Sonntag, 12. November 2017

Die Weser: ein langer Fluss, ein langer Text


Ich kenne einen deutschen Strom,
Der ist mir lieb und wert vor allen,
Umwölbt von ernster Eichen Dom,
Umgrünt von kühlen Buchenhallen.
Ihn hat nicht, wie den großen Rhein,
Der Alpe dunkler Geist beschworen,
Ihn hat der friedliche Verein
Verwandter Ströme still geboren.


Der Held des psychologischen Romans Anton Reiser von Karl Philipp Moritz erlebt 1786 den Anblick des Vegesacker Hafens mit den Schiffen als unbeschreiblich ergötzlich. Viele Reisende werden ihm zustimmen, zum Beispiel Friedrich Engels, der von 1838 bis 1841 in Bremen lebt. Vegesack ist die Oase in der bremischen Wüste, schreibt er 1841 im Morgenblatt für gebildete Leser nach einer Reise mit dem Dampfer Roland von Bremen nach Bremerhaven. Wenn man das 1850 gemalte Bild von Vegesack von Carl Justus Fedeler betrachtet, muss der Ort in der Jahrhundertmitte einen eindrucksvollen Anblick geboten haben. Im 19. Jahrhundert werden die touristischen Schiffsreisenden, die Nachfolger der englischen Reisemanie des 18. Jahrhunderts, in dieser Gegend gerne verweilen. Die Geestkante an Weser und Lesum wird flugs in Vegesacker (oder Lesumer) Schweiz umgetauft.

Wenn schon kein Erlebnis des Erhabenen in den Alpen, dann doch das des Pittoresken in der Lesumer Schweiz. Wenn die Bremer sich den Anblick der Gebirgsländer im Kleinen verschaffen wollen, so wallfahrten sie nach St. Magnus, urteilt 1822 der Professor Adam Storck in Ansichten der Freien Hansestadt Bremen. Um wenige Seiten später, ganz im Sinne der Romantik, die Stimmung an der Lesum im Sonnenuntergang mit Sir Walter Scotts The Lady in the Lake zu vergleichen. Ausflugslokale sprießen aus dem Boden. Natürlich soll es auch Bremer geben, die einmal die Alpen gesehen haben, auf jeden Fall gibt es eine hundert Jahre alte kleine Geschichte, die nur mit Blick auf den Gegensatz zu Hamburg verständlich ist. Denn für zugeknöpfte Bremer kommt alles Überschwengliche und Leichtlebige aus Hamburg. In dieser Anekdote fahren Senators mit ihrem Sohn in die Winterfrische. Und angesichts des gewaltigen Alpenpanoramas springt der Sohn im Eisenbahncoupé auf uns ruft: Guck mal, Vadder, was scheun. Die Alpens. Und der Vater sagt, erschrocken über diesen gewaltigen Gefühlsausbruch Junge, exaltier dir nich so! - Das musst Du verstehen, mischt sich die Mutter ein, Er studiert nun schon ein Semester in Hamburg. In Bezug auf alpine Naturerlebnisse ist dies der Höhepunkt des Bremer Humors.

Was den Bremer nicht interessiert, ist die Weser südlich von Bremen. Für Bremer fängt die Weser beim Weserwehr an und geht bis Bremerhaven. Das ist die Strecke, die meine Mutter vor dem Krieg schwamm, weil sie unbedingt über den Ärmelkanal schwimmen wollte. Die Rolexreklame mit Mercedes Gleitze wirkte bis zu uns. Als meine Mutter fit für den Ärmelkanal war, kam der Krieg. Da schwimmt niemand mehr gen Engeland. Das Weserwehr gibt es erst seit Ludwig Franzius die Weserkorrektion durchgeführt hat, für Bremer ist die Leistung des Senatsbaudirektors Franzius nur mit der des Barons Haussmann in Paris zu vergleichen. Seitdem können seegehende Schiffe die Weser befahren. Dass es auch eine Schiffahrt von Hannoversch-Münden bis Bremen gibt, das interessiert Bremer nicht wirklich. Auch wenn der Bremer Georg Treviranus (das Mechanikergenie, der bei Herschel in England seine Künste im Linsenschleifen vervollkommnet hat) als Maschinist auf der Weser bis Münden mitgefahren ist. Man lernt in der Schule wo Werra sich und Fulda küssen, sie ihren Namen lassen müssen. Der Findling in Hannoversch-Münden hat noch zwei Zeilen mehr: Und so entsteht durch diesen Kuss Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss.

Da fängt die Weser an, glaubt jeder, ist aber falsch. Die Werra (nach der meine erste gute Kamera hieß) ist nämlich eigentlich der Oberlauf der Weser (etymologisch sind Werra und Weser verwandt), die Fulda ist nur ein Nebenfluss. Der gute alte Matthäus Merian wusste das schon:

Die Werra nimmt ihren Usprung im Franckenland 
und nimbt seinen Lauff auff Münden
allda die Fulda darein kompt
unnd dem Fluß ein andern Namen macht
daß Er die Weser genendt wird
auff welchem man uff Höxter
Hameln, Minden, Nienburg, Bremen
und so fort nach der Hohen-See
oder dem Meer fahren kann

Aber es hat sich so eingebürgert, dass hier in Münden der Fluss beginnt, dessen Salzgehalt schon höher war als der der Nordsee. Jahrhunderte lang ist hier Salz abgebaut worden, und zu DDR-Zeiten hat man hier sinn- und verantwortungslos alle Kali- und Salzabfälle in Werra und Fulda gekippt. Gewässergüteklasse IV ist das Ergebnis. Das ist nach dem Zusammenbruch der DDR nicht viel besser geworden, sagen Umweltschutzorganisationen. Umweltverschmutzer vertrauen auf die Selbstreinigungskraft des Flusses. Darüber wissen wir alles, weil unser Biologielehrer Willy Klevenhusen, der uns mit den Gefahren des Botulismus ängstigte, über dieses Thema promoviert hat. Wir fahren mit ihm auf einem Schlepper und nehmen Wasserproben, lange bevor Greenpeace darauf gekommen ist. Das Bremer Trinkwasser kommt heute schon lange nicht mehr aus der Weser. Alle Weserkorrekturen und Sperrwerke seit Franzius, die den einzigen Zweck haben, aus der Weser einen für die Seeschiffahrt befahrbaren Kanal zu machen, sind auch Verbrechen an Natur und Umwelt.

Darüber können die Kitschpostkarten, die seit dem 19. Jahrhundert von Hannoversch-Münden bis Bremerhaven an Dampfergäste verkauft werden, nicht wirklich hinwegtäuschen. Auch nicht das schöne Lied  *An der Weser, das Franz von Dingelstedt 1835 in Rinteln gedichtet hat. Mein Vater liebte es, und so lernte ich die Noten der Vertonung von Gustav Pressel auswendig. Mit all den Trillern, die die Zeile und der Weser blitzende Welle untermalen. Und dann der schwermütige Schluss: Die süßen Bilder, wie weit, wie weit! Wie schwer der Himmel, wie trübe Fahr’ wohl, fahr’ wohl, du selige Zeit! Fahrt wohl, ihr Träume der Liebe. In Hannoversch-Münden gibt es sogar eine Weserlied Gedenkstätte, mit Bronzeplaketten für Dichter und Komponist. Wir sind dort einmal auf einer Klassenfahrt, aber von Hannoversch-Münden kenne ich nur die Badeanstalt. Und dass Charlie, der auf die Badesachen aufpassen sollte, meine blaue Lieblingsbadehose dort vergessen hat. Verzeihe ich ihm nie.

Bremer werden von der Weser aus in die Welt fahren, werden an das buten und binnen, wagen und winnen glauben, das Otto Gildemeister für die Tafel am Schütting geschrieben hat. Die Schönheit von Karlshafen, Bodenwerder oder Kloster Corvey von der Weserseite aus wird sie nicht interessieren. Dabei ist es dort zugegeben wirklich schön, wie uns eine Klassenfahrt die Oberweser hinauf zeigen wird. Auch wenn der Ort Polle, wo wir eine Woche lang sind, überschätzt wird. Aber ich werde ihn nie vergessen, nicht wegen der Götz von Berlichingen Freiluftaufführung in der Burg Polle, sondern wegen der Wanderung zum Köterberg. Unser Klassenlehrer ist krank, und wir beschließen, ohne ihn zu diesem Berg zu wandern, von dem der Herbergsvater sagt, dass sich die Wanderung lohnen würde. Wir frühstücken ganz früh und marschieren los, energisch von unserem Klassensprecher Konny geleitet.

Wir haben die Himmelsrichtung und eine schlechte Karte in einer Ledertasche vom kranken Klassenlehrer. Wir wandern auf Wegen, die keiner außer uns benutzen würde. Im Frühtau zu Berge wir zieh’n, fallera. Es grünen die Wälder, die Höh’n, fallera. Wir wandern ohne Sorgen, singend in den Morgen. Dies Lied scheint für uns geschrieben, aber wir singen nicht. Der geheimnisvolle Wald an diesem nebligen Morgen hat etwas Unwirkliches, Märchenhaftes. Man muss es still genießen. Immer wenn ich Eichendorff lese, muss ich an diesen Morgen in den Wäldern mit dem Nebel in den Wiesen denken. Ein großer schwarzer Hund läuft uns zu, und läuft kilometerlang mit uns mit. Gegen Mittag erreichen wir den Köterberg, irgendwie passend, dass wir einen Hund dabei haben. Dem geben wir auch etwas von unseren Butterbroten ab.

Der Nebel hat sich gelichtet und man kann weit sehen, der Köterberg ist beinahe fünfhundert Meter hoch. Der Panoramablick geht bis zum Teutoburger Wald, bis zum Harz. Der Berg ist noch nicht mit Ausflugslokalen und Fernmeldemasten zugebaut. Ist noch nicht Monte Wau Wau, der Treffpunkt der Motorradbiker. Uns interessiert die schöne Fernsicht weniger als die dort startenden und landenden Segelflugzeuge. Auf dem Rückweg bergab nehmen wir richtige Wege und eine Landstraße. Die uns zum Kloster Falkenhagen führt, wo wir dank Konnys Organisationstalents sogar einen Kaffee kriegen. Als ich klein war, habe ich (aus der Bibliothek von Opa) Wilhelm Raabes Odfeld gelesen. Mit sechs Jahren versteht man nicht so viel davon, ich wusste nur noch, dass der gütige Herzog von Braunschweig-Lüneburg darin vorkam, der Magister Buchius, eine Schlacht und viele Raben.

Ich habe beinahe sechzig Jahre gebraucht, um den Roman wieder zu lesen und die Romankunst dieses unterschätzten deutschen Romanciers zu würdigen. Ich habe beim zweiten Mal den Roman mit der Landkarte neben mir gelesen, weil ich plötzlich merkte, dass ich von Holzminden bis zum Solling jeden Ort kannte, die geographischen Grenzen der Weserrenaissance reichen ja bis in die Heimat von Oma und Opa hinein. Meine Liebeserklärung für das Weserbergland, die Ober- und Mittelweser und Wilhelm Raabe Country, wird Bremern, für die Süddeutschland schon in Achim anfängt, seltsam erscheinen. Aber sei’s drum, vielleicht bin ich auch kein richtiger Bremer.

Ich werde diese Landschaft in zahllosen Bundeswehrmanövern wieder sehen, die immer davon ausgehen, dass der rote Feind durch das Fulda Gap nach Norddeutschland vorstößt und man ihn dann irgendwo zwischen Solling und Reinhardswald zum Stehen bringen kann. Die Manöverkarten habe ich immer noch. Nicht nur der gute Herzog Ferdinand von Braunschweig von Wilhelm Raabe führt hier Krieg, zweihundert Jahre später kämpft hier im Manöver Fallex wieder eine deutsch-englische Allianz. Diesmal allerdings nicht gegen Frankreich, sondern gegen den Warschauer Pakt.

Aber ich werde die Gegend in den sechziger Jahren auch von einer ganz anderen Seite und mit ganz anderen Augen durch eine Exkursion des Kunsthistorischen Instituts der Universität wieder sehen. Die Kunstgeschichte hat nämlich die Weserrenaissance entdeckt. Der Kunsthistoriker Richard Klapheck hatte den Begriff schon 1912 verwendet, Bernhard Niemeyer, Albert Neukirch und Max Sonnen haben Teilaspekte mit photographischen Dokumentationen vorgelegt. Der Schulaufsatz, den der dreizehnjährige Helmut Schmidt zum Thema Weserrenaissance geschrieben hat, ist leider nicht erhalten. Erst durch die große Bestandsaufnahme von Herbert Kreft und Jürgen Soenke Die Weserrenaissance (1964) ist die Weserrenaisance zu einem geläufigen Begriff geworden. Das Buch mit seinem sorgfältigem Text und den wunderbaren Schwarzweißphotos ist immer noch die beste Quelle zu diesem Thema, auch wenn es jetzt vielleicht Neueres und kunsthistorisch Genaueres gibt. Und wenn ich schon ein Buch empfehle, dann sollte ich Ernst-Wolfgang Micks Die Weser mit den schönen Photos von Lothar Klimek auch noch nennen. Es war Kreft und Soenke schon 1964 klar war, dass es strittig werden könne, ob die Weserrenaissance ein kunstgeographischer Begriff, eine Stilgruppe oder eine Sonderentwicklung sei. Die Bremer mögen das natürlich nicht so gerne, dass Bauwerke wie Rathaus, Schütting, Gewerbehaus und Stadtwaage Teil einer überregionalen Kunstrichtung sind und nicht etwas Einzigartiges, das es nur in Bremen gibt.

Die Weser ist ein stiller Fluss, sie bringt keine nationale Mythen hervor. Keine Rheintöchter Woglinde und Floßhilde, keinen Vater Rhein, keine nationalen Lieder von der Wacht am Rhein:

So taucht die Weser kindlich auf,
Von Bergen traulich eingeschlossen,
Und kommt in träumerischem Lauf
Durch grüne Aue herabgeflossen;
So windet sie mit leisem Fuß
Zum fernen Meere sich hiernieder
Und spiegelt mit geschwätzigem Gruß
Dem Ufer sanften Frieden wieder.


Zwar gibt es auch Schlösser links und rechts der Weser, aber die sind nicht so spektakulär wie die des Rheins, die schon im frühen 19. Jahrhundert hundertausende von englischen Touristen auf die Rheindampfer treiben. Wer jemals auf einem Rheindampfer zusammen mit einer Busladung älterer Amerikanerinnen in Blümchenkleidern und Strohhüten gewesen ist, weiß was ich meine. Wenn der Kapitän über den Lautsprecher sagt, dass man jetzt die Loreley sehen kann und eine abgenüdelte Platte von Ich weiß nicht, was soll es bedeuten auflegt, dann fegen hundert amerikanische Ommas nach Backbord und bringen beinahe das Schiff zum Kentern. Wären fast wieder ein Opfer der sich kämmenden Felsentochter geworden.

