Sonntag, 8. Februar 2026

Paula Becker-Modersohn

Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde die Malerin →Paula Becker-Modersohn in Dresden geboren. Als sie zwölf Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Bremen. Sie wohnten zuerst im vornehmen Schwachhausen, dann noch vornehmer im Haus von →Aline von Kapff. Die hat hier schon als Tante Aline einen Post, Paula Becker-Modersohn hat noch keinen Post. Sie wird aber in einem Dutzend Posts erwähnt. Die Maler von Worpswede tauchen in diesem Blog immer wieder auf, diese Posts werden auch viel gelesen, der Post über Heinrich Vogeler hat über dreizehntausend Leser.

Erwarten Sie von mir heute bitte nichts zu Paula, ich habe kein Verhältnis zu ihrer Malerei. Wirklich nicht. In dem Post die Königin Caroline Mathilde habe ich geschrieben: Dass ich in Rotenburg (Hannover) geboren werde, verdanke ich den Fliegerangriffen auf Bremen, man hatte Teile des Bremer Krankenhauses ausgelagert. Ich bin ein Sonntagskind, das wird man mir immer wieder erzählen. Kurz nachdem ich geboren werde, stirbt in demselben Krankenhaus der Maler Otto Modersohn, der Ehemann von Paula Becker-Modersohn, einer Nationalheiligen in Bremen. Modersohn war auch der Onkel von Cato Bontjes van Beek. Wäre ich in Bremen geboren, wie später mein Bruder, wäre ich ein echter Bremer geworden. Die sind da in Bremen ja eigen, wer ein echter Bremer, ein Tagenbaren, ist. An diesem Mythos Bremen arbeiten viele, und auch ich kann nicht leugnen, ihm zeitweise erlegen zu sein. Ich schreibe immer noch an meinen Bremensien, die in meinem Kopf als Roman mit dem Titel Anti-Bremen begannen. Obgleich ich eher wie Fitzgeralds Held Jay Gatsby meine eigene Geschichte und mein eigenes Konzept meines Lebens erfinde.

Dass die Bremer die Paula wie eine Nationalheilige verehren, war nicht immer so. 1899 schreibt der damalige Bremer Kunstpapst Arthur Fitger: Unsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß es so unqualifiercirbaren Leistungen wie den sogenannten Studien von Maria Bock und Paula Becker gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden, ja daß man ihnen ein ganzes Cabinet eingeräumt hat.... daß so etwas hat möglich sein können, ist sehr zu beklagen. Für die Arbeiten der beiden genannten Damen reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen... so ist auch uns in diesem Augenblick der Gedanke an unsere Kunsthalle so widerwärtig geworden, daß wir den lebhaften Wunsch nicht mehr unterdrücken können, möglichst bald sie uns aus dem Sinn zu schlagen und uns Erfreulicherem zuzuwenden. Dass die Bremer auf den grottenolmschlechten Maler und Literaten Fitger hören, ist ein Zeichen ihres schlechten Geschmacks, den der Kunsthallendirektor Gustav Pauli und Mitglieder der Goldenen Wolke bekämpfen wollen. Aber es ist leider so, die junge Malerin verkauft zu Lebzeiten nur eine Handvoll Bilder. Ich finde diese Sandkuhle am Weyerberg von 1899 gar nicht so schlecht, obgleich mir der sandige Kreuzberg von Otto Piltz besser gefällt.

Zu ihrem sechsten Hochzeitstag malt sie sich als Schwangere, aber sie ist noch gar nicht schwanger. Das Bild von 1906 gilt als der erste Selbstakt einer Malerin. Sie malt immer wieder Akte, ihr Mann notiert dazu in seinem Tagebuch: malt lebensgroße Akte und das kann sie nicht, ebenso lebensgroße Köpfe kann sie nicht. Wenn man ihre Aktbilder mit den Bildern vergleicht, die sich hier in dem Post Aktmalerei finden, dann wird man dem Urteil ihres Mannes zustimmen müssen. Sie hat auch immer wieder Selbstbildnisse gemalt, von denen das im zweiten Absatz aus dem Jahre 1897 meiner Meinung nach das schönste und lebendigste ist. Es war vor sechs Jahre zum ersten Mal in einer Ausstellung in Bremen zu sehen. Das Bild Selbstbildnis nach halblinks im siebten Absatz ist das teuerste Bild von ihr, das je auf einer Auktion verkauft wurde, es hat mehr als eine Million Euro gebracht.

