Montag, 23. Juli 2012

König Faruk


Heute vor sechzig Jahren hat man den ägyptischen König Faruk abgesetzt. Er war der letzte König von Ägypten, danach herrschte das Militär. Ich kann mich noch an den kleinen dicken Mann mit dem Fez erinnern, weil ich ihn in der Wochenschau im Kino gesehen hatte. Auch in seinem Exil lebte er im Luxus, vielleicht ein wenig eingeschränkter als in Ägypten. Wo er alles hatte, vom Rolls Royce bis zu goldenen Luxusuhren von allen Genfer Manufakturen, alles war seins. Und er wurde immer fetter. Woher kam nur all das Geld? Bevor er abgesetzt wurde, soll er gesagt haben The whole world is in revolt. Soon there will be only five Kings left — the King of England, the King of Spades, the King of Clubs, the King of Hearts, and the King of Diamonds. Dieser Satz ist das Einzige, was mir an Faruk gefällt.

Wenn Leute wie Faruk Uhren sammeln, dann ist das immer ein wenig pervers. Er wollte sich bei Patek Philippe eine Taschenuhr bestellen, die noch komplizierter war als die einzigartige Supercomplication, die Patek 1933 an den Amerikaner Henry Graves geliefert hatte (oben). Als man Faruk bei Patek sagte, dass man an der Uhr achtzehn Jahre bauen würde, bestellte er sich eine Uhr bei Vacheron Constantin (unten). Die hatten ihm gesagt, dass sie ihm eine solche Uhr in fünf Jahren bauen würden. Wahrscheinlich wusste er, dass seine Herrschaft keine achtzehn Jahre dauern würde. Faruk war nicht nur ein krankhafter Sammler, er war auch ein pathologischer Kleptomane, was ihm den schönen Namen the thief of Cairo eintrug. Während des Krieges hat er bei einem Abendessen Winston Churchill die Taschenuhr gestohlen. Hat sie ihm aber wieder zurückgegeben.

Als er das Land verließ, musste er leider seine ganzen Sammlungen (Autos, Münzen, Briefmarken) in Ägypten lassen. Es dürfte ihn sehr geschmerzt haben, dass er auch seine große Sammlung von Pornomagazinen in Kairo lassen musste. Das neue Regime hat das alles 1954 bei einer Auktion verhökert. Ich nehme mal an, dass die Vacheron etwas mehr gebracht hat als die Pornosammlung.


Sonntag, 22. Juli 2012

overcoats


So etwas sieht man heute ja nicht mehr so häufig, ist natürlich englisch (ist auch noch wirklich ➱Made in England). In diesem Fall Chester Barrie (gerade für vierzig Euro bei Ebay gefunden). Ich hatte mal beinahe den gleichen, der war aber von Christonette of Copenhagen, einer Firma, die hervorragende Mäntel machte. Gibt es auch nicht mehr, der Markenname ist an Otto Aulbach verkauft worden (die heute Daniel Hechter heißen). Hat aber nichts mehr mit der originalen Christonette Qualität zu tun. Diese Mäntel mit den großen Karos stellen (man sollte wohl besser sagen stellten) sie in England wahrscheinlich nur für die Touristen her. Weil die glauben, dass alles mit großen Karos echt englisch ist. In England macht man wahrscheinlich nur Pferdedecken aus solchem Stoff. [Sie müssen sich jetzt einen großkarierten Chester Barrie Mantel vorstellen, die Teufelchen des Internets haben mir die Abbildung geklaut]

Dieser Herr würde das wahrscheinlich nicht tragen, das Bild zeigt ihn in seinem Lieblingsmantel (beachten Sie bei diesem Ulster den Rückengurt und die Ärmelstulpen). Den Mantel hat er schon einige Jahrzehnte. So etwas hat Stil. Ich möchte heute einmal ein wenig über jenes Kleidungsstück nachdenken, das im guten Englisch overcoat heißt und nicht coat. Solche Unterscheidungen gehen heute verloren, ebenso wie all die schönen Mäntel. Und die Firmen, die sie herstellten. Wer von den Firmen wie Baracuta (das trug 1966 die englische ➱Nationalmannschaft), ➱Driway, ➱Gannex, ➱Grenfell, ➱Invertere, Nicholson und Rodex (original W.O. Peake, dann von Aquascutum gekauft) ist denn heute noch im Geschäft? Aquascutum und Burberry (➱hier ein viel beachteter Post zu der Firma) schon, aber ihre Produkte sind ein Schatten der Qualität von gestern und vorgestern. Grenfell ist (wie Christonette of Copenhagen) nur noch ein Name, der nicht mehr für die Qualität von gestern und vorgestern steht. Heute gehört die Firma den Japanern.

Und deshalb hat Charles natürlich Recht. Wenn man sein Gewicht hält, kann man einen guten Mantel zwanzig, dreißig Jahre lang tragen. Wenn Alfred Kantorowicz den Mantel, den ihm Ernst Bloch 1924 in Positano geschenkt hatte, nicht im Spanischen Bürgerkrieg einem Kameraden geschenkt hätte, hätte er ihn wahrscheinlich ewig getragen. Die Geschichte findet sich in dem wunderbaren kleinen Buch, das Meine Kleider heißt, man kann es bei Amazon Marketplace ab 0,01 € bekommen. Lohnt sich unbedingt. Als Harold Macmillan 1959 nach Moskau flog, trug er den gleichen Mantel und die gleiche ➱Mütze, die er schon 1940 getragen hatte, als er Chruschtschow zum ersten Mal in Finnland traf. Der Mantel mit dem Pelzfutter war noch älter, Macmillan hatte ihn geerbt.

Der englische Gentleman kaufte einen teuren Mantel, weil er wusste, dass er sich in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr um das Thema Mantel kümmern musste. Waren es doch Briten wie Charles Macintosh und Thomas Burberry, die den Regenmantel perfektioniert hatten. Vor einem halben Jahrhundert war die Welt der Regenmäntel und Mäntel noch fest in englischer Hand. Die beste Qualität war damals ihr Geld wert. Later I learned, among other things, never to buy cheap raincoats, sagt der Held in dem Roman ➱Room at the Top, der auf seinem Weg nach oben ist.

Natürlich gab (und gibt) es eine Etiquette für Mäntel, weil der Gentleman je nach Anlass einen anderen Mantel brauchte. Lassen wir einmal die Frackmäntel und die Mäntel mit dem ➱Astrachan Pelz weg. Das tragen Churchill und Macmillan - und zwielichtigte Gestalten in den Romanen von ➱Edgar Wallace. Es bleiben noch genügend Mantelmodelle für die Garderobe des Gentleman übrig. Das förmlichste Stück ist immer noch der graue Chesterfield mit dem Fischgrätmuster, der verdeckten Knopfleiste und dem schwarzen Samtkragen (die Pattentaschen aus Samt bei diesem Modell sind optional und sehr affektiert, damit kommt man nur als Dandy durch). Der Chesterfield hält sich seit Ende des 19. Jahrhunderts beharrlich in der Herrenmode.