Edmund Burkes Philosophie von sublime & beautiful, die die Engländer auf ihrer Grand Tour bewegte, ist aufs Schäbigste kommerzialisiert. Auf den Dampfern der Ober- und Mittelweser wird bestenfalls mal das Weserlied gespielt. Der erste Dampfer wäre übrigens nicht die in Vegesack gebaute Weser gewesen, wenn man dem Hugenotten Denis Papin seinen Willen gelassen hätte. Denn der hatte schon hundert Jahre vorher ein Schaufelradboot mit Dampfzylinderantrieb gebaut, es wäre das erste auf der Welt gewesen. Aber es wurde von der Mündener Schiffahrtsgilde gleich in Hannoversch-Münden zerstört, solch neumodische Konkurrenz mochte man im Jahre 1707 nicht. Alles Erworbene bedroht die Maschine.

Es gibt Sagen und Märchen links und rechts der Weser. Viele der Märchen, die sich die Brüder Grimm haben erzählen und aufschreiben lassen, kommen aus diesem Raum. Den Rattenfänger von Hameln und die Bremer Stadtmusikanten kennt jeder. Mein Onkel Karl, der Bildhauer, der sich noch achtzig Jahre später daran erinnern kann, wie er mich kleinen Muschepunt auf dem Schoß gehabt hat, hat von denen auch einmal eine Brunnenplastik in Berlin geschaffen. Die Weser taugt nicht wie der Rhein für ein nationales Epos wie das Nibelungenlied, bestenfalls für kleine Geschichten wie die vom Riesen Hüklüt und der Bremer Düne. Zwar gibt es schon im frühen 14. Jahrhundert ein lateinisches Loblieb:

Dort sind Bäche, dort sind Bronnen,
Wasser kommt vom Berg geronnen
Zu der Herden reicher Zahl
In den waldumkränzten Auen.
Dort sind züchtig holde Frauen,
Und die Weser strömt ins Tal

Aber dieses Loblieb eines Mönches auf Minden ist doch eher ein locus amoenus als eine realistische topographische Beschreibung. Und auch in die große Literatur ist die Weser selten gewandert, mit Ausnahme von Anton Reiser. Wir haben in Bremen Georg Drostes Ottjen Alldag und manches von Manfred Hausmann. In Hoya hat man Heinrich Albert Oppermann mit seinem neunbändigen Roman Hundert Jahre, den Arno Schmidt für den Leser wiederentdeckt hat. Wir haben Hermann Allmers, der bei jeder Nennung das Epitheton der Marschendichter bekommt.

Wir haben keinen Mark Twain, nichts Vergleichbares mit Huckleberry Finn und Life on the Mississippi. Es gibt zwar einen Bremer Literaturpreis, der zum 75. Geburtstag des Bremer Geistesriesen Rudolf Alexander Schröder ins Leben gerufen wurde. Der brachte damals 5.000 Mark. Heute lobt das ärmste Land der Bundesrepublik mit 20.000 Euro die höchste Summe von allen deutschen Literaturpreisen aus. Bis auf den ersten Preisträger, Heinrich Schmidt-Barrien, haben die alle nichts mit Bremen zu tun. Bremen prämiert den jungen Thomas Bernhard, der am Anfang seiner Karriere vor dem existentiellen Aus steht.

Fünf Minuten vor Beginn seiner Dankesrede weiß er noch nicht, was er sagen soll. Dann wird er um den Satz Mit der Kälte nimmt die Klarheit zu herum die kürzeste aller Dankesreden halten, knapp ein Dutzend Zeilen lang. Und ewig schlecht über Bremen reden. Dankbarkeit? Nicht bei Thomas Bernhard, der hatte sich als erstes von dem Preisgeld einen neuen Anzug bei Don Gil in Wien gekauft. Da hätte man lieber rückwirkend Heinrich Albert Oppermann den Preis verleihen sollen, für die schöne und dramatische Schilderung des Eisgangs auf der Weser bei Hoya. Meine Empfehlung an die Bremer Kommission wäre, den Preis in Otto Gildemeister Preis umzubenennen. Und nur zu verleihen, wenn der Preisträger das intellektuelle Niveau von Gildemeister erreicht. Damit könnte Bremen viel Geld sparen. Man hätte Georg von der Vring den Preis geben können, aber das hat man nicht getan. Dafür hat ihm Niedersachsen einen Preis verliehen, vielleicht für das Gedicht In der Heimat (Danke Gundula):

An der Weser, Unterweser,
Wirst du wieder sein, wie einst.
Durch Geschilf und Ufergräser
Dringt die Flut herein, wie einst.

Deine Mutter, alte Mutter,
bringt das Abendbrot wie einst.
Und du isst die frische Butter
Auf dem schwarzen Brot, wie einst.

Große Dampfer, ferne Dampfer
Rufen durch die Nacht wie einst.
Und die Kammer riecht nach Kampfer
Und du bist erwacht, wie einst.

Und die Sterne, sieben Sterne
Stehn im Fenster blass wie einst.
Und noch immer rufts von Ferne
Und du weißt nicht was, wie einst.


Als ich noch klein bin, geht mein Vater einmal mit mir über das alte Weserwehr. Wenn man klein ist, ist das besonders eindrucksvoll. Man hat gerade neben dem alten Wehr eine Fischtreppe angelegt, damit die Lachse die Weser aufwärts wandern können, aber an diesem Nachmittag wandern leider keine Lachse. Wir stehen in der Mitte der Weser auf sicherem Boden, unter uns gurgelt das Wasser. Bis hierher hat die Weser Ebbe und Flut. Hier fängt für die Bremer die Weser an, seit dem Mittelalter. Seit in einer Urkunde von 1259 des könniges frigen Straten van Bremen wente in de sollten see steht, die freie Straße des Königs von Bremen bis in die salzige See. Wenn wir einmal die Taten des Riesen Hüklüt beiseite lassen und uns auf Belegbares konzentrieren, dann haben wir Erwähnungen in Chroniken und Urkunden (obgleich wir inzwischen wissen, dass ein Großteil der mittelalterlichen Urkunden gefälscht ist) seit dem 8. Jahrhundert. Seit Karl der Große dem angelsächsischen Priester Willehad diese Gegend als Missionsgebiet zugewiesen hat. Der Name Bremen taucht zum ersten Mal in einer Lebensbeschreibung Willehads um 860 auf. Karl der Große kommt selbst mit einem Heer in diese Gegend, um die aufrührerischen Sachsen zu schlagen:

Und als mit fester Eisenhand
Held Karl den deutschen Zepter führte,
Ha! wie sich da im Weserland
So manche Stimme kräftig rührte!
Da hörte man des Kreuzes Ruf
Mit hellem Klang an den Gestaden
Und sah der Frankenrosse Huf
Sich in den nord'schen Wellen baden.


Man weiß nicht, wo er über die Weser gekommen ist. Die Stelle, die Hermann Allmers aus Lokalpatriotismus annimmt (Alse bei Rodenkirchen), ist nachweislich falsch. Aber Allmers wird bis zu seinem Lebensende an dieser Geschichte festhalten, lässt sogar hinterm Deich ein kleines Denkmal für den Frankenkaiser errichten. Seit Karl dem Großen ist dieser Fluss umkämpft. Da ist nichts mit Dingelstedts Zeilen Und spiegelt mit geschwätzigem Gruß Dem Ufer sanften Frieden wieder. Es geht um Gebietsrechte, Fischereirechte und Zollerhebungen. Erst 1824 einigen sich die Weser-Uferstaaten Hessen-Kassel, Schaumburg-Lippe, Preußen, Braunschweig, Hannover, Bremen und Oldenburg auf ein Zollrecht. Die Bremer interessiert nicht so sehr, was südlich von ihnen bei den waldumkränzten Auen und den züchtig holden Frauen geschieht, aber auch da gibt es über die Jahrhunderte Streitigkeiten. Immer wieder gibt es durchziehende Heere, Feldzüge, sogar Kreuzzüge. Von Karl dem Großen bis zu den Engländern 1945 gehören Weserüberquerungen zum Pflichtprogramm einer Armee.

Die junge Bundeswehr wird an diese Tradition anknüpfen, kein Herbstmanöver ohne Weserübergang. Für mich persönlich ist dieser Teil des Manövers immer etwas lächerlich, weil ich all diese Orte an der Weser kenne, an denen nun Bataillone und Brigaden übersetzen. Hier in Eystrup war ich noch im Sommer mit meinen Eltern und Lindners, Kampens, Köpps und Biets zum Spargelessen, wir sind hier vor dem Essen über die Weser geschwommen. Ich habe unseren Dackel Franz-Heinrich retten müssen. Der war mir nachgesprungen und merkte dann, dass er gar nicht richtig schwimmen konnte.

Jetzt machen wir mit unseren Panzern den Deich kaputt. Zwei Jahre nach dem letzten Spargelessen werde ich einige Kilometer weiter südlich in der schönen Septembersonne auf dem Deich sitzen. Hinter mir, auf dem einzigen Weg zur Weser, reiht sich Panzer an Panzer, soweit man sehen kann. Und hinten in den Wäldern, jenseits der Bundesstraße sind noch mehr Panzer und Lastwagen. Ein mechanisierter Tatzelwurm, fünfzehn Kilometer lang. Im noch nicht abgeernteten Kornfeld vor dem Deich stehen Flakpanzer und lassen ihre Zwillingsgeschütze kreisen. Ich habe meine Pistole in der Hand, ziele auf die beiden angreifenden Sabres und mache päng, päng. Ich werde von dem plötzlich auftauchenden Divisionkommandeur angebrüllt, was ich da mache. Fliegerabwehr aller Truppen, Herr General, sage ich, verstaue meine P 38 im Schulterhalfter meiner Panzerkombi, stehe auf und grüße vorschriftsmäßig. Der tobende General Ü. will mich persönlich für diesen ganzen Schlamassel verantwortlich machen. Dabei hätten die Pioniere heute um sechs mit der Brücke fertig sein sollen. Um zehn kam ein Hauptmann mit einer Kompanie Rekruten an, die noch nie eine Pontonbrücke gebaut haben. Jetzt ist es halb zwei, es gibt noch immer keine Brücke. Noch keiner ist über die Weser, die ganze Division hat sich aufgestaut.

Ich erkläre Ü. mit wohlgesetzten Worten das Chaos und füge den tödlichen Satz hinzu, dass ihm diese Lage spätestens seit heute morgen um sieben hätte bekannt sein müssen. Er verlässt wutschnaubend den Weserdeich, um den Pionierhauptmann anzubrüllen. Die F 86 Sabres werfen kleine Kreidesäckchen, um Bomben anzudeuten. Eins verfehlt Ü. nur knapp. Die Treffen mit General Ü. sind immer die highlights bei meinen Wehrübungen. Die Piloten der Sabres wissen wahrscheinlich nicht, dass ihre Jagdflugzeuge auch einmal die Weser hochgekommen sind. Auf Schuten, zerlegt und handbreit mit Fett eingeschmiert. Genau so wie später die F 104 (G). Das G steht für German und bezeichnet die Sorte Starfighter, die immer vom Himmel fällt. Bei Focke-Wulff hinter Abeking sind sie dann wieder zusammengebaut worden, wurden eingeflogen und an die Luftwaffe geliefert. Den Krach hörte man jahrelang in Vegesack. Michael Rieckhof, der aus Nienburg kommt, wird mir erzählen, dass seine ganze Jugend geprägt war von englischen und deutschen Truppen, die Weserübergänge übten. War ja auch der einzige Fluss von nicht zu großer Breite und nicht zu hoher Stromgeschwindigkeit, der nicht ans Ausland oder die DDR grenzte. Wofür die Weser nicht alles gut ist.

Seit Bremen sich im Mittelalter als Handelsplatz etabliert hat, seit deutsche Kaiser dieser Stadt Rechte verliehen haben, versucht Bremen die Rechte auf den freien Weg zur Nordsee zu verteidigen. Andere haben auch Ansprüche, und so wird es hier tausend Jahre lang Kämpfe geben. Beteiligte sind der Erzbischof von Bremen, der Graf von Delmenhorst, der Graf von Oldenburg, der Graf von Hoya, der Herzog von Lüneburg, die Ritter von Aumund und Blumenthal, die ostfriesischen Häuptlinge, die Seeräuber, die Schweden, die Dänen, die Engländer, die Franzosen. Wenn man sich die Chronik der Ereignisse links und rechts der Weser in Friedrich Glabes Die Unterweser: Chronik eines Stromes und seiner Landschaft anschaut, dann gewinnt man den Eindruck, dass es von Karl dem Großen bis zu Napoleon kein Jahrzehnt gegeben hat, an dem hier kein Krieg herrschte. In der Landschaft sieht man nichts davon. Lediglich am Ortausgang von Altenesch gibt es in einem kleinen Wäldchen ein Denkmal für die Stedinger Bauern, die hier 1234 (auch für einen Erstklässler ist diese Jahreszahl leicht zu merken) die Schlacht gegen den Adel des Niederrheins, Westfalens und Hollands verloren haben.

Opa zwingt meinen Vater da immer zum Anhalten, damit er einen kleinen Vortrag über die heldenhaften Stedinger Bauern halten kann. Als die Heerhaufen nach der Schlacht wieder nach Westfalen und Brabant abziehen, gibt es zwei Sieger, die gar nicht an der Schlacht teilgenommen haben, sich aber territorial bereichern. Und das sind die Bremer und der Graf von Oldenburg. Die Bremer haben in allen Jahrhunderten nur ein politisches Ziel, die Freiheit ihrer Stadt und ihr Recht auf freien Zugang zum Meer zu verteidigen. Das ist noch 1849 so, wenn Otto von Bismarck über den Bremer Bürgermeister Smidt sagt, dass der für Deutschland nur einen Sinn habe, weil Bremen darin liege. Etwas Ähnliches hatte Eduard Beurmann schon 1836 gesagt: Ja, es ist ein Unglück des bremischen Patriotismus, dass er nur bremisch ist, nicht deutsch.

Er hat ja im Prinzip mit seiner süffisanten Beschreibung Bremens Recht, aber im Bremen zieht man es vor, einem Spitzel Metternichs, der wegen einer Liebesaffaire Bremen verlassen musste, nicht zu glauben. Bremer sind gut im politischen Taktieren, wenn es um Bremen geht. Eine Stunde lang wird der spätere Bremer Bürgermeister Dr Georg Gröning versuchen, es Napoleon schmackhaft zu machen, dass Bremen ein neutraler Handelsplatz bleiben müsse. Gut, wir wissen, es wird nichts draus, aber irgendwie scheint Napoleon diesen Diplomaten aus Bremen zu mögen, auch wenn jener seinen Sitz in der Gesetzgebenden Versammlung in Paris ruhen lässt. Napoleon und er werden sich über die Jahre ein halbes Dutzend Mal treffen. Wenn Napoleon auf Elba ist, wird Gröning dem englischen König den Flecken Vegesack abschnacken. Und mehr als ein Jahrhundert später wird der Bürgermeister Wilhelm Kaisen sich durch geschicktes Taktieren dem Einfluss der englischen Besatzer entziehen und die Allianz mit den Amerikanern suchen. Denn die Briten wollen Bremen zu einem Teil von Britisch Niedersachsen machen, aber den Verlust ihrer Eigenständigkeit, die ihnen karl und mennich vorst vorwar gegeben hat, das mögen Bremer nun gar nicht.

