Freitag, 19. August 2016

Worpswede


Moor und Wiesen, viel Himmel drüber. Wie in ➱Holland. Dazu ein Fluss und ein Hügel, den man hier einen Berg nennt. Mehr ist da nicht in Worpswede. Auf dem Weyerberg hatte die Landgräfin Eleonore Katharine von Hessen-Eschwege einst eine Sommerresidenz einrichten wollen. Es entstand ein Wildgehege, ein Haus für den fürstlichen Entenjäger und die Slottschün, die Schlossscheune. Man beginnt mit dem Bau des Lusthauses, dann fällt ihr Ehemann im Krieg Schwedens gegen Polen. Da gibt die Schwester des schwedischen Königs den Plan auf, die Kultur nach Worpswede bringen zu wollen. Das muss jetzt noch einige Jahrhunderte warten.

Der Name Worpswede ist heute denen, die der gegenwärtigen bildenden Kunst in Deutschland ein Interesse entgegenbringen, vertraut. Seitdem im Jahre 1895 im Münchener Glaspalast zum erstenmal eine kleine Gruppe von Künstlern, die sich nach dem bis dahin unbekannten Ort ihres gemeinsamen Wirkens die Worpsweder nannten, in geschlossener Reihe auftrat, ist der Ruf jenes entlegenen Dorfes mit dem seltsam klingenden Namen und der Ruf jener Künstler, die sich in ihm ein stilles Heim geschaffen haben, begründet.

Worpswede ist bis jetzt, gottlob noch immer ein Winkel abseits von der Straße. Die Eisenbahn dampft noch nicht daran vorbei, nur auf der Postkutsche ist es zu erreichen. Nordöstlich von Bremen erhebt sich, zwei Meilen etwa von der Stadt entfernt, aus einem moorigen, stillen Land eine langgestreckte Anhöhe, die einzige, soweit das Auge reicht: der Weyerberg. Auf der einen Seite ist er fast kahl, nur mit wucherndem Haidekraut, durch das die Bienen summen, und einzelnen niedrigen Kiefern bestanden. Auf der andern Seite dehnt sich ein junger Wald verschiedener Hölzer entlang. Zu dessen Füßen erstreckt sich das kleine Dorf Worpswede. Das schreibt ➱Hans Bethge 1907 über Worpswede. Das Bild vom Weyerberg hat Hans am Ende gemalt.

Bremer betrachten die Künstlerkolonie Worpswede immer als ihr Eigentum, als einen Teil von Bremen. Das stimmt sicherlich zum Teil: Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Carl Vinnen (Bild), Paula Becker und Clara Westhoff kamen aus Bremen. Die Worpsweder Künstler haben sicher auch die Bremer Kunstszene um 1900 geprägt, obgleich Bremens Salonkünstler ➱Arthur Fitger nur Hass und Verachtung für sie übrig hatte. Was war der Mann beleidigt, als Vogeler und nicht er den Auftrag für die Ausgestaltung der Güldenkammer des Rathauses erhielt. Der Bremer Kunststreit wird am besten durch diese ➱Spottpostkarte beleuchtet, auf der Fitger als Don Quichote gegen die moderne Kunst reitet, während sich die Worpsweder Maler auf der rechten Seite krumm- und schieflachen.

Im Kreise von dem Marschendichter ➱Hermann Allmers (im Bilde rechts), den sie beinahe alle gekannt haben, waren die jungen Künstler gut aufgehoben. Wahrscheinlich ist ihnen sein Marschenhof in Rechtenfleth Vorbild für Worpswede als Versuch eines künstlerischen und intellektuellen Zentrums gewesen. Allmers hat die jungen Maler auch in jeder Weise gefördert.

Der Herr hier ist kein Worpsweder, das ist der Professor der Düsseldorfer Akademie Eugen (oder Eugène) Dücker, der die Moderne nach Düsseldorf brachte, beim Malen an der Ostsee. Ich mag dieses Bild sehr, ich habe es schon in den Posts ➱Hinrich Wrage und ➱Fritz Overbeck abgebildet. Eugen Dücker ist hier nicht nur zu sehen, weil ich das Bild mag, er hat auch eine Bedeutung für Worpswede. Denn: Worpswede beginnt in Düsseldorf. So hat auf jeden Fall Katja Pourshirazi, Urenkelin des Worpsweder Künstlers Carl Emil Uphoff (und Leiterin des Vegesacker Overbeck Museums), ihren ➱Vortrag im Worpsweder Barkenhof genannt.

Die Gründer des ➱Künstlerdorfes (wie Worpswede von nun an immer heißen wird), Maler wie Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn (Bild), kamen nicht aus Bremen. Sie waren von der Düsseldorfer Akademie hierher ins Moor gekommen, der plakative Satz Worpswede beginnt in Düsseldorf stimmt schon. Auch Vogeler  hatte ja in Düsseldorf studiert. Eugen Dücker, der selbst die menschenleere Landschaft an Nord- und Ostsee bevorzugt, hat seine Schüler aus der Akademie in die freie Natur gejagt. Jetzt kommen die ersten im Teufelsmoor an.

Es ist die Zeit der Sezessionen, die Zeit der Stadtflucht, die Künstler zieht es aufs Land. Man entdeckt malerisch den einfachen Menschen, Arbeiter, Fischer, Bauern. In Worpswede trifft das wilhelminische Bürgertum auf arme Moorbauern, die nichts von dem ganzen Rummel haben werden, der um Worpswede gemacht wird. Dies Bild zeigt die Eröffnungsfeier der Nordwestdeutschen Kunstausstellung in Oldenburg im Jahre 1905. Der Großherzog von Oldenburg sitzt am vorderen Tisch in der Bildmitte. Der Herr im ➱Frack ganz rechts am Tisch des Großherzogs ist Heinrich Vogeler. Dies ist die Welt, aus der er kommt. Moorbauern sind hier nirgends zu sehen.

Die Künstlerkolonien sind schon überall in Europa erfunden, bevor Worpswede berühmt wird. In Dachau zum Beispiel malt man schon zwanzig Jahre vor den ersten Worpswedern. Mein Freund Peter, der mich seit Jahrzehnten zum Geburtstag und zu Weihnachten mit den wichtigsten Bremensien und den neuesten Werken der Kunstgeschichte bedenkt, hat mir einmal den hervorragenden Katalog Künstlerkolonien in Europa: Im Zeichen der Ebene und des Himmels geschenkt, der ein Panorama aller Künstlerkolonien bietet.

Bremer hören das nicht so gerne, dass ihre Worpsweder (hier Paula Becker-Modersohn) nicht so einzigartig sind und in den Künstlerkolonien Europas viel bessere Bilder gemalt werden. Denn so doll sind die Worpsweder im europäischen Vergleich nicht, wir haben sie nur lieb gewonnen, sie haben uns seit der Jugend begleitet. Sie sind Teil unseres Lebens, unseres Bremer kollektiven Bewusstseins, sie sind unsere Worpsweder. Man hat manchmal das Gefühl, dass sie entfernte Verwandte sind. Viele Bremer, nicht nur mein Opa, haben auch Maler aus Worpswede gekannt.

Die Worpsweder Maler sind in Bremen noch in vielen Häusern präsent. Und jede Bremer Familie hat ihren eigenen Worpsweder Maler, den sie mag. Ich weiß noch, dass ich einmal 1958 in Bremen bei Leuten zu Gast war, die äußerst fachkundig über Hans am Ende (Bild) redeten und ein Bild von ihm über dem Sofa hatten. Ich hatte den Namen damals noch nie gehört, geschweige denn ein Bild von ihm gesehen. Es gibt in den fünfziger Jahren noch keine Bücher über die einzelnen Maler, aber jeder hat Geschichten über sie zu erzählen.

