Sonntag, 7. November 2010
McCool
Das Bild habe ich mir gerade beim Dandy-Club geklaut, und bei der Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass der Dandy-Club eine neue Adresse hat. Jemand wie Steve McQueen, der heute vor dreißig Jahren starb und immer so cool war, gehört sicherlich irgendwie auch dorthin. Ganz bestimmt niemals in den Olymp der Dandies gehört ein Australier namens Kevin "Bloody" Wilson mit seinen kurzen Hosen. Aber dies They Beat Me sollte man sich unbedingt anhören, schreiend komisch.
Nicht dass Steve McQueen immer nur elegant wie in The Thomas Crown Affair und cool wie in The Getaway gewesen wäre, eigentlich ist er auch ganz schön prollig. Und dann dieses unausstehlich Macho Gehabe, Motorräder, Rennwagen und Frauen. Aber die Amerikaner lieben das, weil er die Verkörperung des American Dream ist, von ganz unten zum Filmstar. Und dann hat er auch noch diesen Titel The King of Cool. Er ist kein wirklich guter Schauspieler, wenn man ihn zum Beispiel mit Paul Newman vergleicht. Aber er passt in die Rollen, das ist es, was in Hollywood zählt. Er passt vorzüglich in die Rollen von Bullitt, The Thomas Crown Affair und The Getaway. Aber es gibt einen Film, da ist er wirklich gut. Und wie das immer so ist, von diesem Film redet niemand.
Der Film heißt Junior Bonner, und es ist ein Film von Sam Peckinpah über einen Rodeoreiter, der seine beste Zeit hinter sich hat. Der Film wird ein kommerzieller Flop. I made a film where nobody got shot and nobody went to see it, wird Sam Peckinpah sagen. Solche Filme ist man nicht von ihm gewöhnt, von Steve McQueen auch nicht. Kaum ist der Film abgedreht, werden Peckinpah und McQueen mit den Dreharbeiten von The Getaway beginnen, einem Film in dem bekanntlich viele Menschen erschossen werden. Das wird für den Regisseur und für den Schauspieler der größte Kassenerfolg sein. Das amerikanische Publikum liebt Filme, in denen harte Kerle, die so aussehen, als seien wie direkt aus dem Wilden Westen nach Hollywood gebeamt worden, mit Amerikas (durch einen obsoleten Zusatz der Verfassung) gebilligtes Lieblingsspielzeug ein Blutbad anrichten. Ein kleines stilles Werk der Filmkunst aus der Kategorie Spätwestern geht da schon leicht mal unter.
Steve McQueen hat diesen Film geliebt: I liked Junior Bonner very much. It was the first time I'd worked with Sam, and we got it together. I thought the script was tremendous---one of the best properties I've come across. But I think the film is a failure, at least financially, and in this business, that's what counts. Ja, so ist Amerika, und um Kommerz und Kapitalismus geht es eigentlich auch in Junior Bonner. Ich spare mir an dieser Stelle einmal die Inhaltsangabe, man kann sie vielleicht hier nachlesen, ich möchte einen anderen Gedanken verfolgen. Der viel zu früh verstorbene Filmkritiker Joe Hembus hat in seinem Western-Lexikon bei der Besprechung dieses Films auf einen Aufsatz des berühmten amerikanischen Literaturkritikers Leslie Fiedler hingewiesen. Der Aufsatz heißt Montana, or the End of Jean Jacques Rousseau, und Fiedler entwickelt darin eine kleine Theorie von drei Entwicklungsstufen der amerikanischen frontier.
Phase eins ist die ➱frontier, die wir kennen. Phase zwei wäre nach Fiedler: The Secondary Frontier moves from naiveté to an elementary consciousness of history and discrepancy; on the one hand it falsifies history, idealizing even the recent past into the image of the myth, while, on the other hand, it is driven to lay bare the failure of its founders to live up to the Rousseauistic idea. The West is reinvented. Und die nächste Phase sieht so aus, wie wir sie alle kennen: the Tertiary or pseudo-frontier, a past artistically contrived for commercial purposes, the Frontier as bread and butter.
Das greift Joe Hembus jetzt auf, wenn er über Junior Bonner sagt: Wie ähnliche Filme [...] porträtiert Peckinpahs Film die Tertiäre Grenze aus der Sicht eines Helden, der sich der Sekundären Grenze zugehörig fühlt und am liebsten in der Primären Grenze zu Hause wäre. Bonner führt eine Arbeitsleistung vor, die ihre ursprüngliche Funktion verloren hat, ins Artistische stilisiert wurde und als Jahrmarktsattraktion ausgebeutet wird; aber als der Mann, der die Leistung erbringen muß, fühlt Bonner sich nicht den Veranstaltern des kommerziellen Westens zugehörig, sondern versucht, sich den Stolz und die Integrität des Mannes an der Grenze, die eigentlich nicht mehr ist, zu bewahren. Der Film zeigt, wie die Basis dieser Selbstbehauptung immer dünner wird.
Besser kann man es nicht sagen. Manche Filmkritiker sind weiter gegangen und haben gesagt, dass Junior Bonner auch ein Film über Sam Peckinpah ist. Und ein Film über McQueen selbst. Denn so hätte er sich selbst gerne gesehen, mit dem Stolz und der Integrität des archaischen frontiersman in einer kommerzialisierten Gesellschaft. Er hat einmal gesagt: I'm out of the Midwest. It was a good place to come from. It gives you a sense of right orwrong and fairness, which I think is lacking in our society. Und daran hat er geglaubt. Und deshalb ist er Junior Bonner, going down his own road, wie es auf dem Kinoplakat steht.
Junior Bonner ist damals nicht der einzige Film, der in einer Kombination von road movie und Spätwestern ein Amerika der Tertiary Frontier zeigt, Cliff Robertsons J.W. Coop wäre eins von vielen Beispielen. Filmhistorisch sind diese Filme sicherlich Derivate von Lonely are the Brave (nach dem Roman Brave Cowboy von Edward Abbey), in dem Kirk Douglas einen der letzten Westernhelden spielt, der sich in der technisierten Umwelt nicht mehr zurechtfindet. So ähnlich wie Robert Redford in The Electric Horseman. Vielleicht hat diese Entwicklung auch schon ein Jahr vor Lonely are the Brave angefangen, als John Huston The Misfits (1961) gedreht hat.