Der Chesterfield sollte nicht mit dem Covert Coat verwechselt werden, nur weil der auch einen Samtkragen hat. Denn der Covert Coat (den es natürlich auch ohne Samtkragen gibt) ist eher ein sportlicher Mantel, selbst wenn er keine Raglanärmel hat. Angeblich sind die Abnäher am Saum und an den Ärmeln einmal dazu da gewesen, dass man den Mantel da abschneiden konnte, wenn er ausgefranst war. Irgendwie ist er eine Kreuzung zwischen einem Riding Coat und dem Chesterfield. Er ist auch, in gewisser Weise, der Beginn der Karriere von Jeremy Hackett:


At the time when I was selling second hand clothes, I would regularly visit Portobello Road on a Friday morning at the crack of dawn just as the stallholders were unpacking, in order to pick up the bargains. Out of black plastic bin liners would appear all sorts of goodies.
     One morning I spotted the edge of a velvet collar attached to a khaki coat. I pulled it out of the bag and discovered it was a covert coat. I gave it the once-over, checking for condition and general wear and tear. I immediately knew it was a bespoke coat, so I checked for a makers label, which would be sewn discreetly inside the inside breast pocket. There I found the name of the renowned Savile Row tailor – Huntsman. It cost me all of a tenner.
     Later back at the shop, I would sort out my haul from the market. What would need repairing, what needed to be laundered and what I would send to the dry cleaners. My customers were aware of this weekly ritual and they would often be waiting for the shop to open to see what new old kit was on offer. No sooner than I had unlocked the door, a man pounced on the Huntsman covert coat and asked how much I wanted for it? “Oh give me a hundred pounds” I replied casually, and the deal was sealed.
   This was the manner in which all the covert coats I found were sold - in a flash!


Der Mantel, der jahrzehntelang von der Bildfläche verschwunden war, und nur von dieser seltsamen Spezies Mensch getragen wurde, die ➱Sloane Ranger hieß, ist neuerdings wieder chic. Vor allem bei jungen nouveaux riches, die nicht ganz an die Sloane Ranger heran reichen (die wiederum nicht ganz an die upper class heran reichen). Wird auch neuerdings gerne ohne Jackett darunter getragen. Wenn ➱James Nesbitt das macht, dann sieht das sicherlich gut aus. Wenn ich das mache, komme ich mir doof vor. Für das Werbephoto wird der Covert Coat dann von solchen Leuten getragen wie hier auf dem Photo. Wenn ➱Jason Statham und sein Kumpel in Snatch als Kleinkriminelle diesen Mantel tragen (oben), dann geht das ja gerade noch durch. Weil Jason Statham alles tragen kann. Aber das hier mit diesen nerds geht nun wirklich nicht. Man sollte bedenken, dass der Mantel ja ein upper class Kleidungsstück ist, Cecil Beaton sah sehr gut in seinem kurzen Covert Coat aus, aber man kann so etwas nicht ungestraft appropriieren.

Und da sind wir bei einem wichtigen Punkt der Manteletikette, einen blauen Crombie Coat oder einen hellgrauen Pfeffer-und-Salz Tweedmantel kann jedermann tragen, aber bei einem ➱British Warm oder einem Covert Coat wird es gefährlich. Natürlich wird es auch soziologisch interessant mitanzusehen, welche Schichten sich zu welcher Zeit Kleidungsstücke aneignen, die niemals zu ihrer Klasse gehört haben. Der dunkelblaue Crombie Coat, einst ein Mantel der middle class, mit dem man nie etwas falsch machen konnte, ist neuerdings etwas, was die middle class ungern anziehen wird. Weil den plötzlich die Skinhead Szene zu ihrem Lieblingskleidungsstück erkoren hat. Da bleibt der middle class wahrscheinlich nur noch der österreichische ➱Lodenmantel, der in England in den letzten Jahrzehnten erstaunlich viele Anhänger gefunden hat. Es gibt dort sogar schon einen Versandhändler, der ➱Born for Loden heißt.

Dieser Mantel hier ist natürlich ein Klassiker. Man kann ihn in die Kategorie der Ulster Mäntel tun, auch wenn er keinen Rückengurt hat. Aber er hat die Ärmelaufschläge, die für diesen Manteltyp charakteristisch sind. Eigentlich ist es ein Sportmantel, Prince Charles trägt ihn hier mit förmlicher Kleidung, trägt den selben ➱Mantel aber auch auf dem Land mit Gummistiefeln. In den sechziger Jahren war der Mantel mal sehr in, als Kaschmir-, Kamelhaar- oder Lamamantel. Da wurde er vornehmlich von von italienischen Filmproduzenten getragen. Und von ➱Karajan und mir. Ich passe in meinen nicht mehr hinein, er hat aber Jahrzehnte gehalten, genau wie der von Charles. Heute sind solche Mäntel ein klein wenig außer Mode gekommen - wie alle zweireihigen Mäntel.

Und natürlich hat der Manteltyp, vor allem der gelbe Kaschmirmantel auch in dem üblichen trickling down Zyklus einen Statusverlust erlitten. Ist direkt von der Prominenz zur Halbwelt gewandert. Das sieht dann so aus, und das lassen wir lieber unkommentiert. Diese St. Pauli Kiezgröße ist inzwischen auch schon Rentner. Doch irgendwie ist im deutschen Mann - und wahrscheinlich nur in dem - dieser Traum vom gelben Kaschmirmantel. So las ich letztens im Internet (in der Beschreibung irgendeines Outlets): Mein Mann hat neulich einen Burberry Kaschmirmantel dort gekauft für 350 Euro. Das war immer sein größter Traum, jetzt hat er ihn sich zu einem Sensations-Preis gegönnt. Schade nur, dass er ihn nun nicht trägt, da er ihm zu schade ist und er ihn schonen will. Das spricht für sich selbst, wir lassen es auch lieber unkommentiert.

Meine kleine Revue englischer Mäntel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Einen Mantel sollte man aber noch unbedingt erwähnen: den guten alten Tweedmantel. Also dieses Teil, das nach Der Doktor und das liebe Vieh aussieht. Ein wirklicher Klassiker, der kann auch ruhig viel kürzer sein als dieses Modell hier. Ist auch einer der wenigen Mäntel, der kniekurz und donegalgefleckt wirklich zu Jeans passen. Gucken Sie sich mal das Photo auf Seite 136 (der Beginn des Kapitels Joe College) in Jocks and Nerds: Men's Style in the Twentieth Century an. Da trägt jemand 1984 einen fünfziger Jahre Vintagemantel und sieht toll damit aus.

Die Klamottenindustrie wirft den auch alle paar Jahre wieder auf den Markt. Ist aber meistens nicht the real thing. Wie dieses Teil, das Daniel Day-Lewis hier trägt. Zu eng, zu italienisch. Wenn die Designer nur einmal damit aufhören könnten, sich an den Klassikern zu vergreifen! Gucken Sie sich doch mal eben diesen Louis Vuitton ➱Tweedmantel für 3.725 $ an. Die 3.725 Dollar sind übrigens nicht der Preis des Mantels, das sind die Strafgebühren für den schlechten Geschmack, wenn man ➱Louis Vuitton trägt. Ich habe bei meiner Übersicht über die Mantelklassiker bestimmt welche vergessen. Macht nix, kann ich noch ein anderes Mal drüber schreiben.

Förmliche Mäntel sind der Körperform angepasst, je sportlicher der Mantel ist, desto weiter darf er sein. Man kann das hier schön an dem Titelbild der Fachzeitschrift Sir (Nummer 3 des Jahres 1957) sehen. Es wurde von ➱René Gruau gezeichnet, zu erkennen an dem kleinen G mit einem Stern darüber unten rechts. Der Stern war ursprünglich ein Tintenklecks, Gruau machte es zu seinem Markenzeichen. Dies war das erste Heft von Sir, in dem die Zeichnungen von Gruau, des besten aller Modezeichner, erschienen. Es ist seine Kunst, dass wir in der Vereinfachung mit einem Blick alles erkennen können: der schwarze Homburg, der schwarze Schirm und die gestreiften Beinkleider signalisieren ebenso wie der enganliegende Mantel ein förmliches Kleidungsstück. So etwas hätte Lord Harris tragen sollen, als er die Royal Enclosure in Asccot mit einem braunen Bowler und in Tweed gehüllt, betrat. Was die Bemerkung von König Edward VII provozierte: Morning Harris, going ratting?

