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Freitag, 14. November 2014

Horst Janssen


In dem Haus ist er aufgewachsen, der kleine Horst Janssen. Das Haus steht in Oldenburg. Das Plakat habe ich auch. Natürlich signiert, weil Janssen alle seine Plakate signierte. Er lag dabei auf dem Fußboden in dem Kutscherhaus an Baurs Park in Blankenese, ein Assistent zog dann die gerade signierten Plakate weg. Im piekfeinen Blankenese mochte man das trinkende Genie nicht so gerne, aber die Taxifahrer, die ihm Champagner und Underberg kauften (und ein fürstliches Trinkgeld bekamen), die liebten ihn. Als er gestorben war, hat ein Autokorso von Taxen aus Blankenese seine Leiche nach Oldenburg begleitet.

In Oldenburg ist er aufgewachsen. Ich bin in Hamburg geboren und nach Oldenburg gefahren, um nach 15 Jahren wieder nach Hamburg zurückzukommen, wo ich die Kunstschule besuchte, solange man es duldete. Danach habe ich gezeichnet bis heute und Fett angesetzt. In Oldenburg gibt es heutzutage auch ein Janssen Museum. Die haben da schöne Museen in Oldenburg, das Stadtmuseum in den beiden Villen von Theodor Francksen, das liebe ich. Irgendwie haben die da mehr Kultur als in ➱Kiel. Das Plakat mit dem Oldenburger Haus besitze ich, weil das Haus beinahe genau so aussieht wie das Haus meiner Eltern. Allerdings habe ich nie solche Klamotten getragen wie der kleine Horst Janssen. Auf einem Photo, das mich in seinem Alter zeigt, trage ich eine zweireihigen Mantel, den mir der Schneidermeister Schiwal aus dem Mantel eines Verwandten geschneidert hatte. Der Snobismus fängt früh an.

Janssen arbeitete nicht immer für Bares, manchmal auch für Alkoholika. Oder war durch Alkohol gnädig zu stimmen, etwas zu verkaufen, was er eigentlich noch behalten wollte. Die Geschichte, wie der Bremer ➱Arno Schmidt Fan Otto Proksch zu seinem Edgar Allan Poe gekommen ist, habe ich in ➱The Raven schon erzählt. Was wäre aus dem gebürtigen Hamburger, der in Oldenburg aufwuchs und der ein Leben führte, als sei er aus einem Lied von Carl Michael Bellman entsprungen, wohl geworden, wenn er den Alkohol nicht gehabt hätte. Warum fällt mir immer Bellman ein, wenn ich an Janssen denke? Warum hat er nie dessen Lieder illustriert? Das müsste ihm doch gelegen haben.

So troll´n wir uns ganz fromm und sacht
vom Weingelag und Freudenschmaus,
wenn uns der Tod ruft: Gute Nacht,
dein Stundenglas rinnt aus!
Wer heut noch frech den Schnabel wetzt
und glaubt ein großer Herr zu sein,
paß auf, der Schreiner hobelt jetzt
schon grad an deinem Schrein.
Scheint das Grab dir tief und dumpf sein Druck,
Alavott, so nimm noch einen Schluck
und noch einen hinterher
und rasch noch zwei dreie mehr,
dann stirbt sich´s nicht so schwer.


Hannes Wader hat auf der CD Liebe, Schnaps und Tod Bellman gesungen, dieses ➱Lied, das im Original Under måltiden, varvid han ställer döden under gästernas ögon heißt, natürlich auch. Liebe, Schnaps und Tod ist eine CD, die man empfehlen kann. Harald Juhnke hat auch Bellman gesungen, aber das ist eine CD, die man nicht empfehlen kann (ich habe sie mal für eine Mark gekauft, ich weiß, wovon ich rede).

Hätte Janssen auch zwanzigtausend Zeichnungen und Aquarellen und dreitausend Radierungen zustande gebracht, wenn er nicht gesoffen hätte? Hat Rembrandt soviel graphische Blätter produziert? An den erinnert er mich manchmal. Und im Oldenburger Janssen Museum hat es auch schon einmal eine Ausstellung mit dem Titel Nach "Ihm" Horst Janssen und Rembrandt: Portraits und Landschaften gegeben. Manischer als Rembrandt hat er sein eigenes Gesicht gezeichnet. Eins dieser Selbstbildnisse habe ich auch. Habe ich ersteigert. War in einer Auktion für einen guten Zweck. Wahrscheinlich für die Parteikasse der SPD. Die Auktionatoren waren Norbert Gansel und mein Freund ➱Gert Börnsen. Ich habe hundert Mark dafür bezahlt. Es sei nicht das Blatt für die Griffelkunst hat Gert gesagt, ich weiß nicht, ob das eine Warnung war oder die Hervorhebung einer Besonderheit. Zehn Minuten vorher hätte ich in der Auktion für einen Hunni einen Harald Duwe kaufen können, aber den wollte niemand haben. Es war ein Portrait von dem Oppositionführer Klaus Matthiessen, aber hängt man sich einen Mann mit Schifferkrause ins Wohnzimmer?

Janssen hat in seiner Dankesrede für den Schillerpreis 1975 gesagt: Das Auge eines Zeichners ist ein ziemlich verzwicktes Ding. Die Transaktionen von außen nach innen und von innen nach außen sind recht verquerer Art und ganz und gar nicht so geordnet, wie sie im Im- und Export gemeiniglich sind. Man kann sagen: So ein Zeichnerauge ist ganz unnütz für das Notwendige, überflüssig für das Gemeinwohl, ein asozialer Lüstling und gänzlich ungeeignet fürs Demonstrieren. Das faksimilierte illustrierte Manuskript gab es dann auch gleich bei St Gertrude zu kaufen, der Mann, der hinter den flüchtigen Erscheinungen dieser Welt in ihren wechselnden Verkleidungen her war, war gut im Vermarkten seiner selbst.

Aber er war des Marktes auch häufig überdrüssig: Sagte ich: Kunst - Kunsthandel - Markt sei eine total verleimte Sache, in der das eine ohne das andere gar nicht wäre? Eben - und für das, was sich seit 20 Jahren am aufdringlichsten spreizt, müssen sie noch das TV-Feuilleton dranpappen; wie wohl sonst käme das Abtudät-Publikum in den Genuss, miterleben zu dürfen, wie irgendwo Strippen durch die Gegend gezogen werden, Nägel in die Sahara gekloppt werden und mehr oder weniger kleine Rathäuser in Regenschutzhäute eingewickelt werden? Das TV Feuilleton hat seinen 85. Geburtstag am heutigen Tag natürlich nicht vergessen. N3 sendet am 15. November um 12.45 Uhr eine Dokumentation über Leben und Werk mit dem Titel Horst Janssen - Ich bin die Gnade Gottes (die Sendung bleibt dann 90 Tage in der Mediathek abrufbar). Diese hübsche Mondnacht mit der Katze erinnert mich in der Abstraktion, die beinahe japanisch ist, an den ➱Fuchs im Schnee von ➱Winslow Homer.

Der Bohemien, der einmal gesagt hat: Ich habe immer Wert darauf gelegt, Kunst zu vermeiden, hat über seine Kunst sehr ironisch gesprochen: Die großen, sehr ausführlichen, ganz und gar gefüllten Zeichnungen in Bleistift und Buntstift stelle ich für den allgemeinen Markt her ... Das Sujet dieser Zeichnungen ist marktkonform. Die Leute lieben im Falle J. die etwas angekrüppelten Gnome, die geilen Sybillchen und die aufgesperrten Katzengesichter und ähnliches ... Die Zeichnungen der zweiten Kategorie verfertige ich in einer halben Stunde. Es sind die faulen, aber eleganten Umrißzeichnungen, die ich als Präsent mitbringe zu Leuten, die mich aus diesem Grunde einladen, zum Tee oder zu was weiß ich. Als Motiv dient häufig eine Anzüglichkeit auf den Gastgeber oder, wenn sich solche ganz und gar nicht anbietet, ein vergnüglich miteinander spielendes Paar ... Den größten Effekt aber erreiche ich mit den Zeichnungen der dritten Kategorie - den Selbstbildnissen.

