Samstag, 28. Oktober 2017

Hans Fander ✝


Es war ein schöner Sommerabend, als wir bei Harald Eschenburg saßen. Wir: das waren neben dem Gastgeber und seiner Freundin noch Hans Fander, der Literaturwissenschaftler Jörg Joost und ich. Wir redeten über Cricket, weil das da in der Gegend im Sommer manchmal gespielt wurde. Wir redeten über Bücher. Der Gastgeber hat nicht nur sein Antiquariat voller Bücher, auch das Haus ist voll. Wir redeten auch über Religion, wobei Hans Fander uns mit vielen Beispielen bewies, dass die katholische Religion speziell für die Menschen vom Niederrhein erschaffen worden war. Hans Fander hatte viel Humor, sehr viel. Und er war ein geborener Geschichtenerzähler.

Ich weiß nicht, wie es kam, aber nach dem Essen wurde plötzlich nur noch über Pariser Friedhöfe geredet. Herr Joost war ein großer Frankreichliebhaber. Hans Fander sowieso, der besaß einen französischen Pass, weil er als junger Mann in der Légion étrangère gewesen war. War in Indochina gewesen und hatte die Hölle von Dien Bien Phu überlebt. Irgendwann brachte Hans Fander den wunderbaren Satz heraus: In meinem Alter googelt man schon mal Friedhöfe. Joost war davon so begeistert, dass er sich den Satz sofort aufschrieb. Hans Fander war damals noch quicklebendig. Jörg Joost war leider wenige Monate nach dem schönen Sommerabend tot. Eigentlich wollte er noch bei mir vorbeikommen, ich sollte ihm alles über seine goldene Omega Taschenuhr erzählen.

In seiner Todesanzeige las ich das Gedicht Der Rauch von Bert Brecht:

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.


Für jemanden, der ein Buch über Brecht geschrieben hatte, passte das schön. Eine Geschichte hatte Jörg Joost an dem Abend, als das Gerede über Friedhöfe losging, nicht zum Besten gegeben: er war bei der Beerdigung von Hans Henny Jahn als Sargträger dabei.

Die Sache mit In meinem Alter googelt man schon mal Friedhöfe war an dem Abend nicht nur eine Art Gedankenspiel, Hans Fander hat auf seiner eigenen Internetseite über einen Besuch auf dem Père Lachaise geschrieben: Um hier seine letzte Ruhe zu finden, muss man für eine Grabstelle zwischen zehn und zwanzigtausend Euro anlegen, Dekoration, also Grabsteine und Monumente nicht eingeschlossen. "Wäre doch nett", dachte ich beim Verlassen der Totenstadt, "wenn Du hier auch mit einem 'Steinchen' vertreten wärst". Inschrift: "Hier, Zweimeterfünfzig tiefer, hat sich Hans Fander hingelegt. Sein letztes Geld gab er her, um ein wenig vom Glanz seiner Mitschläfer zu profitieren". Dabei dachte ich so zwischen Edith Piaf und Simone Signoret der Ewigkeit entgegen zu schlummern. Ives hätte mich nicht weiter gestört. Er liegt wohl auf der anderen Seite. Und Chopin hätte für die Himmelfahrt vielleicht noch eine Melodie komponiert. Aber aus der Umbettung der von mir verehrten Damen wird wohl nichts. Doch Träumen ist erlaubt. Wenn dann vielleicht der eine oder andere Besucher vorbei wandern würde, und sich die Frage stellt, wer Hans Fander wohl war, dann wäre ich der Vergessenheit entkommen. Und das mit einem billigen Stein, denn das Grab auf dem Père Lachaise wäre ja schon reichlich teuer.

Ich fange mit einem schönen Sommerabend an und lande bei Friedhöfen und dem Tod. Das liegt daran, dass mir Hans Fanders Lebensgefährtin Gerlinde Kammholz (hier die beiden auf einem schönen Photo) vor Tagen mitgeteilt hat, dass Hans Fander im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Er war einer der liebenswürdigsten, reizendsten und großzügigsten Menschen, die ich erlebt habe. Zu seinem achtundachtzigsten Geburtstag hatte er hier in diesem Blog den Post achtundachtzig bekommen, worüber er sich sehr gefreut hatte. Damals ging es ihm noch gut, auch wenn er beinahe blind geworden war und das Herz nicht nur Gerlinde, sondern auch häufig den Arzt brauchte. Aber sein Lebenswille und sein Humor waren ungebrochen. Seine Erika Schreibmaschine hatte er schon vor Jahren mit dem Computer vertauscht. Er hatte den neuesten Mac mit einem Riesenbildschirm. Um genau zu sein, war es ein IMac, ein unheimlich cooles Teil. Und wegen der Augen kam dann später noch ein Bedienungssystem für Sehbehinderte dazu.

Eine eigene Seite im Internet zu haben und dort Geschichten zu erzählen, das war ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Wenn man Dien Bien Phu überlebt hat und dort nicht, wie so viele seiner Kameraden, in Gefangenschaft geraten war, dann musste einem das neue Leben wie ein Geschenk vorkommen. Hans Fander verließ die Fremdenlegion und kam nach Krefeld zurück. Er ging ins Versicherungsgeschäft, wurde Direktor einer Versicherung und fuhr einen dicken Mercedes. Im Ruhestand wurde er Maler. Lebenskünstler war er immer, jetzt wurde er Künstler. Frankreich (hier die Provence), das ihm eine zweite Heimat war, kam immer wieder auf die Leinwand. Eins seiner Bilder schenkte er der Deutsch-Französischen Gesellschaft. Und bekam vom Direktor diesen Brief:

Cher Monsieur Fander,

vous êtes de ces artistes passionnés de notre pays qui aimez à retrouver régulièrement les ciels et paysages lumineux de Provence chers à tant de peintres. Nous devons à votre coeur de francophile le don que vous venez de faire au Centre Culturel Français d'une de vos oeuvres. Votre tableau illustre picturalement fort bien la relation franco-allemande. Les couleurs emblématiques de nos deux pays s'y mêlent en un tourbillon chromatique qui me paraît évoquer les tourments et les bonheurs d'une amitié agitée mais aujourd'hui plus que jamais nécessaire à l'Europe.
     Je tiens à vous exprimer ici mes remerciements en vous assurant que votre tableau figurera en permanence dans la galerie d'exposition de notre institut dont il illustre symboliquement l'activité.
     Je vous prie de croire, cher Monsieur Fander, à mes sentiments les meilleurs

