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Samstag, 3. November 2012

Lonnie Donegan


Wenn Sie sich jetzt fragen, was dies hier soll, dann bin ich natürlich nicht um eine Antwort verlegen. Das ist natürlich Lonnie Donegan - die moderne Version eines Minnesängers - im Jahre 1957, als er Putting on the Style sang. Nostalgie. Damals waren noch skiffle groups die große Sache, Ken Colyer und ➱Chris Barber (mit denen Lonnie Donegan auch zusammen spielte), beherrschten die Szene. Ich habe sie natürlich alle auf der Bühne gesehen, unsere eigenen Versuche, eine skiffle group zu gründen, endeten etwas kläglich. Man braucht dazu doch etwas mehr als ein Waschbrett und ein paar Fingerhüte.

Sie erinnern sich? Das stand hier schon mal, als ich über ➯Petrarca schrieb. Und Lonnie Donegan, der heute vor zehn Jahren starb, ist hier schon mehrfach erwähnt worden. Zum Beispiel in dem Post ➯Zickenjazz. Bei Lonnies Hits wie Puttin' on the Style oder Does your chewing gum lose its flavour on the bedpost overnight bin ich heute noch sehr textsicher. Ich schäme mich für diese Ausflüge in die Niederungen der Pop Culture kein bisschen, wir waren ja damals versessen auf all das, was aus England kam. Und ich gebe gerne zu, dass ich meine Plattensammlung aus den frühen sechziger Jahren inzwischen noch um CDs von Lonnie Donegan, Chris Barber und Monty Sunshine (und wie sie alle heißen) ergänzt habe. Für Leute, für die der Abstieg aus der Hochkultur bei den Jazzplatten von ➯ECM aufhört, ein schrecklicher Gedanke, aber ich kann's nicht ändern.

Ich möchte noch einige Sätze über unsere damalige skiffle group hinzufügen. Ich wäre ja gerne der Pianist gewesen, aber nicht überall, wo wir übten, gab es ein Klavier. Und ich war auch nicht annähernd so gut wie mein Klassenkamerad Gerd Lißewski, der Jazzpianist hätte werden können, wenn er es gewollt hätte. Das reichte bei unserem Musiklehrer Ernst Meißner aber nie für eine Eins im Fach Musikerziehung (meine Musiklehrer kommen hier in dem netten Post ➯Die Harmonie der Welt vor). Dazu sage ich jetzt lieber nichts. Der Gedanke, dass die Popkultur auch Kultur ist, hatte sich vor einem halben Jahrhundert an Bremer Gymnasien noch nicht durchgesetzt. Da ging es uns nicht anders als Hanif Kureishi mit seinem Musiklehrer Mr Hogg, wie er es in ➯Eight Arms to Hold You beschrieben hat.

Skiffle groups waren damals die große Mode, man brauchte musikalisch auch nicht viel mitzubringen. Leider waren in meiner skiffle group schon alle Positionen für Waschbrett und stählerne Fingerhüte besetzt. Für mich blieb damals nur das Instrument, für das die englische Sprache erstaunlicherweise sogar einen Fachbegriff hat: tea chest bass. Für dieses selbstgebastelte Instrument musste man sich in Bremen bei einer Firma, die mit Tee handelte, eine Teekiste holen. Ob man die schwarzen Teeflöhe unten drin ließ oder nicht, spielte für den Klang keine Rolle. Dann brauchte man nur noch einen Besenstiel und einen starken Bindfaden. Das einzige Problem für einen tea chest bass Virtuosen bestand darin, dieses Gerät zu dem jeweiligen Übungsort zu schleppen. Einen Kontrabass zu transportieren, ist dagegen easy. Wenn mir eines Tages nichts mehr einfällt, dann schreibe ich einen Einakter über die Leiden des jungen Teekisten Bassisten. Da ist Patrick Süsskinds Der Kontrabass nix dagegen.

Montag, 16. April 2012

Laura


Laura […] erschien meinen Augen zum ersten Mal in meiner ersten Jünglingszeit, im Jahre des Herrn 1327, am sechsten Tag des Monats April, in der Kirche der heiligen Klara zu Avignon […]. Und in derselben Stadt, im gleichen Monat April, auch am sechsten Tag, zur gleichen Stunde, jedoch im Jahr 1348, ist dem Licht dieser Welt jenes Licht entzogen worden...Es soll der Karfreitag gewesen sein, aber es war wohl eher der Ostermontag, als Francisco Petrarca diese Begegnung mit einer Frau hatte, die ihn dazu anregte, hunderte von Sonetten zu schreiben.

Welche quer durch Europa von hunderten von Dichtern imitiert wurden. Über den Einfluss von Petrarca auf den englischen Dichter Wyatt gab es ➱hier schon einmal etwas zu lesen. Kunstvolle Liebeslyrik, schmachtende Verse an eine unnahbare schöne Frau. Von einer Pest des Petrarkismus spricht Ernst Robert Curtius in Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Und das hört ja nicht auf, auch wenn Shakespeare schon darüber spottet. Bei einem Kirchgang hat Petrarca diese unbeschreiblich schöne Frau getroffen, die er Laura nennt. Die Kirche ist sowieso der einzige Ort, wo man damals Frauen sehen kann, ansonsten werden die ja weggesperrt.

Aber dieses Treffen mit Frauen in oder nach der Kirche kann auch gefährlich sein, wie wir aus der englischen Ballade Little Matty Groves wissen:

A holiday, a holiday, and the first one of the year.
Lord Darnell's wife came into church, the gospel for to hear.
And when the meeting it was done, she cast her eyes about,
And there she saw little Matty Groves, walking in the crowd.
“Come home with me, little Matty Groves, come home with me tonight.
Come home with me, little Matty Groves, and sleep with me till light.”

