Samstag, 11. Juni 2016

Gauland (kariert)


Bekommt man viele Leser, wenn man einen Post Gauland betitelt? Oder schreckt es die Leser ab? Der Name Gauland hat ja etwas Negatives, aber neuerdings redet jeder über ihn. Es ist die silly season, und da passt der Gauland prima, silly ist er auf jeden Fall. Wie gebannt starrt die Presse auf einen 75-jährigen Herrn in karierten Jacketts, der bei ➱Anne Will als ein Objekt aus einer anderen Zeit vorgeführt wurde: Im weiteren Verlauf des Abends bot Gauland allerdings weitere Wissens- oder Wahrhaftigkeitslücken, derart dass man zu schwanken begann zwischen Verwunderung über das inzwischen im Fernsehen Sagbare und einem gewissen Bedauern für einen bitteren Mann, der die Nationalmannschaft von 1954 als die letzte klassisch deutsche erinnert und eventuell noch die von 1974 mit Müller und Maier. 

An die Mannschaft von 1954 kann ich mich noch gut erinnern, eine Hälfte davon habe ich im Volksparkstadion gesehen, als Kaiserslautern 1954 gegen Hannover unterging (lesen Sie dazu ➱1954 und ➱Hannover 96). Aber ich habe 1954 auch den Franzosen Ben Barek gesehen und für ihn geschwärmt. Auf die Idee wäre Gauland wohl nicht gekommen. Der Fußballexperte der AfD hat allerdings von den Franzosen gelernt: die beiden Le Pens haben ihre Nationalmannschaft schon vor Jahren beleidigt. Selten erinnert die Presse heutzutage an die Gauland Affäre. Die habe ich in dem Post ➱ächt deutsch erwähnt, Gauland hat damals unter Eid gelogen. Und lügen tut er immer noch. Auch wenn er da oben vor einem Plakat sitzt, das Mut zur Wahrheit verspricht.

Ich hatte am Wochenende ein nagelneues fettes BMW Cabrio vor mir auf der Straße. Nummernschild: Potsdam. Da habe ich mir gedacht, dass das ein Nachbar von Gauland sein muss. Denn der wohnt in Potsdam, nicht in Kreuzberg, wo ➱Texas-Willi mal Bürgermeister war (und ich mal eine Woche Streetworker war). Ein wenig weiter von Herrn Gauland wohnen Günther Jauch und ➱Wolfgang Joop (die Villa Rumpf ist inzwischen in Villa Wunderkind umgetauft worden). In diesen schmucken Häusern, die man auf dem Photo sieht, wohnt der AfD Politiker natürlich nicht, das sind die Plattenbauten im armen Süden von Potsdam. Aufgerüscht, aber immer noch Plattenbau.

Wenn man in Potsdam wohnt, dann wohnt man hier. Leider sind das alles ein klein wenig kriminelle Bausünden, die den Status des Weltkulturerbes gefährden. Das interessiert Alexander Gauland natürlich genau so wenig wie die Plattenbauten, die kennt er ja noch aus seiner Jugend. Er kommt aus Chemnitz, angeblich dem feinen Teil von Chemnitz. Aber das hat er hinter sich gelassen, jetzt gibt er den Weltmann mit dem englischen Jackett, der in Il Teatro seinen Rosé schlürft.

Die Bausünden von Berlin fielen solange nicht auf, als es die DDR und die Mauer gab. Da musste Berlin am Leben erhalten werden. Da konnten Millionen verschleudert werden. Da wanderte selbst diese Blondine (die mal mit dem Texas-Willi verheiratet war) nicht ins Gefängnis, obgleich sie da eigentlich hingehörte. Das Photo hier zeigt sie vor dem Untersuchungsauschuss zum Steglitzer Kreisel.

Die Blondine oben wirkt kein bisschen schuldbewusst, er hier dagegen schon. Das ist Alexander Gauland im Hessischen Parlament zur Zeit der Affäre, die seinen Namen trägt. Wir beachten bitte das furchtbare karierte Jackett und den seltsamen Schlips. Ich bin ein Produkt der Umerziehung, hat der Mann aus Chemnitz gesagt, den es nach dem Westen drängte: der Westen hatte eine geistige Dimension und die fand ich in London und Washington, in Edinburgh und San Franzisko. Und jetzt in Potsdam.

Berlin und Umgebung haben immer aus Bausünden und Gegensätzen von Arm und Reich bestanden. Ich kann da nur die Lektüre des Buches von Werner Hegemann Das steinerne Berlin: Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt empfehlen (man kann bei Google Books eine ganze Menge von dem Klassiker lesen). Auf der anderen Seite gibt es die Bücher von Harry Balkow-Gölitzer, die kulturgeschichtlich für die feinen Viertel wie Dahlem und Lichterfelde etc. manchmal ganz interessant sind. Über Potsdam hat er keinen Band geschrieben. Was wohl daran liegt, dass eine Gegend wie Wannsee als Wohngegend schon länger fein war als Potsdam.

Potsdam war Friedrich der Große, Sanssouci und eine Militärstadt (öde Kasernenstadt hat Alexander von Humboldt gesagt), aber da wohnte man nicht. Man wohnte eher in Wannsee. Gegründet als Sommersiedlung von dem Entrepreneur Wilhelm Conrad, der dafür sorgte, dass es sogar eine eigene Bahnlinie gab, die Wannseebahn (die später auch bis Potsdam ging). Bekam nach ihrem Schöpfer Conrad sofort den Namen Wahnsinnsbahn auf Conrädern oder auch Bankierszüge. Im Sommer bezog die feine Berliner Gesellschaft ihre Residenz in den Villenkolonien. Mein Freund Jimmy wohnt noch immer in dem Haus, das sein Großvater einst in Wannsee als Sommersitz hatte bauen lassen.