Jacques Sparfel
Directeur


Wenn dann vielleicht der eine oder andere Besucher vorbei wandern würde, und sich die Frage stellt, wer Hans Fander wohl war, dann wäre ich der Vergessenheit entkommen. Nein, er wird nicht vergessen werden, man wird sich immer an ihn erinnern. Er wird jetzt im Himmel sein. Ich weiß nicht, was Edith Piaf und Simone Signoret sagen werden, wenn sich der Monsieur Fander zu ihnen gesellt. In Chansons ist er fit, weil er in den letzten Jahren zu Weihnachten von mir wegen seiner Augen keine Bücher, sondern nur noch CDs mit französischen Chansons bekam. Ich nehme an, dass er in diesem Augenblick mit Edith Piaf und Simone Signoret (vielleicht auch mit Yves) Non, je ne regrette rien singt:

Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
Ni le bien qu'on m'a fait, ni le mal
Tout ça m'est bien égal
Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
C'est payé, balayé, oublié, je me fous du passé


Avec mes souvenirs j'ai allumé le feu
Mes chagrins, mes plaisirs
Je n'ai plus besoin d'eux
Balayé les amours avec leurs trémolos
Balayé pour toujours
Je reparts a zéro


Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
Ni le bien qu'on m'a fait, ni le mal
Tout ça m'est bien égal
Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
Car ma vie, car mes joies
Aujourd’hui ça commence avec toi



Hans Fander hat eine eigene Seite im Internet, die schon viele Besucher hat. Er hat über seine Geschichten gesagt: Erinnerung ist von unschätzbarem Wert. Erlebtes, Erfahrenes, Gutes und weniger Gutes ist gespeichert und abrufbar. Meine Geschichten schreibe ich so, wie sie mir einfallen. Bunt durcheinander. Einmal kürzer, einmal länger. Mal mit Bildern, aber vieles nur als Text. Es lohnt sich unbedingt, seine Erzählungen zu lesen. Sie können in meinem Blog noch mehr über Hans Fander in diesen Posts lesen: achtundachtzig, Tango, Fremdenlegion, Monte Carlo or Bust!, Gary Glitter, Schwarzenbek, Leuchttürme, Hans Henny Jahn, Hirschsprung.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Azincourt


Der konservative englische Abgeordnete Jacob Rees-Mogg hat am Rande einer Parteiversammlung über den Brexit gesagt: We need to be reiterating the benefits of Brexit because this is so important in the history of our country ... This is Magna Carta, it’s the Burgesses coming at Parliament, it’s the great reform bill, it's the bill of rights, it’s Waterloo, it’s Agincourt, it’s Crecy. We win all of these things. Und als ihm jemand Trafalgar zurief, sagte er: And Trafalgar, absolutely. Ich weiß nicht, wie ernst er das gemeint hat, er ist für seinen Humor bekannt. In seiner Rede ist keine Rede von Dünkirchen, einem historischen Ereignis, das mir bei dem ➱Brexit als erstes einfallen würde.

Das Beschwören der großen historischen Siege durch einen Politiker klingt ein wenig nach Verzweiflung. Natürlich  darf die Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415 nicht fehlen, wenn Englands historische Schlachten aufgezählt werden. Denn Azincourt ist längst zu einem nationalen Mythos geworden. Weil schon in der Zeit von Elizabeth I die Dichter den jungen König Henry zu einem Mythos gemacht haben. ➱William Shakespeare läßt ihn sagen:

From this day to the ending of the world,
But we in it shall be rememberèd-
We few, we happy few, we band of brothers;
For he to-day that sheds his blood with me
Shall be my brother; be he ne'er so vile,
This day shall gentle his condition


Und für seinen Dichterkollegen Michael Drayton (der ➱hier schon einen Post hat) ist Henry in einem ➱Gedicht jemand, den England dringend brauchte:

Upon Saint Crispin's Day
Fought was this noble fray,
Which fame did not delay
To England to carry.
O, when shall English men
With such acts fill a pen;
Or England breed again
Such a King Harry? 

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Henry V mit großem Aufwand verfilmt, der Film hat schon ein wenig von einem Propagandafilm. ➱Laurence Olivier spricht den Monolog (der den Namen St Crispin's Day Speech bekommen hat) voller Enthusiasmus. Man braucht jetzt jede Hilfe, um von Dünkirchen und einer möglichen ➱Invasion abzulenken. Aber man muss den sang froid der Engländer bewundern. ➱Myra Hess spielt in der Mittagspause in der National Gallery Klavier, egal ob die Deutschen London bombardieren oder nicht.

We few, we happy few, we band of brothers steht auch in dem Glasfenster der ➱Royal Air Force Chapel in der Westminster Cathedral. Die Worte sind sicher passend für die Piloten der Royal Air Force, die die ➱Battle of Britain gewannen. Winston Churchill hat über sie gesagt: Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few. Der am St Crispin's Day siegreiche König Henry wird sich King of France nennen, erst ➱George III wird das aufgeben. Manchmal ist es gut, auf Titel zu verzichten. Königin Margarete von Dänemark führt nicht mehr den Titel einer Gräfin von Delmenhorst, das wäre auch ein bisschen lächerlich.

