Donnerstag, 15. September 2016

Computer


Dazu tanzen wir immer Swing, sagt Herr Kraus (Bild), als er mir meinen neuen Computer brachte. Bei mir lag gerade Dianne Reeves' A Little Moonlight auf, wunderbare Musik bei diesem Sommerwetter. Habe ich von ➱Achim Körnig, der früher mal bei einem Münchener Sender die Jazzsendung 'round Midnight machte und jetzt wieder mit ➱Nachtgazette unter die Blogger gegangen ist. Kann er nicht lassen, früher hat er manchmal für die SZ das Streiflicht geschrieben. Dass man zu Dianne Reeves Swing tanzen kann, wäre mir nicht eingefallen, aber wenn Herr Kraus das sagt, dann wird das schon gehen. Schön, dass es noch Leute gibt, die tanzen, ich sollte unbedingt mal über den Gesellschaftstanz schreiben. Bis dahin müssen Sie sich mit den Posts ➱Abtanzball, ➱Tango und ➱civility begnügen. Wenn Sie ein wenig Dianne Reeves von der CD A Little Moonlight hören wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Aber zurück zum Computer, dem neuesten Mac Mini, den Herr Kraus anstelle einer Tanzpartnerin im Arm hatte und ratzfatz auf dem Schreibtisch installierte. Das Ergebnis auf dem Bildschirm sah dann so aus. Das nehmen wir gleich mal wieder weg, sagte ich ihm. Aber Apple ist so stolz auf Yosemite, sagte Arne Kraus. Apple ist wahrscheinlich auch stolz auf das ganze Produkt. Ich nicht. Nichts ist wie früher, es musste ja unbedingt eine neue Oberfläche sein. Die zurückhaltende Erscheinung des alten Mac genügte nicht mehr. Die Firma Apple wäre gut beraten gewesen, wenn sie mich gefragt hätte, bevor sie das ganze Design verpfuscht hätte. Für ein kleines Handgeld von 5,5 Millionen wäre ich auch ehrenamtlich als Berater für sie tätig gewesen.

Dann hätte ich ihnen auch empfohlen, statt ihres grauenhaften Photoshop Bildes vom Yosemite Valley lieber so ein Bild von dem Deutschamerikaner ➱Albert Bierstadt auf den Bildschirm zu zaubern. So etwas hat doch Stil und Größe, O beautiful for spacious skies, For amber waves of grain, For purple mountain majesties Above the fruited plain! America! America! God shed his grace on thee And crown thy good with brotherhood From sea to shining sea!

Es musste bei Apple ja alles neu und anders sein. Das bringt mich auf diese gräßlichen Zweiknopfanzüge, die ich letztens bei einem ➱Herrenausstatter im Schaufester sah. Der Knopf, auf den das Jackett geschlossen wird, sollte in der Taille sitzen, tut er aber nicht, er sitzt viel höher. Und das sieht dann genau so bescheuert aus, wie die Oberfläche von meinem Mac Mini. Solche Zweiknopfanzüge hat es übrigens Anfang der sechziger Jahre schon einmal gegeben. Ich hatte einen und bin mir damit immer doof vorgekommen. War aber modisch.

Und da ich bei der ➱Mode in diesen Sommertagen bin, muss ich noch eben die kleine Geschichte erzählen, die mir vorgestern passierte - und die eigentlich viel interessanter war als der neue Mac. Ich hatte in meinem Supermarkt, der seit einigen Jahren ein Schlemmermarkt ist (der Junior, der jetzt das Geschäft führt, hat bei Harrods gelernt), beinahe eine Karambolage mit dem Einkaufswagen. Die elegante Dame, die mir plötzlich im Weg war, entschuldigte sich bei mir. Sie war sehr witzig. An der Kasse trafen wir uns wieder. Und da sagte sie plötzlich: Sie sind sehr elegant und stilvoll gekleidet. Das sieht man bei Männern nicht so häufig. Ich trug Chinos, ein Leinenjackett und mein blauweiß gewürfeltes italienisches Lieblingshemd (dreißig Jahre alt, die Firma gibt es immer noch). Und dann trug ich diese scharfen Loafer von Crockett & Jones. Was soll man sagen, wenn man so etwas gesagt bekommt? Wir tauschten noch einige Komplimente aus, und ich gab ihr mein Kärtchen mit meiner Blogadresse. Habe ich immer dabei. Vielleicht liest sie das ja jetzt und amüsiert sich

Aber zurück zum Computer. Das hier ist El Capitan im Yosemite National Park. Und so heißt auch das System, das auf meinem Computer läuft. Hat keine Sonderzeichen wie diesen schönen Pfeil (➱) mehr, dafür aber hunderte von ➱Emoji im Angebot. Läuft auch noch nicht ganz rund, vieles zickt noch, da wird es noch manches Telefongespräch mit Herrn Kraus und seinem Techniker Herrn Hagge von der Firma ➱Hard & Soft geben (kaum ist das geschrieben, ist Herr Hagge auch schon da und hat alle Macken beseitigt, so etwas nenne ich Service). Die können über Team Viewer Quick Support in meinen Computer gucken, sozusagen eine Operation am offenen Herzen. Das Herz von meinem alten Mac, die Festplatte, liegt in meiner Schreibtischschublade, vielleicht braucht man die ja noch einmal. Als ich gegenüber einem Bekannten den Verlust meines Computers beklagte, mit dem ich zum Blogger geworden war, sagte der: Was sechs Jahre alt? Haben Sie ihn dem Deutschen Museum in München gespendet? Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Es ist eine schnelllebige Zeit geworden. Ganz schnelllebig war sie für das Bildschirmphoto von El Capitan. Ist jetzt weg. Jetzt ist alles wieder schön hellblau wie auf den beiden Macs zuvor.

Ich will Sie jetzt nicht mit Gigabytes, Gigahertz und solch einem Zeug langweilen, aber ich habe für die Entwickler und Designer bei Apple - die es im Augenblick schwer haben (gucken Sie mal bei ➱Jan Böhmermann hinein) - noch ein wunderbares Zitat von ➱Bill Bryson: For a long time it puzzled me how something so expensive, so leading edge, could be so useless. And then it occurred to me that a computer is a stupid machine with the ability to do incredibly smart things, while computer programmers are smart people with the ability to do incredibly stupid things. They are, in short, a perfect match.

Dienstag, 13. September 2016

Wieder da!


