Freitag, 13. Mai 2016

Magischer Realismus


Heute vor 130 Jahren wurde der Maler Carlo Mense geboren, seinen Namen werden Sie auf diesem sommerlichen Bild von der Kurpromenade in Bad Ems allerdings vergeblich suchen, weil er es mit Otto Marto signiert hat. Das war sein Künstlername im Künstlerbund Werkleute auf Haus Nyland. Das Bild, das ein wenig nach ➱Albert Weisgerber aussieht, ist nicht unbedingt typisch für Carlo Mense, aber was ist bei diesem Maler schon typisch?

Der Maler des Rheinischen Expressionismus und der ➱Neuen Sachlichkeit malt in den zwanziger und dreißiger Jahren auch ungerührt Rhein- und Mosellandschaften wie diese hier. Nun lebe ich in Köln-Bonn und versuche Bilder zu malen, die ich meinen Kölner unerreichbaren Vorbildern, dem Meister von St. Severin, dem Bartel Bruyn, den unbekannten niederrheinischen und westfälischen Meistern zur Kritik vorlege, schreibt er in einer sehr kurzen ➱Autobiographie, die 1920 erschien.

Bekannt ist er für dies Portrait von seinem Freund ➱Heinrich Maria Davringhausen - obgleich Davringhausens Portrait, das Anton Räderscheidt gemalt hat, vielleicht noch bekannter ist. Das ist in diesem Blog schon in dem Post ➱Bowler Hat zu sehen. Carlo Mense, Heinrich Maria Davringhausen und Anton Räderscheidt sind Maler der Neuen Sachlichkeit (oder vielleicht Maler des ➱Neusachlichen Klassizismus). Sie sind miteinander befreundet, und sie müssen mitansehen, dass die Nazis ihre Bilder aus den Kunsthallen entfernen und vernichten. Carlo Mense verliert durch die Beschlagnahmungen im Jahre 1937 vierunddreißig Bilder, die als entartet klassifiziert werden.

Mense war Professor an der Breslauer Akademie gewesen, aber die wurde 1932 durch die Zweite Preußische Notverordnung (die man auch den Preußenschlag nennt) geschlossen. Carlo Mense verliert seine Professur. Bekommt aber kurz danach ein Stipendium für Italien, dem Land, das er liebt. Er ist da in den zwanziger Jahren schon mehrfach gewesen. Da hat er diesen Frauenakt gemalt. Und diesen eindrucksvollen ➱Don Domenico. Carlo Mense genießt in Italien sein einjähriges Stipendium, er ahnt, was in Deutschland kommen wird. 1933 hetzt der Innenminister Wilhelm Frick: Schluß mit dem Geist der Zersetzung […] auch jene eiskalten, gänzlich undeutschen Konstruktionen, wie sie unter dem Namen der Neuen Sachlichkeit ihr Geschäft treiben, müssen ausgespielt haben.

Also, das Bild von Mense da oben ist sicherlich undeutsch, dies Bild dagegen ist deutsch. Warum? Weil es von Hitlers Lieblingsmaler Adolf Ziegler ist, den man auch den Reichsschamhaarmaler nennt (Hitler sagte über ihn: Ziegler ist der beste Fleischmaler der Welt. Lesen Sie mehr in ➱Aktmalerei). Es ist mir ein wenig peinlich, dass der Mann aus Bremen kommt. Dieser Ziegler wird von Hitler mit der Reinigung der deutschen Kunst beauftragt, die Ausstellung mit dem Namen Entartete Kunst ist zum großen Teil sein Werk. Die Rede, die er zur Eröffnung hält, können Sie ➱hier lesen. Sie sollten das unbedingt tun. Manches davon scheint heute zum Gedankengut der AfD zu gehören.

Ein Bild wie dieses wird Adolf Ziegler auch nicht gefallen haben, es ist von Menses Kollegen Christian Schad. Es muß doch einem das Grauen kommen, wenn man ... sieht, wie ... die deutsche Mutter als geile Dirne oder als Urweib und im Gesicht mit dem Ausdruck einer stupiden Blödheit durch solche Schweine verhöhnt wird. In allem kann man sagen, was einem anständigen Deutschen heilig ist, mußte notwendigerweise hier in den Schmutz getreten werden. Das ist Originalton Ziegler. Der im alltäglichen Geschäft nicht so kampflustig war, wie er sich hier gibt. Viele Kunsthallendirektoren haben ihm bei der Beschlagnahmung Kompromisse abgehandelt. Und er hat den angehenden Bremer Maler ➱Willi Vogel gefördert.

Ich musste mal was Nettes über Ziegler sagen, das tut ja sonst niemand. Ob Ziegler diesen Akt von Mense aus dessen Phase der Pittura Metafisica gemocht hat, weiß ich nicht. Aber man muss natürlich klar sagen, dass es zwischen dem Realismus der Neuen Sachlichkeit und dem Realismus der Nationalsozialisten gewisse Überschneidungen gibt (wir lassen den russischen Realismus mit Malern wie ➱Deineka mal aus). Ich hätte ➱hier einen wirklich interessanten Aufsatz von Hans-Ernst Mittig zum Thema Umgang mit der Nazikunst.

Menses Freunde Davringhausen und Räderscheidt gehen ins Exil, da sie jüdische Ehefrauen oder Freundinnen haben, Carlo Mense bleibt in Deutschland. Er war schon im Ersten Weltkrieg Soldat (und diente 1904 als Einjährig-Freiwilliger), er wird nach dem Krieg einen seltsamen Satz schreiben: Rußland war so schön, daß ich Gott danke den Krieg mitgemacht zu haben, nur dort gibt es Wälder, Menschen, Tiere, Dörfer von Ewigkeit her! Neben diesem ästhetischen Erlebnis der Landschaft steht aber auch die Begegnung mit der jüdischen ➱Kultur Polens und Weißrußlands, 1917 entsteht seine Graphik Judenpogrom (Katalognummer ➱423).

