Der französische Schriftsteller Roger Vercel schrieb am liebsten Seeromane, obwohl er nie zu See gefahren war. Berühmt wurde er durch seinen Roman Capitaine Conan, der 1934 den Prix Goncourt erhielt. Aber das ist kein Seeroman, der Capitaine Conan kommandiert kein Schiff, er ist Hauptmann der französischen Armee. Zu der wollte der Literaturstudent Vercel beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch, aber man nahm ihn wegen mangelnder Sehkraft nicht. Ein Gewehr hätte man ihm nicht in die Hand geben können. Aber Vercel will seinem Vaterland dienen und nimmt eine Stelle als Sanitäter an.
Auf diesen Photo von 1914 können wir ihn sehen, die weiße Binde de Roten Kreuzes trägt er am linken Arm. Je weiter der Krieg fortschreitet, desto mehr fehlen den Franzosen die Offiziere, und so schicken sie Vercel an die Offiziersschule Saint-Cyr. Der sous-lieutenant Vercel kommt an die Front zurück, dahin, wo niemand hinwill, zur Armée d’Orient an die Salonikifront. Ein Jahr nach dem Kriegsende kommt er wieder nach Hause, geht wieder zur Universität und schreibt eine Doktorarbeit über Corneille. Und bekommt für eine andere wissenschaftliche Arbeiten den Prix Saintour. Er ist noch nicht so weit, seine schrecklichen Fronterlebnisse in seinen Roman Capitaine Conan zu schreiben. der ab 1934 Furore machen wird.
Es hat eine deutsche Übersetzung des Romans gegeben, sie erschien 1935 als Capitaine Conan: Ein französischer Kriegsroman im Deutschen Widerstands-Verlag von Ernst Niekisch in Berlin mit einer Titelzeichnung von A. Paul Weber. Carl Schmitt hatte die Übersetzung durch Walter Hörstel (1894-1980) veranlasst. Den Widerstands-Verlag gab es nicht mehr lange, der Roman wanderte 1938 zum Gustav Weise Verlag, war damals schon im fünften Tausend verkaufter Exemplare. Der Pour le Mérite Träger Ernst Jünger, der 1920 Stahlgewitter veröffentlicht hatte, besaß auch ein Exemplar des Romans. Vor drei Jahren wurde Capitaine Conan bei dem rechtsradikalen Verlag Antaios wieder neu aufgelegt. Weshalb er dahin gekommen ist, weiß ich nicht. Habent sua fata libelli.
Wahrscheinlich hatte man den Roman wieder aus der Versenkung geholt, weil er 1996 durch Bertrand Tavernier (der einmal Regieassistent von Jean-Pierre Melville war) verfilmt worden war. Das war Taverniers zweiter Antikriegsfilm gewesen, der erste war ✺Das Leben und nichts anderes (La vie et rien d'autre). Da leitet der Commandant Dellaplane (Philippe Noiret) die Dienststelle, die 350.000 gefallene französische Soldaten identifizieren soll. Jetzt muss er einen unbekannten Soldaten liefern, sagt ihm der Général Villerieux (Michel Duchaussoy): Il me faut un poilu inconnu. C’est votre truc. Vous n’allez pas me mettre un English sous l’arc de Triomphe? Ou un boche? Der Major Dellaplane sagt zwar: Oui, mon général, aber eigentlich will er nicht: Ils ont fait tuer des millions d’hommes et on ne va plus se souvenir que d’un seul.
Der Film Capitaine Conan, bei dem Tavernier am Drehbuch mitschrieb, bekam den deutschen Titel Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges. Ich weiß nicht, ob er je im Kino gelaufen ist. Es gibt ihn seit 2019 auf einer DVD in deutscher Sprache. In einer Reihe von Kriegsfilmen hat arte den zweistündigen Antikriegsfilm von Tavernier 2014 gesendet. Die beiden französischen DVDs enthalten neben dem Film noch unglaublich viel Bonusmaterial, und es gibt neben Untertiteln in Englisch auch eine Tonspur, auf der die Handlung ständig kommentiert wird.