Die Schlacht von Azincourt ist sehr gut dokumentiert (das steht auch in dem Wikipedia Artikel, der mal sehr gut ist), es ist eine Schlacht, die die Form des Krieges verändern wird. John Keegan (der hier schon einen Post hat) hat gesagt, die Schlacht sei a victory of the weak over the strong, of the common soldier over the mounted knight. Es ist eine Schlacht, in der Konventionen gebrochen werden. Mittelalterliche Schlachten haben strenge Spielregeln, es gibt sogar Schiedsrichter. Einen Videobeweis gibt es noch nicht. Die Regeln sind einfach: der Ritter erschlägt den Ritter, der gemeine Mann den gemeinen Mann. Aber in diesem Gemetzel am St Crispins Tag erschlagen gemeine Männer adlige Ritter. Und dann sind da noch die Bogenschützen, die neue Technologie bedeutet das Ende der mittelalterlichen Ritterherrlichkeit. Das mit den Bogenschützen hätten die Franzosen eigentlich wissen können, denn schon siebzig Jahre zuvor trugen sie in der Schlacht von Crécy zum englischen Erfolg bei.

Die Balladensänger wussten schon, wie es mit den Rittern ausgeht. Sie werden das Frühstück für die Raben:

The one of them said to his mate,
Where shall we our breakfast take?
Downe in yonder greene field,
There lies a Knight slain under his shield

Und die Frauen zu Hause warten vergeblich auf ihren Chevalier:

The ladies crack't their fingers white,
the maidens tore their hair,
a' for the sake o' their true loves,
for them they ne'er saw mair.

Crécy und Azincourt sind die großen Erfolge der Engländer im Hundertjährigen Krieg, der mit Henrys Sieg bei Azincourt noch lange nicht zuende ist. Die Engländer werden diesen Krieg, unter dem Strich gesehen, verlieren. In Frankreich bleibt ihnen so gut wie nichts. Außer dem schönen Titel, dass der englische König auch König von Frankreich sein will. Wenn Sie auch irgendwo König sein wollen, dann wenden Sie sich doch vertrauensvoll an den Titelhändler Konsul Weyer, der sich jetzt Graf von York nennt.

Die ➱Ritter sind zwar untergegangen, aber sie kommen Jahrhunderte später wieder. Ohne die Bogenschützen. Dann reiten die Ritter in Märchen und Sagen durch die Wälder unserer Kindheit. Eigentlich wären sie da harmlos, wenn sie nur gegen Drachen kämpfen und ➱damsels in distress retten würden. Aber sie können gefährlich werden, wenn diese gefälschte chivalry zu einer Ideologie wird. Mark Twain hat gesagt, dass ➱Sir Walter Scott Schuld am amerikanischen Bürgerkrieg ist. Und da ist etwas dran. Für England hat ➱Mark Girouard das Revial der Ritter im 19. Jahrhundert in seinem Buch The Return to Camelot: Chivalry and the English Gentleman sehr schön beschrieben.

In der Schlacht von Azincourt geht es nicht nur um Macht, Ruhm und Ehre, es geht auch um Geld. Lösegeld. Nicht jeder französische Adlige wird erschlagen; wenn er zahlungswillig ist, kann man ja noch einmal verhandeln. Insofern hat die Schlacht von Azincourt doch etwas mit dem Brexit zu tun. Henry V werden am Ende die zahlreichen Gefangenen im Rücken der eigenen Armee zuviel. Es stört ihn auch, dass nicht überall gekämpft, sondern eher um Lösegeld gefeilscht wird. Er gibt den Befehl, die Gefangenen zu töten. Bei Shakespeare klingt das so:

But, hark! what new alarum is this same?
The French have reinforced their scatter'd men:
Then every soldier kill his prisoners:
Give the word through.


Das ist gegen die ➱Spielregeln (obgleich es nicht zum erstenmal passiert), das ist definitively not cricket. Aber der Tod wird nur einen kleinen Teil der Gefangenen treffen, auf keinen Fall den Herzog von Orleans. Der wird 36.000 Pfund Sterling zahlen, in heutiger Währung eine Millionensumme. Manche der Gefangenen müssen nach England, bei vielen hat die Familie schon das Lösegeld aufgebracht, bevor die englische Armee Calais erreicht. Einer, den es nach England verschlägt, ist Ghillebert de Lannoy. Er hat den Tötungsbefehl für die ➱Gefangenen überlebt, weil man ihn für tot hielt: There I was when the English returned, so I was taken prisoner again and sold to Sir John Cornwall, thinking that I was someone of high status since, thank God, I was well accoutred when I was taken the first time according to the standards of the time. So I was taken to Calais and thence to England until they discovered who I was, at which point I was put to ransom for 1,200 golden crowns (écus) along with a horse of 100 francs. When I left my master, Sir John Cornwall, he gave me 20 nobles to purchase a new suit of armour (harnas).

Sir John hat noch einen zweiten Gefangenen, der etwas prominenter ist als Ghillebert de Lannoy. Der heißt Louis de Bourbon, der soll im adligen Menschenhandel 100.000 écus bringen. Sir John verkauft ihn an Henry V, vom Erlös baut er sich ein neues Schloss. Dass er mit Ghillebert de Lannoy (der auch den Orden des ➱Goldenen Vlieses gründete) einen der interessanten Menschen des Jahrhunderts zu Gast hatte, das wird er wohl nie erfahren haben. Wenn Sie einen Klassiker der Miltärgeschichte zu Azincourt lesen wollen, dann lesen Sie John Keegans The Face of Battle: A Study of Agincourt, Waterloo, and the Somme.

Sonntag, 22. Oktober 2017

gen Engeland!


Der Boden des Hauses war für uns Kinder eigentlich verboten, doch das Verbotene reizt natürlich immer. Es gab da oben unter dem Dach viel zu entdecken, und damit meine ich nicht nur die goldbraunen Tabaksblätter, die Opa vor dem kleinen Bodenfenster zum Trocknen aufgespannt hatte. So etwas hieß damals ➱Bahndamm Sonnenseite, war in der Nachkriegszeit sehr begehrt. Ich fand auf dem Boden Opas altes Grammophon, das mit dem His Master's Voice Etikett. Das war zwar kaputt, konnte aber mit einem Trick zum Leben erweckt werden. Diese Geschichte steht schon in dem Post ➱Hans Albers. Ich kann immer noch alles singen, was da auf den Platten war. Von ➱Bomben auf Monte Carlo bis ➱Ich kam aus Alabama.

