Donnerstag, 24. Juni 2010

Bourgeoisie


Nein, Sie sind nicht im falschen Blog. Das ist Stéphane Audran im déshabillé, die muss hier genau an dieser Stelle heute sein. Denn sie war ja schließlich einmal sechzehn Jahre mit Claude Chabrol verheiratet. Vorher war sie mal kurz mit Jean-Louis Trintignant verheiratet. Der war ja immer von schönen Frauen umgeben, angefangen von der Liebesaffäre mit Brigitte Bardot bis zu - ach, lassen wir das.

Die Frau rechts neben Stéphane Audran und Trintignant ist die wunderschöne Jacqueline Sassard in dem Film Les Biches von Chabrol. Nach diesem Film und Joseph Loseys Film Accident (mit Dirk Bogarde) hat sie leider keine Filme mehr gedreht. Irgendwie ist das sehr schade. Stéphane Audran hat dann Claude Chabrol geheiratet hat. Der wird heute achtzig, es ist kaum zu glauben. Bon anniversaire!

Chabrol war auch schon mal verheiratet, bevor er das Schnuckelchen Stéphane heiratete, die er in beinahe all seinen Filmen unterbrachte (wo sie meistens Hélène heißt). Mit einer reichen Erbin, die durch eine zweite Erbschaft noch reicher wurde. Er hat seinen ersten Film gedreht, um wenigstens einen Teil der Kohle auszugeben. Er hat das immer bedauert, dass der Film ein Erfolg war, dadurch war er gezwungen, weiter Filme zu drehen. Die andere Option wäre Apotheker wie sein Vater gewesen. Er hat er studiert, war auch beim Militär gewesen (so wie Truffaut, obwohl wir über dessen Militärkarriere wohl besser den Mantel des Schweigens decken). Danach hat für die Cahiers du Cinéma geschrieben, und hat zusammen mit Eric Rohmer ein Buch über Hitchcock geschrieben (noch bevor Truffaut das tat). Und wie Hitchcock ist er auch in zahlreichen seiner eigenen Filme (und denen, die er produziert hat) aufgetreten.

Chabrol war der erste der jungen Filmkritiker der Cahiers dem es gelang, einen erfolgreichen Spielfilm zu drehen (er war auch nie so theoriebesessen wie seine Kollegen von der Nouvelle Vague). Der hieß Le beau Serge, und er hat ihn mit einem Minibudget und unbekannten Schauspielern in seinem Heimatort Sardent gedreht. Er hat damit auch bewiesen, dass man gutes auteur Kino mit beschränkten Mitteln machen konnte, was die Filmtheoretiker der Cahiers ja immer behauptet hatten.

Wenn irgendetwas irreführend ist, dann ist es dieses Plakat, aber damals brauchte man das wohl so, um das Publikum in den ersten Film der Nouvelle Vague mit unbekannten Darstellern von einem unbekannten Regisseur hineinzulocken. Chabrol hat dann auch gleich eine Produktionsfirma namens AJYM gegründet und hat auch vielen seiner jungen Kollegen geholfen, die jetzt den Sprung von der Theorie in die Praxis wagten. Er hat Jacques Rivettes Paris nous appartient mit finanziert, und als der nach zwei Jahren Dreharbeiten kein Filmmaterial mehr hatte, hat ihm Chabrol alles gegeben, was er noch von seinem zweiten Film Les Cousins (Schrei, wenn Du kannst) übrig hatte. Irgendwie muss Chabrols Rolle für die Nouvelle Vague (in Godards A bout de souffle wirkte er als technischer Berater mit) einmal neu gewürdigt werden. Man guckt immer nur auf Godard, Rohmer, Resnais, Truffaut und die Kritiker der Cahiers.

Man würdigt dabei zu wenig, dass hier ein richtiger Praktiker am Werk ist (der technisch sein Metier beherrscht), der auch noch ein guter Mensch ist und seine Kollegen fördert (auch Godard hat er mal einen Job verschafft). Aber heimlich wirft man ihm vor, dass er kommerzielle Filme gemacht hat (was keiner der Kollegen der Nouvelle Vague gemacht hat), was offensichtlich ein Verrat an der Filmkunst und der auteur Theorie ist. Und auch zu viele Filme, in den letzten fünfzig Jahren beinahe einen Film pro Jahr. Und dann nur noch ein Genre, Kriminalfilme. Sozusagen der film noir in Farbe. Aber ich glaube, dass der Gourmet Chabrol, der auch einmal Pfeifenraucher des Jahres in Frankreich war, mit solchen Vorwürfen ganz gut leben kann. Er ist das, was die Franzosen einen je-m'en-foutiste nennen.

Seine Kinder aus den ersten beiden Ehen arbeiten bei ihm als Filmkomponist und Regieassistentin mit, Chabrol hat es gerne en famille, wahrscheinlich hatte er deshalb Stéphane Audran geheiratet. Neuerdings scheint Isabelle Huppert seine Lieblingsschauspielerin zu sein. Aber sie haben nichts miteinander, wie Chabrol betont. Hollywood konnte ihn nie locken. England erst recht nicht. Die haben zwar gute Pfeifen und Tabake, aber das Essen! Das könnte der Liebhaber der französischen Küche nicht aushalten. Truffaut war es völlig egal, was er aß, aber Chabrol nicht, in seinen Filmen spielt das Essen immer eine Rolle. Nicht nur in dem Inspektor Lavardin Film Hühnchen in Essig. Und so ist es wohl nur passend, wenn das Buch von Laurent Bourdon Chabrol se met à table heißt (Larousse 2009).

Wenn Filmemachen heißt, wie Truffaut es gesagt hat, mit schönen Frauen schöne Dinge zu machen, dann ist Chabrol im richtigen Metier. Abgesehen von den beiden hier links (Bernadette Lafont und Stéphane Audran), spielt bei ihm in den letzten fünfzig Jahren ja beinahe jede schöne Französin in irgendeinem Film mit. Und auch eine deutsche Schauspielerin, die unter dem Namen Hildegarde Neff auftritt. Chabrol ist seit zwanzig Jahren wieder verheiratet, mit einer Dame, die nichts mit der Welt des Films zu tun hat. In der Welt der französischen Bourgeoisie ist man da ja sehr verschwiegen.

