Mittwoch, 25. März 2026

shirtwaist

So etwas ist um 1900 für junge Frauen chic, Blusen, die wie Herrenhemden aussehen, für die new woman der Jahrhundertwende. Heißen shirtwaists und kosten auch nur einen Dollar. Wir ahnen schon, dass bei solchen Preisen die Näherinnen der Hemden ausgebeutet werden. Die Geschichte der Oberhemden und der Damenblusen ist eine Geschichte der Ausbeutung. Schon 1843 veröffentlichte Thomas Hood sein Gedicht Song to the Shirt, das ich hier auch in einer deutschen →Übersetzung habe. Wenn man bei Googles KI das Wort shirtwaist eingibt, erhält man den Satz: Der Begriff ist zudem eng mit der Triangle Shirtwaist Factory Katastrophe 1911 verbunden.

Heute vor 115 Jahren brannten in New York die obersten Stockwerke des zehnstöckigen Asch Buildings aus. Ich habe mit Thomas Hoods Gedicht Song to the Shirt begonnen, ich bleibe mal bei Gedichten. Da gibt es nämlich zu dem Thema ein Gedicht, das ganz simpel Shirt heißt, aber nicht wirklich simpel ist. Geschrieben hat es Robert Pinsky, ein in Amerika berühmter Dichter. Er war einmal Poet Laureate, hat viele Preise bekommen und den Ehrendoktor von einem halben Dutzend Universitäten. In Deutschland ist er erstaunlicherweise so gut wie unbekannt. 

Pinskys Gedicht, das 1989 im New Yorker erschien (und hier vom Dichter gelesen wird), handelt von den anonymen Näherinnen, die weltweit Hemden nähen. Es geht letztlich um die Ausbeutung von Frauen. Das Gedicht Shirt fängt harmlos an, mit den Einzelteilen eines Hemds (the back, the yoke, the yardage. lapped seams), kommt dann zu den Näherinnen, die sich in einer Pause unterhalten (Koreans or Malaysians gossiping over tea and noodles on their break), aber dann kommt es, das Schreckliche: junge Mädchen stürzen sich aus dem neunten Stock eines Hochhauses in den Tod.

Geht hier die Phantasie des Dichters durch? Nein, the infamous blaze at the Triangle Factory in nineteen-eleven, das hat es gegeben. Eine Katastrophe, bei der mehr als hundertvierzig ganz junge Mädchen, zumeist jüdische und italienische Immigrantinnen, in den Flammen umkamen, erstickten oder in den Tod sprangen. Töchter von Einwanderern, die alle vom American Dream träumten. Aber der Brand der Triangle Shirtwaist Factory wiederholt sich immer wieder auf der Welt. Hundert Jahre nach der Katastrophe in New York haben wir den Brand der Ali Enterprises in Pakistan, das Tazreen Fashions Feuer in Bangladesch (wo auch C&A produzieren ließ) und den Einsturz des Rana Plaza Building in Bangladesch. Was wir am Körper tragen, ist einen langen Weg gegangen, häufig einmal um die Welt. Unter welchen Bedingungen es entstanden ist, wissen wir selten. Und damit sind wir beim Thema des Gedichts Shirt:

The back, the yoke, the yardage. Lapped seams,
The nearly invisible stitches along the collar
Turned in a sweatshop by Koreans or Malaysians

Gossiping over tea and noodles on their break
Or talking money or politics while one fitted
This armpiece with its overseam to the band

Of cuff I button at my wrist. The presser, the cutter,
The wringer, the mangle. The needle, the union,
The treadle, the bobbin. The code. The infamous blaze

At the Triangle Factory in nineteen-eleven.
One hundred and forty-six died in the flames
On the ninth floor, no hydrants, no fire escapes—

The witness in a building across the street
Who watched how a young man helped a girl to step
Up to the windowsill, then held her out

Away from the masonry wall and let her drop.
And then another. As if he were helping them up
To enter a streetcar, and not eternity.

A third before he dropped her put her arms  
Around his neck and kissed him. Then he held
Her into space, and dropped her. Almost at once

He stepped to the sill himself, his jacket flared
And fluttered up from his shirt as he came down,
Air filling up the legs of his gray trousers—

Like Hart Crane’s Bedlamite, “shrill shirt ballooning.”
Wonderful how the pattern matches perfectly
Across the placket and over the twin bar-tacked

Corners of both pockets, like a strict rhyme
Or a major chord. Prints, plaids, checks,
Houndstooth, Tattersall, Madras. The clan tartans

Invented by mill-owners inspired by the hoax of Ossian,
To control their savage Scottish workers, tamed
By a fabricated heraldry: MacGregor,

Bailey, MacMartin. The kilt, devised for workers
To wear among the dusty clattering looms.
Weavers, carders, spinners. The loader,

The docker, the navvy. The planter, the picker, the sorter
Sweating at her machine in a litter of cotton
As slaves in calico headrags sweated in fields:

George Herbert, your descendant is a Black
Lady in South Carolina, her name is Irma
And she inspected my shirt. Its color and fit

And feel and its clean smell have satisfied
Both her and me. We have culled its cost and quality
Down to the buttons of simulated bone,

The buttonholes, the sizing, the facing, the characters
Printed in black on neckband and tail. The shape,
The label, the labor, the color, the shade. The shirt.

