Freitag, 15. Juni 2012

Black Prince


Als ich noch klein war, habe ich alle möglichen Rittergeschichten gelesen. Noch bevor ich den ersten Prinz Eisenherz Comic in die Hand bekam. Es war mir egal, ob da Gunter, Giselher, Hagen von Tronje oder Ritter mit seltsamen Namen wie Galahad, Mordred oder Ywein drin vorkamen. Es waren die Ritter, Räuber- und Gespenstergeschichten, vor denen Goethe die Amerikaner warnte. Sie spielten in einem Niemandsland irgendwo zwischen dem Niederrhein und Irland, es war eigentlich egal wo. Aber es gab immer viel Wald, der mit Drachen und Feen, die meistens Morgan le Fay hießen, bevölkert war. Und immer wieder Ritter mit einem Zauberschwert, die ihre Rüstung anlegten, aufs Pferd stiegen und in den Wald hineinritten. Schöne Frauen kamen da auch drin vor, aber die interessierten mich damals noch nicht so sehr.

Eines Tages las ich in einem bebilderten Geschichtsbuch, dass es in England einmal einen schwarzen Prinzen gegeben hätte, das war ungewöhnlich. Parzivals Halbbruder Feirefiz war halb schwarz und halb weiß. Das war auch schwer vorstellbar (auch für mittelalterliche Illustratoren, die ihn gemeinhin als gefleckt darstellten), aber wie stellt man sich einen schwarzen Prinzen vor? So wie die amerikanischen Besatzungssoldaten, die weiße Helme trugen, auf denen MP stand? Das waren die einzigen Schwarzen, die ich bisher gesehen hatte. Die Sache mit dem schwarzen Prinzen, der Edward heißt und Prinz von Wales, Herzog von Cornwall und Prinz von Aquitanien war, blieb mir immer ein Rätsel. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass niemand so recht weiß, warum er der schwarze Prinz genannt wurde. Das ist sehr beruhigend. Es muss noch Geheimnisse geben.

Er war William Shakespeare kein Theaterstück wert, sein Sohn Richard II allerdings schon. In Richard II wird er einmal erwähnt als the Black Prince, that young Mars of men. Und in Henry V bekommt er einige Zeilen mehr, wenn der König von Frankreich über ihn sagt:

And he is bred out of that bloody strain 
That haunted us in our familiar paths:
Witness our too much memorable shame
When Cressy battle fatally was struck,
And all our princes captiv'd by the hand
Of that black name, Edward, Black Prince of Wales;

Er kommt über Frankreich wie die schwarze Pest und schlägt die Franzosen in allen Schlachten. Das mit der schwarzen Pest stimmt übrigens, sie sucht Frankreich zur gleichen Zeit heim wie der schwarze Prinz. Wir sind im Hunderjährigen Krieg, es geht um die Vormachtstellung in Europa. Und Edwards Vater hat als Plantagenet Ansprüche auf den französischen Thron (deshalb sind auch die Lilien auf dem englischen Wappen). Dass sich englische Könige nicht mehr King of France nennen, endet erst mit der Französischen Revolution. Genau genommen 1807, wenn der letzte Stuart Pretender Henry Benedict Stuart stirbt. Der unterschrieb bis zu seinem Tode mit King of England, Scotland, France and Ireland. Irgendwie absurd.

Der erste, der Edward of Woodstock nach seinem Tod in die Literatur schreibt, ist jemand, der gemeinhin als Chandos Herald bezeichnet wird. Wir kennen seinen Namen nicht, wir wissen nur, dass er ein Herold von Sir John Chandos war, einem der engsten Freunde des schwarzen Prinzen. Ein Hofbeamter, der wohl aus dem Hennegau stammte und das Gedicht auf Französisch schreibt (Mittel-Französisch, um genau zu sein). Das sieht dann so aus:

Ore veu home du temps jadys
Que ceux qui faisoient beaux ditys.
Estoient tenu pur aucteur.
Ou pur ascune amenceueur
De moustrer les bons conissance
Pur prendre en lour coers remembrance


Wenn man Französisch kann und sich den Text scharf anguckt, dann kann man das erstaunlicherweise lesen, es ist das gleiche Französisch, das Montaigne schreibt. Aber ich zitiere den Anfang von ➱La Vie du Prince Noir mal eben in einer englischen Prosaübersetzung:

