

Ist die Kulturgeschichte des ➱Rums wirklich schon geschrieben? Die mit ➱yo-ho-ho, and a bottle of rum!, Admiral Vernon und Lord Nelson im Rumfass? Und diesem sauteuren ➱Rum, den mir Volker von einem Segeltörn aus der Karibik mitgebracht hat? Oelze steigt in die väterliche Firma ein und wird viele Male in die Karibik reisen. Und Benn bunte Postkarten schicken. Er wird noch Teilhaber in anderen Firmen, aber eigentlich hat er das gar nicht nötig. Denn er hat nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er wie Benn Soldat war, eine Frau aus einer sehr vermögenden und angesehenen Kaufmannsfamilie geheiratet. Der Name der Familie wird in vielen Veröffentlichungen nie genannt, ich weiß nicht warum. Es ist die Familie von ➱Franz Schütte, dem reichsten Mann von Bremen, den man einmal den Petroleumkönig genannt hat.

Nach dem Krieg wird der Bremer Großkaufmann Dr Oelze dem ehemaligen Oberstarzt Dr Benn auch einiges zukommen lassen, da ist er nicht nur der Brieffreund, der ein Benn Archiv anlegt, da ist er auch ein stiller Mäzen. Der daneben als eine Art Literaturagent für den Dichter wirkt. Wenn Oelze auch alles von und über Benn sammelt, vernichtet er gleichzeitig alle Spuren seines Lebens

Dann verbrennt er seine Skizzen und Manuskripte,
nur keine Restbestände, Fragmente, Notizen,
diese verräterischen Einblicke -


wie es in Benns Gedicht ➱Chopin heißt. Vornehmer kann man als Bremer mit der Zurückhaltung nicht sein. Es muss ihn hart angekommen sein, 1965 in seiner ➱Erinnerung an Gottfried Benn (die sich im ersten Band der Briefe findet) so viel von sich selbst preiszugeben.

Das letzte Mal, das Gottfried Benn hier im Blog erwähnt wurde, war im Post ➱Brüllstangen. Ein Post, der sich still und leise zu einem Bestseller entwickelt hat, das wird die Christine freuen. Der Post ➱Venedig ist auch ein Bestseller, wahrscheinlich, weil es einer meiner kürzesten Posts ist. Natürlich hat der Dichter schon lange einen Post, der ➱Gottfried Benn heißt. Benn kommt auch in dem Post ➱Anatomie vor, wo ich von der Anatomie des Dr Tulp zu Benns ➱Kleine Aster sprang. Das Gedicht, in dem ein Bierfahrer vorkommt, kann ich auswendig. Nicht, weil ich selbst einmal ➱Bierfahrer war, sondern weil es mich faszinierte, als ich mich durch Enzensbergers Museum der modernen Poesie las. Ich kann auch Kann keine Trauer sein auswendig, ich habe Zeilen davon in dem Post ➱Hans Henny Jahn zitiert. Dass ich Benn in dem Post ➱Jahreswechsel zitierte, hat vielen Lesern gefallen. Und wenn Konstantin Wecker in Stürmische Zeiten, mein Schatz singt:

Aber dennoch nicht verzagen,
widerstehn.
Leben ist Brücken schlagen
über Ströme, die vergehn.
Leben ist Brücken schlagen
über Ströme, die vergehn.

dann sind die letzten beiden Zeilen nicht von ihm, die sind von Benn (ich habe das schon in dem Post ➱Klassentreffen zitiert).

Der Sommer ist zuende, der Oktober steht vor der Tür. Gestern war hier noch ein schöner Sommertag, heute soll's regnen. Aber ein Gedicht von Benn passt immer:

Astern - schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.

Noch einmal die goldenen Herden,
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor?

Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du -
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,

Noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewissheit wacht:
Die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nacht.

Freitag, 29. September 2017

Hugh Hefner ✝


Hugh Hefner ist tot, er ruhe in Frieden. Ein Leben lang im dressing gown. Einundneunzig Jahre sind ja auch ein schönes Alter für einen Faun, der das puritanische Amerika mit nackten Marzipanschweinchen erschreckt hat. Einen Post namens ➱Playboy hat es hier auch schon gegeben. Wie es der Zufall so will - und das ist eigentlich wirklich komisch - fand ich gestern bei meinem Hinterhofhöker ein Heft der Zeitschrift Das Gedicht, Nummer 12 aus dem Jahre 2005. Das Themenheft hat den Titel Nackt: Leibes- und Liebesgedichte, und trotz der Aufmachung ist es eigentlich ein seriöser Band zum Thema Liebeslyrik. Ich blätterte darin herum und stieß auf Seite 36 auf ein Playboy Gedicht. Da musste ich das Heft kaufen. Weil ich das Gedicht von Matthias Politycki mit dem Titel Miss Schüttelkorb unbedingt im Blog haben wollte. Den Namen Schüttelkorb hat sich Politycki nicht ausgedacht, im deutschen Playboy Nummer 4 von 1992 war Ilka Schüttelkorb das Playmate of the Month. Da oben ist sie zu sehen. Jetzt ist sie auch noch in der deutschen Literatur:

Da liegt sie hingeweht im Dünenschwung, gereift 
zu scheuer Willenlosigkeit, aprilfrisch griffig, 
ein sanfter Frühlingshorizont, so wölbungspfiffig! 
Warum mein Auge trotzdem in die Ferne schweift? 

