Samstag, 11. August 2012

Joseph Nollekens


Möchte man diesen Joseph Nollekens (der heute vor 275 Jahren geboren wurde) wirklich kennen? Er soll nach seinem Biographen John Thomas Smith ein furchtbarer Geizkragen gewesen sein. Die einzig gute Tat, von der Antiquity Smith zu berichten weiß, ist, dass er 25 Pfund für die Angehörigen der Opfer der Schlacht von Waterloo gestiftet hat. Wenn man bedenkt, dass Nollekens 200.000 Pfund besitzt, ist das ein Klacks. 200.000 Pfund sind damals wirklich eine Menge Geld (wenn wir es mit hundert multiplizieren, kommen wir ungefähr auf den heutigen Wert). ➱John Harrison, der es dank seiner genau gehenden Uhren der Royal Navy möglich gemacht hat, auf den Weltmeeren zu navigieren, hat nur ein Zehntel dieser Summe vom Board of Longitude erhalten.

➱Nollekens and His Times von 1828 ist auch noch beinahe zwei Jahrhunderte später eine wunderbare Lektüre. Man hat das Buch perhaps the most candid biography ever published in the English language genannt. Mit bösartiger Süffisanz (für ➱William Blake bringt Smith sehr viel mehr Sympathie auf) beschreibt John Thomas Smith den berühmten Bildhauer. Das geht bis in die Beschreibung seiner Kleidung: Perhaps there never was a Royal Academician, or even a servant of one, whose wardrobes were so scantily provided with change of dress as those of Mr. Nollekens and his old servant Bronze. He had but one nightcap, two shirts, and three pairs of stockings ; two coats, one of them his pourpre de pape, one pair of small-clothes, and two waistcoats. His shoes had been repeatedly mended and nailed ; they were two odd ones, and the best of his last two pair. This was the amount of his dress : indeed, so niggardly was he as to his clothes, that when Mrs. Holt took possession of his effects, she declared she would not live with him unless he had a new coat and waistcoat. With this reasonable request he complied, saying nothing about any other part of his dress.

Es hat sicher schon vor Nollekens (dessen Vater Joseph Francis Nollekens aus Antwerpen nach London gekommen war) Bildhauer gegeben, die sehr reich geworden sind, aber die Geldsumme, die der geizige Nollekens anhäuft, ist schon erstaunlich. Nollekens profitiert davon, dass die englische Oberklasse jetzt von der Klassik begeistert ist (ich habe das schon einmal in dem Post ➱Banastre Tarleton erwähnt). Wir können das hier sehr schön auf dem Bild von Richard Cosway sehen, das den Sammler Charles Townley (einen der Mäzene  von Nollekens) zeigt. Auf ihrer Grand Tour, die neuerdings für junge Gentlemen de rigueur ist (und über die auch manche wie ➱William Beckford schreiben werden), nehmen die Engländer in Rom jetzt alles mit, was ihnen geschickte Kunsthändler anbieten. Und hier in Rom beginnt auch die Karriere von Joseph Nollekens, die zuerst weniger die Karriere eines Bildhauers als die eines Kunsthändlers ist.

Er ist da nicht der einzige, der seine Dienste den englischen Gentlemen anbietet, ich zitiere einmal den ersten Absatz des Wikipedia Artikels zu Thomas Jenkins (hier von ➱Angelika Kauffmann gemalt), der offensichtlich von einem Fachmann geschrieben wurde: Thomas Jenkins (ca. 1722–1798) was a British antiquary and minor painter who went to Rome accompanying the English landscape painter Richard Wilson about 1750 and remained behind, establishing himself in the city by serving as cicerone and sometime banker to the visiting British, becoming a dealer in Roman sculpture and antiquities to a largely British clientele and an agent for gentlemen who wished a portrait or portrait bust as a memento of the Grand Tour. Gegenüber Jenkins hat Nollekens den Vorteil, dass er Bildhauer ist, er kann beschädigte Statuen reparieren. Er kann natürlich auch Fälschungen produzieren - was er gerne tut. Es ist den durchreisenden Engländern beinahe egal, was sie an Marmor kaufen, es soll sehr alt sein und sehr alt aussehen und diese edle Einfalt und stille Größe haben. Denn zu Hause in England möchte man gerne ein antiquary sein, antiquary und das Adjektiv antiquarian haben noch keinerlei negative Konnotation. Selbst jemand wie ➱Sir Joshua Reynolds wird von dem Sammelfieber angesteckt und erwirbt von Thomas Jenkins Berninis Neptun mit Triton für 500 Pfund.

Und dann gibt es in Rom noch andere, die im antiken Geröllhandel tätig sind. Wie den Maler und Kunsthändler Gavin Hamilton, der in Lord Shelburne einen guten Kunden findet. Der lässt sich dann von ➱Robert Adam im Lansdown House auch gleich das klassizistische Ambiente für seine Kunstwerke bauen. Auch Gavin Hamiltons in Italien lebender Namensvetter Sir William Hamilton interessiert sich für die Klassik, zwar ist er Sammler, aber er verkauft auch Kunstwerke weiter. Mit seiner Gattin ist das so ähnlich. ➱Lady Hamilton, auch schon beinahe ein klassisches Kunstwerk, überlässt er Admiral Nelson.

Natürlich werden viele dieser Gentlemen, die sich antiquary nennen, mit der Zeit eine große Kennerschaft entwickeln, andere sind lediglich reiche Banausen, die bei diesem Spiel ("Wie kriege ich mein stately home voll mit griechischen oder römischen Marmorstatuen") nur mitspielen wollen. Das liest sich dann Jahrhundert später in einem Text des Getty Museums so: Charles Watson-Wentworth, second Marquess of Rockingham, commissioned the three statues from English sculptor Joseph Nollekens. As a testament to his classical education and the taste he developed during his Grand Tour of Italy at age eighteen, the marquess assembled this group and other works in his Neoclassical sculpture gallery.

Wenn man keinen echten Polyklet oder Praxiteles mehr bekommt, dann tut es ja auch eine Kopie (arme Adlige nehmen einen Gipsabguss). Oder man bestellt sich gleich bei Joseph Nollekens etwas Klassizistisches, as a testament to his classical education and the taste he developed during his Grand Tour. Man kann bei ihm auch die Büsten berühmter Leute kaufen, wie diesen William Pitt hier. Er hat inzwischen seine eigene Fabrik in England. Ich weiß nicht, ob das schon unter den Begriff Industrial Revolution fällt. Er ist da nicht anders als andere klassizistische Bildhauer. Auch der dänische Phidias Bertel Thorvaldsen arbeitet ähnlich (falls Sie ➱dies verpasst haben sollten, müssen Sie das natürlich lesen, ebenso wie den schönen ➱Horace Walpole Post). Der Däne macht aber unterm Strich nicht so viel Gewinn wie Nollekens. Es ist ein kurioser Gedanke, dass viele dieser englischen Sammler ihr Vermögen mit der Industrial Revolution gemacht haben. Und nun kaufen sie bei Nollekens Kunstwerke, die letztlich auch fabrikmäßig industriell hergestellt werden.

Wenn man ganz weit oben in der Hierarchie der Sammler ist, dann gehört man der Society of Dilettanti an. Wenn man ihr nicht angehört, wie Horace Walpole, dann macht man böse Bemerkungen über diesen elitären Zirkel. Laut seiner Definition ist es a club, for which the nominal qualification is having been in Italy, and the real one, being drunk: the two chiefs are Lord Middlesex and Sir Francis Dashwood, who were seldom sober the whole time they were in Italy. Vielleicht ist da etwas dran. Auf diesem Bild, das Sir Joshua Reynolds (Mitglied der Society) anlässlich der Aufnahme von Sir William Hamilton gemalt hat, hat jeder der Herren ein Glas in Reichweite.

