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Samstag, 9. April 2022

Fellini

Heute ist derTodestag von Viktor von Scheffel, über den könnte ich schreiben, aber der hatte hier vor sechs Jahren schon den schönen Post Trevi Brunnen. In dem es natürlich auch ein Bild von Anita Ekberg in Federico Fellinis Film La Dolce Vita gab. Seit sie 1960 im Trevi Brunnen gebadet hat (was übrigens polizeilich verboten ist), geht uns das Bild nicht mehr aus dem Kopf. Anita Ekberg war hier zuletzt in dem Post nouvelle vague suédoise, vorher tauchte sie schon in den Posts Cinecittà und die Mode, Sergei Bondartschuk, Ingmar Bergman und Bibi Andersson auf. Und sie taucht auch in meinem heutigen Gedicht auf, das Fellini`s dreams heißt, geschrieben von dem Iren Gerard Smyth.

Ich finde es ein wenig erstaunlich, dass ich hier noch nie über Fellini geschrieben habe. Gut, er kommt in Cinecittà und die Mode und in vielen anderen Posts vor, aber es gibt keinen richtig großen Fellini Post. Sein Kollege Michelangelo Antonioni hat dagegen mehrere Posts. Und Visconti kommt hier mit Ossessione und temps perdue auch schon vor ... Ich mag Fellini, ich habe beinahe all seine Filme gesehen, viele habe ich auf DVD, Drehbücher besitze ich auch, auf jeden Fall alles, was bei Diogenes erschienen ist. Und dennoch: kein Fellini Post im Blog. Das steht so in dem Post Felliniesque, ich hoffe, dass es hier irgendwann etwas mehr Fellini geben wird. Ich fange heute mal mit dem Gedicht Fellini`s dreams an:

Fellini recorded his dreams
in sketch books and diaries.
Dreams in which he saw his obituary on the page
and made love to glamorous Anita Ekberg.

On those warm nights of Roman heat
or when cool sea-breezes blew from the Adriatic
his sleep was haunted: he saw himself with Passolini
walking into the unlit alley
or dancing with Fred and Ginger
through the cinemas of Rimini.

Fellini dreamed of more Hiroshimas
and falling among thieves.
His dreams appeared as allegories
in the shooting script for Amarcord:
the scene with the ship strung with lanterns,
a floating carnival to light up the fascist years.


Sonntag, 20. Mai 2018

Felliniesque


Ich finde es ein wenig erstaunlich, dass ich hier noch nie über Fellini geschrieben habe. Gut, er kommt in Cinecittà und die Mode und in vielen anderen Posts vor, aber es gibt keinen richtig großen Fellini Post. Sein Kollege Michelangelo Antonioni hat dagegen mehrere Posts. Und Visconti kommt hier mit Ossessione und temps perdue auch schon vor.

Am Ende des Posts Steve Cochran (ein Post, der mit viel Liebe geschrieben ist) habe ich gesagt: Mehr Michelangelo Antonioni in diesem Blog unter Swinging London, Michelangelo Antonioni und Antonioni. Als ich das erste Mal über Antonioni schrieb, endet der Post mit: Ich merke gerade, dass ich jetzt Tage (oder Wochen) über Antonioni weiter schreiben könnte. Ich höre erst einmal auf und stelle das ein. Vielleicht ein anderes Mal. So dacht ich. Nächstens mehr, wie Hölderlin am Ende von Hyperion sagt. Ich habe drei Jahre gebraucht, um dieses Nächstens mehr wahr zu machen. Aber ich war am Anfang meines Blogger Lebens, ich wußte noch nicht, wohin es mich führen würde.

Ich mag Fellini, ich habe beinahe all seine Filme gesehen, viele habe ich auf DVD, Drehbücher besitze ich auch, auf jeden Fall alles, was bei Diogenes erschienen ist. Und dennoch: kein Fellini Post im Blog. Dies heute wird eigentlich auch keiner, es geht hier nur um den Einfluss von Fellini. Wenn Sie den Post Attolini gelesen haben, dann kennen Sie diesen Herrn, es ist Toni Servillo, der den Schriftststeller Jep Gambardella in dem Film La grande bellezza spielt. Immer elegant, immer in Jacketts und Anzügen von Attolini. Ein Schneider, der Marcello Mastroianni auch schon einkleidete, allerdings trug der nie so bunte Jacketts.

Dass Attolini den Film ausstaffierte, haben alle Gazetten berichtet, eine bessere Werbung konnte es nicht geben. Dagegen war die Kampagne von Brioni gar nichts, die einmal James Bond einkleideten. In dem Buch Italian Style: Fashion & Film from Early Cinema to the Digital Age von Eugenia Paulicelli, das mir der Tobias geschenkt hat, sind Attolini und dem Film La grande bellezza ein ganzes Kapitel gewidmet. Kommt gleich nach Antonioni und Fellini.

Paolo Sorrentinos Film wird von den meisten Kritikern in Beziehung zu Fellini gesetzt. Reise ans Ende der Nacht: Paolo Sorrentinos grandiose Fellini-Hommage ist eine Feier der morbiden und mondänen Schönheit Roms, gesehen mit den Augen eines einflussreichen und allseits gefürchteten Klatschreporters, titelte die NZZ. Die Nähe zu Fellinis La Dolce Vita und Achteinhalb ist offensichtlich.