Aber, wenn wir ehrlich sind, so lieb uns die Maler sind, sub specie aeternitatis betrachtet, können nur wenige wirklich gut malen. Ich hätte lieber etwas aus Ekensund oder aus Skagen (zu der Malerkolonie gibt es ➱hier einen ausführlichen Post) an der Wand als ein Bild aus Worpswede. Ich darf das sagen, ich bin mit alledem aufgewachsen. Opa kannte Fritz Overbeck (hier der Eingang der Villa am Bröcken bei Vegesack, gemalt von Hermine Overbeck-Rohte). Bei uns zu Hause hingen Worpsweder an der Wand. Ich war in beinahe jeder Worpsweder Ausstellung des letzten halben Jahrhunderts, und ich habe bestimmt einen Meter Bücher zu Worpswede im Regal. Steht jetzt alles in der zweiten Reihe, ich mag es eigentlich nicht mehr sehen. 

Denn so plakativ schön vieles ist, richtig künstlerisch entwickelt haben sich die Worpsweder auch nicht. Was sie auch wohl selbst wussten. So erschien in der Worpsweder Zeitung zur Vierzigjahrfeier der Künstlerkolonie am 11. Oktober 1924 ein satirisches Preisausschreiben, das als ersten Preis folgendes auslobte: 1. Preis: Ein original Worpsweder Motiv, bestehend aus: 1 frisch gestrichenes Strohdachhaus, 1 fleckige Kuh, 1 Paar braune Segel, 1 Dtzd. Gutgewachsene Birken, 1 Ia. Sonnenuntergang (alles vom Verschönerungs=Verein Worpswede eigens angepflanzt und sofort lieferbar). Den richtigen Lösungen des Preisausschreibens waren 20 Mark Worpsweder Notgeld beizufügen. Man muss dazu sagen, dass diese Sondernummer der Worpsweder Zeitung zum 11. Oktober eine Ulknummer war. Das Bild hier ist von dem Maler Eduard Euler (der an einem 19. August geboren und an einem 19. August starb), der mit Overbeck im Jahre 1892 nach Worpswede kam.

Satire hin und her, was da so ironisch beschrieben wird, ist eigentlich die gesamte Worpsweder Bildwelt. Viel mehr ist nicht. Das Moor zieht nicht nur den einsamen Wanderer in den Erzählungen in seinen Bann und lässt ihn nicht mehr los, es scheint auch die Worpsweder Maler nicht mehr loszulassen. Overbeck, der keine sentimentalen Gefühle für Worpswede hat (Ich bin nicht sentimental, hat er auf die Frage geantwortet, ob er das Künstlerdorf vermisse), zieht nach Vegesack. Man weiß nicht, wohin er sich entwickelt hätte, weil er plötzlich mit neununddreißig Jahren an einem Gehirnschlag stirbt.

Auch Otto Ubbelohde zieht (wie viele andere) wieder weg und entwickelt sich weiter. Modersohn zieht nach Fischerhude und flirtet mit dem Expressionismus, verändert sich aber nicht wirklich. Dafür lieben ihn erstaunlicherweise die ➱Nazis. Vielleicht sollte ich auch Ottilie Reylaender in diesem Zusammenhang erwähnen. Einstmals wie Paula Becker und Clara Westhoff Schülerin von Mackensen, danach Weltenbummlerin. Sie hatte 2013 in Worpswede in der Ausstellung Malerinnen im Aufbruch: Frauen erobern um 1900 die Kunst ein Comeback. Ich mag diesen Worpsweder Märchenmond, der um 1900 entstand.

Vogeler, der im Ersten Weltkrieg dem Kaiser einen ➱Friedensbrief schreibt, zieht in die Sowjetunion, aber was er da malt, könnte jeder begabte Werbegraphiker auch malen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das bremische Bürgertum, das sich so kunstverständig gibt, die falschen Künstler heilig gesprochen hat, ob das nun die Heilige Paula Becker-Modersohn ist (gegen ihre malerische Tristesse darf man ja nichts sagen, weil sie dies schwere Leben hat). Oder Fritz Mackensen (hier sein Bild Die Scholle. Rilke konnte sich bei der ➱Interpretation des Bildes gar nicht mehr einkriegen), der der bereitwilligste Obrigkeitsspitzel gegen sozialistische und kommunistische Umtriebe im Dorf ist. Mackensen und der Schriftsteller Manfred Hausmann sind nicht die einzigen Nazis im Ort. Es hat lange gedauert, bis ➱Ferdinand Krogmann (Worpswede im Dritten Reich 1933 – 1945) und Arn Strohmeyer den ➱Mythos Worpswede kritisch beleuchtet haben.

Dass Fritz Mackensen, Major der Propaganda-Ersatzabteilung und von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste der deutschen Maler aufgenommen, durchaus malen kann, ist unbestritten. Am besten finde ich das Portrait seiner Tochter Alexandra, das er um 1938 gemalt hat. Es sieht im Original noch viel besser aus als auf dieser Kunstpostkarte. 1938 hatte der Dr honoris causa Mackensen gerade eine große Worpsweder Ausstellung organisiert, in der eine jüngere, kritische Generation von Worpsweder Malern nicht zu finden war. Die auch schon vorher bei Mackensen und anderen unbeliebt waren. Die Bremer Nachrichten schreiben 1936: Dieser hohle Lärm, den abseits vom Volk, das hier eben für dumm verkauft wurde, Snobs, Halbnarren und Geschäftemacher aufführten, und der besonders auch in und um Worpswede trübe Kreise zog, ist heute rückhaltlos abgedreht worden.

Viele Bilder der Maler der zweiten Generation (wie hier das Bild von Helmuth Westhoff) sind origineller und frischer als die Bilder von der ersten Generation. Das gilt auch für Walter Müller, der Vogelers Tochter Bettina heiratet. Und vieles von Richard Sprick, Wilhelm Bartsch, Karl Krummacher oder Alfred Kollmar. Von Udo Peters ganz zu schweigen. Aber es ist das Schicksal der zweiten Generation, dass die Kunstgeschichte von ihr nicht so viel wissen will. Das beste Buch zu diesem Thema ist Bernd Küsters Kunstwerkstatt Worpswede. Es ist eine Begleitschrift zu den Ausstellungen des Landkreises Osterholz in Worpswede im Jahre 1989 (finanziert von der Deutschen Bank und Daimler Benz).

Wenn man 1924 in Worpswede eine Vierzigjahrfeier ausrichtet, verlässt man sich auf Aussagen von Mackensen, dass die Kolonie schon 1894 gegründet wurde. Andere sehen das anders, und so bringt die Deutsche Bundespost 1989 eine Sonderbriefmarke 100 Jahre Künstlerdorf Worpswede heraus, die Vogelers Bild von dem Konzert auf der Terrasse des Barkenhoffs zeigt. Die schöne 60 Pfennig Marke ist das i-Tüpfelchen eines Vermarktungsprozesses, den sich die Maler vor hundert Jahren nicht hätten vorstellen können. Worpswede ist schon zu einer Art Warenzeichen geworden, und Touristen können in Worpswede und dem benachbarten Fischerhude (die sogar einen Verlag namens Atelier im Bauernhaus haben) alle möglichen Devotionalien kaufen. Bücher, Plakate, Kunstdrucke, Reproduktionen auf Leinwand, Postkarten.