Wieder da! ist der Titel eines Romans von Luigi Meneghello. Ich fand das Buch, als ich das Regal mit der italienischen und spanischen Literatur aufräumte. Es stand in der zweiten Reihe, gehört aber unbedingt in die erste Reihe. Eine Woche ohne Computer waren gut für die Bibliothek, viele Regalmeter sind neu geordnet. Auch die Bücher in der zweiten Reihe. Der Wagenbach Verlag beschrieb den Roman 1993 mit: Wer begreifen will, was in einem Land geschieht, das gerade eine Diktatur hinter sich hat, sollte dieses Buch lesen: es handelt vom Rausch der Nachkriegszeit, von Hoffnungen, von Freiheit und vom Traum der grenzenlosen Liebe.

Wieder da! ist ein autobiographischer Episodenroman. Wie schon seine Vorgänger, die Romane Libero nos a Malo und I Piccoli Maestri (Die kleinen Meister). Der Titel Libero nos a Malo beinhaltet ein Wortspiel, es geht nicht nur um das Böse, es geht auch um den Heimatort von Meneghello, der Malo heißt. Wenn da oben auf dem Titelbild des Buches jemand mit dem Motorrad durch die Luft fliegt, dann ist das wörtlich zu nehmen: so fängt der Roman an. Niemand hat dem Erzähler gesagt, dass die im Krieg beschädigte Brücke noch nicht repariert wurde. Außerdem war es dunkel, und der Erzähler hatte im Laufe des Tages schon einige Tassen Schnaps zu sich genommen. Und so macht sein DKW Motorrad eben einen kleinen Sprung und der Erzähler landet am Ende des ersten Absatzes in den Armen einer Krankenschwester.

Wieder da! ist ein wunderbarer Roman, ich kann ihn sehr empfehlen. Wieder da! bedeutet aber auch, dass dieser Blogger nach einwöchiger Pause (darüber vielleicht ein anderes Mal mehr) wieder da ist. Jay hat einen neuen Computer, an den er sich erst gewöhnen muss. Alles ist anders. Meneghellos Helden, so chaotisch sie sind, sind irgendwie glücklich. Ob ich mit diesem Teil auch glücklich werde, das steht in den Sternen.

Dienstag, 6. September 2016

Fußballmannschaft


Ich warte darauf, dass man meinen ➱Mac abholt. Nachher kommt jemand vorbei. Ich soll ihn nicht mehr anschalten, hat der Computerguru gesagt; aber solange der Mac noch kalt ist, funktioniert er ja noch vorzüglich. Wie in alten Zeiten. Und ich habe mir gedacht, bevor Sie hier die ganze Woche nichts zu lesen haben, kopiere ich Ihnen noch schnell etwas aus meinen Memoiren. Nämlich einen kleinen Text über die Fußballmannschaft meines Instituts. Der Text beginnt mit dem englischen Sport Cricket, davon steht schon viel in dem Bestseller Post ➱Cricket; das macht aber nichts, den könnten Sie auch noch lesen.

Mein Freund Georg, mit dem ich eines Tages ➱Fußball, ➱Tennis und ➱Badminton spiele (er hat am Plöner Internat abends ungehinderten Zugang zu der Badmintonhalle), wird uns in einem noch exklusiveren Sport als Fußball unterweisen. Er bringt uns Cricket bei. Er ist ein halber Engländer, da liegt das auf der Hand. Wenn er aus Plön weggeht und in seinen Heimatort Winsen zurückkehrt, wird er im Sommer Cricketwochenenden organisieren. So etwas wie englische village cricket matches, auch wenn unsere nicht ganz an ➱A.G. Macdonells Beschreibung seinem wunderbaren Buch England, Their England herankommen. Alle Engländer, die in Niedersachsen, Bremen oder Hamburg als Lehrer mit einem Zeitvertrag unterrichten, werden sich mit ihren Familien hier einfinden. Glücklich, dass sie endlich einmal wieder Cricket spielen können. Und da sind einige hervorragende Spieler dabei. Leute, die in Eton unterrichtet oder in Australien in einem Club gespielt haben. Frauen und Kinder liegen unter Sonnenschirmen am Spielfeldrand, die Männer spielen.

Ako Amadi, der mal Ersatzmann der nigerianischen Nationalmannschaft war, kommt natürlich in weißen Flanellhosen (ich besitze immer noch sein Exemplar von C.L.R. James Beyond a Boundary, innen signiert: Lords July 26 1971). ➱Ollie Gray, der eines Tages die erste CD von PJ Harvey produzieren wird, sieht ein wenig pink aus. Da ist in der Waschmaschine der WG wohl etwas fehlgelaufen. Ich spiele mit weißen Jeans, die kann man kochen, da kriegt man die grünen Grasflecken wieder raus. Flanellhosen sind zwar elegant, aber die kann man nicht kochen. Georgs Vater, der der Direktor des Winsener Gymnasiums ist (und Kiplings ➱Mandalay ins Plattdeutsche übersetzt hat), spielt natürlich auch mit. Macht einmal auf der Position des fine leg einen phänomenalen Fang. Mein größter Tag ist es, wenn ich als batsman eine Stunde lang drin bleibe. Die halbe Mannschaft ist inzwischen rausgeflogen, aber ich bin immer noch drin. Mir gelingt an diesem Tag einfach alles. Zusammen mit Jannie mache ich mehr Punkte als alle acht Spieler vor uns. Das bringt mich in einen rauschhaften Zustand. Ich werde ein wenig größenwahnsinnig - und plopp ist mein wicket kaputt. Aber ich geniesse den Beifall, als ich den Platz verlasse. Obgleich es den beim Cricket höflichkeitshalber für jeden gibt.

Nach dem Cricket gibt es in Winsen immer noch ein Fußballspiel, ohne Fußball geht es nicht. Nur ein einziges Mal spielen wir nach dem Cricket keinen Fußball, da liegen wir mit zwanzig Leuten bei Georg im Schlafzimmer (weil da der Fernseher steht) und gucken das Pokalfinale Mönchengladbach gegen Köln. Das, wo sich Günther Netzer in der Verlängerung selbst einwechselt. Nach Cricket und Fußball (und manchmal noch Schwimmen, weil in Winsen das Freibad neben dem Sportplatz des Gymnasiums ist) gibt es immer eine rauschende Party. Wo mich an einem dieser tollen Wochenenden (die in der Erinnerung wie in Fitzgeralds ➱Great Gatsby zu einem einzigen zu verschmelzen scheinen) nachts eine sehr sexy Blondine anflirtet. Finde ich nett, weil es eine tolle stupsnäsige Blondine ist. Meine Frau findet das nicht so witzig. Da ist das ganze schöne Cricketwochende stimmungsmäßig hin. Vor allem auf der Rückfahrt.