Dass im Titel des NZZ Artikels Louis-Ferdinand Célines Voyage au bout de la nuit zitiert wird, ist kein Zufall, denn der Film beginnt mit einem Céline Zitat: Viaggiare, è proprio utile, fa lavorare l'immaginazione. Tutto il resto è delusione e fatica. Il viaggio che ci è dato è interamente immaginario. Ecco la sua forza. Va dalla vita alla morte. Uomini, bestie, città e cose, è tutto inventato, è un romanzo, nient'altro che una storia fittizia. Lo dice Littré, lui non si sbaglia mai. E poi in ogni caso tutti possono fare altrettanto. Basta chiudere gli occhi, è dall'altra parte della vita.

Der Erfolg des Romans, der den Journalisten Jep Gambardella berühmt gemacht hat, liegt Jahrzehnte zurück. Er kann nichts mehr schreiben: Sono anni che tutti mi chiedono perché non torno a scrivere un nuovo romanzo. Ma guarda 'sta gente, 'sta fauna. Questa è la mia vita, non è niente. Flaubert voleva scrivere un romanzo sul niente, non c'è riuscito. Ci posso riuscire io? Jetzt bewegt sich der alternde Flaneur nachts durch Rom, von Party zu Party: Ich wollte der König der mondänen Welt sein und es ist mir auch gelungen. Ich wollte nicht nur auf die Partys eingeladen werden. Ich wollte die Macht haben, jede Party zu sprengen. Aber er merkt, wo er auf die 65 zugeht, dass sein Leben leer ist.

Der Film zeigt diese Reise ans Ende der Nacht in rauschhaft schönen Bildern, Antonioni und Fellini waren da sparsamer, wenn sie ihre Helden durch die Großstadt wandern ließen. Es wird viel geredet, manchmal bösartig, wenn Jep Stefanias (Galatea Ranzi) Lebenslügen, die wie ein O'Neillscher pipe dream sind, auseinandernimmt: La storia ufficiale del partito l'hai scritta perché per anni sei stata l'amante del capo del partito. I tuoi undici romanzi pubblicati da una piccola casa editrice foraggiata dal partito, recensiti da piccoli giornali, vicini al partito, sono romanzi irrilevanti, lo dicono tutti, questo non toglie che anche il mio romanzetto giovanile fosse irrilevante, su questo ti do ragione ... 

Allora invece di farci la morale… di guardarci con antipatia... dovresti guardarci... con affetto… Siamo tutti sull'orlo della disperazione, non abbiamo altro rimedio che guardarci in faccia, farci compagnia, pigliarci un poco in giro... O no? Auch wenn das böse ist und ein wenig nach Who's afraid of Virginia Woolf  klingt, wenig später tanzen sie bei einer Hochzeitsfeier engumschlungen.

Der Film kann sehr witzig sein. Wenn Jep Gambardella eine Liebesnacht mit Isabella Ferrari verbracht hat und sie ihren Laptop holt, um ihm ihre Nackphotos auf Facebook zu zeigen, ist er plötzlich verschwunden. Wir hören nur seine Stimme: Die wichtigste Erkenntnis nach meinem 65. Geburtstag ist die, dass ich keine Zeit mehr mit Dingen verlieren möchte, auf die ich keine Lust habe.

Mein Lieblingsdialog ist in einer kleinen Szene, wo Jep einem jungen Mann namens Andrea sagt: Non li piglia' troppo sul serio questo scrittori. Und der fragt: Se non prendo sul serio Proust, chi devo piglia' sul serio? Jep: Niente, niente devi piglia' sul serio — eccetto il menu, naturalmente... Insomma Andrea le cose so' troppo complicate per consentire a un singolo individuo di capire. Andrea: Il fatto che tu non abbia capito non significa che nessuno possa capire.

La Grande Bellezza hat einen Oscar bekommen. In Italien kam der Film von Paolo Sorrentino trotz der Anzüge von Attolini nicht so gut an. Antonionis Filme zuerst auch nicht: In Italy, The Great Beauty received a mixed critical reception, ranging from the lukewarm to the outright negative, thus confirming a sad national tradition – started long ago with Roberto Rossellini’s Roma città aperta (Rome, Open City, 1945) – one that determinately neglects important domestic pictures. Only after the film enjoyed international success and won prestigious awards (including the European Critics’ Award, The Bafta, the Golden Globe, the Oscar), did audience and critics appropriate it.

La Grande Bellezza, den Arte letztens gesendet hat (wie auch Il Divo vom gleichen Regisseur auch mit Toni Servillo), ist als DVD leicht erhältlich, und ich kann hier noch einen sehr guten Aufsatz von Carlotta Fonzi Kliemann empfehlen.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingsfest.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Cinecittà und die Mode


Am 29. Januar 1936 hatte Benito Mussolini den Grundstein für die römische Filmstadt Cinecittà gelegt. In den fünfziger Jahren bekam sie den Beinamen Hollywood on the Tiber. Die Amerikaner hatten entdeckt, dass man dort billiger als in Amerika Filme drehen konnte. Der hübsche kleine Film Roman Holiday (Ein Herz und eine Krone) wurde zum Beispiel hier gedreht. Das Filmgeschäft brachte viele Amerikaner nach Rom. Was sich für die gerade gegründete Firma Brioni (die sich nach der Insel benannte, die in den dreißiger Jahren das Zentrum des internationalen Jet Sets war) auszahlte. Sie können ➱hier mehr zur Geschichte der Firma lesen. Gregory Peck war aber nicht deren Kunde, der ließ sich seine Anzüge bei ➱Huntsman in der Savile Row machen. Und Audrey Hepburn vertraute natürlich dem Grafen ➱Hubert de Givenchy in Paris, kaufte aber ihre berühmten Ballerinas bei Salvatore Ferragamo.