In times of yore it was seen that they who fashioned fair poems were in sooth esteemed as authors or in some sort recorders to show knowledge of the good, in order to draw remembrance of good from their hearts and to receive honour. But it is said, and truly, that there is naught that does not dry up, and that there is no tree that does not wither, excepting one only, the tree of life: and this tree, moreover, buds and flowers in this life in all parts. On this I will dwell no longer, for although such writers are held of no account, and a chatterer, a liar, a juggler, or a buffoon who, to raise a laugh, would grimace and make antics, is more esteemed than one who had skill to indite — for, without gainsaying, such a one is ill received at court nowadays — but albeit they who set forth the good are held in no estimation, yet ought men not to refrain from making and remembering fair poems — all such as have skill thereto; rather they should enter them in a book, that after their death true records may be kept; for to relate the good is verily alms and charity, for good was never lost without return at some time. Wherefore, incited by my desire, I wish to set my intent on making and recording fair poems of present and past times.

Es ist eine kleine Dichtungstheorie und gleichzeitig eine Abrechnung mit der schriftstellerischen Konkurrenz, die uns hier geliefert wird, bei der es darum geht beaux ditys zu schreiben. Und dann kommt unser Höfling doch zur Sache: Now it is high time to begin my matter and address myself to the purpose which I am minded to fulfil. Now, may God let me attain to it, for I wish to set my intent on writing and recording the life of the most valiant prince of this world, throughout its compass, that ever was since the days of Claris, Julius Caesar, or Arthur, as you shall hear, if so be that you listen with good will: it is of a noble Prince of Aquitaine, who was son of the noble and valorous King Edwards and of Queen Philippa, who was the perfect root of all honour and nobleness, of wisdom, valour, and bounty.

Die Historiker haben sich wenig um den ➱schwarzen Prinzen gekümmert (obgleich er in der populären Kultur immer weitergelebt hat, bis in die Welt des Films und des Computerspiels), aber mit dem most valiant prince of this world und dem perfect root of all honour and nobleness, of wisdom, valour, and bounty wären sie wohl nicht einverstanden. Von einer Zierde für das Rittertum redet da niemand, er ist nicht jemand wie Guillaume le Maréchal oder ➱Pierre de Terrail. Er ist eher einer der vielen mittelalterlichen Schlagetots, der auch Frauen und Kinder nicht verschont. Für sein Leben nach dem Tod hat er Vorsorge getroffen, sein ➱Grabmal in der Canterbury Cathedral hatte er rechtzeitig in Auftrag gegeben. Der hier so nett lächelnde junge Mann ist James Purefoy, er war gestern schon mal hier im Blog, da spielte er Beau Brummell. In diesem Film (A Knight's Tale) ist er Edward. Und ein netter Edward noch dazu, hat nichts mit dem historischen schwarzen Prinzen zu tun. Und so lebt er irgendwie immer weiter, ich habe ihn auch in irgendeinem dieser Diskussionsforen, wo die Blinden von der Farbe reden, gefunden. Da steht schlicht: Hallo! Ich finde, der Schwarze Prinz gilt als eine faszinierende Persönlichkeit, die zumindest eine hätte werden können, wenn er nicht krank geworden wäre.

Edward Plantaganet, ein Prince of Wales, der nicht König wurde, wurde heute vor 682 Jahren geboren. Was ihn überdauert hat, ist der Hosenbandorden, den er gestiftet hat. Und sein Grabmal in der Kathedrale von Canterbury. Die Viktorianer mit ihrer morbiden Faszination für die Farbe ➱Schwarz haben den Fürsten schwarz angemalt, sodass man ein Jahrhundert glaubte, er sei wirklich schwarz. Aber dann hat man eines Tages die Farbe abgekratzt, jetzt liegt er da in vergoldeter Bronze.

Such as thou art, sometime was I.
Such as I am, such shalt thou be.
I thought little on th'our of Death
So long as I enjoyed breath.
But now a wretched captive am I,
Deep in the ground, lo here I lie.
My beauty great, is all quite gone,
My flesh is wasted to the bone.

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