Und wenn Sie etwas wirklich Exklusives haben wollen, was Sie zur Not auch zur Rattenjagd tragen können, dann tragen Sie den Mantel, den Richard E. Grant in dem Film Withnail and I anhatte. Der Film war kaum abgedreht, da machte der Mantel schon Furore. Das Original wurde für fünftausend Pfund bei einer Auktion für einen guten Zweck verkauft, aber es gibt schon ➱Nachschub für dies exzentrische Stück. Oder Sie gucken mal bei Ebay nach so etwas Schönem wie meinem Chester Barrie Mantel. Natürlich ist das englische ➱Ebay ergiebiger als das deutsche, aber auch hier kann man etwas finden; ➱britsecondhand in Berlin hat manchmal interessante Sachen. Man muss nur einfach geduldig jede Woche Namen wie Aquascutum, Austin Reed, Baracuta, Chester Barrie, Crombie, Daks/Simpson, Dunn & Co, Grenfell, Harrod's, Invertere, Nicholson, Rodex, Saxon Hawk und Tibbett bei der Suche eintippen. Niemals Darebridge oder Wellington of Bilmore. Trotz der schönen Namen: das sind deutsche Firmen.

Und weil er so schön ist, stelle ich zum Schluss meinen neuen alten Chester Barrie Mantel noch einmal hier hin [also meiner sieht so aus wie dieser, nur in braun]. Eigentlich sollte ja jetzt Sommer sein, aber bei diesen Temperaturen kann man den abends beim Spaziergang durchaus tragen. Und damit das Ganze auch noch ein wenig Niveau bekommt, habe ich noch eine schönes Mantelzitat aus Victor Hugos Les Misérables (es findet sich im Kapitel II des 12. ➱Buches): "Ah, by the way, Laigle of the funeral oration, your coat is old." "I should hope so," retorted Laigle. "That's why we get on well together, my coat and I. It has acquired all my folds, it does not bind me anywhere, it is moulded on my deformities, it falls in with all my movements, I am only conscious of it because it keeps me warm. Old coats are just like old friends.


Samstag, 21. Juli 2012

Ivan Lapshin


Das erste Mal habe ich den Film nachts im Fernsehen gesehen, in der Programmzeitschrift stand nur Mein Freund Iwan Lapschin. Der Name des Regisseurs war mit Alexei German angegeben. Beides sagte mir damals nichts. Aber ich konnte den Film nicht vergessen. Ich hatte beinahe alle Bilder im Kopf, als hätte ich den Film selbst photographiert. Inzwischen besitze ich eine DVD. Zwar nur im russischen Original, aber was macht das, auf die Bilder kommt es bei diesem Film an. Man kann den Film übrigens auch wunderbar mit abgeschaltetem Ton ansehen. Ich mache das bei Filmen häufig, es ist ein Test, um herauszufinden, ob ein Film ohne Sprache und ohne Musik funktioniert. Probieren Sie das mal aus, es funktioniert allerdings nur bei guten Filmen.

Ich habe den Film hier im Blog schon einmal erwähnt: Und Aleksei German [links] wollen wir nun gar nicht vergessen. Seinen Film 'Moy drug Ivan Lapshin', der im Englischen 'My friend Ivan Lapshin' heißt, habe ich dreimal gesehen. Ich halte ihn filmisch für einen der größten russischen Filme. Es ist mir gerade geglückt eine russische DVD zu bestellen, hoffentlich wird etwas daraus. Im Internet habe ich gelesen, dass Andrei Tarkowski meiner Meinung ist und Ivan Lapshin auch für den größten russischen Film hält, das beruhigt mich sehr. Als ich den Film zum ersten Mal sah, wusste ich nichts über den Film und den Regisseur, ich hatte auch keinen Computer, um etwas über den Film herauszufinden. Dank des Internets bin ich jetzt etwas schlauer. Und wenn die DVD jemals ankommt, schreibe ich bestimmt darüber. 

Sie ist angekommen. Ich mache das jetzt wahr, was ich versprochen habe. Ich arbeite all diese Versprechungen auf, die ich großmäulig im Blog gemacht habe. Das mit dem amerikanischen Luminismus habe ich ja auch hingekriegt. Die DVD ist gerade mal wieder nicht lieferbar, offensichtlich habe ich das letzte Exemplar bekommen. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, Filme auf dem Computerbildschirm anzuschauen, können Sie den ganzen Film ✺hier sehen. Mit oder ohne Ton.

This is my declaration of love for the people I grew up with as a child, sagt der Erzähler am Anfang des Film in der englischsprachigen Version, die leider wieder aus dem Internet verschwunden ist. Es ist eine Liebeserklärung an die einfachen Leute in einer Zeit, die zu den schlimmsten Jahren der Sowjetunion zählt. Es ist eine traurige Geschichte, die sich vor einem halben Jahrhundert, nur fünf Minuten von hier abgespielt hat, sagt der Erzähler. Dabei ist das, was er erzählt gar nicht so traurig, es wird viel gescherzt in diesem einfachen Leben. Die wirklich traurige Geschichte steht noch bevor. Die Erinnerung kann vergessene Gesichter und Fetzen der Unterhaltung heraufbeschwören, hört man den Erzähler sagen. Dies ist keine offizielle Geschichtsschreibung, dies ist eine subjektive Erinnerung.

Wir sind im Jahre 1935 (also noch vor dem Großen Terror von Stalin) in einer Provinzstadt namens Unchansk, die nur auf der Landkarte der Imagination zu finden ist, die jede Provinzstadt der Sowjetunion sein könnte. Der Erzähler des Films lebt mit seinem Vater in einem kommunalnaya kvartira, wo auch der örtliche Polizeichef Ivan Lapshin wohnt. Und viele andere. Die manchmal klaustrophobischen (und dennoch durch die exzellente Kameraarbeit klar strukturierten) Räume beherbergen einen Querschnitt der Bevölkerung. Es sind diese Räume, an die sich der Erzähler erinnert. Und an den Geruch von Ivan Lapshins Zigaretten. Das klingt ein wenig nach Prousts Madeleine.

Alexander, der Erzähler des Films, ist damals neun Jahre alt, er kann nicht identisch sein mit dem Regisseur, der erst 1938 geboren wurde. Anfang und Ende - Prolog und Epilog - des Films sind die Rahmenhandlung. Das ist die Zeit, in der sich der inzwischen erwachsene Erzähler an das Jahr 1935 erinnert (und er fügt hinzu, dass da auch noch die Erzählungen seines Vaters waren). Der Erzähler ist den ganzen Film über immer wieder als Stimme im Off vorhanden. Also das, was die Theoriefuzzis extradiegetische Narration nennen. Anfang und Ende sind in Farbe gedreht, der Rest des Filmes ist eine (durch Filter während des Drehs) eingefärbte Welt in Schwarzweiß und in Sepiatönen (in der manchmal wieder die Farbe durchscheint). Das ist auf den ersten Blick etwas verwirrend, unterstreicht aber die fragmentierte Flashback-Erzählstruktur, die auch eine Suche nach der verlorenen Zeit ist.

Die Kamera leistet die Erinnerungsarbeit, lange Einstellungen wechseln mit hektischen Schnitten, Szenen, die mit einer Handkamera aufgenommen wurden. Das Ganze wirkt ohne jede Ordnung, unordentlich, unfertig - so wie die Gesellschaft auf der Suche nach dem großen Ziel noch ohne Ordnung ist. Eine filmische Beschreibung (mit vielen kleinen Gesten und Nebenhandlungen) dessen, was Bert Brecht die Mühen der Ebene genannt hat.