Ich habe es ja irgendwann schon einmal gesagt, dass ich von der Bildhauerkunst nichts verstehe. Ist mir peinlich, zumal ich einen Bildhauer in der Verwandtschaft habe. Sie werden deshalb kaum von mir erwarten, dass ich das bildhauerische Werk (hier die Büste, die er nach dem Tode seines Gönners Charles Townley gefertigt hat) von Joseph Nollekens hier ausführlich würdige. So bedeutend ist er vielleicht auch nicht, der Band 5, The Augustan Age der vorzüglichen Reihe The Cambridge Guide to the Arts in Britain, erwähnt ihn gar nicht erst. Und in Hugh Honours Neo-Classicism kommt er auch nicht vor.

Aber eine Plastik muss doch erwähnt werden, die ➱Grabplastik die er für Henry Howard nach dem Tod von dessen Frau Maria geschaffen hat. Sie hat den Witwer 1.500 Pfund Sterling gekostet. Nollekens hat länger als zehn Jahre daran gearbeitet, als das Grabmal 1806 fertig war, notierte Joseph Farington in seinem Tagebuch when it was finally complete Benjamin West thought it superior to the works of Canova. Eine Meinung, die von anderen englischen Künstlern geteilt wurde. Für den berühmten Richard Payne Knight war es the finest modern piece of sculpture executed in England. Und in seinem Standardwerk, dem Dictionary of British Sculpture 1660-1851 bezeichnet Rupert Gunnis das Grabmal als monumental masterpiece. Hat sich irgendjemand von all denen, die Nollekens über den grünen Klee loben, einmal Berninis Verzückung der Heiligen Theresa im Vergleich angeguckt? Nollekens hat Bernini in Rom gründlich studiert, und er beklaut ihn bei jeder Gelegenheit.

Nollekens hätte die Plastik aus Carrara Marmor am liebsten behalten, so stolz war er darauf. Und es brachte ihn zur Verzweiflung, dass das Grabmal nicht öffentlich zugänglich sein sollte: when Nollekens heard that his statue was to be placed in Wetheral Church he apparently burst into tears upset that one of his finest pieces was going somewhere where it would not be seen by admirers of his work. Natürlich haben auch Bewunderer den Weg in die Kirche von Wetheral gefunden, der berühmteste war vielleicht William Wordsworth. Der so gerührt war von so much feeling and grace, dass er ein Sonett darüber schrieb:

Stretched on the dying mother’s lap lies dead
Her new-born babe; dire ending of bright hope!
But sculpture here, with the divinest scope
Of luminous faith, heavenward hath raised that head
So patiently; and through one hand has spread
A touch so tender for the insensate child,—
(Earth’s lingering love to parting reconciled,
Brief parting, for the spirit is all but fled,) —
That we, who contemplate the turns of life
Through this still medium, are consoled and cheered; 
Feel with the mother, think the severed wife
Is less to be lamented than revered;
And own that art, triumphant over strife
And pain, hath powers to eternity endeared.

Wenn Sie jetzt noch mehr über englische Sammler von Klassik und Neo-Klassik und the culture of collecting wissen wollen (das Bild von John Francis Rigaud zeigt Nollekens mit seiner Büste von ➱Laurence Sterne), hätte ich einige Literaturtips für Sie. Zum Thema der Grand Tour ist Christopher Hibberts The Grand Tour unbedingt zu empfehlen. Das Buch von Francis Haskell und Nicholas Penny, dessen Titel Taste and the Antique: The Lure of Classical Sculpture 1500-1900 ja schon alles sagt, ist ein Klassiker zu diesem Thema. Noch detaillierter und genauer, sich nur auf das England des 18. Jahrhunderts konzentrierend, ist das vor drei Jahren erschienene Buch von Vicci Coltman Classical Sculpture and the Culture of Collecting in Britain since 1760.

Donnerstag, 9. August 2012

Hermann Hesse


Ich war noch sehr jung, als ich das erste Gedicht von Hermann Hesse las. Es hieß Im Nebel und war auf der ersten Seite der Welt am Sonntag abgedruckt. Ich dachte damals, dass dieses Seltsam, im Nebel zu wandern! eine Erstpublikation gewesen wäre, musste aber später dazu lernen, dass das Gedicht schon sehr alt war. Meine zweite Begegnung mit Hesse war einigermassen kurios, meine Eltern hatten mich zum Kauf des Buches Das Glasperlenspiel losgeschickt. Ich kam ohne Buch zurück und berichtete meinen Eltern, dass mich die Frau hinter der Ladentheke gefragt hätte, was für ein Spiel das denn sein sollte. Da kaufen wir nie wieder, sagte mein Vater. Ich wurde dann zu der Buchhandlung Otto & Sohn geschickt, wo wir sonst immer kauften, und die hatten das Buch natürlich.

Ich muss gestehen, dass ich es, obgleich ich es besitze, bis heute noch nicht gelesen habe. Wenn Sie sich (oder mich) jetzt fragen, was dieses Photo hier soll: das sind die Mitglieder einer ➱Band, die sich den Namen Glasperlenspiel von Hermann Hesse geborgt haben. Wahrscheinlich haben sie sich bei der Namenwahl gedacht, dass ➱Steppenwolf auf diese Art ja auch eine Menge Platten verkauft hat.

Hermann Hesse ist ein wenig an mir vorbeigelaufen. Als sich in den sechziger Jahren halb Amerika für Hesse begeisterte, schwappte davon nichts zu mir über. Ich habe Klingsors letzter Sommer, Demian, Narziß und Goldmund und den Steppenwolf gelesen. Aber es machte mich nicht zum Hesse-Fan. Es sprang beim Lesen nichts elektrisierend über, so wie ich es bei der Lektüre von ➱Robert Walser, ➱Ernst Penzoldt und ➱Albert Vigoleis Thelen verspürte. Vielleicht war er damals einfach zu berühmt. Berühmte Schriftsteller ließ ich bei meinem Leseprogramm (ich wollte ja mit einundzwanzig durch die Weltliteratur durch sein) erst einmal links liegen, mich interessierten eher die Autoren, die meine Deutschlehrer nicht kannten.

Meine dritte Begegnung mit Hermann Hesse war 1958 ein Bertelsmann Bildband, der Autoren der Gegenwart: Dichter hieß. Man kann ihn heute noch bei Amazon Marketplace zu Preisen zwischen 0.99 und 100 Euro bekommen. Ich hatte mir den Band aus dem Bertelsmann Programm selbst ausgewählt, meiner Mutter war in dem Quartal nichts eingefallen. Die Romane von Otto Flake hatte sie schon alle. Ich will gegen den Bertelsmann Lesering der fünfziger Jahre nichts sagen, ohne ihn hätte ich ➱Otto Flake vielleicht nie kennengelernt. In dem Photoband Dichter waren alle Schriftsteller abgebildet, die in der Zeit des Wirtschaftswunders bedeutend waren. Hervorragende Photographien (alles natürlich schwarzweiß), dazu kurze Texte des Herausgebers Günther Steinbrinker. Hesse bekam gleich eine Doppelseite und war vorne auf dem Buch abgebildet. Die Photos von Hesse waren von dem Schweizer Photographen Gotthard Schuh (der in dem Band auch Thomas Mann photographiert hatte) - der Band Dichter versammelte nicht nur die Crème de la Crème der Literatur, sondern auch die Crème de la Crème der Photographen. Das Buch bedeutete mir viel, ich wollte damals wissen, wie die Schriftsteller aussahen, welche Kleidung sie trugen. Hermann Hesse trug ein gestreiftes Hemd (aber keinen Schlips) und einen Cordanzug mit Weste. Er wirkte so ganz anders als T.S. Eliot, der auf dem Photo von Ingeborg Sello so überkandidelt englisch aussah. Man kann aus guten Photos viel über die Dargestellten lernen. Wenn ich auch bei manchen meiner Bücher nicht so genau weiß, wo sie sich in den Regalen verstecken, den Band Dichter mit Hermann Hesse vorne drauf, den finde ich sofort.