Sie kriegt ihn zwar gleich ins Bett, im Gegensatz zu Petrarca, der kriegt seine Laura nie, der muss immer weiter dichten. Aber die Sache geht für Little Matty Groves und Lady Darnell nicht gut aus.

Wenn Sie sich jetzt fragen, was dies hier soll, dann bin ich natürlich nicht um eine Antwort verlegen. Das ist natürlich Lonnie Donegan - die moderne Version eines Minnesängers - im Jahre 1957, als er Putting on the Style sang. Nostalgie. Damals waren noch skiffle groups die große Sache, Ken Colyer und ➱Chris Barber (mit denen Lonnie Donegan auch zusammen spielte), beherrschten die Szene. Ich habe sie natürlich alle auf der Bühne gesehen, unsere eigenen Versuche, eine skiffle group zu gründen, endeten etwas kläglich. Man braucht dazu doch etwas mehr als ein Waschbrett und ein paar Fingerhüte.

Putting on the Style fängt in der Kirche an, Sweet sixteen goes to church Just to see the boys. Das ist nicht anders als bei Petrarca, die Lauras dieser Welt haben sich nur ein wenig verändert.

Sweet sixteen goes to church
Just to see the boys
Laughs and screams and giggles
At every little noise
Turns her face a little
And turns her head awhile
But everybody knows she's
Only putting on the style

She's putting on the agony
Putting on the style
That's what all the young folks
Are doing all the while
And as I look around me
I sometimes have to smile
Seeing all the young folks
Putting on the style

Wenn Sie den ganzen Text dieses Höhepunkts der europäischen Liebeslyrik lesen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Und natürlich sollten Sie nicht versäumen, Lonnie Donegan zu ➱hören.

Sonntag, 5. März 2023

Gesamtkunstwerk


Als wir jung waren, waren wir genial. Das glaubten wir wenigstens. Wenn man jung ist, muss man auch an die Genialität glauben. Wir hatten James Joyce und Ezra Pound gelesen und waren noch nicht ganz durch Prousts A la recherche du temps perdu hindurch. Bis zum Abitur war es noch etwas hin. Ich hatte damals, als wir genial waren, die Idee eine Abendveranstaltung mit Jazz und Lyrik zu organisieren. Die Gedichte sollte mein Freund Peter schreiben, ich schrieb das Drehbuch für das Gesamtkunstwerk. Die Mitglieder für die Combo hatte ich auch schon mehr oder weniger angeheuert. Ich hätte gerne ein Saxophon dabei gehabt, aber ich fand niemanden an der Schule, der Saxophon spielte. Viele spielten Klavier, manche Cello, aber niemand Saxophon. Leute, die mit einem Fingerhut auf dem Waschbrett schrubbten und davon träumten, in eine Skiffle Group zu kommen, gab es genug. Aber ich wollte Jazz. Also so etwas, was Dave Brubeck spielte.

Manches geht im Leben allerdings schief. Eben dieser Plan, an einem Abend Lyrik und Jazz zu präsentieren, zum Beispiel. Lizzie hatte ich schon an der Hand, er war ein hervorragender Jazzpianist. Dass er ein guter Pianist war, fand unser Musiklehrer, der berühmte Ernst Meißner überhaupt nicht, aber der war mir egal. Im nächsten Jahr würden wir Hanns Eckerle als Musiklehrer haben, das war ein wirklich guter Lehrer. Und er hatte nichts gegen Jazz.

Eine schöne Frau zum Vorlesen der Gedichte hatte ich auch schon, ich hatte immer gute Beziehungen zu schönen Frauen. Aber Peter kam mit dem Eröffnungsgedicht nicht über, das nach meinem Plan Morning in Copenhagen heißen sollte. Er gestand mir dann, dass er noch nie in Kopenhagen gewesen sei. Ob er über London schreiben könnte? Oder Paris? Er war häufig in Paris. Es wäre mir egal gewesen. Die schöne Vorleserin wollte aber unbedingt Kopenhagen haben, nichts anderes. Sie hatte schöne Erinnerungen an die Stadt. Und sie war noch nie in Paris gewesen. Ich machte noch einen Versuch, ich bot ihr an, dass sie auch singen dürfte, sie hatte eine schöne Sopranstimme. Aber sie wollte nicht, sie wollte lieber im Chor Bach singen. Vielleicht war sie auch nur im Chor, um einen Mann zu finden, denn der Meißner Chor galt als ein Eheanbahnungsinstitut. 

Das war das Ende der Geschichte. Abende mit Jazz und Lyrik waren Jahre später die große Sache, wir hätten mit bei den ersten sein können. Peter Rühmkorf, Michael Naura und Wolfgang Schlüter waren noch nicht aufgetreten. Peters Gedicht Birth of the Morning (ohne Kopenhagen) liegt bei mir immer noch in der Schreibtischschublade. Und nicht nur das. Die Gundula hat mir gerade aus Peters Unterlagen meinen Entwurf des Drehbuchs für den Abend geschickt. Getippt auf großen DIN A3 Bögen, alles kleingeschrieben. Tat man damals, wenn man genial war. Nun liegt das vor mir auf dem Schreibtisch. Tippe ich das jetzt ab? Ich glaube, ich lasse es, wie es ist.


Sonntag, 13. August 2017

mehr Jazz?