Claude Chabrol ist Maoist, was immer das in Frankreich bedeutet. Auf jeden Fall macht er sich, geradezu besessen, ein riesiges Vergnügen daraus, die französische Bourgeoisie, aus der er selbst kommt, in jedem Film bösartig zu sezieren. Das macht Claude Sautet auch, aber er ist weniger bösartig. Und vor allem nicht so mordlustig wie Chabrol, der ja auch das Drehbuch zu Michael Winners schlimmen Film Death Wish (Ein Mann sieht Rot) geschrieben hat. Wahrscheinlich ist das seine Rache an seiner Mutter. Die hat ihm nämlich erzählt, als er klein war und jeden Tag ins Kino wollte (so wie Antoine Doinel, der Held der Filme von François Truffaut), dass er nicht ins Kino gehen könne, weil da nur Schwule drin sein. Und sein Onkel hat seine Mutter darin bestärkt. Seinem Onkel gehörten mehrere Kinos. Brauchen wir jetzt noch Sigmund Freud?

Mittwoch, 23. Juni 2010

Volkssänger


Hannes Wader hat heute Geburtstag, und deshalb geht von hier ein Geburtstagsgruß nach Kassel. Ja, da wohnt er neuerdings, nicht mehr in Struckum in der Mühle oder auf dem Resthof im Kreis Steinburg. Heute hier, morgen dort. Er sehnt sich aber immer noch ein wenig nach Schleswig Holstein, hat er letztens einem Reporter erzählt. Nach dem Frühstück fängt er an zu singen, er kann sich auch vorstellen, noch länger auf der Bühne zu stehen. Offensichtlich sind 33 Platten (inklusive der Kompilationen) in vierzig Jahren noch nicht genug. Also jetzt heißen die ja CDs, aber als er anfing, da waren es noch Platten. Ich habe sie alle noch, bevor ich schweren Herzens einen CD Player gekauft habe. Ich besitze aber auch noch einen sauteuren englischen Plattenspieler, denn von Zeit zu Zeit muss es einfach die Platte sein. Mir würde das Knistern bei Ich bin unterwegs nach Süden fehlen, wenn ich 7 Lieder von 1972 auf CD hätte. Ich gebe ja gerne zu, dass ich beinahe alles von ihm gekauft habe, auch in Konzerten war und sogar einmal in einer Konzertpause mit ihm geschnackt habe. Aber Leute wie mich gibt es hunderttausendfach, Kriegsgeneration, irgendwie 68er, grauer Bart. Lauter Hannes Wader Klone. Ich weiß nicht, ob inzwischen auch Teenies zu seinen Konzerten kommen, damit sich Zahnspangengeneration und Kukidentfraktion treffen können.

Es gibt keine Werbung für das Phänomen Hannes Wader, seine Fernsehauftritte sind spärlich, aber seine Platten sind alle noch erhältlich. Der Norddeutsche Rundfunk hat ihn jahrzehntelang boykottiert, als Wader die DKP mit seinen Mitgliedsbeiträgen finanzierte. Und er spielt ihn heute auch nicht, weil er sich bemüht, Radio Schleswig Holstein das Motto Flach wie das Land abzujagen. War damals noch anders, als Elke Heidenreich und Henning Venske beim NDR die Musik auflegten. Damals hatten wir auch noch mehr Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt und Reinhard Mey (bevor der schamlos kommerziell wurde), und jenseits der Grenze gab es Wolf Biermann. Unsere (west-) deutschen Volkssänger kamen aus der Burg Waldeck Bewegung, dem Äquivalent vom Newport Folk Festival. Wader und Mey sind alte Kumpel, und Degenhardts Reiter wieder an der schwarzen Mauer hat Hannes Wader auf Auftritt: Hannes Wader (1998) gesungen. Beeindruckend, besser als Degenhardt.

Als er plattdeutsche Lieder und Seemannslieder sang und dafür das Buscheruntje anzog, wurde er auch mal von Leuten gekauft, die Heidi Kabel guckten. Aber sonst blieb seine Klientel doch eine Generation, die ein wenig Revolution und ein großes Sehnen im Herzen hatte und irgendwie unterwegs nach Süden war. Er hat auch massenhaft schöne Frauen in seinem Fanclub, die heimlich davon träumen, an seiner Seite unterwegs nach Süden zu sein.

Vor Jahren hat er einmal Schubert gesungen. Als Elke Heidenreich das lange vorher in der Zeit erwähnte, dass er im privaten Kreis manchmal Schubert sänge, hat es keiner geglaubt. Aber dann kam An Dich hab ich gedacht 1997 auf den Markt, vier Lieder, dann sieben aus der Schönen Müllerin und sechs aus der Winterreise. Kein Klavier, aber dass das zur Gitarre geht, hatten ja schon Peter Schreier und Konrad Ragossnig vorgemacht. Ich wollte, er hätte Die schöne Müllerin ganz gesungen. Man merkt zwar leichte stimmliche Defizite, aber es hat große Momente. Vielleicht ist es so, wie Schubert seine Lieder gesungen haben wollte, als er seinen Freunden sagte Kommt heute Abend zum Schober, ich will euch einen Kranz schauriger Lieder vorsingen.

Das Album, das ich insgesamt am besten finde (nun mal von dem frühen 7 Lieder abgesehen) ist Nach Hamburg, das nach zwanzig Jahren immer noch unübertroffen ist. Hier singt er nichts von anderen Interpreten, keinen Bellmann, keine Volkslieder, sondern nur Hannes Wader. Er hat drei Jahre daran gearbeitet, und das Studioalbum wurde länger als alle zuvor. Und jetzt gibt es hier bezaubernde Liebeslieder wie Mit Eva auf dem Eis, Lieder zum Nachdenken wie Denkmalsbeschreibung und Die Kinder vom Bullenhuser Damm und Erinnerungen an Gudrun Ensslin und die RAF. Und das rührende Nach Hamburg. Wie man sich fühlt, wenn man in den fünfziger Jahren an einem Sonntagnachmittag einen Opel Kapitän klaut und damit nach Hamburg brettert. Die Reeperbahn nicht findet, an den Landungsbrücken aussteigt und nach zehn Minuten wieder nach Hause fährt. Es gibt Momentaufnahmen schnöseliger Pöseldorfer Blondinen in Capuccino, Seitenhiebe auf die Ökokultur in Anke's Bioladen, und St. Pauli sieht in Große Freiheit ganz anders aus als bei Hans Albers und Freddy Quinn. Vielleicht hätte ihm Klaus von Dohnanyi, der ja am gleichen Tag wie Wader Geburtstag hat und mal Bürgermeister von Hamburg war, einmal zu diesem Album gratulieren können.