Mein wirkliches Hesse Erlebnis musste noch ein paar Jahre warten. Genau genommen bis zum Februar 1971, als ich mir für sechs Mark achtzig die Suhrkamp Ausgabe der Briefe kaufte. Davon hat er ja zigtausende geschrieben, mir reichten die 566 Seiten schon aus. Aber es hat mich schwer beeindruckt - diese Ehrlichkeit, diese Geradlinigkeit! Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Ich habe dann später gelesen, dass der Herr Reich-Ranicki über die Briefe gesagt hat: Es steht in diesen Briefen viel Vernünftiges und Richtiges, sie nötigen oft ehrlichen Respekt ab … nur dass ich dabei gähnen musste. Denn Hesse offeriert hier, um es kurz und grob zu sagen, gute Gesinnung und wenig Geist. Dazu sage ich gar nichts, ich versaue mir doch nicht diesen Tag, indem ich mich über Herrn Reich-Ranicki ärgere.

Er ist in diesem Blog ja schon häufig erwähnt worden, sogar in einem Post über ➱Regenschirme habe ich es nicht lassen können, ihn zu erwähnen. Ich kann als Gegenmittel zu Reich-Ranicki nur die Lektüre dieses Artikels von Volker Michels ➱Prügel für den Steppenwolf oder: Wie man einen Nobelpreisträger zur Schnecke macht. Marcel Reich-Ranicki und Hermann Hesse empfehlen. Geschrieben zum fünfzigsten Todestag von Hermann Hesse. Volker Michels ist der Herausgeber der Hesse Gesamtausgabe (die Suhrkamp gerade neu wieder herausbringt), der versteht von dem Nobelpreisträger Hesse vielleicht etwas mehr als der Bambi-Preisträger Reich-Ranicki. Unter dem Artikel steht der köstlich feige Satz: Der Suhrkamp Verlag macht darauf aufmerksam, dass die Darstellung und Formulierungen Volker Michels nicht die Meinung des Verlags zu diesem Thema spiegeln. Suhrkamp Verlag, Mai 2012.

Dazu fällt mir nur der Brief ein, den Hermann Hesse 1959 nach dem ➱Tode Peter Suhrkamps an den neuen Verlagschef Siegfried Unseld schrieb: Der Verleger muß 'mit der Zeit gehen', wie man sagt, er muß aber nicht einfach die Moden der Zeit übernehmen, sondern auch, wo sie unwürdig sind, ihnen Widerstand leisten können. Im Anpassen und im kritischen Widerstehen vollzieht sich die Funktion, das Ein- und Ausatmen des guten Verlegers. So einer sollen Sie sein.

Hermann Hesse ist heute vor fünfzig Jahren gestorben. Er wird noch Leser haben, wenn keiner mehr weiß, wer Reich-Ranicki war.

Mittwoch, 8. August 2012

Frank Duveneck


Wenn man jetzt raten sollte, von wem dieses Landschaftsbild ist, würde man wohl in Schwierigkeiten kommen. Selbst Kunsthistoriker wissen nicht genau, von wem das Bild gemalt wurde, aber sie vermuten, dass der Amerikaner John Henry Twachtman das Bild in Polling bei Weilheim gemalt hat. Was bringt einen Amerikaner im Jahre 1877 ins bayrische Polling? Darauf gibt es eine einfache Antwort, und die heißt: Frank Duveneck.

Dieser Frank Duveneck (hier ein Bild von ihm, das auch in Polling gemalt wurde), der aus der deutschen Gemeinde von Cincinnati kommt, ist damals einer der wichtigsten amerikanischen Maler. Er wurde 1848 in Covington (einem Stadtteil von Cincinnati) als Sohn von Bernhard und Katherine Siemers Decker geboren. Sein Vater war Schuster, büffelte aber in den Nachtstunden für das Rechtsanwaltsexamen. So hatte sich Abraham Lincoln sein juristisches Wissen auch beigebracht. Doch Bernhard Decker starb ein Jahr nach der Geburt seines Sohnes an der Cholera. Diese Choleraepidemien dezimieren immer wieder die deutschen Siedler in der Gegend zwischen Cincinnati, Milwaukee und St. Louis, die man damals auch als German Triangle oder German Belt bezeichnet. Deckers Witwe heiratete danach ihren Landsmann Joseph Duveneck, der ebenso wie die Deckers aus dem Oldenburgischen nach Cincinnati gekommen war.

Joseph Duveneck wurde 1824 im südoldenburgischen Visbek geboren (das ist dieses Kaff, an dem meine Eltern in den fünfziger Jahren nie vorbeifahren konnten, ohne den Kindern Visbeker Braut und Bräutigam zu zeigen) Duveneck war 1847 ausgewandert und besaß schon drei Jahre später einen Kaufmannsladen in dem Stadtteil, den die vielen Deutschen in Cincinnati (noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts werden die Deutschen sechzig Prozent der Einwohner stellen) Über'm Rhein nannten. Der Rhein ist natürlich nicht der Rhein, sondern der Miami-Erie Kanal. Der Stadtteil heißt übrigens heute noch immer Over-the-Rhine. 1861 kauft Duveneck zusammen mit seinem Kompagnon Henry Wichmann die Frank Hone Brewery und tauft sie in The Wichmann & Co. Brewery um. Es wird da viel Bier gebraut in Cincinnati. Wenn Sie viel Zeit haben, können Sie einmal auf dieser ➱Seite die Brauereien zählen. Das Geschäft ist beinahe fest in der Hand süddeutscher Brauer, aber es gibt auch eine Handvoll Brauer, die wie Duveneck aus ➱Oldenburg kommen.

Und Joseph Duveneck zieht jetzt nach Covington am Südufer des Ohio um, wo er einen gut gehenden Biergarten betreibt. Und sogar Friedensrichter wird. Er ist sicherlich eine gute Partie für die junge Witwe Katherine Siemers Decker, die ihrem zweiten Gatten noch eine Vielzahl von Kindern schenken wird. Frank Duveneck wird erst spät erfahren, dass Joseph Duveneck nicht sein leiblicher Vater ist. Diese Katherine Siemers hat die toughness, die die pioneer women auszeichnet. Sie war als Mädchen 1834 mit ihren Eltern nach Minster (Ohio) ausgewandert. Die katholischen deutschen Gründer des Ortes aus dem Münsterland (New Bremen liegt daneben, dazwischen liegt Amsterdam) hätten es ja lieber Münster genannt, aber das kann in Amerika niemand aussprechen. Als ihre Mutter und ihr Stiefvater 1840 starben, ist die kleine Elisabeth mit ihrer Schwester Margaretha barfuß nach Covington gewandert, weil sie es bei ihren Pflegeeltern nicht aushielt. Das sind mal bummelig 150 Kilometer den Miami-Erie Kanal entlang gewesen. Elisabeth hat da im Haushalt des Malers James Henry Beard eine Stelle als Dienstmädchen gefunden. Frank Duveneck wird seine Mutter 1902 (zwei Jahre vor ihrem Tod) portraitieren, ein ganz stilles Bild in gesucht altmeisterlichem Stil - sie sieht da ein wenig wie die gerade gestorbene Königin Victoria aus - das im Gegensatz zu seinen anderen Frauenbildern steht. Zwar hat sie die Pose und die Kleidung der vornehmen Welt, aber ihre Hand ist die Hand einer Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat. Das will Frank Duveneck nicht verschweigen.

Das hier steht auch im Gegensatz zu allem, was er malen wird. Als der kleine Frank zwölf Jahre alt ist, hat man ihn bei dem unter dem Laienbruder ➱Cosmas Wolf arbeitenden ➱Johann Schmitt (klicken Sie diese Seite nicht an, wenn Sie allergisch gegen scheußlichen Kitsch sind) in die Lehre gegeben. Wolf, Schmitt und ein gewisser Wilhelm Lamprecht haben eine Firma, die ➱Covington Altar Stock Building Company heißt, und Schmitt wird für die Ausmalung im Stil der Nazarener vieler amerikanischer Kirchen verantwortlich sein. Unter dem Einfluss von Schmitt malt Duveneck seine ersten Bilder (wie dieses hier), die nichts davon erkennen lassen, dass er eines Tages einer der einflussreichsten Maler Amerikas werden wird. Henry James wird 1875 in The Nation von einer discovery of an unsuspected man of genius sprechen. Robert Henri (der Lehrer von ➱Edward Hopper) hat sich immer voller Bewunderung für Duvenecks Technik geäußert: Duveneck is a great master... an extremely sensitive painter, a great draughtsman and every stroke of his brush manifests a consciousness of life, an intense conception of nature .... A brush stroke which to the ordinary eye might seem crude or hasty is in his work the very perfect measure. Und der große John Singer Sargent wird über ihn sagen: After all's said, Frank Duveneck is the greatest talent of the brush of this generation.