Nördlich vom Weserwehr ist die Stelle, wo jedes Jahr die Eiswette stattfindet. Die gibt es seit 1829, Kaufleute wetten darauf, ob die Weser zugefroren ist oder nicht. Die zugefrorene Weser gab es an dieser Stelle 1947 zum letzten Mal. Photos von der Weser in Jörg Grützmanns Die Winter in Bremen von 1900 bis 2003 zeigen Spaziergänger auf der Weser, im Hintergrund das Wasserwerk. Ich weiß noch, dass es von Vegesack bis Lemwerder eine riesige weiße Eiswüste gab, auf der Menschen über die Weser gehen konnten. Da bin ich mit meinen Eltern noch in der Nacht am Utkiek gewesen, als der Mond auf die weiße Weser schien und kleine dunkle Gestalten mit Laternen von Vegesack nach Lemwerder marschierten. Als ich in holländischen Museen die ersten Bilder von Aert van der Neer sehe, muß ich an diese Nacht denken.

Heute ist die Eiswette ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem Kohl und Pinkel gegessen wird und große Summen für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gesammelt werden. Eisschollen und Hochwasser zerstören 1947 beinahe alle Weserbrücken, vergeblich hat man das Eis zu sprengen versucht. Munition hatte man ja noch. Packeisschollen, wie auf dem Caspar David Friedrich Gemälde wird es noch häufiger am Vegesacker Strand geben. Aber die Weser wird nicht mehr ganz zufrieren, keine Gefahr, dass wir wie Ottjen Alldag auf einer Eisscholle die Weser hinuntertreiben. Mein schönstes Eis Erlebnis an der Weser wird in jener Nacht sein, als der ganze Sand des Strandes plötzlich zentimeterdick vom Blitzeis überzogen ist. Ich glitsche nach Hause, hole meine Holländer und laufe dann Schlittschuh, den ganzen Strand entlang, vom Schreiber Anleger bis zum Bremer Vulkan und zurück, einsam in der Nacht.

Die Weser in Bremen ist nicht meine Weser. Wenn ich sonntags zum Weserstadion den Osterdeich entlang marschiere, ist der Fluss da, aber er interessiert mich nicht. Ich pliere lieber nach links zum Radweg, ob da noch ein Spieler von Werder Bremen an mir vorbeiradelt, dem man ermunternde Worte zurufen kann. Viele Fußballspieler von den Bremer Vereinen BSV und Werder kommen noch mit dem Fahrrad zum Spiel, ihr Trikot auf dem Gepäckträger. Sie kommen noch nicht mit dem Porsche oder dem Ferrari. Am interessantesten ist hundert Meter links vorm Weserstadion der weiße Facel Vega Sportwagen, der da vor einer Osterdeichsvilla steht. Ich habe herausgefunden, dass immer wenn er da ist, Werder gewinnen wird. Das darf man nicht laut sagen, dann ist es mit der Magie zuende.

Aber die Weser am Osterdeich ist mir irgendwie fremd; man registriert, was an Schiffen an der Schlachte und am Martini Anlieger liegt, aber das sind nur Schuten und Binnenschiffe, da sind wir in Vegesack andere Heinduckdichs gewöhnt. Die Martini Kirche am Fluss ist es natürlich wert, dass man hineinschaut, allein wegen der Orgel von Bockelmann. Sie ist die schönste Bremer Kirche (wenn man von unserer Vegesacker Kirche einmal absieht), es ist immer still hier, sie liegt abseits vom Touristenstrom. Die Touris schaffen es doch gerade noch bis zum Ende der Böttcherstraße. Hier ist Joachim Neander Pastor gewesen, der Neander, der Lobet den Herren geschrieben hat. Nach dem man in Düsseldorf, wo er vorher war, ein kleines Tal benannt hat, wo man eines Tages den Neandertaler findet. Das weiß in Bremen jedes Kind.

In der Abteilung Curiosa meiner Bremensien steht ein Buch von Emil Felden Das Haus am Weserstrand. Felden ist an St. Martini Pastor gewesen, war sogar sehr bedeutend, er ist in der Bremischen Biographie. Das Buch enthält einige schmalzig-schöne Weserbeschreibungen, gibt aber als Bremensie wenig her, von der Bedeutung seines Lebenswerks lässt sich hier noch nichts spüren. Felden hat zusammen mit Albert Schweitzer Theologie studiert, wird SPD Abgeordneter, nicht nur in der Bürgerschaft, sogar im Reichstag, er wird eine Kirche für die Arbeiter schaffen und ein ganz eigenes Christentum verkünden. Das darf er tun (allerdings nur, bis die Nazis kommen), die Bremische Kirche räumt ihren Einzelgemeinden Freiheiten ein, die es sonst nirgendwo gibt. Darauf ist man in Bremen stolz.

Bei einer solch liberalen Kirchenverfassung ist die Gefahr, dass die Gemeinde in die Hand eines religiösen Spinners gerät, natürlich gegeben. Aber wir haben in Bremen keinen Bernhard Knipperdollinck, den wir in einem Käfig am Dom aufhängen können. Obgleich, es gäbe da schon jemanden, auch an St. Martini. Der heißt Georg Huntemann und ist der ständige theologische Skandal dieser Stadt, er ist auch ständig im Fernsehen. Billy Graham ist sein erklärtes Vorbild. Es wird gemunkelt, dass er sich von seiner Gemeinde wie ein Kardinal seinen Ring an der Hand küssen lässt. Man hängt ihn nicht in einem Käfig an den Dom, aber man trägt ihn im Bett aus dem Gemeindehaus. St. Remberti hat ihn rausgeschmissen. Später ist er Pastor in der Martinikirche, aber da hat er allem abgeschworen, was er früher gesagt hat.

Ich kenne auch alle Bremer Weserbrücken, einmal photographiere ich tagelang alle Brücken in Bremen, natürlich in Schwarzweiß. Gibt aber nicht so viel her wie die Seinebrücken in Paris. Obgleich die Beck’s Brauerei mit dem englischen Apostroph an der Weserbrücke eindrucksvoll ist. Becks geht in die ganze Welt, das von der Hemelinger Brauerei nicht. Im Beck's Bier soll Chinin drin sein, damit es sich in den Tropen besser hält und die Beck's Trinker vor Malaria schützt. Wahrscheinlich schmeckt das Bier deshalb so bitter, ich mochte das Zeuch nie.

Die Weser in Bremen bleibt mir fremd, ich kann es nur wiederholen. Ich stehe nachts an unseren riesigen Opel Admiral gelehnt und gucke auf den Fluss. Ich fische mir eine Gauloise aus der zerknüllten Packung und zünde sie an. Gudrun ist nicht zuhause, ist noch beim Elternabend. Soll ich noch warten oder nach Hause fahren? Also fahre ich erst mal an die Weser. Wenn man im Leben nicht weiter weiß, geht man immer erstmal an die Weser. Meine Pose, mit der Gauloise in der Hand an das Auto gelehnt, ist natürlich sorgfältig einstudiert. Auch wenn hier in der Nacht niemand zuguckt. Ich trage einen dunkelblauen, enggeschnittenen italienischen Anzug, ein weißes Hemd mit rundem Tab-Kragen und einen schwarzen Seidenstrickschlips. Ich könnte für eine Imitation von Marcello Mastroianni durchgehen.

Ich habe alle Michelangelo Antonioni Filme in Filmkunsttheatern (so heißt das damals) gesehen. Diese einsamen Steppenwölfe, Steve Cochran in Il Grido, Mastroianni in La Notte, sind meine Vorbilder. Nicht nur meine. Wenn man sich Photos aus dieser Zeit anschaut oder in Farid Chenounes History of Men’s Fashion blickt, wird es jedem Betrachter sofort auffallen, dass Europa von geklonten Marcello Mastroiannis nur so wimmelt. Ich schnippe die angerauchte zweite Gauloise im hohen Bogen mit dem Zeigefinger weg, ich werde noch mal bei Gu vorbeifahren, wenn da kein Licht ist, fahre ich nachhause. Um Mitternacht stelle ich den Admiral in die Garage. Und gehe noch einmal die Strandstraße entlang. Das hier ist meine Weser, ich wohne in der Weserstraße. Die gibt es nur in Vegesack. Bremen hat zwar einen Teil der Weser, aber sie haben keine Weserstraße.

Wir haben nicht nur die Weserstraße, wir haben auch eine Strandpromenade. Die verdanken wir dem Bürgermeister Dr Werner Wittgenstein, der den Villenbesitzern der Weserstraße zu Anfang des Jahrhunderts den unteren Teil ihrer bis zur Weser reichenden Grundstücke abgeschnackt hatte. Und dann auch noch 1929 einen Stadtgartenverein gegründet hatte. Das Gelände, das Dr Albrecht Roth vom englischen König geschenkt bekam, wird jetzt ein öffentlicher Park. Mit fremdländischen Bäumen wie Libanonzeder, Perückenbaum (Catalpa bignonioides), Trompetenbaum, Mammutbaum und Sumpfzypresse, die Roth vor zweihundert Jahren angepflanzt hat. Vegesacker Seefahrer haben ihm Setzlinge aus aller Welt mitgebracht. Der Gärtner Herbert Hill vom Stadtgarten, der auch manchmal meiner Mutter den Garten macht, soll mal gesagt haben, dass wenn man hier Ausländer raus! ruft, alle Bäume des Stadtgartens verschwunden sind. Das ist ja ganz witzig, aber ich glaube nicht, dass Hill das gesagt hat. Das ist ihm bestimmt von den Machern des schnell zusammengeschusterten Bandes Der Stadtgarten in Vegesack in den Mund gelegt worden. Je mehr der Ort vor die Hunde geht, desto mehr Bildbände erscheinen, die die gute alte Zeit feiern. Meistens sind sie von denen gemacht oder herausgegeben, die die Totengräber des alten Vegesack gewesen sind.

Ein Strand ist schon bei der Weserkorrektur von Franzius aufgespült worden, eine kleine Mauer trennt jetzt den Strand von der Strandstraße. Um die Jahrhundertwende hat man hier gebadet. Neben der kleinen Mauer der Strandstraße ist eine Allee von Bäumen. Jetzt kann man von der Strandlust zum Stadtgarten und zurück flanieren. Macht jeder im Ort, sonntags nach der Kirche, im besten Sonntagsstaat. Sehen und Gesehenwerden. Hundebesitzer sind jeden Tag mindestens zweimal auf der Strandstraße. Man muß als Vegesacker schon bettlägerig sein, um nicht täglich einmal auf der Strandstraße zu promenieren. Die Strandstraße gibt es noch, den Strand nicht mehr. Stattdessen hat man das Weserufer durch eine 800 Meter lange Spundwand verschandelt.

Stehen die water gazers noch bei dem Schreiber Anleger? Sie tragen alle Elbsegler oder Prinz Heinrich Mützen und eine Art von Colani. Man könnte sie für Arbeitslose halten, die nichts mit sich anzufangen wissen, aber die meisten von ihnen sind wirklich zur See gefahren. Viele als Kapitän oder Steuermann. Sie haben alle diesen leeren Blick in die Ferne. Sie brauchen das Wasser. Die Schreiber Dampfer gibt es immer noch, wenn es auch mit dem Linienverkehr zwischen Bremen und Bremerhaven nicht mehr so weit her ist, heute mietet man ein Schiff für ein candlelight dinner. Unser Direx hat mal ein richtiges Schiff für die ganze Schule gemietet, Abfahrt morgens um sieben vom Schreiber Anleger. Eltern durften auch mit. Dann die ganze Unterweser in der Frühe entlang und dann ab nach Helgoland. War schön, ich habe die halbe Schule auf Schwarzweißfilm.

Wenn man nach dem Krieg in einem kleinen Kaff an der Weser aufwächst, dann kennt man keine Spielkonsolen, kein Lego- und kein Disneyland. Wir sind im Jahre 1950 Mark Twains Huck Finn näher als der heutigen Jugend. Wir haben die Weser und unseren Abenteuerspielplatz, der Strand heißt. Hier lerne ich lesen, indem ich Schiffsnamen zu entziffern versuche. Plötzlich kann ich lesen, es ist wie eine Erleuchtung. Ich renne nach Hause, renne Oma in der Küche beinahe um: Oma, ich kann lesen! Ich habe einwandfrei einen Schiffsnamen gelesen: ANNA. Mehrfach. Und rückwärts. Gut, das war einfach, aber ich bin erst fünf. Später werde ich auch schwierige Schiffsnamen lesen. Und einwandfrei englische Schiffsnamen aussprechen können. Wie die Flying Enterprise, die ich zweimal in der Wochenschau gesehen habe, wie sie in der Nordsee am Sinken ist und ihr Kapitän noch eine Woche an Bord bleibt. Heldenhaft. Macht aber nur versicherungstechnisch einen Sinn. Oder man hat eine geheimnisvolle Ladung an Bord.

Geheimnisse um Schiffe sind immer gut, wenn man jung ist und es noch kein Fernsehen und kein Leben aus zweiter Hand gibt. Bei uns gibt es auch kleinere Schiffsunglücke. Manchmal kriegt ein Kümo die Kurve vom Schönebecker Sand nicht und läuft auf unseren Strand auf. Dann muß man sofort nach Hause rennen, um einen Photoapparat zu holen. Sonst passiert da nicht viel, die werden beim nächsten Hochwasser von einem Schlepper in die Weser zurückgezogen. Wir radeln nach Burg, um Burmesters Ashanti zu sehen, eine riesige Segelyacht ganz in Schwarz. Und dann dieser Name, Ashanti, geheimnisvoll. Wir schätzen Bruttoregistertonnen, in dem Spiel werden wir richtig gut, so dass wir jedes vorbeiziehende Schiff größenmäßig klassifizieren können. Wer zu genaue Angaben macht, hat morgens die Schiffsnachrichten in den Bremer Nachrichten oder dem Weser Kurier gelesen und wird sofort disqualifiziert.