Mense hat ein besonderes Verhältnis zu Rußland. Ein Jahr vor dem Krieg hatte er eine Bankierstochter aus St Petersburg kennengelernt. War er ihr verfallen, wie Hans Castorp der ➱Clawdia Chauchat? Wir wissen es nicht genau, aber sie muss ihn schwer beeindruckt haben. Die junge Dame kam übrigens aus der Familie Knoop, ein Name, der in diesem Blog schon in den Posts ➱Knoops Park und ➱Horace Walpole auftaucht. Und mit dem Baron Ludwig Knoop, der seine Millionen in Rußland machte und sein Schloss in St. Magnus hatte, sind noch andere verwandt, die schon in diesem Blog auftauchen: ➱Hans-Joachim Kulenkampff und ➱Ursula von der Leyen.

Bevor er wieder in den Krieg zieht, malt Mense, der eigentlich für den Krieg schon viel zu alt ist, 1940 diese Rast auf der Flucht nach Ägypten. Das ist sicherlich ein symbolischer Akt. Für den Offizier des Ersten Weltkriegs heißen die nächsten Stationen wieder einmal Polen und Rußland. Nicht, dass er da als Maler tätig wäre wie Fritz Mackensen, der 1942 im Alter von 76 Jahren als Major der Propaganda-Ersatzabteilung im besetzten Nordfrankreich See- und Strandbilder malt. 1945 begrüßte Mackensen die in Worpswede einmarschierenden Engländer mit dem ➱Hitlergruß. Die Limeys schossen ihm dann die Bilder von der Wand. Carlo Mense, über dessen Krieg man nicht sehr viel weiß, wird 1944 wieder bei seinen Eltern in Bad Honnef sein. Sein Atelier (und seine Bilder) in Köln sind von Bomben zerstört.

Es gibt auch Bilder von Carlo Mense, die nicht von Mense sind, wie dieses Bild hier. Das ist von dem Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der sich im großen Stil über die rheinischen Maler hergemacht hat. Und dieser Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre wieder eine neue Beachtung hat zukommen lassen. Und damit Millionen gemacht hat (man schätzt seinen Gewinn auf 20 bis 50 Millionen Euro), er läuft aber nach kurzem Gefängnisaufenthalt schon wieder frei herum und gibt Interviews. Eigentlich wollte er immer nur malen, Geld habe ihn nie interessiert, hat er im Prozess gesagt.

Millionenbetrug ist ein Kavaliersdelikt geworden. Leute wie Beltracchi, Middelhoff oder Hoeneß sitzen nicht lange im Gefängnis, kleine Diebe meistens länger. Ich habe Beltracchi letztens im Fernsehen gesehen, ein schmieriger Typ, der es genoss, der Darling der Medien zu sein. Im Weinkeller des Kunstgenusses hat er gewissermaßen die Etiketten von den Flaschen gelöst und zwingt nun alle, die für Kenner und Genießer gelten, zur Blindverkostung, schrieb Burkhard Müller im letzten Jahr im Merkur. Malerisch wird er als Genie gefeiert. Lässt ➱Han van Megeren und ➱Lothar Malskat weit hinter sich, aber ein ➱Krimineller bleibt er doch.

Dieses Bild (Bildnis des Herrn Underberg von 1922) ist nicht gefälscht. Wenn wir den Herrn im ➱Kreidestreifen Anzug mal eben beiseite schieben, zeigt uns die bühnenmäßige Rauminszenierung, dass Carlo Mense mit den Bildern von ➱Giorgio de Chirico und der Pittura Metafisica vertraut ist. Was kein Wunder ist, denn 1922 hatte er in Florenz zusammen mit der Valori Plastici Gruppe Bilder ausgestellt. 1925 wird er die Ausstellung Neue Sachlichkeit in Mannheim beschicken, die Gustav Friedrich Hartlaub organisiert hatte.

Der Münchner Kunsthistoriker Franz Roh (der auch als eine Art Agent die Bilder von Mense verkaufte) hatte mit seinem Buch Nach-Expressionismus: Magischer Realismus. Probleme der neuesten europäischen Malerei einen neuen Namen gefunden. Magischer Realismus klingt auch heute noch gut. Gustav Friedrich Hartlaub war an der ➱Bremer Kunsthalle der Assistent von ➱Gustav Pauli (dessen Gattin ➱Sommer in Lesmona geschrieben hat) gewesen, jetzt durfte er in Mannheim die deutsche Avantgarde fördern. Er versuchte 1933 in einer ähnlichen Ausstellung, die den harmlosen Titel Deutsche Provinz - Beschauliche Sachlichkeit hatte, diese Maler noch einmal zu fördern. Aber die meisten von ihnen waren längst im Exil. Und Hartlaub wurde wenige Wochen später seines Amtes enthoben.

Wenn Mense aus dem Krieg heimkehrt, malt er als eins seiner ersten Bilder diese Industrielandschaft. Geradezu visionär, aber das ist es ja auch, was den deutschen Magischen Realismus auszeichnet. Ob das Carlo Mense ist, Franz Radziwill oder Georg Scholz (gegen dessen ➱Bahnwärterhaus Hoppers ➱Nighthawks ärmlich aussehen), die Bilder haben jenes Geistige, Unheimliche, das den besten Bildern der neuen Richtung – inmitten ihrer Gelassenheit und scheinbaren Nüchternheit – innewohnt (Franz Roh).

Die Literatur zu Carlo Mense ist heute leider so gut wie vergriffen, bis auf den Katalog, den Ketterer 1972 zu Menses erster Ausstellung nach dem Krieg herausbrachte. Leicht erhältlich ist aber noch der bei Prestel erschienene hervorragende Katalog Realismus: Zwischen Revolution und Reaktion 1919-1939. Der lohnt den Kauf unbedingt. Ich hätte dann hier noch ein kleines ➱Video, wo zu den Klängen von Mahlers Ich bin der Welt abhanden gekommen eine Vielzahl von Bildern von Carlo Mense gezeigt werden. Und dass es ➱hier eine Carlo Mense Seite gibt, will ich auch nicht verheimlichen.