Alexander Gauland ist bei seinen Nachbarn nicht sonderlich beliebt: Keiner hier möchte Herrn Gauland als Nachbarn haben. Der hat hier den Spitznamen Gauleiter. Den Nachbarn kann geholfen werden. Die Firma Sixt bietet LKWs für den Umzug mit dem Werbespruch Für alle, die einen Gauland in der Nachbarschaft haben an. Ende April hat man die repräsentative Villa (die allerdings kleiner als die Villa von ➱Oskar Lafontaine ist), in der Herr Gauland eine große Wohnung hat, mit Farbbeuteln beworfen.

Es ist eine kleine Ironie unserer Zeit, dass ich just in dem Augenblick über ➱Erwin Kostedde schrieb, als am nächsten Tag Gaulands Äußerungen über Boateng in den Zeitungen standen. Erwin Kostedde war der erste Farbige in der deutschen Nationalmannschaft, er hatte damals viel auszuhalten. Die Gaulands dieser Welt gab es schon immer.

Den Jérôme Boateng kennt Gauland natürlich gar nicht, er wusste auch nicht, dass der ein Farbiger ist. Hat das arme unschuldige Opfer der Lügenpresse, der natürlich ein Biedermann und kein Brandstifter ist, am Abend bei Anne Will gesagt (es gibt hier eine schöne ➱Zusammenfassung). Was er dort zu sagen hatte, war zum Teil schreiend komisch. Wenn es nicht so traurig wäre. An das Niveau von Bilgin Ayata kam er nicht ansatzweise heran. Und dabei gilt er als der Intellektuelle seiner Partei. Das auf dem Photo ist nicht der echte Jérôme Boateng, das ist der CDU-Abgeordnete Sven Petke vor drei Tagen im Potsdamer Landtag.

Dies ist auch nicht der echte Jérôme Boateng, aber er heißt auch Boateng, Ozwald Boateng. Der trägt keine karierten Tweedjacketts. Der spielt nicht Fußball, der macht rattenscharfe Anzüge für englische Gentlemen, wenn es sein muss auch mit Karos. Die ➱Königin hat ihm den Order of the British Empire verliehen. Er ist Millionär wie Jérôme Boateng, in seiner Nachbarschaft wird es wohl keine Gaulands geben. Da wir gerade in England sind, hätte ich Herrn Gauland noch Paul Boateng anzubieten, der der jetzt Lord Boateng ist. Ich will damit nur andeuten, dass alle diese Boatengs berühmter sind als Herr Gauland. Dass sie allerdings keine karierten Jacketts tragen.

Der Herr Gauland trägt auch kurzärmlige Hemden mit Schlips. Hier könnten wir eigentlich jetzt schon aufhören. Wenn man kurzärmlige Hemden mit Schlips trägt, dann ist man gesellschaftlich erledigt! Die kurzärmligen Hemden verschwinden bei Gauland normalerweise unter karierten Jacketts, die er ➱Sommer wie Winter trägt. Er ist ja so anglophil, der Spiegel hat ihn in einem Artikel als ➱Dr Tweed bezeichnet. Darauf möchte ich heute eingehen. Nicht jeder findet ihn in diesen Jacken so großartig: Könnten „die Leute“ dem Gauland nicht mal flüstern, dass seine dicken braunen und allzu oft karierten Tweed-Jacketts ihm nicht gerade stehen? kann man im Internet lesen.

Die karierten Jacketts trug er schon, als er noch Staatssekretär in Hessen war. Damals fuhr er einen Mini Cooper, heute einen Jaguar. Weil er so anglophil ist. Den Jaguar parkt er immer im Halteverbot, weil er er eben ein Herrenmensch ist: Parkverbote finde ich lässlich. Die kann man auch brechen. Leider wird er immer von diesen Knallchargen von Polizisten aufgeschrieben. Er war mal drei Wochen in England, war aber auch ein Jahr Presseattaché am deutschen Generalkonsulat im schottischen Edinburgh. Hat der Dr Tweed jemals Fontane Jenseit des Tweed gelesen? Oder das wunderbare Major Thompson entdeckt die Franzosen? Das ist ein Werk der Satire, die Illustration auf dem Umschlag auch. Nicht alle Engländer sind so kariert.

Der Aufenthalt in Schottland verstärkt Gaulands Hang zum Britischen, der nicht zuletzt begründet wird durch das BBC-Radioprogramm, das er in der Ostzone hört; von dort flieht er als Achtzehnjähriger. Gauland fährt britische Autos und trägt Glencheck-Sakkos. Bis heute, gegen jeden Modetrend, schreibt die FAZ. Das Photo zeigt ihn in der Zeit, als er noch der Schlattenschammes von Wallmann war. Offensichtlich hat man ihm in Schottland nicht erzählt, dass man niemals weiße Hemden zu Tweedjacketts trägt.

Gauland hat auch ein Buch über das Haus Windsor geschrieben, ist allerdings in seinen historischen Ausführungen in dem steckengeblieben, was man Whig historiography nennt. Also im 19. Jahrhundert, das scheint dem Mann, der Deutschland in eine Melange aus Bismarck-Reich und arischer Nation zu verwandeln will (sagt die FAZ), das liebste zu sein. Gaulands Schriften zu England sind bei mir schon lange aus dem Regal in die blaue Tonne gewandert. Ein englischer Forschungsbericht beschrieb das Buch über die Windsors folgendermaßen: This highly impressionistic account of the English and British monarchy from the Middle Ages to the present is written for a popular market. Mehr braucht man nicht zu sagen.