Wir erkennen die Reederei am Schornstein oder der Reedereiflagge, wir kennen die Flaggen von beinahe allen Ländern. Die Schiffe haben noch seriöse Reedereien und seriöse Heimathäfen, das Ausflaggen hat noch nicht begonnen. Die Handelsmarine trägt noch Uniform. Wie die aussieht wissen wir, es gibt in der Hafenstraße mehrere Schiffsausrüster. Da kann man auch die doppelt gezwirnten cremefarbenene Baumwollhosen kaufen, die ich mein ganzes Leben lang tragen werde. Modegeschichtlich gesehen tauchen die cremefarbenen Hosen schon im England des 18. Jahrhunderts auf, der junge Werther wird sie zum blauen Frack tragen. Später heißen sie Nankinghosen. In der chinesischen Provinz wächst eine gelbe Baumwolle, die man nicht zu färben braucht. Büchners Leonce wird von der Kälte um sich herum sprechen, als sollte er in Nankinghosen Schlittschuh laufen. Früher waren die Hosen vom Schiffsausrüster, heute sind sie von Valentini aus Italien und sauteuer. Aber mit gelben oder roten englischen Schuhen und einem blau-weißen Hemd ist man damit immer gut angezogen. Wenn man sie so richtig schön weich getragen hat, sind sie meistens leider schon hin und werden von Müttern oder liebenden Frauen entsorgt.

Die einfachste Art, Schiffsplanken unter die Füße zu bekommen und auf der Weser zu fahren, ist es, die Fähre nach Lemwerder zu nehmen. Wenn man nicht Schlepperkapitäne so lange anbettelt, dass sie einen auf einer Leerfahrt bis nach Farge mitnehmen, da muß man aber Geld für den Bus mit dabeihaben, um wieder nach Hause zu kommen. Das erzählt man auch nie den Eltern. Die Fähre gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, das ist urkundlich belegt. Fähre bedeutete durch die Jahrhunderte ein Ruderboot. Für den Personenverkehr wurden noch bis ins 20. Jahrhundert Ruderboote eingesetzt. In den fünfziger Jahren gab es die noch auf der Lesum: man schlug eine Glocke am Ufer an, und schon kam der Fährmann mit dem Ruderboot. In den zwanziger Jahren übernahm Wilhelm Niekamp aus Lemwerder die Fähre, seitdem hat diese Familie die Weserfähren unter sich. Niekamp ließ bei Lürssen die Hol Ober bauen, die dann später die Badegäste zum Schönebecker Sand brachte. Da habe ich Schwimmen gelernt. 1935 wurde die Stedingen bei Abeking gebaut, die bis 1958 fuhr. Da passten schon 260 Personen drauf. Die Fährleute waren gewieft darin, die Fähren so voll wie möglich zu kriegen. Erst wenn die Fähre voll wie eine Sardinendose war, fuhr sie ab. Manchmal, wenn man das letzte Auto war, gab es Unterlegkeile für das Auto, und das Heck des Wagens schwebte über der Weser. Da habe ich auf dem Rücksitz immer gebibbert. Und gebetet, dass wir nicht rückwärts in die Weser kippen. So etwas passiert heute nicht mehr, die Fähren sind nicht mehr hellgrün wie die alte Stedingen. Es sind bunte, stromlinienförmige Monster, die im Zehnmitutentakt verkehren. Die Fährromantik ist dahin.

Wir haben einen Ruderverein, direkt am Strand in dem seltsam modernen Haus, das Ernst Becker-Sassenhoff dem Verein in den zwanziger Jahren gebaut hat. War nach dem Krieg erstmal ein Kindergarten drin, nicht eine KITA wie heute. Der war nur für Kriegswaisen und Kinder sozial schwacher Eltern. Kostete 1947 eine Mark pro Kind und Woche. Aber dann eroberte sich der Ruderverein sein Vereinshaus zurück, und der Kindergarten zog um. War zuletzt in der Villa der Familie Leffers, die die Evangelische Kirche 1957 von der Familie gekauft hat, die ihr Klamottenimperium ja peu à peu verloren hat. Das Beste am Ruderverein ist der Anleger, zu dem ein kleines Gleis von Vereinhaus führt. So können die Ruderer ihre Boote auf einem kleinen Wagen bis zum Wasser befördern.

Da die Ruderer meistens nicht da sind, können wir im Sommer auf dem schwimmenden Anleger liegen und die Hände ins Weserwasser halten. In der Saison kann man sogar mit der Hand kleine Aale fangen. Das Weserwasser ist damals noch so sauber, dass man die Fische im Wasser sehen kann. Wir werfen die kleinen Aale sofort wieder ins Wasser, es kommt uns nur auf die Geschicklichkeit an, nicht aufs Mittagessen am Freitag (es gibt in Bremen immer Fisch am Freitag, schrecklich). Man kann auf dem hölzernen Anlieger auch einfach nur in der Sonne liegen und nach den Schiffen gucken. Wenn ein großer Pott die Weser herauf kommt, lösen sich am Schreiber Anleger jetzt zwei Schlepper, wenn er auf unserer Höhe ist. Sie gleiten durch das Wasser, legen sich neben ihn und begleiten ihn bis Bremen. Neben dem Anleger ist die Signalstation, die mit Körben den Wasserstand der Weser anzeigt. Den Pfeil für Ebbe und Flut brauchten wir gar nicht, wir können an den Bojen im Fluss ablesen, ob die Weser steigt oder fällt.

Dass Vegesack seit dem Jahre 1900 einen Ruderverein hat, erfährt ganz Deutschland im Jahre 1952, als der Zweier mit Steuermann bei den Olympischen Spielen in Helsinki (die ersten, an denen Deutschland wieder teilnehmen durfte) eine Silbermedaille erringt. Jubelfeiern im Ort. Schulfrei bei der Begrüßung der Helden. Es gibt auch einen großen Ball, auf dem meine Mutter mit einem der Helden, Heinz-Joachim Manchen, tanzt. Es gibt ein Photo davon. Heinz-Joachim Manchen hat wahrscheinlich einen Deal mit dem Photographen, denn jede Frau des Ortes tanzt heute mit ihm in der Strandlust. Und wird dabei photographiert. Mit dem Steuermann Helmut Noll tanzt niemand. Der ist noch Schüler, nur wenig älter als ich, sein Bruder war mit mir in der Volksschule. Für einen Zweier-Mit nehmen sie ja immer so leichtgewichtige Zwerge, olympische Kinderarbeit. Die Bälle des Rudervereins werden ab 1957 Tradition in der Strandlust. Man muss ja geradezu im Ruderverein sein, gilt im Ort als fein.

Mein Vater ist auch Mitglied, obgleich er nie gerudert hat. Mein Bruder ist Mitglied, aber seine Karriere als Ruderer endet nach 12 Flusskilometern durch eine Kollision mit einem Schlepper. Und ich muß ihn dann mit seinen ganzen nassen Sachen irgendwo nördlich von Farge abholen. Ich war sowieso sauer, weil ich am Vormittag fünf Mark für das Befahren der Strandstrasse ohne Genehmigung geblecht hatte, als ich ihn mit seinem Gepäck zum Ruderverein gebracht habe. War der einzige Polizist des Ortes, der nicht bei meinem Vater Patient war, alle anderen hätten mich nicht aufgeschrieben. Mein Bruder wird mit diesem Ereignis auch seine Karriere im VRV beenden und Mitglied im Weser Yacht Club werden. Mein Vater wird irgendwann für langjährige Vereinszugehörigkeit die silberne Ehrennadel bekommen.

Auf dieser Feier bekommt unser Nachbar P. die goldene Ehrennadel, er soll auch eine kleine Rede halten. Allerdings ist der prollige P. so besoffen, dass er vor dem Mikrophon nur dieses eine schmutzige Tätigkeitswort herausbekommt, das mit dem Buchstaben F beginnt. Es dauert ungefähr 32 Wiederholungen des F-Worts, bis man P. das Mikrophon abgestellt und ihn vom Podium weggezerrt hat. Auch eine Sternstunde des VRV. Ist meinem Vater schrecklich peinlich, dass er just an diesem Abend die silberne Ehrennadel bekommen hat. Als man durch die Kanalisierung der Weser dem Ort den schönen Strand genommen hat und durch eine Spundwand ersetzt hat, muß auch der VRV weichen. Er ist heute in Grohn an der Lesum in der ehemaligen Wasserschutzpolizeistation zu Hause.

Alle diese Weservertiefungen sind natürlich völliger Unsinn gewesen, heute laden Containerschiffe in den Nordseehäfen ein und aus, die Weser befährt niemand mehr. Da hätten wir auch unseren schönen Strand behalten können. Mit dem hölzernen Anleger des Rudervereins, durch dessen Planken man die Weser sehen konnte. Dass das Haus des Rudervereins einmal ein Klassiker der Baukunst der zwanziger Jahre war, weiß heute kaum noch jemand. Es heißt dann Papageienhaus, weil irgendjemand in den achtziger Jahren darin Papageien gehalten hat. War wohl auch eine Art Künstler WG, alle Fenster in knallbunten Farben. Furchtbar.

Morgens werde ich wach vom Tuten der Nebelhörner von der Weser her. Es ist ein ungeheuer beruhigendes Geräusch in meiner Kindheit, im warmen Bett zu liegen und die Nebelhörner tuten zu hören. Wirklich wach werde ich von den Vulkanesen, wie die Arbeiter des Vulkans heißen. Die tragen schwere, genagelte Arbeitsstiefel und marschieren zu hunderten die Weserstraße entlang zur Arbeit, jetzt weiß ich, dass es gleich sieben Uhr sein wird. Das Radio sagt, dass im Hamburger Arbeitsamt in der Admiralitätsstraße noch Schauerleute gesucht werden, jeden Tag. Admiralitätsstraße. Klingt toll, die Wirklichkeit ist nicht so toll. Viele, die in Hamburg hinter den eisernen Gittern aufgereiht in der Schlange stehen, werden keine Arbeit finden.

Aber in den fünfziger Jahren gibt es in Vegesack Arbeit, hier boomt der Schiffbau. Der Bremer Vulkan ist die zweitgrößte Werft Bremens, und im Gegensatz zur AG Weser ist sie kaum das Ziel von Bombenangriffen gewesen. Der Direktor des Vulkans, der ehemalige Wehrwirtschaftsführer Robert Kabelac, kann 1949 schon feststellen, dass seine Werft voll wettbewerbsfähig sei, zu dem Zeitpunkt liegt die AG Weser noch in Schutt und Asche oder ist demontiert. Der Vulkan gehört Heini Thyssen, das ist ausländisches Kapital, das bombardiert man nicht. Das Petersberger Abkommen von 1949 erlaubt wieder den Schiffbau, allerdings nur bis zu einer gewissen Schiffsgröße. Diese Einschränkungen werden 1950 im Zweiten Petersberger Abkommen aufgehoben.

Wo der Petersberg ist, weiß sogar ein kleiner Norddeutscher wie ich, obgleich die Welt der Bremer ja eigentlich südlich des Weserwehrs zu Ende ist. Mammi hat da Tante Erna in Neuwied am Rhein besucht. Vati und ich fahren mit unserem nagelneuen blauen Opel Olympia nach Neuwied, um sie abzuholen. Wir geraten in die halbe englische und amerikanische Armee, die den Petersberg absichert. Auf dem einzigen Stück Autobahn, auf dem wir fahren, stecken wir stundenlang in einer Panzerkolonne fest. In Neuwied sehe ich zum ersten Mal den Rhein vom Ende des parkartigen Gartens von Tante Erna. Doch das ist für mich kein beeindruckendes Erlebnis, die haben hier ja keine richtigen Schiffe wie auf der Weser.

Nicht die großen Pötte jener amerikanischen Reederei, die jede Woche die Weser herauf kommen. Die tragen den Namen der Reederei LYKES LINE in riesigen weißen Buchstaben an der schwarzen Schiffswand. Sie bringen alle Güter des Marshallplans aus Amerika die Weser herauf. Der Wiederaufbau Deutschlands gleitet unter unseren Augen am Strand vorbei. Was der Marshallplan ist, weiß jedes Kind. An allen möglichen Dingen wie zum Beispiel in Eisenbahnwaggons steht auf einem kleinen Schild finanziert aus Mitteln des Marshallplans. Wir erfahren nicht, dass dieser unbekannte Wohltäter im eigenen Land von einem Senator aus Wisconsin namens Joseph McCarthy einer Konspiration mit den Kommunisten verdächtigt wird. Dass Marshall 1953 den Friedensnobelpreis bekommt, das können wir in der Wochenschau sehen.

Hatte sich der Vulkan in den ersten Jahren mit Reparaturaufträgen und dem Bau von Fischkuttern über Wasser gehalten, so sind sie jetzt wieder groß im Geschäft. Sie suchen dringend Arbeiter. Im zweiten Weltkrieg haben sie in großer Zahl Zwangsarbeiter beschäftigt. 1945 wird sich Robert Kabelac, wenn man seinen Worten glaubt, geradezu rührend um sie sorgen:

Dann bestellte ich die Vertrauensleute der fremden Nationen, die ich davon in Kenntnis setzte, dass ich am Montag den Betrieb wieder anlaufen lassen wolle und es ihnen freistelle, mitzuarbeiten oder nicht: Die Vertrauensleute sagten mir, dass der überwiegende Teil der Ausländer unverzüglich in die Heimat zurückkehren wolle. Ich empfahl den Leuten, nicht in wilder Flucht davonzulaufen, sondern mit ordnungsgemäßen Papieren und nach Empfang des fälligen Lohns die Heimreise anzutreten. Am Mittag teilte mir meine Frau mit, dass sie beim Einkaufen einen Amerikaner gesehen hatte.

Man muss diesen Stil bewundern, die Heimreise antreten, als ob am Bahnhof Vegesack ein Zug mit Erster Klasse Waggons nach Polen stände. Und die dreizehntausend Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Insassen in Farge, wo unter Kabelacs Federführung unter dem Nazi-Tarnnamen Valentin der U-Bootbunker für den Vulkan gebaut wurde, erwähnt er hier irgendwie nicht. Dr Kabelac geht unbeschadet, wie große Teile der Nazi Elite, seinen Weg vom Dritten Reich in die Adenauer-Republik. 1959 ist er Präses der Bremer Handelskammer, das KZ in Farge wird nie erwähnt. Ich sehe Kabelac in meiner Jugend jeden Tag in der Weserstraße, wenn er mit seinem Hund spazieren geht. Obgleich sich sonst hier in der Straße beinahe jeder grüßt, Robert Kabelac grüßen meine Eltern und ich nie. Kabelac wohnt zwei Häuser neben dem eindrucksvollen Gründerzeithaus der Leos, der jüngste aus der Familie hat mit Flut und Boden einen Roman über die Familie geschrieben. In der es auch Nazis gab. Man weiß im Ort, wo die wohnen. Aber man schweigt lieber darüber, bis ein Journalist aus Vegesack wie Günther Schwarberg das Buch Das Getto schreibt, bis der Pastor Ingbert Lindemann das Buch Die H. ist Jüdin! schreibt, bis Per Leo über seine Familie schreibt.