Mussolini wusste, was das Kino bedeutete, Il cinema è l'arma più forte, hat er gesagt. Was man in den dreißiger Jahren hier in Rom dreht, sind systemstabilisierende Filme, die ein wenig den Hollywood Film der dreißiger Jahre imitierten. Man hat für diese Zeit den schönen Begriff Telefoni Bianchi gefunden, weil man in der dargestellten luxuriösen Welt immer weiße Telephone sehen konnte. Der in dem Post ➱Ermenegildo Zegna erwähnte Film La contessa di Parma ist natürlich auch ein Film mit weißen Telephonen.

Die italienischen Neorealisten haben diese Sorte Film gehasst, bei ihnen wird es keine weißen Telephone auf der Leinwand geben. Aber wer im neorealismo angefangen hat, wirft als Regisseur später durchaus wie Antonioni einen Blick auf die große Welt. Und ich habe den Verdacht, dass Anna Gobbi die lingerie von Silvana Mangano und Doris Dowling in Bitterer Reis auch nicht im Warenhaus um die Ecke gekauft hat. Noch dreht Visconti, der sich immer für Mode interessierte, Filme wie Ossessione und La Terra trema, noch ist er nicht bei den wunderbaren Kostümfilmen des Alterswerks angekommen.

Aber selbst in Rocco e i suoi fratelli hat man sehr genau auf die Mode der fünfziger Jahre geachtet. Sie können in einem Blog mit dem Namen ➱irenebrinnation mehr dazu lesen. Der Blog hat seinen Namen natürlich nach der Modejournalistin Irene Brin, die auch die italienische Mode stark mitgeprägt hat. Über sie hat Vittoria Caterina Caratozzolo vor einigen Jahren ihr interessantes Buch The Birth of Italian Look 1945-1969 geschrieben. Eins der allerbesten Bücher über die italienische Mode ist jedoch von Irene Brin selbst. Es heißt Usi e costumi (1920-1940), es hatte den deutschen Titel Morbidezza: Kleine Geschichte des Snobismus zwischen den großen Kriegen und erschien beim Rotbuch Verlag. Ja, sie haben richtig gelesen. Man bekommt es bei Amazon Marketplace ab einem Cent. Muss ich noch mehr sagen? Das Buch wurde übersetzt von Sigrid Vagt, die auch zwei Bücher von Michelangelo Antonioni übersetzt hat.

Die Filmstadt Cinecittà ist untrennbar mit dem Namen von Federico Fellini verbunden, weil der beinahe all seine Filme seit La Dolce Vita hier gedreht hat. Es ist ein klein wenig erstaunlich, dass es in diesem Blog so wenig zu Fellini gibt. ➱Michelangelo Antonioni kommt hier immer wieder vor, ➱Visconti auch. Sogar ➱Vittorio Gassman hat einen Post. Aber Federico Fellini hat keinen.

Dabei mag ich ihn. Ich habe beinahe all seine Filme gesehen, habe die meisten auf DVD, und die Drehbücher habe ich auch. Ich glaube, es wird langsam Zeit, einmal über Fellini zu schreiben. Und über Marcello Mastroianni und seine Anzüge. Und natürlich die Sonnenbrille: its never too dark to be cool. Der Italian Style, der sich seit den fünfziger Jahren in ganz Europa ausbreitet (selbst meinen kleinen Ort erreichte er, dank ➱Albert Dahle besaß ich 1960 zwei scharfe italienische Anzüge), wäre wohl nichts ohne den italienischen Film gewesen. Und was wäre er ohne die italienischen Photographen?

Womit ich nicht die neue Spezies Mensch namens Paparazzi meine. Ich habe den Photographen Federico Patellani, der viel während der Dreharbeiten photographierte, schon in den Posts ➱Vittorio Gassman und ➱Steve Cochran erwähnt (hier ist ein ➱Link zu seinem photographischen Werk). Patellani, der ein Jurastudium abgeschlossen hatte, photographiert ein klein wenig anders als die sensationsgierigen Paparazzi. Dieses Photo zum Beispiel braucht keine Interpretation, es sagt uns alles über den italienischen Mann.

Es ist eine ruhige Photographie, die bei all dem bisschen Glitzer und Glamour, den die Filmwelt nach Italien bringt, niemals vergessen lässt, dass Italien ein armes, vom Krieg gebeuteltes Land ist. Dieses Photo von Vittorio de Sica hat Patellani während der Dreharbeiten zu L'oro di Napoli gemacht. Es ist mir schleierhaft, wie Vittorio de Sica es immer schafft, so elegant auszusehen. Wenn hier heute vielleicht ein wenig viel Federico Patellani vorkommt, dann liegt das daran, dass die ➱Gabi mir vor vielen Jahren von einem Italienurlaub den Photoband Federico Pattelani: Fuori Scena mitgebracht hat.

Fellini hat dem Berufsstand der Paparazzi in La Dolce Vita ein Denkmal gesetzt. Vorbild für den Photographen Paparazzo (gespielt von Walter Santesso), den Marcello Rubini (Marcello Mastroianni) beschäftigt, ist Tazio Secchiaroli. Seinetwegen war König Faruk von Ägypten einst im Café de Paris an der Via Veneto so erbost, dass er einen Tisch umgeworfen hatte. Das verwackelte ➱Photo machte Secchiaroli reich. Und berühmt. Er beriet Fellini bei den Dreharbeiten von La dolce vita und wurde dann Filmphotograph. Und Leibphotograph von Mastroianni und Sophia Loren (Sie finden ➱hier Beispiele aus seinem Werk). Dieses Photo sieht aus wie eine Illustration zu Fellinis Satz Non c'è inizio né fine - esiste solo l'infinita passione per la vita. 