Es gibt im Internet Interpretationshilfen, um das Gedicht besser zu verstehen, hier ist eine davon. Und dann habe ich hier noch ein →Interview mit Robert Pinsky, in dem man sehr viel über das Gedicht erfährt. Ein Jahr nach der Katastrophe von 1911 gab es The Crime of Carelessness im Kino zu sehen, produziert von der Thomas A. Edison Incorporation. Und bezahlt vom Verband der Unternehmer. 1950 hat Jack Armold, der ansonsten auf SF Filme und Horror spezialisiert war, den Film With These Hands gedreht. Der Dokumentarfilm war eigentlich nur für die Mitglieder der International Ladies' Garment Workers' Union gedreht worden, wurde aber trotzdem für einen Oscar nominiert; die Brandkatastrophe kommt allerdings nur randständig in dem Film vor. 1979 erschien das Ganze mit dem Triangle Factory Scandal als Spielfilm, aber den Schrecken der Wirklichkeit, wie sie David von Drehle in Triangle: The Fire That Changed America beschrieben hat, gibt das alles kaum wieder.

Die Besitzer der Fabrik Max Blanck und Isaac Harris, zwei jüdische Immigranten, werden wegen Totschlags angeklagt. Aber dank des Geschicks des Anwalts Max David Steuer (auch ein jüdischer Immigrant aus Osteuropa) in allen Punkten freigesprochen. Da es ihnen nicht zweifelsfrei nachzuweisen war, dass sie alle Türen verschlossen hatten, sodaß es kein Entkommen für die Mädchen gab. Steuer nutzt es aus, dass viele Zeuginnen der Brandkatastrophe der englischen Sprache nicht ganz mächtig sind, und nicht klar sagen können, dass die Türen verriegelt waren.

Max Blanck und Isaac Harris werden von der Versicherung 64.925 Dollar bekommen, das bedeutet, dass sie an jedem toten Mädchen 445 Dollar verdient haben. Nach jahrelangem Rechtsstreit wird die Versicherung den Eltern der Mädchen 75 Dollar pro totem Kind zahlen. Der Staatsanwalt Charles T. Bostwick hat sich in dem Prozess nicht durchsetzen können, er wird es im nächsten Jahr noch einmal versuchen, wird aber abgewiesen. 1913 wird Max Black in seiner neuen Fabrik dabei ertappt, dass wieder alle Fluchttüren verschlossen sind. Er muss vor Gericht erscheinen, der Richter verurteilt ihn zu einer Strafe von zwanzig Dollar und entschuldigt sich bei ihm, dass er ihn vorgeladen hat.

Es wird politische →Konsequenzen geben. Die Frau rechts auf dem Bild ist Frances Perkins. Sie war Augenzeugin des schrecklichen Geschehens an dem Märznachmittag 1911. Und sie war der Überzeugung, dass etwas geschehen müsse: There was a stricken conscience of public guilt and we all felt that we had been wrong, that something was wrong with that building which we had accepted or the tragedy never would have happened. Moved by this sense of stricken guilt, we banded ourselves together to find a way by law to prevent this kind of disaster. Durch die Vermittlung von Ex-Präsident Theodore Roosevelt wird sie die Vorsitzende der Factory Investigating Commission. In den nächsten drei Jahren wird es 36 Gesetze zur Besserstellung der Arbeiter geben, the golden era in remedial factory legislation hat man die Zeit genannt. 

Zwanzig Jahre später ist Frances Perkins die erste Frau in Amerika, die Ministerin in einer Regierung ist. Franklin D. Roosevelt hatte sie zur Arbeitsministerin berufen, dem wichtigsten Posten in der Great Depression. Die heutige Sozialgesetzgebung verdankt ihr viel, sehr viel. Frances Perkins wird die Architektin des New Deal sein, und sie wird sagen: The New Deal began on March 25th, 1911. The day that the Triangle factory burned. So kann aus etwas Schrecklichem etwas Gutes werden. Oder, wie Hölderlin sagt: Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch.

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