Diese neue Gattung der ➱Spätwestern (hier ein langer Post dazu) ist sicherlich etwas Interessantes in der Geschichte Hollywood, sie tauchen ja immer wieder auf: John Sayles' Lone Star (1997), Stephen Frears' The Hi-Lo Country (1998), Tommy Lee Jones' The Three Burials of Melquiades Estrada (2005) oder Ang Lees Brokeback Mountain (2005). Der Westen und die frontier scheint für Hollywood ein nationales Trauma zu sein, das immer wieder in kleinen elegischen und nostalgischen Filmen abgearbeitet werden muss. Es sind nicht die schlechtesten Filme, die Hollywood produziert hat.
Junior Bonner ist als DVD immer noch lieferbar, und es lohnt sich immer noch, den Film anzuschauen. Nicht zuletzt wegen Steve McQueen. Man kann auch Schnipsel vom Film im Internet sehen. Ein Exemplar von Joe Hembus unübertroffenem Western-Lexikon (Hanser Verlag 1976) ist dagegen schwer zu bekommen, aber es ist nicht unmöglich.
Samstag, 6. November 2010
Stars and Stripes Forever
1959 war ich mit meiner Jugendgruppe in Frankreich, das Programm hieß Versöhnung über Gräbern. Wir haben in wochenlanger Arbeit einen verfallenen deutschen Soldatenfriedhof in Ailly-sur-Somme nördlich von Amiens wieder in einen ordentlichen Zustand versetzt.
Die englischen ➱Soldatengräber ein paar hundert Meter weiter waren in einem sehr gepflegten Zustand, grüner Rasen und all diese weißen Steine, die die Engländer ihren Soldaten überall auf der Welt spendieren. So wie Rupert Brooke das im Ersten Weltkrieg gedichtet hat: If I should die, think only this of me: That there's some corner of a foreign field That is for ever England. Vierhunderttausend Engländer sind hier an der Somme im Ersten Weltkrieg gestorben, auf deutscher Seite waren es ebenso viele.
Damals war ich zum ersten Mal in ➱Frankreich, viele aus unserer Gruppe waren zum ersten Mal im Ausland. Wir alle waren noch im Krieg geboren, jetzt konnten wir noch einmal das Ergebnis sehen. Dass ich fünf Jahre später mit meiner Brigade auf dem französischen Truppenübungsplatz ➱La Courtine im massif central sein würde, wusste ich damals noch nicht. Da war ich dann der dritte der Familie, der in Uniform in Frankreich war, Opa im Ersten Weltkrieg, mein Vater im Zweiten und nun ich. Aber in dem wunderschönen Spätsommer 1964 war kein Krieg, Deutschland und Frankreich waren jetzt glücklicherweise keine Erbfeinde mehr. Und vielleicht haben wir damals im Sommer 1959 in Ailly-sur-Somme (wie zehntausende anderer deutscher Jugendlicher in Frankreich, die in dem Programm des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge mitgearbeitet hatten) dazu beigetragen.
Der Sommer 1959 war ein schöner heißer Sommer in Frankreich, die verrosteten Stahlhelme auf den Gräbern waren so heiß, dass man sich die Finger daran verbrennen konnte. Wir arbeiteten vormittags und hatten nachmittags frei. Konnten in der Somme schwimmen oder mit dem Bus nach Amiens fahren. Im Ort liebten sie uns, der ganze Ort war kommunistisch. Die arbeiteten alle in der Jutefabrik der Nachkommen von James Drummond Carmichael, deren Villa oben auf dem Berg vor sich hin gammelte. Wir waren die ersten Deutschen nach dem Krieg hier. Touristen gab es noch nicht. Die hatten im Ort auch nichts gegen die Deutschen, mit denen hatten sie sich im Krieg irgendwie arrangiert. Die hassten die Amerikaner. Weil sie bei der Invasion alles sinnlos bombardiert und kaputtgemacht hatten. Dass Amiens im Zweiten Weltkrieg zu sechzig Prozent zerstört wurde, das sind die Deutschen nun mal ausnahmsweise nicht gewesen. An den Wänden von vielen Ruinen stand noch Ami Go Home! zu lesen, ich habe das photographiert. Jedes Jahr wurde in der Nacht vor der Feier zum Ende des Zweiten Weltkriegs die amerikanische Flagge aus der Kathedrale von Amiens geklaut.
In der Mittagshitze auf den Straßen von Amiens, wo ältere Männer auf Stühlen vor den Häusern saßen und aus Kofferradios die Übertragung der Tour de France hörten und so taten, als käme das Peloton jeden Moment um die Ecke gescheeßt, da hörte ich jemanden einen zündende, einprägsame Melodie pfeifen. Jeder pfiff die damals auf den Straßen. Bald konnten wir sie auch pfeifen. Ich hielt es für etwas typisch Französisches. Die Melodie ging ➱so. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich herausfand, dass dies nichts typisch Französisches war, sondern John Philip Sousas Marsch Stars und Stripes Forever. Da hatten die Franzosen in der Picardie bei allem Hass auf die Amerikaner vierzehn Jahre nach Kriegsende doch noch etwas von ihnen behalten. Das ist irgendwie schon sehr komisch.
Der amerikanische Militärmusiker und Komponist John Philip Sousa, der Stars and Stripes forever (und hunderte anderer Märsche) geschrieben und dirigiert hat (aber auch Operetten schrieb), wurde heute vor 156 Jahren geboren. Auch das etwas seltsam aussehende Sousaphon ist nach ihm benannt. Sousas Vater war Militärmusiker, da bleibt das Ganze in der Familie. Stars and Stripes forever ist heute - zusammen mit America the Beautiful - so etwas wie eine zweite Nationalhymne. Es gibt unzählige Plattenaufnahmen davon. Wenn man bei You Tube danach schaut, kann man es von Lennie Bernstein dirigiert sehen oder sich die Version mit Sam the Eagle und den Muppets anschauen. Und dann gibt es noch diese seltsame Version.