Eine andere italienische Photosammlung findet sich unter der Adresse ➱Foto Locchi. Die Kuratorin der Sammlung Erika Ghilardi hat über den italienischen Stil gesagt: Socially, Italian culture has its roots in the 30s. The grandmothers were paranoid about how you looked when you crossed the front door. Rich or poor, it was always a question of decorum. Personal decorum. It doesn't mean elegance. It means being decent. These were the fascist ideals. When you are told things like that so many times, it changes the mentality. Ich weiß nicht, ob man dieses decorum an den Faschisten festmachen sollte. Es geht viel weiter zurück, das hat Richard Sennett in seinem Buch The Fall of Public Man gezeigt. Das Bild hier wurde bei einer Modenschau im Palazzo Pitti in Florenz im Jahre 1955 gemacht.

Der Sala Bianca des Palazzo Pitti war nicht immer der Ort der Modenschau, die erste fand 1951 bei dem Marchese Giovanni Battista Giorgini zu Hause statt. Auf der Einladungskarte stand: The aim of the evening is to give emphasis to the value of our fashion. Ladies are keenly invited to wear clothes of purely Italian inspiration. Wir sehen den Marchese hier auf einem Photo aus dem Jahre 1956 links im Bild, mit ➱Frack und weißen Handschuhen.

Es sollte nicht verschwiegen werden, dass die Einkäufer von Bergdorf Goodman (New York) und I Magnin (San Francisco) auch anwesend waren. Giorgini schließt jetzt den italienischen Couturiers die Tür zum amerikanischen Markt auf. If there were no other reason to go to Florence and Rome just when spring begins, to whisper Italian fashion would fully justify our going, wird Carmel Snow 1953 schreiben. Sie ist nicht irgendjemand, sie ist die Chefredakteurin von Harper's Bazaar, ihr Wort hat Gewicht. Hier ein Abendkleid aus dem Atelier von Simonetta Colonna di Cesaró, 1953 in Harper's Bazaar abgebildet.

Giorgini gestattete auch ausgesuchten Firmen, Herrenmode auf seinen Laufstegen zu zeigen. Wovon die Firma Brioni sehr profitierte. Es sind jetzt viele Aristokraten im Modegeschäft. Nicht nur Grafen von Mussolinis Gnaden wie Ermenegildo Zegna, sondern Marchesen wie Giorgini oder Emilio Pucci, Herzoginnen wie Simonetta Colonna di Cesaró und Prinzessinnen wie Giovanna Caracciolo Ginetti und Irene Galitzine. Dieses Bild stammt nicht von einer Modenschau, es ist aus Antonionis Film Le amiche, der im Turiner Modemilieu spielt (wenn Sie den Film ganz sehen wollen, klicken Sie ➱hier). An Turin, das die Faschisten zur italienischen Modemetropole ausbauen wollten, läuft die Entwicklung in den fünfziger Jahren vorbei. Florenz, Mailand und Rom werden jetzt die Metropolen der Mode.

Bei der ersten Modenschau von Giorgini waren folgende Firmen dabei: Carosa, Fabiani und Simonetta (von denen man ➱hier Kleider sehen kann) und Emilio Schuberth, der viele Hollywood Stars einkleidet. Und dann sind da noch Vita NoberascoGermana Marucelli (la pioniera della moda milanese) und Jole (Jolanda) Veneziani. Das Bild zeigt die Modenschau von Giorgini, bei der zum ersten Mal ein Mann auf dem Laufsteg auftaucht. Es ist Angelo Vittucci, der für Brioni arbeitet.

Die drei Fontana Schwestern, Zoë, Micol und Giovanna Fontana, nennt man liebevoll die Mütter der italienischen Mode. Wir werden sie in  Erinnerung behalten, weil sie das Kleid entwarfen, das Anita Ekberg im ➱Brunnen in La Dolce Vita trägt. Und weil sie Ava Gardner eingekleidet haben. In ihren Rollen in The Barefoot Contessa (1954), The Sun Also Rises (1957) und On the Beach (1959) trägt sie immer Fontana. Die amerikanischen Studios haben zwar zu Hause Designer wie Edith Head (x-fache Oscar Preisträgerin) und Travis Banton, aber wenn die amerikanischen Diven erst einmal in Rom auf den Geschmack gekommen sind, verzichten sie gerne auf die Studioklamotten.

Bevor die Laufstege kamen, gab es die Schönheitswettbewerbe. Italien scheint einen unerschöpflichen Vorrat an hübschen Mädchen zu haben, die alle zum Film wollen. Wenigen wird das gelingen. Dieses Photo von Federico Patellani bietet mehr Fragen als Antworten. Wird es eine von ihnen bis zur römischen Cinecittà schaffen? Ein repräsentativer Bildband von Patellanis Werk hat den schönen Titel La più bella sei tu, und das ist ein Satz, an den viele zu glauben scheinen.

Lucia Bosé (hier auf einem Photo von Federico Patellani) hat es geschafft. Sie bewarb sich 1947 an der ersten Wahl zur Miss Italia und verwies ihre Konkurrentinnen Gianna Maria CanaleEleonora Rossi Drago und Gina Lollobrigida auf die Plätze (➱hier gibt es auch ein kleines Filmchen dazu). Wenn Sie wissen wollen, wie die Lollo bei dem Wettbewerb aussah, müssen Sie ➱dies anklicken. Ist aber nicht sehr schmeichelhaft. Nach der Wahl lernte Lucia Bosé den Grafen Luchino Visconti kennen, und schon ist sie im Filmgeschäft. Ihre Filme mit Antonioni wie Cronaca di un amore und La signora senza camelie gehören zu meinen Lieblingsfilmen. Dass sie auch in Muerte de un ciclista mitspielt, habe ich schon in dem Post erwähnt, der ➱Dieter Borsche heißt.