An der Uni Kiel werde ich mit dem Geld der untergegangenen English Society (deren letztes Vorstandsmitglied ich bin) in England eine Cricket Ausrüstung kaufen. Und im Sommersemester eine Landeskundliche Übung Cricket: A practical Course anbieten. Wir spielen auf dem Uniplatz, der nun nicht unbedingt als Cricketplatz ausgelegt ist, aber es geht. Ich wundere mich über einen Studenten, der den Bewegungsablauf eines fast bowler perfekt beherrscht. Ich frage ihn, woher er das hat, er grinst mich an und sagt: Deutscher Studentenmeister Speerwurf. Ein Studi kommt mit seinem Motorrad auf den Platz, so was hasse ich, it's not cricket. Ich sage ihm, er soll das da wegschieben. Da kommt keiner mit dem Ball hin, sagt der Student. Eine Stunde später hat sein Tank eine Beule. Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte, ich wollte das gar nicht. Es war aber ein wunderbarer Schlag.

Wenn es regnet, wird der Cricket Film vom British Council gezeigt und es werden die Regeln gelernt. Die Studenten schreiben Hausarbeiten über Cricket in der englischen Literatur. Das kommt ja nicht nur bei ➱Dorothy Sayers in Murder Must Advertise vor. Der Kurs kommt gut an, ich hätte ihn wahrscheinlich noch jahrelang angeboten, wenn ich nicht Mitte der siebziger Jahre diesen fiesen Heuschnupfen gekriegt hätte. Und ein weinender und niesender batsman, das geht nun wirklich nicht. Meine Mannschaft spielt einmal während der Kieler Woche gegen einen englischen Zerstörer, aber als ich die kommen sehe, weiß ich, dass wir ganz gewaltig verlieren werden. Die haben Cricketschläger der neuesten Generation, nicht das, womit wir spielen. Ihr einziger Schwachpunkt ist der Schiffsarzt. Doctor, are you paid by the Germans? schallt es über das Feld. Abends gibt es dann auf der HMS Fearless noch eine Party. Und ich bekomme Monate später vom Captain noch einen Brief in erstklassigem Deutsch, der mit dem köstlichen Satz endet:

Ich würde mich freuen, wenn beim nächsten Besuch eines britischen Schiffes einige Ihrer schönen, jungen Studentinnen mit an Bord kommen könnten, um ihre englischen Sprachkenntnisse anzuwenden. Das würde auch zur angenehmen Unterhaltung der Offiziere beitragen!

Von unseren Cricketkünsten war höflicherweise überhaupt nicht mehr die Rede. Aber Georgs Saat wird nicht ganz verdorren. Eines Tages belebt einer meiner ehemaligen Studenten, Tobias Hochscherf, das Cricketspiel am Englischen Seminar neu und schreibt auch noch einen weit beachteten Aufsatz über die Bedeutung des Spieles für die englische Kultur: More Than Just a Game: Cricket in Culture and Fiction - From Eton to Trinidad.

Das mit dem Cricket ist natürlich ein Intermezzo, in Wirklichkeit spiele ich längst wieder Fußball. Was ich immer wollte, seit ich als Kind ➱Straßenfußballer war. Am Englischen Seminar gibt es nämlich eine Fußballmannschaft, vor Jahren gegründet von Professor B., das sind seine Jungs. Die kriegen auch immer gute Noten im Examen. Da kann ich natürlich nicht mitspielen, ich will mein Examen nicht auf dem Rasen des Unistadions oder des Nordmarksportfelds machen. Also spiele ich erstmal Torwart in einer Hallenhandballmannschaft. Zwei gebrochene Daumen in einem Jahr, Siebenmeter in die Fresse, man steckt da was ein. Aber in dem Augenblick, in dem B. aufhört, bin ich sofort in der Fußballmannschaft des Englischen Seminars. Jeden Freitag, egal, was für ein Wetter. Wir haben nicht mal einheitliche Trikots, jeder bringt sein Trikot selbst mit. Nach dem Wählen der Mannschaften wird solange getauscht, bis wir eine dunkle und eine helle Mannschaft haben. Wir hatten mal gelbe Hemden, aber die sind so häufig zu heiß gewaschen, die passen keinem mehr. Wir haben zwei Bälle, einer ist immer beim Schuster in der Ladenzeile der Uni. Der heißt ➱„Eiche“ Eichhorst, der kennt den ganzen Uniklatsch, weiß, welcher Professor mit welcher Studentin ins Bett geht und solche Geschichten. Und er näht rührenderweise die immer wieder aufplatzenden Nähte unserer Bälle nach. Mich hat er ins Herz geschlossen, weil ich der einzige bin, der rahmengenähte englische ➱Schuhe trägt.

Wir haben immer genügend Leute für zwei Mannschaften. Die meisten sind Anglisten, manche Studenten, viele schon Studienräte. Die Lehrer kicken sich hier den ganzen Frust der Woche von der Seele. Vom Lehrkörper des Englischen Seminars spielen noch „Bobby“ Schik, Götz Schröder, Hans Finger (bevor er Professor in Freiburg wird), Horst Groene und Henning Wode. Howmany wäre ein guter Dozent geworden, aber der macht nie Examen. Schreibt für andere Leute die Staatsexamensarbeiten und für seinen Professor Vorträge und Aufsätze, aber seine eigene Examensarbeit kriegt er nie fertig. Ist aber ein hervorragender Fußballer und Kumpel. Und nur das zählt am Freitagnachmittag.

Manchmal haben wir auch englische Lektoren wie Ian Oliver, die vorzügliche Fußballer sind. Und natürlich der brillante Techniker Ako, der im Fach Meeresbiologie promoviert. Diethard ist auch brillant, er könnte in der Bundesliga spielen, sagt Götz. Aber er dribbelt sich immer fest, das ist so bei den Genies. Wir haben auch noch ein paar Volkswirte, einen total bescheuerten Mathematiker. Der soll fachlich ein Genie sein, fußballerisch ist er es nicht. Er bildet sich ein ein zweiter Stan Libuda zu sein, delusions of grandeur. Und dann haben wir noch einen echten Opernsänger. Viktor (der ➱hier schon erwähnt wurde) hat das ganze dramatische Repertoire drauf, so mit sterbendem Schwan und großen Gesten, da sind die Südamerikaner und Italiener nix gegen. Wie konntest Du mich foulen, Tom, Du weißt doch, dass ich heute Abend noch den Cavaradossi singen muß, deklamiert er kniend. Tom ist von soviel großer Oper unbeeindruckt, der geht eh nicht in Tosca.

