Sonntag, 11. Mai 2014

Armbänder


Es war saukalt am letzten Sonntag auf dem Flohmarkt. Ich war froh, dass ich meine dicke Lederjacke mit dem Fellkragen angezogen hatte. Als ich um zwei Uhr kam, packten die ersten Händler schon ihre Waren ein. Aber der Herr Brandt, der war noch da. Steht bei einem Flohmarkt seit zwanzig Jahren immer an der selben Stelle. Er ist der einzige, der überhaupt noch Uhren hat. Armbanduhren und Taschenuhren sind völlig vom Flohmarkt verschwunden. Ölbilder auch. Es gibt nur noch besseren Hausmüll und Händler mit Handyschalen. Ebay ist der Tod des Flohmarkts (Sie finden hier schon eine lange Klage über diese Demise). Aber glücklicherweise findet man noch massenhaft Bücher. 

Herr Brandt hatte auch nichts was mich interessierte, zauberte aber in letzter Minute noch ein Edelstahlband von Omega aus dem Kasten. Hing noch eine verschrabbelte Omega Quarz dran, ich sagte nur: Machen Sie die Omega mal ab. War schwieriger als gedacht, weil er das richtige Werkzeug zuerst nicht fand. Zu Hause kam das Omega Band erst einmal in ein Bad aus heißem Wasser und Pril, bevor es eine liebevolle Bürstenmassage bekam. Alte, weiche Zahnbürsten sind gut dafür. Jetzt ist es an einer alten Omega Seamaster von 1959. Sieht toll aus. Zufrieden mit meinem Werk, dachte ich mir, ich schreibe einmal über Edelstahlbänder. Und über die ersten Sportuhren.

Denn Edelstahlbänder sind natürlich nur etwas für Sportuhren. Für nichts anderes. An manchen Uhren müssen sie sein. Wie zum Beispiel an der alten Omega Megaquartz oben (der ersten kommerziellen Quarzuhr von Omega), da passt nichts anderes dran. Es gibt natürlich auch Metallbänder aus Gold, aber die werden hier heute nicht erwähnt. Machos aus dem Mittelmeerraum und Loddel in St Pauli lieben so etwas, das ist ein anders Thema. Und das hier ist die größte Geschmacksverirrung der ansonsten so stilsicheren Firma IWC. Die Ingenieur SL in der Jumbo Version dürfte es eigentlich nur in Stahl geben. Wollte man Rolex in puncto schlechtem Geschmack Konkurrenz machen?

Das einzige Edelmetall, das noch akzeptabel wäre, ist Platin. Weil es wie Stahl aussieht. Ist aber Snobismus. Der Keith hat dieses Patek Nautilus Modell in Platin. Hat er einem Typ abgekauft, der damit auf einer Südamerikatour gewesen war. Dessen Kumpel trug auf der Reise der beiden Abenteuertouristen eine Rolex. Wenn Sie einem Engländer diese Geschichte erzählen, wird er an dieser Stelle sagen: How daft can you get? Na ja, als sie zurückkamen, hatte er keine Rolex mehr. Die Patek aus Platin blieb unangetastet. Die Räuber haben sie wahrscheinlich für eine Seiko gehalten.

Während ich am Abend Lewis guckte (der Inspektor hat natürlich ➱hier schon einen Post), polierte ich Band und Uhr mit einem alten ➱Schlips. Seide ist hervorragend zum Polieren von Edelstahl. Die Omega Seamaster hat ein Uhrwerk, das wohl das seltenste Automatikwerk der Firma ist. Es ist das Kaliber 591, das eine unternehmerische Fehlentscheidung war. Damals baute Omega seine 550er Kaliber, mit denen sie Rolex als führenden Hersteller von Chronometern weit hinter sich ließen. Von dieser Kaliberfamilie wurden in den sechziger Jahren 3,5 Millionen Stück gebaut.

Diese Werke waren neben dem Handaufzugswerk 30T2 (hier im Bild) das Beste, was Omega je gebaut hat. Aber es musste ja unbedingt etwas Neues sein. Man wollte ein einfaches Großserienwerk bauen, allerdings sparte man an nichts Wesentlichem. Die vierschenklige Glucydur Unruhe mit dem beweglichen Spiralklötzchen ist die gleiche wie in den 550er Modellen. 1960, nach einem Jahr der Fertigung, gab man die Fertigung des Werks wieder auf, nur 60.000 Stück wurden gebaut. Jahre später leistete man sich einen ähnlichen Flop mit dem Kaliber 1000. Das war, metaphorisch gesprochen, dann aber auch schon der Sargnagel für Omega. Danach waren sie auf Jahrzehnte keine Manufaktur mehr, weil sie nur noch Fremdwerke einbauten.

So sah meine Seamaster vorher ohne das Edelstahlband aus, allerdings hat meine ein viel besseres Zifferblatt als diese hier. Das Edelstahlband mit der Nummer 1383 hat mich achtzig Euro gekostet, die Seamaster kostete mich vor fünfzehn Jahren nur 150 Mark. Stahlbänder sind teuer geworden. Und damit meine ich nicht diese scheußlichen amerikanischen Speidel Bänder oder die Fixoflex Bänder von Rowi, sondern die Originalbänder von Omega und anderen Uhrenfirmen. Und natürlich die Bänder von der Firma Gay Frères, die seit einigen Jahren im Besitz von Rolex ist. Rolex wollte endlich mal gute Armbänder haben.

Als ich letztens zu meinem Bruder sagte, dass das Band von seiner alten Rolex Explorer ja noch sehr gut aussähe, guckte er mich leicht hasserfüllt an und knurrte: Es ist das dritte. Er hat die Uhr vor Jahrzehnten von den Eltern zum Medizinerexamen bekommen, aber Rolexbänder halten eben nicht so lange. In den dreißiger Jahren hatte Rolex Bänder von Gay Frères bezogen, aber wahrscheinlich waren ihnen die zu teuer geworden. Ein Gay Frères Band erkennt man an dem Ziegenbock, der von den Buchstaben G und F umrahmt wird. Und es hat auch immer einen Datumsstempel (damit kann man alte Uhren datieren).

Man findet Gay Frères Bänder - die der Fachmann mit einem Blick erkennt - an der alten IWC Ingenieur (Bild), an der Eterna Kontiki (dazu gibt es ➱hier einen Post), an der Jaeger LeCoultre Memovox oder der Tissot T12. Tissot hatte in den sechziger Jahren sowieso sehr gute Bänder, auch wenn die nicht von Gay Frères kamen. Viele Rolex Besitzer waren damals dankbar für diese Bänder. Die sahen aus wie die Bänder, die an den alten Rolex Oyster Modellen dran waren, hielten aber länger.

Metallbänder an Uhren gibt es schon lange. Die ersten Armbanduhren soll die Schweizer Firma Girard-Perregaux (die hier schon einmal erwähnt wurde) an die deutsche Kriegsmarine geliefert haben, es waren Golduhren mit einem goldenen Armband (leider gibt es von denen kein einziges Exemplar mehr und auch keine Abbildung). Das sollte uns daran erinnern, dass diese Bänder natürlich aus der Schmuckindustrie kommen, auch die 1835 gegründete Firma Gay Frères stellt Armbänder nur als Nebenprodukt her. Das Hauptgeschäft ist bijouterie, joaillerie und orfevrerie (und geben Sie niemals einen französischen Artikel über die Firma bei Googles Übersetzungsmaschine ein, da heißt die Firma dann Homosexuell Brüder).