Zu Andy Warhol fällt mir nix ein, außer dass Horst Janssen mal Andy war hohl auf eine Grafik geschrieben hat. Wenn man das graphische Werk von Janssen mit den Siebdrucken von Warhol vergleicht, muss man sagen, dass an dem Kalauer was dran ist. Es wäre ja schön, wenn Andy Warhol George Washington portraitiert hätte. Er hat zwar Marilyn Monroe und alle möglichen anderen Berühmtheiten "gemalt", den Gutsbesitzer aus Virginia aber nicht. Ich hätte jedoch hier eine wirklich wunderbare ➱Seite, wie Sie sich mit kleinen Kiddies einen echten Andy Warhol an Washingtons Geburtstag basteln können. Das stand am 25. Todestag von Warhol (und dem 280. Geburtstag von George Washington) hier in dem Post ➱Eduard Gaertner. Witzigerweise hat Andy Warhol dieses Plakat irgendwann einmal signiert (auf jeden Fall hat man in Oldenburg eins mit den Unterschriften von Janssen und Warhol), man weiß aber nicht, ob ihm das übersetzt wurde, was auf dem Plakat stand. Nachdem wir in den letzten Tagen gesehen haben, dass man mit billigen Warhol Siebdrucken Millionen verdienen kann, fragt man sich natürlich, was ein von Warhol signierter Janssen wert sein kann.

Das Talent des jungen Janssen ist schon früh erkannt worden. Sein Zeichenlehrer auf der Napola in Haselünne, Hans Wienhausen, hatte ihn schon gefördert. Nach dem Krieg zog die Halbwaise Horst Janssen nach Hamburg, die jüngere Schwester seiner Mutter hatte ihn nach deren Tod 1943 adoptiert. Er hat sein Tantchen, die ihm auch das Kunststudium finanziert hat, immer wieder gemalt und beschrieben. Ab 1946 hat er an der Landeskunstschule in Hamburg, die wir auch als Li-La-Lerchenfeld kennen, bei Alfred Mahlau studiert. Ich bin da mal mit meinem Freund Uwe (der eines Tages Kunstprofessor geworden ist) gewesen, um mich nach den Aufnahmebedingungen zu erkundigen.

Das erste, was ich sah, war jemand auf einer langen Leiter, der eine rote Linie an die Decke malte. Als ich ihn fragte, was er da mache, hat er gesagt, dass das Kunst sei. Es hieße Endlose Linie. Ich denke mir, dass da kein Segen drauf liegt und lese auch wenig später in der Zeitung, dass es wegen der Endlosen Linie in der Kunsthochschule Lerchenfeld in Hamburg einen Skandal gegeben habe. Der junge Linienmaler, dessen Name mir damals nichts sagte, ist von seiner Dozentur zurückgetreten. Wahrscheinlich um einem Rausschmiss zuvorzukommen. Das war der Beginn der Karriere von Friedensreich Hundertwasser. Wie dieses Bild hierher gekommen ist, ist mir unerklärlich.

Horst Janssen, der der Meisterschüler von Alfred Mahlau war und auch ein kleines Buch über ihn verfasste (Alfred Mahlau: Der Zeichner und Pädagoge), hat über seinen Lehrer nie ein böses Wort gesagt. Das ist bei Künstlern selten. In Janssens Klasse ist auch ein gewisser Bernhard-Viktor Christoph Carl von Bülow gewesen, der im Jahr zuvor noch Oberleutnant in der Wehrmacht war. Wir kennen ihn besser unter dem Namen Loriot. Dass er 1962 in dem Film Der längste Tag einen deutschen Offizier gespielt hat, fand ich immer sehr witzig. Auch an der Kunsthochschule, aber nicht in der Klasse von Mahlau, war ➱Paul Wunderlich, der über Mahlaus Klasse einmal gesagt hat: Die Klasse Mahlau war ein wahrhaft exotischer Haufen … aber alle führte Alfred Mahlau ein in die Disziplin des Sehenlernens.

Janssen hat auch über Wunderlich nur nette Dinge gesagt. Vorbild, Lehrer und Gegensatz hat er ihn in einer Laudatio zu einer Ausstellung genannt. Das gab es auch gleich gedruckt bei St Gertrude (oben links). Ich mag Wunderlich nicht so sehr, wie ich schon mehrfach im Blog gesagt habe. Nicht, weil er mich mal mit seinem Rolls eingeparkt hat, sondern weil er sein Talent an das Herstellen von kunstgewerblichem Softporno verschwendet hat. Aber er hat Janssen die Kunst der Radierung beigebracht. Warum habe ich bloß damals diesen Wunderlich gekauft? Wahrscheinlich, weil es der zweite von hundert Abzügen war. Und ich mir einbildete, der würde noch mal was wert.

Alfred Mahlau, dem die Zeit das Wappen mit dem Bremer Schlüssel und der Niederegger Marzipan sein Firmensignet verdanken, ist in diesem Blog schon in dem Post Carl Otto Czeschka vorgekommen. Rolf Panny hat mir erzählt, dass er Mahlau gekannt hat, woraufhin ich ihm ein Buch mit Illustrationen von Mahlau schenkte, damit er ein Stückchen Hamburg mit nach Neuseeland nehmen konnte. Rolf Panny, der mit Dell Panny verheiratet ist (die schon in dem Post C.K. Stead: Kiwi vorkommt), ist Hamburger. Ein langer Weg hat ihn über die Universitäten von Kalifornien (Berkeley) und Wisconsin (Madison) nach Neuseeland geführt.

Er hat gerade den zweiten Teil seiner Memoiren, Open Roads Ahead – Memoirs Part Two, vollendet. Den ersten BandBetween Hitler and a Hard Place: A memoir 1924-1948, habe ich schon gelesen. Ich kenne die Pannys, weil Dell mehrmals bei uns am Institut als Gastprofessorin gewesen ist. Da dachte ich mir, ich schicke mal eben einen Gruß nach Neuseeland. Ist sonst ja bannig weit weg.

Es hängen bei mir nicht mehr so viel Janssens an der Wand wie in den siebziger Jahren. Damals musste man seine Plakate ja einfach haben. Den Poe habe ich natürlich. Joyce (den gab es hier gestern schon zu sehen) und Proust auch, Novalis und ➱Jens Peter Jacobsen hängen irgendwo in einer Ecke. Den Theodor Storm finde ich hübsch. Die Düsseldorfer Radschläger habe ich mal Götz geschenkt, weil der aus Düsseldorf ist. Horst Janssen begleitete mit seinen Bildern und seinen Schriften mein Leben. Ich stand jahrelang auf der mailing list der Buchhandlung Laatzen in Hamburg, die ein Monopol auf Horst Janssen zu haben schien. Die gibt es heute auch nicht mehr, nur noch virtuell im Internet.

Dieses Plakat hatte ich auch mal in der Wohnung hängen, ich tauschte die je nach Laune aus. Ich hatte genügend. Ich kaufte Janssen Plakate so wie ich Hannes Wader Platten kaufte und Arno Schmidt las. 1968 repräsentierte Janssen mit Richard Oelze und Gustav Seitz die Kunst der BRD in Venedig, bekam auch einen Preis. Noch zu seinen Lebzeiten veröffentlichte sein Freund Stefan Blessin, der eine der größten privaten Janssen Sammlungen besitzt, eine Biographie über ihn. Von der gibt es inzwischen eine überarbeitete Neuauflage. Und von Joachim Fest gibt es ein schönes (und sehr informatives) persönliches Buch mit dem Titel Horst Janssen: Selbstbildnis von fremder Hand, das 2001 im Alexander Fest Verlag erschienen ist.

Richard Oelze und Gustav Seitz, mit denen er einst zusammen die deutsche Kunst repräsentierte, sind von der Kunstwissenschaft ernstgenommen worden (➱Oelze und ➱Seitz, der der Lehrer meines ➱Onkels Karl war, haben hier auch schon einen Post), Janssen hat man jenseits des Feuilletons wenig beachtet. Die Zeit, in der er schon 1947 eine Zeichnung veröffentlichte, war ihm immer wohlgesonnen. Ich weiß nicht, was von ihm bleibt. Aber wir sollten immer bedenken, dass seine Kunst auch eine Kunst für den kleinen Geldbeutel war. Und ein Janssen an der Wand war vor fünfzig Jahren sicherlich besser als die nackten ➱Zigeunerinnen oder röhrenden Hirsche, die es bei Karstadt gab.