Jeder möchte in diese Mannschaft hinein, weil sie die beständigste Mannschaft an der Uni ist. Kein Institut hat eine Mannschaft, die sich mit unserer vergleichen kann. Wir schlagen auch jede Thekenmannschaft in Schleswig-Holstein. Dafür leihen wir uns dann bei dem Platzwart Hans Jeß die blauen Trikots der Unimannschaft aus. Die Mannschaft vom Plöner Internat fertigen wir an einem schönen Sommertag auf dem Gelände der Marineunteroffiziersschule mit 9:1 ab. Und die hatten Georg dabei, und „Manner“ Kowallik. Und noch andere, die mal Landesliga gespielt hatten. Georg hat ja jahrelang in unserer Mannschaft gespielt, jetzt muß er für sein Gymnasium spielen. Und dann passiert so etwas. Uns gehen die Gegner aus.

Als B. Rektor wird, kommt er mal wieder zum Fußball, um seine Volkstümlichkeit zu demonstrieren. Kommt mit dem Mercedes des Rektors auf den Platz und lässt sich von seinem Chauffeur „Nico“ Nicolaisen (der bei Überlandfahrten immer das volle deutsche Operettenprogramm im Auto singt, vom Borstenvieh bis zum Wolgastrand) die Fußballschuhe zu den Umkleidekabinen tragen. Die hat er noch nicht erreicht, da ist er schon mit einem gellenden Pfeifkonzert begrüßt worden. Das mit der Volkstümlichkeit war wohl nix. Er zeigt zwar im Spiel manchmal noch, dass er wirklich einmal gut Fußball spielen konnte. Aber um ihn herum sind jetzt nicht mehr seine Jungs. Insbesonders Arturo nicht, der Jurist aus Neumünster.

Lauf, Professor, Du faule Sau, ist da noch das netteste, was der frisch gebackene Rektor zu hören bekommt. Ich komm’ nie wieder, Jay, wenn der Jurist bleibt, sagt B. mir hinterher im Oblomow. Das Oblomow ist eine Studentenkneipe, hat aber wenig mit Iwan Gontscharows Roman zu tun. Ich glaube, von allen, die da ihr Bier trinken, bin ich der einzige, der jemals Oblomow gelesen hat. In diese Kneipe ist B. früher immer mit der Mannschaft nach dem Spiel gegangen. Auch nach seinen Hauptseminaren, die damals immer abends abgehalten wurden, ist er im Oblomow. Irgendwie hat er nie Geld für den sauren Hering, die Bratkartoffeln und das Bier dabei. Was Götz und andere ihm schon alles über die Jahre ausgelegt (und nie wieder bekommen) haben, dafür hätten sie wahrscheinlich das Oblomow kaufen können.

Aber der Jurist Arturo bleibt. Und B. beendet das Strohfeuer einer zweiten Karriere. They never come back. Wir schenken uns da ja am Freitag nix. Wenn Du nicht sofort wieder aufstehst, brauchst Du am nächsten Freitag nicht wiederzukommen, sagt Tom zu einem Neuling, der sich am Boden windet. Wenn ich nach Hause komme, muß ich erst mal in die heiße Badewanne. Ungefähr ab Montag kann ich wieder gehen. Mein Bruder studiert jetzt Medizin in Kiel, und damals ist die pharmazeutische Industrie noch sehr freigiebig mit Praxisproben. Wandert alles in meine Sporttasche und steht hinter dem Tor, vom Vereisungsspray bis zur Rheumasalbe ist da alles drin. Ich behandle die halbe Mannschaft auf der Stelle. Hilft leider nichts gegen den Rippenbruch, den ich durch ein fieses Foul von Atze bekomme. Atze ist Volkswirt, kein Anglist, Anglisten foulen nicht. Sie sollten nicht so viel lachen, sagt mir der junge Assistenzarzt nach dem Röntgen in der Uniklinik. Das ist so auf dem gleichen Niveau wie damals der Versager im Rotes Kreuz Krankenhaus in Kassel, der keine Lust hatte, meinen ➱Nasenbeinbruch zu behandeln. Hat den Kopf einmal links und einmal rechts gedreht und gesagt: Schädelbasisbruch haben Sie keinen.

Irgendwann ist es mit dieser tollen Mannschaft vorbei, drei von der Mannschaft sterben in rascher Folge. Zwei an Leukämie, einer am Suff. An mir bleibt es hängen, die Texte für die Todesanzeigen zu schreiben. Für Stani, der als Spieler immer ein Gentleman war, wähle ich die englischen Zeilen:

And when the one great scorer comes
to write against your name
he marks not that you won or lost
but how you played the game

Als ich zu dem Linguistikprofessor Henning Wode komme, um für die Anzeige zu sammeln, guckt er mich mit seiner norddeutschen Art lange an und fragt dann, was das Ganze kostet. Und sagt dann: Iss gut Jay, die sollen die Rechnung an mich schicken. Wir sind eine seltsame Gemeinschaft, wir sind keine elf Freunde, aber wir halten zusammen. Wir sind damals in der Midlife Krise, ich höre nach zwölf Jahren auf zu spielen. Götz kickt noch in der Halle weiter, was ihm aber nur eine Bandscheibenoperation einbringt. Liegt dann in der Neurochirurgie neben einem Porschefahrer aus Bienenbüttel. Ich ziehe die Schnürbänder aus den Fußballschuhen, wasche und bügle sie. Poliere die Schuhe, tue die Schnürbänder wieder rein. Man weiß ja nie. Gegen die Uni Wuppertal hätte ich noch gerne mitgespielt, aber da hatte ich einen Bruch des Mittelfußknochens. Das mit den Nachrufen und Todesanzeigen wird mich verfolgen. Sie können das so schön, machen Sie es doch bitte. Für Horsti, der kurz nach der Pensionierung stirbt, und der lange in der Mannschaft gespielt hat, mache ich das auch gerne. Der kriegt ein schönes John Donne Zitat, das auch seinem kirchlichen Engagement gerecht wird. Für die Todesanzeige von B. werde ich ein Zitat von John Bunyan nehmen, den hat er immer gemocht.