Die älteste Uhr mit Stahlband, die ich besitze, ist diese Alpina Tresor mit einem sehr feingliedrigen Band aus V2A Stahl. Eine sogenannte Sportuhr der dreißiger Jahre, die schon eine kleine Sensation war, weil sie ein integriertes Edelstahlband hatte. Das massive Aussehen des Bandes täuscht, unter den Stahlplättchen der Oberseite verbirgt sich ein Milanaiseband. Es ist eine der ersten echten Sportuhren der dreißiger Jahre, es gab sie auch mit weißem Zifferblatt (und auch mit dem Markennamen Gruen auf dem Zifferblatt). Und eines Tages auch mit Stoßsicherung. Dieses Modell heißt Siegerin, da ist Deutschland schon im Krieg. Die Uhr kostete damals mit dem Alpina Werk (es gab sie auch mit preisgünstigeren Werken) fünfundsiebzig Reichsmark. Für eine Uhr mit einem Leuchtzifferblatt musste man drei Mark extra bezahlen.

Der Name findet sich auf häufig auf den Uhren, die die Alpina an die Kriegsmarine (Zifferblattaufdruck KM) lieferte. Meine Tresor ist aus den ersten Jahren, sie hat noch keine Stoßsicherung. Hat aber die letzten achtzig Jahre gut überstanden. Auch die Firma Tutima brachte Ende der dreißiger Jahre eine Sportuhr auf den Markt - die Sportuhren dieser Zeit sind die Vorläufer der Militäruhren des Zweiten Weltkriegs. Allerdings kann die Tutima nicht wirklich mit der Alpina Tresor konkurrieren, ihr Gehäuse (von Kollmar & Jourdan) ist nur aus verchromtem Nickel gewesen.

Das Modell Tresor ist in der Zeit zwischen 1935 und 1940 gebaut worden, die Uhr kostete damals 65 Mark. Das war für eine deutsche Uhr teuer, die preiswerteste IWC kostete nur fünfzig Mark mehr. Das war das rechteckige Modell mit dem Kaliber 86, für das Sammler heute mindestens zweitausend Euro auf den Tisch legen müssen. Eine Alpina Tresor kann man vielleicht billiger bekommen, allerdings ist sie mit dem Edelstahlband kaum zu finden. Eine rechteckige Junghans kostete damals nur 18 RM. Mein Vater hat seine noch bis in die fünfziger Jahre getragen

In der Tresor tickte das Kaliber 586, das die Alpina von Marc Favre in Biel-Madretsch bezog. Das äußerlich unscheinbare Werk (nicht derart feinbearbeitet wie das IWC Werk oben) war von erstklassiger Qualität, es wurde noch bis in die fünfziger Jahre gebaut. Neben Marc Favre bezog die Alpina auch eine Vielzahl von Werken von Jean Aegler, der auch die Firmen Gruen und Rolex belieferte. Der offizielle Name der Firma war damals Aegler, Société Anonyme, Fabrique des Montres Rolex & Gruen Guild. Das tut Rolex Fans immer sehr weh, wenn man ihnen sagt, dass es diese tollen, einzigartigen Rolex Werke auch in einer Gruen oder einer Alpina gibt.

Eine eingeschlagene Aufschrift wie V2A oder Krupp Stahl findet man in den dreißiger Jahren häufig. Man experimentierte noch mit den Legierungen für Gehäuse und Bänder. Denn Edelstahl ist nicht gleich Edelstahl. Obwohl rechteckige Uhren in dieser Zeit der große Renner sind, findet man selten rechteckige Uhren, deren Gehäuse ganz aus Edelstahl ist. Die Longines, die Humphrey Bogart hier (und in Casablanca) trägt, ist nicht aus Edelstahl. Die ist aus vergoldetem Blech. Wenn Sie wollen, können Sie hier und hier alles über Armbanduhren in Amerika in dieser Zeit lesen.

Das hier ist natürlich etwas, was man wirklich nicht macht. Zum dinner jacket trägt man keine Uhren mit einem Edelstahlband. Egal, ob sie von Omega (wie hier) oder von Rolex sind. Die Amerikaner haben das schöne Wort dress watch (wahrscheinlich als Analogie zu dem Wort dress shirt gebildet), und damit meint man eine elegante, flache, unauffällige Uhr. So wie Uhren früher einmal waren, bevor sie sich in Richtung Zuhälter Uhr entwickelten und gar nicht groß genug sein konnten. Die Alpina Tresor hat einen Durchmesser von 28mm, die meisten echten Sportuhren aus dieser Zeit sind so klein.

Die Revue Sport aus den dreißiger Jahren zum Beispiel ist nur unwesentlich größer (und auch die meisten Uhren von Patek oder Rolex sind in den dreißiger Jahren nur 30 mm groß). Die Revue sieht der Tresor sehr ähnlich, da hat wohl irgend jemand ein wenig kopiert. Diese Uhr war noch revolutionärer als die Alpina Tresor. Nicht nur, weil sie durch die Korkdichtung in der Krone und die Bleidichtung im verschraubtem Boden beinahe wasserdicht war, sondern weil in ihr zum ersten Mal die von Dr Reinhard Straumann (dem die Firma Revue Thommen gehörte) entwickelte Kombination von Nivarox Spiralfeder und Glucydur Unruhe eingebaut wurde. Heute hat jede bessere Uhr eine solche Unruhe und eine solche Spiralfeder, damals durfte Straumann sie in der technologiefeindlichen Schweiz nicht herstellen (ich habe hier schon darüber geschrieben).

Die Revue Sport ist vor Jahren noch einmal als re-make auf den Markt gekommen, wurde damals von Manufactum angepriesen. War natürlich nicht the real thing. Straumann verkaufte die Revue Sport auch nach Amerika. Da stand dann der Name Wittnauer auf dem Zifferblatt. Und der wunderbare Zusatz Allproof. Ein Name, den Wittnauer (die schon lange ihre Uhrwerke von Revue bezogen) seit 1918 verwendete.

Damals war die All-Proof sozusagen die Mutter aller Sportuhren: wasserdicht, stoßsicher und antimagnetisch. Man hat sie zu Werbezwecken aus Flugzeugen abgeworfen (Jimmie Mattern flog mit ihr um die Welt) und vom Empire State Building geworfen - sie hielt alles aus. Ich habe so ein bezauberndes kleines Exemplar, unterwerfe sie heute aber keinen Tests mehr. Aber sie geht nach beinahe neunzig Jahren noch immer. Meine hat ein braunes Krokoband, diese beiden hier haben Armbänder der amerikanischen Firma Kestenmade, die wohl aus den dreißiger Jahren stammen.

Nicht nur All-Proofs halten lange, auch Edelstahlbänder halten lange. Na ja, die von Rolex nicht so. Dies hier ist ein ausgeleiertes altes Rolex Band, die Zwischenräume zwischen den einzelnen Stahlgliedern dürften nicht sein. Edelstahlbänder sind sehr pflegeleicht. Einmal im Monat etwas Wasser und Seife für das Band (nicht die Uhr) reichen aus. Manche schwören darauf, ein Edelstahlband in Coca Cola zu werfen. Sieht hinterher angeblich wie neu aus. Es funktioniert, aber lassen Sie es lieber.