Ich wollte diesen Post zuerst mit einem Lied von Carl Michael Bellman beschließen (Sie können Fredmans Episteln ➱hier zweisprachig lesen), aber dann dachte ich mir, ich nehme lieber ein Gedicht von seinem Freund Peter Rühmkorf (die beiden sind oben zu sehen). Es heißt Al fresco und die Landschaft spielt darin eine Rolle. In Landschaften war Janssen auch gut, was man dem Band Horst Janssen: Landschaft von Gerhard Schack (der ein ebenso großer Janssen Sammler wie Stefan Blessin war) entnehmen kann.

Sieh hinter deinen Rollen
wie leicht der Schnee in Nebel fällt.
Oh das Nichtendenwollen
der Wiese und der Welt.

Die Hecken, die Kanäle,
gibt alles seine Grenze hin;
das stimmt bis in die Seele
und malt sich fort als Sinn.

Laß-laß dem Tag die Schwebe
und rühr nicht an den Trauerrand.
Ich bin ja auch nur kurz im Land
und weiß nicht, wie lange ich lebe.

Mit vielen Himmelsmitteln
hat Unschuld sich ein Bild erblufft.
Nur noch ein paar Wünsche rütteln
wie Falken in der Luft.

Dahinten und daneben:
halb Land-, wer weiß, halb Küstenstrich −
Langsam die Welt will wandeln sich
und dann soll Ruhe geben.











Dienstag, 29. Januar 2013

The Raven


Das Bild hing jahrzehntelang bei mir an der Wand. Ich war nicht der einzige, der einen signierten Janssen hatte, Horst Janssen war damals in. Und er signierte seine Plakate freizügig, sozusagen am laufenden Meter. Ich habe einmal einen kurzen Film über ihn gesehen, da lag er in seinem Studio auf dem Fußboden und signierte einen ganzen Packen. Oben zogen die Gehilfen immer das gerade signierte Werk weg, ratzfatz wurde das nächste Blatt signiert. Ich war nicht der erste, der einen Edgar Allan Poe von Janssen an der Wand hatte, aber ich kannte in Bremen jemanden, dem es gelungen war, Horst Janssen einen der ersten Abzüge abzuschnacken.

Das war Dr. Dr. Otto Proksch, von Berthold Beitz nach Bremen geschickt, um als Finanzvorstand die Vereinigten Flugtechnischen Werke (einer Fusion von Weserflug und Focke-Wulff) zu leiten. So korrekt er äußerlich als Manager wirkte, so unorthodox war er in vielem. Er scheute sich nicht, den Heidelberger SDS Vorsitzende Oswald Hüller als seinen Assistenten bei Krupp einzustellen. Und auch die Revolutionäre der kleinen Bremer Revolution brachte er mit Volontariaten und Firmenpraktika bei VFW unter (was ihm die Beobachtung durch den Bremer Staatsschutz eintrug). Umerziehung von Revolutionären zu Kapitalisten? Im Fall von Ossi Hüllen hat es funktioniert. Wenn sie etwas mehr zu der kleinen Bremer Revolution lesen wollen, dann klicken Sie dies ➱hier an. Der Rat von Otto Proksch war schon in den fünfziger Jahren bei vielen Firmenchefs und Managern gefragt, als man sich um Amerikakontakte bemühte. Die Mehrheit der deutschen Industrie sprach kaum Englisch. Proksch schon, er konnte auch zwei Jahre Amerikaaufenthalt vorweisen. Allerdings eher unfreiwillig, da er aus Rommels Afrikakorps direkt in amerikanische Gefangenschaft gewandert war.

In der Zeit, in der Proksch an der Spitze von VFW war, ging es der Firma sehr gut, jährliche Dividenden waren den Aktionären garantiert. Eine seiner originellsten Maßnahmen war sein Verzicht auf die Einnahmen für die in der Firmenkantine verkauften Mittagsgerichte. Er überließ das Geld dem Küchenpersonal. Er hatte ausgerechnet, dass ein Kantinenessen (1,50 und 2,50) den Konzern in der Verbuchung zweiundzwanzig Mark kostet. Soviel zur Bürokratie. Otto Proksch wurde Ende der siebziger Jahre von den holländischen Anteilseignern von VFW aus dem Vorstand gedrängt, was im Spiegel so klang: Seit der Holländer Gerrit Cornelis Klapwijk dort das Regiment führt, gerät der im Vorstand ohnehin unterrepräsentierte deutsche Unternehmensteil immer mehr ins zweite Glied. Aber dieser Klapwijk konnte nicht so gut rechnen wie Proksch, er war auch kein Intellektueller, der Gedichte schrieb und gleich nach seiner ersten philologischen Dissertation eine zweite (Der wirtschaftsdemokratische Gedanke in den gegenwärtigen Industriegewerkschaften. Erlangen, 1949) schrieb. Mit VFW ging es dann bergab. Das kommt davon, wenn man Arno Schmidt Verehrer und Edgar Allan Poe Leser aus dem Vorstand drängt.

Proksch hatte ein großes Haus in Oberneuland, das eine Art von permanentem Salon für das intellektuelle Bremen wurde. Ich hatte den Mann mit den zwei Doktortiteln und den sechs Sprachen kennengelernt, weil meine Freundin Gu mit seiner Tochter in einem Orchester war. Wir waren uns sofort sympathisch, weil wir beide Arno Schmidt verehrten. Das Werk von Arno Schmidt, den meine Germanistik studierende Generation immer nur beim Vornamen nannte - das gab einem eine gewissen Nähe zu dem Arno - war die große Leidenschaft von Proksch. Er besaß alle Erstausgaben, pflegte einen Briefwechsel mit Schmidts Verleger Ernst Krawehl. Er schrieb Radio-Features für Radio Bremen. und ist deshalb auch in Karl-Heinz Müthers Arno Schmidt Bibliographie zu finden (ich in der fünften Nachlieferung auch). Die Manuskripte von den Rundfunkessays hat er mir mal geschenkt, ich habe sie in meine Ausgabe von Zettels Traum gelegt. Er kaufte und las alles, was Arno in seinem Werk zitiert, von Fouqué bis Oppermann. Aber dann natürlich die Erstausgaben, nicht die Nachdrucke, die beim 2001 Verlag erschienen. Dafür hatte er eine eigene kleine Bibliothek im Souterrain, die mit man mit einer Wendeltreppe vom Wohnzimmer aus erreichte.

Proksch hatte auch sofort den ersten Band der neuen (kommentierten) Poe Ausgabe, die der Schweizer Walter Verlag in Olten seit 1966 auf den Markt brachte. Dünndruck, 1.100 Seiten der erste Band. Das Vollständigste von Poe, was je in Deutschland erschienen war, die Texte orientierten sich an der Virginia Edition von James A. Harrison aus dem Jahre 1902. Die Herausgeber Kuno Schuhmann und Hans Dieter Müller hatten dafür Übersetzer wie Richard Kruse, Friedrich Polakovics und Ursula Wernicke eingeworben. Aber auch zwei Namen, die aufhorchen ließen: Arno Schmidt und Hans Wollschläger (der auch ➱The Raven übersetzt hat). Was bisher serviert wurde, war Senf, hatte Arno in seiner unnachahmlichen Art gesagt. Und das war natürlich ein Grund für die Arno Schmidt Fans, diese Ausgabe zu kaufen. Es gibt sie noch immer, teuer (248 €) als vierbändige Leinenausgabe bei Insel, billig als zehnbändige Paperbackausgabe im Schuber ab 15,10 €. Aber diese kleine Penguinausgabe ist auch nicht schlecht, das Wichtigste ist drin.

Als Proksch damals hörte, dass Horst Janssen in Hamburg einen Edgar Allan Poe radieren würde, fuhr er mit einem Mercedes voll Hochprozentigem nach Hamburg (damals arbeitet Janssen manchmal noch im Tausch gegen Alkohol). Ich hütete das Haus. Proksch kam abends um zehn zurück, total angeschickert (er war glücklicherweise  mit dem Chauffeur unterwegs), aber er hatte den ersten Abzug des Blattes dabei, eine neue Reliquie. Was ihn wirklich wurmte war, dass er Arno Schmidt nie persönlich kennengelernt hatte. In der schönen Formulierung von Franz Caesarz in seinem Portrait Konsequenz im Widerspruch: Otto Proksch (in dem bei Schünemann erschienenen Band Bremer Profile): Dem werbendem Leser hat sich das scheue Genie versagt: Sein Haus blieb verschlossen. Aber eines Tages kam die große Stunde von Otto Proksch, als er dem Arno einen Wohnwagen verkaufte. Weil VFW im Werk Hoykenkamp bei Delmenhorst auch so etwas baute. Die schöne kleine Geschichte findet sich schon ➱hier im Blog (und damit wäre das Rätsel um dieses Bild von Arnos Caravan hier auch geklärt).