Ein Jahr nach dem Akt zum Hochzeitstag wird sie wirklich schwanger. Sie stirbt kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde (Tille) mit einunddreißig Jahren. Ihre Tochter wird einundneunzig Jahre alt werden. Ihr Vater hat ihr erst, als sie achtzehn war, erzählt, wer ihre Mutter war. In der Bremer Straßenbahn, damit sie vom Verkehr abgelenkt war und nicht so weinte. Mathilde Modersohn hat im hohen Alter mit ihrer Halbschwester noch eine Stiftung für die Gemälde ihrer Eltern gegründet. 

Es gibt in Bremen in der Böttcherstraße ein Paula Modersohn-Becker Museum, das dauerhaft Werke von Paula zeigt. Der Bremer Millionär Ludwig Roselius, der sein Geld mit dem entkoffeinierten Kaffee HAG gemacht hatte, hat sich dieses Haus von dem Architekten Bernhard Hoetger (der auch den Niedersachsenstein auf dem Weyerberg entwarf) bauen lassen.

Paula war für die Freundschaft mit Hoetger (den sie in Paris kennengelernt hatte) und die Unterstützung, die sie von ihm bekam, sehr dankbar: Sie haben mir Wunderbarstes gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wußte nicht aus noch ein. Sie haben die Tore geöffnet. Sie sind mir ein großer Geber. Ich fange jetzt auch an zu glauben, daß etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit … Sie haben mir so wohl getan. Ich war ein bißchen einsam.

Hoetger wird nach ihrem Tod die Plastik Mutter und Kind für Paulas Grabmal auf dem Worpsweder Friedhof schaffen. Das Grabmal ist frei zugänglich, ist aber in keinem schönen Zustand. Das ist ähnlich wie beim Berliner Kleist Denkmal, wo auf der Rückseite die Zeile aus Prinz von Homburg steht: Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein steht. 1927 wurde Hoetgers expressionistisches Bauwerk als Paula Becker-Modersohn Haus eröffnet. Die Reihenfolge der Nachnamen hatte Roselius so festgelegt. Ich benutze den Namen seit kleinauf auch immer so. Die ganze Böttcherstraße mit der eigentümlichen Architektur war ja ein →Roselius-Hoetger Gesamtkunstwerk, das den →Nazis wenig gefiel. Trotz des →Lichtbringers im Eingang. Als von den Nazis die Bilder von Paula Becker-Modersohn aus den Kunsthallen als entartete Kunst entfernt werden, kann Roselius sein Museum aber bewahren. Irgendwie konnte man die Worpsweder, von denen auch viele den Nationalsozialimus befürworteten, ja auch als völkische Kunst verstehen.

1979 verkaufte der Sohn von Ludwig Roselius Kaffee Hag und die Böttcherstraße an das amerikanische Unternehmen Kraft Foods, kaufte aber Teile der Straße zurück. Das Paula Becker Modersohn Haus ist jetzt im Besitz der Stadt Bremen. Das Haus Atlantis leider nicht. Mein Freund Peter hatte als Landeskonservator einen langen Kampf gegen einen schwedischen Hotelkonzern, der sich von hinten in die Böttcherstraße hineinfrass. Die Fassade und der Himmelssaal sind aber erhalten. Im Haus waren auch die Kammerspiele, wo ich bei der Aufführung von Wer hat Angst vor Virginia Woolf hinter  dem Kultursenator Dehnkamp und seiner Frau saß. Und als in der Pause das Licht anging, sagte Frau Dehnkamp zu ihrem Mann: Ischa bis jetzt noch nich viel Sinn in. Gefällt mir immer noch der Satz. Und es gab da auch ein Kino, wo ich mit meiner Freundin Traute vergeblich an der Kasse für Bergmans Film Das Schweigen anstand. Meine Böttcherstraßen Erinnerungen haben selten etwas mit Paula Becker-Modersohn zu tun. Die Straße kommt x-mal in meinem Blog vor, aber nur, weil der Herrenausstatter Hans Kalich da seinen Laden hatte.