Gaulands Jacketts sind ein vestimentäres Symbol, wahrscheinlich ist der Adelsexperte der ARD ➱Rolf-Seelmann Eggebert sein Vorbild bei der Kleidungswahl gewesen. Über dessen Jacken redet niemand, weil man ihn schon beinahe für einen Engländer hält (die Queen hat ihm auch englische Orden verliehen). Doch Gauland, geistiger Nachfolger von Thilo Sarrazin, hat es geschafft, dass man ihn mit seinen Jacketts identifiziert:

Insofern war es kein Wunder, dass Gauland am Sonntagabend die Tweed-Rüstung überstreifte, sein anglophiles Jackett, und aus Potsdam zu Anne Will nach Berlin kam. Schlafen kann er ja wahrscheinlich sowieso nicht, weil er selbst in der Nacht an sein überflutetes deutsches Land denkt. Jedenfalls kamen Gauland und das Jackett zu Anne Will, um über Gauland und über Fremdenfeindlichkeit zu reden, was nach Auffassung seiner Kritiker beinahe dasselbe ist.

Also, dieser Herr hier darf das tragen, bei ihm ist das keine Rüstung. Irgendwo auf dem Lande kann man so herumlaufen. Wir sehen aber, dass er kein weißes Hemd trägt. Das Tweedjackett von Charles sitzt wie eine zweite Haut, das von Gauland schlabbert nur herum. Der Held des Romans Brideshead Revisited muss sich, kaum in Oxford immatrikuliert, von seinem Cousin sagen lassen: Clothes. Dress as you do in a country house. Never wear a tweed coat and flannel trousers—always a suit. And go to a London tailor; you get better cut and longer credit. Keine Tweedjacketts! Und Debrett's Etiquette and Modern Manners sagt dazu: A combination of sports jacket and flannel trousers in town usually means the wearer is an American or European.

Für ➱Friedrich Sieburg war das anders, bei ihm konnte man 1961 in der Essaysammlung Lauter letzte Tage lesen: Es ist bezeichnend, daß die vor ungefähr dreißig Jahren von England übernommene Gewohnheit der Flanellhose mit der andersfarbigen Tweedjacke, die keine endlosen Variationen zuläßt, niemals monoton wirkt und für den Mann heute nahezu die einzige Möglichkeit bietet, sich gut und persönlich anzuziehen. Der Kontrast zwischen Hose und Rock und vor allem die verschiedenen Stoffqualitäten des letzteren sind Gelegenheiten, noch eine freie Wahl zu üben. Und dieser Herr darf natürlich karierte Jacken tragen wie er will - er hat sie erfunden: I believe in bright checks for sportsmen. The louder they are the better I like them. Aber mit Blick auf Gauland sei gesagt: quod licet Iovi non licet bovi.

Sind Sie wirklich sicher, dass das Jackett zu Ihrer Hose passt? fragt Marlene Dietrich ➱Gary Cooper in dem Film Desire. Da sind die großen Karos schon nach Hollywood gekommen. Weil ja beinahe alle Stars einen Schneider in London hatten, häufig denselben (zum Beispiel ➱Frederick Scholte), der auch die Klamotten für den Prince of Wales machte. Der Film ist aus dem Jahre 1936. Es ist das Jahr, in dem Werner Hegemann im amerikanischen Exil stirbt (und Gaulands Vater seinen Posten als Polizeichef von Chemnitz verliert). Da war Alexander Gauland noch nicht geboren, aber damals bestand die deutsche Nationalmannschaft noch aus weißen Deutschen. Wahrscheinlich möchte Gauland in diese Zeit zurück.

Doch ist das wirklich englisch? Die Verkäufer bei Ladage & Oelke in Hamburg, die den Kunden überteuerte Jacketts von Eduard Dressler mit dem Hinweis echt englisch verkaufen, werden das bejahen. Bei Cordings und Bladen ist man darauf vorbereitet, dass Touristen so etwas kaufen. Allerdings gibt der Untergang der Firma Dunn & Co doch zu denken. Der größte Verkäufer von Tweedjacketts in England veröffentlichte nämlich vor zwanzig Jahren eine Erklärung, dass man den Geschäftsbetrieb einstellen würde. Die Klienten stürben langsam weg. Und die noch lebten, dächten bei der Langlebigkeit eines Dunn & Co Jacketts nicht an einen Neukauf (die Firma dachte dabei wohl an Menschen wie Herrn Gauland).

Allein von der Ausstattung von ➱Rosamunde Pilcher Filmen und englischen TV Serien mit Tweed Jacketts konnte die Firma nicht leben. In Fernsehserien wird noch das karierte Jackett propagiert. Auf den grassierenden ➱Tweed Runs auch. Dieser Herr hier wird sich sehr englisch vorkommen, aber eigentlich ist er nur eine Karikatur der Englishness. Ich zitiere dazu Kennedy Frazer, die einmal im New Yorker schrieb: Englishness or Americanness is as accessible to the French, the Italians, or the Japanese as it is to the fashion designers or the inhabitants of its country of origin... 

This Englishness is once removed from the modern, postwar Britain they [fashionable British young people] grew up in. It is a confident, insular, countrified style filtered down through nostalgic films, television programs, and advertisements. It is only one of the styles that British fashion designers work in, and it is not necessarily their most colloquial or their most authentic. They examine Englishness partly in response to foreign enthusiasm for it. Just as the French or the Italians give anglophilia their particular signature, the British regard it in their own way, with an attitude that is inevitably tinged with irony. Sometimes fashionable young British people see Englishness as a purely foreign idea and prefer to buy it in a French or Italian Version. Ich weiß, dass das schon in Trenchcoats stand, aber ich wiederhole es gerne.

Ein Jahr nachdem Gary Cooper sein kariertes Jackett in Desire trug, reist der junge Tierarzt James Herriot nach Darrowby in den Yorkshire Dales zu dem Tierarzt Siegfried Farnon, der ihm eine Anstellung als Assistent angeboten hat. Ich rede natürlich von ➱Der Doktor und das liebe Vieh, einer Serie mit viel Tweedjacketts. Wenige so kariert wie das von Gauland. Auch in diese Welt passt er nicht, selbst wenn er gelbe Hunde auf seinem dunkelgrünen Lieblingsschlips hat. Wo bringen wir ihn bloß unter?

Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewöhnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will noch was er soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde. Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann (Goethe, Wilhelm Meister).