Unter den Platten fand ich auch eine, die den Titel Wir fahren gegen Engeland hatte. Wenn Sie dies ➱hier anklicken, sind wir in der schönsten Nazipropaganda (es lohnt sich auch, die Kommentare zu dem Video zu lesen). Für Nazipropaganda ist YouTube ja die beste Basis. Ich habe mich mit denen schon x-mal angelegt, es kommt meistens nichts dabei raus. Heute brauche ich allerdings die Propaganda von dem Plakat da oben. Oder der Postkarte da unten.

Das berühmte England Lied, das ➱hier schon einen Post hat, stammt von dem Heidedichter Hermann Löns. War geschrieben, bevor der Kriegsfreiwillige Löns nach Frankreich zog. Wurde im Zweiten Weltkrieg ein Schlager (und war jetzt bei uns auf den Boden verbannt). Gen England sind die Deutschen nie gefahren, weder mit Schiffen noch mit Flugzeugen. Die Operation Seelöwe wurde nichts, die ➱Battle of Britain haben die englischen Spitfires gewonnen. Das Englandlied singt heute niemand mehr. Auch Heino nicht. Nur die französischen ➱Fallschirmjäger singen es, aber da hat es einen etwas anderen Text. Der dem Text von Löns in vielem ähnelt, nur England kommt da nicht drin vor.

Wenn man Ende der dreißiger Jahre Kind war, dann hat man an einem Kriegspiel mit dem Titel Wir fahren und fliegen gen Engeland! üben können, wie man England erobert: An diesem interessanten Spiel können bis zu fünf Personen teilnehmen. Jeder Spieler erhält eine Figur, ein Kriegsschiff oder ein Kampfflugzeug zum Setzen auf den vorgezeichneten Gefechtsweg. Es wird mit einem Würfel gespielt. Wer zuerst sechs würfelt beginnt. Er hat das Spiel zu leiten und die Spielregeln, sowie die Erläuterungen vorlesen. Die Reihenfolge der übrigen Spieler richtet sich nach der erzielten höchsten Augenzahl. Bei allen roten Nummern sind die Erläuterungen besonders zu beachten. Wer zuerst am Ziel eintrifft, das durch direkten Wurf erreicht werden muss, ist der Sieger und erhält den ausgesetzten Preis. Ich weiß nicht, was der ausgesetzte Preis war, aber ich weiß, dass der Zeichner dieser schönen Karte in den fünfziger Jahren Kinderbücher illustrierte. Das Spiel aus dem Jahre 1940 ist antiquarisch noch zu finden, kostet aber immer über 300 Euro.

Der Kieler Oberbürgermeister Walter Behrens (NSDAP) wäre in München nicht auf die Idee gekommen, dieses Bild eines Bergbauernhofs aus dem Jahre 1937 zu kaufen. Aber ein anderes Bild von diesem Maler, das wollte er unbedingt haben. Das sollte in das Rathaus, groß und plakativ wie es war. Nach dem Krieg verschwand es da dann still und unauffällig.

Man wollte die Engländer, denen man Kiel kampflos übergeben hatte, nicht unnötig beleidigen. Denn das Bild hatte es in sich. Die Leinwand wurde zusammengerollt, irgendwo gut weggelegt und dann vergessen. Zum Kunstgeschmack des Nationalsozialisten Walter Behrens, der es nach dem Krieg schaffte, als einfacher Mitläufer eingestuft zu werden, muss gesagt werden, dass er den Geistkämpfer von Ernst Barlach verschrotten lassen wollte. Die Plastik konnte gerettet werden und wurde 1954 an der Nikolaikirche aufgestellt.

Das hier ist eine Postkarte aus den dreißiger Jahren. Ist nichts besonderes: Dünen, ein blauer Strich Meer, ein Himmel voller Wolken darüber. Hat mich zwei Euro bei ebay gekostet. Weshalb habe ich sie gekauft? Weil ich heute über den Maler schreibe. Er heißt Carl Heiß, und das Bild hier hat den Titel Zu Dir Deutsches Meer. An dem Titel merken wir, dass wir in der Zeit des Nationalsozialismus sind. Ich nehme an, dass das Bild das Gedicht von Karl Tannen Du, Nordsee, bist das deutsche Meer aus dem Jahre 1870 zitiert. Der verhinderte Kunstmaler Adolf Hitler hat den Maler Carl Heiß aus Ansbach gemocht und hat ihm Bilder abgekauft. Die Dünenlandschaft soll übrigens Amrum darstellen, der Maler machte da gerne mit seiner Familie Urlaub.

Er hat hier seine Gattin in die Dünen gemalt, in Friesentracht. Ausgeliehen von der Tochter seiner Wirtsleute in Nebel. Trachten sind in den dreißiger Jahren chic. Das deutsche Meer und die Wolken sind hier ebenso stereotyp wie auf der Postkarte oben. Carl Heiß, der auch Buchschmuck für die Jugend, die Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben geliefert hat, hatte sich im Wintersemester 1921/22  auf der Münchener Kunstakademie eingeschrieben und war dann Portrait- und Aktmaler. Aktmalerei geht im sogenannten Dritten Reich gut (mein Post ➱Aktmalerei ist auch ein Bestseller). Vor allem, wenn sie von dem Reichsschamhaarmaler Adolf Ziegler ist, über den Hitler sagte: Ziegler ist der beste Fleischmaler der Welt.

Der Post heute heißt gen Engeland!, und so heißt auch dieses Bild aus dem Jahre 1940, das Behrens in München kaufte. Da ist wieder die Frau in den Dünen, diesmal umgeben von den Kindern. Wenn in der Malerei des 19. Jahrhunderts Fischersfrauen in den Dünen stehen, dann halten sie dramatisch nach jemandem Ausschau. Wenn Sie jetzt an Sagt Mutter, 's ist Uwe! denken, dann wissen Sie, was ich meine. Aber diese Frau in dem Familienidyll in den Dünen der deutschen Nordsee hält nicht nach einem verloren gegangen Familienmitglied Ausschau. Es ist eine gewisse Unsicherheit, vielleicht ein wenig Angst in ihrem Blick. Oder ist es eine klammheimliche Freude beim Anblick dessen, was sie da am Horizont sieht? Wenn wir genau hinschauen, dann können wir in dem Grau unter den Wolken die deutsche Flotte entdecken. Was so heimelig daherkommt, ist nichts als perfide Kriegpropaganda, getarnt als deutsches Familienbild.