Duveneck, inzwischen zu einem großen blonden Mann (ein ganzer Kerl) herangereift, wird nach seiner malerischen Grundausbildung in der Kirchenmalerei in München studieren. Auch Wolf, Schmitt und Lamprecht hatten dort studiert und haben ihm München als Studienort nahegelegt. Seine Lehrer an der Akademie für Bildende Künste werden, da Wilhelm Leibl keine Schüler mehr annimmt (aber trotzdem großen Einfluss auf Duveneck hat), Ludwig von Löfftz und Wilhelm (von) Diez sein. Dieser Diez ist nicht verwandt mit dem Robert Diez, der hier schon einmal in dem Post ➱Meerjungfrauen + Waldnixen im Blog vorkam. Man könnte Diez als Maler vielleicht vergessen, wenn er nicht so großen Einfluss gehabt hätte. Die Namen von seinen Schülern sind wirklich eindrucksvoll, außer Duveneck zählen Franz Marc, Max Slevogt, Wilhelm Trübner, der unvergleichliche Gotthardt Kuehl und die Worpsweder Hans am Ende und Fritz Mackensen dazu. Ludwig von Löfftz, der Schüler von Diez gewesen war, ist in den nächsten Jahrzehnten der beliebteste Professor bei den amerikanischen Studenten. Frank Duveneck hat seinen Lehrer portraitiert, das Bild hängt heute in Cincinnati.

Die Münchener Akademie zieht damals eine Vielzahl von amerikanischen Malern an, sie gilt als fortschrittlicher als Düsseldorf. Dorthin hatte es eine ältere Generation amerikanischer Maler gezogen, von denen ➱Emanuel Leutze sicher der bekannteste ist. Aber in den 1870er und 1880er Jahren gehen die jungen amerikanischen Maler nach München, über vierhundert Amerikaner sind in diesen Jahren hier immatrikuliert. Amerikanische Kunsthistoriker sprechen mit Recht von einer Munich School. Eines Tages wird man in München mit Carl Marr sogar einen Amerikaner als Rektor der Kunstakademie haben. Frank Duveneck kehrt nach seinen ersten Ausstellungserfolgen in Amerika gerne nach München zurück, hier gefällt es ihm. Hier ist man gut katholisch, und es gibt genügend Biergärten, alles wie bei ihm zu Hause. Er hat inzwischen eigene Schüler - die scherzhaft the Duveneck Boys genannt werden. Er macht in München, und im Sommer in Polling, seine eigene Malschule auf, bevor er mit seinen Duveneck Boys nach Venedig und Florenz weiter zieht. Seine berühmtesten Schüler sind John Henry Twachtman und William Merritt Chase (oben ein Bild von Chase, auch in Polling gemalt). Und da unten ist noch einmal Polling, diesmal aus der Sicht von Duveneck.

Die Duveneck Boys haben es auch in die amerikanische Literatur geschafft, William Dean Howells hat sie als die Inglehart boys in ➱Indian Summer hinein geschrieben: One of the ladies asked him if he had met the Inglehart boys as he came in. "The Inglehart boys? No. What are the Inglehart boys?" "They were here all last winter, and they've just got back. It's rather exciting for Florence." She gave him a rapid sketch of that interesting exodus of a score of young painters from the art school at Munich, under the head of the singular and fascinating genius by whose name they became known. "They had their own school for a while in Munich, and then they all came down into Italy in a body. They had their studio things with them, and they travelled third class, and they made the greatest excitement everywhere, and had the greatest fun. They were a great sensation in Florence. They went everywhere, and were such favourites. I hope they are going to stay."

Es gibt zu dieser Romanstelle noch eine Anekdote aus dem wirklichen Leben, wenn die Duveneck Boys in Venedig auf den großen Dandy ➱James Abbott McNeill Whistler treffen. Der amerikanische Konsul stellt sie einander vor, und Whistler hat für jeden der Duveneck Boys  den Satz Whistler is charmed parat. Wenn man so berühmt ist wie Whistler, redet man von sich in der dritten Person. Nur einer der Duveneck Boys bekommt einen längeren Satz zu hören, weil der Konsul sagt Mr Whistler, this is the boy who etches. Otto Henry Bacher - the boy who etches - wird durch ein: Ah, indeed! Whistler is quite charmed and will be glad to see your work. Whistler ist gerade dabei, seine Künste in der ➱Radierung aufzufrischen, und da kommt ihm Otto H. Bacher gerade recht. Beide werden voneinander lernen. Duveneck auch, seine Radierungen aus Venedig werden für Werke von ➱Whistler gehalten werden. Whistler genießt die nächsten Monate in der Gesellschaft der jungen Amerikaner, sie gefallen ihm. Aber bei aller Vertrautheit, die sich entwickeln wird, er wird weiterhin von sich in der dritten Person sprechen. Das Bild da oben ist von Otto H. Bacher. Es zeigt, wohin die amerikanische Malerei gehen wird, sieht es nicht schon ein wenig nach Edward Hopper aus?

Frank Duveneck wird eines Tages auch eine Schülerin haben. He is the frankest, kindest-hearted of mortals, and the least likely to make his way in the world, schreibt die junge Elizabeth (Lizzie) Boott ihrem Vater aus München. Der hatte 1875 schon ein Bild von Duveneck gekauft, ohne den Künstler zu kennen. Die Empfehlung von Henry James hatte ihm ausgereicht. Lizzie kommt aus dem vornehmen Boston, ➱Henry James hat sie sehr bewundert, Lizzie hatte seit 1865 eine lebenslange Brieffreundschaft mit dem Schriftsteller (➱hier ein Brief von ihr). Sie soll das Vorbild für die Romanfiguren in Portrait of a Lady und The Golden Bowl gewesen sein. Sie ist eine begabte Malerin gewesen, sie hat sicherlich auch die Malweise ihres Gatten beeinflusst.

Wenn die beiden nach einigen Jahren heiraten, ist das für die steifen Bostoner Kreise eine Sensation. Eine junge Dame der feinsten Bostoner Gesellschaft heiratet einen Deutschen, dessen Familie in Covington einen Biergarten betreibt. Hier treffen zwei Welten aufeinander, die Elisabeth Siemers aus dem katholischen Südoldenburg, die nicht lesen und schreiben kann, hat so gar nichts mit der Welt der jungen Bostoner Damen zu tun, die die Romane von Henry James bevölkern. Ich glaube, dass Henry James, der uns die feinsten Gefühlsnuancen der jungen Bostoner Damen zu schildern weiß, sich gar nicht vorstellen kann, dass Frauen wie Elisabeth Siemers existieren. For him it is all gain, for her it is very brave kommentiert Henry James missbilligend die Hochzeit. Lizzie Bootts Vater hält den jungen Deutsch-Amerikaner, der immer noch mit schwerem Akzent spricht, für jemanden, der nur hinter dem Geld seiner Tochter her ist. Frank Duveneck muss vor der Trauung einen Ehevertrag unterschreiben. Aber die beiden haben sich wirklich geliebt. Es ist eine Tragödie, dass Lizzie zwei Jahre nach der Hochzeit stirbt.