The story I am telling is about the real life of these peoples, their faith, their melancholy, the fact that they go straight ahead toward communism without understanding that the road is long and dangerous. Maybe these people included my father and my mother, hat German in einem Interview gesagt. Und in gewissem Sinne ist es auch seine Geschichte, weil die Vorlage für das Drehbuch Erzählungen seines Vaters Yuri German waren (was er ja auch den Erzähler des Films sagen läßt). Yuri German, dessen Vater und Großvater zaristische Generäle gewesen waren, ist in den dreißiger Jahren ein berühmter Schriftsteller gewesen. Er hat die Geschichten vom NKWD Kommissar Lapschin geschrieben, als er noch ein junger Mann war. Aber was bei ihm eine propagandistische Verherrlichung eines ungeliebten Berufsstands war, gerät bei seinem Sohn zu einem ganz anderen Bild. Yuri Germans Lapshin ist eine zweidimensionale Figur, sein Sohn macht einen wirklichen Menschen aus ihm. So who is this person, Lapshin? In a certain way, he is a normal person. In a certain way, he is a communist. And in a certain way, he is a very nice man, a kind person. You see that he's a conformist, you see that he's is a very good man. And there you see them all marching in step.

Wir waren ganz sicher, dass wir mit allem fertig werden konnten, beschreibt der Erzähler den Optimismus der damaligen Zeit. Der architektonisch etwas klägliche Siegesbogen, der immer wieder ins Bild kommt, bedeutet den Bewohnern von Urchansk wie alle Symbole der Revolution sehr viel. Die Musikkapellen (es scheint so viele Kapellen wie Einwohner zu geben, sagt Natascha in komischer Verzweiflung am Schluss) sind immer präsent. Am Ende sehen wir eine Kapelle auf einem Waggon, der an die Straßenbahn angehängt ist, unablässig, schon beinahe verzweifelt das Lied von der Einheitsfront spielend. Vorne an der Straßenbahn sehen wir (zum ersten Mal in diesem Film) das Portrait von Stalin.

Die Melodie klingt dann in den Epilog hinein (der jetzt wieder in Farbe ist). Wir sehen die Stadt und den großen Fluss in einem warmen, beinahe goldenen Licht. Ein Bild, das es in diesem Gedankenstrom der Bilder schon zweimal gab. In Schwarzweiß sehen wir die Wolga schon einmal für wenige Sekunden (ziemlich genau in der Mitte des Films), wenn der Journalist Khanin in die Gemeinschaftswohnung einzieht. Und ein zweites Mal, bevor Lapshin zu seiner Aktion gegen die Banditen aufbricht. Wir haben in dem Schlussteil auch modernere Straßenbahnen als auf der 1935 Ebene des Films im Bild. Der Erzähler sagt, dass es in den alten Tagen nur die Linien 1 und 2 gab, jetzt gäbe es jedes Jahr eine neue Linie. Aber das soll uns nicht täuschen. Nirgendwo in dem Farbteil der Rahmenhandlung wird angedeutet, dass die Stadt Urchansk, die sich über den Fluss und in die Steppe hinein ausgebreitet hat, in den achtziger Jahren das Paradies ist. Das, wovon die Idealisten wie Lapshin damals träumten. Dieses neue Uchansk ist, wie die damals erträumte Sowjetrepublik, weit weg. Weit weg von dem Erzähler, der wie Proust dabei ist, die verlorene Zeit wieder einzufangen und uns diesen einen Moment in der Geschichte der Sowjetunion vor Augen zu führen. Und sie ist auch weit weg von uns, wir sehen die Stadt nur aus den Fenstern des Hauses des Erzählers.

Ich bin doch keine von den jungen Damen von Tschechow, sagt die Schauspielerin Natascha, die unglücklich in Lapshins Freund Khanin verliebt ist. Als ich den Film zum ersten Mal sah, damals noch mit deutschen Text, sagte ich an dieser Stelle unwillkürlich in das leere Wohnzimmer hinein: Aber das Ganze ist doch reiner Tschechow. Ich konnte damals nicht wissen, dass der Regisseur etwas Ähnliches über seinen Film gesagt hatte. German hat auch gesagt, dass es ein Film über die Einsamkeit ist. Und dass es eine Hommage an Boris Pasternak ist, aus dessen Gedichten der Film immer wieder Bilder gewinnt. Wie den neunjährigen Erzähler, der auf Skiern durch die Wohnung stapft.

Der Regisseur hatte große Schwierigkeiten, seinen Film zu drehen. Filme, die in irgendeiner Weise auf den Terror der Stalinzeit verwiesen, waren noch nicht opportun. Bei der ersten inoffiziellen Vorführung 1982 gab es zwar den Beifall der Zuschauer, doch die Hauszeitschrift seines Studios Lenfilm bezeichnete den Film wenig später als gadkaia kartina, einen schlimmen Film. Erst 1984 durfte der Film veröffentlicht werden, und als Glasnost Wirklichkeit geworden war, wählten die russischen Filmkritiker Germans Film zum besten sowjetischen Film aller Zeiten. Noch vor Sergei Eisenstein, Pudowkin und Wertow. Viele westliche Filmkritiker äußerten sich ähnlich, wenn Sie ➱hier klicken, kommen Sie zu einer hervorragenden Sammlung von Filmrezensionen. Und ➱➱hier gibt es ein langes Interview, das Ronald Holloway 1988 mit dem Regisseur geführt hat. Das vielleicht wichtiger ist als viele der Rezensionen.

Der Film endet mit der Abreise des Journalisten Khanin. Es gibt kein happy ending, weder für Khanin und Natascha noch für Lapschin und Natascha. Die stille Melancholie, die über der Abschiedsszene liegt, verdeutlicht den Satz von German: it's quite clear that these people are not going to see the year 1937. Polizeioffiziere, Journalisten und Schauspielerinnen sind als Opfer für Stalins Terror geradezu prädestiniert. We shall clean up the earth and plant a garden, and we ourselves will live to walk in it, sagt Lapschin, und die Schauspielerin Natascha träumt davon, dass man im Jahre 1938 vier Millionen Flaschen Champagner herstellen wird. Sie werden das mit dem Garten wohl nicht erleben. Das mit dem Champagner ganz bestimmt nicht.

Freitag, 20. Juli 2012

Gedenken



Wir gedenken in Deutschland an diesem Tag des Widerstandes gegen Hitler. Und es gibt jedes Jahr einen Staatsakt in Berlin und eine Kranzniederlegung im Bendlerblock. Und jedes Jahr wird der Oberst Graf von Stauffenberg gefeiert, den ja jetzt jeder kennt, weil er von Tom Cruise gespielt wurde. Um den stillen James Graf von Moltke wird nicht ein solcher Rummel gemacht. Aber das Wissen um die Vergangenheit geht von Jahr zu Jahr verloren, und eines Tages werden nachfolgende Generationen die deutsche Geschichte nur noch in der Version von Tom Cruise oder Guido Knopp kennen. Ich bin jedes Jahr an diesem Tag ein wenig unglücklich, mir gefallen die Feiern nicht, die häufig nur verlogene Schauspiele mit schlechten Laiendarstellern sind. Und ich frage mich, wie viele Schüler jemals in Plötzensee gewesen sind? Oder wie viele den Namen Georg Elser kennen? Denn der ist irgendwie eher mein Held als Stauffenberg mit dem ganzen Gewese des George Kreises und dem heiligen Deutschland. Vielleicht war auch das geheime Deutschland gemeint, über das Stauffenbergs Mentor Stefan George gedichtet hatte:

Wer denn o wer von euch brüdern
Zweifelt o schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:
Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher Erde noch ruht-
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.

Niemand redet über all die kleinen Leute, die auf ihre Art und Weise Widerstand geleistet haben, und die Opfer des Terrors geworden sind. Mir ist Stauffenberg als Held ein wenig unheimlich. Das, was ich von meiner Mutter (die ihn gekannt hat) über ihn erfahren habe, hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich ihn mag. In der TAZ vom 17.2. 2009 hat Michael Wildt geschrieben:

Aber warum Stauffenberg und nicht Elser? Auf die Kritik des britischen Historikers Richard Evans, dass sich Stauffenberg mit seiner elitär-reaktionären Weltanschauung wohl nicht zum Helden eigne, antwortete Karl Heinz Bohrer heftig, dass es darauf gar nicht ankomme, sondern Stauffenberg und seine Mitverschwörer "eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats" repräsentierten, von dem Mitglieder der heutigen Elite nur träumen könnten.