Ein Jahr vor dem Bild gen Engeland! war es einem Deutschen gelungen, nach England zu kommen. Der Kapitänleutnant Günther Prien hatte die Schmach von Scapa Flow mit der Selbstversenkung der deutschen Flotte zwanzig Jahre später wieder gutgemacht und mit seinem U47 die Royal Oak versenkt.

Ich muss noch einmal Karl Tannens Gedicht Du, Nordsee, bist das deutsche Meer zitieren, denn da findet sich in der letzten Strophe auch die deutsche Flotte:

Du, deutsche Flotte, jung und klein, 
Du wirst auf deinem Platze sein! 
Du und dein herrlich deutsches Meer 
Schlagt Wunden ihm, recht groß und schwer. 
Im deutschen Meer, am deutschen Rhein 
Muß „König Wilhelm“ Sieger sein!

Ich habe leider keine wirklich  gute Farbabbildung von dem Bild, dies ist nur eine Postkarte (wiederum bei ebay ersteigert). Die Postkarte ist (wie auch die Dünenlandschaft oben) in der Reihe Kunst für alle bei Hermann A. Wiechmanns Bildkarten erschienen, in der viel Nazikunst Verbreitung fand. In die großen Kunstlexika hat es der Maler Carl Heiß nicht geschafft. Lediglich Adolf Lang, der Stadtarchivar von Ansbach, hat 1977 einen kleinen Artikel Carl Heiß: ein Ansbacher Maler zwischen Jugendstil und Totalitarismus verfasst.

Wenn ich klein sage, dann meine ich auch ein klein, der Artikel ist zwei Seiten lang. Aber 1940 ist Heiß in der Reihe  Kunst für alle dabei, das will schon etwas heißen. Auf der Karte steht, dass das Bild im Historischen Rathaus der Kriegsmarinestadt Kiel hängt. Man lebt in einer Zeit der Lügen, das Rathaus ist nicht historisch, es ist noch keine dreißig Jahre alt. Als ich das Bild mit der imposanten Größe (195 x 248) zum ersten Mal in der Ausstellung Sammeln und Erinnern im Warleberger Hof sah, dachte ich mir: Wow. Alexander Deineka hätte das nicht schöner gekonnt. Da hatte ich den Titel und die deutsche Kriegsmarine noch gar nicht entdeckt. Professionell und technisch gut gemalt in diesem kalten Realismus der Hitlerzeit, plakative Farben, anrührend.

Das kleine blonde Mädchen mit den Zöpfchen, das vielleicht einmal mit ihrem Bruder Wir fahren und fliegen gen Engeland! gespielt hat, wird nicht alt werden. Fünf Jahre später ist nichts mehr mit der Idylle von Amrum. Die deutsche Marine ist nicht nach England gekommen. Der Maler Carl Heiß begeht Selbstmord, als die Amerikaner vor Nürnberg auftauchen. Vorher hat er seine Frau und seine Kinder umgebracht.

Freitag, 20. Oktober 2017

Saturday Night Massacre


Der amerikanische Präsident Donald Trump hat seit seiner ➱Inauguration mehr Minister und Mitarbeiter verbraucht, als jeder andere Präsident im ersten Jahr seiner Amtszeit. Was er aber noch nicht geschafft hat - und da bleibt ➱Richard Nixon ungeschlagen - ist es, zwei Minister an einem Tag zu feuern. Die amerikanische Presse hat die Ereignisse vom 20. Oktober 1973 als Saturday Night Massacre bezeichnet. Da verloren die Justizminister Elliot L. Richardson und William Ruckelshaus nacheinander ihren Posten, weil sie sich weigerten, Nixons Anordnung zur Entlassung des Chefermittlers des Watergate Skandals, Archibald Cox, nachzukommen. Es war der größte Fehler, den Nixon machen konnte. Neun Monate später erklärte er seinen Rücktritt. Die Schande, bei einem Amtsenthebungsverfahren wie ein Hund vom Hof gejagt zu werden, die wollte er sich ersparen.

Der Harvard Professor Archibald Cox war einer der berühmtesten Juristen Amerikas im 20. Jahrhundert. Als ihn seine Universität mit siebzig in den Ruhestand schickte, nahm er eine Professur an der Boston University School of Law an, wo der Dekan gesagt hatte: He teaches as long as he wants to. Cox wurde 92 Jahre alt. Das erinnert ein wenig an ➱Oliver Wendell Holmes, der mit 90 Jahren als Richter des Supreme Court zurücktrat. Amerika hat das Glück gehabt, dass in entscheidenden Augenblicken immer wieder integre Juristen auftraten, die der Nation den richtigen Weg zeigten. Wie ➱Earl Warren, der die ➱Rassentrennung juristisch aufhob. Oder ➱Joseph Welch, der die Karriere von Joseph McCarty beendete.

Aber es hat schlimme Juristen gegeben. Das Urteil von Roger B. Taney im Falle Dred Scott führte Amerika in den Bürgerkrieg. Und dann ist da noch mein Liebling, die Canaille ➱Roy Cohn. Man dachte, dass er mit McCarthy untergegangen sei. Aber er kam zurück wie ein Zombie und wurde der einflussreichste Berater des jungen Donald Trump. Wenn man so will, ist Trump sein ➱Geschöpf. Roy Cohn ist jemand, bei dem mir immer Shakespeares Zeile The first thing we do, let's kill all the lawyers einfällt.