Frank Duveneck wird für seine Frau eine imposante gisant Grabplastik im Stil der Renaissance schaffen. In einem Brief an Francis Boott schreibt Henry James über das Grabmal in Florenz: One sees, in its place and its ambiente, what a meaning and eloquence the whole thing has - and one is touched to tears by this particular example which comes home to one so - of the jolly great truth that it is art alone that triumphs over fate. Da hat der Vater bei seinem Schwiegersohn gleich noch eine ➱Marmorversion bestellt, die im Museum of Fine Arts in Boston zwischen den Originalplastiken der Renaissance ihren Platz finden wird.

Seine Frau hat ihm im Testament ein jährliches Einkommen von 12.000 Dollar hinterlassen, aber Frank Duveneck lebt weiterhin unauffällig und bescheiden. He is the frankest, kindest-hearted of mortals, and the least likely to make his way in the world, was die junge Lizzie Boott an ihren Vater schrieb, ist beinahe prophetisch gewesen. Der Größenwahn, der ➱Albert Bierstadt befällt, könnte ihn nie überkommen. Und auch diese Grandezza, mit der William Merritt Chase (der nach der Pleite von Bierstadt dessen Studio übernahm) sich als eine etwas beleibtere Kopie von James McNeill Whistler präsentiert, wären ihm fremd. Die feinen Bostoner Manieren hat er sich nie angeeignet, ihm liegt die Welt der Bohème und der Biergarten in Covington mehr als die Welt der Reichen des Gilded Age, die John Singer Sargent und ➱Anders Zorn portraitieren. Malerisch könnte er, das zeigen seine Frauenportraits immer wieder, leicht mit ihnen mithalten.

Seine Palette ist (vielleicht unter dem Einfluss von Lizzie) heller geworden als in der Münchener Zeit. Der Realismus mit dem er berühmt geworden ist, tendiert jetzt zum Impressionismus. Dieses schwere Schwarz und Braun, das er von Wilhelm Leibl übernommen hatte, weicht auf diesem Bild einer sonnendurchfluteten Stimmung. Mit der braunen Soße der Realisten des 19. Jahrhunderts geht ja auch immer eine gewissen Tristesse einher. Nach dem Tod seiner Frau wird er weniger malen, aber mehr junge Kunststudenten unterrichten. Not only could he teach, he had the power of inspiring a rare devotion in his students who became practically his disciples. Duveneck was one of the few masters seemingly content to be surpassed by his students, hatte seine Frau über ihn gesagt. In einem Interview hat er gesagt, dass er jede Begrüßungsrede für die neuen Studenten mit den Sätzen abschloss: Now I don't want any geniuses in this class, I don't care for pupils who claim to have an abundance of talent; but what I want is a crowd of good workers. Und dann fügte er noch hinzu: This is the thought that I have always tried to instill into my pupils.

Im Sommer unterrichtet er in ➱Gloucester bei Boston. So kann er seinem kleinen Sohn Frank nahe sei, der von den Verwandten von Lizzie aufgezogen wird. Der wird eines Tages auch eine Erbin aus Boston heiraten und auch ein erstaunliches ➱Leben haben. Duveneck hat in Cape Ann zwei Studios, eins für das Morgenlicht, eins für das Licht des Nachmittags, ein Zeichen dafür, dass er doch noch seinen Weg zum Impressionismus gefunden hat. Gloucester, der Ort aus dem ➱Fitz Hugh Lane kommt, wird um 1890 für Maler immer interessanter. ➱Winslow Homer ist hier gewesen, John Henry Twachtmann, Edward Hopper und ➱John Sloan auch. Im Herbst und im Winter unterrichtet Duveneck in seinem Heimatort Covington, wo er die Waschküche seiner Mutter in der ➱Greenup Street zum Studio umgebaut hat. Er erhält im Alter auch eine Vielzahl von Ehrungen, aber heute ist er erstaunlicherweise beinahe vergessen. Hermann Uhde-Bernays würdigt ihn 1927 im zweiten Teil von Die Münchener Malerei im 19. Jahrhundert, aber Robert Hughes (der gerade gestorben ist) ist Duveneck in American Visions keine Zeile wert.

Als ich im Wikipedia Kalender las, dass Duvenecks Schüler und Freund ➱John Henry Twachtmann (hier seine Bilder) heute vor 110 Jahren gestorben ist, dachte ich mir, ich schreibe mal über Twachtman. Aber kaum hatte ich den ersten Absatz geschrieben, da merkte ich, das Frank Duveneck immer interessanter wurde. Und so gibt es heute hier bei mir eine kleine Würdigung von Frank Duveneck. Die es natürlich so nur hier gibt und nirgendwo anders.

Gute Bücher zu Frank Duveneck können Sie vergessen, das wenige, das es gibt, kostet entweder dreistellige Summen oder ist vergriffen. Falls Sie noch ein preisgünstiges Exemplar von dem Katalog ViceVersa. Deutsche Maler in Amerika. Amerikanische Maler in Deutschland 1813-1913 bekommen können, kaufen Sie es unbedingt. Der hervorragende Katalog vom Deutschen Historischen Museum Berlin ist ja sehr schnell verramscht worden, ich habe ihn damals auch zu einem Billigpreis gekauft. Wenn Sie einen Eindruck von Frank Duvenecks Bildern bekommen wollen, klicken Sie ➱hier und ➱hier.

Sonntag, 5. August 2012

Marilyn Monroe


Zwanzig Jahre vor seinem Tod hat Gore Vidal geschrieben: As I now move, graciously, I hope, toward the door marked Exit, it occurs to me that the only thing I ever really liked to do was go to the movies. Geht es uns allen nicht genau so? Die Produkte der Traumfabrik Hollywood fallen nicht unter das Arzneimittelgesetz, süchtig machen können sie dennoch. Denn manchmal wird reiner Celluloidschrott dadurch aufgewertet, dass er eine unvergessliche Szene enthält. Also, zum Beispiel River of No Return. Könnte man im Prinzip vergessen, wenn da nicht Marilyn Monroe und diese ➱Szene wären.

Marilyn Monroe in ihrem weißen Kleid ist zu einer Ikone geworden. Hollywood hat sie gemacht und Hollywood hat sie wieder zerstört: Hollywood is a place where they’ll pay you a thousand dollars for a kiss and fifty cents for your soul. I know, because I turned down the first offer often enough and held out for the fifty cents. Als Briefmarke war sie für noch weniger als 50 Cents zu haben, 32 Cents kostete sie in den USA im Jahre 1995. Aber man bekam ihre Seele nicht, wenn man die Marke kaufte. Die Briefmarke hat wohl inzwischen keinen höheren Katalogwert bekommen. Es gibt wahrscheinlich zu viele davon, dies ist nicht die Blaue Mauritius. Ich gebe meine aber nicht her, egal wie viel sie wert ist. Ich habe sie geschenkt bekommen, gerahmt mit Passepartout. Sie steht vor dem Regal, in dem die Opern CDs sind, ich muss sie immer in die Hand nehmen, wenn ich an die CDs will. So gehört Marilyn zu meinem Alltag. Die Nähe von Marilyn zur Oper ist sicherlich berechtigt, immerhin gibt es schon eine Oper über sie. Waiting for Miss Monroe heißt die, sie wurde von Robin de Raaff geschrieben.

Die Analogie zu Tragödie oder zur großen Oper liegt beim Leben von Marilyn Monroe, die heute vor einem halben Jahrhundert im Alter von 36 Jahren starb, irgendwie nahe. Ich habe vor Jahren Mireille Delunsch in einer Aufführung von La Traviata auf ➱ARTE gesehen, und das war schon beängstigend. Weil man Mireille Delunsch, die vielleicht eine bessere Schauspielerin als eine Sängerin ist, perfekt in ➱Marilyn Monroe verwandelt hatte. Die wären in Holland bei der Erstaufführung von Waiting for Miss Monroe sicherlich gut beraten gewesen, wenn sie irgendein Marilyn Monroe look-alike für die Titelrolle gehabt hätten; aber das, was man bei ➱You Tube sehen kann, das geht nun gar nicht. Ein weißes Kleid allein macht noch niemand zu Marilyn Monroe.