Mein dritter Post als frischgebackener Blogger im Jahre 2010 hatte den Titel ▹Jazz. Der kanadische Professor Jack Chambers, den ich da vorstellte, ist im Nebenberuf  ein berühmter Jazzkritiker. Er taucht zwei Jahre später in dem Post ▹Richard Twardzik wieder auf, dazwischen gab es aber doch schon den einen oder anderen Post zum Thema Jazz. Es könnten mehr sein, sagte mir letztens ein Bekannter, den ich auf der Straße traf. Da ist etwas dran, aber leider haben die Jazz Posts das traurige Schicksal, dass niemand sie so recht liest. Nehmen wir mal ▹Lush Life: von der Statistik gesehen ein Flop, dabei ist das ein netter Post. Nur der Post ▹Ingeburg Thomsen ist so etwas wie ein Bestseller.

Viele Leser haben den Eindruck, ich würde nur über Schuhe schreiben. Das bekomme ich immer wieder zu hören. Ich muss dem widersprechen, ich habe mal nachgezählt: die Posts über ▹Schuhe machen etwas mehr als ein Prozent in diesem Blog aus. Und es gibt mehr Posts zum Thema Jazz als zum Thema Schuhe. Hinter den Satz sollte ich eine ▹Brüllstange setzen. Und diese Schuhe sind keine gewöhnlichen Schuhe, das sind die Schuhe von ▹Billie Holiday.

Um Jazz zu hören, braucht man ein Abspielgerät. Wenn man nicht in Bremen im Jazzclub ▹Lila Eule hockt oder sich nicht immer auf Jazzkonzerten herumtreibt (es war ein Fehler, bei Albert Mangelsdorff in der ersten Reihe zu sitzen). Wenn man mutig war, schlich man sich nach dem Konzert hinter die Bühne, um dem Solisten die Hochachtung auszudrücken. Mein Freund Hannes Hansen hat so ▹Louis Armstrong kennengelernt. Und auf diese LP hat ▹Champion Jack Dupree mir mit ganz dickem Filzer Yours Champion Jack Dupree 1975 geschrieben. Im Jahre 1975 war es keine Schwierigkeit, Jazzplatten zu bekommen. Zwanzig Jahre zuvor schon. Da war man glücklich, wenn ein Freund in Amerika war und einem nicht nur ▹Harry Belafonte, sondern auch Jazz Begins vom Label ▹Folkways schickte.

Mein erster Plattenspieler war von der Firma Braun, er hat vom Volksmund den Namen ▹Schneewittchensarg bekommen. Ich habe ihn heute noch, auch wenn er nur dazu da ist, dass alle Glenn Gould CDs auf ihm gestapelt liegen. Dann kam die Zeit von ▹HiFi, heute habe ich natürlich einen ▹CD Player. Einen Plattenspieler habe ich selbstverständlich heute auch noch, sonst hätte ich Eugenie Baird nicht hören können, als ich ▹Lush Life schrieb.

Der Jazz begleitet mich schon lange, schließlich bin im amerikanisch besetzten ▹Bremen aufgewachsen und hörte täglich zum Entsetzen meiner Eltern AFN (manchmal auch BFN). Viele ▹Musiklehrer mochten diese Negermusik überhaupt nicht, sie hielten sie für den Untergang des Abendlands. Sie hatten nicht gemerkt, dass das Abendland längst untergegangen war.

In Bremen begann eine neue Zeit, es ist ja kein Zufall, dass ▹Elvis 1958 in Bremerhaven an Land geht, da ist noch das Hauptquartier der US Army. Da wurden wir früher in amerikanischen Armeebussen hingekarrt, um amerikanische Theaterstücke zu sehen. Mann, hatten die fette Ledersessel und tausend Tischtennisplatten. Und natürlich eine kleine Bühne. Das Schönste war die Rückfahrt in der Nacht, die Busse hatten keine Fenster, weil sie Armeebusse waren. Aber sie hatten oben kleine Halbfenster, wenn man den Sitz zurücklehnte konnten man einen langen Film mit dem Sternenhimmel sehen. Die VW Werbung mit Nick Drakes ▹Pink Moon ist nichts dagegen.

Immer wenn wir in ▹Langeoog im Frühling und im Herbst Haus Meedland in Schuss brachten, hockten wir bei schlechtem Wetter in der Penthousewohnung des Landesjugendpfarrers (ganz oben auf dem Photo) zusammen. Das dürfen wir, das hat er uns erlaubt. Er hat uns auch erlaubt, seinen Plattenspieler zu benutzen. Er hat, und das ist sehr stilvoll, einen Braun Schneewittchensarg. Allerdings das größere Modell, nicht den, den ich habe. Er hat auch Jazzplatten, aber das ist leider alles ▹Zickenjazz. Massenhaft ▹Louis Armstrong. Und Spirituals. Aber besser als gar nichts, die Wohnung hat eine riesige Fensterfront, und man kann hier oben schön über die Dünen gucken. Und die ▹Regenwolken vorbeirennen sehen.

Und dabei Satchmos When Israel was in Egypt’s land oppressed so hard they could not stand und Down by the riverside hören. Und Bücher am Fenster liegend lesen. Wir liegen in dieser Zeit in dieser Wohnung immer auf dem Fußboden. Tut man damals auf Parties auch. Außer, wenn man Klammerblues tanzt. In dieser Zeit höre ich (und die Jazz Fans in meiner ▹Klasse) noch ▹Chris Barber und all den Zickenjazz. Und wir haben eine ▹Skiffle Group. Der englische Dichter ▹Philip Larkin ist da stehen geblieben, wir bewegten uns schon in Richtung ▹Charlie Parker.