Als Henning Wode im Audimax mit einer großen Feier in den Ruhestand verabschiedet wird, weist Professor ➱Konnie Groß auf die Fußballmannschaft des Seminars hin, in der Wode jahrelang jeden Freitag gespielt hatte. Und betont, dass er selbst ja auch einige Male mitgespielt hätte. Aber drei Stunden später, als alle Reden gehalten sind und das Schlusswort beim Jubilar liegt, da kriegt Konnie Groß es doch um die Ohren. Es zähle nicht, wenn man ein oder zweimal mitgespielt hat, hier zähle nur, wenn man jeden Freitag des Jahres da gewesen ist. Bei jedem Wetter, und das mindestens ein Jahrzehnt lang. Und da seien außer ihm nur noch drei Leute hier im Audimax: Dr Berthold Schik, Dr Gottfried Schröder und Dr Jay. An dieser Stelle stoße ich einen kleinen Jubelschrei. Indigniert gucken die Umsitzenden einen gut gekleideten Herrn im ➱Ermenegildo Zegna Kreidestreifen Zweireiher und pinkfarbenem englischen Schlips an, der, elegant an die Tür des Audimax gelehnt, die Faust zur Decke des Audimax gereckt hat. ➱Albert Camus, der in seiner Jugend ja ebenso wie ich ein sehr guter Torwart gewesen ist, hat einmal gesagt: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball. Soweit würde ich nicht gehen, aber ich möchte diese Jahre auch nicht missen, trotz blauer Flecken, gebrochenen Rippen und gebrochenen Fingern.


Noch mehr Fußball in diesem Blog: ➱Hannover 96, ➱Goalies, ➱Uns Uwe, ➱Fußballpoesie, ➱WM, ➱Bert Trautmann, ➱Bert Trautmann ✝, ➱Belfast Boy, ➱Wundliegen, ➱Schickssalspiel, ➱Farbsymbolik, ➱Stil, ➱1954, ➱Albert Camus, ➱Neo Rauch, ➱Gauland (kariert), ➱Erwin Kostedde

Montag, 5. September 2016

Hardware


Auf der Seite Mein Blog, meine Leser habe ich meinen leisen neuen Mini Mac gelobt. Das war vor sechs Jahren. Er blieb nicht so leise, er wurde mit den Jahren ein wenig lauter. Aber am Sonnabend war er plötzlich wieder ganz leise. Zehn Minuten später ging gar nichts mehr. Ich habe den netten Tim Trahn angerufen, der mir das Zauberding verkauft hat, aber der hat mir erzählt, dass er der Liebe wegen aus Kiel weggezogen ist. Also nichts mehr mit mal eben vorbeikommen und heilende Hände auflegen. Aber er hat mir den Namen und die Telephonnummer einer Firma gegeben, die einen toten Mac wieder zum Leben erwecken können. Und jetzt warte ich darauf, dass jemand vorbeikommt und das kleine Designerteil mitnimmt. Das bedeutet natürlich, dass Sie jetzt erst einmal keine neuen Posts mehr bekommen. Tut mir leid. Ich merke jetzt schon, wie abhängig ich von dem Gerät geworden bin und werde jetzt natürlich ganz schlimme Entzugserscheinungen bekommen:

Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world



Sonntag, 4. September 2016

Geronimos Cadillac


Am Anfang des Films ➱Stagecoach (zu dem es ➱hier einen Post gibt) bricht die Telegraphenleitung zusammen. Das einzige Wort der Nachricht, die aus Lordsburg kommt, heißt Geronimo. Mehr brauchen wir nicht, der Name verbreitet Schrecken. Heute vor 130 Jahren hat sich Geronimo mit einem Häuflein seiner Krieger dem General Nelson A. Miles ergeben. Man wird ihn nicht töten wie so viele andere Indianer, er wandert in Gefangenschaft. Er wird beinahe achtzig Jahre alt werden. Es werden viele Geschichten über ihn erzählt, die meisten sind nicht wahr. Wie all diese Geschichten aus dem Wilden Westen. Buffalo Bill hatte schon recht, als er den Westen als Show verkaufte. Wenn der Zirkus von Buffalo Bill zu Ende geht, übernimmt Hollywood die Show. Wer erinnert sich noch an Buffy Sainte Marie?

Now that your big eyes have finally opened
Now that you're wondering how must they feel
Meaning them that you've chased across America's movie screens
Now that you're wondering "how can it be real?"
That the ones you've called colourful, noble and proud
In your school propaganda
They starve in their splendor?
You've asked for my comment I simply will render
My country 'tis of thy people you're dying.


Es gibt ein Photo aus dem Jahre 1905, das Geronimo in der Kleidung des weißen Mannes (mit Zylinder) am Lenkrad eines Cadillacs zeigt. A pathetic caricature, nannte Alistair Cooke das Bild in seinem Buch Alistair Cooke's America. Wir wissen inzwischen, dass der Cadillac kein Cadillac ist, sondern ein Locomobile Model C aus dem Jahre 1904. Geronimo konnte nicht Auto fahren, er hat auch nie ein Auto besessen. Er ist hier Teil einer Show auf der 101 Ranch, der damals größten Ranch der USA. Die Ranch liegt im Indianer Territorium, der Staat Oklahoma ist noch nicht gegründet. Soldaten haben den Indianerhäuptling aus dem Militärgefängnis von Fort Sill zu der Show gebracht. Rechts neben Geronimo ist Edward Le Clair Sr. Geronimo hat dessen schöne Weste bewundert. Er bekam sie geschenkt und wurde später mit dieser Weste begraben.

Das Locomobile spielte bei der Show auf der 101 Ranch noch eine Rolle bei einer wilden Büffeljagd. Angeblich ist Geronimo aus dem fahrenden Auto gesprungen und hat den Büffel erlegt, aber diese Geschichte ist leider auch nicht wahr. Auf diesem Photo, das Geronimo's Last Buffalo heißt, erlegt er gerade für den Photographen einen Büffel. Es wäre nicht sein letzter Büffel, es wäre wohl sein erster. Da, wo er aufwuchs, gab es keine Büffel. Wir können mit der Geschichte ganz beliebig umgehen, die Photos beweisen alles. Es ist alles Zirkus und Show. Man kann die Geschichte fälschen, wie man will. Ich habe mal auf einer Tagung zum Thema Film und Geschichte den Anfang von Altmans Buffalo Bill and the Indians (➱hier ganz zu sehen) mit einer patriotischen Rede von Ronald Reagan vertauscht. Keiner der Tagungsteilnehmer hat es bemerkt.

Robert Altman hatte schon den richtigen Ton getroffen, als er ➱Arthur Kopits Theaterstück Indians verfilmte. Auf diesem Photo stehen Geromino und ➱Buffalo Bill nebeneinander, da ist der Apache in Buffalo Bills Western Show aufgetreten. In Kopits Theaterstück ist Geronimo auch ein Teil der Western Show. Er wird von einer Stimme im Off angekündigt als: The Most Ferocious Indian Alive. The Former Scourge of the Southwest. Man bringt ihn in einem Käfig auf die Bühne.