Noch mehr zu dem Thema Magischer Realismus und Neue Sachlichkeit in diesen Posts: Bowler Hat, Franz Radziwill, Richard Oelze, Realisten, Grant Wood, ythlaf, Alexander Alexandrowitsch Deineka, Zeitlos, Ernst Becker-Sassenhof

Dienstag, 10. Mai 2016

Englische Herrenschuhe (Grenson)


Als ich im letzten Jahr diese kleinen Portraits englischer Schuhfirmen schrieb, stellte ich in Aussicht, dass da noch mehr kommen würde. Aber dann schrieb ich erst einmal über italienische, portugiesische und französische Schuhe. Ich komme noch einmal zu den Engländern zurück (ich könnte natürlich auch noch über spanische Schuhe schreiben, aber bis das soweit ist, lesen Sie doch den Post ➱Kuckelkorn). Ich habe mir heute einmal die vor 150 Jahren gegründete Firma Grenson herausgepickt, die in der Vergangenheit ihren einstigen Ruhm arg beschädigt hat. Aber da tut sich heute einiges. Dies hier ist kein Schuh von Grenson, das ist ein Alfred Sargent, Modell Blenheim. Den habe ich mir inzwischen gegönnt. Qualitativ erstklassig, das Modell mit dem Namen von Churchills Geburtsort ist qualitativ auf dem Niveau von Edward Green.

Dieser Schuh ist nicht ganz auf dem Niveau von Edward Green, obgleich er einem Edward Green (oder einem Gaziano & Girling) sehr ähnlich ist. Er entstammt einer neuen Kollektion der Firma Grenson, hat den Modellnamen Kent. Wenn man etwas verkaufen will, dann muss das offensichtlich einen wohlklingenden englischen Namen haben: Blenheim (sogar Loake hat ein Modell dieses Namens im Angebot), Kent, Westminster (gibt es bei Crockett & Jones) und wie sie alle heißen.

Wenn man dagegen seine Luxuslinie mit Totenköpfen verziert, wie Barker das tut, dann hat man ein Problem. Dann braucht man einen Imageberater, der den Chefs erzählt, dass man mit solchen Albernheiten nicht lange da oben bleibt, wo die Luft dünn ist. Und dünner wird. Jemand wie ➱Tim Little hätte ihnen helfen können, aber der Mann ist schon ausgelastet. Zum einen hat er eine eigene Schuhmarke und einen Laden in Chelsea (wo sonst?), zum anderen hat er gerade die Firma Grenson gekauft.

Bevor er sich der Welt der Schuhe zuwandte, hat er Firmen wie Dunhill, Tods und Gieves and Hawkes (und andere) beraten und ihnen geraten, sich neu zu erfinden. Er hat auch Adidas beraten und ihnen empfohlen, von dem Adi Dassler Image wegzukommen und stromlinienförmig wie Nike zu werden. Er hat damit eine Menge Geld verdient, so dass es für den Kauf einer Schuhfabrik in ➱Rushden (wo auch ➱Alfred Sargent beheimatet ist) reichte. Auf der Seite der British Footwear Association finden sich die Sätze:

Grenson was born in 1866 in Rushden, Northamptonshire. William Green, the founder, started making high quality shoes for London Gentlemen and was so successful that he soon had to build a factory and the company grew from there. Recently Grenson has undergone a new lease of life, helped by their focus on quality and modern design whilst never losing sight of their impressive heritage. Das mit dem  focus on quality and modern design war auch dringend nötig. Denn, seien wir ehrlich, die Masse dessen, was Grenson produzierte, war einfach nur scheußlich.

Obgleich sie auch immer hochqualitative Schuhe herstellten, wie zum Beispiel die Linie Grenson Masterpiece. Dr Sevan Minasian hat auf seinen hervorragenden Seiten ➱Classic Shoes for Men eine Menge Nettes über ➱Grenson zu sagen. Wenn ich ehrlich bin, kann ich auch nichts Böses über die Firma sagen. Außer dem schönen braunen Modell Kent da oben habe ich nur einen Grenson Schuh, der allerdings den Namen Charles Tyrwhitt hat. Und der solide englische Qualitätsarbeit ist, er sieht nach zwanzig Jahren immer noch gut aus.

Das bringt mich mal eben zu einem kleinen Exkurs über die Firma Tyrwhitt, bei der das Angebot von wirklich englischen Schuhe in den letzten Jahren arg geschrumpft ist. Wenn man im Katalog genau hinschaut, sind es nur noch ein halbes Dutzend Schuhe, die aus Northampton kommen. Die haben alle diesen Absatz (oder einen Alan McAfee Absatz) und kosten 299 statt 600 Euro. Das sind natürlich reine Phantasiepreise, nennt sich MSRP. Glaubt wirklich irgendjemand, dass der ursprüngliche Listenpreis 600 Euro war? Bei Tyrwhitt gibt es nur durchgestrichene Preise.

Die Frage bleibt, wer stellt diese Schuhe her? Es ist eine Frage, die im Internet zahllose Foren beschäftigt. Ein Name, der (neben Barker, Cheaney und Sanders) immer wieder genannt wird, ist Loake. Doch die Firma Loake hat vor geraumer Zeit erklärt, dass man nur sehr wenige Modelle an Tyrwhitt liefere:

Loake has made shoes for Charles Tyrwhitt for some time and that has been common knowledge for some time. However, we now make only a handful of styles for them. Most of the shoes that Charles Tyrwhitt offer currently are NOT made by Loake and therefore the sweeping statement that Charles Tyrwhitt shoes are made by Loake is absolutely not correct. The four (only) styles that we now supply are basic black polished business shoes and they are roughly comparable to the Loake L1 collection. Because we have no first-hand knowledge of the other styles offered by Charles Tyrwhitt we cannot comment on where they sit in relation to other Loake collections.

Loake Schuhe kommen aus England, aber nicht alle. Vieles kommt auch aus Portugal. In seltener Freimütigkeit hat sich Andrew Loake (Bild) ➱hier zum Thema ➱Made in England geäußert. Das beginnt mit der Feststellung: Approximately 99% of all footwear sold in the UK is now sourced from overseas but it is interesting to note that, within the EU, there is currently no legal requirement to label goods with their country of origin. Consequently, most brands (including many “English” brands) do not mark their products with the country of origin.