Am 29. Januar 1845 wurde Edgar Allan Poes Gedicht The Raven in der New Yorker Zeitung Evening Mirror veröffentlicht. Es erschien wenige Wochen später in The American Review (den Text finden Sie ➱hier), und Poe hat auch noch eine kleine ➱Dichtungstheorie um das Gedicht gerankt, the death then of a beautiful woman is unquestionably the most poetical topic in the world, and equally is it beyond doubt that the lips best suited for such topic are those of a bereaved lover. Lohnt sich natürlich, das zu lesen. Für Anglistikstudenten war das früher Pflichtlektüre. Bei den jetzt von Frau Schavan so energisch verteidigten Bachelor Studiengängen lesen die das natürlich nicht mehr. Weil sie gar nichts mehr lesen und stattdessen nur credit points sammeln. Ich habe eine gewisse Aversion gegen das Gedicht, weil ich es hunderte von Malen in Examina habe abprüfen müssen. Und so habe ich mir gesagt: nevermore! und sage nix zu dem Gedicht. Soll Poe für sich selbst sprechen, er ist beredt genug. Sie können natürlich zu dem Gedicht auch die CDs von ➱Lou Reeds The Raven auflegen. Diese schöne Illustration von Manet habe ich mir im Blog von ➱Frank Zumbach geklaut. Der ist einer der besten Kenner von Poe in Deutschland, er hat auch eine sehr gute Poe Biographie geschrieben. Ich glaube, das habe ich schon mal gesagt, als ich über ➱Poe schrieb.

Noch gelungener als die Illustration, die Manet für Stéphane Mallarmés Übersetzung von The Raven angefertigt hat, finde ich diesen schönen Raben auf der Pallas Athene Büste von Alfred Kubin. Und wenn Sie noch einige Tips zu Edgar Allan Poe haben möchten: die beste englische Werkausgabe ist die mehrbändige kommentierte Ausgabe von Thomas Ollive Mabbott. Der ja leider durch seinen Tod daran gehindert wurde, sein Werk wie geplant zu vollenden. Einen Zugang zur kritischen Literatur gibt es durch Liliane Weissbergs Edgar Allan Poe, 1991 in der blauen Materialien Reihe von Metzler erschienen. War das längste Manuskript, das jemals bei Metzler für diese Reihe eingereicht wurde, die Edgar Allan Poe Forschung sollte ihr dafür dankbar sein. Wenn man bedenkt, dass Liliane Weissberg sich durch die gesamte Sekundärliteratur zu Poe gelesen hat, um sie für den Leser mundgerecht aufzuarbeiten, dann kommt einem das Machwerk von Dissertation von dieser Frau Schavan umso lächerlicher vor. Aber Liliane Weissberg hat auch einen Ph.D. aus Harvard und keine credit points aus einem BA-Studiengang.

Samstag, 10. März 2018

Paul Wunderlich


Ist das wirklich Kunst oder eine Geschmacksverirrung der siebziger Jahre? Ich rede von Paul Wunderlich, der heute vor 91 Jahren geboren wurde. Er hatte seine große Zeit in den siebziger Jahren, der Dekade des schlechten Geschmacks. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich eine Wunderlich Grafik besitze. Nummer 2 von 100 Exemplaren, unten rechts signiert. Ich glaube, sie hieß Spaziergang an der Förde, wurde damals von der Kunsthalle Kiel angeboten. Ich finde die Lithographie leider nicht im Netz, deshalb nehme ich irgendetwas anderes. Ist bei Wunderlich auch egal, sieht alles gleich aus.

In der Kunsthalle Kiel konnte man Wunderlichs Kunst häufiger sehen, der Direktor ➱Jens Christian Jensen schätzte Wunderlich sehr und hat auch ein Buch über den Künstler veröffentlicht. Ich habe Wunderlich mehrfach gesehen, da trug er beige-gelbe Baumwollanzüge, das sah sehr stilvoll aus. Einmal habe ich ihn angesprochen, weil er mich mit seinem weinroten Rolls Royce eingeparkt hatte. Das war ihm sehr peinlich. Er hatte noch einen zweiten Rolls Royce, den vor ihm Omar Sharif besessen hatte. Wenn Maler einen ➱Rolls Royce haben, geraten sie in den Verdacht, keine Kunst, sondern Kommerz, zu produzieren. Zwischen Kunst und Kommerz betitelte der Spiegel im Jahre 2010 seinen Nachruf, in dem auch die Rede von einem künstlerischen Leichtgewicht war.

Paul Wunderlich hatte zusammen mit ➱Horst Janssen studiert, aber das Talent von Horst Janssen hat er nie gehabt. Wunderlich besaß sicherlich große technische Fähigkeit in Radierungen und Lithographien, aber da hört es auch schon auf. Er war mit der Photographin Karin Székessy verheiratet, die ihr Geld damit machte Nackedeis zu photographieren. Wenn die schon mal im Wohnzimmer saßen, dann malte Wunderlich die auch. Oder er malte sie von den Photos seiner Gattin ab. Dies Photo von Székessy heißt Madame Récamier, sie hat davon eine ganze Serie gemacht. So etwas gilt heute als erotisches Meisterwerk.

Hier ist Wunderlichs Version von Madame Récamier. Als ich den Post ➱Julie Récamier schrieb, habe ich die Kunstwerke von Székessy und Wunderlich bewusst ausgelassen. Der Post ist auch ohne die ein Bestseller. Ebenso wie der Post ➱Patti d'Arbanville. Dort habe ich gehässige Dinge über Székessy und Wunderlich gesagt. Weshalb der über siebzehntausend Mal angeklickt wurde, ist mir nicht so ganz klar. Ich höre hier mal auf, es sind genug der Beleidigungen für den heutigen Tag. Paul Wunderlich wird in diesem Blog schon in den Posts Jens Christian JensenCarl Otto Czeschka Patti d'ArbanvilleHorst Janssen Thomas Eakins erwähnt. Meine Lithographie lasse ich an der Wand. Als Beispiel dafür, dass auch ich in den siebziger Jahren mal einen schlechten Geschmack hatte.

Donnerstag, 6. August 2015

wayward cows


Der Andy war hohl. Das wissen wir, seit ➱Horst Janssen das auf ein Plakat geschrieben hat. Bevor der Andy berühmt war, war er Werbegrafiker. Nicht ohne Erfolg, muss man sagen. Er arbeitete für viele Hochglanzzeitschriften. Und er sammelte Damenschuhe in einem Pappkarton. Nicht allein deshalb, weil er Schuhfetischist war, er brauchte die als Vorlage, um sie zu malen. Meine Freundin ➱Gabi, die Kunst studiert hat, hat sich mal ein Paar englischer Schuhe von mir geliehen, um sie photorealistisch abzumalen. Das ➱Bild hängt jetzt bei mir im Flur (der Horst Janssen auch). Andy Warhol hatte in den fünfziger Jahren einen Auftrag von der Firma ➱Israel Miller. Miller, der in den 1890er Jahren aus Polen nach New York gekommen war, besaß eine Vielzahl von Schuhgeschäften in der Stadt. Die Firma war berühmt, noch 1973 sang ➱Betty Davis (die mal mit ➱Miles Davis verheiratet war) Stepping in her I. Miller shoes (auf dem Album Betty Davis).

Ein Jahrzehnt später hat Warhol seine Vergangenheit als Zeichner von Schuhen völlig negiert (hier eine von Warhol gezeichnete Anzeige für Miller Schuhe aus der New York Times), ist aber doch zu der Eröffnung von Manolo Blahniks Laden in New York gekommen. Und in den achtziger Jahren ist er wieder zu dem Thema Schuhe zurückgekehrt und hat wieder Bilder von Schuhen gedruckt. Mit ➱Diamantenstaub drauf.

1962, als er gerade durch seine Campbell Suppendosen berühmt wurde, ist er in Paris in den Laden von ➱Berluti gekommen. Er hatte eine Idee, wie sein Schuh sein sollte. Warhol war noch nicht bekannt genug, als dass sich der Chef persönlich um ihn kümmerte, er landete bei einer 17-jährigen Auszubildenden. Die führt heute die Firma. Und Olga Berluti machte aus Warhols Ideen einen Schuh, ein bisschen spitz, aber doch eckig. Sie hatte für den Schuh das Leder eines Kalbs genommen, das in seinem Leben viele Zäune kennengelernt hatte. Man sah das dem Leder an. Wirf sie weg, sagte ihr Großvater.