Manche Maler, wie Fritz Overbecks Frau Hermine Rothe, der hervorragende Otto Ubbelohde (der in Worpswede dies wunderbare Mädchenbild malt) oder der unterschätzte Helmuth Westhoff (der Bruder der Bildhauerin Clara Westhoff), gehen dabei ein wenig unter. Dafür vermarktet man aber auch schon Worpsweder der zweiten und dritten Generation wie zum Beispiel den kitschigen Feodor Szerbakow. Und die Norddeutsche Volkszeitung hat es auch geschafft, den Blumenthaler Willi Vogel als einen der letzten Worpsweder anzupreisen (lesen Sie ➱hier mehr).

In Vegesack hat man in dem alten Packhaus am Hafen, das nach einer Firma namens Kistentod nur KITO heißt, ein Museum für Fritz (und glücklicherweise auch für Hermine) Overbeck eingerichtet. Natürlich haben die inzwischen auch einen Museumsshop. Das Ganze wird ehrenamtlich betrieben, im Vorstand des Vereins sitzen noch Nachkommen der Overbeck Familie. Der Speicher der KITO mit den weißen Wänden und den alten Holzbalken hat ein gutes Licht für die Bilder.

Immerhin kümmert man sich jetzt um den Sohn des Direktors des Norddeutschen Lloyds und seine malende Gattin. Das sah in den fünfziger Jahren ganz anders aus, als seine Bilder und Skizzen in dem Glashaus neben der Villa am Bröcken verrotteten. Ich wollte mal Peter dafür begeistern, dass wir einen Katalog des restlichen Oeuvres machten, aber angesichts des Elends hat der nur müde abgewinkt. Ich weiß noch, dass meine Mutter jede Woche einen riesigen Topf kräftiger Suppe zu dem Fräulein Overbeck brachte, das noch in der Villa wohnte. Aber die Geschichte steht natürlich auf keiner Internetseite. Da steht eher: Nach dem Tod [von Hermine Overbeck] sicherten die Kinder den künstlerischen Nachlass von Fritz und Hermine Overbeck. Da kann man nur sagen: Truth is the daughter of time.

In den fünfziger Jahren haben Worpsweder keinen großen Marktwert. Heute vielleicht auch nicht, denn das schöne Bild von ➱Eduard Euler oben wird für nur 850 Euro verkauft, die ➱Frühlingslandschaft von Wilhelm Bartsch für 600 Euro. Selbst Fritz Overbecks Slottschün (das letzte Relikt von Gräfin Eleonores Worpsweder Bauplänen, das 1938 abgerissen wurde) war für 1.200 Euro zu haben. Wenn ich nicht schon ein paar Worpsweder an der Wand hätte, würde ich jetzt kaufen.

Es war noch vor der Währungsreform, als ich zum ersten Mal Worpswede von der Ferne sah. Ich habe diesen Augenblick, der wie ein kleiner Film in meinem Kopf gespeichert ist, in dem Post ➱Findorff beschrieben. Die erste Begegnung mit Worpswede war Kaffeetrinken aus den kleinen Kaffee HAG Tassen im Café Verrückt (Bild). Ich war sechs, und mir war hinterher schlecht. Ich weiß nicht, was die damals in den Kaffee taten. In Hoetgers seltsamem Bau bin ich noch viele Male gewesen, das gehörte bei einem Worpswede Besuch dazu, ich habe dann aber immer Tee getrunken.

Zu Worpswede gehört auch der Barkenhof, der Weyerberg und der Worpsweder Bahnhof. Der vielleicht das schönste Kunstwerk ist, das Vogeler zustande gebracht hat. Man hat den Bahnhof renoviert, zum großen Teil ist noch das originale Jugendstil Mobilar vorhanden. Die Deutsche Bahn braucht den Bahnhof nicht mehr, heute ist ein Restaurant in den Wartesälen. Bei der furchtbaren Kommerzialisierung des Ortes kann man ja froh sein, dass es kein McDonald oder Burger King geworden ist.

Die traulichen Zeiten sind dahin, da man sich von lästigen, unsympathischen Kollegen zurückziehen konnte in die erhabene Stille der Natur, in das einzige Dörfchen. Zehn Maler wandern jetzt hier herum, oh, man möchte vor Wut und Abscheu selber fortziehen. Das ist kein Zitat von heute, das schreibt Otto Modersohn 1894 an Fritz Overbeck. Sie mochten sich nicht alle, sie bilden auch keine Schule oder eine wirkliche Gemeinschaft. Auch wenn Rilke in sein Tagebuch schreibt: Eine Gemeinsamkeit, die sich gerundet hat, ist ein Heiligtum. Laßt uns unser Heiligtum hüten. Rilke muss immer übertreiben, er kann nicht anders.

Dies heute ist nicht der erste Post zu den Malern von Worpswede (und auch der Photograph Hans Saebens, von dem dieses Photo stammt, ist ➱hier schon erwähnt worden), mein Bestseller heißt ➱Heinrich Vogeler, fünfstellige Leserzahlen. Gefolgt von den Posts ➱Franz Radziwill und ➱Richard Oelze (der an Worpswede keine guten Erinnerungen hat, weil man ihn da in der Nacht verprügelt hat). Aber es gibt noch viel mehr Worpswede. Wenn Sie wollen, klicken Sie mal diese Posts an: Niedersachsenstein, Fritz Overbeck, Kunsthalle Bremen, Thomas Herbst, Albert Weisgerber, Albert Stagura, Frank Duveneck, Richard von Hagn, Magischer Realismus, Fette Henne, Kiautschou, Afrika, Schlittschuhlaufen, Rönnebeck, Manfred Hausmann, Magischer Realismus, Cato Bontjes van Beek

Dienstag, 16. August 2016

wholecut


Er hat nicht einmal einen deutschen Namen, der wholecut Schuh, aber er ist seit einigen Jahren modisch le dernier cri. Sogar bei der Firma Tyrwhitt, deren Angebot an Schuhen zurückgegangen ist, ist in den letzten Jahren immer mindestens ein wholecut im Programm gewesen. Der wahrscheinlich von der Firma Barker (oder vielleicht ➱Grenson?) gemacht wurde. Ein wholecut ist eine Variante des Schuhs, den wir Oxford nennen. Er ist aus einem einzigen Stück Leder gemacht und hat neben der Schaftkantennaht lediglich hinten eine sichtbare Fersennaht. Als der Oxford in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der englischen Herrenmode auftauchte, hatte er noch den Namen Oxonian. Ein Oxford ist ein förmlicher, kein sportlicher Schuh, geeignet für Menschen mit einem schmalen Fuß und einem nicht zu hohen Spann. Das letzte sollten Sie bedenken, wenn Sie mit dem Kauf eines wholecut liebäugeln sollten.

Diesen hier habe ich ohne nachzudenken gekauft. Ungetragen und sehr, sehr preiswert. Da tippt man schon mal die Sofort kaufen Taste an. Allerdings ist der Hersteller ein kleines Rätsel. Der Schuh heißt Windsor, die machen aber nun mal keine Schuhe. Früher kamen die Schuhe von Ludwig Reiter, dann wollte man die Verdienstspanne vergrößern und ging zu Prime Shoes. Einer Firma, bei der auch niemand weiß, wer dahinter steckt. Neuerdings scheint Windsor wieder bei Ludwig Reiter gelandet zu sein. Wenn der Schuh ankommt, werde ich ihn genau untersuchen.

Natürlich hätte ich im ersten Absatz statt le dernier cri auch der letzte Schrei sagen können, aber ich möchte einmal eben einen Blick auf die Franzosen werfen, die immer schon wunderbare wholecuts im Angebot hatten. Würde man diesen Schuh von Aubercy wirklich dem norddeutschen Schmuddelwetter oder der Hundescheiße auf den Straßen aussetzen wollen? Beim Anblick solcher Kunstwerke habe ich das Gefühl, dass man sie nicht tragen, sondern sie zu Hause auf eine kleine Marmorsäule stellen sollte. Wenn Sie noch mehr über französische Herrenschuhe lesen wollen, dann klicken Sie hier.