Stapelläufe und Schiffstaufen beim Vulkan sind natürlich Ereignisse, bei denen jeder aus dem Ort dabei sein muß. Wenn es bedeutende Schiffe sind, gibt es dafür auch schon mal schulfrei. Und bevor man von den Vulkanesen da weggejagt wird, guckt man sich noch einmal fachmännisch die dicke Seifenschicht an, auf der der Neubau gleich in die Weser gleiten wird. Natürlich werden die Holzklötze nicht mehr von zum Tode verurteilten Gefangenen weggekloppt, das machen jetzt Vulkanarbeiter. Aber Unfälle gibt es dabei auch immer wieder. Oben auf dem Holzgerüst wirft die Taufpatin die Sektflasche an das Schiff. Gelingt nicht immer beim ersten Mal, soll dann Unglück bringen. Seeleute sind, ebenso wie meine Mutter, abergläubisch.

Ich bin über die genauen Daten aller Stapelläufe immer bestens informiert. Mein Vater hat viele Werftarbeiter als Patienten, und die erzählen ihm alles, was auf der Werft so läuft. Und unser netter Nachbar Bruno Trube mit den hübschen blonden Töchtern (beide Stewardessen, ein neuer Beruf in den fünfziger Jahren, aber leider beide zu alt für mich) ist Oberingenieur beim Vulkan. Der weiß auch alles über die Werft. Nach seinem Tod wird ein richtiger Vulkandirektor neben uns einziehen, durch den ich eines Tages auch den Besitzer des Bremer Vulkans, den Baron Hans Heinrich Thyssen, kennenlernen werde. Natürlich auf der Strandstraße. In einem kleinen Ort wie diesem braucht man eigentlich keine Zeitungen und kein Radio, alles wird weitererzählt. Den Skandal um den planlosen Umbau des Tenders Neckar für die Bundesmarine erzählen die Lürssen Arbeiter meinem Vater Jahre bevor der Bundesrechnungshof merkt, was das den Steuerzahler gekostet hat.

Mein Vater hat natürlich auch Schiffsbauer von Abeking und Rasmussen auf der anderen Weserseite als Patienten. Schiffstaufen sind hier eine Spur intimer und privater. Noch privater ist es natürlich, wenn Freunde meiner Eltern wie Hermann Bögel ihr erstes Schiff zu Wasser bringen und ich alle Beteiligten kenne. Leider dürfen wir Kinder nach Schiffstaufe und Stapellauf in Rekum nicht mit auf die kurze Jungfernfahrt nach Bremerhaven. Ist auch für manche ganz gut, denn einige der Eltern sollen fürchterlich betrunken gewesen sein. Die brauchen wir in diesem Zustand dann nicht zu sehen. A+R hat in den USA einen guten Namen, die Häfen der ganzen Ostküste der USA sind voll mit Booten von Abeking und Rasmussen. Viele amerikanische Millionäre lassen es sich nicht nehmen, zur Taufe nach Lemwerder zu kommen, bevor ihnen die Yacht in die USA geliefert wird. Die Herren meistens in hellen Regenmänteln, die Damen in Pelzmänteln.

Als ein amerikanischer Offizier, der Segler war, 1945 entdeckte hatte, was da auf der anderen Weserseite war, hat er die ganze Werft erstmal mit Off Limits und Out of Bounds Schildern zugepflastert. Und alle Yachten für recreation purposes beschlagnahmt. Die Engländer, die das gleiche vorhatten, kamen einen Tag zu spät. Die hatten natürlich auch jemanden, der ein Exemplar von Uffa Fox’ Buch über Segelboote besaß. Die Amerikaner werden übrigens eines Tages alle beschlagnahmten Boote zurückgeben. Bis auf eins. Angeblich von Engländern geklaut. Obgleich die Engländer genügend Segelboote besaßen, General Horrocks hatte bemerkt, dass alle Segelyachtbesitzer ihre Boote in kleinen Nebenflüssen der Weser versteckt hatten und hatte alle requiriert (die Hälfte davon musste er später an die Royal Navy abgeben).

Der größte Exportrenner von Abeking wird in den fünfziger Jahren die sogenannte Concordia Yawl sein, die A+R neunundneunzig Mal in die USA liefern. Es ist ein zwölf Meter langes Boot (eine amerikanische Vorkriegskonstruktion), die schnell das Lieblingsspielzeug der feinen Gesellschaft Neuenglands und der Ostküste werden soll. In dem Buch zur 90 Jahr Feier der Werft hat Elizabeth Ernst Meyer eine literarische Liebeserklärung an dieses Boot verfasst. Elizabeth Ernst Meyer ist die Enkelin von Agnes Elizabeth Ernst, die den Multimillionär Eugene Meyer geheiratet hatte. Das ist die Frau, die Tommy Mann im Exil durchgefüttert hat. Und in seinen Tagebüchern äußert er sich häufig sehr despektierlich über sie. Dabei ist sie eine hochgebildete Frau. Wahrscheinlich mag unser Nobelpreisträger (der in seiner Jugend auch in einem A+R Ruderboot gerudert ist, das die Familie Pringsheim bestellt hatte) das nicht.

Die Enkelin hat übrigens nicht nur eine schöne Abeking und Rasmussen Yacht, sie besitzt auch die Endeavour, die schönste Yacht der J-Klasse der dreißiger Jahre. In den fünfziger Jahren baut man in Lemwerder noch Holzboote für alle Segelklubs an Weser und Elbe, Nord- und Ostsee und für das finanzkräftige Bürgertum. Heute baut man Yachten für Scheichs und Multimillonäre, die nicht genannt sein wollen. Die kommen auch nicht mehr zu den Stapelläufen. Und man käme da auch nicht mehr so einfach rein wie in den fünfziger Jahren, das ist schon eher ein Hochsicherheitstrakt. 1945 hatte man noch aus den geretteten Holzvorräten, die der spätere Werftdirektor Horst Lehnert im Hafen von Lemwerder und in der Weser versenkt hatte, noch Schubkarren und Handwagen gebaut. Brauchte man damals eher als ein Segelboot. Henry Rasmussen wird sich mit einer Sondergenehmigung ein fünf Meter langes Segelboot bauen, das ist wirklich bescheiden. Die Germania VI, die er eines Tages für Krupp baut, ist zwanzig Meter länger.

Mein Vater überlegt sich irgendwann in den fünfziger Jahren, ob wir uns nicht ein Motorboot mit Kajüte kaufen sollten, dafür würde er sogar einen Motorbootführerschein machen. Wir sind im Sommer zuvor immer mit der Familie von Harten mitgefahren. Aber deren Motorboot hat keine Kajüte, und der Motor hat immer Aussetzer. Ich werde ein Meister im Rausdrehen und Reinigen von Zündkerzen. Aber dennoch, es ist ein tolles Erlebnis, langsam in Ufernähe die Weser entlangzutuckern, in die Ochtum hinein oder die Lesum herauf bis Ritterhude. Gutes Wetter vorausgesetzt. Auch wenn ich immer ein Ölkännchen in der Hand habe.

Es ist auch viel einfacher, als mit Käpten Janßens schwerem Ruderboot mit Ekke auf der Lesum zu rudern. Aber je langsamer man auf dem Fluss ist, desto mehr sieht man vom Fluss und der Landschaft. Wir besichtigen zwei Sommer lang Motorboote, die bei kleinen Werften links und rechts der Weser liegen. Es ist erstaunlich, wie viele kleine Werften es noch gibt. Der Vater meines Klassenkameraden Dirk Havighorst hat auch eine. Er hat auch eine bedeutende Sammlung von alten Photographien von allen Schiffen und Werften an der Weser zusammengetragen. Die Havighorsts sind in Blumenthal seit 1809 im Geschäft, Schiffsbauer in der x-ten Generation. Die Werft ist zwar nur eine kleine Klitsche, aber wunderbar zum Spielen. Als die Pasteur beim Vulkan zur Bremen (dem Nachfolger der berühmten Bremen) umgebaut wird, hat Dirks Vater die alten französischen Rettungsboote gekauft. Die haben für jeden Passagier eine kleine Kurbel für den Antrieb, man braucht mindesten sechs Mann zum Kurbeln, bevor man mit einem solchen Boot auf der Weser Fahrt aufnehmen kann.

Motorbootbesichtigungen sind immer interessant, weil natürlich immer eine Probefahrt damit verbunden ist. So bekommen wir mit der Zeit eine ganze Menge Flusskilometer zusammen. Beim zweiten Termin bringt mein Vater immer einen seiner Kapitänsfreunde mit, das sehen die Werftbesitzer nicht so gerne. Wenn Hugo Gottsmann seinen Marlspieker aus der Tasche holt, ihn aufklappt und mal kurz in das Holz bohrt und dann ein sorgenvolles Gesicht macht, dann wissen die Werftbesitzer, dass aus diesem Motorbootverkauf nichts wird. Alle Motorboote haben einen Mercedes 170er Dieselmotor, auch die Vorkriegsboote sind inzwischen darauf umgebaut worden, ist offensichtlich das Beste, was Mercedes nach dem Krieg gebaut hat. Aber irgendwie können wir uns mit dem Motorbootkauf nicht entscheiden, zu alt, zu teuer (was bei A+R liegt, können wir uns eh nicht leisten), zu klein, zu groß. Irgendwann gibt mein Vater den Plan mit dem Motorboot auf und kauft für die Familie ein kleines Wochenendhaus am Zwischenahner Meer. Mit A+R Jolle am Bootssteg. Ich werde noch von Freunden auf allen möglichen Booten mitgenommen werden.

Uwe kauft sich irgendwann einen schönen Jollenkreuzer aus Holz. Es sollte unbedingt ein Jollenkreuzer sein, damit er mit diesem Boot auch in der Zuidersee segeln kann. Unsere erste gemeinsame größere Segeltour findet allerdings nicht statt. Ich stehe mit meinem Seesack an Uwes Boot, das im Binnenhafen von Oldenburg liegt, Uwe ist nicht da. Nach einer halben Stunde kommt der Hafenmeister. Sagt mir, dass wenn ich den Besitzer von dem Jollenkreuzer suche, ich zum Krankenhaus nach Kreyenbrück fahren müsse, der Skipper hätte einen Unfall gehabt. Der Skipper liegt betrunken in einem Erster Klasse Zweibettzimmer. Im Nachbarbett ein Springreiter, auch betrunken. Uwe hat sich beim Anbordgehen einen Fuß gebrochen, der Springreiter, auf den sein Pferd gefallen ist, hat sich das Bein gebrochen. Sonst sind sie kerngesund, deshalb sprechen sie dem Alkohol zu. Unsere Zuiderzeetour muß ausfallen. Das Pferd des Springreiters ist unverletzt geblieben.

Februar 1962, es ist kalt und windig. Na ja, eigentlich ist es schon ein Sturm, aber Bremer, die das so das ganze Jahr über gewöhnt sind, neigen bei Windstärke 9 oder 10 noch nicht zu Übertreibungen. Ich sitze mit Charlie bei Konnie Krämer im Fährhaus. Das hat Konnie schon dichtgemacht, aber uns schenkt er noch ein Bier ein, geht aufs Haus. Konnie braucht uns noch. Die Weser ist beunruhigend hoch, das vom Sturm herein gedrückte Wasser fließt nicht ab, eigentlich sollte jetzt Ebbe sein, aber die Weser ist auf der normalen Fluthöhe, Meter über dem Ebbepegel. Die Nacht ist blauschwarz, die Wolken fegen nur so dahin. Wir schrauben mit Konnie zusammen die eisernen Platten vor die Kellerluken, dichten alles mit Säcken und gefettetem Tauwerk ab. Auch die Eingangstür, die einen Meter höher liegt. Wir trinken noch ein Bier. Das kommt nicht bis hier, sagen wir, und klettern hinten durch ein Hoffenster aus dem Haus.

Nachts will ich noch meinen üblichen Weserspaziergang mit dem Hund machen, da steht die Strandstraße schon unter Wasser. Das geschieht häufiger, das ist noch keine Gefahr. Wir alle wissen noch nicht, was in der Nacht noch kommt. Hamburg wird es schlimmer treffen als Bremen, dies sind die Stunden des Mythos von Helmut Schmidt, der seinen Bürgermeister Paul Nevermann entmachtet und mit dem Herbeiordern von NATO-Kräften gegen alles verstößt, was in der Verfassung steht. Aber vielleicht muss es dieser Mann in diesem Augenblick sein, das Fernsehen wird ihn lieben. Überall an der deutschen Bucht wird es kleine Helden geben, die im richtigen Moment das Richtige tun, größeren Schaden verhindern. Sie alle kommen nicht ins Fernsehen, nur Helmut Schmidt. Die Hochwasser von 1976, 1981 und 2007 werden höher sein als das von 1962. Und man wird diese Sturmfluten auch ohne Helmut Schmidt überstehen. Für die beteiligten Bundeswehrkräfte wird es 1962 einen Orden geben, der sogenannte Sandsackorden wird der erste Orden sein, den die junge Bundeswehr verleiht. In Huchting wird es große Schäden geben, wir kommen in Vegesack mit Schrammen davon.

Am nächsten Morgen ist schulfrei, Peter und ich fahren mit dem Bus nach St. Magnus, um uns das Ausmaß der Überschwemmung anzusehen. Der Admiral Brommy Weg an der Lesum steht unter Wasser und die Lesumwiesen auch. Das ist bei jedem Hochwasser so, die Wiesen hinter den Deichen sind eigentlich Sollbruchstellen. Gefährlich wird das erst in der Zukunft, wenn man sinnlos an allen Nebenflüssen Sperrwerke einrichtet und den Fluss durch Vertiefungen noch weiter kanalisiert. In Grohn schippt Kapitän Janßen Wasser aus seinem Keller und die umstehenden Gaffer beschweren sich, dass sie dabei nass werden. Ich verdrücke mich mit Peter schnell, bevor Hein Janßen mich erkennt, sonst sind wir auch noch mit Schippen dran. Wenn dies schon komisch ist, dann kann man das noch steigern.

Als wir zur Strandstraße kommen, steht da schon unsere halbe Schule vor dem Haus des Direx neben dem Ruderverein. Den hatte die Polizei nachts noch aufgefordert, das Haus zu verlassen. Hat er nicht getan, glaubte nicht daran, dass das Wasser noch steigen würde. Immerhin hat er nachts vorsichtshalber die Abiturarbeiten mit nach oben genommen. Jetzt ist das ganze Lehrerkollegium damit beschäftigt, klitschnasse Teppiche und feuchte Sessel aus dem Erdgeschoß zu räumen und auf das Gelände des Rudervereins zu tragen. Schüler geben gute Ratschläge, vor allem den Lehrern, die zwei linke Hände haben. Kein Schüler fasst mit an. Irgendwie sind alle der Meinung, dass dieser Schaden auch eine Strafe für Dummheit ist. Konnie Krämer wird kein Weserwasser in Keller und Kneipe haben, jeder, der hier wohnt ist Hochwasserprofi, mit Ausnahme des Direktors des Gymnasiums.

