Donnerstag, 19. Mai 2016

ächt deutsch


Es wäre gut wenn man anfinge jedesmal wo mit Naserümpfen gesagt wird: das ist ächt deutsch, zu erwiedern: Nun dann müssen wir freilich dabei bleiben, denn das wird man doch nicht von uns verlangen, daß wir unächt deutsch oder ächt undeutsch handeln. Sagt Johann Eduard Erdmann in seinem Vortrag über Das Nationalitätsprinzip im Bremer Künstlerverein. Er sagt aber auch noch: Eine von den Trägern deutscher Bildung immer hochgehaltene Meinung ist die, daß das wahre, das beste deutsche Nationalgefühl auch das weltbürgerliche Ideal einer übernationalen Humanität mit einschließe, daß es undeutsch sei, bloß deutsch zu sein. Solche Sätze kommen 1862 in der Hansestadt gut an. AfD oder Pegida würden nicht auf solche Sätze verfallen.

Ich las letztens in der Süddeutschen Zeitung in einem Artikel von Gustav Seibt die Sätze: Noch bizarrer ist die Sorge der AfD um die deutsche Literatur. Sie soll künftig nur noch in Deutschland digitalisiert werden. Nur die eigene Bevölkerung und „deutsche Literaturfachleute“ könnten deutsche Literaturwerke gewichten. Wissen die belesenen Leute, die die AfD doch auch hat, nicht, dass es zwischen Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ und Thomas Manns Josephs-Romanen praktisch keinen deutschen Klassiker gibt, der nicht unmittelbar ausländische Vorlagen aufgreift? Die AfD macht sich Sorgen um die deutsche Literatur. Das bereitet Anlass zur Sorge.

Im Original des Parteiprogramms der AfD steht: Die Digitalisierung der Deutschen Literatur ist eine von Deutschland zu leistende Aufgabe. Nur die eigene Bevölkerung und deutsche Literaturfachleute können deutsche Literaturwerke gewichten. Möglichen Lizenzzahlungen an ausländische Unternehmen zum Lesen digitaler deutscher Literatur ist durch Gesetzgebung vorzubeugen. Ich weiß nicht, ob die Digitalisierung der deutschen Literatur unbedingt sein muss. Wer diesen Blog liest, weiß, dass ich ➱Büchern den Vorzug gebe. Muss man die deutsche Literatur gewichten? Das ist sehr fraglich. Dass nur deutsche Literaturfachleute so etwas können, ist natürlich vollständiger Quatsch. Der Holländer Herman Meyer, der nach dem Krieg für eine Versöhnung zwischen Holland und Deutschland eintrat, hatte sehr viel zur deutschen Literatur zu sagen. Dem Engländer ➱Nicholas Boyle müssen wir für seine Goethe Biographie (kriegt er sie noch fertig?) dankbar sein. Die Liste berühmter ausländischer Germanisten lässt sich beliebig verlängern. Das Buch des französischen Germanisten Robert Minder Die Entdeckung deutscher Mentalität sollte man unbedingt in dieser Debatte erwähnen.

Vielleicht sollte man auch auf den deutschen Gelehrten Joseph Hillebrand hinweisen, der 1845 das Buch Die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, besonders seit Lessing, bis auf die Gegenwart, historisch und ästhetisch-kritisch dargestellt veröffentlichte. Wo er über die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts schrieb: Zweierlei aber bedrückte die deutsche Sprachdarstellung, die geschmacklose metaphorische Prunkhaftigkeit und das Übermaß der Ausländerei. Das Übermaß der Ausländerei war auch etwas, was Herder beklagt hatte. In seiner ➱Abhandlung über den Ursprung der Sprache wünscht er sich eine eigenständige deutsche Literatur, frei von Einflüssen der damals vorherrschenden englischen und französischen Literatur. Obgleich er gegen die Franzosen eigentlich nichts hat. Und große Gemeinsamkeiten zwischen deutscher und englischer ➱Dichtkunst sieht.

Aber ist es wirklich wahr, dass es zwischen Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ und Thomas Manns Josephs-Romanen praktisch keinen deutschen Klassiker gibt, der nicht unmittelbar ausländische Vorlagen aufgreift? Da setzen wir doch noch mal ein paar Fragezeichen dahinter. Wir lassen mal die Definition eines Klassikers weg, das führt zu nichts. Goethe ist nicht immer klassisch (lesen Sie doch einmal den Post ➱Schmutzige Lyrik). Lassen Sie uns bei der deutschen Literatur bleiben, Klassiker oder nicht. Wenn man dem Internet die Frage stellt Was ist deutsch an der deutschen Literatur, stößt man auf eine sehr schöne und kluge ➱Rede von Navid Kermani (die 2006 in der Süddeutschen Zeitung gedruckt wurde). Navid Kermani ist ein deutsch-iranischer Schriftsteller und habilitierter Orientalist. Er wird von Frau Petry und Herrn Gauland wohl nicht zu den deutschen Literaturfachleuten gezählt werden, die die deutsche Literatur gewichten können. Ich muss an dieser Stelle einmal erwähnen, dass Alexander Gauland schon selbst zur deutschen Literatur gehört. Er ist (unter anderem Namen) eine Romanfigur in Martin Walsers Roman Finks Krieg, lügend und verlogen seine Macht missbrauchend. Wie der wirkliche Alexander Gauland in der Affäre Gauland.

Literatur kommt von Literatur. Der oben erwähnte Holländer ➱Herman Meyer hat mit seinem Buch Das Zitat in der Erzählkunst die Dimensionen des gegenseitigen literarischen Beklauens, das wir heute vornehm Intertextualität nennen, aufgezeigt. Aber wenn auch der deutsche Minnesang sich bei den Franzosen bedient, es macht mir nichts aus. Wolframs ➱Parzival und Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde sind mir lieber als das Nibelungenlied, das ganz ächt deutsch ist. Aber niemals an die Meisterwerke der europäischen ➱Artusepik heranreicht (auch das deutsche ➱Rolandslied ist im altfranzösischen Original besser).

Das Nibelungenlied (das Goethe kaum kannte) wird, wenn Karl Lachmann Der Nibelunge Noth und die Klage fertig rekonstruiert hat, zum deutschen Mythos. Siegfried wird zum Nationalhelden, eines Tages gibt es eine Siegfried Linie. Und englische Soldaten singen We`re gonna hang out our washing on the Siegfried Line. Als Christian Heinrich Myller seine erste Version des Nibelungenliedes an den preußischen König geschickt hatte, schrieb ihm Friedrich der Große: Hochgelahrter, lieber getreuer! Ihr urtheilt viel zu vorteilhafft von denen Gedichten aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuß Pulver werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens würde Ich dergleichen elendes Zeug nicht dulten; sondern herausschmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal in der dortigen großen Bibliothek abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem nicht,  Euer sonst gnädiger König Frch.