Und endet mit den Sätzen: Anyone who makes anything in England will certainly want their customers to know where it’s made, so it will usually be labeled accordingly. I suppose the ‘rule of thumb’ should probably be: “if it doesn’t say on it that it’s made in England, you can probably assume that it isn’t”. Das gilt auch für Grenson, nicht für mein Modell Kent hier, der wurde in Northampton gefertigt und ist in der Grenson Nomenklatur G:One (darüber gibt es noch G:Zero). G:One ist auch die Qualität, die Grenson an Kunden wie Paul Stuart und Barbour liefert.

Aber die Linie G:Two, die kommt aus Indien. Grenson gibt das wenigstens zu: In order to make our shoes accessible to people who want to wear them, but don’t feel the need for the incredibly high levels of specification in G:ZERO and G:ONE, we developed the G:TWO spec. Designed by us in our studio, lasts developed in Northamptonshire by us, patterns developed by our pattern makers, leathers sourced by our leather buyer, prototypes made in our factory to final sign off and then taken to our partner, a beautiful handmade factory in India, where they are made and shipped back to us for inspection and final polishing where required. These shoes represent the most incredible value for money, every bit a Grenson shoe, at a price that doesn’t require a mortgage. 

Die Schnürbänder für alle Grenson Schuhe kommen aus Europa: Laces are all made in Europe as UK suppliers are sadly not available to our quality. Das gibt zu denken: die Engländer können keine Schnürbänder herstellen! Ich kaufe meine immer bei Langer & Messmer, die haben gute Schnürbänder im Angebot. Mein Freund Peter hat vor vielen Jahren einmal Schnürbänder bei John Lobb gekauft, er wollte einmal in dem Laden gewesen sein. Diese Grenson Anzeige ist schon etwas älter, aber wenn Sie einmal bei ebay den Namen Grenson eingeben, werden Sie viele Schuhe finden, die noch so oder so ähnlich aussehen.

Die Firma Grenson war länger als ein Jahrhundert im Besitz der Familie Green. Man gab sich nicht sehr auskunftfreudig nach außen hin, aber nach innen hin besaß man eine funktionierende Familienstruktur. Dieses patriachalische Modell, das viele englische Firmen, die zur Zeit von Königin Victoria gegründet wurden, groß und stark gemacht hat, Sir Titus Salts kann da als Vorbild gelten (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Die hier ist die Cricketmannschaft von Grenson im Jahre 1947. Wenn Sie mehr über das englische Nationalspiel wissen wollen, dann klicken Sie doch mal den Post ➱Cricket an, haben schon mehr als 10.000 Leser getan.

In den frühen achtziger Jahren verkaufte die Familie Green die Schuhfabrik an Terry Purslow, der sie später an seinen Sohn Christian weitergab. Den Sohn kennt man besser als Managing Director von Liverpool, jetzt ist er bei Chelsea. Da gehört er hin. Gary Neville hat ihn mal a clueless fool genannt. Die Purslows sind ein Produkt der Thatcher Jahre, sie hatten keinerlei Ahnung von der Schuhherstellung, ihnen ging es nur darum, Geld zu machen. In den neunziger Jahren haben sie sogar die Firma ➱Herbert Johnson gekauft. Das hat vielen wehgetan. Es kommt jetzt, wie es kommen muss: es geht bergab mit Grenson. 1999 verkauft man 63 Millionen Paar Schuhe, fünf Jahre später sind es nur noch 14 Millionen. Da holte man Tim Little als Retter an Bord.

Der sofort erkennt: much of English shoe manufacturing is stuck on an old-fashioned, stuffy presentation, banging on about quality and nothing else. They understand manufacturing but not the market, because they have grown out of a time when that wasn’t required – not marketing in the sense of putting an average product in a fancy box but making the product fit the market. Als erstes wirft Little (der auch nichts gegen die Produktion von ➱Damenschuhen hat) die Mocassins aus dem Programm: And as far as I was concerned, the moccasin was dead from day one. Das lieben die Händler nun überhaupt nicht: They were telling me I was taking Grenson to the dogs – they felt like they had ownership of the brand. I felt like I was taking over a football club, given the reaction I got. Wenn Sie wissen wollen, wo die Mocassins geblieben sind, dann schauen Sie mal bei ebay rein.

Im Gegensatz zu den Vorbesitzern Terry und Christian Purslow, liebt Tim Little das Produkt, das er herstellt (hier im Bild ein Grenson G:0 Schuh): English shoes are among the best in the world, and it is a craft that is in danger of being lost... It’s all about having a product that’s relevant. English shoe manufacturers need to understand design and most don’t even have a designer. It’s just bizarre. I hope Grenson might be an example of the need to have someone who understands design and marketing. That doesn’t mean making wacky or weird shoes. It does mean realising that, although English shoes may be fashionable at the moment, that is not a trend these companies will be able to ride for long.

Die renommierten englischen Schuhfirmen liefern nur eine Qualität (vielleicht mit einer hand grade Qualität oben drauf, wie bei Crockett & Jones), sie haben keine Schuhfabriken in Indien. Die Grenson natürlich mit Made in India kennzeichnen muss. Allerdings bekommen diese kleinen Klebezettel - das haben Kunden beobachtet - sehr wenig Klebstoff. Sie sind schon abgefallen, wenn der Kunde den Schuh aus dem Karton auspackt. Da kann man sich dann nur an die Regel halten, die Andrew Loake formuliert hat: I suppose the ‘rule of thumb’ should probably be: “if it doesn’t say on it that it’s made in England, you can probably assume that it isn’t”.


Samstag, 7. Mai 2016

Vampire


Ich war vor Jahren an einem Sonntagnachmittag noch einmal in der Uni gewesen, um korrigierte Klausuren in den Stahlschrank einzuschließen. Als ich das Geschäftszimmer abschloss, sah ich eine Anzahl von Büchern auf dem Tisch neben der Tür liegen. Das war der Ort, wohin jeder seine Bücher legte, die er nicht mehr brauchte. Ich griff mir eins, das Twilight hieß, es war von einer Autorin namens Stephenie Meyer. Ich hatte noch nie von der Frau gehört. Als ich am Montagmorgen Twilight reumütig wieder auf den Tisch legte, gab ich ihr keine großen Aussichten auf eine literarische Karriere. Ich hatte den Roman nicht zu Ende lesen können, weil ich immer wieder diese schrecklichen Lachanfälle hatte.