Zwanzig Jahre nach Sousa wird ein anderer amerikanischer Komponist geboren, der auch Sohn eines Militärmusikers ist und der auch eine Vielzahl von Marschmelodien verwenden wird. Hören Sie doch einmal in den ➱Circus Band March hinein. Seltsame Musik. Der junge Sousa wäre ja am liebsten zu einer Circus Band ausgebüxt (obgleich die bestimmt nicht solche Musik gespielt haben), da hat ihn sein Vater beim United States Marine Corps angemeldet. Der Vater von Charles Ives lässt seinem Sohn freie Hand, und so studiert der in Yale Musik. Und erfindet die moderne Musik für Amerika. Er wird aber sicherheitshalber Direktor einer Versicherungsgesellschaft. Wahrscheinlich weil er weiß, dass mit seiner Art Musik kein Geld zu verdienen ist.
Ives flicht in seine Kompositionen immer wieder Kirchenlieder ein, Melodien von ➱Stephen Foster. Und immer wieder Marschmusik. Ähnliches wird auch der amerikanische Komponist Aaron Copland machen, aber dessen Musik ist nicht so kompliziert wie die von Charles Ives. Und eins muss man natürlich klar sagen, eine Melodie von Charles Ives kann der berühmte Mann auf der Strasse nicht pfeifen. So wie der Franzose in Amiens 1959. Auch Sousa hatte mit der Musik seines Kollegen wohl leichte Schwierigkeiten. Als der ihm 1923 seine 114 Songs geschickt hatte, bedankte sich Sousa mit den Worten Some of the songs are most startling to a man educated by the harmonic methods of our forefathers.
Es gibt eine Anekdote, wonach der junge Charles Ives zwei marching bands beobachtete, die aufeinander zu marschierten und deren Musik sich irgendwann zu überlagern begann. Wenn man so will, besteht Ives's Musik aus sich überlagernden Clustern von Melodien. Es hat lange gedauert, bis die Öffentlichkeit ihn als den musikalischen Revolutionär Amerikas akzeptiert hat. Die Aufführung mancher seiner Werke hat er nicht mehr erlebt. Während man vor Jahrzehnten Schwierigkeiten hatte, eine Aufnahme seiner Werke zu finden und dankbar war, dass Columbia in der Reihe Masterworks Portrait herausgebracht hatte, kann man heute sein Werk leicht erreichen. Man muss sich dafür Zeit nehmen, denn - wie schon gesagt - es ist nichts zum Mitpfeifen. Aber je länger man es hört, desto mehr beginnt man, diese ruhige, kontemplative Musik zu verstehen.
Den Franzosen, die im Sommer 1959 so fröhlich auf den Straßen Stars and Stripes Forever pfiffen, war wahrscheinlich nicht klar, dass diese Musik ein Relikt des amerikanischen Bürgerkriegs war. Denn als der beginnt, hat der spätere American March King Sousa schon seit Jahren Musikunterricht. Und seine Heimatstadt Washington, in der hunderttausende von Soldaten zusammengezogen sind, beherbergt jetzt auch hunderte von marching bands, die mit klingendem Spiel durch die Straßen marschieren. Vom Anfang bis zum bitteren Ende des Krieges werden beide Seiten von Musik begleitet. I don't believe, hat Robert E. Lee gesagt we can have an army without music. Als Ken Burns der amerikanischen Öffentlichkeit seine Produktion The Civil War präsentierte, schaffte es der Soundtrack mit den Liedern und Melodien des Bürgerkriegs in die Charts. Der Krieg ist der Vater aller Dinge.
Killing's easy with a weapon in your hand
Killing's easy and they say that war is grand
With their music and their drums
They don't see the slaughter of the guns
Killing's easy and they say that war is grand
Freitag, 5. November 2010
Flieger, grüß mir die Sonne
John Alcock wurde heute vor 118 Jahren geboren. Sagt Ihnen nichts? Mir schon. Weil man ihn ihn Bremen sehen kann, auf diesen zehn sich drehenden Tafeln aus dem Jahre 1934 von Bernhard Hoetger am Haus des Glockenspiels.
Stand ich als kleiner Pöks immer bewundernd davor. Die Helden zur See wie Columbus und Leif Eriksson, die den Atlantik überquert hatten. Und natürlich Dietrich Pining und Hans Pothorst, die noch vor Kolumbus da waren. Die beiden sind nur nicht so bekannt geworden. Und dann die Helden zur Luft, wie John Alcock. John Alcock hatte mit Arthur Whitten Brown den ersten Nonstop Flug über den Atlantik von Neufundland nach Irland geschafft. Sind bei der Landung im Moor versackt, weil die grüne Fläche nach Golfplatzrasen aussah. War aber Moor. Vor fünf Jahren hat der amerikanische Millionär Steve Fossett den Flug wiederholt, der hat es geschafft, auf dem Golfplatz von Connemara zu landen.
Eine Woche nach der Landung der beiden Briten hat der englische König sie zu Rittern geschlagen. Der dritte Name (Scott) auf der Tafel bezieht sich auf den Air Force Major George Herbert Scott, der vier Wochen nach Alcock und Brown den Atlantik mit dem Luftschiff R34 überquert. Eigentlich wartete man ja bei diesem technischen Wunderwerk in der Bremer Böttcherstraße nur darauf, dass die Tafel mit unseren Helden kam. Denn vor dem Grafen Zeppelin und dem Bild von Erde, Mond, Sternen und dem Weltall, da kamen sie, die jeder Bremer kannte: Köhl, von Hünefeld und Fitzmaurice.
Und ihr Flugzeug, eine Junkers W 33, hieß Bremen, und es war die erste Atlantiküberquerung von Ost nach West. Ich habe das so hingenommen und mich niemals weiter damit beschäftigt. Ich habe einen Versuch gemacht, das Buch Hünefelds Ein Leben der Tat zu lesen, das bei uns zu Hause herumlag, das war aber sprachlich unerträglich. Damals erschien es mir so. Ist es wahrscheinlich heute noch, der Mann, der in seiner Berliner Zeit den Beinamen der tolle Baron hatte, ist in allem ein wenig exaltiert. Heute würde man ihn vielleicht eher den durchgeknallten Baron nennen. Die Presse vermutet auch, dass das Abenteuer mit dem Atlantikflug ein versuchter Freitod des schwerkranken Freiherrn ist. Als kaisertreuer Adliger steht er auch noch zwischen allen politischen Lagern. Auf einer kommunistischen Karikatur aus Bremen aus dem Jahre 1928 wird er auf den Armen von zwei schrecklichen Gesellen getragen, die Stahlhelm und Reichsbanner SPD heißen. Die Nazis hätten den Helden, der keinen Flugschein hatte und überhaupt nicht fliegen konnte, wohl gerne als Helden für ihre Propaganda gehabt. Aber da seine Mutter aus einer jüdischen Familie kam, haben sie ihn nicht weiter umworben.