Wenn Sie noch mehr zum Thema Gauland lesen wollen, sind Sie in diesem Blog falsch. Wenn Sie noch mehr zum Thema Englishness lesen wollen, sind Sie in diesem Blog goldrichtig. Lesen Sie doch: 18th century: Fashion, Trenchcoats, overcoats, Sportjackett, Inspector Barnaby und die Mode, Rückenschlitze, Beinkleider, Notting Hill, Mr. Stringer, Kulturwandel, P. G. Wodehouse, Royal Flying Corps, Querbinder, Trevor Howard, Tänzer, ['bɜ:bərᴗi], Herrenausstatter, TyroneDerrick, The Go-Between, Haikragen, saudade

Freitag, 10. Juni 2016

EM


Jetzt geht das wieder los. Wochenlang Fußball. Ich hoffe, dass Sie sich die DVD mit ➱Bo Widerbergs Film Fimpen schon bestellt haben. Wenn Sie sich auf die Europameisterschaft schon einmal einstimmen wollen, könnten Sie hier die Posts ➱Schicksalspiel und ➱1954 lesen. Morgen gibt es auch ein bisschen Fußball, der Post handelt von dem renommierten Fußballexperten hier links im Bild. Beziehungsweise von seinen karierten Jacketts. Die sind ja das Wichtigste an ihm.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Bo Widerberg


Ist er wirklich schon beinahe zwanzig Jahre tot? Seine Filme laufen immer noch in meinem Kopf. Wie Lust och fägring stor, diese amour fou einer schwedischen Lehrerin zu einem Schüler. Der Film spielt während des Zweiten Weltkriegs in Malmö, der Stadt, in der Bo Widerberg am 8. Juni 1930 geboren wurde. Wo auch Widerbergs erste Filme spielten. Vielleicht ist manches in Lust och fägring stor autobiographisch, autobiographische Elemente kann man bei ihm immer wieder entdecken.

Lust och fägring stor (Schön ist die Jugendzeit) ist sein letzter Film gewesen. Hier sehen wir ihn mit Anita Ekberg, die sollte eigentlich in seinem dritten Spielfilm Roulette der Liebe mitspielen, aber dann war es zu einem Streit gekommen. Dabei hätte die Schwedin, die durch ➱La Dolce Vita berühmt wurde, sich hier doch wohlfühlen können. Widerbergs Film war ein bisschen Fellini, ein bisschen ➱Michelangelo Antonioni, aber kein bisschen Widerberg.

Er hätte es besser wissen müssen, denn schon als Filmkritiker hatte er ➱Bergman in seiner Essaysammlung Visionen i svensk film (1962) vorgeworfen, dass seine Filme keinen Realitätsbezug haben. Widerberg wollte ein neues Kino für die sechziger Jahre. Die Franzosen und die Engländer hatten so etwas (und selbst in Deutschland gab es einen neuen Film), die Schweden lebten von Ingmar Bergman und dem Export von blonden ➱Schwedinnen in das Kino weltweit. Bo Widerberg wird dem schwedischen Film ein anderes Gesicht geben. Er ist kein zweiter Bergman, er ist eher der Ken Loach des schwedischen Films. Sein erster bedeutender Film war Kvarteret Korpen (➱Raven's End), der ein Erfolg auch außerhalb Schwedens wurde. In amerikanischen Filmclubs wird das Sozialdrama immer wieder gezeigt.

Mit Thommy Berggren (hier in Widerbergs erstem Spielfilm ➱Barnvagen) hatte er einen Schauspieler entdeckt, den er für viele Filme einsetzen konnte. Vor allem in dem Film, der so ganz im Gegensatz zu den kleinen Dramen der Arbeiterklasse steht, die die ersten Filme Widerbergs ausmachen. Und damit meine ich jetzt natürlich Elvira Madigan, ein Film, der schon in den Posts ➱Elvira Madigan und ➱Liebestod besprochen wird. Und natürlich in ➱Klavierkonzert No 24.

Jetzt hätte Widerberg einen Liebesfilm mit schönen Kostümen nach dem anderen drehen können, aber er denkt nicht daran. Er dreht mit Adalen 31 einen Film (➱hier ganz zu sehen) über einen Streik in Schweden, der von der Armee blutig beendet wird. Vincent Canby schrieb damals über den Film: Widerberg is an enthusiastic but slightly schizoid director, torn between his loudly stated political activism and a barely controlled passion for visual images so lush they are intoxicating in a numbing way. Curiously, 'Adalen 31' works just because of this duality. Das mit den schönen Bildern (Canby sprach von Widerberg's light-filled images which are almost presumptuous in their evocation of the Renoirs, père et fils), das kann er seit Elvira Madigan nicht lassen. Das mit den schönen Frauen, hier Anita Björk, auch nicht.

Für ➱The Ballad of Joe Hill ist Widerberg nach Amerika gegangen, aber die Amerikaner mochten diesen Film über einen schwedischen Gewerkschaftsaktivisten nicht. War es das schlechte Gewissen, dass sie Joel Emmanuel Hägglund, der in Amerika zu Joe Hill wurde, hingerichtet hatten? Aber Joe Hill lebt weiter, man kennt noch die Songs, die er geschrieben hat. Und es sind genügend Songs über ihn geschrieben. Wie I dreamed I saw Joe Hill last night Alive as you or me Says I, But Joe, you're ten years dead I never died, says he I never died, says he. Das hat beinahe jeder gesungen, ich bringe mal die Version von ➱Paul Robeson. Und dann habe ich hier noch einen Song von ➱Phil Ochs (der ➱hier schon einen Post hat), wo er in der Anmoderation über einen Film redet: This song has been made into a movie starring Richard Burton as Joe Hill, and Elizabeth Taylor plays the industrial workers of the world. Das ist wirklich witzig.