Wenn Sie den Post ➱Fantasy gelesen haben, in dem ich die Welt von Stephenie Meyer als Teeny Vampirschrott bezeichnete, dann wissen Sie dass diese Welt nicht unbedingt die meine ist. Aber die Vampire gehören nun einmal zur englischen Literatur, auch wenn an ihren Anfängen vielleicht nicht unbedingt ➱John Polidoris The Vampyr steht. Ich möchte Ihnen heute einen Herrn vorstellen, der beruflich etwas mit Vampiren zu tun hat und schon über sie schreibt, bevor Bram Stoker auf die Idee gekommen ist. Dafür hat ihn Bram Stoker als Professor van Helsing in seinen Roman Dracula geschrieben. In Wirklichkeit hieß der Gelehrte (der heute vor 316 Jahren geboren wurde) Gerard van Swieten und hat eine Abhandlung des Daseyns der Gespenster mit einem Anhange vom Vampyrismus geschrieben, in der er sagt:

Der Aberglauben vom Vampyrismus wird lateinisch Magia Posthuma, oder Zauberey der Abgestorbenen, genennet. Die Vampyren aber sind verstorbene Menschen, welche zuweilen später, zuweilen eher aus dem Grabe aufstehen, den Menschen erscheinen, das Blut aussaugen, an die Hausthüren ungestümm anklopfen, Getöse im Hause erwecken, und öfters gar den Tod verursachen sollen. Wessentwegen dann auch sehr viele kaiserl. königl. scharfe Befehle in alle Erbländer ausgeschicket worden, diesem Abentheuer des Aberglauben Schranken zu setzen, dergleichen nur unter Barbaren, Ignoranten, oder Boshaften zu finden sind. In allen christcatholischen andern Ländern ist diese schädliche Meinung unbekannt. Nur in Ungarn, Mähren, Pohlen und Schlesien findet sie ihre Anhänger. Der Anfang dieses Uebels mag seinen Grund wohl ohne Zweifel in der schismatischen griechischen Einfalt haben, welche glaubt, daß der Teufel an statt der Seele den Körper des Menschen besitzen könne. Außer dieser kurzen Erinnerung weis ich meinem Leser nichts mehr zu sagen, als daß ich mich seiner Gewogenheit und Freundschaft ergebenst empfehle. Ob Dr van Swieten diesen kleinen ➱Reisekoffer bei seiner Reise nach Mähren dabei gehabt hat, weiß ich nicht so genau.

Der Arzt und Wissenschaftler Gerard van Swieten ist nach Wien gegangen, weil er als Katholik in seiner Heimat Holland kein berufliches Fortkommen sah, jetzt wird er Leibarzt von Maria Theresia. Und ein Reformer in allen Bereichen. Er organisiert die medizinische Ausbildung in Wien neu und lässt einen botanischen Garten einrichten. Und drängt den Einfluss der Jesuiten zurück und regelt das Zensurwesen neu. In all diesen Dingen ist er vergleichbar mit dem Reichsgrafen von Rumford, der den bayrischen Staat modernisiert. Der Amerikaner mit deutschen und englischen Adelstiteln, dem man in München den Englischen Garten verdankt, hat ➱hier natürlich schon einen Post.

Im Jahre 1755 schickt Maria Theresia den Doktor van Swieten nach Mähren, weil von dort besonders viel Fälle von Vampiren gemeldet werden. Und da hat sie genau den Richtigen dorthin entsandt, denn für den nüchternen Wissenschaftler ist der Vampirmythos eine Barbarei der Unwissenheit. Das Fazit seiner Untersuchungen wird sein, daß der ganze Lärm von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke. Der Meinung sind wir heute natürlich auch alle. Und doch, und doch. Zwar hat Maria Theresia auf Grund seines Berichtes einen Erlass publiziert, der alle allgemein gebräuchlichen Abwehrmaßnahmen gegen Vampire wie das Pfählen, Köpfen und Verbrennen verbot. Was aber nicht verboten wurde, sind Vampirromane und Vampirfilme. Und Kinderbücher, die Der kleine Vampir heißen.

Wenn auch keiner wirklich an Vampire und Vampirimus glaubt, warum werden dann immer wieder Bücher über sie geschrieben und gelesen? Warum werden Filme über sie gedreht? Schauen Sie sich einmal diese ➱Liste, das werden Sie nicht glauben. Und bei diesen hunderten von Vampirfilmen sind noch nicht einmal die billigen Slasher-, Snuff-, Necro- und Pornoproduktionen dabei. Jeffrey Weinstock listet in seinem Buch The Vampire Film: Undead Cinema auch Pornoproduktionen wie Ejacula la vampira auf. El sueño de la razón produce monstruos, der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, mehr kann man dazu nicht sagen. Als der Freiherr van Swieten (dessen Sohn Gottfried Mozart protegierte) in seinem Bericht von der Reise nach Mähren schrieb, daß der ganze Lärm von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke, da glaubte er wohl, jetzt sei es mit dem Unsinn zu Ende.

Es ist nie zu Ende. Mähren ist überall. Ich habe Regale voll mit Literatur zu dem Thema, ich war einmal Anglist. Die Engländer, die schon immer zu Perversionen neigten, haben es nun mal mit dem Genre. Ich war einmal auf einer dreitägigen Konferenz zu diesem Thema, bin dort aber nicht durch Diskussionsbeiträge aufgefallen. Eher durch beständiges Kichern. Der Post Fantasy war übrigens in etwas anderer Form einmal ein Aufsatz in einem Sammelband. An dem ich eigentlich nicht mitschreiben wollte. Bis mir der Herausgeber anbot, dass ich auch, wenn ich wollte, einen richtigen Hassartikel schreiben dürfe. Das habe ich dann getan. Aber die ironische Decouvrierung des ganzen Blutsaugerwahns hat dem Ganzen auch keinen Einhalt geboten.