If you look up the word elegant in Dictionary.com the first definition that it gives is:“Tastefully fine or luxurious in dress, style, design, etc.” To me, the whole-cut dress shoe sums this definition up to a ‘T.’ The fact that it has no stitching (apart from the heel) leaves it completely refined and flawless. Obviously not every whole-cut ever made has fit this description but when they have been made properly, with a beautiful last shape, they are second-to-none on the stunning scale!! Das kann man in einem Blog lesen, der The Shoe Snob Blog heißt.

Ich bin mir bei diesen ganzen Mode Foren und Blogs nicht so sicher, in wieweit sie nicht nur als Blog getarnte Werbung der Modeindustrie sind. Der Blog Gazzettino von Michael Jondral (übrigens ein hervorragender Blog) macht keinen Hehl daraus, aber viele dieser sogenannten Foren scheinen nur Tarnorganisationen der Modeindustrie zu sein. Der Autor des lobhudelnden Textes über die Eleganz des wholecut Schuhs macht eine eine gewisse Einschränkung bezüglich der Eleganz der Variante des Oxfords: Obviously not every whole-cut ever made has fit this description. 

In einem Mode Forum wird immer zuerst eine Frage gestellt, die aber meistens eine Scheinfrage ist. Wie zum Beispiel: Has any of you experience of a wholecut style shoe? I have pasted a Tricker's Harrow model to show an example. Do the inevitable creases after a few wears ruin the smooth and shiny look to an unwearable level? Needless to say that someone would use trees and polish, but even so creases appear where the toe bends. Any pictures of your own pair? Und schon ist Werbung für ➱Tricker's gemacht und der Stein der Diskussion ins Rollen gebracht.

Meinem alten wholecut von Stefanobi sieht man kaum noch an, dass er ein wholecut ist. Es hat ihm aber gut getan, dass, als ich ihn vom Besohlen beim Schuster Höfer abholte, Frau Dworak sagte, dass ein Qualitätsschuh auch nach Jahren noch nach einem Qualitätsschuh aussieht. Dieser Edward Green Schuh in dunkel-oliv (ja, das ist ein klein wenig pervers) ist natürlich der Höhepunkt der Eleganz. Wenn man so etwas mag. Zu solchen Schuhen sollte man wahrscheinlich lila Samtjacketts tragen.

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: wholecut Schuhe sehen nur elegant aus, wenn sie nagelneu sind und von einem berufsmäßigen Photographen wunderbar ins Licht gesetzt wurden. Und mit dem Photoshop System so behandelt wurden, dass sie eine Farbe bekommen, die Sie zu Hause mit Schuhcreme niemals hinkriegen. Wenn sie älter sind, bekommen wholecuts Falten, die sich nicht wie bei einem Kappenschuh oder einem Derby (im Englischen auch Blucher genannt) verteilen können. Dann sehen sie so aus wie dieser Schuh. Oder schlimmer. Ich habe dieses Photo aus einem unfreiwillig komischen Blog, wo sich jemand mit all seinen Klamotten und Schuhen (und Uhren) ins Bild gesetzt hat, um der Welt zu zeigen, was wahre Eleganz ist.

Der wholecut Schuh ist nicht unbedingt neu, es gibt ihn schon im Mittelalter. Bei den Ausgrabungen von Billingsgate hat man schöne Exemplare aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Diese Schuhe sind einige Jahrhunderte jünger. Man kann so etwas in England kaufen, es gibt da offensichtlich einen Markt für solche Dinge. Wahrscheinlich trägt man so etwas, wenn man mit einem Krug Met in der Hand in Stonehenge auf die Mondfinsternis wartet, um mit den Wölfen zu heulen.

Seinen ersten großen Auftritt hat der wholecut in den dreißiger Jahren. So schreibt zum Beispiel ➱The Producer im Jahre 1936: A striking shoe fashion, new this season, is the whole-cut Oxford shoe, of black glace, with a Littleway square heel and five eyelets, bringing the vamp well over the foot. Dieses Modell hier ist aus dem Jahre 1934, ein Lackschuh für ➱Dinner Jacket und ➱Frack. Ich bitte Sie, die seidenen Schnürbänder und die wunderbare Schleife zu beachten. Und ähnlich sieht auch Debrett's die Verwendung für den wholecut, wenn von der Ausstattung für den Frack die Rede ist: white bow tie (usually marcella), white evening waistcoat (again usually marcella), black 'whole-cut' patent shoes with black ribbon laces, and black silk socks. Man kann in solchen Schuhen wahrscheinlich in Bayreuth in der Oper sitzen und sich diesen neuen Parzifal angucken, aber kann man auch mit ihnen tanzen? Ich habe da meine Bedenken.

Die meisten englischen Qualitätsfirmen (sogar die etwas langweiligen Tricker's) haben einen wholecut im Programm. Hier ein Modell von ➱Alfred Sargent, das wie mein alter Stefanobi aussieht und mit dem Schuh von Aubercy im zweiten Absatz wenig Verwandtschaft hat. Sehr wenig.

Allerdings kann Alfred Sargent auch sehr, sehr elegante wholecuts machen, wenn wir uns mal eben dies Modell anschauen (es findet sich schon in dem Post ➱Wedding Night). Es ist eine seltsame Sache mit den ➱Engländern: sie können es genau so gut wie die Franzosen, Portugiesen, Italiener oder Spanier, aber sie machen es ungern. Pferdelederschuhe sind wie wholecuts auch so eine Sache, die die englischen Hersteller nicht unbedingt mögen.

Die werden in großem Stil auf einer anderen Insel hergestellt: Mallorca. Die Firma Carmina wirbt damit, der größte Hersteller von Cordovan Schuhen in Europa zu sein. Dieser hier kostet 690€. Neben der Firma Carmina von José Albaladejo gibt es auf Mallorca noch die Firma Meermin, die etwas preisgünstiger ist (und dass Herr ➱Kuckelkorn sich in Mallorca seine Schuhe machen lässt, sollte nicht unerwähnt bleiben). Die Spanier sind (wenn man an Marken wie Lotusse und andere denkt) im Bereich des preiswerten Qualitätschuhs zu einer Großmacht in Europa geworden. Auch der deutsche Internethändler Shoepassion, der für 239 Euro einen wholecut anbietet, bezieht seine Schuhe aus Spanien. Von der Firma Cordwainer, man kann eine Besprechung der Qualität der Shoepassion von jemandem, der sich Paul Prüfer nennt, hier lesen. Aber das Ganze ist wahrscheinlich auch nur gekaufte Werbung.

Wenn die Engländer nach einem möglichen Brexit (über den ja keine Volksabstimmung sondern das Parlament entscheidet) den Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlieren, wird die englische Schuhindustrie es schwer haben. Weil die Spanier und ➱Portugiesen all das können, was die Engländer können. Zumal es ja nicht unbekannt ist, dass englische Luxusfirmen auch schon einmal Lohnarbeit nach Portugal und Spanien vergeben haben. Und der Carmina wholecut aus dem Absatz oben sieht auch viel besser aus als dieses biedere Modell von Tricker's.