Sonne, Mond und Sterne. Als ich noch klein bin, gehen meine Eltern mit mir Laternelaufen. Eigentlich begleite ich sie nur auf ihrem normalen Abendspaziergang, jeder hier im Ort macht einen Abendspaziergang die Weser entlang. Wenn nicht das Laternelaufen wäre, wäre ich längst im Bett, so lange darf ich nur ganz selten aufbleiben. Als wir an die Weser kommen und den Stadtgartenberg hinuntergehen, kann ich mich nicht sattsehen. Der ganze Himmel auf der anderen Seite der Weser ist goldgelb, und unter diesem verschwenderisch dahingemalten Gold türmt sich ein blauschwarzes Gebirge auf, so wie der Kamm des Wiehengebirges hinter Tante Margrets Haus. Ich bin ganz still und gucke mir das Notturno in Blau und Gelb an. Whistler hätte es gefallen. Ein Gebirge auf der Oldenburger Seite der Weser habe ich noch nie gesehen. Am nächsten Morgen gehe ich zum Stadtgarten, aber das Gebirge ist weg. Man kann über die Weser bis Bookholzberg gucken. Ich wage meine Eltern nicht zu fragen, wo das Gebirge geblieben ist. Ich werde im Laufe der Jahre noch tausende von Sonnenuntergängen an der Weser sehen, aber keiner wird diesem magischen Moment gleichkommen. Der Himmelsmaler, der das Panoramabild auf der anderen Seite des Flusses malte, wiederholt sich nicht.


Zählt man Werra, Fulda und Weser zusammen, dann kommt man auf 751 Kilometer. Es ist der längste deutsche Fluss, da ist ein langer Post schon mal erlaubt.

Samstag, 11. November 2017

The dangers of speaking English


It’s a relief to know the truth after all those conflicting medical studies.
The Japanese eat very little fat and suffer fewer heart attacks than the British or Americans.
The French eat a lot of fat and also suffer fewer heart attacks than the British or Americans.
The Japanese drink very little red wine and suffer fewer heart attacks than the British or Americans.
The Italians drink excessive amounts of red wine and also suffer fewer heart attacks than the British or Americans.
The Germans drink a lot of beer and eat lots of sausages and fats and suffer fewer heart attacks than the British or Americans.
Conclusion: Eat and drink what you like. Speaking English is apparently what kills you.


Ich bekam den schönen Text über Alkohol und Fette in diesen Tagen zugeschickt. Es sind Texte wie dieser, die plötzlich da sind, niemand weiß, woher sie kommen. Der Text passt natürlich wunderbar zur Lage Englands und der Lage von Theresa May. Ebenso wie dieser Cartoon von Gerald Scarfe. Scarfe, ein echter Nachfolger von Hogarth, Gillray, Rowlandson und Cruikshank ist einundachtzig, aber er hat nichts von seiner Bissigkeit verloren. So böse war sein Kollege Ronald Searle nie. Theresa May ist zwanzig Jahre jünger als Gerald Scarfe, hat aber niemals der englischen Nation so viel Vergnügen bereitet wie Scarfe.


Donnerstag, 9. November 2017

9. November


Ein Tag der ewigen Schande für Deutschland. Der Begriff der Reichskristallnacht ist wahrscheinlich zuerst eher ein ironischer Ausdruck des Zorns gegen den barbarischen Terror gewesen, bevor die Nazis diesen Euphemismus zynisch für sich vereinnahmten. Mit dem Zerwerfen der Schaufensterscheiben kam die sogenannte Arisierung der Geschäfte, Enteignung, Vertreibung, Ermordung der Geschäftsinhaber.

Ich möchte heute eine kleine, leider wahre Geschichte erzählen, die mich seit Jahrzehnten verfolgt. In Bremen lebt man ja gerne mit der Vorstellung, dass wir Bremer alle immer vornehm und hanseatisch gewesen seien. Und wer hanseatisch ist, ist natürlich immun gegen den Nationalsozialismus. Es ist leider keineswegs so gewesen. Die Zahlen und Statistiken in dem hervorragenden Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich sprechen da eine ganz andere Sprache. Nein, die Bremer können nicht sagen, sie seien nicht dabei gewesen. Und die Flaggen auf der Obernstraße im Jahre 1938 auf diesem Photo sind auch nicht wegzuleugnen.

In meinem Heimatort Vegesack erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 30.8 Prozent der Stimmen. In keinem Bremer Wahlbezirk hat sie mehr Prozente erreicht. Im feinen Schwachhausen sind es immerhin 21.7 Prozent, das zweithöchste Ergebnis. Nur die Arbeiterstadtteile haben die Nazis nicht gewählt. Doch es sind diese Stadtteile, die von den Alliierten bombardiert werden. Sie werden die die schlimmsten Verluste haben, darin liegt eine Tragik. Meine Geschichte heute kommt wieder einmal, wie die Geschichte über meinen Freund Peter Gutkind oder die über die Bremer Revolution 1968, aus meinen unfertigen Bremensien, und sie beginnt mit meinem Schulweg. Springen Sie mit mir für einen Augenblick zurück in die Kindheit. Aber wir werden in dieser Zeit der Unschuld nicht verweilen können.

Wenn ich die Weserstraße mit meinem Ranzen entlanggehe, treffe ich manchmal Mitschüler wie Roder oder Gabi, und wir gehen gemeinsam zur Schule. Zwischen der Kimmstraße und der Breiten Straße kennen wir jede Gehwegplatte, weil wir hier Hüpfspiele wie Himmel und Hölle spielen oder die Platten einmal im Jahr hochnehmen, um nach Maikäfern zu suchen. In der Breiten Straße begegnen uns einmal in der Woche Kälber und quiekende Schweine, die zur Schlachterei Pohl in der Bahnhofstraße getrieben werden. Danach gehen wir bei Többens über den Zebrastreifen. Es ist der einzige Zebrastreifen über die Bundestraße 75, den wir im Ort haben. Deshalb soll ich diesen Weg nehmen, sonst könnte ich auch die Kimmstraße entlang gehen und dann bei Viole durch den Gang flitzen. Aber bei Viole, wo immer ein Fass mit Heringen vor der Ladentür steht, ist leider kein Zebrastreifen, und so muss ich bei Többens vorbei.

Neben Többens ist früher ein Schuhgeschäft gewesen. Da hat ein Verwandter meiner Großeltern bei der sogenannten Reichskristallnacht ein Paar Schuhe geklaut. Um dann morgens festzustellen, dass er zwei linke Schuhe erwischt hatte. Die Familie lacht immer noch über diese Geschichte, obgleich der Verwandte ansonsten ungern erwähnt wird. Der hatte nämlich in Osnabrück eine kriminelle Pleite hingelegt und war im Gefängnis gewesen, danach war er bei den Bremer Verwandten abgetaucht. Im Osnabrücker Land wollte er sich erstmal nicht mehr sehen lassen.

Wenn wir beim Zebrastreifen sind, macht Herr Többens seinen Laden gerade auf. Das ist ein Herrenmodegeschäft der armseligen Sorte. Ich grüße den Herrn Többens nie. Meine Eltern auch nicht. Wir kaufen da auch nicht, ich war nie in meinem Leben in dem Laden. Walter Caspar Többens ist ein Nazi gewesen und ein Kriegsverbrecher. Das mit dem Kriegsverbrecher habe ich lange nicht gewusst. Dass beinahe alle Vegesacker Geschäftsleute Nazis waren und viele in der SS waren, kommt eines Tages dank unserer Schulzeitung Das Echo heraus, die zum Entsetzen der Schulleitung einen gut recherchierten Artikel aus dem Neuen Deutschland über die Nazis in Vegesack nachdruckt. Dass die Ausgabe des Echo überhaupt erschien, war damals in der Adenauerrepublik immerhin ein kleiner Sieg der Pressefreiheit. Dass Többens ein Kriegsverbrecher war, erfahre ich erst durch einen photokopierten Artikel, den mir mein Freund Gert Börnsen Jahrzehnte nach Többens’ Tod gegeben hat. Ich hatte den Artikel C. geliehen, die auch aus dem Ort kommt, habe ihn aber nie wiederbekommen. Manche Leute sind ein Bermuda Dreieck für Leihgaben. Aber ich bekomme eines Tages heraus, wer den Artikel geschrieben hat, auch wenn ich die Photokopie von Gert niemals wiedersehe.

Der Verfasser heißt Günther Schwarberg, er schreibt für den Stern. Er ist in Vegesack geboren. Sein Vater war Lehrer an Opas Volksschule. Opa und Schwarberg Senior haben sich nicht ausstehen können, denn Schwarbergs Vater war ein Sozialdemokrat. Das ist für meinen kaisertreuen Opa ja das Schlimmste auf der Welt. Über die Többens dieser Welt macht Opa sich weniger Gedanken. Walter Caspar Többens ist 1954 gestorben, mit seiner Geliebten im Auto verunglückt. Zu dem Zeitpunkt ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht mehr gegen das CDU-Miglied, den gläubigen Katholiken und erfolgreichen Geschäftsmann. Aber 1949, da war er von einer Bremer Spruchkammer als Kriegsverbrecher verurteilt worden, zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. In Polen gab es ein Todesurteil gegen ihn, aber er ist der Auslieferung durch die Amerikaner zweimal durch Flucht entkommen. Und auch das Bremer Urteil wird nicht vollstreckt, nach 1950 wird in Bremen niemand mehr verfolgt. Das Vermögen bleibt nicht eingezogen. Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft und wohnt dann im feinen Schwachhausen. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist Bremer Wirklichkeit. Auf die wir nicht stolz sein können.

Günther Schwarberg, der auch die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm öffentlich gemacht hat, hat Walter Caspar Többens’ Geschichte in seinem Buch Das Getto: Spaziergang in die Hölle aufgeschrieben. Eine Musterkarriere im Dritten Reich: Arisierung der Firma von Adolf Herz in Vegesack, die fortan Többens heißt, dann Großunternehmer und Wehrmachtslieferant für Uniformen in Warschau. Millionengewinne. In Warschau kann man viel Geld machen, auch Oskar Schindler war ja ursprünglich nicht dahin gegangen, um gute Werke zu tun.

Die Deutschen haben sich nach dem Überfall auf Polen hier sozusagen wohnlich eingerichtet. Das kleine, sorgfältig gedruckte Büchlein Soldatenführer durch Warschau, das ich unter Vatis Unterlagen gefunden habe, vermittelt einem den Eindruck einer deutschen Mustersiedlung. Die Soldatengaststätte am Adolf Hitler Platz ist täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnet, Uniformen (wahrscheinlich bei Többens genäht) kann man im Deutschen Uniformhaus im Hotel Bristol (Bild) kaufen. Das Heft ist voller Anzeigen deutscher Firmen, von Thonet-Möbeln (Slotnastraße 9) bis Telefunken Radios. In dem Soldatenführer liegt auch eine Quittung des Geschäftes von Julius Meinl, wonach Vati (der damals als junger Leutnant durch einen Irrtum einen halben Tag vor der offiziellen Einnahme Warschaus als erster deutscher Soldat mit dem Jeep durch die menschenleere Stadt gefahren ist) für sechzig Gramm Butter und ein Pfund Keks eine Mark dreiundzwanzig bezahlt hat. Die Firma Julius Meinl hat nach 1939 über tausend Filialen in Europa, jetzt auch in Warschau. Der Soldatenführer durch Warschau (gekauft bei der Deutschen Buchhandlung, der Heim- und Pflegestätte deutschen Schrifttums) weist, ähnlich wie ein Baedeker, auch auf die architektonischen und landschaftlichen Schönheiten hin.

Die interessieren Walter Többens weniger. Er wäre ja aus dem Getto davongelaufen, wenn er nicht so gut verdient hätte, sagt er im Prozess. Und gut verdienen tut er. Für 1,4 Millionen Reichsmark kann er plötzlich das Bambergerhaus in Bremen kaufen. In den zwanziger Jahren im expressionistischen Backsteinstil erbaut, war es das erste Hochhaus in Bremen, hatte die ersten Rolltreppen. Und im Erdgeschoss kann man von einem Photomaton in acht Minuten acht Portraitphotos bekommen. Von den Bremern wurde das Kaufhaus liebevoll Bambüddel genannt. Es besaß sogar eine Armenküche. Julius Bamberger tat nicht nur gute Werke, er kämpfte auch zusammen mit dem Bremer Pastor Emil Felden gegen den grassierenden Antisemitismus. 1933 wird Bamberger vorübergehend verhaftet, flieht 1937 in die Schweiz. Baut sich in Paris eine neue Existenz auf. Als die Deutschen kommen, landet er im KZ. Kann wieder fliehen, diesmal in die USA. Er bekommt nach dem Kriege gerade mal 50.000 Mark für das, was man ihm weggenommen hat.

Walter Többens, der ehemalige mittellose Angestellte bei der Firma Leffers in Vegesack, der den Nazis und seiner kriminellen Energie sein Geld verdankt, ist zu dem Zeitpunkt schon wieder im Besitz seines ganzen Vermögens. Er hat kurz vor Kriegsende dank geschmierter Helfer in Berlin auch alles aus seinen Többens-Werken von Warschau und Poniatowa nach Delmenhorst verlagern können. Zu diesem Zeitpunkt kriegen kein Soldat und kein Flüchtling mehr einen Platz in einem Zug nach Westen, Többens kriegt ganze Eisenbahnzüge von seinem Kumpel Dr. Heinrich Lauts im Berliner Reichwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt. Das 1944 zerstörte Bambergerhaus ist 1955 wieder aufgebaut worden. Auch der Schriftzug Bamberger steht heute wieder am Haus, in dem jetzt die Volkshochschule residiert. Im Treppenhaus gibt es eine Dauerausstellung über das Leben und Wirken Julius Bambergers.

Zehntausende von jüdischen Arbeitern, die für Többens in Warschau und Umgebung Uniformen nähen, wandern ins KZ. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Többens, der mit einer Peitsche in der Hand durch seine Fabriken geht (sie aber natürlich nie benutzt hat, wie er im Prozeß sagt), ist Großunternehmer. Ein Oskar Schindler mit umgekehrten Vorzeichen. In dem Bremer Spruchkammerverfahren hatte der Verteidiger von Többens ihn in einem fünfstündigen Plädoyer als einen Wohltäter darzustellen versucht. Und sich zu der Behauptung verstiegen: Lebten die Juden aus dem Warschauer Getto noch, so stünde Többens nicht vor einem Gericht, sondern im Goldenen Buch von Palästina. 1988 legen die Nachkommen von Walter Többens eine kriminelle Millionenpleite hin.