Als ich gerade dabei war, das Gelände des Flohmarktes zu verlassen, sah ich noch einen Händler mit einem Tisch voller Bücher. Er hatte auf dem Boden zwei große Kisten voller Bücher von Hans-Jürgen Heise. Über den im letzten November gestorbenen Dichter aus Kiel hatte ich eigentlich im April schreiben wollen, bin aber nicht dazu gekommen. Ich entdeckte in den Kisten einen Sammelband, den ich noch nicht besaß: Gedichte und Prosagedichte 1949-2001. Verlegt vom Wallstein Verlag. Ich habe das Gefühl, dass die inzwischen einer der interessantesten Verlage geworden sind. In dem Buch lag eine Photokopie mit einem Gedicht von Zlatko Krasni, von Hans-Jürgen Heise mit handschriftlichen Korrekturen versehen. Es hat den Titel Dichter und Wasser. Und damit das heute nicht zu prosaisch wird, tippe ich das mal eben ab:

Hans-Jürgen Heise lebt in Kiel in der Graf-von-Spee Straße
und schaut auf die Ostsee,
Rafael Alberti in seinen Büchern und schaut auf den Fluss
Paraná, der im Rio de la Plata mündet.
Lasse Söderberg lebt in Malmö und schaut auf Paraná,
der im Rio de la Plata mündet und schreibt,
wie Rafael Alberti auf diese Flüsse geschaut hat.
Dieses Gedicht ist Tobias Burghardt gewidmet,
der in Stuttgart lebt und ein Gedicht übern Rio de la Plata
geschrieben hat.
Heise sah Rafael Alberti, wie er auf den Ohrider See schaut,
und schrieb ein Gedicht darüber.
In diesem Jahr schaut Lasse Söderberg auf den Ohrider See.
Michael Speier lebt in Berlin und schreibt ein
Gedicht darüber, wie das Schiff Graf von Spee im Rio de la Plata gesunken ist.
Wer lebt wo und wer schaut jetzt auf welches Wasser?

Die Graf von Spee Straße hat Heise in eine Graf Spee Straße korrigiert, er muss es wissen, er wohnte in der Straße. Auf die Ostsee gucken konnte er da allerdings nicht.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Lord Byrons Schuhe


Lord Byron putzt seine Schuhe nicht. Das sagt uns Percy Bysshe Shelley: He was very tall, but so bent that he seemed of ordinary height, and although his figure was so fragile, his bones and joints stood out too much, even grossly. And yet all these details, themselves unbeautiful, still formed an extremely sympathetic being... He was also extraordinary in his dress, for he generally wore a school-boy's jacket, never any gloves, and unpolished shoes and yet, among a thousand gentlemen, he would always have seemed the most accomplished. Wenn der junge Lord seine Schuhe nicht putzt, dann gibt es einen anderen, der das tut. Und der heißt John Arnaud Robin Grey (Jock) Murray. Er ist der sechste in einer berühmten Verlegerfamilie, die einst Byrons Werke verlegte.

Dass der Verleger und Byron Sammler Jock Murray die schwarzen Stiefel Byrons putzt, weiß ich aus einem Gedicht von Andrew Hudgins, das Lord Byron’s Boots heißt:

From their display case, John Murray VI removed
his obit said, Lord Byron’s boots from time to time, and smeared
hard black wax on dry two-hundred-year-old leather,
working it into cracks and gouges first burnished
with tallow and lampblack, a job I’d like. Come now, my man,
I want to see those elbows fly! If you think I’ll wear your work
to promenade the most admired and fashionable whores,
you may go to hell and fuck spiders. And back to work I go
on my own boots, blacking scuffs, and buffing scrapes, gouges, cuts,
and time to an elegant but not excessive luster.

Das Gedicht findet sich in der Sammlung A Clown at Midnight, aus der ich ➱Ostern schon das wunderbare Gedicht Princess after Princess zitiert habe. Dieser Cartoon ist von dem berühmten Max Beerbohm, hat den Titel Lord Byron, shaking the dust of England from his shoes. Die schwarzen Stiefel sind wahrscheinlich von William Smith aus Southwell angefertigt. Viele Schuhmacher aus dieser Zeit sind heute noch bekannt. Der Duke of Wellington vertraute George Hoby in der  St. James's Street, der ihm seine geliebten Hessian boots machte. Hoby hatte das Königshaus und die Aristokratie - George ➱Brummell nicht zu vergessen - als Kunden. Den Dandy Brummell hat ➱Lord Byron durchaus bemerkt, hat er doch gesagt: There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell.

Es ist die Zeit, in der die Gentlemen an ihren Schuhen gemessen werden (das tut man heimlich noch heute), und so kann man in einer Schmonzette mit dem Titel Letter from a Rake lesen: Her eyes drifted lower to the highly polished black Hussar boots which clung to his calf muscles. She took a deep breath and tried to turn her head away, but found herself unable. Or was it unwilling? Das hätte Jane Austen nicht zu schreiben gewagt, Sasha Cottman (die ➱hier auch eine nette Seite über den Regency Dandy hat) wagt das natürlich. Verkauft sich wahrscheinlich gut. Hält aber nicht so lange wie die Romane von ➱Jane Austen. Das Buch hier, Sarah Jane Downings Fashion the Time of Janes Austen kann ich uneingeschränkt empfehlen. Ob Sie die Dissertation The Boot and Shoe Trades in London and Paris in the Long Eighteenth Century von Giorgio Riello lesen wollen, müssen Sie selbst entscheiden (Sie finden sie ➱hier).

George Hoby war ein schlagfertiger Mann, der seinen eigenen Handwerkerstolz hatte. Und der ungern das Gemäkel von Kunden an seiner Kunst ertrug. ➱Captain Gronow erwähnt ihn mehrmals in seinen Erinnerungen. Dort findet sich auch die schöne Geschichte, dass der junge Fähnrich Horace Chatham Churchill (der es noch zum General bringen sollte) wutentbrannt in Hobys Laden kommt, um sich über die angeblich mangelhafte Qualität seiner Stiefel zu beschweren. Niemals wieder würde er sich von Hoby ein Paar Schuhe machen lassen: Hoby, putting on a pathetic cast of countenance, called to his shopman, “John, close the shutters. It is all over with us. I must shut up shop; Ensign Churchill withdraws his custom from me.” Das ist nun wirklich witzig.

Captain Gronow weiß auch zu berichten, dass Hoby in dem Augenblick beim Herzog von Kent (dem Vater der späteren Königin Victoria, wir können annehmen, dass die Stiefel auf diesem Bild von Hoby sind) war, als der die Botschaft von Wellingtons Sieg in Vitoria erhielt. Wenn der Herzog seinem Schuhmacher von dem Sieg erzählt, sagt der nur kühl: If Lord Wellington had had any other bootmaker than myself, he never would have had his great and constant successes; for my boots and prayers bring his lordship out of all his difficulties. Das mit dem Beten ist sicherlich wahr, George Hoby war in seiner Freizeit Methodistenprediger. Und er hat seinen Herzog, nach dem heute in England die ➱Gummistiefel wellies heißen, wirklich geliebt. Er hinterließ bei seinem Tod ein Vermögen von 120.000 Pfund, das wären heute Millionen. Ich glaube nicht, dass ein Schuhmacher jemals so viel verdient hat. Julius Harai (der für Max Schmeling und Walter Scheel die Schuhe machte) nicht und Benjamin Kleman wohl auch nicht. John Lobb vielleicht. Manolo Blahnik dank Sex and the City wohl auch.

Aber ich sollte auf Lord Byron zurückkommen. Die italienische Contessa Teresa Guiccioli weiß in ihren Erinnerungen an ihren Geliebten dazu zu sagen, dass Byron ganz normale Füße hatte. Dass er einen Klumpfuß wie Goebbels gehabt habe, ist wohl eine Erfindung seiner Feinde. Teresa Guiccioli zitiert in ihrem ➱Buch eine persönliche Erklärung des englischen Schuhmachers William Swift:

William Swift, bootmaker at Southwell, Nottinghamshire, having had the honor of working for Lord Byron when residing at Southwell from 1805 to 1807, asserts that these were the trees upon which his lordship's boots and shoes were made, and that the last pair delivered was on the 10th of May, 1807. He, moreover, affirms that his lordship had not a club foot, as has been said, but that both his feet were equally well formed, one, however, being an inch and a half shorter than the other. The defect was not in the foot but in the ankle, which, being weak, caused the foot to turn out too much. To remedy this his lordship wore a very light and thin boot, which was tightly laced just under the sole, and, when a boy he was made to wear a piece of iron with a joint at the ankle, which passed behind the leg and was tied behind the shoe. The calf of this leg was weaker than the other, and it was the left leg. 