Für Marika Lagercrantz (Tochter von Olof Lagercrantz und einmal Botschaftsrätin in Berlin) schwärme ich, seit ich sie 1989 in Landstrykere (die Knut Hamsun Verfilmung ist ➱hier ganz zu sehen) gesehen habe, ich habe mir sogar die DVD besorgt. Von Widerbergs letztem Film Lust och fägring stor auch. Wegen Widerberg. Und wegen Marika. Der Film hat eine Oscar Nominierung bekommen. Und den Silbernen Bären und den Blauen Engel in Berlin, es ist schön, dass Bo Widerberg das noch erleben konnte. Nicht, dass der Mann, der all seine Drehbücher selbst geschrieben hat, keine Filmpreise in seinem Leben erhalten hätte, so ist es nicht.

Und dann hätte ich zum Schluss noch den ultimativen Filmtip für die Europameisterschaft (ich habe den Film schon vor vier Jahren in dem Post ➱Wundliegen empfohlen), nämlich Widerbergs Film ➱Fimpen. Der beste Fußballfilm aller Zeiten steht auf der DVD, stimmt auch. Für Erwachsene und für Kiddies ab sechs. Bo Widerberg ist in diesem Blog kein Unbekannter, er ist immer wieder erwähnt worden. So in den Posts Elvira Madigan, Liebestod, Klavierkonzert No 24, Wundliegen, John Schlesinger


Montag, 6. Juni 2016

Kometenschwanzleben


Eichen kann er gut malen, der Georg Heinrich Crola, der am 6. Juni 1804 geboren wurde. Wahrscheinlich hat er bei Caspar David Friedrich das Malen von deutschen Eichen gelernt, gegen seine Eichen ist nichts einzuwenden. Blitzsauber. Wunderbar für die Kunstpostkarte geeignet. Auf der Wanderschaft durch den Harz und Franken kam er 1830 nach München, wo er bis 1838 verblieb und sich zu einem ausgesprochenen Maler des deutschen Eichenwaldes, namentlich durch Motive bei Murnau angeregt, entfaltete, den er auf Grund eifrigen Naturstudiums als stimmungsvolles Motiv beherrschen lernte, sagt die Deutsche Biographie. 

Die Kunsthalle Kiel besitzt von Crola ein Werk aus der Münchener Zeit. Heißt Die Alpenspitze bei Partenkirchen. Ist noch in der Zeit von Titelnot als Direktor der Kunsthalle (lesen Sie ➱hier mehr) von der Galerie von Negelein gekauft worden, ➱Jens Christian Jensen wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, so etwas anzukaufen. Ich finde das Bild scheußlich. Aber Georg Heinrich Crola ist heute nicht in diesem Blog, weil er ein guter Maler war, sondern weil er das schöne Wort Kometenschwanzleben erfunden hat.

Hier haben wir noch mal eine Eiche, mit einem aufziehenden Gewitter über dem Chiemsee. Die Wellen des Chiemsees gefallen mir nicht so sehr. Sie haben wenig mit wirklichen Wellen zu tun. Sehen eher so aus, als wären sie aus der holländischen Marinemalerei geklaut. Dazu würde passen, was John Ruskin über die Wellen von ➱Ludolf Bakhuizen gesagt hat: the small waves en papillote, and peruke-like puffs of farinaceous foam, which were the delight of Backhuysen and his compeers.

Das Gewitter am Chiemsee (das von Georg Heinrich Busse in Kupfer gestochen wurde und so eine große Verbreitung bekam) ist ja nett für einen Kupferstich oder eine Kunstpostkarte, viel mehr nicht. Obgleich sich Crola bemüht hat, diesen Augenblick wiederzugeben, in dem wir zweierlei Licht im Bild haben: das eigenartige gelbe Restlicht, schon leicht angefressen, und die Dunkelheit der Gewitterwand. Das haben, seit Ruisdael seinen Judenfriedhof gemalt hat, immer wieder Maler auf die Leinwand zu bannen versucht.

Hier ist es der amerikanische Maler Martin Johnson Heade, der zu den Luministen gerechnet wird (die ➱hier schon einen Post haben), der noch ein Restlicht in sein Gewitter malt. Ich bin auf das geheimnisvolle Phänomen, das man so häufig am Himmel sehen kann, schon in den Posts ➱Hintergrund und ➱Richard Oelze eingegangen.

Der Chiemsee hat immer wieder Maler angezogen, der liebste der Chiemseemaler ist mir ➱Albert Stagura. Stagura malt in der freien Natur, beinahe immer allein. Er trägt eine ➱Lodenjacke, einen Filzhut und raucht immer eine Zigarre. Das erwartet man von einem Künstler. Er kann die Zeichen der Natur voraussagen, er ist stolz darauf, dass er eine halbe Stunde vorher einen Wetterwechsel erkennt. Also ihm wäre das nicht passiert, dass er wie Heinrich Drendorff im Gebirge vor einem Gewitter Schutz suchen muss. Und so bleibt ihm auch der Freiherr von Risach mit dem sanften Gesetz erspart. Uns als Lesern von Stifters Nachsommer leider nicht (Freunde von Adalbert Stifter lesen jetzt bitte diesen ➱Post).

Die ständig wechselnden Stimmungen des Lichts, wenn die Wolken aus Italien über die Chiemgauer Alpen hereingeschossen kommen, das ist sein Thema. Er ist in seinen Bildern manchen Malern der Haager Schule, die ➱licht en lucht einfangen, wie zum Beispiel Hendrik Weissenbruch, sehr ähnlich. Er ist zwar einmal in Holland (und auch einmal in Venedig) gewesen, aber diese Aufenthalte haben ihm nichts gegeben. Wenn man die bayrischen Alpen liebt, ist Holland nichts für einen.

Die Gewitterstimmungen von Albert Stagura auf den beiden Bildern oben sind natürlich viel besser als das Bild von Crola. Es stellt sich nur die Frage, ob der Maler en plein air dies Gewitter hier hätte kommen fühlen. Das ist ein Photo vom Chiemsee aus dem Jahre 2012, als ähnliche ➱Gewitter, wie Bayern sie in der letzten Woche erlebte, über den Chiemsee tobten.