Als Andy Warhol ein Jahr später (und inzwischen dank der Campbell Dose etwas berühmter) wieder in den Laden kam, musste ihm Olga Berluti gestehen, dass der Schuh nicht fertig sei. Der Andy war ziemlich sauer, und da holte Olga Berluti den imperfekten Schuh hervor, den sie nicht weggeworfen hatte. Und sagte ihrem Kunden: This was a very wayward cow that liked to rub against barbed wire. Woraufhin Andy Warhol gesagt haben soll: In the future, I only want shoes made from the hide of wayward cows. Es ist eine Geschichte, zu der man nur sagen kann se non è vero, è ben trovato. Das mit den wayward cows finde ich aber witzig. Und möchte Ihnen deshalb mal eben ein Gedicht von der jungen amerikanischen Lyrikerin Anna Journey (Bild) vorstellen, das den Titel A Wayward Cow’s Worst Nightmare hat:

It’s a wayward cow I now find
in the dream where I’m back in Texas

one year after my move to California. It’s a wayward
cow—brown with one eye slightly

larger and darker than the other. Wilder, like sides
of a bed in which one

of the two sleepers stays awake
hours longer than the other, who turns

in her insomnia to the thin light
that thieves through the door, or

to the cicadas which empty
their loose change into the old

days in their copper stacks. I’m back
in Texas, where I lived

for three-and-a-half years. Where a cow
now leads me through the front door

of the museum. Lengths of barbed wire
stud the walls, budding

their silver oleanders. Don’t look, the cow
says with her wilder eye,

don’t look at the walls where the wire’s
snagged our hide, where our

torn skin, without wind,
sways like paper—it’s a wayward

cow I now follow out the door.
I try not to look

as we leave, but I do, once,
and see a woman. She sleepwalks

through the museum in her swamp-
colored dress, her red hair

tangled like the year, like three-
and-a-half—her arms

darken, her scarred
back still mapped.


Die Firma Berluti stellt heute immer noch das Modell Andy her. Dies hier ist keins davon, das ist nämlich mein Schuh. Ist nicht von Berluti, ist aber auch fatto a mano. Hat allerdings keine Narben von einer wayward cow, darauf haben sie in Cantalupo bei Mailand bei der Firma Fratelli Bollini schon geachtet. Die Firma gibt es nicht seit 1895 wie Berluti, sondern erst seit 1946, aber gute Schuhe können sie auch machen. Sehen scharf zu Jeans aus. Und die Firma ist immer noch im Besitz der Familie und gehört nicht wie Berluti zu dem Konzern ➱LVMH von diesem gräßlichen Bernard Arnault, der sich Tony Blair als Berater gekauft hat.

Dass der loafer von Warhol vorne ein wenig eckig war, ist nicht unbedingt ein Markenzeichen von Berluti (obgleich viele ihrer ➱Schuhe so aussehen). Viele englische Schuhmacher favorisierten eine eher eckige als eine runde Kappe, ➱George Cleverley oder ➱Foster & Son zum Beispiel. Dies hier ist ein alter Schuh von Edward Green, an dem man sehr schön die englische schlanke Form erkennen kann. Und einen leichten Hang zum Rechteck hat er auch. Die Engländer bezeichnen so etwas als chisel toe. Wenn Sie ➱hier klicken, können Sie ganz viele Beispiele dafür sehen.

Die Firma Edward Green brauchte für ihre Leistenform nicht mit der Mode zu gehen, da sie eigentlich nur leicht modifizierte Leisten aus den zwanziger und dreißiger Jahren verwendet. Diese Form ist nun nicht unbedingt die Sache von Laszlo Vass, den ich einmal als stellvertretend für Budapester und Wiener Leisten (die ➱hier einen langen Post haben) nehme. Sein Slipper ➱Modell ist gegenüber dem Berluti (und auch dem Bollini) Schuh ein wenig grobschlächtig. Ist aber wahnsinnig bequem. Allerdings hat Vass seit neuestem einen Leisten im Angebot, den er in Zusammenarbeit mit dem Italiener Ugolini entwickelt hat. Ich nehme mal an, dass Warhol bei seinem Berluti Besuch einen etwas anderen Schuh haben wollte als den J.M. Weston loafer, der in Amerika (und auch bei den minets in ➱Frankreich) das ➱Statussymbol schlechthin war. Bei dieser Zeichnung aus dem Jahre 1961 können wir sehen, dass die Berluti Schuhe noch nicht an seinen Füßen sind. Die Campbell Dose hat auch noch nicht ihre endgültige Form gefunden.

Dies Bild Converse Extra Special Value von 1985 zeigt uns wieder einmal, dass große Kunst groß sein muss. Es zeigt einen Turnschuh der Firma Converse, natürlich von Andy Warhol. Einen mit Motiven von Warhol bedruckten Schuh bietet die Firma Converse immer noch an. Der ist jedoch etwas teurer als das ➱Modell Andy, das bei Berluti so um die 2.300 Dollar kostet. Wenn Sie etwas weniger ausgeben wollen, empfehle ich Ihnen das Modell Merton von Crockett & Jones.

Dieser Warhol Schuh ist allerdings noch teurer. Warhol hatte ihn 1956 der englischen Schauspielerin Julie Andrews gewidmet, die gerade als Eliza Doolittle in My Fair Lady auf der Bühne des Broadway stand. Er ist letztens in einer Auktion von Christie's für £722.500 verkauft worden und war damit der teuerste Warhol Schuh. Für £722.500 können Sie sich 314.130 Andy Slipper bei Berluti kaufen.

Andy Warhol hat heute Geburtstag, da dachte ich mir, ich schreibe mal über ihn. Ich mag ihn zwar nicht besonders, und die beste Andy Warhol Geschichte habe ich in diesem Blog auch schon gebracht. Sie steht in dem Post über den Bildhauer ➱Gustav Seitz, der der Lehrer meines Onkels ➱Karl war. Aber da die Geschichte sehr viel über moderne Kunst sagt, stelle ich sie noch einmal hier hin. Es spricht Andy Warhol: Wir frühstückten mit Joseph Beuys. Er bestand darauf, dass ich in sein Haus komme und mir sein Atelier anschaue. Ich sollte sehen, wie er lebt, mit ihm Tee trinken und Kuchen essen. Es war sehr nett. Er schenkte mir ein Kunstwerk, das aus zwei Flaschen mit Sprudelwasser bestand. Sie explodierten in meinem Koffer und zerstörten alles, was ich mithatte. Ich kann den Koffer nicht aufmachen, weil ich nicht weiß, ob es sich noch um ein Kunstwerk handelt oder nur um zerbrochene Flaschen. Wenn er nach New York kommt, muss ich ihn dazu bringen, den Koffer zu signieren, denn sonst ist er zu nichts mehr zu gebrauchen.

Dass wayward cows in der Welt von ➱Red Shuttleworth vorkommen können, das kann man sich leicht vorstellen. Dass Andy Warhol da auch auftaucht, das hätte ich nicht gedacht. Aber es gibt in seinem Blog ein Gedicht, das ➱Andy Warhol heißt. Und unser New Yorker Künstler hatte auch einen Hang zum amerikanischen Westen. Er photographierte nicht nur diese Cowboy Boots, er trug auch Cowboy Stiefel.

Sogar mal welche aus Elephantenleder. Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben, wie die Atika Werbung sagte. Über die wayward cowboys in seinen Western wie Horse und Lonesome Cowboys wollen wir jetzt lieber nicht reden. Als der ➱Film Brokeback Mountain in die Kinos kam, haben manche Kritiker Andy Warhols Underground Western als Vorläufer von Ang Lee gesehen. Aber wir lassen das mal weg. Und dass seine Fabrik auch massenhaft Siebdrucke von Kühen verkauft hat, das lassen wir auch lieber weg. Das US Finanzministerium kann Dollars drucken, die sind dann einen Dollar wert. Alles, was Andy Warhol druckt, ist mehr wert als einen Dollar, selbst wenn er Dollars druckt.