Vor Jahrzehnten ist ein Bundestagspräsident nach dem 9. November zurückgetreten, weil er ein schlechter Redner war. Denn wäre der Philipp Jenninger am fünfzigsten Jahrestag des 9. Novemer 1938 rhetorisch versierter gewesen, und wären die Zuhörer bereit gewesen, ein rhetorisches Mittel wie das der erlebten Rede als ein rhetorische Mittel zu erkennen und nicht als eine Meinung des Redners, nichts wäre geschehen. Vielleicht wäre Jenninger besser beraten gewesen, wenn er einen kurzen Text von Erich Kästner vorgelesen hätte:

In jener Nacht fuhr ich, im Taxi auf dem Heimweg, den Tauentzien und den Kurfürstendamm entlang. Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen. (Erst später, hörte ich am folgenden Tag, seien Barfrauen, Nachtkellner und Straßenmädchen aufgetaucht und hätten die Auslagen geplündert). Dreimal ließ ich das Taxi anhalten. Dreimal wollte ich aussteigen. Dreimal trat ein Kriminalbeamter hinter einem der Bäume hervor und forderte mich energisch auf, im Auto zu bleiben und weiterzufahren. [. . .] In der gleichen Nacht wurden von den gleichen Verbrechern, von der gleichen Polizei beschützt, die Synagogen in Brand gesteckt. Und am nächsten Morgen meldete die gesamte deutsche Presse, die Bevölkerung sei es gewesen, die ihrem Unmut spontan Luft gemacht habe. Zur selben Stunde in ganz Deutschland - das nannte man Spontaneität. Ignatz Bubis hat übrigens ein Jahr nach Jenninger Teile aus Jennigers Rede vorgetragen. Es gab keine nationale Entrüstung.

Das Buch von Günther Schwarberg Das Getto: Spaziergang in die Hölle ist noch antiquarisch zu bekommen. Das Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich ist nach einem Vierteljahrhundert leider vergriffen (lässt sich aber auch noch finden). Man sollte sich bei Carl Schünemann und beim Senator für Kultur wirklich mal überlegen, ob man das nicht wieder auflegt. Der Kriegsverbrecher Walter Többens, den die historische Forschung jahrzehntelang unbeachtet gelassen hat, besitzt inzwischen einen Wikipedia Artikel und hier bei Bremen History eine informative Seite.

Dieser Text stand hier schon mehrfach. Ich stelle ihn an diesem 9. November noch einmal hier hin, genügend Brandstifter haben wir in Deutschland ja wieder. Und in diesem Jahr sitzen sie auch schon im Bundestag und wollen sich ihr Land und ihr Volk zurückholen.

Montag, 6. November 2017

Canis Pastoralis


Auf dem Wikipedia Kalenderblatt für den 6. November steht, dass der englische Arzt John Caius am 6. November 1510 geboren wurde. Das ist leider falsch, er wurde am 6. Oktober 1510 geboren. Er war ein berühmter Mann, war der Leibarzt von Edward VI, Queen Mary und Elizabeth I. Und er war Präsident des College of Physicians, wo er einen hervorragenden ➱Lexikonartikel hat. Ein College in Cambridge trägt noch heute seinen Namen. Ich erwähne ihn heute aus einem ganz bestimmten Grund. Als ich im Oktober 2016 den Post ➱Hunde schrieb, lag der erst schwer wie Blei herum. Aber dann kletterte der Post, der von den Hunden des Fürsten Bismarck und dem Bobtail der Beatles handelte, in ungeahnte Höhen. Ich bleibe mal eben bei den Bobtails und komme dann auf den berühmte Dr Caius zurück.

Ich traf am Wochenende bei einer kleinen Feier, zu der Dagmar eingeladen hatte, weil sie endlich wieder in ihre ➱Wohnung konnte,  einen der Architekten, der den Erweiterungsbau für die Kunsthalle Kiel entworfen hat. Eine geniale Konstruktion, in den Berg hineingebaut, bei gutem und schlechtem Wetter voller Licht (man kann auf diesem Photo einen Eindruck davon bekommen). Der Architekt erinnerte sich noch gerne an den Kunsthallendirektor ➱Jens Christian Jensen, der ihm ein verständisvoller Bauherr war. Ich habe damals in einer kleinen linken Universitätszeitung über die Neueröffnung geschrieben. Was witzigerweise zu einem Politikum wurde.

Das Landesbauamt II tagte einen ganzen Nachmittag lang und überlegte, ob man mich verklagen könnte. Weil ich geschrieben hatte, dass man für solch ein Bauwerk schon einen genialen Architekten brauchte und nicht diese Luschen vom Landesbauamt II. Ich war auch bei der Grundsteinlegung dabei gewesen, da hatte ich Fussel, den Bobtail meines Bruders, an meiner Seite. Als ➱Dr Dr Barschel zu reden begann, fing Fussel an zu bellen. Ganz laut und anhaltend. Hörte nicht auf, war lauter als Dr Dr Barschel. Ich bin dann lieber gegangen. Aber ich bin sicher, dass Fussel instinktiv den miesen Charakter von Barschel erkannt hatte. Man hält Bobtails immer für doof, aber es sind wirklich kluge Tiere.

Dr John Caius, der seinen Doktortitel von der Universität Padua hatte, kannte die heutigen Bobtails (die der Engländer Old English Sheepdog nennt) noch nicht. Aber er wusste viel über Hunde. Neben all seinen gelehrten Büchern über die Medizin hat er auch ein Buch über Hunde geschrieben. Darin gibt es natürlich ein Kapitel über die Hirtenhunde: The fourth Section of this discourse. Dogges of a course kind seruing for many necessary vses called in Latine Canes rustici, and first of the shepherds dogge called in Latine Canis Pastoralis. Das Werk von Caius, ➱De Canibvs Britannicis (hier in Latein und Englisch), ist das erste Werk, das eine vollständige Klassifikation der Hundewelt versucht. Als er das schrieb, war er nicht mehr Leibarzt der Königin Elizabeth. Weil er katholisch war. Er verliert nur das Amt, nicht den Kopf, es ist eine gefährliche Zeit. 1570 war nicht nur das Jahr, in dem das Buch De Canibvs Britannicis erschien, das er seinem Freund Conrad Gessner gewidmet hatte, es war auch das Jahr, in dem Pius V die Königin Elisabeth mit der Bulle Regnans in Excelsis exkommuniziert hat. Von nun an wird es schwer für die Katholiken in England, aber das wird John Caius nicht mehr erleben, weil er 1573 stirbt.

Samstag, 4. November 2017

Gänsemarkt


Der Gänsemarkt Hamburg ist ein charmanter Platz im Herzen der Innenstadt, um den herum sich Geschäfte mit junger Trendmode, eine Einkaufpassage sowie hanseatische Traditionsgeschäfte angesiedelt haben. Architektonisch wechseln sich Backsteinbauten mit Stuck verzierten Gründerzeit-Bauten ab. Cafés und Restaurants am Platz laden zum Verweilen ein, kann man heute im Internet lesen. Nichts als Kommerz. Wenn ich schon junge Trendmode lese, furchtbar. Wenn Sie Mode suchen, dann gehen Sie ein paar hundert Meter weiter zu ➱Rudolf Beaufays. Da gibt es zwar keine junge Trendmode, aber dafür englische Klassik. Das, was die anglophilen Engländer lieben. Und garantiert echter als das, was ➱Kledasche & Oelke den anglophilen Hamburgern verkauft. Deren Jacketts kommen nicht aus England, die kommen von Eduard Dressler.

Wir müssen mal eben ein wenig zurückspringen in der Zeit. Nicht ins Jahr 1881, als hier am hundertsten Todestag von ➱Lesssing das Lessingdenkmal zum Mittelpunkt des Gänsemarkts wurde. Und auch nicht ins Jahr 1788, als der Engländer William Kemnant in seiner English Library, Gaense Markt, Hamburgh jeden Monat einen Katalog aller englischen Bücher offerierte. Nein, wir müssen an den Anfang des 18. Jahrhunderts, als die Oper am Gänsemarkt die bedeutendste Oper der Welt war. Das Opernhaus sah nicht großartig aus, war keine architektonische Mißgeburt wie die Elbphilharmonie, über die heute jedermann redet. Als Stefan Gwildis da letztens aus ➱Storms Schimmelreiter gelesen hat, hat er gesagt: ➱Die Elphi ist doch ein Mistding. Wo er recht hat, hat er recht.

Als ich las, dass am 4. November des Jahres 1717 im Theater am Gänsemarkt in Hamburg die Uraufführung der Oper Trajanus von Reinhard Keiser aufgeführt worden war, dachte ich mir: darüber schreibe ich. Mit Reinhard Keiser kenne ich mich aus, weil ich im ersten Semester das ➱Proseminar Das europäische Drama und Theater des Barock bei dem Hamburger Theaterwissenschaftler Dr Diedrich Diederichsen besucht hatte. Dieser Diederichsen war nicht der bekannte Popliterat, es ist sein Vater gewesen. Schrieb in der renommierten Zeitschrift Maske und Kothurn, schrieb über Goethe und das komödiantische Theater in Deutschland und hielt auf einem Händel Kongress einen Vortrag (Zwischen Kunst und Kommerz: Organisationsformen der Barock-Oper). Schrieb definitiv nicht über Popkultur. Er war auch der Leiter der 1940 gegründeten Theatersammlung, die zu dem Lehrstuhl für Germanistik gehörte. Die Rolle des Hamburger Theaters im 18. Jahrhundert lag ihm am Herzen, und so gab es eine Menge über die Oper am Gänsemarkt zu hören.

Bevor ich jetzt zu schreiben begann, gab ich mal eben Gänsemarkt in dem kleinen Suchfeld ein, und zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass es schon einen Post mit dem Titel ➱Hamburger Oper gab. 2015 geschrieben, 2017 schon vergessen. Ist mir ein büschen peinlich. Es gibt für Gänsemarkt noch einen weiteren Post in diesem Blog, da geht es um den Tod eines dänischen ➱Königs in einem Hamburger Puff. Denn ehe sich die Hamburger Zeitungen um den Gänsemarkt herum ansiedeln, ist hier erst einmal ein Edelpuff. Und die Oper. Die zur Zeit von Reinhard Keiser eine bürgerliche Einrichtung ist, die anderen Opernbühnen sind im Deutschland der damaligen Zeit an Fürstenhöfen angesiedelt. Auch wenn die Finanzierung nicht immer solide ist (1717 ist man einmal pleite, und das Jahr 1738 markiert das Ende der Hamburger Oper), ist die Hamburger Oper einzigartig in Europa. Keine andere Oper in Europa hat so viele Stücke auf ihrem Spielplan, ➱Händel (der vier Opern für Hamburg schrieb) und ➱Hasse haben hier angefangen, ➱Telemann wird der letzte Direktor sein.

1697 übernahm ➱Reinhard Keiser die Stelle als Kapellmeister, von 1703 bis 1707 ist er Operndirektor. Er wird zwanzig Jahre in Hamburg bleiben. Es ist seine große Zeit, und es ist die große Zeit der Hamburger Oper. Kaiser schreibt bis zu vier ➱Opern pro Jahr, die auf große Publikumsresonanz stoßen. Er ist berühmt, vielleicht sogar exzentrisch. Händel auch, der hat sich auf dem Gänsemarkt mit Johann Mattheson duelliert. Und Mattheson, der ansonsten mit Keiser gut zusammenarbeitet, schreibt, dass sich Keiser in der Öffentlichkeit mehr als ein Cavallier, denn als Musicus betragen habe. Es ist viel Schmäh unter Künstlern. Von Zeit zu Zeit machte sich Kaiser bei der Obrigkeit unliebsam. Seine Oper Hamburger Schlachtzeit oder Der mißlungene Betrug fiel gleich nach der Premiere der Zensur zum Opfer. Weil darin einige Zeilen gegen den Reichtum der Pfeffersäcke standen:

Kein besser Mittel ist auf Erden
Geschwinde grosz und reich zu werden
Als kuppeln by dem Freyn
Die Müh ist leicht und klein
Ein Biszchen ungewissenhaft
Und ausverschämt zu seyn
Und trägt uns doch ein grosses ein.

Zum Weihnachtsfest 1728 wurde Keiser, der vorher vergeblich in Stuttgart und Kopenhagen versucht hatte, eine Anstellung zu bekommen, als Nachfolger von Mattheson zum Canonicus minor und Cantor cathedralis am Hamburger Dom ernannt. Dann schreibt er beinahe nur noch Kirchenmusik. Er bleibt bis zu seinem Tode in Hamburg. Nach seinem Tod wird Mattheson in seiner ➱Grundlage einer Ehren-Pforte sagen, dass Keiser der größeste Opern-Componist von der Welt gewesen sei. So berühmt Keiser zu seinen Lebzeiten war, so schnell hat man ihn nach seinem Tod vergessen. Die Gerüchte um seinen ausschweifenden Lebenswandel taten wohl das ihre dazu. Aber sein Kollege Telemann schrieb ihm einen Nachruf mit dem Titel Sonett auf das Absterben des berühmten Capellmeisters Keiser:

Ihr, die in Deutschlands Raum die Tonkunst Kinder nennet,
lasst Keisers Untergang nicht fühllos aus der Acht!
Er hat um euren Ruhm sich sehr verdient gemacht,
und manchen Ehrenkranz den Welschen abgerennet.

Da seine Jugend noch in erster Glut gebrennet,
wie reich, wie neu, wie schön, wie ganz hat er gedacht!
Wie hat er den Gesang zum vollen Schmuck gebracht,
den dazumal die Welt noch ungestalt gekennet!

Zu diesem zog ihn bloß ein angeborner Trieb,
durch den er, ohne Zwang der Schulgesetze, schrieb;
durch den wir mehr von ihm, als hundert Werke, lesen.

Wir ehren dein Verdienst, du Züchtling der Natur,
der, suchtest du gleich nicht der Kunst verdeckte Spur,
dennoch der größte Geist zu seiner Zeit gewesen.