Heinrich Crola kam 1825 nach Dresden und wurde Schüler von Caspar David Friedrich und Johan Christian Clausen Dahl. Sein Geld verdiente er als Dosenmaler (sein Großvater war ein berühmter Porzellanmaler gewesen) bei einem Dresdner Fabrikanten, er war damit nicht unglücklich: Der Erwerb durch die Dosenmalerei ging mir leicht von der Hand. Dadurch konnte ich auch meinen sehnlichen Wunsch erfüllen, einige Wochen in der Sächsischen Schweiz zuzubringen, versichert er uns in seinen Erinnerungen.

1828 wird der Herzog von Coburg-Gotha (der Vater von Victorias Ehemann ➱Albert) beim sächsischen Kronprinzen einige Arbeiten von Crola bewundern. Und schon hat er einen Vertrag beim Herzog und darf Schlösser und Landschaften rund um Gotha malen (dies hier ist nicht Gotha, dies ist die biedermeierliche Elbe bei Loschwitz). Aber das Leben als Auftragsmaler gefällt ihm partout nicht, er hat diese romantische Idee vom ➱Künstler auf Wanderschaft. Eichendorff würde sagen: Mich brennts in meinen Reiseschuhn, Fort mit der Zeit zu schreiten.

Crola bezeichnet das Leben in Abhängigkeit vom Herzog als Kometenschwanzleben, ein wunderbares Wort. Er verlässt den Herzog und das freie Quartier auf dem Seeberg: Das Kometenschwanzleben in Coburg und Gotha wurde mir von Woche zu Woche zuwider. In Gotha war mir auf dem Grimmstein eine Wohnung auf dem vom letzten Gothaischen Herzog her bekannten Observatorium angewiesen worden. Von der Höhe dieses Schlosses gewahrte man in duftiger Ferne den blauen Streif des Brockengebirges. Täglich richtete ich mit sehnsüchtigem Verlangen das Fernglas hinüber.

Der Herzog lässt den jungen Mann gerne gehen: Meine Manieren fanden bei besonderen Gelegenheiten so wenig Beifall, dass der Herzog mich eines Tages wissen liess, er wolle mich nicht abhalten, unabhängig von seinen Diensten meine Studien fortzusetzen. Von nun an malt er keine Dosen keine gothaischen Schlösser mehr. Jetzt gibt es kein Kometenschwanzleben mehr, jetzt ist er ein freier Mann, um geradewohl in das offene Meer des Lebens hineinzusegeln. Im Ilsetal wird er die Berliner Malerin und Bankierstochter Elisabeth Fränkel kennenlernen. Und heiraten. Wenn man eine Bankierstochter heiratet, dann hat man kein Kometenschwanzleben mehr.

Freitag, 3. Juni 2016

Verdun - Cold Harbor


Es ist in diesen Tagen der Schlacht von Verdun gedacht worden. Es hat für das Fernsehen inszenierte Spektakel gegeben, die wenig mit der schrecklichen Wirklichkeit von Verdun zu tun hatten. Die Intelligenz, die man in England bei der Inszenierung für die Eröffnung der Olympischen Spiele hatte (lesen Sie ➱hier mehr) hatte, die besaß Volker Schlöndorff nicht. Der alberne Totentanz von Verdun war schamlos, titelte die ➱Welt, und wo sie recht hat, da hat sie recht.

Die Inszenierung von Merkel und Hollande im blutrot ausgeleuchteten Keller von Douaumont schien aus der Welt der ➱Gothic Novel zu kommen. Die Schwarz-weiß Bilder aus dem Ersten Weltkrieg will heute niemand mehr sehen, alles muss schön bunt sein. Und es gibt längst ein Videospiel, das Verdun heißt, geht's noch perverser? Vielleicht hätten sich Merkel und Hollande ➱Bertrand Taverniers Film Das Leben und nichts anderes (La vie et rien d'autre) zum Vorbild dafür nehmen sollen, wie man eine Gedenkfeier richtig inszeniert.

In den achtziger Jahren konnten die Franzosen das noch, wenn man an Mitterand mit seiner Rose im Panthéon denkt. Das war doch eine ➱Inszenierung, die einen Oscar verdient hätte. Und wenig später Mitterand und Kohl, die der Toten von Verdun auf eine ganz andere Art und Weise - und würdiger - gedachten als das Spektakel von Volker Schlöndorff das tat.

Als ich zur Schule kam, wusste ich schon alles über Verdun. Weil mein Opa mir seinen Krieg erzählt hatte. Er hatte seine ➱Photoalben mit den schon gelbstichig gewordenen Photos auf den Knien, von Zeit zu Zeit griff er zu einem Buch über den Krieg, das viele Abbildungen enthielt. Und so bekam ich Tag für Tag eine Stunde eine Lektion über den Krieg, bis wir zum Kemmelberg, das heißt der Vierten Flandernschlacht, kamen. Für den pensionierten Lehrer war dies die Fortsetzung der Unterrichtstätigkeit mit anderen Mitteln. In der Ersten Flandernschlacht hatte Opa sein Eisernes Kreuz erhalten, Verdun blieb dem Hauptmann der Reserve erspart.

Ein halbes Jahrhundert vor Verdun hat es im amerikanischen Bürgerkrieg schon einmal eine Schlacht gegeben, die Verdun ähnelte, die viel von dem Grauen des modernen Krieges hat. Ich bin nicht der erste, der eine Verbindung von Verdun und Cold Harbour sieht. An der Uni Greifswald hat es im letzten Jahr eine Vorlesung von Robert Riemer mit dem Titel 50 Jahre vor Verdun - Cold Harbour und Petersburg als frühe Beispiele für den industrialisierten Massenkrieg gegeben. Die Schlacht von Cold Harbor ist das Ende von General Ulysses S. Grants Overland Campaign, die 1864 den ganzen Mai über geht. Grant hatte gerade den neuen Dienstgrad eines Generalleutnants bekommen (den zuvor Washington gehabt hatte) und war Oberkommandierender der Armee geworden.