Wohin der berühmte Philosoph Adorno, der so gerne Barpianist geworden wäre, nie gekommen ist. Er musste natürlich auch etwas über den Jazz sagen, ein deutscher Philosoph muss immer etwas zu allem sagen. Der berühmte englische Historiker ▹Eric Hobsbawm hat über Adorno gesagt: Adorno wrote some of the most stupid pages ever written about jazz. Und das ist noch das Netteste, was man über Adorno sagen kann. Hobsbawm hat für den New Statesman in den fünfziger und sechziger Jahren unter dem Pseudonym Francis Newton geschrieben. Der Name war angelehnt an den Trompeter Frankie Newton (der ist auf der Aufnahme von  Billie Holidays ▹Strange Fruit mit drauf). Auch das Buch The Jazz Scene von Hobsbawm trägt den Namen Francis Newton.

Dass man Jazz mag, erzählt man bei der Bundeswehr besser nicht. Obgleich ich da auch Leute getroffen habe, die im Privatleben in einer Jazzband spielten. Wenn das ▹Bundeswehrorchester Jazz spielt, klingt das grauenhaft. Andererseits, alles, was die Big Band spielt, klingt irgendwie grauenhaft. Das können die Engländer besser. Aber ich habe in meiner Dienstzeit viel für den Jazz getan. Weil ich jede Jukebox in jeder Kneipe mit soviel Kleingeld gefüttert habe, dass da für die nächste halbe Stunde nichts anderes als ▹Take Five lief.

Heute kann man über Jazz und Literatur in der Amerikanistik promovieren wie ▹Alexander Beissenhirtz das getan hat. Als ich studierte, wäre das unmöglich gewesen. Natürlich fällt einem beim Thema Jazz und Literatur sofort Langston Hughes ein (man könnte auch ▹Ralph Ellison als Beispiel nehmen), der mit seinen Gedichten schon in den Posts ▹April Rain Song, ▹Chris Barber und ▹Ralph Ellison auftaucht. Aber ich finde das Gedicht Jazz Tears von der amerikanischen Dichterin Raynette Eitel (die ich schon einmal in dem Post ▹John Steinbeck vorgestellt habe) auch sehr hübsch:

Jazz Tears

Jazz stirred in a cold martini,
staccato beating frozen memories
upon my fragile struggling heart.

Sounds of jazz are twins to twilight,
A soft soothing of indigo grief
great waves crashing over my body:

Warm jazz tears wash down my cheeks
in salty streaks if silver sadness.
Sweet images of the past

done in syncopated notes,
soft and mellow as golden moonlight,
call my ghosts to dance again.

Jazz tears and old fears hum,
blends of sadness and euphoria.
My martini twirls in the glass.

Ich liste unten einmal die Posts auf, in denen Jazz vorkommt. Selbst wenn es nur eine kleine Erwähnung ist. Wie in ▹Bachs Cellosuiten. Weil da plötzlich in dem schönen Film ▹Jazz On a Summer’s Day der Cellist Fred Katz (der Professor für Kulturanthropologie aber eigentlich Jazzer war) in einer kleinen Szene ▹Bach spielt. Eigentlich ist Bach ja sowieso Jazz, das haben wir alle schon immer gewusst.

Und,wie gesagt, hier noch mehr Jazz (und ganz ohne Schuhe): Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Play Bach, Birdland, Charlie Parker spielt La Paloma, Michel Legrand, Candy Dulfer, Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Mundharmonika, Nick Drake, Gulda, Rosemary Clooney, Sun Ra, Dexter Gordon, Don Byas, Richard Twardzik, Lena Horne, Monica Zetterlund, Cantate, Aimez-vous Brahms?, Folksongs, Teddy Boys, Mein Dänemark, Sempé, Marshall McLuhan, Arnold Duckwitz, Nico, Lou Reed, Madeleine Peyroux, Die Harmonie der Welt, Jean-Louis Trintignant, Birdland, P.J. Kavanagh, Improvisationen, Saturn, Nachtfahrt

Freitag, 4. August 2017

Lush Life


Es war mal wieder schlimm mit dem Tinnitus, er kommt und geht. Ich habe das schon in ▹Mozarts Klaviersonaten erwähnt, aber den ganzen Tag Mozart hören, das geht auch nicht. Also legte ich eine von den CDs ein, die ▹Achim Körnig mir gebrannt hat, wunderbarer Jazz. Fing gleich gut an, aber wer spielte das Saxophon? Glücklicherweise ist das alles handschriftlich beschriftet, und da stand: Thomas/Metheny Lush Life. Gibt es das noch auf CD? Ich dachte mir, dass Amazon Gary Thomas vielleicht nicht kennen würde, dass sie aber bestimmt schon mal von Pat Metheny gehört haben. Also gab ich Metheny Lush Life ein. Das Ergebnis war einigermaßen verblüffend: Für "Pat Metheny Lush Life" wurden 0 Ergebnisse gefunden, und dann noch: Amazon verkauft keine Pflegeprodukte von Lush. Inzwischen weiß ich, dass die englische Firma Lush etwas mit Seife zu tun. Nicht die Seife, die ich benutze. Ich habe noch massenhaft Pears Soap gehortet (die schon in ▹Spätrömische Dekadenz erwähnt wird), benutze jetzt aber Yardley. Deren schönes ▹Rasierwasser es ja leider nicht mehr gibt. Aber lassen Sie mich zu Lush Life zurückkommen (Sie können das Saxophon von Gary Thomas ▹hier hören).