Der Hauptmann Conan in der dunkelblauen Uniform der Marinetruppen kommandiert eine Spezialeinheit, die zum größten Teil aus ehemaligen Strafgefangenen besteht. Sie werden überall dort eingesetzt, wohin die Generäle keine Truppen zu senden wagen. Sie machen keine Gefangenen, sie morden. Der deutsche Filmtitel ist schon richtig, sie sind die Wölfe des Krieges. Conan sieht sich auch als einen Krieger, nicht als einen Soldaten. Er kümmert sich rührend um seine Leute, wie ein Vater sorgt er sich um sie. Er versucht auch, das Leben des zum Tode verurteilten Jean Erlane zu retten, der nach seiner Meinung niemals hätte Soldat werden dürfen.
Conans Freundschaft mit dem Leutnant Norbert (der wahrscheinlich ein kleines Selbstportrait von Roger Vercel ist) zerbricht, als Norbert zum Chefankläger des Militärgerichts ernannt wird; ein Job, den der studierte Lehrer nicht gewollt hat. Er wird ihn irgendwann aufgeben, als er es leid ist, Conans Männer zu verfolgen, die nach dem Waffenstillstand zu einem marodierenden Haufen in Bukarest geworden sind.
Erst ein Jahr nach dem Waffenstillstand wird die Armée d’Orient demobilisiert, der der des der war noch nicht zu Ende. Davor gibt es noch ein letztes Gefecht gegen die Russen. Sie kommen nicht über den Fluss, sagt der Lieutenant De Scève, ein Offizier, den Conan respektiert, weil der Mann aus dem Hochadel ein einfacher Infanterist geworden ist. Sie werden kommen, sagt Conan, halten Sie Ihre mobilen Maschinengewehre bereit (Tu vois si j’étais à leur place, c’est par là que je passerais, alors tes mitrailleuses pas trop fixes!). Er wird mit seiner Truppe eingreifen, wenn alles verloren erscheint. Er schickt den jungen Jean Erlane, der eigentlich inhaftiert ist, an die Front, wo er erschossen wird. Es ist besser als Held zu sterben, als von einem Peloton erschossen zu werden, sagt sich Conan. Und schreibt der Mutter des jungen Adligen einen rührenden Brief.
Jahre nach dem Krieg wird der ehemalige Leutnant Norbert seinen ehemaligen Chef in der Bretagne besuchen. Conan ist verheiratet und hat ein Gasthaus, und der Arzt hat ihm gesagt, dass er wegen der Leberzirrhose nur noch ein halbes Jahr zu leben hat. Dass er das Croix de Guerre und die Ehrenlegion bekommen hat, davon redet niemand mehr. Die einstigen Helden sind bedeutungslos geworden. Nach dem jahrelangen Morden und den Greueln des Krieges findet Conan nicht wieder in das normale Leben zurück. Aber er ist Norbert dankbar, dass der ihn besucht hat. Cette guerre, vous l’avez faite, mais on est 3.000 à l’avoir gagnée! Das Wort vous in diesem Satz impliziert einen gesellschaftlichen Gegensatz zwischen der herrschenden, gebildeten Klasse (zu der Norbert gehört) und den einfachen Menschen. Das sind die dreitausend, die den Krieg wirklich entscheiden. Und die man dann vergessen wird. Er hatte diesen Satz schon Jahre zuvor im Zug nach nach Sofia gesagt: Mais mon vieux Norbert cette guerre, toi et tes 'lopettes' vous l’avez faite tandis qu’avec les trois mille que nous étions, nous l’avons gagnée.
Der Antikriegsfilm voller Melancholie und Traurigkeit beginnt mit der kriegsentscheidenden ✺Erstürmung des Mont Sokol, und er legt mit erstaunlichen Kamerafahrten manchmal ein ungeheures Tempo vor. Der Film verlangt viel Geduld vom Zuschauer, der sich in dieser Welt zurechtfinden muss. Wenn Sie den Film in ✺anderthalb Minuten sehen wollen, dann klicken Sie das an. Wenn Sie den ganzen Film sehen wollen, dann klicken Sie ✺Capitaine Conan an. Der Film war 1997 für neun Césars nominiert, erhielt aber nur zwei: Bertrand Tavernier für die beste Regie und Philippe Torreton (Capitaine Conan) als bester Schauspieler. Wenn Sie einen weiterführenden Artikel zu dem Film lesen wollen, dann klicken Sie die Seite von →Alf Mayer an.








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