Wir haben keinen Kanon mehr. Von der Leseliste, die ➱
Karl Otto Conrady 1966 seinem Buch Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft anfügte, ist in den Leselisten deutscher Universitäten nur ein marginaler Rest von deutscher Literatur übrig geblieben. Und an der Uni Köln schafft man es in einem Fundamentum: Obligatorische Lektüre Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther als Die Leiden des jungen Werthers zu zitieren. Viele Amerikanische Universitäten halten immer noch an einem Great Books Programm fest, und die Leselisten amerikanischer Germanistikstudenten sind länger als die ihrer deutscher Kollegen, die durch dieses BaMa Studium verblödet werden. Im 19. Jahrhundert, als Deutschland nur ein Flickenteppich von Ländchen und Fürstentümern war, sehnte man sich ein einziges, einiges Deutschland herbei. Und eine Nationalliteratur. Ein einiges Deutschland haben wir jetzt, aber die Bildung ist Ländersache. Und was da an Kenntnis der deutschen Literatur im Abitur oder im Staatsexamen verlangt wird, ist sehr, sehr verschieden.

Es hat immer wieder unsinnige Reformversuche an den Schulen gegeben: Matte lernen mit der Mengenlehre, Latein mit der generativen Transformationsgrammatik und solche Sachen. In den angeblich so progressiven sechziger Jahren machte der Bremer Heinz Ide mit der Fachzeitschrift Diskussion Deutsch, die für viele jüngere Deutschlehrer eine Art Bibelersatz wurde, von sich reden. Statt Romanen wurden jetzt im Deutschunterricht Todesanzeigen analysiert, was auch ziemlicher Quatsch war (ich habe das schon in dem Post ➱Heinrich Hannover geschrieben). Es wird immer wieder Jungtürken und Bilderstürmer geben, die gegen einen Kanon opponieren, kaum dass man sich auf einen verständigt hat (lesen Sie ➱hier einmal die Stellungnahmen jüngerer Autoren zum Thema Kanon). Wir haben kein Äquivalent zur Académie Française, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist ein zahnloser Tiger. Aber was wir ganz bestimmt nicht brauchen ist die AfD als Retterin der deutschen Literatur. Wenn Parteien bestimmen, was deutsche Literatur ist (von deutschen Literaturfachleuten gewichtet), dann geht das nicht gut aus.

Die Nazis haben die deutsche Literatur gewichtet. Sie haben Bücher verbrannt, wir empfinden das als einen Akt der Barbarei (lesen Sie mehr in dem Post ➱Feuer). Wir sind das Volk der Dichter und Denker. Irgendwann vielleicht einmal gewesen. Auch mein Mitschüler ➱Bernd Neumann wollte Bücher verbrannt sehen, das war 1977. Als Henning Scherf ihm wegen seiner Kritik an Erich Fried vorwarf, dass er in der Tradition nationalsozialistischer Bücherverbrenner stehe und sich der Abgeordnete Konrad Kunick dem anschloss, sagte Bernd Neumann: Ja, Herr Kunick, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen einmal ganz eindeutig sagen. Wird nun der Quetschkommode spielende Volksschullehrer Bernd Neumann als Radikaler aus dem öffentlichen Dienst entfernt? Nein, nix passiert. Der Bernd lehnt alle Forderungen ab, seine Sätze zurückzunehmen und wird eines Tages ➱Kulturstaatsminister der Bundesrepublik Deutschland.

Mit dem Thema Bücherverbrennung komme ich auf zwei Schriften zurück, die zweihundert Jahre alt sind, die aber das Problem mit dem Deutschtum (oder der Deutschheit wie Friedrich Ludwig Jahn sagen würde) klar fokussieren. Der erste Text ist eine Streitschrift aus dem Jahre 1815 mit dem schönen Titel Germanomanie (➱hier im Volltext). Ihr Verfasser Saul Ascher ist auch einer der ersten, der den Begriff Dichter und Denker verwendet, wenn er die Dichter und Denker, welche Deutschlands Kultur im achtzehnten Jahrhundert auf eine hohe Stufe der Bildung emporhoben erwähnt. Aschers Schrift über die übertriebene Deutschtümelei wird bei der Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest 1817 verbrannt.

Es war eine Aktion, die Friedrich Ludwig Jahn (den ➱Karl Marx den Turnwüterich Jahn nannte) angeregt hatte. Er hatte schon 1808 in seiner Schrift Deutsches Volksthum (➱hier im Volltext) geschrieben: Es giebt Bücher genug, die von Henkershand sammt ihren Verfassern verbrannt zu werden verdienen. ➱Heinrich Heine kommentierte das Spektakel so: Auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! […] Auf der Wartburg herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Haß des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wußte als Bücher zu verbrennen! […] Eben derjenige, welcher das Bücherverbrennen auf der Wartburg in Vorschlag brachte, war auch zugleich das unwissendste Geschöpf, das je auf Erden turnte und altdeutsche Lesarten herausgab: wahrhaftig, dieses Subjekt hätte auch Bröders lateinische Grammatik ins Feuer werfen sollen! 

Wir sind mit der von Pegida und AfD geführten Diskussion um Begriffe wie Volk und Deutschtum wieder da angekommen, wo Deutschland vor zweihundert Jahren war. Schon damals war die Fremdenfeindlichkeit (und der Antisemitismus) ein fester Bestandteil der Nationalbewegung. Schon damals musste die Sprache vor dem Fremden gerettet werden: Rechnet man zur Vollkommenheit einer Sprache, wenn sie viel Fremdes hat und immerfort welschen kann, so muss die Rede des schabigen Betteljuden über Luther und Klopstock, über Schiller und Goethe stehen, und wir müssen alle noch in die polnische Judenschule, um Plapperdeutsch zu lernen. Das war wieder Jahn. Ich war als Kind im Turnverein, da hat man mir von dieser Seite unseres Turnvaters nichts erzählt.