Ich habe auch den Verdacht, dass der Freiherr von Hünefeld (hier bei der Ankunft in Bremerhaven rechts auf dem Photo, Hauptmann Köhl ist links, der irische Major Fitzmaurice in der Mitte), kein wirklicher Luftfahrtpionier ist, sondern dass dem dichtenden Dandy der Flug nur eine grandiose Möglichkeit zur Selbstinszenierung bietet.
Und dann muss er auch noch die Schmach ertragen, dass sich das Deutsche Museum unter seinem ersten Direktor Oskar von Miller nicht für das Angebot einer Schenkung der Bremen interessiert (Miller hatte sich ja auch standhaft gegen die Aufstellung der Bismarck Statue gewehrt). Hünefeld annonciert das Flugzeug im Deutschen Adelsblatt und schenkt es dann nach Dearborn in Amerika. Da im Henry Ford Museum ist es noch heute. Falls Sie es in letzter Zeit einmal in Bremen gesehen haben sollten: da ist es nur zur Überholung und Restauration. Aber es gehört dem Henry Ford Museum. Heute würde sich das Deutsche Museum in München wahrscheinlich die Finger danach lecken.
Bis auf die Kenntnis der Namen unserer Bremer Helden hatte ich mit der Fliegerei nichts im Sinn, ich wollte niemals Pilot werden. Ich habe zwar Papiermodelle von Flugzeugen gebastelt, als ich klein war, das waren die damals beliebten Wilhelmshavener Modellbaubögen, aber weiter reichten meine aviatorischen Interessen nicht. Ich war einmal mit meinem Vater (und ganz Bremen) bei einer Flugschau auf dem Neuenlander Feld. Es war furchtbar laut, und die nächste Eisbude war an diesem heißen Junitag des Jahres 1957 ganz weit weg. Glücklicherweise gab es kein Unglück wie im Juni des Jahres 1912. Ich hatte nach dem Spektakel am Sonntag drei Tage lang einen steifen Hals.
Vielleicht ist mein Desinteresse an der Fliegerei auch nur ein Verdrängen einer geheimnisvollen Episode der Familiengeschichte. Die von dem geheimnisumwitterten Onkel (oder Großonkel) Karl, der ungeheuer reich gewesen sein soll und 1923 bei einem Flugzeugabsturz umkam. Ich hätte besser zuhören sollen, als mir meine Großeltern die Geschichte erzählen, jetzt kann ich niemanden mehr fragen. Ich habe ein Photo von ihm, ein intelligentes Gesicht (viel sympathischer als die Photos von dem Hünefeld, der immer wie die Karikatur eines preußischen Adligen aussieht), eine großbürgerliche Pose mit einem Buch in der Hand, einer Zigarre in der anderen. Ich habe sein Grab gefunden, vor Jahrzehnten an einem schönen Spätsommertag. Ein Friedhofswärter mit einer blauen Drillichjacke sagte mir, indem er eine raumgreifende Bewegung mit seinem linken Arm machte: Das alles hier, das hat ihm einmal gehört. Er hat meinen Großeltern zur Geburt ihrer Tochter ein Klavier und eine ganze Wohnzimmerausstattung geschenkt, was sicherlich ein schönes Geburtstagsgeschenk für meine Mutter war. Auch wenn Babies noch nicht so viel damit anfangen können. Aber er bleibt geheimnisvoll wie das Bild Franz Radziwills mit dem ➱Todessturz Albert Buchstätters.
Normalerweise gucken sich Bremer die Helden der Transatlantiküberquerung gar nicht an. Nur wenn sie Kinder haben, die ganz überrascht sind, dass es außer Super Mario noch andere bewegte Bilder gibt. Und wenn sie Gäste haben, denen sie Bremen zeigen müssen. Dann gehen Bremer an all die Stellen, die sie sonst meiden wie die Pest: in den Ratskeller, in den Bleikeller des Doms, in den Schnoor und in die Böttcherstrasse. Und hoffen, dass die drehbaren Helden der Atlantiküberquerung nicht gerade kaputt sind. Damit sie sagen können, wenn die Tafel mit Köhl, Fitzmaurice und von Hünefeldt kommt: Das sind unsere Helden!
Donnerstag, 4. November 2010
Heldensagen
Heute vor 160 Jahren ist Gustav Schwab gestorben. Er ist ein deutscher Dichter gewesen, an dessen Dichtkunst sich wohl kaum jemand erinnert. Er selbst hat sein dichterisches Werk auch in den wenigen Wochen vor seinem Tod geschrieben Zeilen nicht sehr hoch eingeschätzt:
Du fragst, von welcher Dichtersort’ ich sei?
Ich bin, wie Viele, halt ein morscher Knochen,
Vom Alter in das Mittelreich gesprochen;
Die Gegenwart ist längst für mich vorbei,
Und die Vergangenheit nicht angebrochen!
Er hat viele Balladen geschrieben, was damals eine beliebte Gedichtform war, wenn wir an Theodor Fontane denken. Aber an den reicht er natürlich nicht heran. Schwab hatte sich sicher seinen schwäbischen Landsmann Ludwig Uhland als Vorbild genommen, was Friedrich Theodor Vischer (der den wunderbaren Roman Auch einer geschrieben hat) zu dem bösartigen Satz veranlasste: Schwab hab ich auch bei Uhland kennen gelernt, der schwätzt natürlich dem Herrn und Meister als getreuer, süßer, fetter Geselle nach. Und der Literaturwissenschaftler Gerhard Storz, der einmal Kultusminister von Baden-Würtemberg war, konstatierte nur nüchtern: Kirchenstiftungen alter Grafen, Narrheiten schwäbischer Schildbürger, aber auch sensationelle Tagesnachrichten, ob vom griechischen Schauplatz oder vom Blitzestod in einer Bauernstube oder im Turmverlies zu Biberach - das alles geht in endlose Kolonnen gereimter Vierzeiler ein, wird zu versifizierten Erzählungen.