Die Kleider von Lucia Bosé in dem Film Cronaca di un amore waren von dem Grafen Ferdinando Sarmi, der 1942 schon die Ausstattung des Filmes Musica Proibita besorgt hatte. Er durfte auch in dem Film mitwirken, er spielt den Ehemann von Lucia Bosé (hier im Bild, wenn Sie bewegte Bilder haben wollen, klicken Sie ➱hier), aber er sah als Modeschöpfer für sich in Italien keine Zukunft. Er sagte in einem Interview mit Time im Jahre 1965: In Italy, when the oldest son tells his father he wants to be a dress designer, it's like a woman saying she intends to be a prostitute. Sarmi ging nach New York, wurde Chefdesigner von Elizabeth Arden und bekam später sein eigenes Modehaus.

Der internationale Jet Set, der Italien während der Mussolini Ära und während des Krieges gemieden hatte, kehrt jetzt auf die Halbinsel zurück. So wie dieses Ehepaar, das 1951 in Portofino Urlaub macht. Man kauft auch gerne mal in Italien ein. I introduced Liz to beer, she introduced me to Bulgari. The only word Elizabeth knows in Italian is Bulgari, hat Richard Burton gesagt. Der ältere Herr trägt normalerweise andere Hemden als dies hier. Früher kamen die aus der ➱Jermyn Street, aber die meidet er jetzt. Er könnte seine Hemden natürlich bei Charvet in Paris (wo er wohnt) kaufen, weil er dort Kunde ist. Aber bei diesem Italienurlaub bestellt der Rentner sich Hemden bei Battistoni in Rom.

Wo er sich in den folgenden Jahren auch gerne seine Anzüge machen lässt. Ich weiß nicht, ob Battistoni heute noch ein Schneideratelier hat, die RTW Anzüge scheinen von d'Avenza zu kommen. Ist auf jeden Fall besser als Zegna. Er kann nicht nach England zurück, da geht es ihm wie Guy Burgess in Alan Bennetts Stück An Englishman Abroad (lesen Sie ➱hier mehr). Ich kann das heute auch als ➱Film anbieten, die wunderbare Szene, in der die Schauspielerin Coral Browne in London für Guy Burgess bei seinem Schneider einen Anzug bestellt, findet sich ab der 50. Minute.

Bei Battistoni kaufen in diesen Tagen auch Marc Chagall, ➱John Steinbeck, Cole Porter, ➱Humphrey Bogart, Kirk Douglas, Marlon Brando und Gianni Agnelli. Am liebsten ist es den Italienern natürlich, wenn sie unter sich sind. Wie hier Guglielmo Battistoni und Vittorio de Sica. Der Schauspieler dreht jetzt auch Filme, seine Schuhputzer und Fahrraddiebe waren sehr erfolgreich, aber wenn man bei seinem Hemdenmacher auch amerikanische Geldgeber treffen kann, dann ist das schon O.K. Dass man in der römischen Cinecittà billig Filme drehen kann, das haben die schon selbst gemerkt. Wenn de Sica hier in Rom auch seine Hemden kauft, seine Anzüge lässt er sich in seiner Heimat Neapel bei ➱Gennara Rubinacci machen.

Die Italiener sind in den fünfziger Jahren dabei, modisch die Welt zu erobern. Man kann das an der schönen Symbolik dieses Photos ablesen. Das ist der Schuhmacher Salvatore Ferragamo, ganz Hollywood liegt ihm zu Füßen. Einige seiner Kundinnen wie ➱Rita Hayworth und ➱Lauren Bacall haben in diesem Blog auch schon einen Post. Ganz vorn kann man die Leisten von ➱Audrey Hepburn entdecken, die seine Lieblingskundin ist. All das ist inzwischen Geschichte. Das ➱Victoria & Albert Museum hat im letzten Jahr eine große Ausstellung veranstaltet, die den Titel hatte: The Glamour of Italian Fashion 1945-2014 (lesen Sie mehr unter ➱vam.ac.uk/italianfashion).

Das symbolträchtigste Bild der Epoche des dolce vita, ist wahrscheinlich dies von der Venus des Trevi Brunnens. Anita Ekberg ist vor wenigen Wochen im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Ich wollte erst über sie schreiben, aber dann saß ich an anderen Dingen. Vielleicht gibt es hier ja noch einmal einen Post, der La Dolce Vita heißt. Ich betrachte das heute mal als eine Schreibübung dafür. Und wir rufen Anita Ekberg ein ciao bella nach. Oder Fellinis Non c'è inizio né fine - esiste solo l'infinita passione per la vita. Und ich zitiere noch eben eine Strophe aus Bob Dylans I shall be free:

Well, my telephone rang it would not stop
It’s President Kennedy callin’ me up
He said, “My friend, Bob, what do we need to make the country grow?”
I said, “My friend, John, Brigitte Bardot
Anita Ekberg
Sophia Loren”
(Put ’em all in the same room with Ernest Borgnine!)