Montag, 16. Mai 2016

Wedding Night


By the time I get to Phoenix
She'll be rising
She'll find the note I left hanging on her door
She'll laugh, when she reads the part that says I'm leaving
Cause I've left that girl, so many times before

By the time I make Albuquerque
She'll be working
She'll probably stop at lunch,
And give me a call
But she'll just hear that phone keep on ringing
Off the wall, that's all

By the time I make Oklahoma
She'll be sleeping
She'll turn softly and call my name out low
And she'll cry, just to think, I'd really leave her
Though time and time I've tried to tell her so
She just didn't know,

I would really go

Damit ist ➱Glen Campbell einst bekannt geworden, ist schon beinahe ein halbes Jahrhundert her. Der Song fiel mir wieder ein, als ich bei ebay diesen schönen Wholecut Schuh von ➱Alfred Sargent sah. Artikelstandort: Phoenix. In der Artikelbeschreibung findet sich der Satz: I wore these shoes once for my wedding night 1 year ago and they have not been worn since. Daraus könnte man einen ganzen Roman machen. Natürlich wissen wir, dass man zu Hochzeiten einen ➱Morning Coat trägt und keinesfalls braune Schuhe. Oder gelbe. Wie der unglückliche junge Mann in ➱The Story of Cedric von P.G. Wodehouse. Aber Alfred Sargent (handgrade) Schuhe in der Hochzeitsnacht?

Für diejenigen Herren, die sich bezüglich der Schuhwahl für die Hochzeitsnacht nicht so sicher sind, hat der große Karikaturist ➱Ronald Searle (der auch einmal Reklame für ➱Church Schuhe gemacht hat) den ultimativen Vorschlag gemacht. Ich habe den Cartoon schon einmal in dem Post ➱Englische Herrenschuhe (London) gebracht, aber er ist ja immer wieder gut. Über die Marke der gent's spiked running shoes ist nicht bekannt. Doch wie heißt es so schön in Shakespeares Hamlet? The readiness is all.


Sonntag, 15. Mai 2016

Hammershøis Bäume


Nicht nur seine Innenräume sind leer von Menschen, auch die Landschaften, die er gemalt hat, sind menschenleer. Man hat ihn den dänischen Vermeer genannt. Vielleicht hätte er es lieber gehabt, wenn man ihn den dänischen Whistler genannt hätte. Den hat er bewundert, hat ihn aber nie getroffen. Landschaften sind nicht unbedingt das, was man mit dem Namen Vilhelm Hammershøi (der heute Geburtstag hat) assoziiert, aber ich muss mal eben dieses Bild zeigen. Weil ich das hübsche Gedicht The Landscapes of Vilhelm Hammershøi von der irischen Dichterin Vona Groarke habe. Das wollte ich eigentlich schon im Poetry Month April hier plazieren, aber irgendwie wurde der Monat zu schnell voll. Macht aber nichts, für ein Gedicht ist in diesem Blog immer Platz:

Between water reading itself a story
with no people in it

and fields, illegible, and a sky
that promises nothing,

least of all what will happen now,
are the trees

that do not believe in
any version of themselves

not even the one in which
they are apparently everyday trees

and not a sequence of wooden frames
for ordinary leaves.

Man ist überrascht, wie viele Bäume man im Werk von Hammershøi findet. Das bringt mich jetzt zu Marcel Proust, fragen Sie mich bitte nicht weshalb. Ich hätte darauf eine Antwort. Ich hatte gerade in Tage der Freuden dieses wunderbare Zitat von Proust gelesen: Ein leichter Windhauch verwirrt auf eine Sekunde die funkelnde, düstere Starre, schwach beben die Bäume, sie wiegen das Licht auf ihren Wipfeln und bewegen den Schatten zu ihren Füßen. Das brachte mich zu einem anderen Zitat mit Bäumen bei Proust. Und das ist mir ein wenig peinlich.

Weil ich vor Jahren durch eine TV Sendung merkte, dass ich eine wichtige Stelle in À la recherche du temps perdu vergessen hatte. In einer französischen Sendung bei arte sprachen ganz normale Menschen wie ein Pariser Taxifahrer (und andere) über ihre Proust Lektüre. Eine der befragten Personen sprach emphatisch von einer Romanstelle mit Bäumen. Was für Bäume? fragte ich mich. Ich hatte die Bäume in Im Schatten junger Mädchenblüte vergessen, die der Erzähler auf einer Kutschfahrt mit Madame de Villeparisis sieht. Das war mir sehr peinlich. Ich musste den halben Roman noch einmal lesen (mit dem Computer kann man die Romanstelle heute schneller finden, hat aber bei der Suche nicht das Lesevergnügen), und da waren die Bäume:

Indessen kamen sie auf mich zu, mythische Erscheinung vielleicht, ein Reigen von Hexen, von Nornen, die mir ihr Orakel verkünden wollten. Ich neigte eher dazu, sie für Erscheinungen aus der Vergangenheit zu halten, teure Kindheitsgefährten, entschwundene Freunde, die gemeinsame Erinnerungen wachrufen wollten. Wie Schatten schienen sie mich zu bitten, ich möchte sie mit mir nehmen, dem Dasein wiedergeben. In ihren kindlichen, leidenschaftlich bewegten Gesichtern erkannte ich die ohnmächtige Trauer eines geliebten Wesens wieder, das den Gebrauch der Sprache verloren hat, das fühlt, es werde uns nicht sagen können, was es ausdrücken will und was wir nicht zu erraten vermögen. [...] Ich sah die Bäume entschwinden, sie streckten verzweifelt die Arme aus, ganz als wollten sie sagen: Was du heute von uns nicht erfährst, wirst du niemals erfahren. Wenn du uns auf den Grund dieses Weges zurücksinken läßt, aus dem wir uns bis zu dir haben heraufheben wollen, wird ein ganzer Teil deiner selbst, den wir dir bringen konnten, für immer verloren sein.

Man findet beim Lesen immer wieder Neues. Oder Altes. Mußte ich vielleicht glauben, sie kämen aus so fernen Jahren meines Lebens herauf, daß die sie umgebende Landschaft in meiner Erinnerung schon völlig ausgelöscht war und daß, wie jene Seiten, die man mit tiefer Bewegung in einem Werk wiederfindet, von dem man meint, man habe es nie gelesen, sie allein noch von allen Dingen aus dem vergessenen Buch meiner Kindheit nicht untergegangen waren?

Wenn ich auch durch die arte Sendung an die Bäume erinnert werden musste, als ich die Romanstelle gefunden hatte, war alles schlagartig wieder da. Ich hätte gar nicht weiterzulesen brauchen. Wenn man Proust vor vielen Jahren gelesen hat, so ist eine erneute Lektüre auch eine Wiederbegegnung mit sich selbst, mit einem Ich, das man einmal gewesen ist. Denn das Gedächtnis, indem es die Vergangenheit in unveränderter Gestalt in die Gegenwart einführt - so nämlich, wie sie sich in dem Augenblick präsentierte, als sie selber noch Gegenwart war - bringt gerade jene große Dimension der Zeit zum Verschwinden, in der das Leben sich realisiert.