Und hier fängt meine Geschichte von Lush Life an, auf dem Hamburger Jungfernstieg. Ein Kino namens Streit's, mit Apostroph-s. Links davor können Sie noch in das Schaufenster von Prange hineinschauen, wo man damals noch Schuhe von ▹Julius Harai kaufen konnte. Das ist lange her, das Premierenkino Streit's gibt es nicht mehr, da ist jetzt ein schwedischer Luxusbaumarkt namens Clas Ohlson drin. Es hat ▹Rettungsversuche gegeben, aber was kann gegen schwedische Luxusbaumärkte unternehmen? Es kommen ja schlimme Dinge aus Schweden: Ikea, ▹H&M und ▹Henning Mankell.

Ich könnte jetzt über die Geschichte von Streit's Hotel schreiben, über Christian Streit, den man den König der Gastwirthe nannte. Vor dessen Hotel zum ersten Mal das ▹Lied der Deutschen gesungen wurde und wo die Ständeversammlung im 19. Jahrhundert dem dänischen König huldigte. Ein anderer dänischer König stieg nicht im Streit's ab, sondern im Hotel Hamburger Hof. Das war der, der im Puff einen Herzinfarkt hatte; steht schon im Post ▹Jungfernstieg, deshalb kann ich mich in dem Punkt kurz fassen. Und Sie mal eben mitnehmen vor das Streit's Kino an einem nieseligen Nachmittag in der Zeit, als man noch Schwarzweiß photographierte. Und dachte.

Das nieselige Hamburger Wetter störte mich nicht, ich hatte meinen blauen Burberry von Charlie Hespen an, ein Mantel, der mich wie der ▹Trenchcoat von Hans Kalich jahrezehntelang begleitet hat. Ich sehe aus wie einer dieser jungen Franzosen, die sich in dem Post ▹Blazer finden, nur dass mein ▹Burberry nicht weiß ist. Ein blauer Burberry war für einen Bremer in Hamburg die richtige Verkleidung, es gibt da ja eine uralte Feindschaft zwischen den beiden Städten. Die sich im vornehmen Fall so äußert wie am Ende des Posts ▹Ästhetik. Im nicht so vornehmen Fall sagt der Hamburger zum Bremer: Mok Platz inn Rinnstein, do will ek legen.

Ich wollte ins Kino, aber zwanzig Meter davor enteckte ich eine kleine Menschenmenge, die sich um einen Tapeziertisch drängte. Der Tapeziertisch, provisorisch mit einer Plastikfolie gegen den Hamburger Nieselregen abgedeckt, war voller Langspielplatten. Drei Mark das Stück. Drei Mark waren 1960 auch Geld, aber eine Langspielplatte kostete normalerweise mehr. Ich hatte keine Ahnung, wer Eugenie Baird war, aber ich kaufte diese Platte hier. Weil da Duke Ellington draufstand und ich viele Titel auf dem Cover kannte. Denn schließlich war ich in einer amerikanischen Enklave aufgewachsen, mit dem amerikanischen Soldatensender  AFN und dem ▹Great American Songbook. Lush Life war auch auf der LP, die ich immer noch besitze. Sie klingt immer noch wie neu.

Und den Text von Billy Strayhorn kann ich immer noch mitsingen:

I used to visit all the very gay places
Those come what may places
Where one relaxes on the axis of the wheel of life
To get the feel of life
From jazz and cocktails
The girls I knew had sad and sullen gray faces
With distingué traces
That used to be there you could see where
They'd been washed away
By too many through the day
Twelve o'clocktails

Then you came along with your siren's song
To tempt me to madness
I thought for a while that your pointed smile
Was tinged with the sadness
Of a great love for me
Ah yes I was wrong
Again I was wrong

Life is lonely again
And only last year
Everything seemed so assured
Now life is awful again
And the thoughtful of heart
Could only be a bore

A week in paris will ease the bite of it
All I care is to smile in spite of it
I'll forget you I will
And yet you are still
Burning inside my brain

Romance is mush
Stifling those who strive
I'll live a lush
Life in some small dive
And there I'll be
While I rot with the rest
Of those whose lives are lonely too

Die LP von Eugenie Baird aus dem Jahre 1959 (auf der auch Ben Webster zu hören ist, den man damals auch auf ▹Belafonte sings the Blues fand) ist wohl ihre berühmteste LP gewesen. Eugenie Baird war keine große Sängerin, sie war nicht in der Liga, in der ▹Billie Holiday sang. Aber sie war bei Big Bands beliebt, war auch in Filmen zu hören. Die Hamburger LP war meine erste Platte mit einer Jazzsängerin, inzwischen ist der Stapel mit CDs von singenden Frauen größer als ich. Das habe ich wahrscheinlich schon in dem Post ▹Ingeburg Thomsen gesagt. Jazz bedeutete für uns damals noch nicht ▹Charlie Parker, dahin tasteten wir uns vor. Es war die große Zeit des ▹Zickenjazz (einer Form, auf der auch der englische Dichter ▹Philip Larkin stehengeblieben war), die große Zeit von ▹Chris Barber und dem ▹Trad Jazz. ▹Skiffle nicht zu vergessen.

Den besten Jazz gab es im Kino, die ▹französischen Filme hatten zum Teil tolle Soundtracks. Dieser hier, Ascenseur pour l'Echafaud, hat die berühmteste Filmmusik. Klicken Sie einmal diese ▹Szene an, wo Jeanne Moreau zur Musik von ▹Miles Davis durch Paris geht, unglaublich. Jeanne Moreau ist ja leider gerade gestorben, wahrscheinlich bekommt sie noch einen Post. Da kommt diese Szene bestimmt wieder vor. Damals hockte ja die halbe amerikanische Jazzwelt in Paris, aus der Heimat vertrieben durch Rassismus und McCarthy. Es gibt da wunderbare Sammlungen wie zum Beispiel die der ▹Gitanes Jazz Productions, die habe ich schon in den Posts ▹Sempé und ▹Don Byas erwähnt.