Interessant ist hier, dass der Schuhmacher William Swift betont, dass es der linke Fuß ist, viele Zeitgenossen und Historiker reden von dem rechten Fuß. So ein Dr. Laurie, der Byron als Kind behandelte. Dann ➱Stendhal (der Byron 1816 in der Mailänder Scala begegenet) und Byrons Freund Trelawny. Für die These mit dem linken Fuß gibt es allerdings gewichtigere Zeugen. Da wäre neben dem englischen Schuhmacher William Swift der Bildhauer Bertel Thorvaldsen (der ➱hier einen Post hat). Der Byron sicherlich genau studiert hat, als er eine Statue von ihm anfertigte. Und dann ist da noch der Dr Julius Michael Millingen, Byrons Leibarzt in Griechenland. Ach, es ist schön, dass wir das mal geklärt haben.

In seinen Jugendjahren war die leichte Deformation für Byron ein Greuel, spätestens seit ➱Mary Chaworth von that little lame boy gesprochen hat. Später konnte er ironisch darüber sprechen: The Morning Post in particular has found out that I am a sort of Richard the third - deformed in mind & body - the last piece of information is not very new to a man who passed five years at a public school. Byron hat in seiner Jugend orthopädische Schuhe getragen, von denen einer erhalten ist. Deshalb konnte er bei dem Cricketmatch zwischen Eton und Harrow auch nicht selbst laufen, sondern hatte einen substituteLord Byron insisted upon playing and was allowed another person to run for him, his lameness impeding him so much.

Falls Sie den Roman The Go-Between (zu dessen Verfilmung es ➱hier einen langen Post gibt) gelesen haben, dann wissen Sie natürlich, was ein substitute ist. Und wenn Sie alles über Cricket wissen wollen, klicken Sie ➱hier. Der Rest des Tages verläuft so, wie es  sich für junge englische Gentlemen gehört: After the match we dined together and were extremely friendly, not a single discordant note was uttered by either party. To be sure we were most of us rather drunk and went to the Haymarket Theatre, where we kicked up a row as you may suppose, with so many Harrovians and Etonians met at one place. Wir haben kein Bild von dem damaligen Spiel, dieses Bild (The Cricket Match between Sussex and Kent at Brighton) ist vierzig Jahre jünger, aber wir können uns vorstellen, dass es am 2. August 1805 auf dem Platz von Thomas Lord ähnlich ausgesehen hat.

Als Byron in Missolonghi im Sterben liegt, klauen ihm die Griechen alles. Auch die Schuhe. Ein Paar Slipper tauchen allerdings nach über hundert Jahren wieder auf. In einem kurzen Artikel im New Yorker vom 16.10.1954 von Peter Tompkins wird die Geschichte erzählt, wie ein australischer Sergeant 1945 in Griechenland von einem Paar Schuhe hört, die Byron gehört haben (ein Paar leichte, schmale, verblasste Pantoffeln in Händen, die Sohlen aus Saffianleder, die Oberseite mit zarter gelber Seidenstickerei und die Spitzen nach orientalischer Mode aufgebogen). In längerer Form findet sich diese Geschichte in dem Band Roumeli von Sir Patrick Leigh Fermor, der Lordos Vyron’s slippers gefunden hat. Die Welt hat sie 2011 unter dem Titel Lord Byrons Schuhe abgedruckt, Sie können die ganze Geschichte ➱hier lesen.

Der Belgier Joseph-Denis Odevaere, der das Bild mit dem toten Byron zwei Jahre nach Byrons Tod plakativ als neoklassizistisches Tableau malte, hat den rechten Fuß Byrons mit einem Laken umhüllt. Warum den rechten? Sagt doch sein Schuhmacher, dass sein linker Fuß die Deformation hatte. Hat Odevaere den toten Dichter wirklich gesehen? Nein, wir können dieses Bild (was manche allerdings tun) nicht als Beweis für Byrons mißgestalteten Fuß nehmen.

Odevaere war nicht in Missolonghi, er war in Brüssel: Dort trat er erneut in engen Kontakt mit seinem einstigen Lehrer David, als dieser sich 1816 in die Emigration nach Brüssel zurückzog, wo er sein Spätwerk schuf. Odevaere hatte sich unmittelbar nach Beginn des Aufstands in Griechenland den belgischen philhellenischen Komitees angeschlossen und war unermüdlich für die Sache der Griechen tätig. Zwischen 1825 und 1829 entwarf er acht großformative Szenen des griechischen Freiheitskampfes, darunter mehrer Historienbilder, die er in Ausstellungen zur Beeinflussung der der öffentlichen Meinung für ein freies Hellas präsentierte.

So steht es im Katalog zur Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums München Das neue Hellas. Griechen und Bayern zur Zeit Ludwigs I. Und die Professoren Reinhold Baumstark und Adrian von Buttlar (der ➱hier schon erwähnt wird) werden wissen, was sie sagen. Das Bild mit dem überlebensgroßen Byron sieht aus, als hätte er einfach nur das Bild des toten Hektor von seinem Lehrer  Jacques-Louis David seitenverkehrt kopiert und die Figurengruppe im Vordergrund fortgelassen.

Aber spektakulär inszenierte tote Dichter haben in der Romantik Konjunktur, da fragt man nicht nach dem Wahrheitsgehalt. Und so können wir uns den Tod von ➱Thomas Chatterton und die Beerdigung von ➱Shelley so vorstellen, wie Henry Wallis und Louis Edouard Fournier sie gemalt haben.

Byron (hier eine wunderbare ➱Staffordshire Pottery: George Gordon Noel Byron and the Maid of Athens) hatte ein besonderes Verhältnis zu Schuhmachern. Vielleicht deshalb, weil der junge Mr Patterson (oder Pattison), der ihm in Aberdeen Latein beibrachte, Sohn seines Schuhmachers war: He was the son of my shoemaker, but a good scholar, as is common with the Scotch. Und dem Schuhmacher in Venedig, dessen Haus gerade abgebrannt war, gab er das Geld für den Neubau: The house of a shoemaker, near his Lordship’s residence, in St. Samuel, was burned to the ground, with all it contained, by which the proprietor was reduced to indigence. Byron not only caused a new but a superior house to be erected, and also presented the sufferer with a sum of money equal in value to the whole of his stock in trade and furniture.

Wenn er in English Bards and Scotch Reviewers dichtet:

Ye tuneful cobblers! still your notes prolong,
Compose at once a slipper and a song;
So shall the fair your handiwork peruse,
Your sonnets sure shall please—perhaps your shoes.

dann meint er aber eher Englands Dichter als Englands Schuhmacher. Man sollte die Dichter und die Schuhmacher schon auseinanderhalten (es sei denn, sie sind Schuh-/ macher und Poet dazu). Das schreibt er auf jeden Fall seinem Verwandten Robert Charles DallasYours and Pratt’s protégé, Blackett, the cobbler, is dead, in spite of his rhymes, and is probably one of the instances where death has saved a man from damnation. You were the ruin of that poor fellow amongst you: had it not been for his patrons, he might now have been in very good plight, shoe- (not verse-) making: but you have made him immortal with a vengeance. I write this, supposing poetry, patronage, and strong waters to have been the death of him.
Der arme Blackett bekommt dann noch einen dichterischen Nachruf von ihm: Epitaph for Joseph Blackett, Poet and Shoemaker. Das ist nun wirklich nicht sehr nett:

STRANGER! behold, interred together,
The souls of learning and of leather.
Poor Joe is gone, but left his all:
You’ll find his relics in a stall.
His works were neat, and often found
Well stitched, and with morocco bound.
Tread lightly—where the bard is laid
He cannot mend the shoe he made;
Yet is he happy in his hole,
With verse immortal as his sole. 
But still to business he held fast,
And stuck to Phœbus to the last.
Then who shall say so good a fellow
Was only “leather and prunella”?
For character—he did not lack it; 
And if he did, ’twere shame to “Black-it.”