Die Marilyn Oper ist ja auch schon lange geschrieben. Erinnern Sie sich an den zweiten Akt von Hoffmanns Erzählungen? An diese bezaubernd schöne mechanische Puppe Olympia? In Zürich hatten sie vor Jahren genau die richtige Idee und ließen Olympia als Marilyn Monroe Kopie auftreten. Und könnte nicht dieser mysteriöse Coppelius, mit den stechend grünen Augen, der auf der Straße Augen verkauft (J'ai des vrais yeux, des beaux yeux) und der Hoffmann eine Brille verkauft hat, durch die der die ganze Welt in einem rosigen Licht sieht, könnte das nicht Hollywood sein?

Aber musste das in Holland - kalkuliert zu Marilyns fünfzigstem Todestag -  unbedingt eine Marilyn Oper sein? Warum hat Werner Herzog nicht einmal einen Marilyn Film gedreht? Eine Montage aus ihren Filmen, und dann im Hintergrund, wie immer bei ihm, diese plüschige Opernmusik. Bei mir liegt heute meine Marilyn Monroe CD auf. Und ich klicke mich durch die Photogalerie Marilyn through the years auf der Seite von ➱Kansas City.

Ich habe im letzten Jahr schon einmal etwas über ➱Marilyn Monroe geschrieben. Falls Sie das verpasst haben, könnten Sie es natürlich heute lesen. Es ist mir heute an ihrem Todestag nichts Besseres eingefallen, als zwei Gedichte hier abzudrucken. Das erste ist von dem amerikanischen Dichter Red Shuttleworth (das ist der rechts neben dem Hollywood Star in der oberen Reihe meiner Leser), den ich hier schon einmal vorgestellt habe. Das Gedicht ist aus dem Band Brief Lives, und ich finde es wirklich sehr gut.

Marilyn Monroe (1960)

- for Kirk Robertson

I don't have to wear a halo all the time.
She drooled like any chloral addict.
Waking up in her Mapes Hotel room's shower,
Marilyn asked for a steak sandwich,
skip the mayo. A make-up girl offered
to find her a Paiute coyote fetish.
The gravediggers are waiting, Marilyn snapped.
Huston or Miller? She brushed her bone-blonde
dry-as-the-Great-Basin hair, concealed it
with a smoke-blue, flat brim Stetson,
announced that her ass was sore
from the pick-up truck in The Misfits.
She winked at Gable, I used to remember
all my lines when I was an angel.


Das zweite Gedicht ist von Marilyn Monroe selbst. Es geht mir nicht aus dem Kopf, seit ich im letzten Herbst ein Exemplar von Tapfer lieben: Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe (die Übersetzung von Fragments) fand. Ich habe es zwar im November schon einmal zitiert, tue es aber heute noch einmal:

on the screen of pitch blackness
comes/reappears the shapes of monsters
my most steadfast companions …
and the world is sleeping
ah peace I need you—even a
peaceful monster.

Nach ihrem Tod hat Thomas Pynchon in einem Brief geschrieben: Southern California's special horror notwithstanding, if the world offered nothing, nowhere to support or make bearable whatever her private grief was, then it is that world, and not she, that is at fault.

Samstag, 4. August 2012

Gore Vidal


Das erste, das ich von ihm las, waren drei Krimis. Damals wusste ich noch nicht, wer sich hinter dem Pseudonym Edgar Box verbarg. Aber ich nehme mal an, dass der ➱Richard K. Flesch (der in der Branche nur Leichen-Flesch hieß) das gewusst hat. Der hat ja bei Rowohlt diese hervorragende Krimireihe hochgezogen, kein Vergleich mit den roten Goldmann Bänden. Diese Reihe mit gelbem Papier und schwarzem Buchdeckel, verziert mit dem Shakespeare Zitat A Faint Cold Fear Thrills Through My Veins, hatte schon Niveau. Die drei Romane von Edgar Box, die im Original Death in the Fifth Position, Death Before Bedtime und Death Likes It Hot hießen, hatten natürlich auch Niveau. Denn ihr Autor war kein Geringerer als Gore Vidal. Heute weiß man das natürlich. Dank des Internets und immer schnellerer Suchmaschinen braucht man nur Sekunden für das, was früher Wochen der Recherche bedeutet hat. Die Frage ist nur, wem diese Informationsflut nutzt. Und wenn ich in einem x-beliebigen Blog den Kommentar einer gewissen Cindy zu einem Post über Gore Vidal lese: No. But I love his shampoo. Wait a minute. Wrong Vidal? dann beschleichen mich doch leise Zweifel. Ja, Cindy, es ist der falsche Vidal. Der Vidal ist schon vor drei Monaten gestorben.

Das Nächste, das ich von Gore Vidal las, war Myra Breckinridge. Habe ich nur gelesen, weil alle Welt das damals las. War irgendwie sensationell, und es gab auch gleich einen Film mit Raquel Welch. Aber weder Buch noch Film haben bei mir irgendwelche Erinnerungen hinterlassen. War irgendwie skandalös, aber was war damals nicht skandalös? Ich habe etwas länger gebraucht, um das Beste von Gore Vidal zu entdecken. Und da bleibe ich mal beim Thema Film. Der Film The Best Man (Drehbuch: Gore Vidal nach seinem Theaterstück) hat aus Gründen, die ich nicht so recht verstehe, niemals die rechte Wertschätzung bei Publikum und ➱Kritik erfahren. Vielleicht, weil er zu nah an der Wirklichkeit der Verlogenheit amerikanischer Politik ist. Das ➱Theaterstück läuft zur Zeit gerade mal wieder mit großem Erfolg am Broadway.

Stellenweise sieht der in Schwarzweiß gedrehte Film The Best Man  wie ein Dokumentarfilm aus, was natürlich an der hervorragenden Photographie von Haskell Wexler liegt. Falls Ihnen dieser Name gerade nichts sagt, die Liste seiner nächsten Filme sagt jetzt alles: The Loved One (1965), Who's Afraid of Virginia Woolf? (1966), In the Heat of the Night (1967), The Thomas Crown Affair (1968), Medium Cool (1969), American Graffiti (1973), One Flew Over the Cuckoo's Nest (1975), Bound for Glory (⬅Woody Guthries Leben hier in voller Länge) und Days of Heaven (1978).

Es geht in dem Film um die Macht in Amerika und um politische Winkelzüge in Washington. Da kennt sich der Enkel eines Senators, der gerade vergeblich (trotz der Unterstützung des Kennedy Clans)  um einen Abgeordnetensitz kandidiert hatte, bestens aus. Und natürlich haben die Figuren des Films auch Entsprechungen in der politischen Realität. Henry Fonda soll Adlai Stevenson sein, Cliff Robertson (der in diesem Film hervorragend ist) soll Richard Nixon sein. Das hat Gore Vidal einmal gesagt. Ein Schauspieler namens Ronald Reagan bekam keine Rolle in diesem Film, weil ein Studioboss über ihn sagte, dass er nicht that presidential look hätte. Teile des Films wurden im Ambassador Hotel in Los Angeles gedreht. Da wurde vier Jahre später Robert Kennedy erschossen. Wenn man den Film heute sieht, hat man das Gefühl, dass sich die Grenzen zwischen Film und Wirklichkeit verwischen.

Meine nächste Begegnung mit Gore Vidal kam ein Jahrzehnt später. Als ich Homage to Daniel Shays: Collected Essays 1952-1972 kaufte. Antiquarisch, 1.95 $ vom Strand Book Store, steht vorne noch mit leuchtend rotem Klebeetikett drin. Die Essays stehen bei mir im Regal neben den Essays von Edmund Wilson. Ich wusste nicht, dass Newsweek ihn einmal the best all-around American man of letters since Edmund Wilson genannt hatte. Ich würde so etwas Ähnliches sagen. Manchmal wird der gelehrte Bär Dr Samuel Johnson ja wiedergeboren, in den letzten fünfzig Jahren hieß er Gore Vidal.