Billy Strayhorn hatte 1933 mit dem Song Lush Life begonnen, 1938 war er fertig. Duke Ellington mochte den Song nicht, stellte aber das Wunderkind Billy Strayhorn ein. Der natürlich seinen ▹Song selbst gesungen hat. Beinahe jeder hat diesen Jazzstandard gesungen, auch ▹Country Sängerinnen wie ▹Linda Ronstadt. Eine der berühmtestenAufnahmen ist die von ▹John Coltrane und Johnny Hartman (mit John Coltrane war der junge ▹Harry Belafonte ja auch einmal aufgetreten). Die Aufnahme von Gary Thomas und Pat Metheny findet sich übrigens auf der CD Till we have faces.

Wenn Sie heute nach Lush Life suchen, dann erzählt Ihnen Amazon wie gesagt: Amazon verkauft keine Pflegeprodukte von Lush. Amazon zensiert, und lobte Dinge nach oben, wie Google das auch tut. Wenn Sie heute bei Google Lush Life eingeben, dann ist das erste Ergebnis natürlich nicht der Jazz Klassiker von Billy Strayhorn. Ergebnis Nummer Eins ist eine Schwedin namens Zara Larsson mit ihrer CD Lush Life Songtext von Zara Larsson. Wir fügen das mal eben zu den schwedischen Haßobjekten Ikea, H&M und Henning Mankell hinzu. Schwedische Sängerinnen wie ▹Monica Zetterlund und ▹Viktoria Tolstoy fallen natürlich nicht unter diesen Bannfluch.

Samstag, 8. November 2014

Rickie Lee Jones


Der Begriff singer-songwriter wird ja heute etwas inflationär verwendet, aber wenn er auf jemanden wirklich zutrifft, dann ist das Rickie Lee Jones. Ich besitze ihre ersten Platten, aber ich wusste damals nichts über sie, als ich die kaufte. Die einzige Information waren die liner notes, aber das ist nun eine Literatursorte, die mit Vorsicht zu genießen ist. In meinem Second Hand Plattenladen um die Ecke tauchten damals Berge von interessanten Platten auf. Alles Neuware. Alles, was der amerikanische Plattenmarkt hergab. Der Besitzer des Ladens erzählte mir, dass er die Platten von jemandem hätte, der für ein großes Plattenlabel gearbeitet hatte und sich nach der Kündigung seine betriebliche Altersversorgung in Platten hatte auszahlen lassen. Und dann die Platten an Läden quer durch Norddeutschland vertickte.

Ich habe gekauft, was ich kannte. Und natürlich vieles, was ich nicht kannte. Meine ECM Plattensammlung datiert aus dieser Zeit. Ich kaufte nach dem Cover, gefiel mir das, wurde die LP gekauft. Der schöne englische Satz don't judge a book by its cover galt hier nicht. Es ist natürlich eine gefährliche Sache. Die Dory Previn LP habe ich nur gekauft, weil die Ex von André Previn auf dem Cover aussah wie die Ingrid. Musikalisch klang das eher nach einer Katze, die aus Versehen in die Waschmaschine geraten ist. Da konnte Ingrid besser singen. Der Vergleich mit der Katze in der Waschmaschine war mir damals beim Hören spontan gekommen. Aber inzwischen habe ich festgestellt, dass der berühmte Robert Christgau das auch schon gesagt hat: Previn doesn't just belabor a cliche, she flails it with barbed wire, and she never writes about a concrete situation when with extra words she can falsify it via abstraction. A feminist friend once persuaded me that such transparent pretension can only signal pain and bewilderment, but if I found a cat trapped in a washing machine, I wouldn't set up a recording studio there--I'd just open the door. 

Irgendwann bemerkte ich beim Erkunden des Angebots, dass manche LPs einen Aufdruck wie Lent for Promotional Use Only hatten. Das waren die besten Platten, wie zum Beispiel Grace Pool oder Phoebe Snow. Von dieser hier hätte ich auch die leere Hülle gekauft, so wie Judie Tzuke stellt man sich ein Kunstprodukt aus der Welt der Popmusik vor. Als mein Freund Ollie aus England kurz darauf zu Besuch kam, habe ich als erstes die Judie Tzuke Platte versteckt. Weil der Ollie nämlich alles über Rock'n Roll weiß, der brauchte so etwas nicht zu sehen. Er ist neben seinem Beruf immer auch DJ bei einem lokalen Sender und road manager kleinerer Bands gewesen.

Ollie erzählte mir, dass er eine kleine Erbschaft gemacht hätte und jetzt seine erste CD produzieren wollte. Er hätte da jemanden entdeckt. Die Frau auf dem Photo, das er mitbrachte, sah definitiv nicht nach Judie Tzuke und glitzy glamour aus, aber wenig später war PJ Harvey die Nummer Eins in England (ich habe das schon einmal in dem Post John Peel erzählt). Wenn Sie mehr über Ollies Leben erfahren wollen, dann kaufen Sie sein witziges Buch Volume: A Cautionary Tale of Rock and Roll Obsession, über das ein Rezensent schrieb: Have you ever been to a gig? Have you ever been obsessed with music? This is Oliver Gray's memoir of 30 years spent dabbling on the periphery of the music business. It involves 300 pages of disasters, near misses, humiliations, and the (very) occasional triumph.