Aber Warhols Cowboystiefel waren nicht von Berluti, die waren von Olsen-Stelzer in Henrietta (Texas). Berluti hat neuerdings für Rhinestone Cowboys und Electric Horsemen so etwas im Angebot. Um das zu tragen, muss man schon so aussehen wie Jeremy Irons, sonst geht das nicht. Ich hatte nie Cowboystiefel, ich hatte (wie viele andere) in den siebziger Jahren einmal eine Phase, in der ich Chelsea Boots trug. Aber Cowboy Boots nie. Die von Andy Warhol hätten mir gepasst, er hatte die gleiche Schuhgröße wie ich. Vor Jahren sind welche bei ➱Christie's verhökert worden, aber wer will schon die grünen Cowboy Boots von Andy Warhol tragen?

Dienstag, 6. August 2013

Hannelies Taschau


Kaum haben wir mal richtigen Sommer, da ist schon jedermann am Klagen: zu heiß, zu schwül. Wenn wir Deutschen unser Wetter nicht hätten, was sollten wir nur machen? Das Schlimmste am Sommer ist nicht das Wetter, das Schlimmste ist, wie die Leute aussehen. Das kann man nur mit ganz, ganz dunklen Sonnenbrillen ertragen. Früher dachte ich immer, die Bilder von Harald Duwe seien böse Karikatur, inzwischen glaube ich, dass er schon vor Jahrzehnten die Wirklichkeit abgebildet hat. Ich hätte mal einen Duwe billig kriegen können, der lebte damals noch, hatte sich noch nicht auf der B 404 zu Tode gefahren. Die Okkasion mit dem Duwe bot sich bei einer SPD Versteigerung für einen guten Zweck (der gute Zweck war die SPD), da hätte man ein Duwe Bild für einen Hunni haben können. Allerdings war da der Matthiessen drauf. Und den wollte niemand haben. Ich habe an dem Tag eine Grafik von Horst Janssen erstanden. Was soll ich mit einem Klaus Matthiessen im Wohnzimmer? Ein Janssen geht immer.

Der Duwe passt schon ein wenig zu einem Gedicht von Hannelies Taschau, das ich vor kurzem las. Es hat den Titel Aus diesem Sommer und fängt ganz harmlos an:

Aus diesem Sommer

I
Als ein sich vergrößerndes 
sich festigendes ins
Unermeßliche wachsendes 
Hochdruckgebiet 
entstand uns alle berührend

Diese wenigen Zeilen machen eine ganze Seite des schön gedruckten Gedichtbandes Gefährdung der Leidenschaft (Luchterhand 1984) aus. Wo eine I steht, sollte auch eine II stehen, denken wir uns. Und richtig, das Gedicht geht noch weiter. Auf der nächsten Seite finden wir:

II
Frauen schattenlos enthaart 
Sorglos bis auf die Knochen 
Mittelmäßig geschützt mit 
Faktor drei 
Ungenießbar 
Sich stündlich verschönernd 
bei so viel eigener Zuwendung 
Seide statt Haut 
lag überall herum weit entfernt 
vom Ursprungsort weit entfernt 

Bis hier können wir der Dichterin noch leicht folgen, danach wird es in den Strophen III bis V schwierig. Das ist immer so mit der Dichtung. Und es ist häufig bei Hannelies Taschau, was harmlos anfängt, bekommt vielfach etwas Unheimliches, Bedrohliches. Ich habe die Dichterin Hannelies Taschau (hier ein Jugendphoto) erst vor kurzem für mich entdeckt, als mir innerhalb von wenigen Tagen drei Gedichtbände von ihr in die Hände fielen (Gefährdung der Leidenschaft, weg mit dem Meer und Wundern entgehen: Gedichte 1957 - 1984). Alle drei Bände zusammen kosteten mich neun Euro. Die nächsten Bände, natürlich alle längst vergriffen, kosteten mich bei ZVAB und Amazon Marketplace sehr viel mehr. Aber ich habe es gerne vollständig. Nach meinem ersten Hemd von Henry Poole mussten es noch eine Handvoll anderer sein. Ich weiß, das ist ein blöder Vergleich, aber ich denke nun mal so. Ich liebe es, Dinge komplett zu haben. Ich weiß, dass Hannelies Taschau auch Romane schreibt, aber das interessiert mich nicht so sehr. Ich kann den ganzen Joseph Conrad hintereinander weg lesen, den ganzen Proust, aber mit Gegenwartsliteratur tue ich mich sehr schwer.

Es war ein heißer Sommertag, als ich die ersten beiden Bände von Hannelies Taschau (einer davon sogar ein nummeriertes Exemplar) in der Hand hielt. Ich hatte, das muss ich peinlicherweise gestehen, noch nie von ihr gehört. Aber das war mir damals mit ➱Gerhard Neumann auch so gegangen, man kann ja immer noch etwas dazu lernen. Als ich im verhältnismäßig kühlen Antiquariat das Gedicht Eröffnung Londons las (leider zu lang zum Abtippen), war der Band gedanklich schon gekauft. Der andere auch, weil da das Sommergedicht drin war. Und jetzt lese ich seit Wochen einen Band nach dem anderen, dieser Sommer mit dem ins Unermeßliche wachsenden Hochdruckgebiet gehört zweifellos der Dichterin Hannelies Taschau. Weil es immer wieder Verblüffendes zu entdecken gibt, wie das Gedicht Ich vermisse mich mehr. In leicht anderer Form steht es schon in ihrem Erstlingsband Verworrene Route, dort heißt es allerdings Parabel. Offensichtlich arbeitet die Autorin immer wieder an ihren Gedichten, manchmal wandern auch Sätze ihrer Prosastücke in Gedichte oder umgekehrt:

Im März 1945 – ich war sieben – entkam ich der
Obhut meiner Großmutter
Ich sprang in die Donau an einer Stelle von
der ich glaubte sie sei grundlos
Ich begann zu ertrinken
und wehrte mich
Man zog mich heraus und prügelte Wasser
und Schlamm aus mir
Drei Wochen hütete ich voll Sanftmut das Bett
ohne Anzeichen irgendeiner Krankheit
dann lernte ich schwimmen an derselben
Stelle


Das Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur belehrt mich: Hannelies Taschau gehört zu einem Schriftstellertypus, für den Schreiben weniger Berufsausübung als primär eine Form der Bewältigung des eigenen Lebens ist. Der oft zitierte Satz „Schreibend artikuliere ich meine Ängste und Hoffnungen“ meint nicht subjektivistische Nabelschau, sondern ein reziprokes Verhältnis von Selbsterfahrung und Erfahrung gesellschaftlich-politischer Wirklichkeit. Es ist ein nicht entfremdetes Schreiben, das seine Impulse aus den persönlichen Bedürfnissen empfängt... Und: Hauptthema des Werks sind gescheiterte oder gelungene Ichfindungsprozesse, die durch eine als bedrückend oder gewalttätig erfahrene Umwelt ausgelöst... Das ist doch unlesbares Zeug, für wen ist so etwas geschrieben? Da ist es besser, wenn man zur Einführung ➱diesen Artikel aus Die Horen liest. Ich wundere mich immer wieder, dass es solche Zeitschriften noch gibt. Ich habe vor Jahrzehnten mal für die geschrieben, die Redaktion war herrlich unkonventionell.

Hannelies Taschau ist immer wieder überraschend. Sie schreibt Liebesgedichte, einmal zehn Seiten lang Gedichte, die Küssen heißen. Manchmal scheint sie unendlich verletzlich. Aber sie kann böse sein wie Harald Duwe (in Gedichten wie Countdown einer Hinrichtung, Ihn wenigstens mal sehn oder Eine Leiche für mich), man ist bei ihr niemals vor Überraschungen sicher. Sie schreibt auch über Kernkraftwerke und die weißen Bäuche der Brachsen [die] vorbeitreiben im heißen salzigen Wasser der Weser. Sie kennt sich in den Details aus. Das Weserwasser ist nicht salzig von der Nordsee, das kommt noch aus den Bergwerken der DDR, die ungehemmt ihren Dreck in die Werra kippten. Wenn ich ein Motto finden sollte für eine Auswahl ihrer Gedichte, ich würde dies Gedicht nehmen:

So habe ich noch nie 
geträumt 
So hinterhältig 
banal
so nah am alltäglichen Rest