Have you no sense of decency? fragte ➱Joseph Welch den Senator McCarthy. Und fügt noch ein Sir an die Frage. Es ist die Frage, die McCarthys Untergang sein wird. Die Sitzung wird durch das Fernsehen übertragen, die ganze Nation kann es sehen. ➱John Winthrops Satz aus seiner Predigt: For wee must consider that wee shall be as a citty upon a hill. The eies of all people are upon us, wird durch die Übertragung wahr. Der sense of decency ist in Amerika verloren gegangen. Der Minister Rex Tillerson soll seinen Präsidenten einen fucking moron genannt haben, einen geistig Zurückgebliebenen. Aber man weiß nicht, ob das wieder einmal ➱fake news sind.

Das Wort moron, das erst seit etwas mehr als hundert Jahren in der englischen Sprache ist, kommt auch in dem Cartoon vor, der zur Zeit die Runde macht. Die Herren auf dem Bild sind dem Gemälde von ➱Colonel John Trumbull nachempfunden. Und hier sagt Jefferson: I keep thinking we should include something in the constitution that prevents the people from electing a fucking moron. Man könnte glauben, dass der Cartoon aus diesem Jahre stammt, aber nein, er ist schon einige Jahre alt. Man hat ihn jetzt wieder hervorgeholt, wegen dieser fucking moron Geschichte, er passt so schön zu Trump. Aber die Ironie geht noch weiter. Viel weiter. Denn vor drei Jahren hat Donald Trump den Cartoon mit den Worten An interesting cartoon that is circulating bei Twitter bekannt gemacht. Si tacuisses, würde der Lateiner sagen.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Belvest


Ach, das waren noch Zeiten, als man solch ein Schnuckelchen dazu bekam, wenn man ein Jackett kaufte. Man kriegte damals bei der französischen Firma Mavest allerdings nicht die schnuckelige Françoise Guillier, die Jacques Taverniers You'll Kiss Me For It sang, man bekam nur die Single. Die Firma Mavest (Manufacture de Vêtements de l'Est), die im Elsaß begann und dann nach ➱Ambazac zog, gibt es heute nicht mehr. Das schöne Mavest Jackett, das ich einmal besaß, habe ich auch nicht mehr. Bei ebay tauchen manchmal noch Mavest Teile auf, sehr nostalgisch. Und das bringt mich zu einer anderen Firma, die auch das vest in ihrem Namen hat, und die manchmal auch ebay zu finden ist.

In dem Post ➱Rosstäuscher habe ich vor fünf Jahren geschrieben, dass ich bei ebay ein Jackett der Firma Belvest für neun Euro ersteigert hatte. Ich kann das jetzt noch toppen, denn ich habe gerade vor Wochen ein Belvest Jackett für 1,50€ gekauft. Das wird schwer zu übertreffen sein. Man kann aus dem Ganzen wahrscheinlich ablesen, dass die Marke Belvest nicht so bekannt ist wie ➱Kiton, ➱Brioni oder ➱Attolini. Die haben hier, wie viele andere italienische Firmen, schon Posts. Und da ich weiß, dass viele Leser meine kleinen Firmengeschichten sehr gerne lesen, habe ich mir gedacht, ich schreibe mal eben über Belvest. Die Sartoria Firma aus Padua, die die wenigsten Schlagzeilen macht. Und noch immer im Privatbesitz ist.

Und selten über die Alpen kommt. Zwar gibt es einige ➱Herrenausstatter in Deutschland, die Belvest führen, aber furchtbar viele sind das nicht. W.J. Stamm in Nürnberg ließ sich seine Private Label Sakkos von Belvest machen, aber den gibt es ja leider nicht mehr. ➱Terner in Hannover führte zu seinen besten Zeiten nur Belvest und Isaia, aber mit diesem Händler ist es ja auch aus. Michael Rieckhof in ➱Kiel hatte eine Zeitlang Belvest im Angebot, war aber auch kein Renner. Sakkos, die mehr als tausend Euro kosten, verkaufen sich nun mal nicht wie geschnitten Brot. Vielleicht in Düsseldorf oder München, hier oben nicht. Ich kann da nur die beiden Artikel von ➱Jens Jessen und ➱Bernhard Roetzel zur Lektüre empfehlen, dann wissen Sie, weshalb der deutsche Mann ungern wirkliche Qualität kauft.

Italien hat neben den großen Namen wie Kiton, Brioni, Attolini und Raffaele Caruso auch noch eine Vielzahl von nicht so bekannten Marken zu bieten. Wie Isaia, Ravazzolo (die zum Beispiel ➱R. Böll und Werner Scherer beliefern), d'Avenza, Saint Andrews (=Sartoria Santandrea), Castangia, Orazio Luciano oder Cantarelli (die auch Huntsman in der Savile Row beliefern). Für viele scheint der deutsche Markt uninteressant. Weil sie Amerika im Visier haben (wie man an dieser Anzeige der Firma Louis in Boston sehen kann), oder weil sie Kunden haben, die nicht genannt werden möchten.

Manche haben auch Zweitmarken für den Export wie Isaia, die es auch als Michelangelo gibt, und die man im amerikanischen Amazon kaufen kann. Dieses Modell kostet 2.760 Dollar, kommt aber mit Bügel und Kleidersack. Sehr modern, slim line, passt an keiner Stelle. Ich glaube, so etwas käme bei Belvest nicht aus dem Haus (obgleich sie neuerdings auch einen Online Verkauf haben). Ich will aber ansonsten nichts Böses über Michelangelo sagen, ich habe ein wuschelweiches ungefüttertes Tweedjacket von denen, das sich wie eine Strickjacke trägt.

Und da ich bei ungefütterten Sakkos bin, muss ich natürlich das Jacket in the box der Firma Belvest erwähnen. Ein ungefüttertes Jacket, das in eine Pappschachtel passt. Auch wenn sie das jetzt als Neuheit vermarkten, sie hatten das Teil schon lange im Programm. Vielleicht schon bevor Boglioli, Lubiam und Canali mit ungefütterten, vorgewaschenen Sakkos auf den Markt kamen. Und sogar die deutsche Firma ➱Regent stellte so etwas schon 1995 her, auf jeden Fall hängt solch ein Teil bei mir im Schrank.