Donnerstag, 30. Juli 2015

Ingmar Bergman


Habt ihr geschweigt? fragte der Gastgeber der Party, als ich mit meiner Freundin aus dem Garten zur Party zurückkam. Offensichtlich war aus dem Film Das Schweigen schon ein neues Verb geworden. Wir hatten im dunklen Garten unter den riesigen Rhododendren nur geknutscht. Den Film von Ingmar Bergman hatte ich noch nicht gesehen. Wochen später, als ich mit meiner Freundin (die, blond wie sie war, glatt für eine Schwedin hätte durchgehen können) an der Kasse des Kinos in der Böttcherstraße zwei Karten für Das Schweigen verlangte, erfuhr ich, dass die Vorstellung ausverkauft war. Und für die nächsten Tage auch. Wir haben gelacht und sind in ein anderes Kino gegangen. Und haben Truffauts ➱Liebe mit Zwanzig gesehen, passte irgendwie auch.

Am Montag, dem 20. Juli 2015 hat ARTE seine Ingmar Bergman Reihe mit Fanny und Alexander begonnen, hinterher gab es noch Wilde Erdbeeren. Den habe ich auf DVD, wie die meisten Filme des Schweden. Irgendwie muss gerade eine Bergman Welle rollen, ich möchte das nicht verpasst haben. Der Post ➱Schweigen wird zur Zeit wie wild gelesen. ARTE hat seine Retrospektive, das Bergman Center hat eine Bergman Week, aber die haben sie wahrscheinlich in jedem Jahr. Was aber neu ist: Schweden gibt im Oktober eine 200 Kronen Note mit dem Bild Ingmar Bergmans heraus. Die anderen Prominenten auf dem neuen schwedischen Geld sind Astrid Lindgren, Evert Taube, ➱Greta Garbo, Birgit Nilsson und Dag Hammarskjöld.

Der erste Bergman Film, den ich sah, war Das siebente Siegel, den zeigte unser Schülerfilmclub. Ich weiß nicht, wer damals die Filme auswählte, aber wenn man im Schülerfilmclub war, hatte man die Chance, den Filmvorführer Schein zu machen. Mein Mitschüler Wuddel (der ➱hier einen Post hat) hat mich immer nach Bremen zur Landesbildstelle zu dem Lehrgang mitgeschleppt.

Später hat mich nie wieder jemand nach meinem Filmvorführer Schein gefragt, so richtig was fürs Leben war der Schein, wie so viele Scheine, auch nicht. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Filme, die es im Filmclub zu sehen gab, aber ich weiß, dass der Schimmelreiter gezeigt wurde. Und Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn. Weil der Direx den so pädagogisch wertvoll fand. Wie der Tod eines Radfahrers mit Lucia Bosé auf die Liste gekommen ist, werde ich wohl nie erfahren. Aber den ➱Trenchcoat im Film fand ich toll. ➱Lucia Bosé auch.

Natürlich war die Aula der Schule mit dem harten Gestühl (das die Werft ➱Friedrich Lürssen gebaut und gestiftet hatte) und der kleinen Leinwand nicht das Elysium eines Cinéasten, aber es war manchmal besser als gar nichts. Das wirkliche Leben fand damals im Kino statt, das meistens nicht Kino sondern Filmkunsttheater hieß. In meinem Heimatort gab es drei Kinos, da sind die Kinos in Blumenthal oder Grohn gar nicht mitgezählt. In Bremen Stadt gab es in den fünfziger Jahren 28 Kinos, und 1957, als Das siebente Siegel und Wilde Erdbeeren ins Kino kamen, gingen mehr als zehn Millionen Bremer ins Kino. Nicht wegen Ingmar Bergman. So viele Besucher haben die Kinos in der Hansestadt nie wieder gehabt.

Man ging natürlich aus den unterschiedlichsten Gründen ins Kino. Also ich ging wegen der schönen Frauen (wie Ingrid Thulin oben und hier) und wegen der Mode ins Kino, das habe ich schon häufiger zugegeben. Solch einen Wendemantel wie ihn hier Victor Sjöström trägt, hatte ich damals auch. Leider sind diese Mäntel, die die Firma ➱Valstar zum Beispiel im Programm hatte, völlig aus der Mode gekommen.

Ingmar Bergman ist offensichtlich nicht aus der Mode gekommen: Each and every day, a Bergman film is screened somewhere in the world. A new Bergman play is staged every other week. Bergman’s books are re-published and translated into additional languages every year, just as original essays and articles are being written discussing his work. Despite our best efforts, we are unable to cover all Bergman-related news, but here we bring you the most important happenings, sagt die Ingmar Bergman Stiftung auf ihrer Homepage.

Das klang in Schweden nicht immer so nett. Man mochte den Theatermann Bergman. Den Filmemacher Bergman nicht, man mochte es nicht, dass er internationalen Erfolg hatte. Das Phänomen heißt den kungliga svenska avundsjukan, es ist schlichter Neid. Greta Garbo, Ingrid Bergman und Anita Ekberg sind Opfer dieses Hasses der Schweden geworden. Eigentlich ist es erstaunlich, dass Greta Garbo auf den 200 Kronen Schein gekommen ist. Ich verdanke dieses bezaubernde kleine Detail mit dem kungliga svenska avundsjukan Kersti French, die in dem gemeinsam mit ihrem Ehemann Philip French geschriebenen Buch Wild Strawberries (in der vorzüglichen Reihe der BFI Classics) auf dieses Phänomen eingeht.