Darum also geht es! Im gegenwärtigen Diskurs um Eliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabsoffizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Tat schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der spröde, eigensinnige Elser, der unter Beweis stellt, dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den "Führer" unterstützten, als Tischler mit Volksschulabschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte. "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat" (Bertolt Brecht).

Wir können das in Deutschland offensichtlich nicht, dass wir einen größeren Zusammenhang des Widerstandes herstellen. Wir brauchen die aristokratischen Offiziere des Generalstabs auf der einen Seite (die wir dann auch feiern) und die sozialistischen oder kommunistischen Arbeiter auf der anderen Seite (die wir lieber nicht erwähnen). Vielleicht noch ein wenig Bekennende Kirche in der Mitte. Das Bürgerlied von 1848 mit den Zeilen ob wir just Collegia lesen oder aber binden Besen, das tut, das tut nichts dazu. Drum ihr Menschen, drum ihr Brüder, alle eines Bundes Glieder, was auch jeder von euch tu, das ist noch nicht bei uns angekommen.

Wenn Churchill 1946 gesagt hat In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde. Diese Menschen kämpften ohne Hilfe von innen und außen, einzig getrieben von der Unruhe des Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns unsichtbar, weil sie sich tarnen mussten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus, dann ist er in seiner Bewertung der Meinung der jungen Bundesrepublik weit voraus. Denn in den fünfziger Jahren war das Bild der Widerständler in der Bevölkerung nicht unbedingt positiv. Die Nazipropaganda von einem Verrat und einer zweiten Dolchstoßlegende wirkte noch nach. Über die Bewertung des Attentats aus der Sicht der DDR wollen wir lieber den Mantel des Schweigens decken. Aber auch bei uns hat es bis 1963 gedauert, dass die öffentlichen Gebäude beflaggt wurden.

Wir haben nach dem Krieg auch unsere juristischen Schwierigkeiten mit den Opfern. Die Mutter der jungen Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude (mit der Helmut Schmidt einmal befreundet war), die in Plötzensee hingerichtet wurde, hat zwölf Jahre gegen das Land Niedersachsen prozessieren müssen, damit ihre Tochter juristisch rehabilitiert wurde. Erst 1999 (56 Jahre nach ihrem Tod) wurde das Todesurteil juristisch aufgehoben. Da hatte es die Witwe des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler einfacher. Sie bezog eine Kriegsopferrente und ab 1974 bis zu ihrem Tode 1997 noch einmal zusätzlich monatlich 400 Mark Schadensausgleich mit der Begründung, dass wenn ihr Mann überlebt hätte, er höherer Beamter oder gutverdienender Rechtsanwalt geworden wäre. Was kann man gegen eine solche Logik sagen?

Die antike Philosophie hat das Problem des Tyrannenmords diskutiert, und seit dem 17. Jahrhundert findet sich dieser Gedanke auch bei den Staatsrechtsphilosophen. Schon Thomas Hobbes räumt dem Volk ein gewisses Widerstandsrecht ein, wenn der Souverän sein Volk nicht mehr ausreichend schützt. Samuel Pufendorf empfiehlt dagegen in De iure naturae et gentium, auf den Tyrannenmord zu verzichten und stattdessen zu fliehen oder auszuwandern. Unser deutscher Denker mit dem kategorischen Imperativ hat das Widerstandsrecht dann im 18. Jahrhundert allerdings kategorisch abgelehnt. Aber seit dem Jahre 1968 steht es im Artikel 20 Absatz 4 in unserem Grundgesetz:  Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Möge es nie dazu kommen.

Meine Heimatstadt Bremen, die gerne den Eindruck erweckt, dass man ja so hanseatisch gewesen sei und mit den Nazis nichts am Hut hatte, hat in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches Nazis und Kriegsverbrecher in ihren Reihen gehabt, aber auch gute und mutige Menschen und Widerständler aus allen politischen Gruppierungen. Aber die einen wie die anderen waren niemals in der Zeit nach dem Krieg Thema des Unterrichts an meiner Schule (an der Hermann Böse Schule vielleicht, da musste man ja zumindest wissen, weshalb die so hieß). Dass wir in unserem Ort einen Kriegsverbrecher wie Walter Többens hatten, hat erst Jahrzehnte nach dem Krieg der Journalist Günther Schwarberg öffentlich gemacht (Schwarberg ist auch der Mann, der das Buch über den SS Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm geschrieben hat). Und die Bremer Geschichtsschreibung hat auch lange gebraucht, um sich zu äussern. Erst im Jahre 1980 hatte die Kultusministerkonferenz empfohlen, den Widerstand auch in seinen alltäglichen Formen der Verweigerung und Nichtanpassung zu erforschen und in den Unterricht einzubringen. Dem hat sich der Bremer Senat 1981 angeschlossen und ein Projekt Widerstand und Verfolgung unter dem Nationalsozialismus in Bremen 1933-1945 finanziell gefördert. Daraus ist ein bemerkenswertes Buch entstanden: Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich. Anpassung - Widerstand - Verfolgung (Schünemann 1986). Das Buch steht im völligen Gegensatz zu dem vierten Band der Geschichte der Freien Hansestadt Bremen des selbsternannten Bremer Historikerpapstes Herbert Schwarzwälder, der letztlich nur eine Geschichte der Gauleiter schreibt. Marßolek und Ott schreiben eine Geschichte von unten, in der Tradition der französischen Historikerschule von Lucien Febvre und der Annales. Und sie tun das mit erstaunlichen Ergebnissen, weil sie sich weniger für die Gauleiter als für die kleinen Leute interessieren. Wenn die russischen Fremdarbeiterinnen bei Borgward am Internationalen Frauentag 1944 mit rotgefärbten Kopftüchern zur Arbeit kommen, dann ist das auch ein Zeichen des Widerstandes. Und wenn der Chef der AG Weser Franz Stapelfeldt (des Teufels Generaldirektor) auf der einen Seite mit den Nazis paktiert, weil das der Werft Aufträge bringt, und auf der anderen Seite kommunistische Werksangehörige persönlich aus dem KZ freikauft, dann ist das eine andere Form des Widerstands. Ich wünschte mir, dass bei Schünemann in Bremen jemand auf die Idee käme, das vergriffene Buch wieder auf den Markt zu bringen. Und es wäre als Pflichtlektüre für Geschichtslehrer vielleicht auch nicht schlecht. Nicht nur in Bremen.

Martin Walser hat in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gesagt: Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ja und nein, ich kann ihn in gewisser Weise verstehen, ich habe damals die ganze Rede gehört. Ich finde, angesichts dessen, was man mit den Mitteln des Fernsehens aufklärerisch machen könnte, das, was Guido Knopp macht, nur widerlich. Aber wir können nicht wegschauen, das tun schon genug andere.