Auf dem Album Nach Hamburg kann man auch Lydie Auvray wieder hören, mit der zusammen er lange aufgetreten ist. Er hat immer hervorragende Musiker um sich gehabt. Und er kann auch selbst Gitarre spielen, man merkt allen seinen Aufnahmen an, dass sie ohne künstliche Studiotricks bestehen können. Er könnte auch a cappella auftreten, es würde immer noch wirken. Wer kann das heute in diesem Geschäft schon von sich sagen? Und auch die Texte sind bei ihm nicht schlecht, zum großen Teil selbstgemacht. Als Beweis dafür gibt es jetzt zum Schluss Mit Eva auf dem Eis, auch wenn es nicht so recht zur ➱Jahreszeit passt.

Nur manchmal dringt der Lärm der Stadt verloren
als weit entferntes Rauschen übers Eis.
Der Schnee ist frisch, die Alster zugefroren,
und tief am Himmel steht die Sonne kalt und weiß.
Es drängen sich am Ufer um die Stände
die Schlittschuhläufer und, noch viel zu heiß
zum Trinken wärmt der Glühwein unsre Hände
an diesem Tag mit Eva auf dem Eis

Ich wollte auch durch andre Jahreszeiten
mit ihr noch zu so vielen Orten gehn,
im Jenischpark im Frühling mit dem weiten
Blick vom Hügel auf die Elbe sehn.
An heißen Sommertagen sogar in ihr baden
nur sekundenlang und nur den großen Zeh,
im Herbst vielleicht zu Bartels Zauberladen
draußen an der Wandsbeker Chaussee.

Nun, es ist daraus dann nichts geworden,
sie wollte einfach fort, um jeden Preis
fort aus dieser kühlen Stadt im Norden,
fort aus dem Trott, dem ewig selben Gleis.
Viel Glück, ob sie nach all den Jahren
noch immer an mich denkt, wer weiß,
ich erinnre mich gern an den kalten, klaren
Wintertag mit Eva auf dem Eis.


Dienstag, 22. Juni 2010

Observatorium


22. Juni 1675: Charles II gründet die Sternwarte von Greenwich, könnte die Schlagzeile gelautet haben. Nicht dass ihn die Wissenschaft wirklich interessiert, aber er hat im französischen Exil gelernt, dass es sich immer gut macht, ein Patron der Wissenschaft und der Künste zu sein. Er hat sich auch so malen lassen. Die eine Bildhälfte ist voll mit ihm, in einen überdimensionierten Mantel des Hosenbandordens gehüllt. Die rechte Bildhälfte, auf die sein Arm zeigt, enthält alles, was jetzt wichtig ist. Schiffahrt, Fernrohr, Globus, Karten und Bücher. Man hat ihm einen jungen Mann namens John Flamsteed empfohlen, der jetzt sein persönlicher astronomical observator wird (der Titel ändert sich wenig später in Astronomer Royal). Kriegt auch gleich eine Sternwarte gebaut. Von Charles' Lieblingsarchitekten Sir Christopher Wren, der gerade London nach dem Brand von 1666 wieder aufgebaut hat.

Und Flamsteed bekommt 100 Pfund im Jahr. Fertig. Das reicht zwar nicht aus, um eine Sternwarte zu finanzieren, aber Charles weiß, dass Flamsteed einen reichen Gönner namens Sir Thomas Moore hat. Soll der das doch finanzieren. Der Bau von Flamsteed House hat 520 Pfund gekostet, finanziert durch den Verkauf von schon angegammeltem Schießpulver.

Flamsteed bringt seine eigenen Instrumente mit, nach seinem Tod 1719 wird seine Witwe alle Teleskope und Instrumente aus dem Haus entfernen. Da muss sein Nachfolger Edmond Halley (nach dem der Halleysche Komet benannt ist) sehen, wo er seine Instrumente herbekommt. Flamsteed House steht heute immer noch (und heißt immer noch so), es ist Teil des National Maritime Museum in Greenwich. Den berühmten Octagon Room (Bild), der von Wren für Flamsteeds Beobachtungen gebaut worden war, kann man heute für Abendgesellschaften mieten.

1884 hat man festgelegt, dass der Nullmeridian durch das Royal Observatory verläuft, die Weltzeit ist jetzt in englischer Hand. Vierzig Jahre lang hat Flamsteed hier die Gestirne beobachtet, alle Sterne am englischen Sternenhimmel verzeichnet und nummeriert (die Flamsteed Nummern werden zum Teil heute noch verwendet). Sein großer Widersacher Sir Isaac Newton hat Flamsteed die Ergebnisse geklaut und in einem Buch veröffentlicht, in dem Flamsteeds Name nicht vorkommt. Da hat John Flamsteed alle Bücher gekauft, deren er habhaft werden konnten und sie vor dem Flamsteed House verbrannt. Die Wissenschaft geht seltsame Wege.

Eine der Aufgaben des Royal Observatory war, so steht es in der königlichen Charter, dass Flamsteed the most exact Care and Diligence verwenden sollte to rectify the Tables of the Motions of the Heavens, and the Places of the fixed Stars, so as to find out the so-much desired Longitude at Sea, for perfecting the art of Navigation. Das ist der Traum, genaue Sternkarten und Berechnungen der Mondbahn zu haben, um den Längengrad feststellen zu können. Breitengrade feststellen, das kann man, aber den genauen Längengrad berechnen, das ist noch keinem gelungen. 1714 wird durch den Longitude Act ein Preis von 20.000 Pfund Sterling ausgelobt für denjenigen, dem die Lösung des Longitude Problems gelingt.

Die Engländer werden zwar den Sextanten erfinden, der den Jakobsstab ablöst, aber die Lösung des Longitude Problems wird von Seiten der Uhrmacher kommen, wenn John Harrison zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine genau gehende Uhr baut. Heute könnte man das mit jeder billigen Quarzuhr machen. In dem Theaterstück The Libertine von Stephen Jeffreys zerstören die adligen Wüstlinge Rochester und Sackville nachts des Königs Sonnenuhr, weil Rochester enttäuscht ist, dass er die Zeit in der Dunkelheit nicht ablesen kann: He calls himself King!! The greatest patron of the arts and sciences in Europe. The nimble mind bounding with ease from subject to subject. Cunt spends sixty thousand pounds on a clock and it doesn't work in the dark. 