Wenn ich aus der Vielzahl der Bücher zu dem Thema ein einziges Buch empfehlen sollte, dann wäre das Simone Stöltzels Nachtmeerfahrten (das habe ich schon in dem Post ➱Nachtfahrt erwähnt). Und sie könnten auch noch diese Posts lesen: Dracula, Fantasy, Catherine Oxenberg, Gothick, Gilda, Alan Parker, Landschaftsgärten, Roman Polanski

Donnerstag, 5. Mai 2016

Terracotta


Vasari hat ihm den Namen Matteo Civitali gegeben, er hat kein eigenes Kapitel in seinem Werk über die Künstler für ihn. So wichtig ist er ihm nicht. Nein, er behandelt den Bildhauer, Maler und Architekten Matteo Civitali im Kapitel über Jacopo della Quercia. Zu dessen Schüler er Matteo Civitali macht. Der war allerdings erst zwei Jahre alt, als Jacopo della Quercia starb. So informativ Vasari mit seinen Künstlerbiographien ist, er ist leider immer voller Fehler. Der Maler Giambattista Paggi weiß zu erzählen (was viele Autoren übernommen haben), dass dieser Matteo sich erst mit vierzig Jahren den Künsten zugewandt habe. Zuvor sei er barbiere gewesen. Wenn wir an dieser Stelle an den Friseur denken, liegen wir falsch. Das sind Wundärzte und Chirurgen für die kleinen Leute, nicht so angesehen wie die Ärzte, die studiert haben. Aus dieser Tradition der Bader rührt es immer noch her, dass englische Chirurgen mit Mister angeredet werden, selbst wenn sie einen Doktortitel haben.

Unser Matteo Civitali - oder Matteo di Giovanni Civitali (so nennt ihn ➱Martina Harms in ihrem Werkkatalog) - wurde heute vor 580 Jahren geboren. Er ist in Lucca, wo er den größten Teil seines Lebens verbringt, der führende Künstler der Frührenaissance. Bei dem Namen dieser Stadt fällt mir der Romananfang von Eichendorffs ➱Marmorbild ein: Es war ein schöner Sommerabend, als Florio, ein junger Edelmann, langsam auf die Tore von Lucca zuritt, sich erfreuend an dem feinen Dufte, der über der wunderschönen Landschaft und den Türmen und Dächern der Stadt vor ihm zitterte... Aber mit dem Marmorbild, das den jungen Florio verwirren wird, haben Civitalis Statuen nicht zu tun. Wir sind in der Frührenaissance, da ist noch die Welt der Bibel angesagt. Dies hier ist die Heilige Elisabeth von Matteo Civitali. Die erstaunlich lebendig wirkt und nichts von einer antiken Statue hat.

Der Katalog des Isabella Stewart Gardner Museum aus dem Jahre 1935 beschreibt Matteo Civitali als an unusually realistic and sentimental sculptor for his period. Diese Alltagslebendigkeit der Hl. Elisabeth können wir auch in dieser lebensgroßen Maria mit dem Christuskind erkennen. Dies ist ja mehr als eine Maria mit der üblichen Beigabe Kind: The composition is a striking example of this artist’s ability to create highly evocative poses and interaction among sculptural figures. The dynamic relationship between the mother and child is conveyed through their bodies which lean into each other, while also opening up to the viewer in an almost impossibly balanced arrangement. Für Kunsthistoriker ist das Werk ein Beispiel dafür, dass sich die Ratschläge für ein harmonisches Familienleben von Fra Giovanni Dominici durchgesetzt haben. Denn der hatte in Regola del governo di cura familiare gefordert, dass man Bilder der Madonna mit ihrem Kind in den Kinderzimmern als Beispiele für das gute Benehmen aufstellen solle.

Dies ist keine der lebendigen Madonnen von Matteo Civitali, das ist die Millionärsgattin Isabella Stewart Gardner (hier gemalt von ➱Anders Zorn), die die Gruppe da oben gekauft hat. Hat sie ➱Wilhelm von Bode weggeschnappt, der sie gerne für die Berliner Sammlungen gehabt hätte. Aber Isabella Gardner wollte diese kleine Gruppe unbedingt haben, ihr achtzehn Monate alter Sohn war gestorben, im Jahr danach hatte sie eine Fehlgeburt. Die Kunst wird ihr zum Kinderersatz. Wenn sie dann noch von ihrem Vater ein Vermögen erbt, wird sie sich in Europa Kunst für ein ganzes Museum zusammenkaufen.

Matteo Civitali hat diesen Typ der lebensecht erscheinenden Figuren nicht erfunden, die gehen wohl auf Guido Mazzoni zurück (hier eine Detailfigur aus seiner Gruppe der ➱Anbetung der Hirten), wenn man nicht den Florentiner Donatello als Vorbild annehmen will. Es ist eine eigentümliche Sache mit diesen polychromen Terracotta Figuren, wäre die ➱Nofretete aus kaltem weißen Marmor, sie hätte nicht diese Anziehungskraft. Die Terracotta Figuren leben von der Farbe. Isabella Gardner hatte die erworbene Gruppe original belassen, viele Sammler haben damals die Farbe abgekratzt, damit die ➱Terracotta ihren unbemalten Zustand bekam. Fand man um 1890 hübscher. Heute würde man sagen: Banausen.

Wilhelm von Bode mag zwar Isabella Stewart Gardner beim Ankauf der Madonna mit dem Kind unterlegen sein, aber ohne Matteo Civitali ist man in Berlin nicht. Die Hl Elisabeth oben ist - wie dieser kleine Johannes der Täufer - in dem Museum, das heute Bodes Namen trägt. Bode brauchte übrigens nichts dafür zu bezahlen, es war ein Geschenk von Alfred Breit. Einem Hamburger Millionär, der ähnlich wie der Bankier ➱von Schröder oder der Reeder ➱Gustav Christian Schwabe in England lebte. Und der sich von Wilhelm von Bode beraten ließ, so wie sich Mrs Gardner von ➱Bernard Berenson beraten ließ. Und ihm andererseits auch wertvolle Schenkungen zukommen ließ. Diese Form des Mäzenatentums ist für Bode akzeptabel.