Wäre es nach Mrs Lincoln gegangen, wäre das nicht geschehen: He is a butcher and is not fit to be at the head of an army. Yes, he generally manages to claim a victory, but such a victory! He loses two men to the enemy's one. He has no management, no regard for life, sagt sie ihrem Gatten. Grant will jetzt eine Entscheidung, er will den Showdown: I propose to fight it out on this line if it takes all summer. Hatten sich bisher im Bürgerkrieg nach Schlachten die Truppen beider Seiten zurückgezogen, sich regeneriert und neu aufgestellt, setzt Grant jetzt auf ständigen Kampf. Egal ob er eine Schlacht verliert, er beginnt beinahe am nächsten Tag eine neue. Die Schlachten dauern jetzt auch länger, die von Spotsylvania Court House wird zwölf Tage dauern.

I tell you many a man has gone crazy since this campaign began from the terrible pressure on mind & body, sagt ein Hauptmann der Nordstaaten. Er ist kriegsmüde. Im Mai 1864 hatte er seinen Eltern geschrieben: I have made up my mind to stay on the staff if possible till the end of the campaign & then if I am alive, I shall resign—I have felt for sometime that I didn’t any longer believe in this being a duty & so I mean to leave at the end of the campaign as I said if I’m not killed before. Cold Harbor wird seine zehnte Schlacht sein. Er wird sie überleben und Jahrzehnte später dem Präsidenten ➱Franklin Delano Roosevelt erzählen, wie man ihn als jungen Leutnant auf dem Schlachtfeld liegen ließ, weil man ihn für tot hielt. Da ist Oliver Wendell Holmes schon über neunzig, und ist gerade als Richter des Supreme Court zurückgetreten.

General Lee ist in die Defensive gezwungen, das mag er nicht besonders, er greift lieber an. Seine Armee ist nur halb so groß wie die Armee des Nordens, aber Grant wird in der Overland Campaign Verluste haben, die sich in der Größenordnung von Lees Armee bewegen. War of attrition nennt man so etwas, ein Abnützungskrieg, Verdun war nichts anderes. Am 3. Juni 1864 will Grant mit seinem Angriff auf die Truppen des Südens den Vernichtungsschlag. Es wird für den Norden eine Katastrophe. We felt it was murder, not war, or at best a very serious mistake had been made, schreibt der Soldat Newell Smith vom 155. New York Regiment.

Es gibt keinen Hafen in Cold Harbor, es ist da auch nicht kalt. Es gibt eine Cold Harbor Tavern, die einem Isaac Burnett gehört, der angeblich nur kalte Speisen serviert. Cold Harbor ist für Lee keine unbekannte Gegend, zwei Jahre zuvor hat er hier schon einmal eine Schlacht geschlagen. Cold Harbor ist zehn Meilen von Richmond, der Hauptstadt des Südens, entfernt. Da glaubte man schon 1861 ganz schnell einmarschieren zu können. Die Schlacht von ➱Bull Run wurde zu einer Katastrophe für den Norden. Die Schlacht von Cold Harbour drei Jahre später auch. Grant wird nach der Schlacht über den Angriff vom 3. Juni 1864 sagen: I regret this assault more than any one I have ever ordered. I regarded it as a stern necessity, and believed it would bring compensating results; but, as it has proved, no advantages have been gained sufficient to justify the heavy losses suffered.

Am Ende von Grants großem Feldzug geht alles schief, was schiefgehen kann. Man hat vergessen, eine solide Aufklärung zu betreiben, jede der kämpfenden Einheiten nahm an, dass die andere das gemacht hätte. Man weiß so gut wie nichts über das Befestigungssystem, das Lee in wenigen Tagen aufgebaut hat. Das ein Journalist so beschrieb: They are intricate, zig-zagged lines within lines, lines protecting flanks of lines. Lines built to enfilade an opposing line, lines within which lies a battery ... a maze and labyrinth of works within works and works without works. Einzig General Barlow wird es für einen kurzen Augenblick gelingen, in die Befestigungen des Südens einzudringen, aber dann muss er sich zurückziehen. General Barlow Charging the Enemy at Cold Harbor heißt dieses Bild, auf dem nichts von dem Grauen zu sehen ist. Diese schönen Bilder vom Krieg, auf denen wir nie erkennen können, was geschieht, werden den Photographien weichen.

Francis Barlow, der wegen seines jugendlichen Aussehens auch the Boy General genannt wird, ist ein Vorzeigesoldat der Union. Barlow (auf diesem Photo ganz links, rechts neben ihm sitzend General Winfried Scott Hancock) ist der junge Dandy, der sich niemals an die Vorschriften der Dienstkleidung hält. Nur auf dem Gemälde von seinem Cousin ➱Winslow Homer ist er korrekt gekleidet. Er trägt auf dem Photo seine Uniformjacke gegen alle Vorschriften aufgeknöpft. Wahrscheinlich sollen wir sein kariertes Hemd mit dem weißen Kragen bewundern, das sich in keiner Dienstvorschrift findet. Und dann diese arrogante überlegene Pose - wenn einer sich zu inszenieren versteht, dann ist das Francis Barlow. Die Presse liebt ihn, denn wenn jemand aussieht wie Paul Newman, Steve McQueen oder Robert Redford, dann kann man den auch gut verkaufen. Wo es doch jetzt Mathew Brady und die Photographie gibt. Neben dem ➱Krimkrieg ist dies der erste photographierte Krieg der Geschichte. Von nun an haben wir Bilder von allem, vor allem von Tod und Zerstörung. Sie haben aber keinen Lerneffekt für die Menschheit, die Bilder von Tod und Zerstörung haben wir heute noch.