Ich war nicht ganz hilflos in der schönen neuen Plattenwelt, ich hatte einen Spickzettel dabei. Eine kleine Zettelsammlung, die mir ein Student einmal gegeben hatte. Etwas lieblos aus einem kleinen Notizbuch gerissen, eng mit Namen beschrieben. Der Studi hatte mich in meinem Seminar über die amerikanische Lyrik gefragt, ob er ein Referat über amerikanische Plattencover halten könne. Wenn Sie die LP mit der Banane mitbringen, dann ja, sagte ich. Kein Problem, antwortete er, er besaß die Velvet Underground Platte mit dem Coverdesign von Andy Warhol wirklich.

Das Ganze war dann beinahe so, wie damals bei dem Marshall McLuhan Seminar, als Klaus Wellershaus vom NDR (der hier schon erwähnt wird) mit allem anrückte, was in San Francisco wichtig war. So eindrucksvoll das Referat meines Studenten war, die kleinen Zettel waren für mich natürlich viel interessanter. Sie brachten mich auf Townes van Zandt und Warren Zevon. Bei Nick Drake konnte ich mitreden, den hatte ich durch Zufall selbst entdeckt. Und Velvet Underground und Lou Reed (der ➱hier einen Post hat und auch in dem Post Delmore Schwartz erwähnt wird) waren mir spätestens seit Peter Zadeks Film vertraut.

Es ist ein seltsamer Film mit dem Titel Ich bin ein Elefant, Madame aus dem Jahre 1969. Der Film mit dem fetzigen Soundtrack von Velvet Underground ist vor dem Hintergrund der Bremer BVG Unruhen, also der 68er Revolution in Bremen, größtenteils am Alten Gymnasium gedreht worden. Hermann Rademann aus meiner Schule, einer der Hauptakteure der Bremer Revolution, hat auch eine klitzekleine Rolle darin (lesen Sie hier mehr dazu). Der Film ist ein formales Experiment, das nach vierzig Jahren vielleicht noch überzeugt (obgleich es wie alles aus der Zeit etwas dated wirkt). Das liegt auch an den Schauspielern wie Heinz Baumann und Margot Trooger. Vor allem der älteste Schauspieler in dem Ensemble, Günter Lüders, hat sehr starke Auftritte in diesem Film, und das ist auch mehrere Jahrzehnte nach der Uraufführung (ich saß damals dank guter Beziehungen in der Nähe von Zadek) sehr eindrucksvoll. Die Szene, wo Günter Lüders am Zwischenahner Meer sitzt oder die, wo er die Geschichte von der jüdischen Frau in der Bahn erzählt, gehören zu den stärksten Augenblicken des Films.

Wenn der Film unter Zadeks Namen läuft, dann muss man das ein wenig einschränken. Die Basis für das Drehbuch stammt von einem Roman von Thomas Valentin. Kurt Hübner hat den als Dramaturgen nach Bremen geholt. Er wird mit Hilfe des Freundes von Peter Zadek, Robert Muller, seinen Roman zu einem Theaterstück umschreiben (Muller schrieb auch die Drehbücher für Zadeks Nicolas Freeling Verfilmungen), das dann in Bremen Furore macht. Die Unberatenen heißt es, Bremens Äquivalent für Rebel Without a Cause. Ich habe es nie gesehen. Ich gucke mir als Schüler doch keine Schüler mit Schülerproblemen im Theater an. Aber alle Eltern diskutieren darüber. Wann guckst Du Dir denn endlich das Stück an? Du könntest da doch mit Anne Geertje hingehen. Anne Geertje ist zwar nett, und wir haben auch mal geknutscht, aber ich habe schon etwas anderes mit Gudrun vor. Auf keinen Fall Problemstücke über Schüler angucken.

Margot Trooger fand ich immer toll, ich habe mir ja den letzten Schrott von Wallace Verfilmung angesehen, wenn sie da mitspielte, deshalb dieses Photo. Wolfgang Menge hat das Drehbuch zu dem Film geschrieben. War nicht gut genug für Zadek: Er schrieb zwar einige schöne Teile des Buchs, aber am Ende verfasste ich mit Robert Muller das Drehbuch doch selbst. Bei der Wahrheitsliebe des egomanen Autors könnte das heißen, dass Zadek ein Dutzend Wörter von Menges Text geändert hat. Ich habe den Film nach der Premiere noch mehrfach gesehen. Ich kann ihn auch heute noch sehen, weil ich eine DVD besitze und mit dem Film immer ein bisschen von Bremen in den Sixties zu mir ins Wohnzimmer kommt. Soundtrack von Velvet Underground inklusive.

Neben den Rickie Lee Jones Platten steht eine auch Platte von einer Sängerin namens Willi Jones, die ich ganz witzig fand (nicht nur das Cover). Chris Willman von der Los Angeles Times war auch meiner Meinung: This knockout debut from a Texan-cum-New Yorker introduces a possibly major talent. Jones sounds like a Southern cross between Maria McKee and Edie Brickell and writes great hooks about hurricanes, the decline of marijuana, the manipulative matriarchy of Southern women, phone sex, Santa Ana winds and--in a randy duet with Willie Dixon--the difficulty of being a five-footer competing for men's affection with the "Long Legged Goddess" type. Catchy, cocky and terribly tender.