Dank Marcel Proust wissen wir inzwischen auch: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können. Dass der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches und umgekehrt.

Hätte Proust Hammershøi gemocht? Wir wissen, dass er Vermeer (lesen Sie hier mehr) und Whistler mochte, aber er hat den dänischen Vermeer nicht gekannt. Ich weiß auch nicht, ob Hammershøi je Proust gelesen hat. Der eine geht seiner Erinnerung nach und bevölkert seine Räume randvoll mit Menschen und deren Geschichten. Der andere lässt Staubflocken im Sonnenlicht tanzen. In Zimmern, in denen sich Charles Swann, der Baron Charlus oder die Duchesse de Guermantes niemals aufhalten werden.

Dies ist auch ein Baum von Hammershøi, allerdings ist der von seinem Bruder Svend gemalt, zehn Jahre nachdem Vilhelm seine Landskab fra Kongevejen ved Gentofte. Sommer (ganz oben) gemalt hat. Zu diesem Bild (und den anderen, die Vilhelm Hammershøi an der Straße nach Gentofte gemalt hat, hat der dänische Schriftsteller und Kunsthistoriker Poul Vad etwas Interessantes gesagt: Instead of painting the emotion's sincere but unsentimental connection with the landscape upon the canvas, Hammershøi depicted the dual experience of heartfelt empathy and impassable distance; and instead of painting what is near and distant together in the successive connection inwards into the space of the landscape, he left out everything that could attract attention to the foreground and instead focused sharply on the middle ground; he based the image on the dialectic between the measurable extent of the horizontal plane (from one edge of the frame to the other) and the immeasurable deep space of the air's (and heaven's) perspective.


Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingstfest.

Freitag, 13. Mai 2016

Magischer Realismus


Heute vor 130 Jahren wurde der Maler Carlo Mense geboren, seinen Namen werden Sie auf diesem sommerlichen Bild von der Kurpromenade in Bad Ems allerdings vergeblich suchen, weil er es mit Otto Marto signiert hat. Das war sein Künstlername im Künstlerbund Werkleute auf Haus Nyland. Das Bild, das ein wenig nach ➱Albert Weisgerber aussieht, ist nicht unbedingt typisch für Carlo Mense, aber was ist bei diesem Maler schon typisch?

Der Maler des Rheinischen Expressionismus und der ➱Neuen Sachlichkeit malt in den zwanziger und dreißiger Jahren auch ungerührt Rhein- und Mosellandschaften wie diese hier. Nun lebe ich in Köln-Bonn und versuche Bilder zu malen, die ich meinen Kölner unerreichbaren Vorbildern, dem Meister von St. Severin, dem Bartel Bruyn, den unbekannten niederrheinischen und westfälischen Meistern zur Kritik vorlege, schreibt er in einer sehr kurzen ➱Autobiographie, die 1920 erschien.

Bekannt ist er für dies Portrait von seinem Freund ➱Heinrich Maria Davringhausen - obgleich Davringhausens Portrait, das Anton Räderscheidt gemalt hat, vielleicht noch bekannter ist. Das ist in diesem Blog schon in dem Post ➱Bowler Hat zu sehen. Carlo Mense, Heinrich Maria Davringhausen und Anton Räderscheidt sind Maler der Neuen Sachlichkeit (oder vielleicht Maler des ➱Neusachlichen Klassizismus). Sie sind miteinander befreundet, und sie müssen mitansehen, dass die Nazis ihre Bilder aus den Kunsthallen entfernen und vernichten. Carlo Mense verliert durch die Beschlagnahmungen im Jahre 1937 vierunddreißig Bilder, die als entartet klassifiziert werden.

Mense war Professor an der Breslauer Akademie gewesen, aber die wurde 1932 durch die Zweite Preußische Notverordnung (die man auch den Preußenschlag nennt) geschlossen. Carlo Mense verliert seine Professur. Bekommt aber kurz danach ein Stipendium für Italien, dem Land, das er liebt. Er ist da in den zwanziger Jahren schon mehrfach gewesen. Da hat er diesen Frauenakt gemalt. Und diesen eindrucksvollen ➱Don Domenico. Carlo Mense genießt in Italien sein einjähriges Stipendium, er ahnt, was in Deutschland kommen wird. 1933 hetzt der Innenminister Wilhelm Frick: Schluß mit dem Geist der Zersetzung […] auch jene eiskalten, gänzlich undeutschen Konstruktionen, wie sie unter dem Namen der Neuen Sachlichkeit ihr Geschäft treiben, müssen ausgespielt haben.

Also, das Bild von Mense da oben ist sicherlich undeutsch, dies Bild dagegen ist deutsch. Warum? Weil es von Hitlers Lieblingsmaler Adolf Ziegler ist, den man auch den Reichsschamhaarmaler nennt (Hitler sagte über ihn: Ziegler ist der beste Fleischmaler der Welt. Lesen Sie mehr in ➱Aktmalerei). Es ist mir ein wenig peinlich, dass der Mann aus Bremen kommt. Dieser Ziegler wird von Hitler mit der Reinigung der deutschen Kunst beauftragt, die Ausstellung mit dem Namen Entartete Kunst ist zum großen Teil sein Werk. Die Rede, die er zur Eröffnung hält, können Sie ➱hier lesen. Sie sollten das unbedingt tun. Manches davon scheint heute zum Gedankengut der AfD zu gehören.

Ein Bild wie dieses wird Adolf Ziegler auch nicht gefallen haben, es ist von Menses Kollegen Christian Schad. Es muß doch einem das Grauen kommen, wenn man ... sieht, wie ... die deutsche Mutter als geile Dirne oder als Urweib und im Gesicht mit dem Ausdruck einer stupiden Blödheit durch solche Schweine verhöhnt wird. In allem kann man sagen, was einem anständigen Deutschen heilig ist, mußte notwendigerweise hier in den Schmutz getreten werden. Das ist Originalton Ziegler. Der im alltäglichen Geschäft nicht so kampflustig war, wie er sich hier gibt. Viele Kunsthallendirektoren haben ihm bei der Beschlagnahmung Kompromisse abgehandelt. Und er hat den angehenden Bremer Maler ➱Willi Vogel gefördert.