Es gibt damals noch einen anderen dichtenden Schuhmacher, den Byron auch nicht mag. Der heißt Robert Bloomfield und im Gegensatz zu Joe Blackett hat er sogar richtigen Erfolg. Bis seine Verleger Pleite machen. Aber Byron scheint der Meinung zu sein, dass ein Schuster bei seinen Leisten bleiben soll. Vielleicht hätte er manche seiner Zeitgenossen, die nicht auf einer Public School waren und sich ihre Bildung hart erarbeitet haben, besser beachten sollen. Wie den armen ➱John Clare (Bild), der am Beginn seiner Karriere Byron nachdichtet. Um eines Tages zu erklären: I'm John Clare now. I was Byron and Shakespeare formerly. Aber da ist er schon ein klein wenig wahnsinnig.

Das ist Byron in den Augen vieler ja auch, mad, bad and dangerous to know hat man über den Sohn von Captain John Byron (den man Mad Jack nannte) gesagt. Für seinen Verleger John Murray war er: Wild, audacious, rebellious, ... half mad by nature. So steht es in seinem Buch Lord Byron and His Detractors, ein Buch, das hundert Seiten voller Schmäh der Zeitgenossen enthält.

Byrons Füße und kein Ende. Es ist nicht nur Andrew Hudgins, der über Byrons Schuhe schreibt. Auch ein Amerikaner namens George Greene (a pop-culture Juvenal, whose satiric strain is both trenchant and elegiac) hat gerade einen Gedichtband mit dem Titel Lord Byron's Foot veröffentlicht. Wo es heißt:

That day you sailed across the Adriatic,
wearing your scarlet jacket trimmed in gold,
you stood there on the quarter deck, beglamored,
but we were all distracted by your foot.
Your foot, your foot, your lordship’s gimpy foot,
your twisted, clubbed and clomping foot, your foot.

Das geht mit dem Fuß jetzt so weiter. Sie können das ganze Gedicht ➱hier lesen. Vielen Zeitgenossen ist Byrons Fuß überhaupt nicht aufgefallen. So versichert uns John Galt in ➱The Life of Lord Byron: The sense which Byron always retained of the innocent fault in his foot was unmanly and excessive; for it was not greatly conspicuous, and he had a mode of walking across a room by which it was scarcely at all perceptible. I was several days on board the same ship with him before I happened to discover the defect; it was indeed so well concealed, that I was in doubt whether his lameness was the effect of a temporary accident, or a malformation, until I asked Mr Hobhouse. Aber nun genug von dem Fußfetischismus. Das Einzige, was uns bei Dichtern interessiert, sind ihre Versfüße. Und da findet sich bei Byron kein Makel. Wenn wir ehrlich sind, denken wir bei Byrons Füßen und Byrons Schuhen doch eher an so etwas:









Lesen Sie auch: ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Cliff Roberts, Artisan. Und noch mehr Byron findet sich unter: Shelley, Lord Byron, Dracula, Henry Kirk White, Drachenfels, Sigrid Combüchen, Luxuskutschen und Thomas Moore.

Dienstag, 6. Mai 2014

Lenbach


Als ich im Kalender sah, dass der Maler Franz von Lenbach am 6. Mai 1904 gestorben ist, wollte ich über ihn schreiben. Über diesen Münchener Malerfürsten, der von seinem Talent her alles hätte werden können, aber dann doch nur jemand geworden ist, der fabrikmäßig Bilder vom Kanzler ➱Bismarck malte. Knapp achtzig solcher Bilder kennt man, 137 will er gemalt haben. Damit würde er ➱Gilbert Stuart geschlagen haben, der nur 130 Kopien seines berühmten Bildes von Washington angefertigt hat.

Heute ist er jemand, dessen Bilder die Direktoren von Kunsthallen am liebsten im Magazin sähen. Als er starb, gab es Nachrufe wie: Man kann fast sagen: ›er hat die Großen der Erde gemalt‹, so wenige fehlen in der Reihe derer, die Lenbach konterfeite. Sein Werk als Maler Bismarcks allein macht ihn unsterblich. Drei bayerische Könige und drei deutsche Kaiser, die großen Schriftsteller und bildenden Künstler, Musiker, Gelehrte, Staatsmänner, Kirchenfürsten, die Größen der Industrie und Finanz, die schönen Frauen aller Länder bis hinüber zu den stolzen Dollarfürstinnen der neuen Welt, Bühnensterne und schillernde Sterne der Halbwelt, alle Meteore exotischer Schönheit, die gelegentlich am deutschen Himmel aufleuchteten, und viele schlichte, ernste Menschen dieser Zeit und seines Kreises hat sein Pinsel verewigt.

Aber hatte ich nicht schon einmal über ihn geschrieben? Dass ich über ➱Moritz von Schwind geschrieben habe, das wusste ich. Das vergesse ich auch nicht. Ich bin da allerdings überrascht, dass der Post über Moritz von Schwind so häufig gelesen wird. Ich gab also sicherheitshalber den Namen Lenbach in das kleine Suchfeld ein, und siehe da, es gab längst einen ➱Lenbach Post. Lenbach, der die Großen der Erde gemalt hat, ist in seiner Zeit nicht der einzige Münchener Malerfürst, neben ihm sind da noch Franz von Stuck und Friedrich August von Kaulbach. 

Die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft; die Kunst streckt ihr rosenumwundenes Szepter über die Stadt hin und lächelt. Eine allseitige, respektvolle Anteilnahme an ihrem Gedeihen, eine allseitige, fleißige und hingebungsvolle Übung und Propaganda in ihrem Dienste, ein treuherziger Kultus der Linie, des Schmuckes, der Form, der Sinne, der Schönheit obwaltet... München leuchtete. Das Thomas Mann Zitat musste hier mal eben sein. Thomas Mann war von Lenbach sehr beeindruckt. Genauer sollten wir sagen: er war davon beeindruckt, dass die Familie ➱Pringsheim, in die er einheiratete, so viele Lenbachs besaß. Doch trotz der literarischen Überhöhung durch das München leuchtete, München ist in der Kaiserzeit auch eine Hochburg des schlechten Geschmacks. Nur der Österreicher Hans Makart kann das noch übertreffen.

Und da wir bei schlechtem Geschmack und Österreichern sind, hätte ich gleich ein Beispiel. Das Lenbach Bild hier war von der Gruppe Sonderauftrag Linz für Adolf Hitler gekauft worden. Natürlich nicht für ihn privat: Was ich besitze, gehört – soweit es überhaupt von Wert ist – der Partei, sollte diese nicht mehr existieren, dem Staat... Ich habe meine Gemälde in den von mir im Laufe der Jahre angekauften Sammlungen niemals für private Zwecke, sondern stets nur für den Ausbau einer Galerie in meiner Heimatstadt Linz an der Donau gesammelt. Daß dieses Vermächtnis vollzogen wird, wäre mein herzlichster Wunsch. Und so ist die nackte Pasqualine Waldheim heute beim ➱Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen gelandet.