Weil: Fern im Heft, da liegt und lockt das ganze Land 
der unbegrenzten Möglichkeiten, Lee wie Luv, 
in einem Frauenleib, den sich ein Faun erschuf, 
da bocken selbst die Worte, leisten Widerstand, 

wenn man noch reden lange wollte statt zu tun,
ein jeder Satz geht in die Hose, tralala ... 

ganz sprachlos steht man, weiß nicht ein noch aus noch ein – 
und weiß es doch! Vom Scheitel bis zum Frack, oh ja, 
wächst und gedeiht und drängt und drückt das ganze Sein.
Der Frühlingsdünenschwung, der darf inzwischen ruh'n.

Mittwoch, 27. September 2017

Technik


Alles Erworbne bedroht die Maschine, hat Rilke gesagt. Aber dennoch sind wir für Maschinen dankbar. Dieser kurze Post handelt von Automobilen, von Dampfkochtöpfen und von Eli Whitneys cotton gin, die alle irgendwie mit dem 27. September zu tun haben.

Ford hat ein Auto gebaut
das fährt ein wenig laut,
es ist nicht wasserdicht
und fährt auch manchmal nicht.


Hat der Werbelyriker Bert Brecht gedichtet. Er fuhr im dänischen Exil einen Ford A, vorher hatte er einen Steyr gefahren. Den hatte er von der österreichischen Firma als Dank für sein Gedicht Singende Steyrwägen bekommen.

Wir stammen
Aus einer Waffenfabrik
Unser kleiner Bruder ist
Der Manlicherstutzen.
Unsere Mutter aber
Eine steyrische Erzgrube.

Wir haben:
Sechs Zylinder und dreißig Pferdekräfte.
Wir wiegen:
Zweiundzwanzig Zentner.
Unser Radstand beträgt:
Drei Meter.
Jedes Hinterrad schwingt geteilt für sich: wir haben
Eine Schwenkachse.
Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen.
Unser Motor ist:
Ein denkendes Erz.


Mensch, fahre uns!

Wir fahren dich so ohne Erschütterung
Daß du glaubst, du liegst
In einem Wasser.
Wir fahren dich so leicht hin
Daß du glaubst, du mußt uns
Mit deinem Daumen auf den Boden drücken und
So lautlos fahren wir dich
Daß du glaubst, du fährst
Deines Wagens Schatten.


Als Brecht Deutschland verließ, hat die Gestapo seinen Steyr beschlagnahmt. Nach dem Krieg hatte Brecht dann wieder einen Steyr 220 gekauft, er blieb der Marke treu. Wir müssen mal eben daran erinnern, dass am 27. September 1908 das erste Auto der Marke Ford Modell T in Detroit gebaut wurde. Das meistverkauften Auto der Welt. Bis der VW Käfer kam. Ich würde ja gerne seitenlang über die Tin Lizzie schreiben, aber die hat mit ➱Blechliesl schon lange einen Post.

Denis Papin, der heute vor 310 Jahren mit einem Schaufelraddampfer die Fulda befuhr, hat in diesem Blog auch schon einen Post, der ➱Dampfschiffahrt heißt. Der leider nicht so häufig gelesen wurde. Die Leistung des Franzosen, der Dampfmaschine, Schnellkochtopf und U Boot erfand, ist aber sicherlich größer als die von Henry Ford.

Es wäre ja nun schön, wenn ich noch einen Maler präsentieren könnte, der technische Produkte gemalt hat. Aber den Gefallen hat mir Edgar Degas, der heute vor hundert Jahren starb, nicht getan. Nur Ballettmädchen und Pferde. Degas, den ich nicht so mag, hat mit Edgar Degas und Ratten hier schon zwei Posts. Das einzige, das man bei ihm mit Technik in Verbindung bringen könnte, ist sein Bild vom Büro der Bauwollhändler in New Orleans. Denn die Baumwolle, die den amerikanischen Süden groß gemacht hat, ist erst zu einem wirtschaftlichen Faktor geworden, seit Eli Whitney die cotton gin erfunden hat. Und nicht nur das, Eli Whitney hat auch das System erfunden, das Henry Ford nur ein klein wenig perfektioniert hat. Eli Whitney hatte sein System für die Waffenproduktion erfunden, da ist sie wieder die Bedrohung: Gewehre töten, Autos verpesten die Umwelt, nur der Schnellkochtopf hat keine gefährlichen Nebenwirkungen. Wenn das Überdruckventil funktioniert. Das hat Monsieur Papin auch erfunden, nachdem im sein erster Dampfkochtopf, der er der Royal Society vorführen wollte, um die Ohren geflogen ist.