Endlose Kolonnen gereimter Vierzeiler, die der getreue, süße Geselle von Uhland nachschwätzt, das alles klingt nicht sehr nett. Heinrich Heine hatte immerhin anerkannt, dass der Pastor Schwab vielleicht der bedeutendste schwäbische Schriftsteller sei, aber seine Würdigung ist nicht so recht überzeugend: Er ist ein Hering in Vergleichung mit den anderen, die nur Sardellen sind; versteht sich, Sardellen ohne Salz. Er hat einige schöne Lieder gedichtet, auch etwelche hübsche Balladen; freilich, mit einem Schiller, mit einem großen Walfisch, muß man ihn nicht vergleichen. Sardellen, Heringe, Walfische, jetzt wissen wir Bescheid.
Und dennoch hat dieser Mann einen ungeheuren Einfluss auf die Kultur des deutschen Bürgertums gehabt. Weil er Die schönsten Sagen des klassischen Altertums herausgegeben hat. Die kann man 170 Jahre später immer noch kaufen. Natürlich sind Schwabs Geschichten aus der Götter und Heldenheld nicht the real thing, sie sind sorgfältig nach dem Biedermeier Zeitgeschmack bearbeitet. Wie der Herausgeber im Vorwort festhält, dass zwar alles nach den Originaltexten sei, aber daß alles Anstößige entfernt bleibe. Denn es ist uns klar, dass es im Liebesleben der griechischen Götter nicht so zugeht wie in einem schwäbischen Pastorenhaushalt. Schwab folgt hier dem Engländer Thomas Bowdler (dem die englische Sprache das schöne Verb to bowdlerize verdankt), der schon Shakespeares Werk von allem Schweinkram gereinigt hatte (das, was man in dem Klassiker Shakespeare's Bawdy von Eric Partridge lesen kann). Man findet dieses Ziel, die Weltliteratur so zu reinigen, dass sie von 15-jährigen Backfischen ohne Erröten gelesen werden kann, häufig in dieser Zeit. Und auch später noch.
Als ich klein war, habe ich natürlich Gustav Schwab gelesen. Wie Generationen von Deutschen seit 1840. Seit Winckelmann (der ja nie in Griechenland war) diese Botschaft gepredigt hat, dass eine bürgerliche Bildung ohne die Griechen unmöglich ist, haben wir Deutsche diesen Griechenlandtick. Also den, bevor Alexis Sorbas, der Ouzo und der Grieche um die Ecke zu uns kamen. Und die spezielle Art der griechischen Staatshaushaltsführung uns ein wenig von der Ilias und der Akropolis ablenkte. Da wünscht man sich schon, dass sie mal zu Hause aufräumen, so wie Odysseus auf dem Bild da oben. Und es muss Griechenland mit der edlen Einfalt und der stillen Größe sein, nicht etwa Rom. Da hat schon Lessing in seinem Laokoon Vorbehalte gegenüber Vergil, und Herder wendet sich in Auch eine Philosophie der Geschichte der Menschheit völlig gegen die römische Kultur. Und das ohne Berlusconi und die Mafia zu kennen.
Wir sind in Deutschland in dieser Zeit nicht die einzigen, die jetzt Nachhilfe zur griechischen Mythologie bekommen. Die Amerikaner haben Thomas Bulfinch mit seinem Age of Fable, ein Buch, das bis heute ein kleiner Klassiker ist. Und das vorweg bekannte: Our work is not for the learned, nor for the theologian, nor for the philosopher, but for the reader of English literature, of either sex, who wishes to comprehend the allusions so frequently made by public speakers, lecturers, essayists, and poets, and those which occur in polite conversation. In der Welt der Klassik zu hause sein, das möchte man in der Welt dessen, die man im Englischen so schön als genteel bezeichnet. Aber bei Bulfinch soll es nicht nur Belehrung sein, das Buch, das unter der Widmung an Longfellow die Zeile This Attempt To Popularize Mythology, And Extend The Enjoyment Of Elegant Literature trägt, soll auch ein Vergnügen sein: an attempt to solve this problem, by telling the stories of mythology in such a manner as to make them a source of amusement. We have endeavored to tell them correctly, according to the ancient authorities, so that when the reader finds them referred to he may not be at a loss to recognize the reference. Thus we hope to teach mythology not as a study, but as a relaxation from study; to give our work the charm of a story-book, yet by means of it to impart a knowledge of an important branch of education. The index at the end will adapt it to the purposes of a reference, and make it a Classical Dictionary for the parlor. Das Buch, das natürlich expurgated of all that would be offensive ist, ist heute noch lieferbar und wird noch an amerikanischen Schulen verwendet. Und warum auch nicht.
Natürlich gibt es zur gleichen Zeit auch Bücher, die wissenschaftlichen Anforderungen genügen. Die sind allerdings nicht so leicht zu lesen wie Bulfinch. Und das Element des telling the stories of mythology in such a manner as to make them a source of amusement fehlt da völlig. Ich meine damit Sir William Smiths Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology. Ein Monsterwerk von beinahe viertausend Seiten. Es hat davon im 19. Jahrhundert noch eine gekürzte Ausgabe (immerhin noch 688 Seiten) gegeben. Und dankenswerterweise hat Sir James George Frazer sein 12-bändiges Werk The Golden Bough: A Study in Magic and Religion auf 756 Seiten kondensiert. Weshalb Sir Paul Harvey das Werk von Smith in seinem Oxford Companion to Classical Literature 1937 nicht erwähnt (Frazer erwähnt er natürlich), wird mir immer unerfindlich bleiben.