Ich musste mal was Nettes über Ziegler sagen, das tut ja sonst niemand. Ob Ziegler diesen Akt von Mense aus dessen Phase der Pittura Metafisica gemocht hat, weiß ich nicht. Aber man muss natürlich klar sagen, dass es zwischen dem Realismus der Neuen Sachlichkeit und dem Realismus der Nationalsozialisten gewisse Überschneidungen gibt (wir lassen den russischen Realismus mit Malern wie ➱Deineka mal aus). Ich hätte ➱hier einen wirklich interessanten Aufsatz von Hans-Ernst Mittig zum Thema Umgang mit der Nazikunst.

Menses Freunde Davringhausen und Räderscheidt gehen ins Exil, da sie jüdische Ehefrauen oder Freundinnen haben, Carlo Mense bleibt in Deutschland. Er war schon im Ersten Weltkrieg Soldat (und diente 1904 als Einjährig-Freiwilliger), er wird nach dem Krieg einen seltsamen Satz schreiben: Rußland war so schön, daß ich Gott danke den Krieg mitgemacht zu haben, nur dort gibt es Wälder, Menschen, Tiere, Dörfer von Ewigkeit her! Neben diesem ästhetischen Erlebnis der Landschaft steht aber auch die Begegnung mit der jüdischen ➱Kultur Polens und Weißrußlands, 1917 entsteht seine Graphik Judenpogrom (Katalognummer ➱423).

Mense hat ein besonderes Verhältnis zu Rußland. Ein Jahr vor dem Krieg hatte er eine Bankierstochter aus St Petersburg kennengelernt. War er ihr verfallen, wie Hans Castorp der ➱Clawdia Chauchat? Wir wissen es nicht genau, aber sie muss ihn schwer beeindruckt haben. Die junge Dame kam übrigens aus der Familie Knoop, ein Name, der in diesem Blog schon in den Posts ➱Knoops Park und ➱Horace Walpole auftaucht. Und mit dem Baron Ludwig Knoop, der seine Millionen in Rußland machte und sein Schloss in St. Magnus hatte, sind noch andere verwandt, die schon in diesem Blog auftauchen: ➱Hans-Joachim Kulenkampff und ➱Ursula von der Leyen.

Bevor er wieder in den Krieg zieht, malt Mense, der eigentlich für den Krieg schon viel zu alt ist, 1940 diese Rast auf der Flucht nach Ägypten. Das ist sicherlich ein symbolischer Akt. Für den Offizier des Ersten Weltkriegs heißen die nächsten Stationen wieder einmal Polen und Rußland. Nicht, dass er da als Maler tätig wäre wie Fritz Mackensen, der 1942 im Alter von 76 Jahren als Major der Propaganda-Ersatzabteilung im besetzten Nordfrankreich See- und Strandbilder malt. 1945 begrüßte Mackensen die in Worpswede einmarschierenden Engländer mit dem ➱Hitlergruß. Die Limeys schossen ihm dann die Bilder von der Wand. Carlo Mense, über dessen Krieg man nicht sehr viel weiß, wird 1944 wieder bei seinen Eltern in Bad Honnef sein. Sein Atelier (und seine Bilder) in Köln sind von Bomben zerstört.

Es gibt auch Bilder von Carlo Mense, die nicht von Mense sind, wie dieses Bild hier. Das ist von dem Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der sich im großen Stil über die rheinischen Maler hergemacht hat. Und dieser Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre wieder eine neue Beachtung hat zukommen lassen. Und damit Millionen gemacht hat (man schätzt seinen Gewinn auf 20 bis 50 Millionen Euro), er läuft aber nach kurzem Gefängnisaufenthalt schon wieder frei herum und gibt Interviews. Eigentlich wollte er immer nur malen, Geld habe ihn nie interessiert, hat er im Prozess gesagt.

Millionenbetrug ist ein Kavaliersdelikt geworden. Leute wie Beltracchi, Middelhoff oder Hoeneß sitzen nicht lange im Gefängnis, kleine Diebe meistens länger. Ich habe Beltracchi letztens im Fernsehen gesehen, ein schmieriger Typ, der es genoss, der Darling der Medien zu sein. Im Weinkeller des Kunstgenusses hat er gewissermaßen die Etiketten von den Flaschen gelöst und zwingt nun alle, die für Kenner und Genießer gelten, zur Blindverkostung, schrieb Burkhard Müller im letzten Jahr im Merkur. Malerisch wird er als Genie gefeiert. Lässt ➱Han van Megeren und ➱Lothar Malskat weit hinter sich, aber ein ➱Krimineller bleibt er doch.

Dieses Bild (Bildnis des Herrn Underberg von 1922) ist nicht gefälscht. Wenn wir den Herrn im ➱Kreidestreifen Anzug mal eben beiseite schieben, zeigt uns die bühnenmäßige Rauminszenierung, dass Carlo Mense mit den Bildern von ➱Giorgio de Chirico und der Pittura Metafisica vertraut ist. Was kein Wunder ist, denn 1922 hatte er in Florenz zusammen mit der Valori Plastici Gruppe Bilder ausgestellt. 1925 wird er die Ausstellung Neue Sachlichkeit in Mannheim beschicken, die Gustav Friedrich Hartlaub organisiert hatte.

Der Münchner Kunsthistoriker Franz Roh (der auch als eine Art Agent die Bilder von Mense verkaufte) hatte mit seinem Buch Nach-Expressionismus: Magischer Realismus. Probleme der neuesten europäischen Malerei einen neuen Namen gefunden. Magischer Realismus klingt auch heute noch gut. Gustav Friedrich Hartlaub war an der ➱Bremer Kunsthalle der Assistent von ➱Gustav Pauli (dessen Gattin ➱Sommer in Lesmona geschrieben hat) gewesen, jetzt durfte er in Mannheim die deutsche Avantgarde fördern. Er versuchte 1933 in einer ähnlichen Ausstellung, die den harmlosen Titel Deutsche Provinz - Beschauliche Sachlichkeit hatte, diese Maler noch einmal zu fördern. Aber die meisten von ihnen waren längst im Exil. Und Hartlaub wurde wenige Wochen später seines Amtes enthoben.

Wenn Mense aus dem Krieg heimkehrt, malt er als eins seiner ersten Bilder diese Industrielandschaft. Geradezu visionär, aber das ist es ja auch, was den deutschen Magischen Realismus auszeichnet. Ob das Carlo Mense ist, Franz Radziwill oder Georg Scholz (gegen dessen ➱Bahnwärterhaus Hoppers ➱Nighthawks ärmlich aussehen), die Bilder haben jenes Geistige, Unheimliche, das den besten Bildern der neuen Richtung – inmitten ihrer Gelassenheit und scheinbaren Nüchternheit – innewohnt (Franz Roh).