1959 sind ihre ersten Gedichte bei Victor Otto Stomps in seiner Eremitenpresse erschienen. 29 Seiten stark, 222 nummerierte Exemplare. Wenig später traf Taschau, jetzt ein published poet in der Essener Buchhandlung Baedeker den jungen Nicolas Born. Sie wollte sich Celans Sprachgitter bestellen, weil sie Celan in Paris besuchen wollte: Das Buch musste bestellt werden, auch damals schon, ich musste meinen Namen nennen und Born rief, Sie sind die Lyrikerin Hannelies Taschau! Sie machen ganz wunderbare Gedichte! Er jubelte ein paar Zeilen hoch, und dann verriss er sie: So bittersüß dürfe es mit mir aber nicht weitergehen. Soweit Hannelies Taschau, nach einer anderen Darstellung soll Born gesagt haben: Hab ich’s doch gewußt. Sie schreiben ganz wunderbare Gedichte. Aber ich schreibe auch ganz wunderbare Gedichte. Sie hat einige Jahre in Paris gelebt, dort ist auch ihr Gedichtband Etre aveugle avec davantage de peau - Blind sein mit viel mehr Haut erschienen. Den besitze ich zwar nicht, aber inzwischen nenne ich ein halbes Dutzend Gedichtbände von Hannelies Taschau mein eigen. Wenn ich weitersuche, kriege ich sie vielleicht alle zusammen. Es gibt irgendwo sogar noch ein Exemplar von ihrem Erstling Verworrene Route. Kostet nur einen Bruchteil von einem Henry Poole Hemd. Mal sehen. Aber ich hätte für Sie noch ein wunderbaren Pubertätsgedicht:

Retrospektive

Die Diva hob wie absichtslos die Arme 
das reichte meist schon wir waren abgehängt 
War die neunzehn waren wir fünfzehn 
und absichtslos war nichts 
Zu ihrem rotblonden Gekräusel befragt: 
Rasiert werden Schweine vor 
dem Schlachten Bin ich ein Schwein soll ich 
geschlachtet werden? 
Das 
oder wie man es hinkriegt mit schnurrenden 
Bauchmuskeln im Gras im Sand im Unbekannt 
nicht zu versinken 
Geküsst sich zu entscheiden ob es für den Anfang reicht anstatt blindlings 
zurückzuküssen Lauter achtbare universelle 
Offerten an Mädchen wie uns 
Ich mag keine Cola zu sagen war für den Anfang 
nicht schlecht

Ich wollte, ich hätte sie früher entdeckt. Dann hätte ich sicher auch ihre Romane gelesen. ➱Brigitte Kronauer zu lesen, war vertane Zeit. Vieles in Hannelies Taschaus Werk klingt autobiographisch, kann sein, braucht nicht, ich habe da meine Zweifel. Wir sind immer gut beraten, das lyrische Ich nicht mit dem Dichter gleichzusetzen. So lange der Dichter bloß seine eigenen Empfindungen offenbart, gebührt ihm dieser Name nicht. Sobald er aber die objektive Welt in ihren verschiedenartigsten Gestaltungen sich anzueignen weiß, ist er ein Dichter im wahren Sinne des Wortes. Obgleich die Sache mit dem Ertrinken in der Donau (welchen Titel das Gedicht auch haben mag) schon ganz authentisch klingt. Und das Gedicht 20. März 1978, das wie ein Brief an die Mutter daherkommt, könnte auch aus dem wirklichen Leben stammen. Vor allem diese Stelle:

Oder sie ließen mich auch sechzehn Stun-
den ohne Essen nur für Trinken war immer
gesorgt
So was verringert doch die Lebenserwartung
Auch daß man uns nach den Lesungen fragen
darf: Warum schreiben Sie? Ich habe mir
vorgenommen darauf nicht mehr zu ant-
worten

Das muss ein Dichter lernen, auf solche Fragen nicht mehr zu antworten. Denn wir wissen ja: Der Dichter ist wie jener Fürst der Wolke, er haust im Sturm, er lacht dem Bogenstrang. Doch hindern drunten zwischen frechem Volke die riesenhaften Flügel ihn am Gang. Aber vom Albatros dichtet Taschau nicht, eher von den Störchen in Schreyan, wo sie einmal als Stipendiatin lebte. Und wir wissen natürlich, dass die Frage Warum schreiben Sie? nur eine Antwort kennt. Weil es nicht nur primär eine Form der Bewältigung des eigenen Lebens ist, sondern ein reziprokes Verhältnis von Selbsterfahrung und Erfahrung gesellschaftlich-politischer Wirklichkeit.

Erster Versuch

Rasen lüften
in Nagelschuhen aus dem Versandhaus
in Potsdam Herrenhausen Pyrmont Ich lüfte Rasen
wer will soll zusehen es hat nichts Trotziges eine
von herkömmlichen Ausdrucksformen befreite
Bewegung
Sie muss nicht verstanden werden Alles liegt bei
mir
keine Botschaft nur Hingabe nur ruhiges Verfügen
über sich selbst

Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich stelle mir dabei vor - und das ist eine wunderbare Vorstellung -  dass die Dichterin hier die Nagelschuhe aus dem Versandhaus trägt und dass der Rasen symbolisch für diese Kritiker steht, die Sachen schreiben wie Hauptthema des Werks sind gescheiterte oder gelungene Ichfindungsprozesse, die durch eine als bedrückend oder gewalttätig erfahrene Umwelt ausgelöst werden.

Es hat sich ergeben daß ich Gedichte meist 
an einem bestimmten Tisch mache - aber nicht das 
will ich erklären 
Nur sehe ich daß der Tisch inzwischen 
verbraucht ist 
jeden Tag kann er zerbrechen.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Eduard Gaertner


Heute ist der 280. Geburtstag von George Washington (und der 25. Todestag von Andy Warhol). Ich würde ja über George Washington schreiben, irgendwie mag ich ihn, aber ich habe gerade vor Wochen einen langen ➱Artikel über den modebewussten Gentleman aus Virginia geschrieben. Und falls Sie eine gute Washington Biographie suchen: hier finden Sie die wichtigste ➱Literatur. Zu Andy Warhol fällt mir nix ein, außer dass Horst Janssen mal Andy war hohl auf eine Grafik geschrieben hat. Wenn man das graphische Werk von Janssen mit den Siebdrucken von Warhol vergleicht, muss man sagen, dass an dem Kalauer was dran ist. Es wäre ja schön, wenn Andy Warhol George Washington portraitiert hätte. Er hat zwar Marilyn Monroe und alle möglichen anderen Berühmtheiten "gemalt", den Gutsbesitzer aus Virginia aber nicht. Ich hätte jedoch hier eine wirklich wunderbare ➱Seite, wie Sie sich mit kleinen Kiddies einen echten Andy Warhol an Washingtons Geburtstag basteln können.

Heute gibt es hier im Blog nicht George Washington und nicht Andy Warhol, heute gibt es hier Eduard Gaertner. Zum einen, weil er heute vor 135 Jahren gestorben ist, zum anderen, weil ich vor längerer Zeit (als ich über ➱Franz Krüger schrieb) einen Artikel zu Eduard Gaertner in Aussicht gestellt hatte. Der Berliner Architekturmaler ist heute ja leider etwas weniger bekannt. Schon zu seinem Lebensende schien man ihn vergessen zu haben. Als die Preußische Akademie 1886 ihre Jahrhundertfeier beging, war in der Ausstellung kein einziges Bild von Gaertner zu sehen. Dabei hatte das Akademiemitglied Gaertner von 1822 an ein halbes Jahrhundert lang jede Ausstellung der Akademie beschickt.

Es hat lange gedauert, bis ein substantielles Buch zu Gaertner erschien. Um genau zu sein: man musste bis 1979 warten, bis Irmgard Wirths Buch (mit Werkverzeichnis) bei Ullstein erschien. Ein Jahrzehnt später legte Irmgard Wirth, die Mitbegründerin und erste Direktorin des Berlin Museums -  sozusagen als Ergebnis einer lebenslangen Beschäftigung mit der Berliner Malerei - ihr Buch Berliner Malerei im 19. Jahrhundert: von der Zeit Friedrichs des Grossen bis zum Ersten Weltkrieg vor, in dem Gaertner natürlich eine nicht unwichtige Rolle spielt. Ich habe das Buch schon in dem Post über Albert Stagura erwähnt, man kann es eigentlich nicht genug loben. Wenn Sie die deutsche Malerei interessiert und Sie einen Fuffi übrig haben, sollten Sie dieses Buch (550 Seiten, reich illustriert) unbedingt kaufen.