In den sechziger Jahren wurde Bergman in England gefeiert. Aber nicht alle englischen und amerikanischen Kritiker mochten Ingmar Bergman in seinen Anfängen. Wenn ➱Woody Allen Jahrzehnte später Bergman recycelte, dann fanden die Kritiker das großartig, aber in den fünfziger Jahren stieß der Schwede auf viel Ressentiment. Nicht alles war so witzig geschrieben wie Dilys Powells Kritik zu Das siebente Siegel: Death playing chess on the sea-shore - it would be consoling to be able to say that the magniloquent symbols conceal something bogus as well as sentimental. But they don't; Mr. Bergman, I am sure, has a midnight, Arctic-winter sincerity; the violence of my dislike of his film is probably evidence of that. Did I say that The Seventh Seal was sobering? On me it has the impact of one of those spiked iron balls chained to a club, so popular in films about goodwill in the Middle Ages.

Dilys Powell (die ➱hier schon erwähnt wird) ist eine sehr vernünftige Frau, ich kann den Dilys Powell Reader nur empfehlen. Die Jungfrauenquelle begeisterte sie auch nicht so recht: When I first saw the film I thought it merely nauseous. At a second view I find it generally tedious, occasionally absurd, and always retrogradeNina Hibbin vom Daily Worker (die eines Tages ➱Goldfinger in Grund und Boden rezensieren sollte) war da noch böser: Bergman has converted a stark and simple medieval folk ballad into a complicated evocation of guilt and expiation, cluttered with symbolic mumbo-jumbo.

C.A. Lejeune, die Filmkritikerin des Observer von 1929 bis 1960 (ihre Kollegin Dilys Powell schrieb für die Sunday Times), mochte das Siebente Siegel auch nicht: The Seventh Seal is almost as mysterious as the Book from which it takes its title. It is often very dreadful, and sometimes very beautiful... its excruciating sadism has earned it an x certificate. Aber sie konnte dem Film Wilde Erdbeeren durchaus Positives abgewinnen:

In the past, Bergman's films have often been inclined to wrath; Wild Strawberries could have been a desperately sentimental film. It isn't. It could have been ragged and perplexing. It isn't. Magnificently but very quietly played, in the grand style, by Victor Sjostrom, the first of the great Swedish film directors, it mixes dream, memory and actuality so smoothly that one is only aware, at the end of it, of life as a continuing thing that touches, takes, releases and then passes on.

Wenn ich vorhin sagte, dass alle Kritiker Woody Allens Bergman Phase großartig fanden, dann stimmt das nicht ganz. John Simon (der einen PhD von Harvard hat) schrieb wunderbar bösartig im National ReviewWoody Allen has made his first serious film, Interiors, and its condition is worse than serious, it's grave to the point of disaster. Whether it makes you bite your lips in rage or roll over with helpless laughter, you will concede that there is not one real original character in it; that almost every line of dialogue is at best hackneyed, at worst, ludicrously stilted; and that virtually every shot is derived from some other filmmaker, usually Bergman or Antonioni. In fact, most of the film is taken over from Bergman in a misunderstood and mismanaged way, particularly from Cries and Whispers — one of Bergman's poorest films, but we can hardly expect anyone tasteless and foolish enough to make Interiors to know what to copy.

Die deutsche Kritik zu Bergman wurde von moralischen und pseudo-theologischen Argumenten beherrscht, die beiden großen Kirchen hatten sehr viel zu Bergman zu sagen. Uwe Nettelbeck, einer unserer besten Filmkritiker (der ➱hier schon einen Post hat), hatte in seinem wunderbaren ➱Artikel Der Teufel liebt Nudistenfilmchen in der Zeit auch einiges zum katholischen Film-Dienst zu sagen. Ich sage dazu jetzt mal nicht mehr, weil ich schon viel von der deutschen Kritik in den Post ➱Schweigen hinein geschrieben habe. Das Bild hier ist aus dem Film Das Lächeln einer Sommernacht, Ingmar Bergmans erstem internationalen Erfolg.

Offensichtlich mochte Bergman Deutschland, auch wenn die Kritiker mit ihm in den fünfziger und sechziger Jahren nicht so nett umgegangen waren. Als er in Schweden der Steuerhinterziehung angeklagt wurde, ist er nach Deutschland gezogen. Da hat er beinahe nur noch Theater- und Operninszenierungen gemacht. Als er achtzig war, hat er gestanden, dass er in seiner Jugend Adolf Hitler und den Nationalsozialismus bewundert hat. Angeblich hat er bei Hitlers Tod geweint. Das kolportiert der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård, der sich nur ungern an die Zusammenarbeit mit Ingmar Bergman erinnert (hier sitzt er 1986 neben Bergman bei den Proben zu Ein Traumspiel). Er hat in einem Interview im Guardian gesagt: Bergman was hyper-intelligent but I never liked him as a person. He was not a good man. All directors are control freaks but he was extreme. He did things to people that were not kosher. He didn't destroy people to make them better actors: he destroyed them to utilise his power.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, hörte Bergman auf, an Hitler zu glauben. Und drehte seinen ersten Film. Victor Sjöström (hier neben der Tochter Bergmans), der als grand old man des schwedischen Films ein Jahrzehnt später die Hauptrolle in Wilde Erdbeeren spielte, war als Berater bei den Dreharbeiten: As if by chance, Victor Sjöström, began to turn up wherever I was. He grasped me firmly by the nape of my neck and walked me like that back and forth across the asphalted area outside the studio, mostly in silence, but suddenly he would say things that were simple and comprehensible: 

'You make your scenes too complicated. Neither you or Rossling can cope with those complications. Film the actor from the front; they like that and it's the best way. Don't keep arguing to everyone. They simply get angry and do a less good job. Don't turn everything into major issues; it'll suffocate the audience. A minor detail should be treated like a minor detail without necessarily having to look like one.' We walk around and around, back and forth across the asphalt, he holding onto the back of my neck and being down-to-earth, factual, and not angry with me, although I was being so unpleasant. 