Reinhard Keiser blieb nicht vergessen. Die Musikwissenschaftler haben alle Verdächtigungen bezüglich des liederlichen Lebens ausgeräumt, und ein wenig Cavallier wird man ja noch sein dürfen. Ulrich Schreiber hat in seiner hervorragenden Geschichte der ➱Oper im ersten Band beinahe zwanzig Seiten für die die Hamburger Oper und den größeste Opern-Componist von der Welt, und bei Amazon gibt es CDs noch und noch. Und bei mir gibt es heute Lasciami piangere, gesungen von Joyce DiDonato aus aus der Oper ➱Fredegunda (Naxos hat die Oper im Programm). Man sollte das ➱Lasciami piangere nicht verwechseln mit dem ➱Lascia ch'io pianga aus Händels Rinaldo, das Joyce DiDonato auch sehr schön singt. Händel, der in seiner Hamburger Zeit in gewisser Weise der Assistent von Keiser war, hatte nur Nettes über den größesten Opern-Componist von der Welt zu sagen.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Reformationstag


Der Krieg gegen Napoleon war zu Ende, das Freiwillige Bremische Jäger-Korps von Hauptmann Böse ist wieder aus Frankreich zurück. Man macht sich in Bremen daran, die Spuren des Franzmanns zu löschen. Die Spuren in der Sprache wird man nicht löschen können, viele Dinge, wie das sittschepö (si je peux), werden uns erhalten bleiben. Wenn man genauer hinschaut, dann war nicht alles schlecht, was die Franzosen verordnet hatten. Die Emanzipation der Juden zum Beispiel. Aber da gibt es in Bremen jemanden, der die völlige Austreibung der Kinder Israels aus der bremischen Republik für eine angelegentliche Staatssorge hält. Dieser Judenhasser ist nicht irgendjemand, der Mann heißt Johann Smidt (Bild), ein Mann, den man für den größten Bremer überhaupt hält.

Das tun nicht alle. Zur Feier seines zweihundertsten Geburtstag 1973 kommt der ehemalige Hamburger Bürgermeister Herbert Weichmann nicht nach Bremen, obgleich man ihn eingeladen hat. Er weist in einem Brief darauf hin, dass Johann Smidt den Juden Herbert Weichmann nicht bei der Feier hätte dabei haben wollen. Ich kann mich noch genau an die Aufregung damals erinnern, manche sprachen von einem Eklat. Aber bei allem Bremer Patriotismus: Weichmann hatte ja völlig recht, in Glaubensdingen ist Smidt nichts anderes als ein Haßprediger.

Nach den Juden stehen die Lutheraner auf seiner Haßliste, für Smidt sind nur reformierte Christen richtige Menschen. Das hat etwas mit der Geschichte Bremens zu tun. Vereinfacht gesagt: seit Heinrich von Zütphen in Bremen gepredigt hat - und seit Daniel von Büren (der bei Luther und Melanchthon studierte) Bürgermeister wurde - ist Bremen auf dem Weg zum Calvinismus. Der wurde im 16. Jahrhundert durch einen gewissen Christoph Pezel in Bremen etabliert. Der Mann, der sich Pezelius nennen wird, war gerufen worden, um im Glaubenskampf zwischen Lutheranern und Calvinisten zu vermitteln. Das Ergebnis ist, dass Bremen von nun an reformiert sein wird. Sie können mehr dazu in dem Post Bremer Klausel lesen. Und Pezelius wird einen beispiellosen Bildersturm organisieren. Daran zu denken, tut einem Lutheraner und Kunsthistoriker immer weh. Der ehemalige Direktor des Focke Museums und Bremer Landesdenkmalpfleger Werner Kloos führte das Kunstbanausentum der Bremer auf den Bildersturm von Pezelius zurück: Die Verarmung des bremischen Kunstbesitzes rührt aus jener Zeit, jedoch auch eine gewisse allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber den Werten künstlerischer Aussage.

Johann Smidt konnte zwar das Vermögen der lutherischen Domgemeinde beschlagnahmen und ihr (bis 1830) den Status einer Gemeinde verweigern, aber die Lutheraner werden seine Zeit als Bürgermeister überleben. Mein Heimatort Vegesack ist einen ganz anderen Weg gegangen, von dem ich nicht weiß, ob er Johann Smidt gefallen hat: zum dreihundertsten Jahrestag der Reformation am 31. Oktober 1817 schlossen sich da Reformierte und Lutheraner (nach preußischem Vorbild) zu einer Gemeinde zusammen: ein Gott, ein Christus, eine Gemeinde wird über der Tür der neuen klassizistischen Kirche stehen.

Wir die unterschriebenen Einwohner des Fleckens Vegsack haben oft das Bedürfniß nach einem eigenen Prediger und einer eigenen Kirche hier im Orte gespüret, mit diesen Worten beginnt die Stiftungsurkunde vom Reformationstag 1817. Auf ihr steht als erster Name der des Amtmanns Dr August Christian Wilmanns (hier sein Gedenkstein neben der Kirche). Nach dem heißt heute der Wilmannsberg, wo wir früher im Winter Schlitten fuhren. Als zweiter unterschreibt der damals berühmteste Vegesacker, Dr Albrecht Wilhelm Roth. Dann folgen (ohne systematische Ordnung) 91 Namen mit Berufsangaben: See-Schiffer, Capitain, Lootse, Seemann, Hafenmeister. Ein Abbild der soziologischen Schichtung des Fleckens, dessen Zentrum damals noch der Hafen und die Hafenstraße sind. Die Kirche hat man noch nicht, man muss am Sonntag nach Lesum oder Blumenthal gehen, aber die Kirche wird kommen. Ein Gott, ein Christus, eine Gemeinde. Ach, was wäre die Welt schön, wenn das alle glauben würden. Aber das, was Freud in Das Unbehagen in der Kultur so schön den Narzissmus der kleinen Differenzen genannt hat, ist offensichtlich stärker als jeder Einigungsgedanke.

Der Kirchenbau in Vegesack wird öffentlich ausgeschrieben, sieben Zimmermeister werden Entwürfe einreichen. Finanziert wird die Kirche aus Sammlungen, Spenden und Anteilscheinen. Ein evangelischer Pastor aus Archangelsk sendet 1.000 Rubel. 1821 ist die Kirche fertig, aber man wird sehr schnell feststellen, dass sie zu klein ist. Schon für den ersten Gottesdienst am 5. August 1821 musste man Eintrittskarten ausgeben. 1828 können von 514 Familien nur 197 einen Kirchenplatz mieten. Für den Erweiterungsbau gewinnt man den renommierten Bremer Architekten Jacob Ephraim Polzin, dessen Entwürfe man 1818 nicht berücksichtigt hatte. Wahrscheinlich war das wieder die allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber den Werten künstlerischer Aussage.

Ein Gott, ein Christus, eine Gemeinde. Wie viele Götter braucht der Mensch? Die Vegesacker evangelische Gemeinde feiert heute nicht nur fünfhundert Jahre Reformation, sie feiert auch ihr 200-jähriges Bestehen. Ich möchte dazu aus der Ferne gratulieren. Es wird natürlich einen Festgottesdienst geben, sogar mit Sekt hinterher. Das Buch 200 Jahre Evangelische Kirchenge­meinde Vegesack 1817–2017 (Donat Verlag), an dem Thomas Begerow und Ingbert Lindemann so lange gearbeitet haben, ist gestern Abend vorgestellt worden. Und der Konny hat dafür gesorgt, dass sich einige der Evangelischen Jugend aus den fünfziger Jahren nach dem Gottesdienst noch in der Strandlust treffen werden. Wahrscheinlich werden einige von diesem Photo aus dem Jahre 1961 dabei sein. Der Konny auf jeden Fall, er steht auf dem Photo da oben neben mir. Ich bin der mit dem Schlips. Das hätten Sie von mir nicht anders erwartet.

Lesen Sie auch: Bremer Klausel, Kirchen

Montag, 30. Oktober 2017

Claude Lelouch


Der französische Filmregisseur ➱Claude Lelouch wird heute achtzig, dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren. Ich mag nicht alle seine Filme, habe auch nicht alle gesehen. Bei ➱Truffaut ist das anders, seine Filme habe ich beinahe vollständig auf DVDs. Die von ➱Eric Rohmer auch. Von Claude Lelouch habe ich nur drei DVDs, aber das sind Filme, die ich wirklich mag. Ich könnte über mehr Filme schreiben, aber ich möchte heute mal einen kurzen Post schreiben.

Les Gauloises bleues gehört nicht zu den Filmen, die ich mag. Der sollte 1968 in Cannes gezeigt werden, aber wegen der Mai-Unruhen kam es nicht dazu. Die Mai-Unruhen kommen hier in den Posts ➱Henri Langlois und ➱Mai-Unruhen vor. Aber bei Les Gauloises bleues hat Lelouch nicht die Regie geführt, er hat den Film nur produziert. Er hätte die Finger davon lassen sollen, der Film war ein Flop, trotz der hübschen Annie Girardot, mit der Lelouch eine Affäre hatte. Die dreht im nächsten Jahr noch mit ihm Der Mann, der mir gefällt. Und die danach noch in zwei von Filmen von Lelouch (Weggehen und wiederkommen und Les Misérables) mitspielte, da war Lelouch schon zum dritten Mal verheiratet.

In Form und Inhalt schöner französischer Unterhaltungsfilm, der sich liebevoll den Menschen und ihren Bemühungen um Überwindung leidvoller Erfahrungen zuwendet. Auch für anspruchsvolle Besucher sehenswert, verständlich erst ab 18, schrieb der Evangelische Filmbeobachter über Ein Mann und eine Frau. Würden die heute so etwas noch schreiben? Kein Wort über die ➱Filmmusik, ohne die der Film nichts wäre. Die Musik ist von Francis Lai, der in seiner Jugend Edith Piaf auf dem Akkordeon begleitete und später Chansons für alle Berühmtheiten (auch für ➱Juliette Gréco) schrieb.

Und dann komponierte er noch die Filmmusik für Filme wie Love Story (dafür bekam er einen Oscar) und ➱Bilitis (wenn Sie das anklicken, landen Sie in einer Art Softporno Post, der mir aber schon über 20.000 Leser beschert hat). Und natürlich für Ein Mann und eine Frau. Wir müssen noch Nicole Croisille erwähnen. Das ist die Frau, die so wunderbar das ➱da ba da ba da sang, Lelouch hatte sie in einer Bar gefunden, die kannte vorher niemand. Es war, was man heute kaum glauben kann, ein low budget Film, gedreht mit einer alten Handkamera, die einen Höllenlärm machte: Un film d'amateurs. Tout le monde mettait la main à la pâte. Il a été tourné dans un état de grâce, hat ➱Trintignant über die ➱Dreharbeiten gesagt.

Der Film bekam die Goldene Palme, zwei Golden Globes, zwei Oscars (für den besten fremdsprachigen Film und das beste Originaldrehbuch). Es ist sicher der erfolgreichste Film von Lelouch, man kann ihn auch nach einem halben Jahrhundert mit Vergnügen anschauen. Zwanzig Jahre später hat Lelouch noch Ein Mann und eine Frau – Zwanzig Jahre später gedreht. Das musste er wohl tun, weil er einmal gesagt sagt, dass er es bedaure, dass die Geschichten, die er in einem Film erzähle, irgendwann aufhören müssten. Er selbst hat nie aufhören können, Filme zu machen und Geschichten zu erzählen. Nichts konnte ihn aufhalten. Nach seinem ersten Film, den er selbst finanziert hatte, war er pleite. Nach C’était un rendez-vous hatte er keinen Führerschein mehr.

Mein zweiter Lieblingsfilm ist ➱La Bonne Année aus dem Jahre 1973. Mit Lino Ventura und Françoise Fabian (hier mit Lelouch bei den Dreharbeiten). Falls Sie mal den Van Cleef & Arpels Laden in Cannes überfallen wollen, sollten Sie sich diesen Film unbedingt vorher ansehen. ➱Lino Ventura ist wieder in Hochform, Françoise Fabian sowieso. La Bonne Année ist wie Ein Mann und eine Frau durchzogen von einer leisen Wehmut, einer Nostalgie, die den schönen Kitsch, den mein Freund Georg ➱das französische Sabbelkino getauft hat, erträglich macht.

Mein dritter Film heißt Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung, ich habe den Film schon in den Posts ➱Michel Piccoli und ➱Maja Maranow erwähnt. Es ist, wenn man so will, wieder die gleiche Geschichte, die Lelouch in seinem Kino der Gefühle und Emotionen erzählt. Das hat er selbst gesagt, dass er in seinem Leben nur eine einzige Geschichte erzählt, die aber 35 Mal.

Und das ist sicher auch die Geschichte von dieser wahnwitzigen Autofahrt durch Paris. Auch da gibt es ein Happy Ending. Da sehen wir in dem Kurzfilm, der keine neun Minuten lang ist, kurz eine Frau. Den Film gucke ich jede Woche einmal an. Weil er mich an die Nacht und den Morgen in Paris im➱Sommer 1959 erinnert. Der Film heißt ➱C’était un rendez-vous, er ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden. Ich habe ihn schon so häufig gesehen, dass der Film manchmal in meinen Träumen vorkommt. Manchmal sind auch Anouk Aimée und Françoise Fabian mit mir im Auto.

Comme nos voix ba da ba da da da da da da
Chantent tout bas ba da ba da da da da da da
Nos cœurs y voient ba da ba da da da da da da
Comme une chance comme un espoir
Comme nos voix ba da ba da da da da da da
Nos cœurs y croient ba da ba da da da da da da
Encore une fois ba da ba da da da da da da
Tout recommence, la vie repart

Combien de joies
Bien des drames
Et voilà !
C'est une longue histoire
Un homme
Une femme
Ont forgé la trame du hasard.

Comme nos voix
Nos cœurs y voient
Encore une fois

Comme une chance
Comme un espoir.

Comme nos voix
Nos cœurs en joie
On fait le choix
D'une romance
Qui passait là.

Chance qui passait là
Chance pour toi et moi ba da ba da da da da da da
Toi et moi ba da ba da da da da da da
Toi et Toi et moi.



Noch mehr französisches Kino in den Posts: ➱Waltz into Darkness, ➱Spielregeln, ➱Jacqueline Bisset, ➱Et Dieu… créa la femme, ➱Fanny Ardant, ➱Mireille Darc, ➱Katharine Ross, ➱Arletty, ➱Uschi Glas, ➱François Truffaut, ➱Bertrand Tavernier, ➱Fahrstuhl zum Schafott, ➱Alain Resnais, ➱Mai-Unruhen, ➱Henri Langlois, ➱Bourgeoisie, ➱Roman Polanski, ➱Michel Legrand, ➱Jacques Tourneur, ➱Ma Nuit Chez Maud, ➱La vie de chateau, ➱temps perdu, ➱Lastkraftwagen, ➱Aimez-vous Brahms?, ➱Bonnie und Clyde, ➱Robbe-Grillet, ➱Yves Montand, ➱Jean Gabin, ➱Lino Ventura, ➱Jean Desailly, ➱Jean-Louis Trintignant, ➱Michel Piccoli, ➱Mundharmonika, ➱Menschen am Sonntag, ➱Fantasy, ➱Blazer, ➱Raffaele Caruso, ➱Kulturwandel, ➱Paris, ➱Paris, Sommer 1959, ➱Sabbelkino, ➱Piloten, ➱Ray Bradbury, ➱Jacques Tourneur, ➱Angie Dickinson, ➱Steve Cochran, ➱Two-Lane Blacktop,