Das Verlangen, uns die griechische Götterwelt nahezubringen, scheint kein Ende zu finden. Und damit meine ich nicht Hans Joachim Schädlichs charmante Nacherzählung des Äsop Roman in Gib ihm Sprache (Rowohlt 1999), sondern Größeres, sprachlich Zeitgemäßeres als Schwab und Bulfinch. Also zum Beispiel Robert (Ranke) Graves The Greek Myths (1955 bei Penguin). Und natürlich Karl Kerényis Die Mythologie der Griechen, die der Autor eine Mythologie für Erwachsene nannte. Nicht dieser kiddie stuff wie Gustav Schwab. Kerényi zitiert im Vorwort als ein Beispiel für das, was er vorhat den Engländer Sir George Gray, den die Krone nach Neuseeland geschickt hat. Er kann die Einwohner nicht verstehen, und er merkt auch, dass seine Übersetzer ständig Fehler machen:
To my surprise, however, I found that these chiefs, either in their speeches to me or in their letters, frequently quoted, in explanation of their views and intentions, fragments of ancient poems or proverbs, or made allusions which rested on an ancient system of mythology; and, although it was clear that the most important parts of their communications were embodied in these figurative forms, the interpreters were quite at fault, they could then rarely (if ever) translate the poems or explain the allusions, and there was no publication in existence which threw any light upon these subjects, or which gave the meaning of the great mass of the words which the natives upon such occasions made use of; so that I was compelled to content myself with a short general statement of what some other native believed that the writer of the letter intended to convey as his meaning by the fragment of the poem he had quoted or by the allusions he had made. I should add that even the great majority of the young Christian natives were quite as much at fault on these subjects as were the European interpreters.
Clearly, however, I could not, as Governor of the country, permit so close a veil to remain drawn between myself and the aged and influential chiefs whom it was my duty to attach to British interests and to the British race, whose regard and confidence, as also that of their tribes, it was my desire to secure, and with whom it was necessary that I should hold the most unrestricted intercourse. Only one thing could under such circumstances be done, and that was to acquaint myself with the ancient language of the country, to collect its traditional poems and legends, to Induce their priests to impart to me their mythology, and to study their proverbs. For more than eight years I devoted a great part of my available time to these pursuits. indeed, I worked at this duty in my spare moments in every part of the country I traversed and during my many voyages from portion to portion of the islands. I was also always accompanied by natives, and still at every possible interval pursued my inquiries into these subjects. Once, when I had with great pains amassed a large mass of materials to aid me in my studies, the Government House was destroyed by fire, and with it were burnt the materials I had so collected, and thus I was left to commence again my difficult and wearying task.
Und unser synthetisches Griechenland, das die gebildeten Stände weitergeben, ist ja nichts anderes als fragments of ancient poems or proverbs, or... allusions which rested on an ancient system of mythology. Der englische Soldat und Staatsmann wird so zu einem Wissenschaftler, der die Polynesian Mythology and Ancient Traditional History of the New Zealand Race schreibt (was der Wikipedia Artikel völlig unerwähnt lässt!). Weil er einer der ganz wenigen Kolonialherren ist, der seine Untertanen verstehen will. Er lässt sie erzählen und hört ihnen zu. Und schreibt dann alles auf. Und so stellt sich Kerényi auch eine Situation vor, in der er die Sprache und die Mythen erlernt, um die Griechen zu verstehen. Seine Mythologie für Erwachsene ist wieder einmal (wie die von Robert Graves) eine Erzählung, aber es ist jetzt eine wissenschaftlich fundierte Erzählung mit Fußnotenapparat.
Durch das Erzählen bleibt die Welt lebendig, und deshalb erzählen, erklären und übersetzen uns deutsche Klassische Philologen von Ulrich von Millamovitz-Moellendorff über Wolfgang Schadewaldt bis Manfred Fuhrmann Heroisches und Alltägliches aus dem Olymp noch einmal. Weil es auch Teil unserer Kultur ist, das hat unserer Bundespräsident vielleicht noch nicht gemerkt. Ich habe mit den drei Herren berühmte deutsche Philologen genannt, aber wir sollten nicht glauben, dass nur wir die Deutungshoheit in der Klassischen Philologie seit dem Pfarrer Schwab haben. Da muss ich noch einmal auf die Engländer kommen. Denn das Buch von Sir William Smith ist da keine Ausnahmeerscheinung. Die haben durch ihre Public Schools und ihre alten Universitäten eine ganz andere Tradition in der Bewahrung der sogenannten toten Sprachen.
Wir wissen, wofür Französischkenntnisse gut sind. Um garçon, une bouteille de champagne! zu rufen, falls wir mal mit Carla Bruni ausgehen sollten. Und um schmutzige Dinge zu verstehen, die ein französischer Fußballspieler seinem Trainer sagt. Aber was sollen wir mit toten Sprachen? Warum habe ich Latein gelernt? Also, es hat mir bis heute nicht geschadet, eher im Gegenteil. Und für das sogenannte Große Latinum (nicht dieses billige KMK Latinum von 1979) bin ich bis heute dankbar, auch wenn ich meinen letzten Lateinlehrer gehasst habe - aber das hatte andere Gründe. Natürlich kommt man durchs Leben, ohne Latein oder Griechisch zu können, außer wenn man Papst werden will. Und natürlich kann man eine klassische Bildung vortäuschen, in dem man aus Büchmanns Geflügelten Worten die lateinischen Sentenzen auswendig lernt und von Zeit zu Zeit in die Unterhaltung einflicht. Dieses Verfahren, das in Stephen Potters ironischem und satirischem Buch über die One- Upmanship schon beschrieben wurde, reicht ja heute schon aus, um ihm Fernsehen vorzugaukeln, man sei Philosoph. Lernen Sie zwanzig Namen von Philosophen von Aristoteles bis Foucault oder Luhmann auswendig und fügen Sie diese Namen in jeden dritten oder vierten Satz ein! Alle werden Sie für einen Philosophen halten. Thea Dorn hat damit Erfolg.
Mittwoch, 3. November 2010
William Cullen Bryant
June 14.—The Funeral.—And so the good, stainless, noble old citizen and poet lies in the closed coffin there—and this is his funeral. A solemn, impressive, simple scene, to spirit and senses. The remarkable gathering of gray heads, celebrities—the finely render’d anthem, and other music—the church, dim even now at approaching noon, in its light from the mellowstain’d windows—the pronounc’d eulogy on the bard who loved Nature so fondly, and sung so well her shows and seasons—ending with these appropriate well-known lines:
I gazed upon the glorious sky,
And the green mountains round,
And thought that when I came to lie
At rest within the ground,
’Twere pleasant that in flowery June,
When brooks send up a joyous tune,
And groves a cheerful sound,
The sexton’s hand, my grave to make,
The rich green mountain turf should break
Hier schreibt Amerikas bedeutendster Dichter über seinen Dichterkollegen William Cullen Bryant. appropriate nennt Whitman die Auswahl des Gedichts June für die Feier. Es ist eher eine Ironie des Schicksals, dass der Dichter, der den Sommermonat in seinem Gedicht mit dem Tod verknüpft hatte, nun seinen Tod auch im Juni findet. Den hunderttausend New Yorkern, die zu Bryants Beerdigung kommen, ist es vielleicht gar nicht mehr bewusst, dass sie heute einen Mann zu Grabe tragen, der ein halbes Jahrhundert zuvor der berühmteste Dichter Amerikas war. Jetzt ist er nur noch als der vielleicht berühmteste Journalist Amerikas bekannt, der Mann, der Lincoln zur Kandidatur verholfen hat.