Neben all dem, was in diesem Band steht (es gab eines Tages auch einen Folgeband, der bis 1992 reicht), ist mir ein Essay nie aus dem Kopf gegangen, der den Titel hat First Note on Abraham Lincoln. Ich habe im Netz ein Schnipselchen davon gefunden; das mag genügen, um als Stilprobe zu dienen: In "Patriotic Gore," Edmund Wilson wrote, "There are moments when one is tempted to feel that the cruellest thing that has happened to Lincoln since he was shot by Booth has been to fall into the hands of Carl Sandberg." The late Mr. Sandburg was a public performer of the first rank "Ker-oh-seen!" he crooned in one of the first TV pitches for the jet-engine - ole banjo on his knee, white hair mussed by the jet-stream), a poet of the second rank (who can ever forget that feline-footed fog?) and a biographer of awesome badness. Unfortunately, the success of his four-volume Abraham Lincoln: The War Years was total. In the course of several million clumsily arranged words, Sandburg managed to reduce one of the most interesting and subtle men in world history to a cornball Disneyland waxwork rather like . . . hes, Carl Sandburg himself.
     The real Lincoln is elsewhere. He is to be found, for those able to read old prose, in his own writings. According to Lincoln's law partner William Herndon: "He was the most continuous and severest thinker in America. He read but little and that for an end. Politics was his Heaven and his Hades metaphysics." Lincoln read and reread Shakespeare; he studied Blackstone's legal commentaries. And that was about it. Biographies bored him; he read no novels. Yet, somehow (out of continuous and severe thinking?), he became a master of our most difficult language, and the odd music to his sentences is like that of anyone else - with the possible exceptoion of Walt Whiman on a clear unweepy day.

Er hat natürlich auch (schon, um das Carl Sandburg mal zu zeigen) einen Lincoln-Roman geschrieben, die Romanbiographie hat durch ihn eine neue Dimension bekommen. Ich gebe noch einmal ein Pröbchen von Gore Vidals unnachahmlichem Stil:

Lincoln stared at the painting of General Scott conquering Mexico while Seward stared at the painting of General Scott winning the War of 1812. General Scott stared at the bust of General Scott, executed in white marble by a student of Canova who had, in Seward's view, failed to matriculate.
     Finally, Lincoln spoke to the youthful General Scott storming Chapultepec rather than to the ancient, mottled man who was propped up opposite him, one huge cylinder of a leg resting on a low table. "If the Maryland legislature meets as planned today, they are certain to vote an ordinance of secession."
    "But we could stop them, sir." General Scott had not, as Seward thought, gone to sleep. The eyes were now so ringed with fat that it was hard to tell whether or not they were open, while the old man's breathing was that of a heavy sleeper
.

Natürlich wird das Treffen zwischen Lincoln und General Scott in der Wirklichkeit anders verlaufen sein, aber dies hier vergessen wir nicht. Vidals Romanbiographien (und das scheint ja seit Emil Ludwig das beliebteste Genre der Literatur zu sein) unterscheiden sich von anderen dadurch, dass er, wie man neuerdings auch im Deutschen sagt, seine Hausaufgaben gemacht hat. Alles ist sorgfältig recherchiert. Allerdings haben Lincoln Fachleute (die sich aber über Lincoln nie einig sind) einiges zu meckern gehabt, was Gore Vidal in einem Brief an den New York Review of Books wortreich zu kontern wusste. Gore Vidals Geschichte Amerikas, die er in seinen American Chronicle Novels ausführte, ist eine revisionistische Sicht. Nicht das, was in den Lehrbüchern steht. Aber viel interessanter. Am besten von den American Chronicle Novels hat mir sein Roman Burr: A Novel (1973) gefallen. Dieser Aaron Burr ist ja jemand, um den die Historiker lieber einen Bogen machen. Aber bei Gore Vidal ist sein Leben gut aufgehoben. Dies ist zwar ein Roman, aber es ist auch eine kleine Geschichtsstunde über die Anfänge der amerikanischen Republik.

Was sollte man sonst noch lesen? Natürlich seine Memoiren, die den schönen Titel Palimpsest haben und die mit den Sätzen anfangen: 'A Tissue of Lies'? Could there be a more persuasively apt title for a memoir? Particularly if the rememberer of his past is referring not so much to his own lies but to those of others, and, if I may immodestly boast, I have gone mano a mano with some of the truly great liars of our time. 

Gore Vidal ist am Dienstag im Alter von 86 Jahren gestorben, enfant terrible hatten viele Zeitungen in ihrer Schlagzeile. Es ist für Journalisten schön, wenn man ihn mit Wörtern wie maverick, enfant terrible oder Provokateur belegen kann, dann braucht man sich um das nicht zu kümmern, was er geschrieben hat. Glücklicherweise tut der englische Guardian das in seinem Nachruf nicht. Irgendwo in der Presselandschaft gibt es noch ein wenig Seriosität. Auf dem Photo oben hält Vidal sein Patenkind Nell auf dem Arm, die Tochter von Joanne Woodward und Paul Newman. Always a godfather, but never a god, hat er damals gesagt. Witzig war er in jedem Augenblick. Oder hat er das mit dem god doch ernstgemeint? Nachdem er sein provozierendes Buch Live From Golgotha: The Gospel According to Gore Vidal veröffentlicht hatte, schrieb ein Kritiker: If God exists and Jesus is his son, then Gore Vidal is going to hell.

Wo immer er jetzt ist. Ich lasse ihm das letzte Wort: I'm not sentimental about anything. Life flows by, and you flow with it or you don't. Move on and move out.

Donnerstag, 2. August 2012

Thomas Gainsborough


Der Blue Boy war dem neuen Besitzer zu grün. Der Knabe in seinem ➱Van Dyck suit an der Wand des Luxusschiffes Aquitania war viel blauer gewesen, das wusste er genau, dieser Mr H.E. Huntington. Er hatte auf der Aquitania die Gainsborough Suite bewohnt. Und da hing natürlich eine Kopie des Blue Boy an der Wand. Beim Abendessen mit Joseph Duveen entspann sich folgende Unterhaltung:

"Joe," said H. E., with the confidence of one who knows that he can get the answer to anything, "who's the boy in the blue suit?"
Duveen said, "That is a reproduction of the famous 'Blue Boy.' It is Gainsborough's finest and most famous painting."
"Where's the original?" Huntington went on, with even more confidence. Duveen did not let his inquirer down. "It belongs to the Duke of Westminster and hangs in his collection at Grosvenor House, in London."
"How much is it?" asked H. E.
Duveen was discouraging. "It can probably not be had at any price," he said.
Huntington, impressed, looked up at the unattainable boy in the blue suit with fresh awe. "It must be a very great painting," he said.
Duveen seconded this venture into criticism, and went a step further. "Indeed," he said, "it is the greatest work of England's greatest master and would be the crown of any collection of English pictures."
In Huntington, aesthetic appreciation was glazing into the enamel of covetousness. "What do you think would be the price if it ever were sold?" he asked.
After a calculated hesitation, Duveen said it would probably be about six hundred thousand dollars—far more than Huntington had ever before paid for a picture.

"I might see my way clear to paying that much," Huntington said.

Er wird das Geld locker machen, aber der Blue Boy ist ihm, wie gesagt, zu grün. Joe Duveen beruhigt ihn: Duveen explained that the greenish tinge of their blue boy was merely the result of a long accumulation of dust and grime. He promised to have that removed, so that the youth would he restored to his pristine azure, and the Huntingtons were appeased. Diese schöne Anekdote findet sich in dem Buch von S.N. Behrman Duveen (mit Zeichnungen von Saul Steinberg), das 1960 in deutscher Übersetzung als Duveen und die Millionäre in der Rowohlt Reihe rowohlts deutsche enzyklopädie erschienen war. Man kann es noch antiquarisch finden, es lohnt sich unbedingt, dieses Buch zu lesen.