Mit den Rufen Down with Time and Kings! zerschlagen sie die Sonnenuhr. Wenn vielleicht diese Worte nicht in der Juninacht 1675 gefallen sind, aber das Ereignis hat sich Jeffreys nicht ausgedacht: My Lord Rochester in a frolick after a rant did yesterday beat doune the dyill which stood in the midle of the Privie Garding, which was esteemed the rarest in Europe. I doe not know if it is by the fall beet in peeces. Da muss man ja ein Observatorium bauen, wenn die adligen Freunde nachts besoffen die Sonnenuhr kaputtmachen. So soll die berühmte Sonnenuhr ausgesehen haben, die mehr gekostet hat als Flamsteed House.

Man hätte natürlich auch eine kleinere, billigere Sonnenuhr nehmen können, wie diese hier. Die ist von einem gewissen Hilkiah Bedford 1663 oder 1664 gebaut worden, und sie funktioniert heute noch. Natürlich nicht nachts. Die schönste Erzählung der Geschichte des longitude problem und der Zeitmessung findet sich in Dava Sobels Buch Longitude. Man sollte unbedingt die illustrierte Ausgabe lesen, die Sobel später zusammen mit William Andrewes herausgebracht hat.

Montag, 21. Juni 2010

Nord Ostsee Kanal


An einem 21. Juni hat Wilhelm II den Nord Ostsee Kanal eröffnet, der natürlich im Jahre 1895 noch nicht Nord Ostsee Kanal hieß, sondern den schönen Namen Kaiser Wilhelm Kanal trug. Allerdings heißt er nicht nach unserem Willem II, wie man gemeinhin glaubt, sondern nach seinem Großvater. Bei den Engländern und in der internationalen Schiffahrt heißt er seit eh und je Kiel Canal.

Auf jeden Fall heißt er 1903 so bei den beiden englischen Gentlemen, die die Helden des ersten englischen Spionageromans The Riddle of the Sands sind. Denn bevor Carruthers und Davies die englischen Invasionspläne auf den Ostfriesischen Inseln entdecken, segeln sie erst einmal (wie der Autor Erskine Childers) durch die Ostsee. Den kaiserlichen Namen hatte der Kanal noch bis 1948, dann bekam die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt den neuen neutralen Namen. Zur Hälfte (zwischen Rendsburg und Kiel) folgte der Kanal einer älteren künstlichen Wasserstraße, dem alten Eiderkanal.

Ein Teilstück des alten Kanals ist zwischen dem Gut Knoop bei Kiel und der Rathmannsdorfer Schleuse noch heute erhalten, es lädt zu einem Spaziergang durch idyllische Natur ein. Die Rathmannsdorfer Schleuse war früher ein Geheimtip, ist aber jetzt schon auf YouTube zu sehen. Über den Kanal führen eine Vielzahl von Brücken und vierzehn Fähren, die alle kostenlos zu benutzen sind (inklusive der Schwebefähre unter der Eisenbahnbrücke von Rendsburg). Das hat der Kaiser Wilhelm so angeordnet, als der Unmut der Landbevölkerung zu ihm drang, die jetzt ihre Ländereien durch den Kanal zerstört sahen.

Schiffe, die den NOK befahren, müssen neben einem Lotsen einen Kanalsteurer an Bord haben. Diese Kanalsteurer (eine Berufsgruppe, die es nur hier gibt) hat man gleich bei der Eröffnung der Kanals nach holländischem Vorbild eingeführt, die tun ihr Leben nichts anderes, als auf dem Kanal hin- und herzufahren. Sie haben alle ein Kapitänspatent und sollen durch ihre genaue Kenntnis des Gewässers verhindern, dass es zu Havarien auf dem Kanal kommt. Aber dennoch rasseln jedes Jahr große Schiffe in die Böschung oder in die Schleusentore von Holtenau. Das liegt aber meistens nicht am mangelnden nautischen Vermögen der Kanalsteurer, sondern beinahe immer daran, dass die vollcomputerisierte Steuerungsanlage des Schiffes ausfällt.

Es gibt auch andere Unglücke am Kanal, die nichts mit der christlichen Seefahrt zu tun haben. Im September 1974 setzen Flugzeuge im Rahmen des Manövers Bold Guard Teile des 15th Scottish Airborne Regiments irrtümlich bei Sehestedt in den Nord Ostsee Kanal. 15 Soldaten landen im Kanal, sechs können nicht mehr gerettet werden. Abgesehen davon, dass die Landbevölkerung allen zur Hilfe kommt, die jetzt noch in irgendwelchen Baumkronen hängen, sacken sie auch alles (vom Fallschirm bis zum Jeep) ein, was die Briten links und rechts des Kanals von Klein Königsförde bis Osterade verteilt haben. Dieser Teil der schrecklichen Nacht taucht in der Berichterstattung der Presse nie auf, aber lassen wir das dahingestellt sein. Es wird noch eine sehr erfreuliche Entwicklung zwischen den Kanalanrainern und dem schottischen Regiment geben. Das Regiment hatte dreißig Jahre zuvor (auch im September) auch mit den Deutschen zu tun, das war dieses bescheuerte Operation MarketGarden von Montgomery, wo im Film der Kommandeur der Fallschirmjäger von Sean Connery gespielt wird. Die Schotten sind, wie alle britischen Regimenter, traditionsbewusst und besuchen jedes Jahr den neuen Schottenstein, aber irgendwann wird mehr daraus, als der jährliche Besuch einer Militärdelegation.

Die machen da jetzt seit Jahren Highland Games, mit Baumweitwerfen (tossing the caber) und all den seltsamen Dingen, die es auch in Schottland bei den echten Highland Games gibt. Und dazu gibt es auch noch Kapellen im Kilt, die diese gewöhnungsbedürftige Dudelsackmusik spielen. Klicken Sie doch mal hier, und Sie bekommen einen Eindruck davon, was hier im September am Nord Ostsee Kanal los ist. Bisher war man hier ja nur dadurch berühmt, weil das Herrenhaus Osterrade auf dem Etikett der Unox Dosensuppe ist, aber jetzt hat man richtige Schlagzeilen.

