Sonntag, 10. Juni 2012

Fassbinder


Sein letzter Film hieß Kamikaze 1989. Irgendwie ist der Filmtitel Kamikaze symbolisch für Fassbinders Leben. Es ist ein Leben des Untergangs. In dem Film spielte er einen Polizeioffizier, trug seltsame Klamotten. Er trug eigentlich immer seltsame Klamotten, um das Image des bad boy des neuen deutschen Films zu unterstreichen. Schwarze Lederjacken sind ja noch O.K., aber dieses Leopardenfellkostüm? Neben ihm auf dem Photo ist Petra Jokisch. Sah toll auf der Leinwand aus, aber wozu hat sie es gebracht? Ein Film mit Didi Hallervorden und ein Titelbild auf dem ➱Playboy. Und dann ein kurzes Leben als Sängerin mit dem Namen ➱Debbie Neon.

Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich für französische Filme, amerikanische Western und Regisseure wie ➱Joseph Losey schwärme. Rainer Werner Fassbinder ist definitiv nicht mein Ding, eher kann ich mich für ➱Werner Schröter begeistern. Wahrscheinlich weil so viel Oper in seinen Filmen vorkommt. Wenn ich auch Fassbinder nicht mag, habe ich doch beinahe alle seine Filme gesehen. Häufig allerdings nur wegen der Darsteller. Wie zum Beispiel Despair nur wegen ➱Dirk Bogarde. Oder Welt am Draht wegen Klaus Löwitsch. Der Film wurde jetzt gerade bei Arte gezeigt, es war eine nostalgische Begegnung mit der Vergangenheit - und natürlich auch mit der Mode der siebziger Jahre. Aber was war dieser Klaus Löwitsch doch für ein hervorragender Schauspieler! Und in welch schrottigen Filmen ist er verheizt worden. Das mit dem Singen hätte er auch vielleicht lassen sollen, aber ich bewahre trotzdem immer noch die Klaus Löwitsch Platte auf.

Das ist jetzt kein Fassbinder Film, das ist Klaus Löwitsch in Kaminsky. Aber irgendwie sind es auch Klaus Löwitsch und die Cutty Sark Flasche. Ein Filmphoto, das einen graduellen Untergang festhält - in der Filmrolle wie im wirklichen Leben. Und deshalb war Klaus Löwitsch auch der ideale Schauspieler für Fassbinder, weil sie beide auf dem Weg in den Untergang waren.

Auf diesem Bild (aus dem Film Despair) sieht Dirk Bogarde schon beinahe so aus wie Klaus Löwitsch. Der übrigens keinerlei Schwierigkeiten hatte, neben einem Weltstar wie Bogarde zu bestehen. Es war der teuerste aller Fassbinder Filme, hoch literarisch, nach einem Roman von Nabokov und einem Drehbuch von Tom Stoppard. Kameramann war natürlich wieder Michael Ballhaus, der mit Fassbinder groß geworden ist (oder vice versa), und der sich seine Manierismen nie wieder abgewöhnen konnte.

Bei den Dreharbeiten von Effie Briest habe ich mal einen Nachmittag aus gebührender Entfernung zugeschaut. Es war mir klar, dass konnte nichts werden, Hanna Schygulla mag alles sein, aber sie ist kein Effie Briest. Nicht alle Fassbinder Filme sind gut, obgleich Fassbinder Fans das nicht glauben wollen. Filme waren Fassbinders Leben, seine Schauspieler waren seine Familie. Er wollte deutsches Hollywood Kino machen (Douglas Sirk war für ihn ein großes Vorbild), und vielleicht ist ihm das sogar gelungen. Rainer Werner Fassbinder ist heute vor vierzig Jahren gestorben. Ich will doch nur, daß ihr mich liebt war ein programmatischer Filmtitel, vielleicht könnten alle Filme von Faßbinder so heißen. Vielleicht steckt der ganze Fassbinder auch in diesem Gedicht, das den Titel Nietzsche hat:

Eine Sprache aus Trauer 
aus Licht eine Mauer 
Gedanken aus Stein 
und ein Sein ohne Sein

Lebendige Leichen 
voll Kraft und Gewalt 
Von Gott keine Zeichen 
so schön von Gestalt 

Eine Sehnsucht aus Tränen
und Perlen von Zähnen
Gesichter Aus Stein
und ein Sein ohne Sein

Wird Schönheit versteigert
Nach Maßen gemessen wird
Freiheit verweigert
ganz einfach vergessen
Eine Schale aus Schmerzen
vom Schmerz brechen Herzen
Muskeln aus Stein
und ein Sein ohne Sein

Container an Ketten
und die Haut die dich quält
kein Gott dich zu retten
vor dem Feuer das fehlt

Eine Sonne aus Eisen
mit Qual lächelnd reisen
Götter aus Stein
und ein Sein ohne Sein 

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