Die Literatur zu Carlo Mense ist heute leider so gut wie vergriffen, bis auf den Katalog, den Ketterer 1972 zu Menses erster Ausstellung nach dem Krieg herausbrachte. Leicht erhältlich ist aber noch der bei Prestel erschienene hervorragende Katalog Realismus: Zwischen Revolution und Reaktion 1919-1939. Der lohnt den Kauf unbedingt. Ich hätte dann hier noch ein kleines ➱Video, wo zu den Klängen von Mahlers Ich bin der Welt abhanden gekommen eine Vielzahl von Bildern von Carlo Mense gezeigt werden. Und dass es ➱hier eine Carlo Mense Seite gibt, will ich auch nicht verheimlichen.

Noch mehr zu dem Thema Magischer Realismus und Neue Sachlichkeit in diesen Posts: Bowler Hat, Franz Radziwill, Richard Oelze, Realisten, Grant Wood, ythlaf, Alexander Alexandrowitsch Deineka, Zeitlos, Ernst Becker-Sassenhof

Dienstag, 10. Mai 2016

Englische Herrenschuhe (Grenson)


Als ich im letzten Jahr diese kleinen Portraits englischer Schuhfirmen schrieb, stellte ich in Aussicht, dass da noch mehr kommen würde. Aber dann schrieb ich erst einmal über italienische, portugiesische und französische Schuhe. Ich komme noch einmal zu den Engländern zurück (ich könnte natürlich auch noch über spanische Schuhe schreiben, aber bis das soweit ist, lesen Sie doch den Post ➱Kuckelkorn). Ich habe mir heute einmal die vor 150 Jahren gegründete Firma Grenson herausgepickt, die in der Vergangenheit ihren einstigen Ruhm arg beschädigt hat. Aber da tut sich heute einiges. Dies hier ist kein Schuh von Grenson, das ist ein Alfred Sargent, Modell Blenheim. Den habe ich mir inzwischen gegönnt. Qualitativ erstklassig, das Modell mit dem Namen von Churchills Geburtsort ist qualitativ auf dem Niveau von Edward Green.

Dieser Schuh ist nicht ganz auf dem Niveau von Edward Green, obgleich er einem Edward Green (oder einem Gaziano & Girling) sehr ähnlich ist. Er entstammt einer neuen Kollektion der Firma Grenson, hat den Modellnamen Kent. Wenn man etwas verkaufen will, dann muss das offensichtlich einen wohlklingenden englischen Namen haben: Blenheim (sogar Loake hat ein Modell dieses Namens im Angebot), Kent, Westminster (gibt es bei Crockett & Jones) und wie sie alle heißen.

Wenn man dagegen seine Luxuslinie mit Totenköpfen verziert, wie Barker das tut, dann hat man ein Problem. Dann braucht man einen Imageberater, der den Chefs erzählt, dass man mit solchen Albernheiten nicht lange da oben bleibt, wo die Luft dünn ist. Und dünner wird. Jemand wie ➱Tim Little hätte ihnen helfen können, aber der Mann ist schon ausgelastet. Zum einen hat er eine eigene Schuhmarke und einen Laden in Chelsea (wo sonst?), zum anderen hat er gerade die Firma Grenson gekauft.

Bevor er sich der Welt der Schuhe zuwandte, hat er Firmen wie Dunhill, Tods und Gieves and Hawkes (und andere) beraten und ihnen geraten, sich neu zu erfinden. Er hat auch Adidas beraten und ihnen empfohlen, von dem Adi Dassler Image wegzukommen und stromlinienförmig wie Nike zu werden. Er hat damit eine Menge Geld verdient, so dass es für den Kauf einer Schuhfabrik in ➱Rushden (wo auch ➱Alfred Sargent beheimatet ist) reichte. Auf der Seite der British Footwear Association finden sich die Sätze:

Grenson was born in 1866 in Rushden, Northamptonshire. William Green, the founder, started making high quality shoes for London Gentlemen and was so successful that he soon had to build a factory and the company grew from there. Recently Grenson has undergone a new lease of life, helped by their focus on quality and modern design whilst never losing sight of their impressive heritage. Das mit dem  focus on quality and modern design war auch dringend nötig. Denn, seien wir ehrlich, die Masse dessen, was Grenson produzierte, war einfach nur scheußlich.

Obgleich sie auch immer hochqualitative Schuhe herstellten, wie zum Beispiel die Linie Grenson Masterpiece. Dr Sevan Minasian hat auf seinen hervorragenden Seiten ➱Classic Shoes for Men eine Menge Nettes über ➱Grenson zu sagen. Wenn ich ehrlich bin, kann ich auch nichts Böses über die Firma sagen. Außer dem schönen braunen Modell Kent da oben habe ich nur einen Grenson Schuh, der allerdings den Namen Charles Tyrwhitt hat. Und der solide englische Qualitätsarbeit ist, er sieht nach zwanzig Jahren immer noch gut aus.

Das bringt mich mal eben zu einem kleinen Exkurs über die Firma Tyrwhitt, bei der das Angebot von wirklich englischen Schuhe in den letzten Jahren arg geschrumpft ist. Wenn man im Katalog genau hinschaut, sind es nur noch ein halbes Dutzend Schuhe, die aus Northampton kommen. Die haben alle diesen Absatz (oder einen Alan McAfee Absatz) und kosten 299 statt 600 Euro. Das sind natürlich reine Phantasiepreise, nennt sich MSRP. Glaubt wirklich irgendjemand, dass der ursprüngliche Listenpreis 600 Euro war? Bei Tyrwhitt gibt es nur durchgestrichene Preise.

Die Frage bleibt, wer stellt diese Schuhe her? Es ist eine Frage, die im Internet zahllose Foren beschäftigt. Ein Name, der (neben Barker, Cheaney und Sanders) immer wieder genannt wird, ist Loake. Doch die Firma Loake hat vor geraumer Zeit erklärt, dass man nur sehr wenige Modelle an Tyrwhitt liefere:

Loake has made shoes for Charles Tyrwhitt for some time and that has been common knowledge for some time. However, we now make only a handful of styles for them. Most of the shoes that Charles Tyrwhitt offer currently are NOT made by Loake and therefore the sweeping statement that Charles Tyrwhitt shoes are made by Loake is absolutely not correct. The four (only) styles that we now supply are basic black polished business shoes and they are roughly comparable to the Loake L1 collection. Because we have no first-hand knowledge of the other styles offered by Charles Tyrwhitt we cannot comment on where they sit in relation to other Loake collections.