Diese Schlangenkönigin musste offenbar auch gemalt werden. Wahrscheinlich wollte der Lenbach Franz dem Stuck Franz mal zeigen, dass er dessen Salome noch übertreffen kann. Kitsch as Kitsch can. Ich glaube, ich höre mal damit auf, schlechte Lenbachs hier abzubilden. Wenn man Franz von Lenbach bei Google Bilder eingibt, serviert einem Google als Verwandte Suchanfragen den Namen Max Liebermann. Ich weiß nicht so recht, was die beiden gemein haben sollen. Gut, Lenbach hat Liebermann nach München gelockt, beide kann man Malerfürsten nennen, aber da hört es auch schon auf.

Wenn er so weitergemacht hätte wie mit diesem Bild (das heute in der Kunsthalle Hamburg hängt), dann wäre vielleicht etwas aus ihm geworden. Vielleicht so etwas wie Liebermann, der ein großer Maler war. Was nicht alle anerkannten. So schreibt ein gewisser Hans Emil Hansen, der sich nach seinem Geburtsort Nolde nennen wird (und der kein großer Maler war), über Liebermann: Er veranlasst, daß so viel wie möglich über ihn geschrieben und publiziert wird, er macht, malt und stellt aus, so viel er nur kann. Die Folge davon ist, dass die ganze junge Generation, übersatt, schon nicht mehr seine Arbeiten ansehen kann und mag, daß sie erkennt, wie absichtlich dies alles ist, wie schwach und kitschig nicht nur seine gegenwärtigen Arbeiten, sondern auch so manche seiner früheren es sind. Das schreibt der Mann, der sich in einem Brief an Goebbels als fast einzigster deutscher Künstler im offenen Kampf gegen die Überfremdung der deutschen Kunst sieht. Denn die Kunst des Mannes, der seinen nichtjüdischen Konkurrenten Max Pechstein bei Goebbels als Juden denunzierte und der so gern der führende Künstler des Nationalsozialismus geworden wäre, ist deutsch, stark, herb und innig.

Dazu fällt mir nur das Zitat von Wilhelm Busch ein: Wenn einer, der mit Mühe kaum. Geklettert ist auf einen Baum, Schon meint, daß er ein Vogel wär, So irrt sich der. Und mit Wilhelm Busch höre ich auch auf. Dem schreibt Lenbach einmal: Ewig der Deine F. Lenbach Mitarbeiter am Verfall der Kunst. Mitarbeiter am Verfall der Kunst, das ist doch mal ein schönes Schlusswort.

Sonntag, 4. Mai 2014

automobilia


Irgendwie hatte ich gedacht, es würde noch mehr werden. Aber es sind immerhin 57 Posts geworden. Ich habe mir nämlich einen neuen Blog gebastelt, der ➱automobilia heißt. Hat eine wunderbare Internetadresse und sieht eigentlich ganz nett aus. Wenn ihre Lieblingslektüre das Büchlein Die Autopest von Hanspeter Padrutt ist, dann ist das allerdings nichts für Sie. Wenn Sie Abonnent von Auto Motor und Sport sind, dann wahrscheinlich auch nicht. Es ist auch nichts wirklich Neues, ich habe nur aus dem Blog alle Posts gesammelt, die unter das Thema fallen.

Falls ich jemals dazu komme, über Erwin Panofskys wunderbaren Aufsatz The Ideological Antecedents of the Rolls-Royce Radiator zu schreiben, dann würde das hier natürlich auch stehen. Die Rolls Royce Fans möchte ich aber darauf hinweisen, dass der Titel ein kleiner Etikettenschwindel ist: der berühmte Rolls Royce Kühlergrill mit dem Spirit of Ecstasy kommt lediglich im letzten Absatz des Aufsatzes vor. Denn zuvor geht es um das Vorbild des Kühlers, die Palladian Architecture des 18. Jahrhunderts (Sie könnten dazu jetzt den Post ➱Lord Burlington lesen).

Rolls Royce Liebhaber sind besser bedient mit dem kleinen Buch Rolls-Royce: The Complete Works von Mike Fox und Steve Smith, enthält die besten 599 Rolls Royce Geschichten. Die Geschichte, wie Michael Caine sich seinen ersten Rolls Royce kauft, ist da aber nicht drin. Sie können sie aber ➱hier lesen. Da ich gerade dabei bin, Bücher über Automobile zu empfehlen, will ich Borgward: Ein Blick zurück. Auf Wirtschaftswunder, Werksalltag und einen Automythos von Ulrich Kubisch und Volker Janssen nicht auslassen. Das ist das Katalogbuch (erschienen bei der Elefanten Press) zu einer kleinen Wanderausstellung von Borgward Automobilen gewesen, die ab 1984 in verschiedenen Städten der Bundesrepublik zu sehen war. Habe ich in Kiel in einer großen, leerstehenden Fabrikhalle gesehen.

Dass dies Buch mehrere Auflagen erreicht hat, zeigt, dass es offensichtlich noch viele Verehrer der Isabella, der Traumfrau der fünfziger Jahre, gibt. Dieses Buch schenkt dem Borgward Freund alles, eine Übersicht über alle Modelle aus den Häusern Borgward, Lloyd und Goliath und eine Firmengeschichte von Aufstieg und Untergang. Dazu reich bebildert mit Photographien und Dokumenten. Diesen Borgward RS 1500 aus dem Jahre 1957 wird man auf der Straße wohl vergeblich suchen, aber es hat ihn mal gegeben.

Aber dies ist kein simpler con amore criticism, der einen Automobil Mythos feiert. Es ist im Gegenteil ein höchst kritisches Buch, in dem auch Carl Borgwards Rolle als Wehrwirtschaftsführer im Dritten Reich und der Werkalltag in den Fabriken kritisch unter die Lupe genommen werden. Das Buch gibt auch einen Einblick in die Alltagswirklichkeit des Deutschlands der Nachkriegszeit. Als sich die ersten Deutschen aufmachten, mit dem Leukoplastbomber Italien zu erobern. Es ist ein wunderbare Lektüre, wenn auch für alte Bremer etwas schmerzlich zu lesen. Die Bremer Firma Borgward kommt auch hier mehrfach vor, testen Sie mal das kleine Suchfeld oben links.

Ich könnte natürlich auch einen ausführlichen Literaturbericht über die besten Autobücher schreiben. Das wäre natürlich viel Arbeit. Aber nicht unmöglich, sie stehen bei mir nebeneinander im Regal. Automobil und Kunst wäre ein schönes Thema. Denn bevor uns die Industrie im Fernsehen mit Videos überflutete, die so sophisticated sind, dass wir sie kaum verstehen, war es die Sache der Maler, die Boliden anzupreisen. Oder sie, wie hier Sonia Delaunay, selbst zu bemalen. Georges Braque, der mal einen Alfa-Romeo bemalte (den er dann an ➱Blaise Cendrars verkaufte), erwarb mit vierundsiebzig Jahren einen Rolls-Royce. Er war nicht der erste französische Maler, der einen Rolls fuhr. Zuvor hatte sich sein junger Kollege Bernard Buffet einen geleistet.

Einer der ersten Maler, der sich dem Thema Automobil widmet ist der britisch-deutsche Maler Sir Hubert von Herkomer. Der war nicht nur Künstler, er war auch ein Wegbereiter des Motorsports in Deutschland. Für die Herkomer Konkurrenz (die man nach neunzig Jahren wiederbelebte) hatte der Maler den silbernen Pokal selbst gestaltet. Und er hat dieses schön-schreckliche Bild gemalt (das sich schon in dem Post ➱Mercédès) findet, das Die Zukunft heißt. Steht so auf der Bauchbinde, die über die nackte junge Dame drapiert ist.