Und wenn Sie Eduard Gaertner Fan sind und den von Dominik Bartmann herausgegeben Katalog noch nicht besitzen, müssten Sie noch einen Fuffi ausgeben, um eins der letzten Exemplare zu bekommen. Dieser Katalog, der 2001 zum zweihundertsten Geburtstag von Eduard Gaertner erschien (464 Seiten, und natürlich auch reich illustriert) ist das non plus ultra für die Liebhaber der Kunst von Gaertner.

Gaertner hat eine Ausbildung bei der von Friedrich II. gegründeten Königlichen Porzellan Manufaktur Berlin erhalten; das war, wenn man so will, die Malakademie der kleinen Leute. Er hat sich allerdings über diese Zeit in seinem Lebenslauf, den er 1833 bei der Berliner Akademie einreichte, nicht sehr positiv geäußert. Sie sei außer einer oberflächlichen Lehre der Perspektive für meine Laufbahn eher hinderlich als förderlich (gewesen), da ich nur Ringe, Ränder und Käntchens zu machen hatte. Dies hier ist keine von Gaertner bemalte Vase, dies ist eine bei der KPM mit Bildern von Gaertner bemalte Vase, da war der ehemalige Lehrling der KPM schon berühmt. Da brauchte er keine Ringe, Ränder und Käntchens mehr zu machen, da malten andere seine Bilder (wie hier den Eosanderhof des Berliner Stadtschlosses) auf das Porzellan.

Dieser Hof (1818 von Gaertner gemalt) ist nicht so imposant wie der Eosanderhof des Stadtschlosses, aber das frühe Bild zeigt, dass er aus der oberflächlichen Lehre der Perspektive doch etwas mitgenommen hat. Er kann schon alles, was ein Architekturmaler braucht. Nach der Lehre bei der KPM bleibt er dort noch ein Jahr, aber dann wagt er etwas Neues. Er wird Theatermaler: Eine Reise nach Rügen und Westpreußen brachte in mir den Entschluß zur Reife die Porzellan Fabrik zu verlassen, welches noch bestärkt ward, da der Hr Theater Insp: Gropius grade zu jener Zeit junge Leute zur Beschäftigung suchte. Es ist jetzt eine große Zeit für das Theater, das Schauspielhaus von ➱Schinkel wird gerade fertig. Theatermaler sind gefragt, Schinkel hat sehr schöne ➱Dekorationen gemalt, und ➱Carl Blechen war als Theatermaler nicht unglücklich, wenn da nicht die Henriette Sontag gewesen wäre.

1822 reicht er sein erstes Bild bei der Akademie ein und bekommt gleich erste Aufträge vom preußischen Hof. Der finanzielle Erfolg ermöglicht ihm, für beinahe drei Jahre nach Paris zu gehen, wo er eine Anzahl wunderbarer Stadtansichten (hier Notre-Dame) malt, die leider im Internet nicht so recht repräsentiert sind. In diesen Bildern gibt er die unterkühlte Linearität der frühen Arbeiten zugunsten einer mehr malerischen Auffassung auf. Der Klassizismus der Linie weicht einer Romantik der Naturauffassung. Und warum auch nicht? Die Vedutenmalerei muss sich ja irgendwie von einer schlichten Bauzeichnung unterscheiden. Kunsthistoriker vermuten hier wohl zu Recht den Einfluss der Engländer ➱Richard Parkes Bonington und ➱John Constable, deren Aquarelle im Salon von 1827 die Sensation waren.

Die wichtigste Errungenschaft des Parisaufenthalts ist, was Werner Schmidt in seiner Dissertation 1922 mit Luftperspektive umschreibt. Gaertner selbst spricht  in seinen Schreibkalendern von Luft malenLicht en lucht, dat is de kunst, hat der Holländer ➱Jan Hendrik Weissenbruch gesagt. Es ist eine alte Zauberformel, die immer wieder funktioniert, und so bekommt die Spree von der Jannowitzbrücke her gesehen auch etwas von diesem Zauber ab. Sieht schon ein wenig nach Vermeer aus.

Hatte man Gaertner bei der Jahrhundertfeier der Akademie 1886 nicht mehr erwähnt, so war er zwanzig Jahre später auf der Jahrhundertausstellung deutscher Kunst von 1906 repräsentativ vertreten, man verglich den von der Kunstbetrachtung vernachlässigten Berliner nun mit dem großen italienischen Vedutenmaler Canaletto. Das hätte ihm sicher gefallen. Aber Gaertners Kunst ist auch der Ausklang einer Malerei, die mit Canaletto und Francesco Guardi schon einen Höhepunkt hatte. So detailliert genau seine Stadtansichten sind, sie werden eines Tages nicht mehr verlangt werden, werden dem neuen Medium der Photographie weichen. Doch solange preußische Könige stolz auf die Stadt sind, die ihnen Knobelsdorff und Schinkel gebaut haben, hat Gaertner mit Aufträgen vom Hofe sein Auskommen.

Eduard Gaertner zeigt uns in seinen Berliner Stadtansichten ein schönes Berlin, nicht das Berlin der Mietskasernen, nicht das Berlin, das Heinrich Zille photographiert. Nicht das Berlin, das Werner Hegemann in seiner architektonischen Kampfschrift ➱Das steinerne Berlin beschreibt. Wäre Berlin im Zweiten Weltkrieg völlig vernichtet worden, hätte man den schönsten Teil nach den Bildern von Gaertner wieder aufbauen könne. So wie man Warschau wieder aufgebaut hat, nachdem Edward Gierek 1971 den Wiederaufbau verkündete. Und da nahm man als Vorlage für Schloss und Altstadt die berühmten Veduten Canalettos, die das Krakowskie Przedmieście illustrierten. Die habe ich alle einmal in einer Ausstellung gesehen, die Warschau seit Canaletto hieß. Da war es dem Kieler Kunsthallendirektor Jens Christian Jensen - dem besten Direktor, den die Kunsthalle im 20. Jahrhundert hatte, über seine Nachfolger wollen wir lieber schweigen - gelungen, all diese Canalettos nach Kiel zu holen (die Ausstellung wanderte anschließend nach Hamburg weiter).



Und da ich gerade bei Kiel bin, viele Kieler sind der Meinung, dass Johann Heinrich Hintze ein Kieler ist. Weil er diese schöne Stadtansicht gemalt hat. Aber Hintze ist Berliner, ist ein Kollege von Gaertner und hat wie der bei der KPM gelernt. An dieser Stelle sollten vielleicht noch einige andere Berliner Architekturmaler erwähnt werden, denn wenngleich Gaertner sicher der bedeutendste ist, es gibt noch mehr. Neben Hintze gibt es zum Beispiel noch Johann Erdmann Hummel.

Den Namen muss ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, weil ich einmal in einem Katalog las, dass diese Granitschale im Berliner Lustgarten von Eduard Gaertner sei. Da waren schlichtweg die Namen zweier Künstler vertauscht worden. Aber immer wieder, wenn ich den Namen Eduard Gaertner lese, denke ich an dieses Paradestück realistischer Malerei. Und immer wieder sagt mir mein Gehirn mit leichter Verzögerung: das Bild ist nicht von ihm, das ist von Johann Erdmann Hummel! Der auch ein Komplementärbild dazu gemalt hat, das die ➱Granitschüssel im Entstehen zeigt.

Dann haben wir als Architekturmaler - um nur die bekanntesten zu nennen - noch Wilhelm Brücke und Carl Hasenpflug. Der als Architekturmaler gut ist, aber ganz furchtbar ist, wenn er glaubt, Caspar Friedrich ➱imitieren zu müssen. Irmgard Wirth widmet Gaertners Kollegen in Berliner Malerei im 19. Jahrhundert: von der Zeit Friedrichs des Grossen bis zum Ersten Weltkrieg ein ganzes Kapitel.

Ein Jahr vor Gaertners Tod erschien in der Allgemeinen Deutschen Biographie ein kurzer ➱Artikel von Robert Dohme, in dem es heißt: Gärtner’s Eigenart, die schlichte naturgetreue Wiedergabe des Architektonischen bei sorgfältiger sauberster Durchführung hat heute durch die Photographie an Interesse verloren. In dem Artikel wird auch behauptet, dass er kaum Ölbilder gemalt habe, was natürlich Unsinn ist. Heute wissen wir es besser. Wissen wir, dass seine Kunst mehr ist als die schlichte naturgetreue Wiedergabe des Architektonischen. Und dafür sollten wir Irmgard Wirth und all den Beiträgern zu dem 2001 bei Nicolai erschienenen Gaertner Katalog dankbar sein.