Montag, 21. Oktober 2013

Arkadien


Heute vor 155 Jahren wurde in Paris die Oper Orphée aux enfers von Jacques Offenbach zum ersten Mal aufgeführt. Wir kennen sie als Orpheus in der Unterwelt. Einen Titel daraus kennen Sie alle, selbst wenn Sie nie von dieser opéra bouffon gehört haben. Von manchen Offenbach Opern kennt man ja nur eine Melodie, wie zum Beispiel die ➱Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen. Aus Orpheus in der Unterwelt kommt natürlich die vielleicht berühmteste Melodie der Welt, der ➱Can Can. Doch die Oper Orpheus in der Unterwelt. bietet noch viel mehr. Die französische Nationalhymne kommt darin vor und natürlich Glucks berühmte Arie Che farò senza Euridice (zu dieser Arie gibt es ➱hier einen Post).

Eins der highlights ist auch die kleine Arie des Hans Styx. Der ist der Diener des Höllenfürsten Pluto, er ist ständig betrunken. Man braucht für diese Rolle nicht unbedingt einen Sänger, häufig ist das Couplet mit Eurydice Als ich noch Prinz war von Arkadien auch von Schauspielern gesungen worden. Es gibt eine schöne deutsche Version der Oper (Dirigent Willy Mattes) mit Anneliese Rothenberger bei EMI. Und da singt im zweiten Aufzug des dritten Aktes niemand anders als der unnachahmliche Theo Lingen den Hans Styx. Der originale Text von Jacques Offenbach ist von den Herren Karlheinz Gutheim und Wilhelm Reinking ein wenig verändert worden. Und so singt Theo Lingen:

Als ich noch Prinz war von Arkadien, 
Hatte Soldaten ich und Macht. 
Ich war Stratege und Weltenplaner, 
Den ums Leben man hat gebracht. 
Doch zugleich mit meinem Leben 
verlor ich auch mein Hab und Gut, 
wie gerne würd’ ich dir sonst geben 
mein Königreich, mein Herz, mein Blut.

Als ich noch Prinz war von Arkadien 
Tanzte den Cancan jedermann. 
Er lockerte die müden Wad(i)en 
Und jeder rief: „Ich kann Cancan.“ 
Speziell Paris war drob im Fieber, 
Die Damenherzen wurden schwach.
Der Komponist war kein Pariser, 
Er war aus Köln: Jacques Offenbach

Als ich noch Prinz war von Arkadien, 
War ich der Frauen Ideal. 
Ich konnt’ mich ihrer kaum erwehren, 
Ich hatte stets die Qual der Wahl. 
Jetzt sieht mich keine mehr der Damen, 
Da ich ja nur ein Schatten bin.
Ich bin ein alter Bilderrahmen, 
Das Bildnis selbst, das ist dahin.

Als ich noch Prinz war von Arkadien, 
Spielten wir Fußball in Athen. 
Die Spieler waren Amateure, 
Für Geld zu spielen war obszön. 
Man spielte auch nicht, um zu siegen, 
Der Torwart saß auf einem Stuhl.
Bestechungsgelder blieben liegen,
Man spielte einfach Null zu Null.

Die letzte Strophe wäre ja ein wunderbarer Vorschlag für die Bundesliga. Leider gibt es im Internet keine Aufnahme mit Theo Lingen, nur einen kleinen ➱Schnipsel, der aber nichts von der ganzen Köstlichkeit bieten kann. Da bleibt einem nicht übrig, als die EMI Aufnahme zu kaufen. Gibt es bei Amazon Marketplace ab 1,77€, das sollte uns Jacques Offenbach wert sein. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass auf YouTube eine Prinzessin von Arkadien singt, wenn Sie vor nichts Angst haben, klicken Sie ➱hier hinein. Dagegen ist Florence Foster Jenkins die Callas.

Im französischen ➱Original singt John Styx übrigens nicht von Arkadien, sondern von Böotien:

Quand j’étais roi de Béotie,
J’avais des sujets, des soldats,
Mais, un jour, en perdant la vie,
J’ai perdu tous ces biens, hélas!
Et, pourtant, point ne les envie.
Ce que je regrette en ce jour,
C’est de ne t’avoir pas choisie
Pour te donner tout mon amour
Quand j’étais roi de Béotie!
Si j’étais roi de Béotie,
Tu serais reine sur ma foi!
Je ne puis plus qu’en effigie
T’offrir ma puissance de roi :
La plus belle ombre, ma chérie!
Ne peut donner que ce qu’elle a.
Accepte donc, je t’en supplie,
Sous l’enveloppe que voilà,
Le cœur d’un roi de Béotie!

Dazu sollte man wissen, dass Böotien in der griechischen Antike so viel wie 'ländlich grob, ungebildet‘ bedeutet. Tut es im Französischen heute noch, da ist ein béotien ein Kulturbanause, ein ungebildeter Mensch. Ja, das sind die feinen, kleinen kulturellen Unterschiede. 

Kommentare:

  1. Wobei die Bacarole auch nicht aus Hoffmanns Erzählungen stammt, sondern aus den Rheinnixen, einer nachhaltig erfolglos unbekannten Oper von Offenbach.
    Wie er selbst das Werk "Hoffmanns Erzählungen" letztlich gestaltet hätte,wissen wir nicht, weil er vorher starb. Eine etwas mysteriöse Geschichte, weil Offenbach, ein absoluter workaholic das Werk nicht fertigstellte,obwohl er Jahre daran gearbeitet hat.
    Irgendetwas muß ihn gehemmt haben.....
    am Samstag werde ich das Werk in kleinem Kreis vorstellen,mit den Merk-Würdigkeiten, die es umgeben.

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  2. Ja, das ist richtig. Ich habe auch zu sagen vergessen, dass es von Alphons Silbermann ein wunderbares "imaginäres Tagebuch des Herrn Jacques Offenbach" gibt.

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  3. Sind Leute, welche des Französischen nicht mächtig sind, auch "béotien"?

    Es gibt da eine "Orpheus in der Unterwelt" Variante des DDr-Fernsehens. Nicht zwingend wichtig, aber an die "Arie" mit Gerd E. Schäfer kann ich mich gut erinnern.

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  4. Leute, die des Französischen nicht mächtig sind, können natürlich nicht béotien sein, weil sie das Wort gar nicht kennen. Es gab 1974 eine opulente DEFA Verfilmung von 'Orpheus in der Unterwelt', die gibt es immer noch auf DVD.

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    1. Neben dem fabelhaften Silbermann könnte auch noch Siegfried Kracauer erwähnt werden,Offenbach und seine Zeit.Beide Autoren sind enorm belesen und lassen ein interessantes Bild von Offenbach erscheinen ( wobei Kracauer bei Hoffmanns Erzählungen auf die Version der Familie "hereinfällt"...die Oper sei fertig komponiert gewesen,nur nicht instrumentiert. Das ist nicht der aktuelle Forschungsstand.

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    2. 1974 da war ich 11. Meine Erinnerungen sind blass. Nur der Gerd E. Schäfer ist mir richtig in Erinnerung geblieben. Wahrscheinlich wegen der Figur des Papagai Pfeffi, die er im Kinderfernsehen sprach. So.

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  5. Das Styx-Couplet wird meines Wissens für jede oder jedenfalls für alle paar Aufführungen abgeändert, je nach aktuellen Vorkommnissen, die man satirisch aufgreifen könnte. Solche Stücke haben bestimmt einen Fachausdruck...

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  6. Einen etwas längeren Schnipsel mit Theo Lingen gibt hier.

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