Das Leben von Paula Becker-Modersohn ist gut erforscht, und dankenswerterweise hat sie einen guten Wikipedia Artikel. Seit der Bremer Kunsthallendirektor Gustav Pauli 1919 ein kleines Buch mit einem Werkskatalog veröffentlichte, hat es eine Flut von einem Dutzend Biographien gegeben. Auch der Briefwechsel ist veröffentlicht. Und es gibt viele Kataloge von Ausstellungen, dies Bild zeigt den Dresdner Katalog aus dem Jahe 2003, den mir die Astrid geschenkt hat, die bei den Staatlichen Sammlungen arbeitet. Ich bekomme immer Paula Becker-Modersohn Bücher geschenkt. Die stelle ich in das Regal zu den Worpsweder Malern. Wenn ich über meinen Computerbildschirm auf die Bücherwand vor mir gucke, stehen da anderthalb Regalmeter Worpswede. Nicht alles habe ich gelesen, manches steht da nur, weil es schön aussieht. Ich habe keine Leseliste und keine Buchempfehlungen für Sie, aber ich habe auch noch bewegte Bilder. Nämlich den Film Paula Modersohn-Becker - Geschichte einer Malerin, den Wilfried Hauke 2007 für Radio Bremen gedreht hat.

Werden Malerinnen glücklich, wenn sie einen Maler heiraten? Ist sie glücklich, weil sie häufig getrennt sind, weil sie lieber in Paris als in der torfigen Tristesse von Worpswede ist? Ihr Mann schreibt ihr Liebesbriefe: Nun bitte ich Dich ... schreib mir mal einen wirklichen, rechten, echten Liebesbrief, hörst Du, Paula, ich sehne mich danach. Immer malen das hält man auch nicht aus. Und nun laß Dich umarmen Du liebstes Wesen und Dich mit heißen Küssen bedecken von Deinem Manne. Aber als sie den Akt von 1906 malt, da will sie sich schon scheiden lassen.

Otto Modersohn malt seine Frau, wie sie im Garten malt. Ein nettes Bild. Aber ist das große Kunst? Wenn man das Bild mit den Bildern vergleicht, die Peder Severin Krøyer von seiner Frau Marie gemalt hat, dann kommt einem dies hier schon arg provinziell vor. Auch die Ehe der Krøyers ist nicht glücklich, Paula und Marie haben beide einen viel älteren, und als Maler viel berühmteren, Mann. Marie trennt sich schnell von Krøyer, und geht ihren eigenen Weg. Paula zieht die Metropole Paris dem Moordorf Worpswede vor. Viermal von 1900 bis zu ihrem Tod wird sie dort sein, vielleicht waren das auch immer kleine Fluchten.

Dieses Bild von Heinrich Vogeler, das jetzt meist Sommerabend auf dem Barkenhoff genannt wird (wahrscheinlich möchte man mit dem Titel die Bilder der blauen Stunde der Skagen Maler assoziieren), ist eins-siebzig mal drei Meter groß. Es ist das bekannteste Bild Vogelers, eine Art Mittsommernacht in Worpswede, ein idyllisches Zusammensein junger Künstler. Die Figuren sind beinahe lebensgroß, und wenn der große Hund nicht wäre, könnte man die Stufen der Treppe hinaufgehen und sich zu den Personen setzen. Paula im weißen Kleid sitzt ganz links. 1901 hatten Vogeler, Modersohn und Rilke geheiratet, da war die Welt, die sie so schwärmerisch erneuern wollten, noch heil. Jetzt sind sie alle miteinander zerstritten, den Rilke, der auch mal auf dem Bild war, hat Vogeler übermalt. Das Bild zeigt auch die Grenzen von Vogeler als Maler. So akzeptabel er in seinen Buchillustrationen und in der Gestaltung der Güldenkammer des Bremer Rathauses ist, malerisch toll ist das Ganze nicht. Die Figuren wirken letztlich wie tot, weil alles nur plakativ zweidimensional ist. Man vergleiche es nur einmal mit dieser Frühstücksszene von Peder Severin Krøyer oder mit Krøyer sommerlichem Gartenfest.

Das →Albertinum in Dresden eröffnet heute eine Ausstellung zu Paula Becker-Modersohn und Edvard Munch. In →Bremen beginnt ein zweijähriges Ausstellungsfest. Zu Paulas hundertfünfzigstem Geburtstag und 2027 zur Hundertjahrfeier des Paula Becker-Modersohn Museums. Die Dresdner Ausstellung wird im nächsten Jahr auch gezeigt werden. In diesem Blog wird Minna Hermine Paula Becker erwähnt in den Posts: Malweiber, Kunsthalle Bremen, die Bremer Rembrandts, 200 Jahre Bremer Kunstverein, Worpswede, Skagen, Hans am Ende, Marschendichter, Willi Vogel, Niedersachsenstein, Anna Feldhusen, Tante Aline, Heinrich Vogeler, Nordlichter, Malerinnen

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