Ein Monster. Das brüllen darf: My body is painted with blood! I am red from white mens blood! ... No one lives who has killed more white men than I! Er ist stolz auf die Vielzahl der weißen Frauen, die er vergewaltigt hat. Aber wenn Buffalo Bill auf die Bühne kommt, dann verstummt er. Und beginnt zu zittern. Indem Arthur Kopit die Figur des Geronimo als killer und rapist überzeichnet, merkt auch der letzte Zuschauer, dass dies alles so nicht sein kann. Wenn heute in den USA jemand als killer und rapist bezeichnet wird, dann ist er Mexikaner. Und dann redet Donald Trump, dessen Wahlkampf eine Zirkusshow à la Buffalo Bill Cody ist.

Hier reitet Buffalo Bill (gespielt von Paul Newman) im Zirkus, er scheint nicht ganz bei der Sache zu sein. Sowohl Altman (aus dessen Film Buffalo Bill and the Indians das Photo stammt) als auch Kopit nehmen den Nationalhelden auseinander: Altman geht wie schon in ‚Nashville‘ mit Zynismus, Intelligenz und Bosheit daran, den ‚amerikanischen Traum‘ so gründlich zu demontieren wie kein Regisseur zuvor: Der legendäre Wildwestheld Buffalo Bill (Paul Newman), Mr. Amerika in Person, entpuppt sich als hohle Showbusiness-Erfindung, seine Vergangenheit als ein Sammelsurium aus dreisten Lügen und feigem Selbstbetrug. Im Gegenzug rehabilitiert Altman die ‚wahren‘ Amerikaner, die Indianer, personifiziert in der ungewöhnlichen Figur des Sioux- Häuptlings Sitting Bull, schrieb die Zeit 1976. Und da ich beim Thema Zirkus bin: General Nelson A. Miles, der einst Geronimo gefangen nahm, erlitt 1925 einen tödlichen Herzinfarkt. Im Zirkus.

Altmans Film erschien acht Jahre nach dem satirischen Theaterstück von Kopit, zehn Jahre nach Buffy Sainte Maries Song ➱My Country 'this of Thy People You're Dying. Und zehn Jahre nach Altmans bitterbösen Film erschien ein Song namens Geronimo's Cadillac von - und das ist jetzt wirklich ein wenig abgefahren - Dieter Bohlen. Ich weiß nicht, ob Sie den kennen, wenn er in diesem Blog auftaucht, werden immer schlimme Dinge über ihn gesagt (vielleicht lesen Sie einmal den schönen Post über den ➱Kieler Steuersünder, der nebenbei auch singt). In Dieter Bohlens Song kommt eigentlich nichts von Geronimo und dem amerikanischen Westen vor, der Song heißt einfach nur so. Sinnfrei.

Das ist bei dem Countrysänger Michael Martin Murphey anders, sein ➱Song hat durchaus etwas mit dem Photo von Geronimos Cadillac zu tun:

They put Geronimo in jail down south
Where he couldn't look a gift horse in the mouth

Sergeant, Sergeant, don't you feel
There's something wrong with your automobile?
Governor, Governor, now aint it strange
They didn't have no cars on the Indian range?
Warden, Warden, listen to me
Be brave and set Geronimo free

Whoa, boys, take me back
I wanna ride in Geronimos Cadillac

Warden, Warden, don't you know
That prisoners have no place to go?
Took Old Geronimo by storm
Ripped off the feathers from his uniform
Jesus tells me, I believe it's true
The red man is in the sunset too
Took all their land and they wont give it back
Sent Geronimo a Cadillac

Donnerstag, 1. September 2016

Samuel Fischer


Am 1. September 1886 hat der 26-jährige Samuel Fischer den gleichnamigen Verlag gegründet, den er beinahe ein halbes Jahrhundert leitete. Es gibt den Verlag immer noch, aber nur dem Namen nach, der Verlag ist heute ein Teil der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Autor des Fischer Verlags zu sein oder in der Neuen Rundschau zu schreiben, war schon etwas Besonderes. Wenn man sich das Verlagsprogramm anschaut, dann hat man das Gefühl, dass hier die gesamte Weltliteratur versammelt ist. Aber es sind neben Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse und Thomas Mann auch nicht so bekannte Namen dabei. Wie Hans Keilson, der letzte jüdische Autor des alten Samuel Fischer. Gerade noch zeitig genug, um verboten zu werden, hat er mit seinem typischen Humor später über seinen Romanerstling Das Leben geht weiter gesagt.

Als im Mai 1933 in Deutschland Bücher verbrannt werden (lesen Sie mehr in Feuer), sind auch viele Bücher des S. Fischer Verlags dabei. Viele Titel werden verboten, kaum dass sie erschienen sind, wie Harry Graf Kesslers Gesichter und Zeiten. Samuel Fischer, der das Tagesgeschäft schon seinem Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer und Peter Suhrkamp überlassen hatte, ahnte was kommen würde, wollte aber seinen Verlag vor der Vernichtung durch die Nazis bewahren. Er bittet seine Autoren, sofern die Deutschland nicht schon verlassen haben, eine Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler zu unterschreiben. Deshalb stehen Namen von Fischer Autoren wie Otto Flake (der hier einen Post hat), Oskar Loerke und Hermann Kasack auf dieser Liste, die ansonsten nichts mit den Nazis zu tun hatten.

Samuel Fischer stirbt 1934, er braucht nicht mehr zu erleben, was aus Deutschland unter den Nazis wird. Er wird am 8. Oktober 1934 auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt. Die Reichskulturkammer schickte keinen Vertreter, der Börsenverein auch nicht. Es waren vielleicht mal eben hundert Menschen gekommen. Ernst Rowohlt, Anton Kippenberg, Otto Flake, Oskar Loerke waren da. Gerhart Hauptmann, der mit seiner Frau gekommen war, hielt eine der Trauerreden. Die zweite wurde von Manfred Hausmann gehalten, was eigentlich sehr erstaunlich ist, denn der war den Nazis näher als seinem jüdischen Verleger. Thomas Mann war schon im Exil, er wird aber (wie Hauptmann) einen Nachruf auf seinen Verleger schreiben.

Suhrkamp und Bermann Fischer (Bild) ersinnen ein kompliziertes System, um den Verlag zu retten. Sie teilen sich Verlag und Autoren, Suhrkamp bleibt als Platzhalter in Deutschland, Bermann Fischer geht nach Stockholm. In der Doktor Faustus Ausgabe von 1949, die ich irgendwann einmal aus dem Bücherschrank meiner Eltern gemopst habe, findet sich als Verlagsangabe: Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer, Berlin und Frankfurt. Und auf der Rückseite der Seite steht: Lizenzausgabe mit Genehmigung des Bermann-Fischer Verlags Amsterdam. Die erste Ausgabe erschien 1947 im Bermann-Fischer Verlag in Stockholm. Das klingt nicht grade nach großer Freundschaft zwischen den zwei Fischer Verlagen. Sie können in dem Magazin Cicero die traurige Geschichte lesen, die sich hinter den Kulissen abspielte.