Frauen und Autos (nein, nicht das, was Sie jetzt meinen) wären natürlich auch ein schönes Thema. Wie hier Catherine Deneuve in einem Morgan Plus-4. Die Dekorationsbeigaben, die die englische Firma TVR 1971 bei der Earls Court Motor Show verwendete, sind schon in dem Post ➱Wankelmotor erwähnt worden. Also, die Ideen gehen mir nicht aus, ich könnte wahrscheinlich den Rest des Jahres über alle Aspekte des Automobils schreiben. Jetzt, wo ein Anfang gemacht ist, wird sich wohl ganz langsam das eine und andere zu den 57 Posts hinzugesellen.

Und in der Zwischenzeit könnten Sie ja versuchen, noch ein Exemplar von Reimar Zellers Das Automobil in der Kunst 1886 - 1986 zu bekommen, gibt es bei Amazon Marketplace ab 1,57 €. Lohnt sich unbedingt. Schwerer wird es schon, Gerard Silks vorzügliches Buch Automobile and Culture aufzutreiben. Das war 1984 das Begleitbuch zu einer großen Ausstellung im Museum of Contemporary Art in Los Angeles, die der kulturelle Beitrag der Stadt zu den Olympischen Spielen war. Die Stadt der Engel ist schließlich die Stadt der amerikanischen car culture, die kriegten so etwas rechtzeitig fertig. Und was ist mit Detroit, der Stadt, die einst das Symbol für Amerikas mächtigste Industrie war? Da vermelden die Zeitungen für 1984 Straßenkämpfe in einer sterbenden Stadt. Sic transit gloria mundi.

Natürlich ist diese Blog frei von Witzen über ➱Porschefahrer. Und auch das Photo da unten von Frank Lünstroth lassen wir nur unter schweren Bedenken durchgehen. Ist aber witzig.




Samstag, 3. Mai 2014

Lothar Malskat


Als am Palmsonntag aber Feuer vom Himmel auf die Stadt Lübeck und ihre Kirchen fiel, brannte vom Backsteingemäuer die innere Tünche; hoch ins Gerüst soll nun Malskat, der Maler, abermals steigen, damit uns die Gotik nicht ausgeht, schreibt Günter Grass in seinem Roman Die Rättin. Der Maler Malskat, der da hoch ins Gerüst steigt, ist keine Romanfigur, den hat es wirklich gegeben. Lothar Malskat ist der Assistent des Restaurators Dietrich Fey, der den Auftrag für die Restaurierung der Lübecker Marienkirche bekommen hatte. Rechtzeitig zur 700 Jahr Feier soll alles fertig sein, die Sondermarken der Deutschen Bundespost sind schon gedruckt. Der Bundeskanzler Adenauer wird kommen. Da muss der Malskat hoch ins Gerüst steigen. Was hier auf der Marke ist, das ist keine deutsche gotische Wandmalerei - das ist ein echter Malskat. Aber das wissen vorerst nur Malskat und sein Chef.

Der wird dem Bundeskanzler vorgestellt, bekommt eine Urkunde und eine Ehrengabe. Sogar ein Professorentitel wird ihm in Aussicht gestellt. In Günter Grass' Roman Die Rättin sind die fünfziger Jahre falsche Fuffziger: Nach Berichten der Lokalpresse soll Adenauer gesagt haben: „Na, da haben Sie ja den Kunsthistorikern eine schöne Aufgabe hinterlassen." Nicht verbürgt ist die Legende, der Kanzler habe nach diesen Worten Fey zugezwinkert. Und wenige Seiten weiter heißt es: Es war nun mal die Zeit des Zwinkerns, der Persilscheine und des schönen Scheins. Im Jahrzehnt der Unschuldslämmer und weißen Westen, der Mörder in Amt und Würden und christlichen Heuchler auf der Regierungsbank, wollte niemand dies und das allzu genau wissen, gleich, was geschehen war. Während der Professor in spe sich angesichts des unerreichten mittelalterlichen Meisterwerks von gewaltiger Zeugniskraft im Ruhm sonnt und seinen Sekt trinkt, bekommen seine Gehilfen von ihm nur Bier und Schnaps spendiert. Ihr sollt auch nicht leben wie Hunde! Hier, lasst euch volllaufen, soll er gesagt haben. Den Sekt und den Ruhm hätte Lothar Malskat auch gerne gehabt. Das nagt jetzt an ihm. Das hier ist nicht der echte Lothar Malskat, das ist der viel zu früh gestorbene deutsche Schauspieler Hanns Lothar als Lothar Malskat. Den Blick des verkannten Genies, den hat er drauf.

Ich habe das Bild des Schauspielers nicht ohne Absicht gewählt, denn Schauspieler spielen auch in dem Kunstwerk im Langhaus der Marienkirche eine Rolle. Die mittelalterlichen Engel sind von dem Maler mit Gesichtern zeitgenössischer Schauspieler ausgestattet worden (der gerade in Holland verurteilte Han van Megeren hatte ja Ähnliches gemacht, und Malskat hatte schon unbemerkt 1941 seine Schwester ➱Frieda in den Schleswiger Dom gemalt), aber das stört erst einmal nicht. Wie eines Tages Hans Scheibner singen wird: Das macht doch nichts, das merkt doch keiner! Die Jubelfeiern sind vorüber, aber die Schlagzeilen sind immer noch sensationell und lauten Die Welt blickt auf St. Marien oder Die größten Funde Europas.

Die einzigen ➱Schlagzeilen, die es jetzt sonst noch gibt, kommen von dem Bundestagsabgeordneten Arno Hennig, dem Vorsitzender des Unterausschusses Kunst des kulturpolitischen Ausschusses des Bundestages. Er beklagt sich öffentlich, dass er bei dem Festakt nicht an prominenter Stelle neben dem Bischof Johannes Pautke und Konrad Adenauer gesessen habe. Zwar regen sich erste Zweifel an der Echtheit der gotischen Gemälde, aber die Bombe platzt noch nicht. Man hört nicht auf den Landeskonservator Dr. Peter Hirschfeld, der schon im Dezember 1948 Dietrich Fey ermahnt hatte: Von jeglichen Ergänzungen an Gesichtern, Händen, Füßen und Gewandkonturen ist abzusehen. Vollkommenen Fehlstellen an Gewändern ... kann eine gewisse Angleichung an die Umgebung zugelegt werden, wobei aber die Fehlstellen erkennbar bleiben müssen. Von den Fehlstellen wird dank der Kunstfertigkeit Malskats nichts übrig bleiben. Er hat ein Händchen dafür. Zuvor hatte sich sein Chef versucht, aber das war nichts: Malskat, jetzt müssen Sie ran. Waschen Sie die ganze Misere wieder ab, und dann legen Sie los! Da steigt nun hoch ins Gerüst Malskat, der Maler, damit uns die Gotik nicht ausgeht.

Erst einmal stellt die Doktorandin von Professor Richard Sedlmaier ihre Dissertation mit dem Titel Die mittelalterlichen Monumentalmalereien im Langhaus von St. Marien zu Lübeck. Ein Beitrag zu der Geschichte einer lübischen Wandmalerschule fertig. Darin stehen nur Sätze wie: Die Aufdeckung der Wandmalereien in St. Marien war für alle eine große Überraschung, hätte aber eigentlich nicht ganz unerwartet kommen dürfen. Frau Kolbe wird ihren Doktortitel nicht verlieren, der größte Teil ihrer Arbeit geht über Wandmalereien, die nicht von Malskat sind, aber der Ruf von Sedlmaier (bei dem ➱Wolfgang J. Müller vor dem Krieg promoviert hatte) ist gründlich beschädigt.