Sie werden das schon gemerkt haben, dass ich nicht unbedingt ein Fan des wholecut Schuhs bin, eigentlich braucht man ihn nicht wirklich. Vor allem, wenn er nach kurzer Zeit so aussieht wie dieser Schuh von ➱Oliver Sweeney. Ich habe mir vor Jahren einen wholecut bei Tyrwhitt gekauft, der geradezu absurd im Preis gefallen war. Das tun die Artikel bei Tyrwhitt ja immer, allerdings nicht so stark wie dieser Schuh. Ich schaute einmal routinemäßig in das Forum Ask Andy about Clothes hinein, fand dort den Satz and the wholecut in particular develops more creases than an elephant und wusste, dass ich den Schuh kaufen konnte. In diesen Foren wird nur gelogen. Mein dunkelbrauner Tyrwhitt wholecut sieht nach sechs Jahren immer noch hervorragend aus.

Ich habe mir etwas Hübsches für den Schluss aufbewahrt. Das ist kein fullbrogue, das ist ein wholecut mit aufgestepptem Muster. In einer wunderbaren Farbe. Ich konnte bei diesem Modell dem Kauf nicht widerstehen. Weil der Schuh mich an die Kurzgeschichte The story of Cedric erinnerte. Ich habe das ➱hier schon einmal zitiert, aber ich zitiere es gerne noch einmal:

Das schönste Beispiel für Schuhetikette findet sich bei dem unübertroffenen Meister des englischen Humors ➱P.G. Wodehouse. In der Kurzgeschichte The story of Cedric trifft der eleganteste Mann Londons (sprich: der Welt) eines Morgens im Hyde Park die junge Lady Chloe und seinen Freund Claude. Der ist auf dem Weg zu einer Hochzeit, elegant gekleidet im ➱Morning Coat. Allerdings die Schuhe! Lady Chloe bekommt beinahe einen Herzinfarkt. Gelbe Schuhe. The foot-joy! The banana specials! The yellow perils! Der junge Claude sagt naiv: Don't you like them? I thought they were rather natty. Just what the rig-out needed, in my opinion, a touch of colour. It seemed to me to help the composition. Mit einem Augenaufschlag, dem kein Mann widerstehen kann (ich weiß nicht, wo Frauen das lernen, aber es funktioniert ja immer) bittet Lady Chloe unseren Cedric, mit seinem jungen Freund die Schuhe zu tauschen. Als die beiden fort sind, merkt der eleganteste Mann Londons, dass er jetzt ein kleines Problem hat. Er steht in einem eleganten Morning Coat mit gelben Schuhen (!) im Hyde Park. Über den weiteren Gang der Geschichte sei hier nichts verraten, man kann es in der Sammlung Mr Mulliner Speaking aus dem Jahre 1929 nachlesen. Die Heiligen Crispin und Crispinian mögen verhüten, dass wir je in eine solche Lage kommen.

Ein gelber Schuh zum Cutaway ist natürlich immer noch besser, als wenn der Bräutigam zur Hochzeit so erscheinen würde wie auf diesem Cartoon von ➱Ronald Searle:














Noch mehr Schuhe in den Posts: ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Wiener Leisten, ➱Englische Herrenschuhe (Trickers), ➱Englische Herrenschuhe (London)Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent), ➱Französische Herrenschuhe, ➱Schuhe aus Portugal, ➱Italienische Herrenschuhe, ➱holzgenagelt, ➱Dinkelacker, ➱Kuckelkorn, ➱Kiton/Chiton, ➱wayward cows, ➱Lord Byrons Schuhe, ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Wildlederschuhe, ➱Chelsea Boots, ➱Wirkungen, ➱Zeit der Unschuld, ➱Gamaschen, ➱Christian Rohlfs, ➱Laurence Harvey, ➱Blazer, ➱Morning Coat, ➱Fernandel, ➱Léo Malet, ➱Schuhcreme

Samstag, 13. August 2016

perlegi


Jetzt, wo ich den halben Tag schreibe, lese ich nicht mehr so viel wie früher. Ich lese schon noch, aber das hat meistens mit den Posts zu tun, an denen ich gerade schreibe. Als ich über Vergil und Hermann Broch schrieb, habe ich den halben Tod des Vergil noch einmal gelesen. Für Joseph Anton Koch habe ich Hilmar Franks Büchlein über den Schmadribachfall aus dem Regal geholt, und für den Post über Theodor Fontane habe ich nebenbei eine Menge Fontane gelesen. Was immer ein Vergnügen ist. Manchmal kommen die Anstöße zum Lesen auch vom Fernsehen, der Film Dame, König, As, Spion brachte mich dazu, John le Carrés Roman Tinker Tailor Soldier Spy noch einmal zu lesen. Ist auch ein Vergnügen, liest sich aber schneller als Fontane. Passte allerdings schön zu dem letzten Grabbelkastenfund: Ben Macintyre A Spy Among Friends: Philby and the Great Betrayal, Bestseller No 1 in England, mit einem Nachwort von John le Carré. Wunderbar bösartig in der Beschreibung der bornierten englischen Oberklasse.

Doch all das ist so eine Art des Lesens en passant, nicht das richtige Lesen. Also dieses Lesen wenn man noch jung ist und die ganze Welt der Literatur vor einem liegt. Wenn einem Freunde (oder Freundinnen) sagen, was man unbedingt lesen muss. Die Empfehlungen von Freunden waren (nachträglich gesehen) in meinem Leben für mich fruchtbringender als das Studium der Literaturwissenschaft. Ich hatte nie die Sorge, dass das Lesen zu einem Ersatzleben wurde. Leben gab es nebenbei noch genug.

Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen. Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der Beschäftigung mit unsren eigenen Gedanken zum Lesen übergehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, – wie Einer, der immer reitet, zuletzt das Gehn verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.

Kaum ist im 18. Jahrhundert der Roman erfunden worden, da treten auch schon die Warner (wie hier Schopenhauer) auf, die vor der neuen Krankheit Lesesucht (oder Lesewut) warnen. Lesesucht, die Sucht, d. h. die unmäßige, ungeregelte und auf Kosten anderer nöthiger Beschäftigungen befriedigte Begierde zu lesen, sich durch Bücherlesen zu vergnügen, heißt es in einem Wörterbuch im Jahre 1809. Noch im 19. Jahrhundert stellten besorgte Eltern die Romane in einen abschließbaren Schrank. Schopenhauers Parerga und Paralipomena (aus dem das Zitat oben stammt) sind 1851 erschienen, da ist der Buchmarkt schon explodiert. Da gibt es schon mehr Trivialliteratur als Literatur.

Man liest immer etwas, was man nicht hätte lesen sollen: Es ist in der Litteratur nicht anders, als im Leben: wohin auch man sich wende, trifft man sogleich auf den inkorrigibeln Pöbel der Menschheit, welcher überall legionenweise vorhanden ist, Alles erfüllt und Alles beschmutzt, wie die Fliegen im Sommer. Daher die Unzahl schlechter Bücher, dieses wuchernde Unkraut der Litteratur, welches dem Waizen die Nahrung entzieht, und ihn erstickt. Sie reißen nämlich Zeit, Geld und Aufmerksamkeit des Publikums, welche von Rechtswegen den guten Büchern und ihren edelen Zwecken gehören, an sich, während sie bloß in der Absicht, Geld einzutragen, oder Aemter zu verschaffen, geschrieben sind. Sie sind also nicht bloß unnütz, sondern positiv schädlich. Das ist auch noch einmal Schopenhauer. Ich habe das Zitat parat, weil ich es schon mal mal in dem Post zu Brigitte Kronauer verwenden wollte. Aber man sollte diesem Zitat auch das schöne Wort All normal people need both classics and trash von Shaw entgegenhalten.

Und man sollte dem pessimistischen Leser Schopenhauer auch die schönen Sätze von Marcel Proust entgegenhalten, denen zufolge das Lesen eher ein Erkenne dich selbst! ist: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.