Dem Mann mit dem genial einseitig auf Bereicherung der staatlichen Sammlungen gerichteten Ehrgeiz (so Max J. Friedländer über Bode) gefallen allerdings die reichen Amerikaner überhaupt nicht. In seinem Nachruf auf John Pierpont Morgan wird er schreiben: Sein Zaubermittel war das Geld, er scheute sich nicht, für Kunstwerke das Doppelte, ja das Zehnfache und mehr von dem, was bisher für den höchsten Preis galt, auszugeben, und seine Zauberlehrlinge waren die Kunsthändler, die er meist mit Geschick auswählte und mit noch größerem Geschick an sich fesselte. 

Bode warnt 1913 in diesem Nachruf vor dem Ausverkauf der deutschen Kunst ins Ausland. Doch dieser Prozess ist jetzt nirgends mehr aufzuhalten. Das Geld regiert die Welt, und die amerikanischen Millionäre des Gilded Age wollen sich mit ihren Kunstkäufen einen kleinen Zipfel vom Mantel der Unsterblichkeit sichern. Nach dem Ersten Weltkrieg wird ➱Joseph Duveen einen beispiellosen Ausverkauf der englischen Kunst nach Amerika organisieren. Diesen Christus mit der Dornenkrone hat aber niemand bekommen, der ist heute immer noch im Museum von Lucca.

Und da heute der Himmelfahrtstag ist, habe ich noch ein kleines Gedicht von dem Barockdichter Josusa Wegelin für Sie:

Auf Christi Himmelfahrt allein
ich meine Nachfahrt gründe
und allen Zweifel, Angst und Pein
hiermit stets überwinde.
Denn weil das Haupt im Himmel ist,
wird seine Glieder Jesus Christ
zur rechten Zeit nachholen.

Weil Er gezogen himmelan
und große Gab empfangen,
mein Herz auch nur im Himmel kann,
sonst nirgends, Ruh erlangen;
denn wo mein Schatz gekommen hin,
da ist hinfort mein Herz und Sinn,
nach Ihm mich stets verlanget.

Ach Herr, lass diese Gnade mich
von deiner Auffahrt spüren,
dass mit dem wahren Glauben ich
mag meine Nachfahrt zieren
und dann einmal, wann Dir`s gefällt,
mit Freuden scheiden aus der Welt.
Herr, höre doch mein Flehen!

Dienstag, 3. Mai 2016

Basel


Das ist nun auch schon ein wenig her, dass Gloria von Thurn und Taxis von ➱Helmut Newton vor ihrer Yacht Aiglon in Szene gesetzt wurde. Die Yacht war bei Abeking & Rasmussen gebaut worden, diese Bootswerft ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden. Wir hatten auch mal ein Boot von A & R, aber das war nur ein Ruderboot. Mahagoni geklinkert, mit Notbesegelung, Luggertakelung, vier Quadratmeter Segelfläche. Hieß auch nicht Aiglon sondern F47, hat aber ➱hier schon einen Post.

Nach dem Tod ihres Gatten verkaufte Gloria die Aiglon an einen der Chefs von Hoffmann-LaRoche in Basel. Nach Basel will ich hin, weil ich den Basler Maler Fritz Baumann vorstellen möchte, der heute vor 130 Jahren geboren wurde. Aber ich bleibe noch einen Augenblick bei der 45 Meter langen Luxusyacht. Die vom neuen Besitzer wieder nach Lemwerder zu Abeking gebracht wurde. Generalüberholung. Und sie bekam einen feschen kleinen goldenen Adler als Galionsfigur. Als sie fertig war, sah ich sie in Kiel wieder.

Es war Kieler Woche, und man hatte mir einen grässlich langweiligen schottischen Professor angedreht. Der war offizieller Gast der Universität, ich sollte ihn die Woche betüddeln. Er war angeblich Spezialist für ➱Byron und ➱Kipling, aber man konnte mit ihm weder über den einen noch den anderen reden. Ich ging mit ihm in die Kunsthalle (die dank ➱Jens Christian Jensen damals einiges zu bieten hatte), es interessierte ihn nicht. Er war ein nerd und ein Langweiler, nur der Chef der Whiskyfirma Cutty Sark war schlimmer (Sie sollten jetzt mal eben den Post ➱Cutty Sark lesen). Professor X betonte gleich am Anfang, dass er Offizier in einem schottischen Regiment gewesen sei. Ich sagte ihm, dass ich auch mal als Offizier bei einem englischen ➱Regiment gewesen war. Interessierte ihn auch nicht. Aber dann war er doch von der Aiglon beeindruckt, die just nach Kiel gekommen war. Als wir davor standen, kam gerade mein Klassenkamerad Bernd Liesegang von Bord, der zu der Besatzung gehörte, die die Yacht nach Kiel überführt hatte. Wir begrüßten uns herzlich. Als er weg war, fragte mich Professor X, wer das gewesen sei. Und da sagte ich ihm ganz cool und trocken: Der Besitzer der Yacht. Von da an behandelte mich der Schotte wie eine Respektsperson.

Dies ist nicht die Aiglon, dies ist Ernst Burmesters Ashanti IV vor Laboe, eine der schönsten deutschen Yachten. Lag immer tiefschwarz bei Burmesters Werft an der Lesumbrücke (da, wo man in den ➱Trolleybus umstieg), wenn sie nicht auf Nord- und Ostsee unterwegs war. Burmester fuhr einen Bentley, fand er vornehmer als einen Rolls-Royce zu fahren (das steht schon in dem Post ➱Borgward). Seine Enkelin hat mir mal die schöne Geschichte erzählt, dass Burmester während der Kieler Woche seinen Bentley vor dem Kieler Yacht Club im absoluten Halteverbot abgestellt hatte. Und dem herbeieilenden Polizisten sagte: Junger Mann, ich segle jetzt mit Herrn Krupp und dem Bundespräsidenten auf der Germania, Sie passen bitte so lange auf meinen Wagen auf.

Auf der Wikipedia Seite für Basel steht viel über die pharmazeutische Industrie und Hoffmann-La Roche, eine Firma, die mit Valium reich geworden ist. Es werden auch berühmte Maler aus Basel wie ➱Arnold Böcklin erwähnt, der Name Fritz Baumann fehlt. Dies ist nicht die Formel des Diazepams, dies ist ein Bild von Baumann. Wenn es das Valium schon gegeben hätte, wäre sein Leben vielleicht anders verlaufen und hätte nicht 1942 mit dem Selbstmord geendet.