Ich liebe diese ungefütterten Sakkos, die man nicht nur im Sommer tragen kann. Der Schnitt von Boglioli, die auch die Sakkos für Etro herstellen, ist perfekt. Meine Lieblinge unter diesen Made in Italy Flitzekitteln sind zwei Jacketts von Cantarelli, die den Zusatz washed tragen. Da ist mir ein Belvest Jacket in the box piepegal. Von einer gewissen Kategorie an, liefern die Italiener sowieso eigentlich alle die gleiche Qualität.

Viele große Namen der Modewelt haben nur ihren großen Namen und das schöne Etikett, aber sie stellen selbst nichts her. Deshalb brauchen sie eine kleine italienische Firma, die Sartoria Qualität liefert. Manchen Firmen ist alles egal, so wie Gerhard Schröder alles egal ist. Sie machen Kasse, vergeben die Lizenzen an Billighersteller, die aber null Qualität liefern. ➱Pierre Cardin hat damit angefangen. Armani und ➱Lagerfeld tun nichts anderes. Und auch Baldessarini hat nichts mehr mit der traumhaften Qualität von ➱Baldessarini Boss zu tun. Wenn Sie einmal einen Blick auf die Originallabels der Made in Italy Firmen werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Und diese Labels können Sie natürlich auch in den Innentaschen der Sakkos der Luxusfirmen finden. Da produziert D'Avenza für Battistoni, Isaia für die Toplinie von Valentino und St. Andrews für die Ralph Lauren Purple Label. Was eine gefährliche Sache ist, denn die bisherigen Partner von Ralph Lauren (Chester Barrie und ➱Nervesa) waren alle hinterher pleite, als Ralph Lauren abzog. Dies blaue Cordjackett hatte ich auch mal, aber als ich darin ungefähr so aussah wie dieser Herr hier, habe ich es weitergeben. Der Volker hat es dann am Wochenende zu einer Party getragen. Und da ist eine wildfremde Frau auf ihn zugekommen und hat ihn gefragt, ob sie den Stoff mal anfassen dürfte. Mir ist das mit dem Jackett nie passiert.

Das Label von Belvest kann man in Kleidungsstücken von Lanvin, Prada, Louis Vuitton und ➱Old England Paris (die Firma, bei der einst ➱Proust einkaufte, gibt es leider nicht mehr) finden. Und natürlich findet man es bei ihrem Hauptkunden: dies ist ein Label, in einem Hermès Jackett. Hermès Sakkos kosten ungefähr das Doppelte von Belvest Jacketts. Hier bewährt sich wieder einmal der Werbespruch der Zigarettenmarke Atika: Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

In diesen Preisregionen bewege ich mich nicht, meine Belvest Sakkos stammen aus Second Hand Shops und von ebay. Und während ich an diesem Post schrieb, entdeckte ich bei ebay ein braunes ➱Cordjackett, Startpreis 10,45€. Was soll ich dazu sagen? Es hat niemand außer mir geboten. Bernhard Roetzel (der manchmal auch in meinen Blog hineinschaut) schrieb in seinem ➱Blog über Belvest: Meine persönlichen Erfahrungen mit den Anzügen sind sehr gut, die Qualität ist hoch und die Fehlerquote lag bei Maßbestellungen bisher bei null Prozent.

Ich selbst brauche keine Maßbestellungen, ich weiß bei Belvest, was mir passt. Das Cordjackett ist eine Nummer zu groß, das war mir klar, aber das kriegt Herr Yesilyurt hin. Der ist der beste Schneider von Kiel, das wissen Sie schon aus den Posts ➱Attolini und ➱Jacob Cohen Jeans. Die Änderung wird wohl etwas mehr kosten, als ich bei ebay für das Sakko bezahlt habe. Aber was soll's: ich habe für mein halbes Dutzend Belvest Jacketts wahrscheinlich nur etwas mehr als einen Hunni bezahlt. Was natürlich daran liegt, dass die Firma - wie gesagt - nicht viel Werbung macht und eigentlich niemand sie kennt. Also außer Bernhard Roetzel, dem Parisian Gentleman und mir. Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden, hat Oscar Wilde gesagt. Man kann ihm nur zustimmen.


Noch mehr Mode: Raffaele Caruso, Attolini, Baldessarini, Waltz into Darkness, Cinecittà und die Mode, Brioni, Ermenegildo Zegna, Herrenausstatter, Ärmelfutter, Made in Germany, Kiton, Attolini, Nervesa

Sonntag, 15. Oktober 2017

Niedersachsen


Das hier, das ist er, der typische Niedersachse. Was würde er heute wählen? Eigentlich ist er gar kein Niedersachse, er ist nur durch die Kriegsfolgen dahin geraten. Ihn lockte die Ruhe: Absolute Stille garantiert. Poststelle beim Gastwirt, ein weiteres Telefon beim Kaufmann, keine Kirche. Er hat dann in der Stille Niedersachsen auf die Landkarte der Weltliteratur geschrieben. Den Dümmer in Seelandschaft mit Pocahontas oder Celle in Das steinerne Herz. Manchmal ist sein Niedersachsen richtig poetisch: Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte.

Ich bin durch die Kriegsfolgen in Niedersachsen geboren worden, das aber damals noch nicht Niedersachsen war. Das heutige Land Niedersachsen ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Vorher waren das Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe. Ich folge Arno Schmidt und schreibe auch häufig über Niedersachsen, reicht zwar nicht für die Weltliteratur, reicht aber für die Blogosphäre. Ich kenne mich in Niedersachsen aus, war beinahe in allen Jugendherbergen. Und auf allen Truppenübungsplätzen. Ich habe zwar noch nichts wie Arno Schmidt über den Dümmer geschrieben, aber das Zwischenahner Meer mit dem Killerwels, das kommt hier schon vor. Das Teufelsmoor auch. Und die Insel Langeoog ist ein Bestseller unter meinen Posts. Wie der Post Hannover, in dem Arno Schmidt auch vorkommt. Natürlich gibt es außer Arno Schmidt noch viele andere Schriftsteller, die über Niedersachsen geschrieben haben, für die gibt es heute sogar eine Literaturdatenbank.