Ich habe nie wieder von Willi Jones gehört. Sie bleibt verschwunden wie Ingeburg Thomsen. Im Internet findet sich go gut wie nichts über sie, außer einer Besprechung im Daily Mirror von dem Engländer Tim Griggs: You can judge this 1990 release by its cover. Willi Jones is a lovely and exuberant performer who mixes pop, country, rock, and blues with Southern sass on this fine eponymous debut release. Almost every song is a winner, including "Cages and Walls," "Southern Hospitality," and "Where My City Stood." This album features Waddy Wachtel, former Eagle Bernie Leadon, Warren Bernhardt, Paulinho da Costa, Eric Johnson, Richard Tee, J.D. Souther, and a fun duet with blues legend Willie Dixon. The question is, with all the great talent assembled on this album, along with some great songs, plus a beautiful and talented singer/songwriter, why wasn't there at least one more album? It is a mystery why Willi Jones never got to sing and shake a tambourine on another release. Es gibt die Platte übrigens noch als CD, bei Amazon Marketplace ab einem Cent. Lohnt sich unbedingt.

Ich weiß nicht, wie alt Willi Jones heute ist, aber Rickie Lee Jones, deren musikalische Karriere gleichzeitig mit Dieter Bohlen begann, wird heute sechzig. Sie ist nicht meine Lieblingssängerin geworden, sie wandelte sich wie ein Chamäleon ja auch ständig. Man musste bei ihr schon sehr genau hinhören. Ihre Songs waren nichts, was man wie Muzak im Hintergrund laufen lassen konnte. Bei Jazz und Country kann ich das. Wenn man von klein auf (dank des amerikanisch besetzten Bremens) mit AFN und BFBS aufgewachsen ist (meine Eltern haben nie erfahren, dass ich mal aufs Dach gekrabbelt bin, um die Antenne für einen noch besseren Empfang der englischsprachigen Sender auszurichten), dann braucht man diese Musik im Hintergrund.

Im Augenblick läuft bei mir nur Mr Acker Bilk, weil der gerade gestorben ist. Ken Colyer, bei dem Acker Bilk angefangen hatte, ist schon lange tot. Englands anderer Trad Klarinettist Monty Sunshine ist auch tot. Nur Chris Barber (der hier einen Post hat und auf dem Photo auf Acker Bilks Klarinette spielt) ist von der alten Garde noch übrig geblieben. Ich habe als ehemaliger Bassist einer Skiffle Group (lesen Sie hier mehr) nur nostalgische Erinnerungen an diese Musik, schließlich habe ich damals mein Taschengeld für die Konzerte dieser Engländer ausgegeben.

In der Rezension zu Rickie Lee Jones' Album Balm in Gilead schrieb der Daily Mirror 2009: Thirty years since her astonishing Chuck E’s in Love debut, Rickie Lee remains a singular talent who gets a chance to fully flourish here with songs of innocence and experience. She wrote most of them over the past 20 years – sometimes good things take time to mature. Das lassen wir mal so stehen. Und wir hören in Chuck E’s in Love hinein, weil das der Beginn ihrer Karriere war :

How come he don't come and p.l.p. with me
Down at the meter no more?
How come he turn off the TV
And he hang that sign on the door?
We call and we call "How come?" we say
What could make a boy behave this way?

He learn all of the lines, and every time he
don't stutter when he talk
And it's true! It's true! He sure is acquired a
cool and inspired sorta jazz when he walk
Where's his jacket and his old blue jeans?
If this ain't healthy is it some kinda clean?

I think that Chuck E's in love
Chuck E's in love

I don't believe what you're saying to me
This is something I gotta see Is he here?
Look in the poolhall Is he here?
Look in the drugstore Is he here?
No, he don't come here no more

I'll tell you what I saw him
He was sittin' behind us down at the Pantages
And whatever it is that he's got up his sleeve
I hope it isn't contagious
What's her name? Is that her there?
Christ, I think he's even combed his hair!

Is that her? What's her name?
Oh, it's never going to be same.
But that's not her
I know what's wrong--
Chuck E's in love with the little girl who's singing this song

Chuck E's in love
Chuck E's in love with me.

Wenn Sie jetzt rätsen, was p.l.p. bedeutet, das ist amerikanischer Slang für public leaning post. Freunde, die für einen da sind und einem zuhören. Rickie Lee Jones kann sicher sein, dass wir ihr zuhören. Happy Birthday.

Ich weiß, dass auch Bram Stoker heute Geburtstag hat. Aber wenige Tage nach dem Gothick Post wollte ich Ihnen diese Welt nicht schon wieder zumuten. Abgesehen davon, dass er hier schon einen Post hat. Mein Student, der alles über die amerikanische Musikszene wusste, hat irgendwann sein Studium aufgegeben. Und ist in die Plattenbranche gegangen. Er wäre vielleicht als Lehrer an der Schule auch nicht schlecht gewesen. Besser als der Englischlehrer in Ich bin ein Elefant, Madame, der eine Platte auflegt und dann ist die Stunde gelaufen. So leicht kann man es sich mit der Popular Culture nicht machen. Auch die will ernstgenommen sein. Aber das wissen Sie ja schon, wenn Sie diesen Blog lesen, wo high und low bunt durcheinander gemischt werden. Und wenn Sie niemanden in der Nähe haben, der Ihnen alles über die Musikszene sagen kann, dann hätte ich einen Guru für Sie: Robert Christgau. Besser geht es nicht. War er von Rickie Lee Jones begeistert? Kann man nicht sagen, die Note A+ erreicht sie bei seinen Rezensionen nicht. Im Jahre 2000 schrieb er über das Album It's Like This: Proof a girl can sing standards and chew gum at the same time. Wir hören es uns trotzdem hier mal an.