Baumann wurde immer wieder von schweren Depressionen heimgesucht, in einer dieser Phasen hat er in den zwanziger Jahren beinahe sein ganzes Werk mit der Hilfe seines zehnjährigen Sohnes Cäsar in den Rhein geworfen. So wie Hagen von Tronje den Nibelungenhort in den Rhein gekippt hat. Ich weiß jetzt nicht, was die Rheintöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhilde und die ➱Loreley zu diesem Kunstgenuss gesagt haben. Er hat dann nach 1928 auch nie wieder an Kunstausstellungen teilgenommen. Es ist schwer, das Werk eines Malers einzuschätzen, wenn man annehmen kann, dass sein Hauptwerk im Rhein versunken ist.

Das, was erhalten ist, ist auch sehr unterschiedlich. Er hat wohl eine symbolistische Phase gehabt, hat aber auch realistische Landschaften gemalt. Wie dieses Aquarell, das den Ort Muttenz bei Basel zeigt, aus dem seine Ehefrau kommt. Und daneben malt er wunderbar naive Bilder, die an den Douanier Rousseau erinnern.

Von denen gefällt mir das Bild Emmy im Garten aus dem Jahre 1916 am besten. Es erinnert mich ein wenig an die Bilder von Marianne von Werefkin, Sie können einige davon in dem Post ➱Georg Trakl sehen. Bis zu seinem Tod ist Baumann Lehrer an der Gewerbeschule und der Frauenarbeitsschule in Basel gewesen, die Arbeit hat ihm Befriedigung verschafft und Halt gegeben. Wenn er auch nicht mehr ausstellt, malt er doch noch. In einem Artikel für ein Künstlerlexikon schreibt er 1937: Heute konzentriere ich mich ganz auf eine Malerei ohne Problematik aus heiterster, leichtester Seelenlage, die auch das einfache Volk erwärmt.

Dies Bild (Der Mann im Strohhut) aus dem Jahre 1910 stellt seinen Freund, den Maler Otto Morach, dar. Den hat er auch mit einem Holzschnitt portraitiert, einer Technik, in der sich bei seinem Parisaufenthalt kurz vor dem Ersten Weltkrieg vervollkommnet hatte. Der Wikipedia Artikel zu Otto Morach ist vier Zeilen lang, der zu Baumann nur unwesentlich länger. Für den Basler Böcklin sind die beiden keine Konkurrenz. Immerhin gibt es im Internet eine ➱Seite für Fritz Baumann, die versucht, Leben und Werk des Schweizer Malers Fritz Baumann einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Was ich heute auch tue.


Die Yacht Aiglon hat keinen Besitzer aus Basel mehr, sie wird heute für Segeltouren im Mittelmeer verchartert. Wenn Sie noch mehr in diesem Blog über Segelboote lesen wollen, dann klicken Sie diese Posts an: Max OertzsaudadeSegelbooteThomas EakinsUnsere Marine

Sonntag, 1. Mai 2016

Nordlandfahrten


Das war ein interessanter Monat, der vom zaghaften Sommer bis zum Schlackerschnee alles bot. Und dann auch noch Gedenktage für ➱Shakespeare und die ➱Königin. Ich habe, zuerst aus Zufall, wieder etwas gemacht, was ich seit Jahren nicht mehr getan habe: jeden Tag geschrieben. Aber irgendwie artete das in Arbeit aus, das gebe ich schnell wieder auf. Ich wollte auch erst einmal drei Tage nichts schreiben, aber dann entdeckte ich im Wikipedia Datenblatt den norwegischen Maler Adelsteen Normann. Er war auf norwegische Fjorde spezialisiert. Wilhelm II liebte ihn, Hitler kaufte eins seiner Bilder. Muss man mehr zu dieser Kunst sagen?

Der deutsche ➱Kaiser hat es mit den Norwegern. Dieser Fjord ist nicht von Adelsteen Normann sondern von Hans Dahl, einem Maler den Normann gefördert hat. Diesen Dahl mochte der Kaiser auch, er hat ihn sogar zum Professor ernannt. Und er hat auch ein Bild von Dahl mit ins Exil nach Doorn genommen. Seit 1889 war Wilhelm jedes Jahr auf Nordlandfahrt gewesen, er hatte eine Hinnei­gung zu dem ker­ni­gen Vol­ke. Im zweiten Jahr seiner Nordlandfahrten hat er kundgetan:

Es zieht mich mit magischen Fäden zu diesem Volke. Es ist das Volk, welches sich im steten Kampf mit den Elementen aus eigener Kraft durchgearbeitet hat, das Volk, welches in seinen Sagen und in seiner Götterlehre stets die schönsten Tugenden, die Mannentreue und Königstreue, zum Ausdruck gebracht hat. Diese Tugenden sind in hohem Maße den Germanen eigen, welche als schönste Eigenschaften die Treue der Mannen gegen den König und des Königs gegen die Mannen hochhielten. Das norwegische Volk hat in seiner Literatur und Kunst alle diese Tugenden gefeiert, die eine Zierde der Germanen bilden.

In Norwegen ist man dem Mann, der bis 1914 jedes Jahr mit seiner Yacht Hohenzollern (oder auch mal mit dem Kaiseradler) zu Besuch kommt, wirklich dankbar. Er bringt Touristen ins Land. Ich dachte immer, dass der Norwegentourismus mit der Entdeckung der Hurtigruten begonnen hätte. Aber seit ich 2010 die Ausstellung ➱Nordlandreise im Kieler Schiffahrtsmuseum gesehen habe, weiß ich jetzt alles über die Sehnsucht unseres letzten Kaisers nach dem Norden. Der interessante Katalog Nordlandreise: Die Geschichte einer touristischen Entdeckung ist leider unerschwinglich teuer geworden. Kostet doppelt so viel wie die Mini Kreuzfahrt Kiel-Oslo. Die habe ich einmal gemacht, weiß aber wenig davon. Habe die ganze Fahrt Skat gespielt und snaps getrunken. Verglichen mit Wilhelm bin ich ein Banause. Ich habe aber auch keine Bilder von norwegischen Fjorden im Wohnzimmer.