In Frankreich, wo in den fünfziger Jahren jeder Filme besprach, der wenig später welche drehen würde, stand man Ingmar Bergman positiv gegenüber. So schrieb Truffaut über Einen Sommer langJe me souviens de mon émotion quand j’ai vu pour la première fois Jeux d’été (1951) d’Ingmar Bergman : un être parle de lui, de sa vie, et sa sincérité suffit à déclencher le mécanisme de notre propre rêverie. Es war ein Film, den Jean-Luc Godard als einen der schönsten Filme überhaupt bezeichnete. Es ist wohl der einzige Film Bergmans, der von der schwedischen Presse einhellig begrüßt wurde.

In dem langen Essay Bergmanorama, der im Juli 1958 in den Cahiers du cinéma erschien (und in deutscher Übersetzung in Frieda Grafes und Enno Patalas' Kleiner Filmkunstreihe) ließ Godard das Werk Bergmans aus den fünfziger Jahren Revue passieren. Manches tat er mit allenfalls Maupassant-Abklatsch ab, aber vieles des letzten großen Romantikers hatte vor seinen kritischen Augen Bestand. Godard hatte damals bisher nur Kurzfilme gedreht, auf Außer Atem musste man noch warten. Aber er hat das Auge für Stärken und Schwächen des Schweden.

Und er betont auch die Wichtigkeit des Drehbuches für Bergmann, der später einen Teil seiner Drehbücher auch veröffentlichte. Der Suhrkamp Verlag brachte 1961 in seiner Reihe Spectaculum, in der sich normalerweise Theaterstücke fanden, einen Band Spectaculum: Texte moderner Filme heraus. Das war für die damalige Zeit ziemlich revolutionär, ➱Drehbücher gab es - außer bei L'Avant Scène - sonst gar nicht. In diesem Band waren Hiroshima, mon amour von Marguerite Duras, Senso von Luchino Visconti, Citizen Kane von Orson Welles, Wilde Erdbeeren von Ingmar Bergman, Die Nächte der Cabiria von Federico Fellini und Lola Montez von Max Ophüls. 1964 erschien das Drebuch von Wilde Edbeeren bei Suhrkamp in der Reihe edition suhrkamp.

Als ich damals zum ersten Mal Das siebente Siegel (Det sjunde inseglet) sah, war ich sehr beeindruckt. Heute nicht mehr so sehr. Wenn man klein ist und zum ersten Mal Kaspertheater sieht, ist man auch sehr beeindruckt. Und vieles bei Bergman war Kaspertheater, symbolic mumbo-jumbo. Es ist wohl kein Zufall, dass in Abend der Gaukler, Das Siebente Siegel und Das Schweigen Gaukler auftauchen. Das hat er mit Fellini gemein, der erstaunlicherweise in diesem Blog noch nie richtig gewürdigt worden ist. Ich weiß nicht, wie das kommt. Ich mag Fellini eigentlich viel lieber als Bergman.

Das beste bei Bergman sind die schönen Frauen, das schlechteste ist seine midnight, Arctic-winter sincerity. Und das unselige Erbe von Ibsen und Strindberg, das er mitschleppt und in die Filme bringt. Auf seine Ausflüge in Horror und Gewalt kann ich gerne verzichten, aber die Bilder aus Die Stunde des Wolfs bekommt man nicht wieder aus dem Kopf. Cinema Borealis, Ingmar Bergman and the Swedish Ethics hatte Vernon Young sein Buch über Bergman genannt. Wenn man auf der Seite der Ingmar Bergman Stiftung den Namen Vernon Young eingibt, kommt das Ergebnis Din sökning efter vernon young gav 0 träffar. Es ist ein Buch, das man da lieber nicht kennt.

Wenn ich Filme von Bergman empfehlen sollte, dann wären das neben den frühen sogenannten Sommerfilmen (Einen Sommer langDas Lächeln einer Sommernacht) nur die Filme Wilde Erdbeeren und Das Schweigen. Ich habe zwar viele Drehbücher und viele Bücher über Bergman, aber es lockt mich selten, einen seiner Filme in den DVD Spieler zu tun. Bei ➱Renoir, ➱Truffaut, Fellini und ➱Tavernier ist das ganz anders. Und bevor die Bergman Fans jetzt die Bedeutung des Regisseurs, der heute vor acht Jahren starb, übertreiben, sollten sie bedenken, dass Bergman auf dem neuen schwedischen Geld nicht mal halb so viel wert ist wie Birgit Nilsson.

Und für Bergman Hasser und Bergman Liebhaber habe ich noch eine kleine Geschichte zum Schluss: In der Folge The Maid in Splendour von ➱Inspector Barnaby gibt es einen wunderbaren kleinen Dialog. Der Sergeant Dan Scott ist gerade von Barnabys Tochter Cully zu einem Kinoabend eines Ingmar Bergman Film Festivals eingeladen worden: Tom Barnaby: Bergman, that's a bit heavy. Sergeant Scott: I don't know... what, Casablanca - I could watch that again. Tom Barnaby: [nonplussed] Casablanca? Dan Scott: [unabashed] Yeah. Ingrid Bergman's in Casablanca, isn't she? [Tom Barnaby's look of confusion turns into a smile]. Was Sergeant Scott nicht weiß: ihm steht noch Das Siebente Siegel bevor.

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