Tho' much is taken, much abides; and tho'
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Das stand hier vor zwei Jahren in diesem Blog. Damals hatte ich nicht nicht so viele Leser wie heute. Deshalb stelle ich es heute noch einmal ganz nach oben.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Yohji Yamamoto


Vor Jahren sah ich auf der Straße einen jüngeren Mann, der etwas seltsam aussah. Er kam mir entgegen, war noch dreißig Meter von mir entfernt. Es war eine seltsame Erscheinung. Die Hosen waren erheblich zu kurz, kürzer als diese Hochwasserhosen, die lange in Amerika beliebt waren. Und erheblich kürzer als die von Prince Charles, der sich seine ➱Hosen auch gerne sehr kurz machen lässt. Ist vielleicht besser als zu lang, wie diese Ziehharmonikahosen an allen deutschen Männerbeinen. Das Jackett des Herrn war passend zu den Hosen auch zu kurz, dafür waren die Ärmel zu lang. Und ich sagte mir: entweder ist das der Dorfidiot oder er trägt Yohji Yamamoto. Leider konnte ich die endgültige Antwort auf diese Frage nicht finden, weil wir plötzlich durch eine kleinere Menschenmenge getrennt wurden. Aber wie wahrscheinlich ist es schon, dass in dieser Stadt jemand Yamamoto trägt? Man sieht ja selten genug einen gut gekleideten Herrn auf der Straße.

Der Japaner Yamamoto hat es ja geschafft - ebenso wie seine ehemalige Lebensgefährtin Rei Kawakubo - ganz nach oben in den Olymp der ➱Designer zu kommen. Wobei ihm dieser Aufstieg dadurch erleichtert wurde, dass die Gläubigen der Yamamoto Religion ihren Meister in journalistischen Glaubensbekenntnissen abfeierten. Und Wim Wenders sogar einen ➱Film über ihn drehte. Ich habe den Aufstieg von Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo über die Jahre verfolgt, da ich immer Abos von Magazinen wie L'Uomo Vogue, GQ (die hervorragende amerikanische Ausgabe) und ➱Arena hatte. Aber ich war niemals in Versuchung, mir solches Zeug zu kaufen.

Wer trägt das? Der erste, der mir dazu einfällt ist der holländische Pianist Hans Liberg, die postmoderne Variante von ➱Victor Borge. Der soll angeblich die größte Yamamoto Sammlung der Niederlande haben. Aber für den allein können die Sachen, Made in Japan, ja auch nicht alle hergestellt werden. Tragen Japaner das? Angeblich wollen die alle Paul Smith kaufen. Werden all diese bizarren Sachen nur für den Laufsteg und die Photos in den Modezeitschriften entworfen? Den Rest des Geschäfts machen dann die billigeren Zweitlinien, die T-Shirts und die Parfüms aus. Die Lektion der Vermarktung des Namens haben ja alle von ➱Pierre Cardin gelernt, der schon vor einem halben Jahrhundert auf den japanischen Markt drängte. Die Hohepriesterin der Mode Rei Kawakubo, die vor dreißig Jahren mit ihrem Hiroshima Chic in Paris reüssierte, gab es 2008 schon bei H&M, Yohji Yamamoto war da schon längst bei Adidas. Andererseits ehrte ihn letztes Jahr das ➱Victoria & Albert Museum mit einer Ausstellung, so etwas bekommt auch nicht jeder. Harald Glööckler bestimmt nicht.

Es ist sicherlich ein kleiner Karriereknick, dass Yamamotos Firma im Jahre 2009 in die Insolvenz rutschte, etwas, das er in Interviews als the accident bezeichnet. Zehn Jahre zuvor sah das noch anders aus, da gab es gerade den Wim Wenders Film und Tristan und Isolde trugen in Bayreuth Yamamoto. Inzwischen hat es eine Restrukturierung der Firma gegeben. Der Meister, der gesagt haben soll I think perfection is ugly. Somewhere in the things humans make, I want to see scars, failure, disorder, distortion, hat jetzt gesehen wie failure und disorder aussieht. Er ist von einer kapitalkräftigen Firma gerettet worden, die Firma, die seinen Namen trägt, gehört ihm nicht mehr.

Ob er sich damals über den Brief von Kim Basinger geärgert hat, die aufgefordert hatte, keine Tierpelze mehr zu verwenden? By making the kind choice to shun fur (and fur trim, which helps to keep the cruel fur trade alive), you can be a leader in fashion and compassion, setting a wonderful example for the rest of the industry to follow...as Japan’s leading fashion designer, you in particular are able to set an example for others and establish a more compassionate trend away from fur. Zwei Jahrzehnte früher konnte man Kim Basinger in Yamamoto sehen, wenn ihr Mickey Rourke in 9½ Weeks in einer Yamamoto Boutique ein Yamamoto Teil kauft. Aber wenn es nach uns ginge, hätte sie das nicht tragen müssen, sie sah auch ohne Yamamoto gut aus.

Warum schreibe ich über Yohji Yamamoto? Ist ganz einfach, ich muss gestehen, dass ich am letzten Wochenende ein Yamamoto Jackett gekauft habe, bei ➱Weltgewand, second hand, aber neu. So gut wie nix gekostet. Sehr dunkelblau, mit einem leichten, vornehmen Glanz. Als ich das Jackett vor dem Spiegel angezogen habe, habe ich erst einmal gelacht. Die Jacke mit ihren kleinen Stummelschlitzen war viel zu kurz, bumfreezer nannten das die englischen Soldaten, als ihnen die Armee 1945 einen Zivilanzug spendierte und dabei am Stoff sparte. Den gleichen Namen bekamen in den fünfziger Jahren die kurzen Jacketts, die aus Italien kamen (und die Eton Zöglinge nannten ihre kurzen Jacken schon immer so). Aber wenn es auch irgendwie bescheuert aussah und die drei Knöpfe auch nicht ganz an den Stellen waren, wo sie hingehörten, das Jackett hatte das gewisse je ne sais quoi. Zu Hause habe ich es einmal kritisch betrachtet, und man muss sagen, dass gegen die Qualität nichts zu sagen ist. Das Futter ist 100% Cupro. Damit fängt Qualität ja an, wenn in einem Jackett Bemberg drin steht, für Bembergseide hatte einst Marlene Dietrich Reklame gemacht. Die Knopflöcher waren mit der Hand genäht, und den hohen Handarbeitsanteil konnte man überall sehen. Das war alles schon erstklassig, aber eben sehr kurz. Das ist der Designerwille. dem man sich zu fügen hat. Yamamoto hatte ja auch einmal eine Phase, da waren die Jacketts und die Ärmel immer zu lang. Yohji Yamamoto hat einmal gesagt: My role in all of this is very simple. I make clothing like armor. My clothing protects you from unwelcome eyes. Das glaube ich nun gar nicht. Wenn ich damit rumlaufe, wird mir jeder nachstarren und sich sagen: entweder ist das der Dorfidiot oder er trägt Yohji Yamamoto

Dienstag, 17. Juli 2012

Katzen


Ich muss noch einmal auf Robert Altmans ➱Film The Long Goodbye zurückkommen. Sie haben den Film ja wahrscheinlich gestern Abend auf ARTE gesehen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Philip Marlowe von Humphrey Bogart und dem von Elliott Gould ist, dass Humphrey Bogart in The Big Sleep zwar diesen schönen Regenmantel hat (The role is a cinch. The role doesn't bother me. I've been doing the role for years. I've worn that trench coat of mine in half the pictures I've been in), aber keine Katze hat. Im wirklichen Leben soll er mal eine Katze gehabt haben (und Lauren Bacall hat einmal für Fancy Feast Katzenfutter Reklame gemacht). Aber ein hardboiled detective mit einer Katze? Undenkbar. T.S. Eliot mag ja Gedichte über Katzen schreiben, aber tough guys in der Literatur haben keine Katzen. Auch keine Frauen.

Doch in The Long Goodbye ist Elliot Gould zehn Minuten lang damit beschäftigt, Katzenfutter zu kaufen. Die Katze in der ersten ➱Viertelstunde des Films hätte übrigens einen Oscar verdient gehabt! Ich glaube, dass Altman die Katze nur in den Film gebracht hat, weil Chandler Katzenliebhaber war. Die Katze mit dem Namen ➱Chauncey Scratchet, der Altman alle schauspielerischen Freiheiten ließ (➱Elliott Gould übrigens auch), hat in keinem anderen Film als diesem mitgespielt. Schade eigentlich.