Aber ein halbes Jahrhundert zurück, als Walt Whitman noch ein Kind war, da war Bryant einer derjenigen, der die amerikanische Literatur begründet hat. Mit Washington Irving, James Fenimore Cooper, Ralph Waldo Emerson und dann später Henry David Thoreau, Whitman, Melville und Poe. American Renaissance hat F.O. Matthiessen diese Zeit genannt. Ein erstaunliches Phänomen, eine eigene Nationalliteratur in einem Vierteljahrhundert! Matthiessens Buch von 1941 ist ein Meilenstein der Literatur- und Kulturgeschichte, aber die Amerikaner haben es dem Harvard Professor nicht gedankt. Verfolgt von den Kommunistenjägern des Kalten Krieges, hat er 1950 Selbstmord begangen. Es ist ein erstaunlicher Weg, den Amerika von den Gründervätern Washington, Franklin, Jefferson und Adams bis zu Joseph McCarthy genommen hat. Vielleicht hatte Ezra Pound, der in seinen italienischen Radioreden immer wieder auf die Geburtsstunde der amerikanischen Demokratie aus dem Geist der Aufklärung erinnerte, doch nicht so Unrecht.
Aus dem Naturdichter, der mit 17 Jahren (oder 18, man weiß es nicht so genau) Thanatopsis schrieb, der Amerikas Antwort auf William Wordsworth war, ist ein Journalist und ein politischer Schriftsteller geworden, obgleich ihn die Liebe zur Natur nie verlassen hat. Noch im Alter hat er das reich illustrierte zweibändige Picturesque America herausgegeben. Wenn auch 1874 die romantische Vision vom American Paradise längst von der Industrialisierung eingeholt worden war. Wahrscheinlich verkaufte sich das Buch deshalb so gut. Die ersten Eisenbahnen konnte man ja noch idyllisch in die Natur integrieren, so wie hier auf dem Gemälde von George Innes 1855. Bryant ist einer der Miterfinder des Naturkults der amerikanischen Romantik. Die in ihrem Wesen verschieden ist von unserer Romantik, weil alle Naturschwärmerei in Wort und Bild eine amerikanische Natur meint. Die romantische Naturdarstellung wird zur Definition einer nationalen Kultur, God's Own Country, American Paradise. Der Garten Eden mit dem American Adam darin. Und vielleicht ein paar Indianern.
Die ganz kleine Figur in der übermächtigen, erhabenen Natur des Kaaterskill Falls (genau da, wo sich die Bilddiagonalen kreuzen) das ist der Indianer. Bryants Freund Thomas Cole hat ihn hier hinein gemalt, sonst ist er eher selten. Aber in der jetzt beginnenden Nationalliteratur da findet er sich schon (vorher schon einmal bei Freneau, als der noble savage gerade Mode war), was wäre Cooper ohne ihn? Und Indianer (oder Indianerinnen) tauchen immer wieder bei Bryant auf. Auch in dem Gedicht The Prairies. Es ist ein wenig lang, aber damals hatte man noch Zeit zum Lesen. Wenn man sich Zeit zum Lesen nimmt, und man darf es ruhig laut lesen, dann gewinnt es immer mehr. Und der emphatische Beginn rollt dahin, wie die Wellen, in airy undulations.
The unshorn fields, boundless and beautiful,
For which the speech of England has no name--
The Prairies. I behold them for the first,
And my heart swells, while the dilated sight
Takes in the encircling vastness. Lo! they stretch
In airy undulations, far away,
As if the ocean, in his gentlest swell,
Stood still, with all his rounded billows fixed,
And motionless for ever.--Motionless?--
No--they are all unchained again. The clouds
Sweep over with their shadows, and, beneath,
The surface rolls and fluctuates to the eye;
Dark hollows seem to glide along and chase
The sunny ridges. Breezes of the South!
Who toss the golden and the flame-like flowers,
And pass the prairie-hawk that, poised on high,
Flaps his broad wings, yet moves not--ye have played
Among the palms of Mexico and vines
Of Texas, and have crisped the limpid brooks
That from the fountains of Sonora glide
Into the calm Pacific--have ye fanned
A nobler or a lovelier scene than this?
Man hath no part in all this glorious work:
The hand that built the firmament hath heaved
And smoothed these verdant swells, and sown their slopes
With herbage, planted them with island groves,
And hedged them round with forests. Fitting floor
For this magnificent temple of the sky--
With flowers whose glory and whose multitude
Rival the constellations! The great heavens
Seem to stoop down upon the scene in love,--
A nearer vault, and of a tenderer blue,
Than that which bends above the eastern hills.
As o'er the verdant waste I guide my steed,
Among the high rank grass that sweeps his sides
The hollow beating of his footstep seems
A sacrilegious sound. I think of those
Upon whose rest he tramples. Are they here--
The dead of other days?--and did the dust
Of these fair solitudes once stir with life
And burn with passion? Let the mighty mounds
That overlook the rivers, or that rise
In the dim forest crowded with old oaks,
Answer. A race, that long has passed away,
Built them;--a disciplined and populous race
Heaped, with long toil, the earth, while yet the Greek
Was hewing the Pentelicus to forms
Of symmetry, and rearing on its rock
The glittering Parthenon. These ample fields
Nourished their harvests, here their herds were fed,
When haply by their stalls the bison lowed,
And bowed his maned shoulder to the yoke.
All day this desert murmured with their toils,
Till twilight blushed, and lovers walked, and wooed
In a forgotten language, and old tunes,
From instruments of unremembered form,
Gave the soft winds a voice. The red man came--
The roaming hunter tribes, warlike and fierce,
And the mound-builders vanished from the earth.