Der Amateurhistoriker, der die unsägliche Dorfchronik ins Netz gestellt hat und ständig den modischen Begriff der Erinnerungskultur strapaziert, hätte auch noch erwähnen können, dass hier in Sehestedt schon einmal ein Schotte war. Der heißt Sir Hugh Halkett und ist als Oberstleutnant in hannöverschen Diensten. Am 10.12.1813 kämpft er hier gegen die Dänen, hat einen dänischen Fahnenträger vom Pferd gehauen und die Fahne erbeutet. Zwei Jahre später nimmt er in der Schlacht von Waterloo den französischen General Cambronne gefangen. Das ist der, der als Kommandeur der Garde angeblich Merde gebrüllt hat (nicht nur französische Fußballer drücken sich ordinär aus), als man ihn zur Kapitulation aufgefordert hat. Auf jeden Fall steht das so in Victor Hugos Les Misérables. Er kann aber weder Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht noch Merde gesagt haben, weil ihn zuvor schon der Oberst Halkett an seinen Epauletten ergriffen hatte.

Wenn Sie jetzt sagen, dass hier etwas viel Militär in einem kleinen Artikel über den Nord Ostsee Kanal vorkommt, so muss man bedenken, dass der Kanal von Anfang an nicht nur dafür da war, um der Handelsschiffahrt den beschwerlichen Weg durch das Kattegat zu ersparen. Auf jeden Fall hatte Bismarck etwas anderes im Kopf, als er die Planung Kanal in Auftrag gab, und Kaiser Wilhelm I das so absegnete. Zwei Jahre nach der Eröffnung des Kanals hat man angeordnet, dass Kriegsschiffe auf dem Kanal Vorfahrt vor der Handelsschiffahrt hatten. Der Kieler Marinehistoriker Michael Salewski hat in seinem Buch Die Deutschen und die See in einem langen Kapitel Die militärische Bedeutung des Nord Ostsee Kanals behandelt.

Was Touristen immer zuerst beim Nord Ostsee Kanal auffällt (und was jeder Anwohner seit Kindestagen weiß) ist, dass der Kanal eine Wetterscheide ist. Eine Seite hat immer anderes Wetter als die andere. Aber daran ist der Kanal nicht schuld, sagen Meteorologen, das wäre auch so, wenn man den Kanal mit Sand zuschütten würde. Früher war Kiel ja gar nicht auf der Wetterkarte der ARD, aber Björn Engholm hat dafür gesorgt, dass der Ort auf die Karte kommt. Seine größte politische Leistung, wie gehässige Kritiker gesagt haben.

Einmal im Jahr sperrt man den Kanal für die Schiffahrt und überlässt ihn den Ruderern für den Hanse Cup, die längste Ruderregatta der Welt. Man möchte seit neun Jahren eine Art Konkurrenzveranstaltung zu der berühmten Regatta Oxford gegen Cambridge auf der Themse schaffen. Immerhin lockt man dabei bei gutem Wetter auch schon mal 150.000 Zuschauer an. Und der Achter aus Cambridge hat auch schon mal gewonnen.









Sonntag, 20. Juni 2010

Stuarts


Es zieht sich eine blutige Spur
Durch unser Haus von Alters,
Meine Mutter war seine Buhle nur
Die schöne Lucy Walters.

Am Abend war’s, leis wogte das Korn,
Sie küßten sich unter der Linde,
Eine Lerche klang und ein Jägerhorn, –
Ich bin ein Kind der Sünde.

Meine Mutter hat mir oft erzählt
Von jenes Abends Sonne,
Ihre Lippen sprachen: Ich habe gefehlt!
Ihre Augen lachten vor Wonne.

Ein Kind der Sünde, ein Stuartkind,
Es blitzt wie Beil von weiten,
Den Weg, den alle geschritten sind,
Ich werd’ ihn auch beschreiten.

Das Leben geliebt und die Krone geküßt
Und den Frauen das Herz gegeben,
Und den letzten Kuß auf das schwarze Gerüst, –
Das ist ein Stuart-Leben.


Das ist Fontanes Lied des James Monmouth. Am heutigen Tag hat sich James Scott, der illegitime Sohn von Charles II zum König von England erklärt, der Beginn der so genannten Monmouth Rebellion. Wenn wir Fontanes Gedicht gelesen haben, wissen wir, wie es ausgeht. Fontane hat es im Sommer 1853 geschrieben und es in seine Erzählung James Monmouth eingefügt (1854). Später war es dann zusammen mit anderen schottischen Themen (die Fontane immer faszinierten, nicht nur als er Jenseit des Tweed schrieb) auch in der Sammlung der Gedichte.

Die schöne Lucy Walters war eine der vielen Mätressen von Charles II. Unter Historikern ist es immer noch umstritten, ob Charles sie nicht doch heimlich geheiratet hat. Er hat seinen illegitimen Sohn anerkannt und ihm den Titel eines Herzogs von Monmouth verliehen, ihn aber nicht zum Thronfolger gemacht. Das macht James Scott jetzt selbst. Die Zeitgenossen äußern sich nicht sehr schmeichelhaft über die adlige Lucy Walters. Samuel Pepys bezeichnet sie als common whore. Dieser Samuel Pepys (der sich Pieps ausspricht) ist ein hoher Beamter der Admiralität, der in seiner Zeit ein geheimes Tagebuch geführt hat, eine Fundgrube für das tägliche Leben im London des 17. Jahrhunderts. Heute ist es natürlich nicht mehr geheim, man kann es kaufen und lesen. Es ist eins der berühmtesten Tagebücher der englischen Literatur, und es ist eine wunderbare Lektüre!

Charles II nimmt seinen Sohn zu sich, als der zehn ist, da kann er weder lesen noch schreiben, bitte oder danke sagen. Wenn man bei der Mutter in einem Bordell aufwächst, ist das vielleicht auch nicht die richtige Erziehung für einen Königssohn. Bevor er unter das Beil von Jack Ketch kommt (der im Englischen heute noch ein Synonym für den Henker und für den Tod ist), führt er ein ebenso wildes Leben wie sein Vater, den man The Merry Monarch genannt hat. Allerdings hat er nicht so viele Mätressen wie Charles II. Es ist eine wilde Zeit, wenn man einen Eindruck davon bekommen will, sollte man die Biographie lesen, die Graham Greene über einen Freund des Königs geschrieben hat. Sie hat den schönen Titel Lord Rochester's Monkey, und dieser John Wilmot, zweiter Earl of Rochester übertrifft seinen königlichen Freund im wüsten Leben sicher noch. Er ist neben seiner Tätigkeit als adliger Playboy auch noch Dichter. Obgleich man seine Satiren und seine schmutzigen Verse heute etwas weniger liest, sein Epitaph für Charles II hat die Zeiten überdauert:

Here lies our Sovereign Lord the King
whose word no one relies on,
who never said a foolish thing
nor ever did a wise one.