Ich persönlich habe kein besonderes Verhältnis zu Katzen. Als ich noch klein war, habe ich eine von meinem Schoß geworfen, weil ich glaubte, sie hätte Opas Wecker verschluckt. Ich wusste nicht, das Katzen schnurren, damals war ich fünf. Inzwischen habe ich eine Katzenallergie und gehe den Katzen aus dem Weg. Aber vielleicht habe ich sie auch schon vorher nicht gemocht, denn eine Freundin hat mir vor einem halben Jahrhundert ein wunderbares Katzenbuch für Katzenhasser und Katzenliebhaber von Siné geschenkt, irgendwie scheint Siné im Gegensatz zu seinem Kollegen ➱Sempé heute beinahe vergessen zu sein. Was sehr schade ist. Das Katzenbuch habe ich immer noch, die Freundin aber redet heute nicht mehr mit mir. Das letzte, was ich von ihr hörte, war eine Karte mit einer niedlichen Katze und darunter stand: so bin ich, wenn ich lieb bin. Ja, so sind sie.

Raymond Chandler hat seine Katzen geliebt, er hat einmal seine schwarze Perserkatze Taki als seine Sekretärin bezeichnet. Chandlers Agent in Hollywood hat über die Katze gesagt, she knew more about him than anybody else. Wie eine Perserkatze aussieht, weiß ich, ich bin mal auf eine weiße Perserkatze draufgetreten, weil ich sie nicht von dem weißen Flokatiteppich unterscheiden konnte, auf dem sie lag. War mir auch sehr peinlich, weil die Dame des Hauses sehr etepetete war. Weil ich eine Katzenallergie habe, hätte Chandler mir meinen Katzenhass wohl verziehen, hat er doch einmal geschrieben: I said something which gave you to think I hated cats. But gad, sir, I am one of the most fanatical cat lovers in the business. If you hate them, I may learn to hate you. If your allergies hate them, I will tolerate the situation to the best of my ability. In der Sammlung von Briefen ➱Raymond Chandler Speaking haben Dorothy Gardiner und Kathrine Sorley Walker ein ganzes Kapitel von Briefen, das Chandler on Cats heißt.

Robert Altman hatte so gut wie nichts von Chandlers Romanen gelesen, er kannte lediglich Chandlers Briefe (die natürlich immer eine lohnende Lektüre sind). Und ich nehme mal an, dass ihn das Kapitel Chandler on Cats auf die Idee mit der Katze gebracht hat (das Bild hier zeigt Elliott Gould beim Kauf von Katzenfutter). Er hatte The Long Goodbye, den er vor Jahren halb gelesen weggelegt hatte, erst richtig gelesen, als man mit ihm verhandelte, ob er die Regie übernehmen würde.

I was sent the script by the producers and at first I said, "I don't want to do Raymond Chandler. If you say 'Philip Marlowe', people just think of Humphrey Bogart. Robert Mitchum was being proposed for it. But I just didn't want to do another Philip Marlowe film and have it wrap up the same way all the other films did. I think it was David Picker, the production chief at United Artists, who suggested Elliott Gould for Marlowe - and then I was interested. So I read Leigh Brackett's script – she wrote the script of The Big Sleep for Hawks - and in her version, in the last scene, Marlowe pulled out his gun and killed his best friend, Terry Lennox. It was so out of character for Marlowe, I said, 'I'll do the picture, but you cannot change that ending! It must be in the contract." They all agreed, which was very surprising. If she hadn't written that ending, I guarantee I wouldn't have done it. It said, 'This is just a movie.' After that, we had him do his funny little dance down the road and you hear 'Hooray for Hollywood', and that's what it's really about – 'Hooray for Hollywood'. It even looked like a road made in a Hollywood studio. And with Eileen Wade driving past, it's like the final scene in 'The Third Man'!

Die ➱Leigh Brackett, die hier erwähnt wird, kannte Chandlers Romane besser als Altman, hatte sie doch zusammen mit ➱William Faulkner das Drehbuch zu The Big Sleep geschrieben. Und es ist natürlich irgendwie frech von ihr gewesen, dass sie diesen Schluss geschrieben hat. Aber der Film mit der Katze hat Folgen. Lesen Sie doch diesen wunderbaren Post von Fred deVecca (der seine Katze Marlowe genannt hat) in dem hervorragenden Blog von ➱Noir Originals von ➱Allan Guthrie. Ein Muss für alle Krimifreunde.

Doch es war den Katzen nicht genug, dass sie eine Beigabe für den Detektiv waren. Neuerdings müssen sie auch noch selbst ermitteln. Die Amerikanerin ➱Lilian Jackson Braun hat in vierzig Jahren dreißig Katzenkrimis geschrieben, von denen The Cat Who Could Read Backwards 1966 der erste war. Und in Deutschland hatte Akif Pirincci mit ➱Felidae einen aussergewöhnlichen Erfolg. Gab's auch gleich als ➱Film, in dem prominente Schauspieler wie Ulrich Tukur, Mario Adorf, Helge Schneider, Klaus Maria Brandauer, Uwe Ochsenknecht und Ulrich Wildgruber den Katzen ihre Stimme liehen. Und es gibt noch viel mehr Katzenkrimis, Katzenfreunde lesen bitte diese ➱Seite. Katzenhasser brauchen die natürlich nicht zu lesen.

Natürlich kommen bei Raymond Chandler auch Katzen vor, ich als Katzenhasser liebe diese Stelle in ➱Finger Man, wo der Detektiv noch nicht Philip Marlowe sondern ➱Carmady heißt: What I could see of him was dressed in a slovenly gray suit, and there was a large black Persian cat on the desk in front of him. He was scratching the cat's head with one of his little neat hands and the cat was leaning against his hand. Its busy tail flowed over the edge of the desk and fell straight down... "Who did kill Lou Harger, Dorr?" I asked, not looking at him. He shook his head. I looked at him, smiling. "Swell cat you have," I said. Dorr licked his lips. "I think the little bastard likes you," he grinned. He looked pleased at the idea. I nodded - and threw the cat in his face.

Sonntag, 15. Juli 2012

Nina van Pallandt


Also, in dem Robert Altman Film The Long Goodbye sah sie damals toll aus. Could you find my husband for me, please, Mr Marlowe? sagt sie zu Elliott Gould. Sie ist da schon vierzig, hat aber diesen zeitlosen Look, mit dem sie in allen schwedischen ➱Filmen auftreten könnte. Wollen wir wissen, wie sie heute aussieht? Sie hat heute ihren achtzigsten Geburtstag. Tilykke med fødsedsdagen. Ich werde meine alte Platte hervorkramen, auf der Nina & Frederick: Strange World steht. Mit einem Schwarzweiß ➱Cover, das direkt aus dem Design der Zeitschrift Twen hätte stammen können. Wir hatten an der Schule mal eine junge Kunstlehrerin, von der gemunkelt wurde, sie sei die Assistentin von Willy Fleckhaus beim twen gewesen. Die Zeitschrift fand ich ja damals ganz toll, und für den Anfang der sechziger Jahre war sie das auch.

Leider ist der schöne Katalog von ➱Michael Koetzle twen: Revision einer Legende inzwischen auch schon Vergangenheit (ich habe natürlich einen). Ich war einmal Anfang der sechziger Jahre auf einer Kulturtagung (natürlich nur, weil man dafür schulfrei bekam), wo eine Dame mit Dutt und grauer Strickjacke hasserfüllt einen Vortrag über den twen hielt. Das Magazin war für sie der Untergang des Abendlandes. Wahrscheinlich weil da Photos von Sam Haskins drin waren, die damals als verworfen galten. Die Dame reichte auch zur Abschreckung einige Hefte herum. Die habe ich alle mitgenommen, damit meine Mitschüler nicht in Versuchung gerieten, in den Strudel des Unterganges gezogen zu werden. Unglücklicherweise fand ich später heraus, dass die Vortragende die Tante meiner damaligen Freundin war.