Loake Schuhe kommen aus England, aber nicht alle. Vieles kommt auch aus Portugal. In seltener Freimütigkeit hat sich Andrew Loake (Bild) ➱hier zum Thema ➱Made in England geäußert. Das beginnt mit der Feststellung: Approximately 99% of all footwear sold in the UK is now sourced from overseas but it is interesting to note that, within the EU, there is currently no legal requirement to label goods with their country of origin. Consequently, most brands (including many “English” brands) do not mark their products with the country of origin.

Und endet mit den Sätzen: Anyone who makes anything in England will certainly want their customers to know where it’s made, so it will usually be labeled accordingly. I suppose the ‘rule of thumb’ should probably be: “if it doesn’t say on it that it’s made in England, you can probably assume that it isn’t”. Das gilt auch für Grenson, nicht für mein Modell Kent hier, der wurde in Northampton gefertigt und ist in der Grenson Nomenklatur G:One (darüber gibt es noch G:Zero). G:One ist auch die Qualität, die Grenson an Kunden wie Paul Stuart und Barbour liefert.

Aber die Linie G:Two, die kommt aus Indien. Grenson gibt das wenigstens zu: In order to make our shoes accessible to people who want to wear them, but don’t feel the need for the incredibly high levels of specification in G:ZERO and G:ONE, we developed the G:TWO spec. Designed by us in our studio, lasts developed in Northamptonshire by us, patterns developed by our pattern makers, leathers sourced by our leather buyer, prototypes made in our factory to final sign off and then taken to our partner, a beautiful handmade factory in India, where they are made and shipped back to us for inspection and final polishing where required. These shoes represent the most incredible value for money, every bit a Grenson shoe, at a price that doesn’t require a mortgage. 

Die Schnürbänder für alle Grenson Schuhe kommen aus Europa: Laces are all made in Europe as UK suppliers are sadly not available to our quality. Das gibt zu denken: die Engländer können keine Schnürbänder herstellen! Ich kaufe meine immer bei Langer & Messmer, die haben gute Schnürbänder im Angebot. Mein Freund Peter hat vor vielen Jahren einmal Schnürbänder bei John Lobb gekauft, er wollte einmal in dem Laden gewesen sein. Diese Grenson Anzeige ist schon etwas älter, aber wenn Sie einmal bei ebay den Namen Grenson eingeben, werden Sie viele Schuhe finden, die noch so oder so ähnlich aussehen.

Die Firma Grenson war länger als ein Jahrhundert im Besitz der Familie Green. Man gab sich nicht sehr auskunftfreudig nach außen hin, aber nach innen hin besaß man eine funktionierende Familienstruktur. Dieses patriachalische Modell, das viele englische Firmen, die zur Zeit von Königin Victoria gegründet wurden, groß und stark gemacht hat, Sir Titus Salts kann da als Vorbild gelten (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Die hier ist die Cricketmannschaft von Grenson im Jahre 1947. Wenn Sie mehr über das englische Nationalspiel wissen wollen, dann klicken Sie doch mal den Post ➱Cricket an, haben schon mehr als 10.000 Leser getan.

In den frühen achtziger Jahren verkaufte die Familie Green die Schuhfabrik an Terry Purslow, der sie später an seinen Sohn Christian weitergab. Den Sohn kennt man besser als Managing Director von Liverpool, jetzt ist er bei Chelsea. Da gehört er hin. Gary Neville hat ihn mal a clueless fool genannt. Die Purslows sind ein Produkt der Thatcher Jahre, sie hatten keinerlei Ahnung von der Schuhherstellung, ihnen ging es nur darum, Geld zu machen. In den neunziger Jahren haben sie sogar die Firma ➱Herbert Johnson gekauft. Das hat vielen wehgetan. Es kommt jetzt, wie es kommen muss: es geht bergab mit Grenson. 1999 verkauft man 63 Millionen Paar Schuhe, fünf Jahre später sind es nur noch 14 Millionen. Da holte man Tim Little als Retter an Bord.

Der sofort erkennt: much of English shoe manufacturing is stuck on an old-fashioned, stuffy presentation, banging on about quality and nothing else. They understand manufacturing but not the market, because they have grown out of a time when that wasn’t required – not marketing in the sense of putting an average product in a fancy box but making the product fit the market. Als erstes wirft Little (der auch nichts gegen die Produktion von ➱Damenschuhen hat) die Mocassins aus dem Programm: And as far as I was concerned, the moccasin was dead from day one. Das lieben die Händler nun überhaupt nicht: They were telling me I was taking Grenson to the dogs – they felt like they had ownership of the brand. I felt like I was taking over a football club, given the reaction I got. Wenn Sie wissen wollen, wo die Mocassins geblieben sind, dann schauen Sie mal bei ebay rein.

Im Gegensatz zu den Vorbesitzern Terry und Christian Purslow, liebt Tim Little das Produkt, das er herstellt (hier im Bild ein Grenson G:0 Schuh): English shoes are among the best in the world, and it is a craft that is in danger of being lost... It’s all about having a product that’s relevant. English shoe manufacturers need to understand design and most don’t even have a designer. It’s just bizarre. I hope Grenson might be an example of the need to have someone who understands design and marketing. That doesn’t mean making wacky or weird shoes. It does mean realising that, although English shoes may be fashionable at the moment, that is not a trend these companies will be able to ride for long.

Die renommierten englischen Schuhfirmen liefern nur eine Qualität (vielleicht mit einer hand grade Qualität oben drauf, wie bei Crockett & Jones), sie haben keine Schuhfabriken in Indien. Die Grenson natürlich mit Made in India kennzeichnen muss. Allerdings bekommen diese kleinen Klebezettel - das haben Kunden beobachtet - sehr wenig Klebstoff. Sie sind schon abgefallen, wenn der Kunde den Schuh aus dem Karton auspackt. Da kann man sich dann nur an die Regel halten, die Andrew Loake formuliert hat: I suppose the ‘rule of thumb’ should probably be: “if it doesn’t say on it that it’s made in England, you can probably assume that it isn’t”.


Samstag, 7. Mai 2016

Vampire


Ich war vor Jahren an einem Sonntagnachmittag noch einmal in der Uni gewesen, um korrigierte Klausuren in den Stahlschrank einzuschließen. Als ich das Geschäftszimmer abschloss, sah ich eine Anzahl von Büchern auf dem Tisch neben der Tür liegen. Das war der Ort, wohin jeder seine Bücher legte, die er nicht mehr brauchte. Ich griff mir eins, das Twilight hieß, es war von einer Autorin namens Stephenie Meyer. Ich hatte noch nie von der Frau gehört. Als ich am Montagmorgen Twilight reumütig wieder auf den Tisch legte, gab ich ihr keine großen Aussichten auf eine literarische Karriere. Ich hatte den Roman nicht zu Ende lesen können, weil ich immer wieder diese schrecklichen Lachanfälle hatte.