Johnny Depp hat Rochester in dem Film The Libertine gespielt (John Malkovich spielte Charles II), aber bevor man Geld für den Film ausgibt, sollte man sich lieber das bezaubernde kleine Theaterstück The Libertine von Stephen Jeffreys kaufen, das die Basis für den Film war. Ganze Bände könnte man zusammendrucken, schrieb Goethe über Rochesters A Satyr against Reason and Mankind, welche als ein Kommentar zu jenem schrecklichen Text gelten könnten. Und damit wir auch etwas von dem schrecklichen Text lesen können, hier Rochester im O-Ton:

Bless me! thought I, what thing is man that thus
in all his shapes, he is ridiculous?
Ourselves with noise of reason we do please
in vain: humanity's our worse disease.

Samstag, 19. Juni 2010

Pauline Kael


Den Film fand sie nun völlig daneben, ich dagegen habe ihn geliebt. Der Film hieß Darling, und die junge Julie Christie spielte darin (neben ➱Dirk Bogarde) ein Model im ➱Swinging London der sechziger Jahre. John Schlesinger hatte ihn, wie im Vorjahr Billy Liar (auch mit Julie Christie) in Schwarzweiß gedreht, mit diesem typischen Schlesinger touch einer eleganten Tristesse. Die Filmkritikerin, die mir diesen Film (wie so viele andere) schlecht gemacht hat, heißt Pauline Kael. ➱Terrence Malicks großartigen Film Badlands hat sie auch verrissen, zum Ärger des Chefredakteurs vom New Yorker, William Shawn. Als der ihr angesichts ihres Manuskripts sagte, dass er Malick als eine Art Sohn betrachte, hat sie ihm geantwortet Tough shit, Bill. Ihre Besprechung wurde unverändert gedruckt, ihre Lobeshymne auf Deep Throat hatte sie allerdings ein Jahr vorher zurückgezogen, weil William Shawn in seinem New Yorker nur ungern Pornofilme rezensiert sah. Als sie Last Tango in Paris in den Himmel hob, verlieh ihr der Harvard Lampoon den Bosley Award (benannt nach dem New Yorker Filmkritiker Bosley Crowther) für that critic who consistently explores the farthest limits of bad taste. Das ist nun ein wenig gemein zu Bosley Crowther, der in den fünfziger Jahren McCarthy bekämpft hat, immer für europäische Filmkunstwerke eingetreten ist und eigentlich sehr seriöse Kritiken schrieb. Obgleich er manchmal auch etwas quirky sein konnte.

Wenn ich sie auch nicht ausstehen konnte, habe ich doch all ihre Bücher gekauft. Aber ich las damals lieber die Filmkritiken von Dilys Powell, die für die Sunday Times schrieb (sie war seit 1928 bei der Sunday Times, im gleichen Jahr hatte ihre Konkurrentin Caroline Alice Lejeune beim Observer angefangen). Dilys Powell war irgendwie seriöser als Pauline Kael. Es war ja nicht so, dass Amerika sie unbedingt gebraucht hätte und seit James Agee keine Filmkritiker gehabt hätte, Bosley Crowther, Andrew Sarris, Manny Farber und Parker Tyler wären gute Beispiele für eine niveauvolle Filmkritik, von akademischen Kritikern wie Robert Sklar ganz zu schweigen. Aber Pauline Kael verkörperte den Geist der sechziger Jahre, sie war das Äquivalent zu dem jungen Tom Wolfe, und sie schrieb manchmal wie er. Und dennoch begrüsste sie die Sixties nicht unbedingt. Ihre Kritik zu Richard Lesters wundervollen Filmen The Knack und Help! endet mit den Worten: By the time you are outside the theatre, you've already forgotten the movie. You're hungry again. There is nothing to take home, no memory, hardly an aftertaste. Ich habe nichts aus The Knack vergessen, und Millionen von Beatles Fans hatten auch noch Erinnerungen an Help! als sie das Kino verliessen.

Aber die sechziger Jahre sind die Jahre der Filmkritik, in Amerika wie in Frankreich und in Deutschland,  auch wenn die deutschen Filmkritiker die ganze Zeit nach Frankreich schielen und alles importieren, was von dort kommt. Über den Ärmelkanal gucken die deutschen Intellektuellen, die jetzt alle die Kunstform Filmkritik entdecken, nie. Dabei haben die Engländer Filmkritiker en masse (Philip French, Penelope Houston, Alexander Walker, Raymond Durgnat, Gilbert Adair, Tim Milne, Eric Rhode), die auch noch dicke fette schlaue Bücher schreiben. Und sie haben das British Film Institute. Und trotzdem beachten wir sie nicht, das ist irgendwie faszinierend. Weil wir in Deutschland aus unerklärlichen Gründen alle französischen Kaffeehausphilosophen ernst nehmen (wenn auch ein wenig mit Verspätung) und sie für das Größte unter der Sonne halten. Und während in Amerika die schrille Professorin Camille Paglia in schwarzen Bikerklamotten längst vor tausenden von Studenten in Princeton oder am M.I.T. wunderschön bösartige Grabreden auf Derrida, Foucault, Lancan & Co. hält, sind die an deutschen Provinzunis immer noch die Götter der Geisteswissenschaft. Ich liebe den französischen Film, und ich bin mit den Cahiers de Cinéma aufgewachsen, aber warum soll man sich seine filmtheoretischen Götter nicht außerhalb von Paris suchen können?

Zuerst hatte sie bei kleinen Magazinen geschrieben oder für das Radio gearbeitet, aber je berühmter sie wurde (erst bei McCall's, dann der New Republic und schließlich beim New Yorker), desto mehr wurde sie vermarktet. Wenn die Amerikaner schon nix können, Vermarktung bekommen sie immer hin. Auch von Filmkritikern, wenn es sein muss. Ihre Bücher hatten auch so schöne Titel I Lost it at the Movies, Kiss, Kiss, Bang, Bang, Reeling. Dagegen war Hartmut Bitomskys Die Röte des Rots von Technicolor schon etwas sehr gesucht. Und die Buchumschläge wurden vollgepflastert mit kurzen lobenden Sätzen, die uns versicherten, dass Miss Kael die bedeutendste Filmkritikerin aller Zeiten ist. Das kriegen Amerikaner ja auch immer gut hin. Als der New Yorker 1991 mitteilte: We regret that Pauline Kael feels that it's time, after twenty-four years at the magazine, to retire from regular reviewing war das für viele Leser ein Schock. Sie war inzwischen zu einer Institution geworden. Nicht unangefochten, ihre Kollegin Renata Adler hatte 1980 in einem langen Essay im einflussreichen New York Review of Books gesagt, dass Kael seit ihrem Höhepunkt in den sechziger Jahren nichts von Substanz veröffentlicht habe und ihr neuester Band When the Lights go Down nur noch aus Manierismen bestände und worthless sei. Film- und Theaterkritiken sind häufig etwas Ephemeres. Wenn man nicht gerade Theodor Fontane oder Alfred Kerr heißt, liest ein Jahr später niemand mehr das Zeug.