Es handelt von dem englischen Kunsthändler Joseph Duveen, der sich später Sir Joseph und noch später Lord Duveen nennen durfte. Sein Geschäft ist es, alles was hier auf der Zeichnung von Saul Steinberg an der Wand bei englischen Adligen hängt, an amerikanische Millionäre zu verkaufen. Der englische ➱Adel braucht ständig Geld. Wenige Jahrzehnte zuvor hatte der Adel en masse die Töchter amerikanischer Millionäre geheiratet. Was der berühmte englische Journalist W.T. Stead (der mit der Titanic untergegangen ist) als gilded prostitution bezeichnet hat. Und jetzt sind die Bilder und Kunstwerke in den Schlössern dran. Und das ist die Stunde des Joseph Duveen, selling England by the pound.

Thomas Gainsborough ist am 2. August 1788 gestorben, da dachte ich mir, ich schreibe mal über Gainsborough. Obwohl ich den schon x-mal erwähnt habe, gibt es hier noch keinen riesig langen Artikel zu Gainsborough. Beinahe alle Maler des 18. Jahrhunderts sind hier schon gewürdigt worden, Gainsborough nicht. Das wird sich irgendwann ändern, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Der Herr hier ist Henry Scott, dritter Herzog von Buccleuch und fünfter Herzog von Queensberry. Der englische ➱Wikipedia Artikel hat es hinbekommen, das Bild von Gainsborough verkehrt herum zu präsentieren. Kann man an dem Orden auf seiner Brust sehen. Das ist übrigens nicht der Hosenbandorden, sondern The Most Ancient and Most Noble Order of the Thistle. Den Hosenbandorden hat er zwar auch, aber ein traditionsbewusster Schotte trägt lieber seinen Distel Orden. Das Bild ist übrigens immer noch im Familienbesitz, ist niemals in die USA verkauft worden.

Irgendwann schreibe ich hier einen oder mehrere Thomas Gainsborough Posts, versprochen. Bis dahin hätte ich einen Lektüretip für Sie: ➱Giles Waterfield The Hound in the Left-Hand Corner. Kommt natürlich auch ein Gainsborough drin vor, und ein kleiner Museumsskandal (das ist vor dem Hintergrund der Berliner ➱Gemäldegalerie ganz aktuell). Giles Waterfield kennt sich in der Welt, über die er schreibt, übrigens bestens aus. Er war einmal Direktor der Dulwich Picture Gallery und hat danach eine Vielzahl von Ausstellungen kuratiert.

Wo sich deutsche Kunsthallendirektoren leider inzwischen bemühen, die Amerikaner zu übertrumpfen, um den ganzen van Gogh oder den ganzen Cezanne in Blockbusterausstellungen zu zeigen, schaffen es die Engländer immer wieder, völlig eigenständige und völlig originelle Ausstellungen zu kreieren. Wie zum Beispiel 2003 in der National Portrait Gallery Below Stairs: 400 Years of Servants' Portraits, die von Giles Waterfield organisiert wurde. Die Engländer haben ja ein besonderes Verhältnis zu dem Dienstpersonal, ohne die Armee von Dienstboten wäre das viktorianische Zeitalter nicht möglich gewesen. Und ohne ihren Lieblingsbediensteten hätte Viktoria nach dem Tode von Albert keinen neuen Lebensmut geschöpft.

Sie kommen auch überall in der englischen Literatur vor, im Film, im Fernsehen. Von Shakespeare über P.G. Wodehouses Jeeves, von Upstairs, Downstairs bis zu The remains of the day. Der Katalog von Waterfield geht dem Porträt der Diener in der Malerei nach, wobei die Masse der Beispiele englische (und noch dazu so gut wie unbekannte) Bilder sind. Wie vielleicht auch dieses Bild von Gainsborough da oben, das Ignatius Sancho zeigt, der auch einmal ein Diener gewesen ist.

Ich würde den Katalog Below Stairs: 400 Years of Servants' Portraits ja gerne zum Kauf empfehlen, aber im Gegensatz zu S.N. Behrmans Buch, das man noch preiswert finden kann, ist dies so gut wie vergriffen. Dagegen kann man das hervorragende Buch Gainsborough von ➱William Vaughan ganz leicht bekommen (Thames and Hudson, Paperback). Und das ist für den Preis das Beste, was man kriegen kann. 224 Seiten, reich illustriert mit 172 Abbildungen (davon 68 in Farbe). Hervorragend geschrieben und auf dem neuesten Stand der Forschung. Ich weiß nicht, wie die Engländer das immer hinkriegen, sie können das einfach.

Und falls Sie wissen wollen, wie das mit dem Kauf des Blue Boy weiterging, hier ist es: Duveen knew many secrets about the owners of fine pictures. His operatives had informed him that this happened to be a moment when the Duke of Westminster was definitely hard up. The Huntingtons, on their way to Paris, got off the Aquitania at Cherbourg; Duveen continued to Southampton, with the comfortable feeling of having sold at a neat profit a picture he didn't yet own. He deferred all his other engagements and called upon the Duke at Grosvenor House. He found him extremely receptive to the idea of selling 'The Blue Boy,' and anything else in the place. Duveen asked to see what was in stock. Three pieces fixed his attention—'The Blue Boy,' Reynolds' 'Sarah Siddons as the Tragic Muse,' and Gainsborough's ➱'The Cottage Door.' Duveen bought them all, agreeing to pay cash within a few days. The price for the three pictures was slightly more than the figure he had mentioned on the Aquitania for 'The Blue Boy' alone. The moment the deal was set, Duveen made for his London office and telephoned Huntington in Paris to tell him the good news. He had acquired 'The Blue Boy' and would deliver it for six hundred and twenty thousand dollars—the twenty thousand covered the telephone call—but he needed the money as quickly as possible, because the Duke needed it as quickly as possible. Huntington asked for forty-eight hours. Good-naturedly, Duveen let him have that interval. At the end of it, the Duke had his money.

Mittwoch, 1. August 2012

London Bridge

So soll es ausgesehen haben am 1. August 1831, als der englische König William IV die neue London Bridge einweihte. Der Maler Clarkson Stanfield war vom König ausgesucht worden, um diesen Augenblick festzuhalten. Die neue Brücke wurde mit einem Festbankett gefeiert, zu dem am Abend anderthalbtausend Gäste eingeladen waren. Das erste Schiff, das an dem Tag unter der Brücke durchsegelte, hieß übrigens ➱Beagle. Die alte Brücke hatte sechshundert Jahre gehalten, es gab überhaupt keinen Grund für englische Kinder, immer London Bridge is falling down zu singen.

Im Augenblick wird ➱London Bridge von Fergie gesungen. Nein, nicht von der Herzogin, die ständig Geld braucht. Diese Fergie ist eine rappende amerikanische Hip-Hop Tussi. Irgendjemand hätte ihr aber sagen sollen, dass das da im Hintergrund nicht die London Bridge ist. Das ist die Tower Bridge! Und für das Photo hätte Fergie Amerika auch gar nicht verlasen müssen. Die ➱London Bridge ist nämlich inzwischen in den USA.

Als JK Rowling vor kurzem die Freedom of the City verliehen wurde, erhielt sie mit diesem Status auch eine Vielzahl von Rechten, die jedem Freeman zustehen. Zum Beispiel, mit einem gezogenen Degen durch die City (wohlgemerkt die City of London, nicht ganz London) zu streifen. Und, falls man zum Tode verurteilt wird, mit einem seidenen Seil gehängt zu werden. Und natürlich eine Schafherde (ohne Gebühren zu zahlen) über die London Bridge zu treiben. Davon machen aber die wenigsten Gebrauch, denen diese Ehre zuteil wurde. Die Londoner Polizei sieht das auch nicht so gerne. Weder die Sache mit dem Degen noch die mit den Schafen. Von Zeit zu Zeit werden im Rahmen von kleineren Demonstrationen noch publikumswirksam Schafe über die Brücke getrieben. Aber in diesen Wochen wird die Polizei das wohl nicht erlauben, da bricht der Verkehr in London auch ohne Schafe zusammen.