Gottfried Bermann Fischer, der beinahe hundert wurde, zog sich 1963 aus dem Verlagsgeschäft zurück und dilettierte als Bildhauer und Maler. In einem Interview hat er gesagt: Meine Lebensarbeit stand unter zwei verpflichtenden Aufgaben: den Verlag zu erhalten und gemäß seiner Tradition fortzuführen und meine Familie vor der Vernichtung durch die Naziherrschaft zu bewahren. Daß mir beides […] gelungen ist, erfüllt mich mit unendlichem Dank. Wenn Sie alles über den S. Fischer Verlag wissen wollen, kann ich nur den Kauf von 100 Jahre S. Fischer Verlag 1886-1986: Kleine Verlagsgeschichte von Reiner Stach empfehlen. Hat mich vor Jahrzehnten drei Mark bei Eschenburg gekostet, man kann es heute zum Preis von 0,01 Euro bei Amazon Marketplace kaufen. Ist mehr wert, weil es nicht nur eine Verlagsgeschichte, sondern auch eine Literaturgeschichte ist.

Mittwoch, 31. August 2016

Georges Braques Rolls Royce


Georges Braque, 74, Kunstmaler und Massenproduzent moderner Bilder, kaufte sich als zweiter französischer Maler nach seinem Kollegen Bernard Buffet, 28, (SPIEGEL 28/1956) ein Rolls-Royce-Auto, schrieb der Spiegel 1956. Das mit dem Massenproduzenten mag der Künstler wohl nicht so gerne gehört haben. Als Braque (der am 31. August 1963 starb) sich den Rolls kaufte, hatte der Maler einen Chauffeur. In den zwanziger Jahren fuhr er noch selbst. Zum Beispiel diesen Alfa Romeo. Den er auch noch bemalt hatte, sozusagen ein echter Braque.

Das dürfen Maler mit ihren Autos ja tun. Wird viel zu wenig gemacht. Der Satz von Henry Ford, any color so long as it is black, gilt für das Europa des Art Déco nicht. Denn bevor John Lennon in einem psychedelischen ➱Rolls spazierenfuhr, gab es schon so etwas. Dieses Auto hier wurde nach einem Design von Sonia Delaunay neu gespritzt (es war nicht das einzige ➱Fahrzeug, das sie bemalte). Auch die beiden Damen, die das Auto dekorieren, tragen Kleidung, die von Delaunay entworfen wurde. Hergestellt wurden die Pelzmäntel von Jacques Heim, mit dem Delaunay lange zusammenarbeitete. Jacques Heim hatte übrigens 1946 auch einen Bikini erfunden, den er Atom nannte, aber da setzte sich doch das Modell von Louis Réard mit dem Namen Bikini durch (das hier schon einen Post hat).

Frauen scheinen in den zwanziger Jahren keine Angst vor dem Automobil zu haben. Tamara de Lempicka malt sich 1929 voller Stolz am Lenkrad ihres grünen Bugattis. Es ist die Zeit der flapper, jener jungen Frauen, die jetzt Sport treiben (wie in ➱Jordan Baker in Fitzgeralds ➱Great Gatsby), Hosen tragen, öffentlich Zigaretten rauchen und Automobile besitzen. In der Geschichte der Emanzipation spielt das Automobil eine wichtige Rolle. Und ein Auto wie der Jordan Playboy war nicht für eine männliche Kundschaft konzipiert (lesen Sie ➱hier mehr über eine der berühmtesten Anzeigen der Werbegeschichte).

Die roaring twenties sind nicht nur die Zeit der flapper, sie sind auch die große Zeit des Art Déco - das Photo von Sonia Delaunays Auto und ihren Pelzmänteln wurde von einem Pavillon der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes (kurz: Art Déco) gemacht. Die zwanziger Jahre sind auch die große Zeit des ➱Plakats. Hier hat André Edouard Marty eine junge Dame der Pariser Gesellschaft in ihrem ➱Citroen abgebildet. Wir können hier sehen, dass das Automobil ein Accessoire der ➱Haute Couture geworden ist.

Marty hatte an der Ecole des Beaux Arts studiert und arbeitete für die führenden Modejournale wie die Gazette du Bon Ton, das Journal des Dames et les Modes oder Vogue. Er war sogar so berühmt, dass ihn ➱London Transport für Plakate verpflichtete. Das hätte ich in dem Post ➱Keep calm and carry on vielleicht noch erwähnen sollen. Um das wieder gutzumachen, habe ich hier ein schönes Plakat, das er für London Underground entworfen hat.

Der Elendsmaler Bernard Buffet hatte nicht nur einen Rolls, er malte ihn auch gerne. Obgleich es viele Künstler gibt, die einen Rolls besitzen, malt kaum jemand das Objekt der künstlerischen Begierde. Marcel Duchamp tat das nicht, und auch Joseph Beuys hat seinen Bentley nicht gemalt. Der Massenproduzent Georg Baselitz weiß weshalb: Wenn einer zu viele Ringe an den Fingern trägt oder einen Rolls-Royce fährt, wird der geschmäht. Das ist ein Phänomen, das in einer Neidgesellschaft wuchert. Ganz übel, und Deutschland hat dazu alle Fundamente gelegt.

Das ist natürlich schlimm, Maler wie Baselitz haben es in Deutschland ganz schwer. Ein Rolls Royce ist etwas für ➱Könige. Und für Kleinbürger wie Baselitz, der sich - ebenso wie Bernard Buffet - ein Schloss kaufte. Etwas weniger beklagt sich da Markus Lüpertz. Massenproduzent moderner Bilder, Millionär und Rolls Royce Liebhaber Markus Lüpertz hatte soviel Humor, das Cover für den Krimi von Joseph Wambaugh Der Rolls-Royce-Tote zu zeichnen.

Georges Braque war in seiner Jugend ein wilder Fahrer gewesen. Sein Freund ➱Picasso war um ihn besorgt und hatte ihm immer zu einem Chauffeur geraten. Den bunt bemalten Alfa hatte Braque nicht lange behalten, er verkaufte ihn für tausend Francs an den Dichter Blaise Cendras (lesen Sie mehr in dem Post ➱Blaise Cendrars). Kaufte sich aber sofort einen neuen Alfa. Als Braque sich einen großen Hispano Suiza kaufte, leistete er sich dann auch einen Chauffeur. Mit Livree.