Ich weiß nicht, was wirklich von ihr bleibt, etwas so Originelles wie White Elephant Art v. Termite Art wie ihr Kollege Manny Farber hat sie nicht geschrieben. Sie hat auch keine substantiellen Monographien geschrieben wie ihr Erzfeind Andrew Sarris. Sie hat das Kino geliebt und ihren Instinkten vertraut, sie war konsequent gegen die Mehrheitsmeinung, und sie hat den Status der amerikanischen Filmkritik verändert. Auch in Amerika waren Filmkritiken jetzt nicht mehr ein Wegwerfartikel, sondern waren zu einer Kunstform aufgestiegen.

Aber Pauline Kael wußte wohl auch, dass die wahre Diskussion nicht im New Yorker stattfand, sondern in kleinen Zeitschriften wie Jump Cut. In Movie Love: Complete Reviews 1988-1991 ist sie nur noch ein Schatten ihres alten Selbst, ihre punch line am Ende einer Rezension wirkt häufig wie willkürlich angeklebt. Pauline Kael, geboren am 19. Juni 1919 ist im Alter von 82 Jahren in ihrem Haus in Massachusetts gestorben. Dies hier unten ist ein Cartoon aus dem New Yorker, für den sie jahrzehntelang geschrieben hatte. Die kleine Zeichnung da oben ist natürlich von dem unübertroffenen David Levine.


Freitag, 18. Juni 2010

Waterloo


Marschall Grouchy hört den Kanonendonner auch, aber er ist gerade dabei, in Walhain ein verspätetes Frühstück einzunehmen. Und jetzt werden die leckeren Erdbeeren mit Sahne serviert, dazu gibt es Champagner. General Gérard fordert ihn auf, sofort in Richtung des Kanonendonners zu marschieren, aber Grouchy hat jetzt erst einmal die Erdbeeren im Kopf. Und das eine Wort, das er aus den widersprüchlichen Befehlen seines Kaisers herausgehört hat. Und das heißt Wavre, da will er hin.

In Wavre soll Blücher mit dem preußischen Heer sein. Ist er aber längst nicht mehr, er ist schon früh aufgestanden, falls er nach der Niederlage von Ligny und dem schwerem Sturz vom Pferd überhaupt geschlafen hat. Da, als er Nostitz, ich bin verloren! gerufen hatte. Und der Graf Nostitz ihn, als die französische Kavallerie über sie hinweggeritten war, mit Hilfe von zwölf Soldaten unter dem toten Grauschimmel hervorgezogen hatte. Die ganze Nacht war ein Kommen und Gehen in seinem Hauptquartiert, das schreibt Sir Henry Hardinge, Wellingtons Verbindungsoffizier bei den Preußen. Der hat die Nacht auch nicht geschlafen, hat auf einer Strohschütte im Vorzimmer gelegen. Er könnte sich ja krankmelden, weil man ihm gerade nach der Schlacht von Ligny die Hand amputiert hat, aber sowas tut ein Engländer nicht. Blücher könnte sich auch krankmelden, aber er erklärt daß er sich, ganz gleich wie sein Zustand sei, lieber auf sein Pferd binden lasse, als zurückzutreten, denn ein blutiger Rachedurst habe von seinem Willen und seinem Verstand Besitz ergriffen. Er hatte nach Branntwein verlangt (zur inneren Anwendung), sein Arzt hatte ihm Schampus gegeben und seinen Körper mit einer Mischung von Branntwein, Gin, Rhabarber und Knoblauch eingerieben. Ich stinke, begrüßt er Hardinge am frühen Morgen und umarmt ihn. Was dem Frischoperierten ein wenig wehtut, aber Blücher ist jetzt mit seiner guten Laune nicht mehr zu bremsen. Obwohl ihm das Reiten große Schmerzen machen mußte, ritt er die Kolonnen entlang und tauschte mit vielen Soldaten Witze und Scherzworte aus. Seine gute Laune verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Kolonnen entlang, schreibt ein westfälischer Hauptmann.

Blüchers Leibarzt, der Dr. Carl Ludwig Bieske möchte die Tinktur auf Blüchers Körper noch einmal erneuern, aber der sagt ihm, es mache ihm nichts aus, ob er nun gesalbt oder ungesalbt in die Ewigkeit gehe. Und fügt hinzu: Wenn alles gut geht, werden wir uns alle bald  in Paris waschen und baden. Als er jenen Kanonendonner hört, den Grouchy bei seinen Erdbeeren hört, da ist Blücher schon zu Pferde auf dem Weg nach Waterloo. Es hat es Wellington versprochen, den er als seinen Freund und seinen Bruder bezeichnet, und daran hält sich Blücher. Gneisenau, der Wellington nicht ausstehen kann, ist da ganz anders. Die Engländer können schon glücklich sein, dass der Graf Gneisenau nur Blüchers Stabchef ist und nicht die preußische Armee kommandiert (was er ja zu gerne tun würde). Aber Gneisenau hasst nicht nur Wellington, er kann auch mit den eigenen preußischen Korpskommandeuren nicht auskommen. Yorck von Wartenburg und er hassen sich seit langem, zu Bülow und Zieten hat er ein gespanntes Verhältnis, die Liste ließe sich verlängern.

Der Herzog von Wellington hat auch wenig geschlafen in der Nacht zum Sonntag, aber um sechs Uhr sitzt er schon elegant gekleidet auf seinem Lieblingspferd Copenhagen (das hat diesen Namen, weil es geboren wurde als Wellington gerade Kopenhagen bombardierte) und zeigt sich seiner Armee. Er wird Copenhagen noch zur Downing Street Nummer 10 reiten, wenn er 1828 Premierminister wird. Copenhagen wird 29 Jahre alt, bekommt nach seinem Tod ein militärisches Ehrenbegräbnis auf Wellingtons Landsitz mit einer kleinen Steinplakette. Als das National Army Museum Copenhagen ausgraben möchte, um das Skelett neben das Skelett von Napoleons Pferd Marengo zu stellen, schreibt Wellington, dass er sich leider nicht erinnern könne, wo Copenhagen begraben läge. So bleibt dem Museum nur Marengo (der 38 Jahre alt wurde). Sein Skelett ist noch heute in London zu sehen.