In einer after-dinner speech einer Fachtagung stellte ein Professor der neueren Philologie einmal zehn goldene Regeln für Literaturwissenschaftler auf. Die erste Regel war: Rede in Lehrveranstaltungen nie über Romane, die Du nicht gelesen hast und nur aus 'Kindlers Literatur Lexikon' kennst! Es gab ein riesiges Gelächter, das beinahe die Aufzählung der nächsten neun Regeln verhinderte. Am Anfang meines Studiums bekam ich in der Vorlesung von Professor Rudolf Haas von seinen Hilfskräften ein Papierkonvolut in die Hand gedrückt: die Leseliste des Englischen Seminars der Universität Hamburg. In der Stunde habe ich Haas nicht zugehört (obgleich seine Vorlesung immer sehr gut war), ich arbeitete die Liste durch und machte Häkchen an alle Titel, die ich schon gelesen hatte. Am Ende der Vorlesung musste ich mitansehen, dass manche meiner Kommilitonen beim Verlassen des Audimax die Leseliste in einen Papierkorb neben der Tür warfen. Ich habe mich damals gefragt: warum tun die das? Heute denke ich, dass aus ihnen Professoren geworden sind, die sich ihr ganzes Leben auf Kindlers Literatur Lexikon verlassen mussten. So gut das Lexikon ist, unfehlbar ist es nicht. Manche der Autoren des Lexikons haben das Werk, über das sie schrieben, entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Das gilt natürlich nicht für die Lexikonartikel, die ich geschrieben habe.

In David Lodges Universitätsroman Changing Places spielen Akademiker ein Spiel, bei dem man die meisten Punkte für die Nennung eines Werkes der Weltliteratur bekommt, das man nicht gelesen hat. Der Anglistikprofessor, der bekennt, niemals Hamlet gelesen zu haben, gewinnt. Und verliert wenig später seinen Job. David Lodge selbst hat noch 1985 zugegeben, dass er niemals Krieg und Frieden gelesen habe. Hatte ich damals auch nicht (hatte aber drei Verfilmungen gesehen), jetzt kenne ich den Roman. Ich bin sogar glücklich, dass ich zwei wichtige Romane erst mit einem halben Jahrhundert Verspätung gelesen habe. Der eine ist natürlich Krieg und Frieden, zu dem mich Friedrich Hübner immer wieder gedrängt hat, der andere Roman ist Fontanes Vor dem Sturm. Den ich übrigens (genau wie Krieg und Frieden) ein zweites Mal las, als ich damit fertig war. Es gibt Romane, bei denen man - wie die Maler an der Brücke über den Firth of Forth - wieder von vorne anfängt, wenn man damit fertig ist.

Es ist schon einige Monate her, da unterhielt ich mich mit Friedhard über die Strudlhofstiege. Er hat die längst gelesen, ich fing erst damit an. Letztens erkundigte er sich per Mail, wie weit ich mit meiner Lektüre sei. Ich schrieb zurück, dass ich die Prachttreppe (die man letztens im Fernsehen in Vorstadtweiber sehen konnte) ganz vorsichtig Stufe für Stufe betreten würde. Manchmal einige Stufen zurückgehen würde, manchmal einige Stufen nach oben hin überspringen würde. In seiner nächsten Mail stand: Das ist genau die rechte und beste Art, es zu lesen!

Ich weiß, was ich gelesen habe, ich brauche mir nur die Bücherregale anzuschauen. Früher, als ich noch ein kleiner literarischer Snob war, schrieb ich mit Bleistift perlegi und das Datum in ein Buch, wenn ich es gelesen hatte (das perlegi habe ich inzwischen aufgegeben, heute notiere ich nur vor Monat und Jahr mit Bleistift in einem Buch). In manche, ganz besondere Bücher, schrieb ich das perlegi in Gold. Mein Vater bekam von der Degussa zu Weihnachten immer kleine mit Gold beschichtete Folien, wenn man darauf schrieb, übertrug sich das Gold auf das Papier. Fand ich toll. Man konnte natürlich nicht nur perlegi mit der Goldfolie schreiben, man konnte auch ein goldenes je t'aime als Widmung in ein Buch schreiben. Damit konnte man junge Frauen schon beeindrucken.

Ich hätte gerne den Ausweis der Volksbücherei gehabt. Als Minderjähriger brauchte man dafür das Einverständnis der Erziehungsberechtigten. Meine Vater wollte nicht, dass ich mit den schmuddeligen Büchern (und die waren in der Nachkriegszeit wirklich schmuddelig) der Volksbücherei in Berührung komme, ich bekam von ihm zusätzlich zum Taschengeld ein Büchergeld. Damit beginnt das Verhängnis. Lebenslanges Büchersammeln.

Ich legte Hefte an, in die ich eintrage, was ich gelesen habe und was ich noch lesen will. Diese Jahr für Jahr geführten Hefte mit der gelesenen Literatur waren für mich auch eine Art von Rechtfertigung gegenüber meinem Vater für das großzügig gewährte Büchergeld (obgleich er auf diese Idee gar nicht gekommen wäre und da nie reinguckt, wenn ich sie ihm am Jahresende hinlege). Die Hefte geben mir nach Jahrzehnten einen ganz klaren Blick auf meine Entwicklung als Leser. Gleichzeitig rufen sie mir auch das ganze Jahr ins Gedächtnis zurück. Man liest niemals im luftleeren Raum, Jahreszeiten, das Wetter und schöne Frauen haben auch eine Bedeutung für die Lektüre, und man erinnert sich noch nach Jahren daran. Ich habe die Hefte noch alle, ich greife mir einmal das Jahr 1962 (also ungefähr die Zeit von den Gefährlichen Liebschaften in Berlin) heraus, dann sieht meine Leseliste so aus:

Melville: Billy Budd – Augustinus: De civitate Dei – Schiller: Wallenstein – Machiavelli: Il Principe – Poe: Tales and Poems – Prévost: Manon Lescaut – Catull: Gedichte – Vigny: Glanz und Elend des Militärs – Kierkegaard: Der Begriff Angst – Montherlant: Die jungen Mädchen – Bronte: Wuthering Heights – Goethe: Faust – Aquinas: Sein und Wesen – Proust II – Montaigne: Essays – Thukydides: Peleponesischer Krieg – Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode – Kierkegaard: Die Wiederholung – Sartre: Zeit der Reife – Leonardo da Vinci: Schriften – Proust III – rowohlt monographie Proust – Proust: Fünf Essays – Gracian: Criticon - Hocke: Manierismus I+II – Platon IV – Platon II – Johnson: Mutmaßungen über Jakob – Büchner: Dramen – Mann: Tod in VenedigFragmente der Vorsokratiker – Pascal: Pensées – Lawrence: Sons and Lovers – Faulkner: Intruder in the Dust – Faulkner: Go down, Moses - Eliot: Selected Prose – Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Totenhaus – Hippokrates: Schriften – Malraux: Psychologie der Kunst – Baudelaire: Les Fleurs du Mal – Manzoni: Die Verlobten – Apuleius: Der goldene EselRömische Satiren – Euripides: Hippolyth – Sartre: Der Aufschub – Johnson: Five Plays – Marlowe: Complete Plays – Blake: Selected Prose – Chaucer: Canterbury Tales – Sterne: Tristram Shandy – Platon: Phaidon – Tasso: Arminta – Montherlant: Erbarmen mit den Frauen – Rochefort: Das Ruhekissen - Rousseau: Bekenntnisse – Stendhal: Lucien Leuwen – James: The Turn of the Screw – Proust IV - Melville: Weißjacke – Prévert: Gedichte – Kierkegaard: Tagebücher I – Goethe: Wahlverwandtschaften – Meredith: Diana vom Kreuzweg - Sartre: Was ist Literatur? – James: The Aspern Papers – Zeltner-Neukomm: Der französische Gegenwartsroman - Céline: Voyage au bout de la nuit – Conrad: Lord Jim – Musil: Der Mann ohne Eigenschaften – Wittgenstein: Schriften