Ein Hispano Suiza war damals viel exklusiver als ein Rolls (lesen Sie ➱hier mehr dazu), wahrscheinlich ist das auch ein Grund dafür, dass Picasso sich 1953 auch einen kaufte. Und sich natürlich einen Chauffeur zulegte. Er mochte das Auto, weil es so groß war, dass er seine ganze Malausrüstung darin verstauen konnte. Braque andererseits hatte ein kunstvolles System ersonnen, um Leinwände und Malmaterial auf dem Dach seines Rolls zu befestigen. Ein Jahr bevor sich Picasso seinen Hispano Suiza kaufte, hatte er diese Plastik eines Pavians geschaffen, dessen Kopf aus einem Auto besteht, aber Picassos Plastik und sein Auto haben bestimmt nichts miteinander zu tun. Man weiß nicht, was in Picassos Kopf vorgeht.

Ein Rolls Royce bietet sich für einen Künstler schon deshalb an, weil er selbst ein Kunstwerk ist, da hätte man den Plan von Alina Szapocznikow, einen riesigen ➱Rolls-Royce aus portugiesischem rosa Marmor herzustellen, gar nicht gebraucht. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky hat in einem witzigen Aufsatz mit dem Titel The ideological antecedents of the Rolls-Royce radiator auf die gerade, klare Gliederung der Villen des Palladian Style hingewiesen (und der Rolls-Royce Kühler verdankt ➱Palladio ja auch vieles), die in völligem Gegensatz zu der gewollten Unordnung der Natur des englischen ➱Landschaftsgartens steht. Deshalb stellen Sie Ihren Rolls am besten in den Park. Aber niemals unter ➱Lindenbäume. Sagt ein Handbuch für Rolls Royce Chauffeure.

Man kann einen Rolls in jeder beliebigem Form bekommen. Das hier gilt allgemein als der hässlichste Rolls, der je gebaut wurde. Nubar Gulbenkian (der bestimmt ein halbes Dutzend Rolls Royce besaß) hatte ihn sich 1947 von der Karosseriefabrik Hooper bauen lassen. Not everyone will care for the very advanced appearance - but there is no doubt it is striking, schrieb die Zeitschrift Autocar. Man kaufte bei der Firma Rolls Royce eigentlich nur Fahrwerk und Motor, alles andere machten Firmen wie Hooper, Mulliner oder Park Ward.

Die Erfahrung musste auch der junge Michael Caine machen, als er ein spezielles Modell haben wollte. Ein älterer Herr sagt ihm bei der Autoshow: I think I can assure you myself, sir, that the Mulliner Park Ward chassis will never be available on the model you require because Mr Mulliner is dead and I am Mr Park Ward, so you are getting your information straight from the horse's mouth, as the saying goes. Lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Luxuskutschen. Heute fährt Michael Caine, der noch keinen Führerschein hatte, als er sich seinen ersten Rolls kaufte, einen grauen Lexus: I used to drive a Rolls and all that but they were just too ostentatious for this world now. I had to get rid of them. Die goldene ➱Rolex ist auch vom Arm verschwunden. So etwas hat doch Stil.

Natürlich ist es immer feiner, einen Bentley zu haben als einen Rolls Royce. Das hatte Braque auch eingesehen, sein Rolls machte einem grauen Bentley Platz. Der Spiegel wusste damals zu vermelden: Georges Braque, 79, französischer Kubist, läßt seinem 80 000-Mark-Auto, einem britischen Bentley, bei den täglichen Spazierfahrten in Paris zwei Motorroller-Fahrer vorauseilen, damit er rechtzeitig vor Verkehrsstockungen gewarnt wird, die dem Maler zuwider sind. Wenn man Massenproduzent moderner Bilder ist, kann man sich auch so etwas leisten.

Es gibt genügend Gemälde, auf denen Automobile sind. Und es gibt auch inzwischen eine große Zahl von Büchern wie Das Automobil in der Kunst 1886 - 1986 von Reimar Zeller (Prestel Verlag), Automobil: Das magische Objekt in der Kunst (derselbe Autor, diesmal beim Insel Verlag), Art and the automobile von D.B. Tubbs oder Gerald D. Silks Automobile and Culture (und ich hätte hier für Liebhaber amerikanischer Automobile noch einen Link zu einer sehr interessanten Nummer des ➱Michigan Quarterly Review). 

Dieser schöne Cézanne mit einem alten Citroen ist in all den oben erwähnten Büchern nicht zu finden. Man kann das Bild lediglich in der Folge Who Killed Harry Field? der englischen Krimiserie ➱Morse sehen. Sie können sie ➱hier in mehreren Teilen sehen, ich finde, dass es der beste Morse ist. Der Maler, der dieses Bild gefälscht hat, sagt in dem Film zu Morse: Two golden rules of forgery, Mr. Morse, spontaneity and never do Raphael. Braques werden häufig gefälscht (ein Raffael seltener), auch unser ➱Wolfgang Beltracchi hat falsche Braques gemalt. Wenn Sie einen Georges Braque haben wollen, dann wenden Sie sich doch mal an diese ➱Adresse.

Das ist kein Fälscher, i bewahre, das ist ein Künstler: When I paint in the style of one of the greats… Monet, Picasso, Van Gogh… I am not simply creating a copy or pale imitation of the original. Just as an actor immerses himself into a character, I climb into the minds and lives of each artist. I adopt their techniques and search for the inspiration behind each great artist’s view of the world. Then, and only then, do I start to paint a ‘Legitimate Fake’. Raffael hat der Mann nicht im Programm, Braque schon. Wenn Sie ihn bitten, malt der Produzent von legitimate fakes Ihnen bestimmt auch einen kleinen Rolls Royce zwischen die Häuser.


Ich weiß nicht, wie es kommt, aber die Firma Rolls Royce kommt immer wieder in diesem Blog vor. Sie könnten auch noch lesen: automobilia, Luxuskutschen, Traumwagen, April, Lindenbäume, Palladio, Des Königs Jaguar, Lisbeth, König Faruk, Gregor von Rezzori, F. Scott Fitzgeralds Automobile, Mercédès, Franco Costa, Politische Symbolik, Kieler Woche, Cutty Sark, Jens Christian Jensen, Kieler Chic, Herrenausstatter, Patti d'Arbanville, Swinging London, Fahrstuhl zum Schafott, Borgward, Basel, Segelboote, Invasion, Jogginghosen, Neo Rauch, Nachtigallen.