Nina van Pallandt wurde als Nina Magdelene Møller-Hasselbalch in Kopenhagen geboren, 1960 hat sie den dänischen Baron Frederik van Pallandt geheiratet. Die beiden sind dann als Nina & Frederik weltberühmt geworden, das war das easy listening der sechziger Jahre mit dieser schnuckeligen Skandinavierin als Beigabe auf dem Cover der LP. Ihr erster Filmauftritt war nicht so toll wie der in The Long Goodbye. Der Film hieß Mandolinen und Mondschein, wenn Sie einen wirklichen Retro Schock haben wollen, dann schauen Sie jetzt mal eben ➱hier hinein.

Die Ehe des Traumpaares hielt neun Jahre. Da hatten sie alles gesungen, was Harry Belafonte und andere Folksänger im Programm hatten, seicht und melodisch. Von da an machten sie nur noch Schlagzeilen, die man nicht so gerne las. Wie hier auf dem Titelbild von Life: The Singing Baroness in the Hughes Affair. Ich lasse das alles mal lieber weg. Wie verschieden war jetzt Nina van Pallandts Welt von dem Text auf der Platte Strange World, wo es am Schluss hieß: Nina and Frederik are unique entertainers and rare people. In a world often noisy they produce gentle sound; to a world often vulgar they bring dignity.

Robert Altmans Verfilmung von Raymond Chandlers ➱The Long Goodbye warf die blonde Dänin in eine noisy and vulgar world. Es ist kein Augenblick Ruhe in dem Film: I decided that the camera should never stop moving. It was arbitrary... It gave me that feeling that when the audience see the film, they're kind of a voyeur. You're looking at something you shouldn't be looking at... My method also means you don't have to light for close-ups; you only have to accommodate what may happen, so you just light the scene and it saves a lot of time. The rougher it looked, the better it served my purpose. Altmann transponiert das Los Angeles der vierziger Jahre in das nervöse Kalifornien der siebziger Jahre. Die Handlung des Romans ist nur noch rudimentär zu erkennen, und dennoch ist es irgendwie ein gelungener Film; it's an original work, complex without being obscure, visually breathtaking without seeming to be inappropriately fancy, schrieb Vincent Canby in der New York Times. Was natürlich an der hervorragenden Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond lag, der diesem neo-noir Film seinen Stempel aufdrückte. Und an Nina van Pallandt. Auch wenn wir eine halbe Stunde lang warten müssen, bis wir sie zum ersten Mal ➱sehen.

Elliott Goulds wäre sicherlich nicht jedermanns Wahl als Marlowe gewesen, aber Robert Altman gab dem damals arbeitslosen Gould die Rolle seines Lebens. Denn zuvor hatte der eigentlich nur zwei gute Filme gedreht: Bob & Carol & Ted & Alice (1969) und M*A*S*H (1970). Und seine Verkörperung von Philip Marlowe brachte ihn als Star for an Uptight Age auf das Titelblatt von Time (Elvis hat das nie geschafft). He embodies an inner need to be hip at the risk of seeming silly, the struggle not to give in to the indignity and/or insanity of contemporary life, schrieb Time. Es war die Zeit, wo man hip und with it sein musste, und der zerknautschte Elliott Gould war das.

Für viele Kritiker blieb natürlich Humphrey Bogart die filmische Verkörperung von Philip Marlowe, der Meinung scheint auch Raymond Chandler gewesen zu sein. So schreibt er in einem Brief an seinen englischen Verleger Hamish Hamilton: When and if you see The Big Sleep (the first half of it anyhow), you will realize what can be done with this sort of story by a director with the gift of atmosphere and the requisite touch of hidden sadism. Bogart, of course, is also so much better than any other tough-guy actor that he makes bums of the Ladds and the Powells. As we say here, Bogart can be tough without a gun. Also he has of humor that contains that grating undertone of contempt. Ladd is hard, bitter and occasionally charming, but he is after all a small boy's idea of a tough guy. Bogart is the genuine article.

Doch so gut Humphrey Bogart für den Film Noir sein mochte (der ➱Robert Mitchum von Out of the Past wäre auch gut für die Rolle gewesen), jetzt waren die siebziger Jahre gekommen. Da konnte man dem Publikum kaum eine Phantasiefigur eines Autors verkaufen, der eigentlich immer noch im Zeitalter der Königin Viktoria lebte. Mit all diesen ➱Rittern in Literatur und Malerei. Wen hätte man für die Rolle nehmen sollen? Robert Mitchum als alternder Marlowe in Farewell My Lovely war nicht schlecht (Charlotte Rampling auch nicht), er hätte es dabei belassen sollen. Denn in dem Re-Make von The Big Sleep (nicht mehr im L.A. von 1939 sondern im London der 70er Jahre) von Michael Winner hat er seinen guten Ruf aufs Spiel gesetzt. Michael Winner ist einfach nicht intelligent genug für einen richtigen neo-noir Film. Und London ist nicht L.A.

Altmans L.A. ist auch ein anderes L.A. als das von ➱Raymond Chandler. Er hätte natürlich einen Retro-Film drehen können, so etwas war damals en vogue, wenn wir an Chinatown denken. Ein klein wenig Retro war die Nachbehandlung des Filmmaterials: I was worried about the harsh light of southern California and I wanted to give the film the soft, pastel look you see on old postcards from the 1940s. So we post-flashed the film even further than we did on McCabe & Mrs Miller, almost 100 percent. Aber es sollte nicht bei diesem leichten Verfremdungseffekt bleiben. Altman hatte sich zu einer radikalen Lösung entschlossen: I decided that we were going to call him Rip Van Marlowe, as if he'd been asleep for twenty years, had woken up and was wandering through this landscape of the early 1970s, but trying to invoke the morals of a previous era. I put him in that dark suit, white shirt and tie, while everyone else was smelling incense and smoking pot and going topless; everything was health food and exercise and cool. So we just satirized that whole time. And that's why that line of Elliott's – 'It's OK with me' – became his key line throughout the film

Eigentlich ist die Hauptfigur seines Films die Stadt Los Angeles (ein Los Angeles, das Chandler nicht wiedererkannt hätte), durch die Elliott Gould - mehr schlemihl als Ritter - streift. Aber so neu alles sein mag, manches ändert sich nie. Und die ➱femme fatale, wie das ➱good-bad girl ein Wesenselement des Film Noir, bleibt natürlich die femme fatale. Auch wenn sie ➱blond ist und wie eine Schwedin aussieht und Nina van Pallandt ist. Und im Film Eileen Wade heißt. She looked exhausted now, and frail, and very beautiful, heißt es im Roman, da ist Philip Marlowe schon ganz hin und weg. Wenn sie im Film sagt Could you find my husband for me, please, Mr Marlowe? Kann Philip Marlowe da widerstehen? Es ist das Los dieses tough guy Ritters, dass er immer wieder die damsel in distress retten müssen.

In Chandlers Roman The Long Goodbye schreibt Eileen Wade in ihrem Abschiedsbrief: Time makes everything mean and shabby and wrinkled. The tragedy of life... is not that the beautiful things die young, but that they grow old and mean. It will not happen to me. Nina van Pallandt wird im Film dieser Satz erspart (im wirklichen Leben vielleicht nicht), ihre Eileen Wade lebt am Ende des Films noch. Fährt im Jeep an Elliott Gould vorbei, der sie nicht bemerkt. Der einsam aber fröhlich diese Allee hinuntergeht (down these mean streets a man must go), bis er zum Schluss aus den Bild hüpft. Stand so nicht bei Chandler, war aber auch irgendwie gut.