Wenn Sie den Post ➱Fantasy gelesen haben, in dem ich die Welt von Stephenie Meyer als Teeny Vampirschrott bezeichnete, dann wissen Sie dass diese Welt nicht unbedingt die meine ist. Aber die Vampire gehören nun einmal zur englischen Literatur, auch wenn an ihren Anfängen vielleicht nicht unbedingt ➱John Polidoris The Vampyr steht. Ich möchte Ihnen heute einen Herrn vorstellen, der beruflich etwas mit Vampiren zu tun hat und schon über sie schreibt, bevor Bram Stoker auf die Idee gekommen ist. Dafür hat ihn Bram Stoker als Professor van Helsing in seinen Roman Dracula geschrieben. In Wirklichkeit hieß der Gelehrte (der heute vor 316 Jahren geboren wurde) Gerard van Swieten und hat eine Abhandlung des Daseyns der Gespenster mit einem Anhange vom Vampyrismus geschrieben, in der er sagt:

Der Aberglauben vom Vampyrismus wird lateinisch Magia Posthuma, oder Zauberey der Abgestorbenen, genennet. Die Vampyren aber sind verstorbene Menschen, welche zuweilen später, zuweilen eher aus dem Grabe aufstehen, den Menschen erscheinen, das Blut aussaugen, an die Hausthüren ungestümm anklopfen, Getöse im Hause erwecken, und öfters gar den Tod verursachen sollen. Wessentwegen dann auch sehr viele kaiserl. königl. scharfe Befehle in alle Erbländer ausgeschicket worden, diesem Abentheuer des Aberglauben Schranken zu setzen, dergleichen nur unter Barbaren, Ignoranten, oder Boshaften zu finden sind. In allen christcatholischen andern Ländern ist diese schädliche Meinung unbekannt. Nur in Ungarn, Mähren, Pohlen und Schlesien findet sie ihre Anhänger. Der Anfang dieses Uebels mag seinen Grund wohl ohne Zweifel in der schismatischen griechischen Einfalt haben, welche glaubt, daß der Teufel an statt der Seele den Körper des Menschen besitzen könne. Außer dieser kurzen Erinnerung weis ich meinem Leser nichts mehr zu sagen, als daß ich mich seiner Gewogenheit und Freundschaft ergebenst empfehle. Ob Dr van Swieten diesen kleinen ➱Reisekoffer bei seiner Reise nach Mähren dabei gehabt hat, weiß ich nicht so genau.

Der Arzt und Wissenschaftler Gerard van Swieten ist nach Wien gegangen, weil er als Katholik in seiner Heimat Holland kein berufliches Fortkommen sah, jetzt wird er Leibarzt von Maria Theresia. Und ein Reformer in allen Bereichen. Er organisiert die medizinische Ausbildung in Wien neu und lässt einen botanischen Garten einrichten. Und drängt den Einfluss der Jesuiten zurück und regelt das Zensurwesen neu. In all diesen Dingen ist er vergleichbar mit dem Reichsgrafen von Rumford, der den bayrischen Staat modernisiert. Der Amerikaner mit deutschen und englischen Adelstiteln, dem man in München den Englischen Garten verdankt, hat ➱hier natürlich schon einen Post.

Im Jahre 1755 schickt Maria Theresia den Doktor van Swieten nach Mähren, weil von dort besonders viel Fälle von Vampiren gemeldet werden. Und da hat sie genau den Richtigen dorthin entsandt, denn für den nüchternen Wissenschaftler ist der Vampirmythos eine Barbarei der Unwissenheit. Das Fazit seiner Untersuchungen wird sein, daß der ganze Lärm von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke. Der Meinung sind wir heute natürlich auch alle. Und doch, und doch. Zwar hat Maria Theresia auf Grund seines Berichtes einen Erlass publiziert, der alle allgemein gebräuchlichen Abwehrmaßnahmen gegen Vampire wie das Pfählen, Köpfen und Verbrennen verbot. Was aber nicht verboten wurde, sind Vampirromane und Vampirfilme. Und Kinderbücher, die Der kleine Vampir heißen.

Wenn auch keiner wirklich an Vampire und Vampirimus glaubt, warum werden dann immer wieder Bücher über sie geschrieben und gelesen? Warum werden Filme über sie gedreht? Schauen Sie sich einmal diese ➱Liste, das werden Sie nicht glauben. Und bei diesen hunderten von Vampirfilmen sind noch nicht einmal die billigen Slasher-, Snuff-, Necro- und Pornoproduktionen dabei. Jeffrey Weinstock listet in seinem Buch The Vampire Film: Undead Cinema auch Pornoproduktionen wie Ejacula la vampira auf. El sueño de la razón produce monstruos, der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, mehr kann man dazu nicht sagen. Als der Freiherr van Swieten (dessen Sohn Gottfried Mozart protegierte) in seinem Bericht von der Reise nach Mähren schrieb, daß der ganze Lärm von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke, da glaubte er wohl, jetzt sei es mit dem Unsinn zu Ende.

Es ist nie zu Ende. Mähren ist überall. Ich habe Regale voll mit Literatur zu dem Thema, ich war einmal Anglist. Die Engländer, die schon immer zu Perversionen neigten, haben es nun mal mit dem Genre. Ich war einmal auf einer dreitägigen Konferenz zu diesem Thema, bin dort aber nicht durch Diskussionsbeiträge aufgefallen. Eher durch beständiges Kichern. Der Post Fantasy war übrigens in etwas anderer Form einmal ein Aufsatz in einem Sammelband. An dem ich eigentlich nicht mitschreiben wollte. Bis mir der Herausgeber anbot, dass ich auch, wenn ich wollte, einen richtigen Hassartikel schreiben dürfe. Das habe ich dann getan. Aber die ironische Decouvrierung des ganzen Blutsaugerwahns hat dem Ganzen auch keinen Einhalt geboten.


Wenn ich aus der Vielzahl der Bücher zu dem Thema ein einziges Buch empfehlen sollte, dann wäre das Simone Stöltzels Nachtmeerfahrten (das habe ich schon in dem Post ➱Nachtfahrt erwähnt). Und sie könnten auch noch diese Posts lesen: Dracula, Fantasy, Catherine Oxenberg, Gothick, Gilda, Alan Parker, Landschaftsgärten, Roman Polanski