Um halb fünf am Morgen des 3. Juni hatte der Angriff der Nordstaaten begonnen. Die Soldaten hatten ihre Namen auf Zettel geschrieben, die sie in ihrer Uniform befestigten, sie ahnten, was kommen würde. Sie marschieren im Nebel in ihr Unheil. Es gibt wie immer zuerst ein Artilleriefeuer, aber kaum ist das zu Ende, antwortet der Süden mit einem konzentrierten Gewehrfeuer aus tausenden von Gewehren. Ein Artillerist des Nordens wird das beschreiben als: It had the fury of the Wilderness musketry with the thunders of the Gettysburg artillery super-added. It was simply terrific.

Der Angriff gegen die Schützengräben Lees ist in wenigen Minuten zu Ende. Um sieben Uhr erteilt Grant General Meade noch einen Angriffsbefehl. Die Soldaten weigern sich. Ihre Kommandeure auch. General William Baldy Smith hält den Befehl für a wanton waste of life. Um halb eins teilt Grant dem General Meade mit, dass die Schlacht verloren sei. Er schreibt ein schönes Englisch, Gertrude Stein hat seinen Stil bewundert. Er kann nicht schreiben: We have lost the battle. Er schreibt: The opinion of the corps commanders not being sanguine of success in case an assault is ordered, you may direct a suspension of further advance for the present. Seinen Präsidenten wird Grant erst einmal belügen: We assaulted at 4:30 this morning, driving the enemy within his intrenchments at all points, but without gaining any decisive advantage. Our troops now occupy a position close to the enemy, some places within 50 yards, and are intrenching. Our loss was not severe, nor do I suppose the enemy to have lost heavily, steht in dem Telegramm, das er nach Washington schickt.

Er will nicht anerkennen, dass er verloren hat. Er weigert sich tagelang, einen Unterhändler mit einer weißen Flagge zu Lee zu schicken, damit die Verwundeten und Toten auf dem Schlachtfeld geborgen werden können. Die Zeit der Ritterlichkeit ist vorbei. Das ist eine weitere Katastrophe. Grant delayed sending a flag of truce to General Lee for this purpose because it would amount to an admission that he had been beaten on the 3d of June. It now seems incredible that he should, for a moment, have supposed that any other view could be taken of that action, wird General Francis Amasa Walker schreiben, kein Mann aus dem Süden, sondern ein Offizier im Stab von Hancock. Es wird noch vier Tage dauern, bis die Toten und Verwundeten geborgen werden können. Falls dann noch ein Verwundeter gelebt haben sollte.

Die Schlacht von Spotsylvania Court House war die erste Schlacht des amerikanischen Bürgerkrieges gewesen, in der es eine Front aus ausgebauten Grabensystemen und Brustwehren gab. Die Schlacht zeigte (wie wenig später Cold Harbor) schon eindrucksvoll, dass bei dieser Art des Kampfes ein Angriff der Infanterie auf gut ausgebaute Stellungen reiner Wahnsinn war. Und Spotsylvania und Cold Harbor werden ihre Spuren bei den Soldaten des Nordens hinterlassen: The men feel just at present a great horror and dread of attacking earthworks again and the unusual loss of officers, which leave regiments in command of lieutenants, and brigades in command of inexperienced officers, leaves us in a very unfavorable condition for such enterprises, wird General Barlow seinen Vorgesetzen schreiben. 

Cold Harbor war der letzte Sieg des Südens, Jubal Early muss bei seinem ➱Angriff auf Washington zehn Meilen vor dem Weißen Haus wieder abdrehen. We haven’t taken Washington, but we scared Abe Lincoln like hell, wird er seinem Adjutanten sagen. Das stimmt wohl, Grant schickt aus lauter Angst per Bahn und Schiff ein ganzes Korps gegen die kleine Truppe von General Early. Edward Porter Alexander, der bei Gettysburg die Artillerie der Konföderierten kommandierte, hat Cold Harbor als our last, and perhaps our highest tide bezeichnet. Moltke hielt den Bürgerkrieg für Scharmützel zweier bewaffneter Pöbelhaufen die sich durch das Land verfolgten und von denen nichts gelernt werden kann. Dennoch sind genügend Militärbeobachter aus Europa in Amerika (unter anderem der junge Graf Zeppelin), die Berichte über die Schlacht von Cold Harbor werden in den Generalstäben studiert werden. Man zieht aus Kriegen nie die Lehre, wie man sie vermeidet, sondern immer nur die, wie man noch effektiver töten kann.

Einen Tag nach der Schlacht wird der Leutnant Curtis Clay Pollock vom 48 Pensylvania Regiment seiner Mutter schreiben: My Dear Ma, I was very much pleased to receive your letters, the one of the 20th a few days ago and the one of the 27th yesterday. We had another severe engagement yesterday and lost pretty heavily. Alex Govan and James Alison were killed. Both were hit in the head and killed almost instantly. Sergt. C.F. Kuentzler was wounded severely in the arm. John Hutton was struck on the back of the fingers and cut a little. He will be back to the Company today. William Martin was struck in the ankle and bruised pretty badly. The loss in the Regt. is 10 killed and 42 wounded I do not know anything new and have no idea what is going on. The Rebs we were fighting yesterday left again last night and we are now out as skirmishers but there are no Rebels in front of us. John Hodgson is well and quite anxious to hear from home. He has not had a letter for some time. [Edward] Flanagan and [John] Humble are all right. I had a ball cut a piece out of the top of my hat yesterday and knocked it about ten feet from me. It is the nearest I have ever had a ball come to me. Hoping you are all well, I remain Your Affectionate Son C.C.P. With Much Love To All

Vierzehn Tage nach diesem Brief fällt Leutnant Pollock im Stellungskrieg von Petersburg, wo sich Lee eingegraben hat. Neun Monate später wird Lee bei ➱Appomattox kapitulieren.


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