Wellington trägt an diesem Tag was er am liebsten trägt: Zivil. Weiße Reithosen, einen blauen Rock mit einer weißen Kragenbinde und ein dunkelblaues Cape gegen den Regen. Lediglich die goldene Schärpe eines spanischen Feldmarschalls gibt ihm etwas Militärisches. Auf beinahe allen Gemälden haben ihn die Maler in scharlachroter Uniform dargestellt, und da trägt Blücher auch meistens eine Mütze, was auch wohl nicht stimmt.

Die meisten Blücherbilder stammen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, und für Generäle vor Paris ist 1870 die Feldmütze schon O.K. wie man auf diesem scheußlichen Bild von Anton von Werner sehen kann, das Moltke vor Paris zeigt. Blücher hat einmal eine Art Mütze statt des Zweispitzes getragen, aber das war eine Husarenmütze, die ganz aussah als die von Moltke. Selbst wenn er die Mütze der Landsturmsoldaten getragen haben soll, sah die auch anders aus. Und die so genannte Blüchermütze, die die deutsche Sprache kennt, ist wieder etwas ganz anderes. Das trägt der Stahlhelm in den zwanziger Jahren (sowas hatte mein Opa auch). Blücher hat in diesen Jahren wegen seines Augenleidens horribile dictu gerne Damenhüte getragen, aber das zeigt uns kein Maler.

Für den Film Waterloo hat der russische Filmregisseur ➱Sergei Bondartschuk (der die großartige Krieg und Frieden Verfilmung gedreht hat) die meisten Uniformen schon richtig hingekriegt. Vor allem, wenn er Christopher Plummer den Herzog in elegantem Dunkelblau spielen lässt.

Der Marschall Grouchy hört nicht auf den Kanonendonner, er merkt wohl, dass dies kein Vorpostengefecht ist, denn man kann die Erde beben spüren und sieht im Westen Rauch und Qualm aufsteigen. Wenn er jetzt nach links schwenken würde, dann würden seine Truppen Blücher den Weg abschneiden. Aber er marschiert nach Norden, nach Wavre, wo er auf den General Thielmann mit seinem Korps trifft. Den haben Blücher und Gneisenau dort gelassen, damit er Emmanuel de Grouchy den Weg verstellt. Thielmann schickt schon bald reitende Boten in Richtung Waterloo und bittet um Verstärkung. Keinen Pferdeschwanz soll er bekommen, sagt Blücher. Der drückt sich immer sehr klar aus. Gneisenau ist da schon etwas pathetischer: Es ist nicht wichtig, wenn er zerschmettert wird, solange wir hier nur siegen. Das klingt ein wenig wie aus dem Veit Harlan Film Kolberg von 1945, aber so reden die Preußen eben gerne.

Am 18. Juni des Jahres 1815 fand die Schlacht von Waterloo (oder, wie Blücher es lieber hatte, von Belle-Alliance) statt. Der besoffene Husar, wie Napoleon Blücher mehrfach genannt hatte, ist der Sieger auf dem Schlachtfeld. Ob er Wellington um 21 Uhr oder 22 Uhr in Belle-Alliance oder Genappe getroffen hat, darüber streiten die Historiker, aber sicher ist, dass er Wellington umarmt und geküsst hat (obgleich er immer noch stinkt) und Mein lieber Kamerad. Quelle affaire! gesagt hat. Wobei man bedenken sollte, dass quelle affaire zu dieser Zeit nicht na, so etwas bedeutet, sondern Was für eine Schlacht! Mein alter zweibändiger Sachs-Villatte aus dem 19. Jahrhundert kennt das Wort noch so, Kletts Großwörterbuch von 2004 muss da schon passen. So gehen Wörter und ihre Bedeutung mit der Zeit verloren. Für Leute, die der Meinung sind history is bunk, ist es sowieso egal. Aber ein bedeutender Klassischer Philologe hat einmal gesagt, dass Philologen Pioniere seien, die immer wieder eine Brücke über Lethe, den Fluss des Vergessens, bauen. Gefällt mir irgendwie. Soll ich den Blog im Brücken-Blog umtaufen?

Bevor wir zu solch einschneidenden Maßnahmen greifen, habe ich noch ein kleines surprise ending. Die letzte Szene eines deutschen Theaterstückes, sechzehn Jahre nach Waterloo geschrieben. Grottenolmschlecht und unfreiwillig komisch. Aber von einem bedeutenden deutschen Schriftsteller. Wenn Sie es in seiner Gänze geniessen wollen, dann klicken Sie hier. Vierundsechzig Jahre nach seiner Fertigstellung ist es zum ersten Mal aufgeführt worden, und es findet sich in keinem Theaterspielplan mehr. Wo bleiben Castorf, Peymann, Schlingensief? Hier könntet ihr mal regietheatermäßig was verhunzen, schlimmer kann's eh nicht werden.

BLÜCHER mit Gneisenau und Gefolge heransprengend. Wo mein großer Waffenbruder von Saint Jean?
GNEISENAU. Da kommt er!
HERZOG VON WELLINGTON heransprengend. Guten Abend, Feldmarschall!
BLÜCHER. Herzog, der Abend ist des Tages wert!
HERZOG VON WELLINGTON. Die Hand her, Helfer in der Not!
BLÜCHER. Zum »schönen Bunde«, wie der Ort hier heißt! – – Engländer, Preußen, Gemeine, Generale, Unteroffiziere – ich kann nicht weiterrücken bis ich mir die Brust gelüftet, meine Feldmütze abgezogen, und euch gesagt habe: ihr alle, alle seid meine hochachtbaren Waffengefährten, gleich brav in Glück und Not – Wird die Zukunft eurer würdig – Heil dann! – Wird sie es nicht, dann tröstet euch damit, daß eure Aufopferung eine bessere verdiente! – – Wellington, laß deine Leute etwas rasten, – sie hatten heute die drückendste Arbeit – Dafür übernehmen wir so eifriger die Verfolgung, und verlaß dich darauf, sie soll unseren Sieg vollenden, wie noch keinen anderen! – Vorwärts, Preußen!



Lesen Sie auch: ➱La Belle-Alliance