Mit Niedersachsen geht es aufwärts. Nicht nur weil die Niedersachsen sturmfest und erdverwachsen sind, sondern weil Hannover 96 wieder etwas darstellt und der ICE auch manchmal in Wolfsburg hält. Heute wird gewählt, und wenn nach 18 Uhr die ersten Ergebnisse auf den Bildschirm kommen, dann müssen die Berliner Politiker aus dem Koma geholt werden, in das sie nach der letzten Wahl verfallen sind. Und bestimmt wird wieder jemand sagen: Wir haben verstanden. Was übrigens falsches Deutsch ist. Für den heutigen Tag hat mir mein Freund Ekke Dahle einen kleinen Cartoon geschickt, den ich natürlich hier gerne veröffentliche. Und wenn Sie in Niedersachsen wohnen, dann gehen Sie jetzt bitte zur Wahl.

Samstag, 14. Oktober 2017

Margaret Atwood


Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood wird am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Dazu kann man dem Stiftungsrat nur gratulieren. Margaret Atwood gratuliere ich natürlich auch ganz herzlich. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es über sie: Die kanadische Schriftstel­lerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährli­che unterschwellige Entwicklungen und Strömungen. 

Als eine der bedeu­tendsten Erzählerinnen unserer Zeit stellt sie die sich wandelnden Denk- und Verhaltensweisen ins Zentrum ihres Schaffens und lotet sie in ihren utopischen wie dystopischen Werken furchtlos aus. Indem sie mensch­liche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht ver­meintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann. Humanität, Ge­rechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Hal­tung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Men­schenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie lite­rarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind.

Für den Frieden in der Welt ist Atwood immer wieder energisch eingetreten. Ihr utopischer Roman The Handmaid's Tale erlebt im Amerika des ➱Donald Trump große Auflagenzahlen. Man hätte ihr natürlich auch statt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels den Nobelpreis geben können. Wann bekommt Philip Roth den endlich? Schon allein für den Anfang von The Great American Novel hätte er den Preis verdient: Call me Smitty. That’s what everybody else called me—the ballplayers, the bankers, the bareback riders, the baritones, the bartenders, the bastards, the best-selling writers (excepting Hem, who dubbed me Frederico), the bicyclists, the big game hunters (Hem the exception again), the billiards champs, the bishops, the blacklisted (myself included), the black marketeers, the blonds, the bloodsuckers, the bluebloods, the bookies, the Bolsheviks (some of my best friends, Mr. Chairman—what of it!), the bombardiers, the bootblacks, the bootlicks, the bosses, the boxers, the Brahmins, the brass hats, the British (Sir Smitty as of ‘36), the broads, the broadcasters, the broncobusters, the brunettes, the black bucks down in Barbados (Meestah Smitty), the Buddhist monks in Burma, one Bulkington, the bullfighters, the bullthrowers, the burlesque comics and the burlesque stars, the bushmen, the bums, and the butlers. And that’s only the letter B, fans, only one of the Big Twenty-Six!

Was war mit ➱John Updike? Und was ist mit ➱Richard Ford? Oder ➱Thomas Pynchon? Die Schweden scheinen Schwierigkeiten mit amerikanischen Autoren zu haben. ➱Kurt Vonnegut wusste weshalb: I used to be the owner and manager of an automobile dealership in West Barnstable, Massachusetts, called 'Saab Cape Cod.' It and I went out of business 33 years ago. The Saab then as now was a Swedish car, and I now believe my failure as a dealer so long ago explains what would otherwise remain a deep mystery: Why the Swedes have never given me a Nobel Prize for Literature. Old Norwegian proverb: “Swedes have short dicks but long memories“. 

Nun hat Kazuo Ishiguro den Preis für seinen leicht verfilmbaren Edelkitsch The Remains of the Day bekommen. Die Vorsitzende der Jury, Sara Danius (Bild), hat über Ishiguro gesagt: I would say if you mix Jane Austen and Franz Kafka you get Ishiguro in a nutshell — and you have to add a bit of Proust into the mix. Ishiguro und Proust? Da sträuben sich bei mir ein wenig die Nackenhaare, in meinem Blog kommt viel, sehr viel ➱Proust vor, Ishiguro wird nur beiläufig in dem Post ➱Christine Keeler erwähnt. Frau Danius hat eine Ausbildung als Croupière. Das erklärt vieles. Die suchen in Stockholm die Kandidaten nicht nach Qualifikation und Verdienst, die spielen Literaturroulette. Rien ne vas plus.

Ich habe Margaret Atwood einmal kennengelernt, die Geschichte steht schon in dem Post ➱Québec. Mein Kollege mit dem schlechten Benehmen, der dort erwähnt wird, reist übrigens heute durch die Lande und hält rechtsradikale Vorträge. Als er noch an der Uni war, hatte er die Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung abonniert. Die erreichte ihn selten, weil ich sie immer aus seinem Postfach mopste und entsorgte. Ich weiß nicht, welcher Teufel ihn damals geritten hatte, Margaret Atwood zu attackieren. Margaret Atwood ging mit dieser peinlichen und unhöflichen Kritik ganz souverän um, indem sie charmant lächelte und fragte: Have you read my book? In diesem Augenblick machte meine Kamera in die atemlose Stille im Saal hinein ein lautes Klack. Immer wenn ich das Photo anschaue, höre ich ihre Stimme: Have you read the book? 

Ich hätte dazu auch ein Gedicht von Margaret Atwood, das ➱This is a photograph of me heißt:

It was taken some time ago
At first it seems to be
a smeared
print: blurred lines and grey flecks
blended with the paper;

then, as you scan
it, you can see something in the left-hand corner
a thing that is like a branch: part of a tree
(balsam or spruce) emerging
and, to the right, halfway up
what ought to be a gentle
slope, a small frame house.

In the background there is a lake,
and beyond that, some low hills.

(The photograph was taken
the day after I drowned.

I am in the lake, in the center
of the picture, just under the surface.

It is difficult to say where
precisely, or to say
how large or how small I am:
the effect of water
on light is a distortion.

but if you look long enough
eventually
you will see me.)