Man kann hier diagnostisch ablesen, dass ich eine schwere Kierkegaard Phase habe, dass ich Faulkner und Melville für mich entdecke (Moby-Dick hatte ich schon im Vorjahr gelesen). Und dass die existentialistische Phase (Camus, Sartre) noch anhält, im September werde ich in Berlin Juliette Gréco sehen und hören. Manches sind Jugendsünden, wie zum Beispiel die Lektüre von Henri de Montherlant. Christiane Rocheforts Das Ruhekissen habe ich nur gelesen, weil ich im September den Film mit Brigitte Bardot gesehen hatte. Daneben arbeite ich mich durch Proust und das Programm der Rowohlt Klassiker (das erklärt die Vorsokratiker, Platon, Gracian etc.) und der Exempla Classica des Fischer Verlags (zum Beispiel Sterne, Manzoni, Meredith, Stendhal).

Diese beiden Reihen sind mein Leitfaden durch die Literatur. Mit einundzwanzig will ich durch die Weltliteratur durch sein; ich weiß nicht, wann mir diese Idee gekommen ist, aber ich halte mich zäh daran. Kaum etwas von meinem Leseprogramm stand auf dem offiziellen Stundenplan der Schule, mit Ausnahme von Goethe, Thomas Mann, Uwe Johnson, Franz Kafka und Vergils Äneis. Mein größtes Leseerlebnis im Französischen ist Voyage au bout de la nuit. Was ich mit hätte sparen können, war Walter Jens. Der ist kein wirklicher Schriftsteller.

Vieles von der Lektüre des Jahres 1962 habe ich später ein zweites Mal (und dann im Original) gelesen. Manches habe ich auch nicht verstanden. Aber es hat mich sehr getröstet, als ich im Fernsehen den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke in einem Interview sagen hörte, dass er immer über seinem Niveau gelesen habe und vieles nicht verstanden habe. Und dann nach einer Pause hinzufügte, dass man immer über seinem Niveau lesen solle. Es bliebe immer irgendetwas hängen.

Das bringt mich zu Wittgenstein, den ich auch 1962 las, aber natürlich nicht verstand. Jahrzehnte später habe ich einmal einen amerikanischen Philosophieprofessor zu Gast, der sich als erstes auf den Tractatus stürzt. Und feststellt, dass bei mir Seiten verdruckt sind und fehlen. Der Henry kennt sich bei Wittgenstein aus, er hat ein Buch über Wittgenstein und Derrida geschrieben (mit Vorwort von Derrida). Mit schöner Ehrlichkeit muss ich ihm gestehen, dass ich gar nicht bis zu diesen Seiten vorgedrungen bin. Ein echter Leser weiß, wann er ein Buch aufgeben muss.

Und dann erzähle ich Henry noch die wunderbare Geschichte von C.K. Ogden, der den Tractatus ins Englische übersetzt hat. Und der Neurotiker Wittgenstein fegt hin zu Lord Russell, um sich zu beklagen, dass Ogden ihn überhaupt nicht verstanden hätte und dass die ganze Übersetzung falsch sei. Und da lächelt Lord Russell und sagt dem österreichischen Spinner, dass er nur durch diese Übersetzung eine Ahnung von dem bekommen hätte, was Wittgenstein vielleicht meinte. Am nächsten Tag schreibe ich an den Suhrkamp Verlag, und ich bekomme sogar Jahrzehnte nach dem Kauf ein nagelneues Exemplar zugesandt. Habe ich natürlich immer noch nicht gelesen.


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Dienstag, 9. August 2016

orientalisch


Links vom Eingang war das große Zimmer, das Gerhard Rohlfs gewidmet war. Daneben war ein kleiner Tisch, an den sich Opa am Sonntag setzte, wenn er die Aufsicht im Heimatmuseum übernommen hatte. Neben dem Tisch war die Tür zu dem großen Saal im Erdgeschoß, der ganz dem Walfang gewidmet war. Schließlich hatten sich viele Kapitäne, die im 19. Jahrhundert ihr Vermögen mit dem Töten von Walen gemacht hatten, hier im Ort niedergelassen.

Als Melville seinen Roman ➱Moby-Dick schreibt, ist der Walfang weltweit auf dem Höhepunkt, danach geht er unter. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist auch ein Höhepunkt des Kolonialismus, Frankreich besitzt jetzt nicht nur die Maghreb Staaten, es erobert jetzt auch die Sahara. Die von Gerhard Rohlfs, dem berühmten Sohn unserer Stadt (hier mit seinem schwarzen Diener), als erstem Europäer durchwandert wurde (lesen Sie hier ➱Quer durch Afrika). Walfang und Kolonialismus: für beides war in unserem Heimatmuseum Platz.

Es gab auch Photos vom modernen Walfang. Modern heißt in diesem Fall: aus den dreißiger Jahren. Damals als ➱Walter Rau aus Hilter und sein Konkurrent Fritz Hohmann (FriHoDi) aus Dissen ihre Fabrikschiffe zum Abschlachten von Walen auf die Weltmeere schickten. Auf Rau und Hohmann war Opa nicht so gut zu sprechen, aber das hatte damit zu tun, dass er aus dieser ➱Gegend kam und die Familien kannte. Die beiden Bilder zeigen denselben Wal, nicht gejagt und getötet - der hatte sich im 17. Jahrhundert in die Weser verirrt. Beide Bilder sind von dem Maler Franz Wulfhagen. Das obere hängt in unserem Heimatmuseum, das andere im Bremer Rathaus. Es ist mit 955 × 355 cm so groß wie ein kleiner Wal.

Bis Opa um zehn das Museum öffnete, durfte ich im Saal mit den Walen und im oberen Stockwerk spielen, wo sich alles zur ➱DGzRS fand (schließlich kam der Gründer ➱Adolph Bermpohl aus dem Ort). Les enfants s'ennuient le dimanche galt für mich nicht. Die Räume, die Gerhard Rohlfs und dem Botaniker ➱Albrecht Roth gewidmet waren, waren allerdings für mich off limits (ich liebte damals solche Wörter, die ich von den amerikanischen Besatzungssoldaten aufgeschnappt hatte). Die Bibliothek des Afrikaforschers erschien mir auch nicht so interessant. Wenn man sechs ist, ist eine Harpune für den Walfang oder ein kleines Kunstwerk aus ➱Scrimshaw interessanter als ein Brief Goethes an Dr Roth. Heute würde mich der Goethebrief mehr interessieren. Das Heimatmuseum ist umgezogen, heute sieht das alles so ordentlich aus, die Bücher hinter Glas, all das gab es früher noch nicht.

Die Flaggen sind heute auch unter Glas, früher hingen sie an der Wand. Alles in den Räumen war von dem Studienrat Alwin Belger geordnet worden, der war der Lieblingslehrer meiner Mutter am Lyceum gewesen. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger ein Bein verloren, und er ist in den letzten Kriegstagen zufällig durch einen englischen Tiefflieger getötet worden. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Er wollte mal eben durch das Fernglas der Flakstellung neben dem Hotel Norddeutscher Hof schauen; wäre er im Museum geblieben, wäre ihm nichts passiert. Man hatte ihn noch auf eine Schubkarre von Polstermeister Üne Flügel gegenüber gelegt und zum Hartmannstift gefahren, aber es war ihm nicht mehr zu helfen. Sein geplantes Buch Die große Zeit deutscher Afrikaforschung und deutscher Kolonialarbeit: Nach dem Briefwechsel von Gerhard Rohlfs ist nie erschienen.