Wenn es nach dem Roman Die Rättin geht, dann ist es das Gewitter während des Festaktes gewesen, das aus dem Fälscher, dessen Werk nicht gewürdigt wird, einen reuigen Sünder macht: Schon wollte Malskat aufgeben und den Schwindel Schwindel sein lassen. Und wäre nicht das Unwetter mit Blitz und Donnerworten über Lübeck niedergegangen, hätte er womöglich geschwiegen. Nun aber, deutlich vom Himmel angesprochen, kramte der Maler Skizzen und Vorlagen, Tagebuchnotizen und sonstige Zeugnisse zusammen, nahm sich einen Rechtsanwalt und brachte in Selbstanzeige die Wahrheit, das Unzeitgemäße ans Licht.

Er wird es schwer haben, der Welt zu beweisen, dass er, Lothar Malskat, die Fresken gemalt hat. Man will die Wahrheit nicht hören. Man will nicht glauben, dass man von dem Gehilfen eines Restaurators düpiert wurde. Aber Malskat hat nicht nur Skizzen und Vorlagen, Tagebuchnotizen und sonstige Zeugnisse, er hat auch heimlich Photos von seinem work in progress gemacht. Im Januar 1955 wird Malskat in Lübeck zu 18 Monaten (Dietrich Fey zu 20 Monaten) Gefängnis verurteilt.

In dem Prozess gesteht Malskat auch, dass er im Auftrag von Dietrich Fey in etwa 600 Fällen Werke alter und moderner Meister gefälscht habe. Die sogenannte entartete Kunst ist in der Nachkriegszeit ein Renner, also malt Malskat falsche Noldes und Ähnliches. Aber obgleich er in seinen echten Werken ein verspäteter Expressionist ist, ist das ist nicht seine Sache. Er fühlt sich dem Geist der Gotik verbunden, wie er eines Tages erklären wird: Den genialen Künstlern der Stauferzeit fühle ich mich durch mein früheres Schaffen – meine gotischen Wandmalereien in der Lübecker Marienkirche und in anderen Sakralbauten – wahlverwandt. Die Koryphäen der Kulturgeschichte feierten mich als einen von ihnen und ließen mich Anno Domini 1321 dahinscheiden, bevor man mich als „größten Fälscher aller Zeiten“ entlarvte. 

Für die Künstler jener Zeit wäre die Berufung auf ihre kreative Leistung eine des Scheiterhaufens würdige Todsünde gewesen, da das Attribut „schöpferisch“ noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein allein dem Allmächtigen zustand. Sie hätten es ganz legitim gefunden, dass ich einst, der Not der Nachkriegszeit gehorchend, in ihrem Stil in Gottes Namen die Kirchenschiffe zum Frommen der Gläubigen schmückte und um meiner darbenden Familie willen auch „echte“ Rembrandts, Utrillos und Picassos hervorbrachte. Der durch die internationale Presse gegangene Malskat-Skandal ist abgeklungen, und wenn in dem berühmten SPIEGEL-Gespräch mit Heidegger mein Name einen Disput über Wesen und Aufgabe der Gegenwartskunst auslöste, so sehe ich darin ein Symptom für eine zukunftsweisende adäquate Würdigung. Es ist eine Gnade, dass ich nun, dem Kampf ums schiere Dasein enthoben, die Ernte meiner Erfahrungen mit Natur und Kunst in meinem Spätwerk einbringen darf.

Das sind hehre Worte eines Gelegenheitsarbeiters, den Dietrich Fey 1938 als Malergehilfe bei der Kirchenrestaurierung in Schleswig angestellt hatte. Und was malt Malskat da ins Kirchenschiff? Truthähne. Wir wissen, dass dieser Vogel, der in Amerika zum Erntedankfest auf den Tisch kommt, vor Kolumbus schlecht nach Europa gelangt sein kann. Der Konquistador Hernán Cortés brachte aus Amerika Haustruthühner nach Spanien mit, die sich bald von dort über Europa verbreiteten. Aber vorher? Für die nationalsozialistischen Geschichtsklitterer war dies der Beweis, dass die Wikinger (die ja bekanntlich in Haithabu zu Hause sind) Amerikaner entdeckt und die Truthähne nach Schleswig mitgebracht hatten. Aber niemand hat damals gelacht, nur der Kieler Professor Alfred Kamphausen sprach 1941 von einem Treppenwitz der Forschungsgeschichte.

Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Nach dem Prozess gegen Fey und Malskat lässt der Bischof die gotische Kunst von der Wand wischen. Was ist von Lothar Malskat, der heute vor 101 Jahren geboren wurde, geblieben? Die Romanfigur in Günter Grass' Roman Die Rättin und ein Fernsehfilm mit Hanns Lothar. Die im Rahmen des Prozesses sichergestellten Fälschungen Malskats sind in der gerichtshistorischen Sammlung des Landgerichtes Flensburg archiviert. Die Sondermarke zum 700. Geburtstag der Marienkirche wird heute ab 48,95 Euro gehandelt. Echte Malskats und Kunstdrucke sind immer noch im Handel. Aber wer wollte dafür Geld ausgeben? Lothar Malskat starb am 10. Februar 1988 in diesem Häuschen in Wulfsdorf bei Lübeck einsam mit seinen drei Hunden.

Lesen Sie auch: ➱Truthähne, ➱Han van Megeren.

P.S. Hannes Hansen hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der eigentliche Schöpfer der Truthähne der Restaurator August Olbers gewesen sei. Ich zitiere zu dem Truthahnstreit einmal das Landesamt für Denkmalpflege: Schon ein Jahrzehnt zuvor hatte der bekannte "Truthahnstreit" Furore gemacht. Die frühgotischen Wandmalereien im Schwahl des Schleswiger Doms – sie zeigen Szenen aus dem Leben Christi in Rotlinienmalerei – waren erstmals um 1890 durch den Maler August Olbers restauriert worden. Fehlstellen in den abschließenden stark zerstörten Tiermedaillonfriesen ergänzte er damals frei nach eigenen Vorlagen ohne fälschende Absicht und machte die während seiner Arbeit hinzugekommenen vier Truthähne unter der Szene "Kindermord" auf seinen zur Dokumentation angefertigten Pausen als eigene Zutat kenntlich. Provinzialkonservator Prof. Richard Haupt wies Olbers auf einen Anachronismus hin, denn schließlich kam der Truthahn erst Anfang des 16. Jahrhunderts von Amerika nach Europa. Vierzig Jahre später wurden die Malereien erneut restauriert, diesmal unter der Oberleitung des Kunstmalers Prof. Ernst Fey aus Berlin. Dabei unterstützten ihn die Gehilfen Keitz und Malskat und besonders sein Sohn Dietrich , der die Restaurierung schließlich eigenverantwortlich übernahm. Am Ende der Maßnahmen waren aus vier im Wechsel zu den Truthähnen gemalten Füchsen ebenfalls Truthähne geworden. Den Beteuerungen des alten Malers Olbers, ihm sei bei seiner Restaurierung damals ein Fehler unterlaufen und er der eigentliche Schöpfer der Truthähne, wurde kein Glauben geschenkt. Für den Kulturforscher Schirmann- Hamkens aus Schleswig schien nun endlich der Beweis für die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger erbracht. Mit Schlagzeilen wie "Truthahn entthront Columbus" nahm die Neuentdeckung einen geradezu sensationellen Verlauf, bis 1947 ein vom Hochbauamt Schleswig angefordertes Gutachten durch Prof. Wehlte (damals Berlin) Aufklärung brachte.Die vorkolumbischen Wikingerfahrten hatten nur zu gut in die germanisierende Weltanschauung des Nationalsozialismus gepaßt!