Das große Manko der Gerhard Rohlfs Zimmer war, dass es nur Bücher, Briefe (4.500) und Reisemitbringsel gab. Aber was interessierte mich das Tuch, das die Kaiserin von Abessinien ihm geschenkt hatte? Bilder von Afrika wie dieses von Eugène Giraud gab es da nicht. Der französische Maler, Karikaturist und Kupferstecher wurde heute vor 210 Jahren geboren. Er ist einer von vielen französischen Malern, die Algerien bereisen, wo für die Franzosen damals der Orient anfängt.

Girauds Afrika ist ein anderes Afrika als das von Gerhard Rohlfs, der zuerst als Apotheker und Wundarzt der Fremdenlegion nach Afrika kommt. Rohlfs (hier in Verkleidung) flieht aus der kleinbürgerlichen Stadt der Kapitäne und des Walfangs. Er sucht den Krieg (auf dem Schlachtfeld von Idstedt hatte man ihn zum Leutnant ernannt) und das Abenteuer, Giraud sucht die Schönheiten Algeriens. Oder Ägyptens, wie auf dem Bild im oberen Absatz: M. Eugène Giraud va chercher l'Orient en Espagne, aussi bien qu'en Algérie, et il le trouve partout, heißt es 1864 in einem französischen Journal. Und dann sind da auch noch die Schriftsteller unterwegs, wie zum Beispiel ➱Gustave Flaubert, der in Afrika die Vorarbeiten für seinen purpurnen Traum Salammbô macht.

Spätestens seit Napoleons Ägypten Abenteuer und Delacroix' Bildern, macht sich der Orientalismus überall breit. Verdi schreibt seine Aida, Flaubert Salammbô (ein Lokal auf St. Pauli hieß später auch so), Jean-Léon Gérôme und Ingres malen Harems. Das macht Giraud auch, man kann den Kritiker verstehen, der von les femmes lascives et languissantes d'un harem d'Eugène Giraud spricht. Doch so schlimm, wie die ➱Soft Porno Bilder von Jean-Léon Gérôme sind sie nicht, da irrt sich Gerard-Georges Lemaire in dem Buch Orientalismus: Das Bild des Morgenlandes in der Malerei (das man nur wegen der Bilder, nicht wegen des Textes empfehlen kann) gewaltig.

Wir haben in Deutschland nicht so viele Orientmaler. Weil wir auch noch keine Kolonien wie die Franzosen haben. Aber wir haben Gustav Bauernfeind, der schon in den Posts ➱Lawrence Alma Tadema, ➱Emily Ruete und ➱Horace Vernet erwähnt wird. Die letzten beiden Posts enthalten auch einiges zum Orientalismus, es wäre schön, wenn Sie die lesen würden. Den Gustav Bauernfeind hatte man nach seinem Tod schnell vergessen, hat ihn aber in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt. Seine Klagemauer, Jerusalem brachte bei Sotheby’s vor neun Jahren 4.500.000 Euro. Damit ist das Gemälde wahrscheinlich das teuerste aller Bilder des Orients.

Die Bilder von Giraud kommen in Paris gut an, er ist im Pariser Salon vertreten, auch wenn man ihn ein wenig kritisiert: Monsieur Eugène Giraud a des Femmes d’Alger qui rappellent singulièrement par la composition sinon par la couleur, le tableau du même titre de Monsieur Delacroix. En examinant de près cette toile, on s’aperçoit bien vite que Monsieur Eugène Giraud sait peindre en très habile praticien, et qu’il est passé maître dans l’exécution matérielle, dont il surmonte les difficultés comme en jouant. Pourquoi donc ce parti pris d’aspect papillotant et léger, cette peinture pailletée et tout ce clinquant de faux alois qui peuvent abuser sur la solidité de sa pâte et la sûreté de sa touche ?

Giraud geniesst auch das Wohlwollen des Königs Louis Philippe (und später das von Napoléon III), hier hat ihn ein jüngerer Bruder Charles mit seiner Familie in seinem Studio gemalt. Er ist kein armer Mann, eher ein kleiner Malerfürst. 1846 war mit Adolphe Desbarolles (dem Meister der Handlesekunst) nach Spanien gereist, traf dort Alexandre Dumas und seinen Sohn und begleitete sie nach Algerien. Als Dumas mit seinem Sohn nach Spanien zurückkehrte, ist Giraud allein nach Ägypten gereist. Dumas' Reisebuch ➱De Paris à Cadix: Impressions de voyage hat er später illustriert.

Er hat nicht nur Szenen aus Nordafrika gemalt, dieser Maskenball findet wahrscheinlich in Paris statt. Kostüme sind Girauds großes Forte, der Maler, der auch Karikaturist ist, hat einen Blick für Kostüme und die Mode (er wird auch die Bühnenbilder und Kostüme für Theaterstücke von Victor Hugo und Alexandre Dumas entwerfen). Wir können davon ausgehen, dass die Kleidung seiner Haremsdamen eher der Wirklichkeit entspricht als die auf den Bildern vieler seiner Kollegen.

Und das bringt mich zu diesem Bild, das L'orientale heißt. Man weiß nicht sehr viel darüber, man weiß nicht, wann es entstanden ist. Es ist sehr klein: postkartengroß. Und doch ist seine Wirkung größer als der zehn Meter lange Wal im Bremer Rathaus. Nun kann man Wale und Frauen schlecht vergleichen - obgleich Leslie Fiedler mal gesagt haben soll, dass der weiße Wal in Melvilles Moby-Dick die überzeugendste Frauenfigur des amerikanischen Romans sei. Wir könnten die junge Dame, die eine Zigarette raucht wie Carmen in der Oper, ➱la belle inconnue nennen, wenn dieser Name nicht schon vergeben wäre. Sie bleibt geheimnisvoll, aber es ist ein wirklich schönes Bild, über das man einen Roman schreiben könnte.

Es gibt im Netz eine ➱Magisterarbeit von Laetitia Levrat über Giraud, aber da erfahren wir leider auch nicht mehr über die orientalische Schönheit: L’Orientale (Cat.71) est une autre toile consacrée à la représentation féminine. Le décor est minime et toute l’attention se porte sur une femme en train de fumer assise sur un divan. Encore une fois, la date de l’œuvre nous est inconnue. Bien entendu, il est exagéré de qualifier cette peinture d’impressionniste. Mais l’artiste a essayé quelque chose dont il ne nous avait pas habitué par le passé. Néanmoins, jusqu’à la fin de sa vie Giraud fait partie des peintres que l’on nomme « académiques ». Peut-être s’est-il laissé séduire par certains aspects de la peinture de ses contemporains. N’oublions pas que l’un des traits principaux de son caractère est la curiosité et il ne parait pas étonnant qu’il tente de nouvelles expériences picturales.

Giraud hat Gustave Flaubert gemalt, aber sein ➱Bild ist lange nicht so gut wie diese wunderbare Karikatur aus dem Jahre 1866. Die beiden Herren kannten sich. Flaubert war ein ständiger Gast im Salon von Napoleons Nichte Mathilde Bonaparte, Giraud hatte ihr Zeichenunterricht erteilt. Und falls Sie
eine Lesehilfe brauchen, um Flaubert zu lesen, dann greifen Sie zu dem Engländer Julian Barnes. Sein Roman Flaubert's Parrot ist ein geniales Buch und die schönste Einführung in die Welt von Flaubert.


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