The solitude of centuries untold
Has settled where they dwelt. The prairie-wolf
Hunts in their meadows, and his fresh-dug den
Yawns by my path. The gopher mines the ground
Where stood their swarming cities. All is gone--
All--save the piles of earth that hold their bones--
The platforms where they worshipped unknown gods--
The barriers which they builded from the soil
To keep the foe at bay--till o'er the walls
The wild beleaguerers broke, and, one by one,
The strongholds of the plain were forced, and heaped
With corpses. The brown vultures of the wood
Flocked to those vast uncovered sepulchres,
And sat, unscared and silent, at their feast.
Haply some solitary fugitive,
Lurking in marsh and forest, till the sense
Of desolation and of fear became
Bitterer than death, yielded himself to die.
Man's better nature triumphed then. Kind words
Welcomed and soothed him; the rude conquerors
Seated the captive with their chiefs; he chose
A bride among their maidens, and at length
Seemed to forget,--yet ne'er forgot,--the wife
Of his first love, and her sweet little ones,
Butchered, amid their shrieks, with all his race.
Thus change the forms of being. Thus arise
Races of living things, glorious in strength,
And perish, as the quickening breath of God
Fills them, or is withdrawn. The red man, too,
Has left the blooming wilds he ranged so long,
And, nearer to the Rocky Mountains, sought
A wilder hunting-ground. The beaver builds
No longer by these streams, but far away,
On waters whose blue surface ne'er gave back
The white man's face--among Missouri's springs,
And pools whose issues swell the Oregan,
He rears his little Venice. In these plains
The bison feeds no more. Twice twenty leagues
Beyond remotest smoke of hunter's camp,
Roams the majestic brute, in herds that shake
The earth with thundering steps--yet here I meet
His ancient footprints stamped beside the pool.
Still this great solitude is quick with life.
Myriads of insects, gaudy as the flowers
They flutter over, gentle quadrupeds,
And birds, that scarce have learned the fear of man,
Are here, and sliding reptiles of the ground,
Startlingly beautiful. The graceful deer
Bounds to the wood at my approach. The bee,
A more adventurous colonist than man,
With whom he came across the eastern deep,
Fills the savannas with his murmurings,
And hides his sweets, as in the golden age,
Within the hollow oak. I listen long
To his domestic hum, and think I hear
The sound of that advancing multitude
Which soon shall fill these deserts. From the ground
Comes up the laugh of children, the soft voice
Of maidens, and the sweet and solemn hymn
Of Sabbath worshippers. The low of herds
Blends with the rustling of the heavy grain
Over the dark-brown furrows. All at once
A fresher wind sweeps by, and breaks my dream,
And I am in the wilderness alone.
Im 19. Jahrhundert schrieb Karl Elze, der auch Bryants Gedichte in Deutschland verlegt hatte: So weit [Rudolf] Doehn's urtheil über ihn; wir können im allgemeinen mit diesen worten übereinstimmen, nur müssen wir wiederholen, was im ersten artikel bereits angedeutet: Bryant ist zu monoton, zu feierlich-gelassen, er ist kein dichter der jugend, ihm fehlt der lerchensang frischen gefühls , alle seine gedichte sind in herbstliche tinten getaucht, keins ist «schön wie der lenz, der hastig sprossen will«. Nach popularität, das ist vollkommen wahr, hat er nie gehascht , er hat sie aber auch nie errungen, man kann seine lieder, die fast alle voll getragener Stimmung sind, nicht singen, in's herz des volkes sind sie nie gedrungen , nicht einmal in das des amerikanischen, und in Europa sind sie recht wenig bekannt. »Wer wird nicht einen Bryant loben? Doch wird ihn jeder lesen? — Nein!« Dies Lessing'sche wort läßt sich auf ihn anwenden. Die kleine andachtsvolle gemeinde der wahrhaft gebildeten wird sich stets an dem reinen ton, an der vornehmen gesinnung, an der grazie seines stils, an seinen zahlreichen sentenzenartigen »schönen stellen« erquicken, aber eine grosse wirkung auf seine nation, auf die grosse masse hat er nicht ausgeübt. Für den Amerikaner war Bryant eine zu ideal angelegte natur, die er vielleicht bewundert, aber der er nicht nachleben mag oder kann, für den Europäer ist er zu amerikanisch. Nur selten wird es ihm gelingen, zu zünden und mit sich fortzureissen. Gern unterschreiben wir jedoch, was Doehn über seine naturschilderungen sagt : Aeusserst wohlthuend wirken jene gedichte, in denen Bryant sich und uns frei macht von der bedrückenden enge des gewöhnlichen lebens und uns mit sich führt in den tausendjährigen urwald, an die ufer der gigantischen, wasserreichen ströme und seen Amerika's, in die prairieen, »der wüste gärten, noch ungemäht und grenzenlos und schön, deren herzen nach menschen klopfen«, an die küste des weiten meeres, »das ewig nagt am säum der länder«, und dessen erhabenheit er zu schildern weiss, wie kaum einer der hierin so grossen Engländer, oder endlich zu der gleichmässig fortsprudelnden waldquelle, deren »lebhaft frisches murmeln sich lustig eint mit dem frischen hauch der brise, die am abend herüber von der seebucht weht«, und in deren ewigen Strudel blickend der weise sinnt »Im geist der unverrückten Ordnung nach, Die in dem Umschwung und dem Wechsel herrscht.«
Hier links geht gerade eine Kultur unter, auf diesem Bild von Cole, deshalb plaziere ich das hier an diese Stelle. Elzes Text ist (nicht nur wegen der gerade grassierenden Kleinschreibung) gewöhnungsbedürftig. Karl Elze, der in dieser Zeit sehr viel zur Vermittlung der amerikanischen (und natürlich der englischen Literatur) nach Deutschland tut - wahrscheinlich ist er denjenige, der am meisten in Deutschland zur Vermittlung der englischsprachigen Literatur tut - hat in Amerika als Literaturkritiker kein großes Ansehen. So schreibt William Douglas O'Connor an seinen Freund Walt Whitman über Elze: he is a perfect Bismarck philistine, with a head of wood just larded with brains. The lack of political freedom, inducing proclivity to aristocratic ideas, and utter lack of sympathy with democratic or republican thought, makes all the Germans, even the great ones (and Elze is not great), perfectly worthless whenever they approach topics connected with the questions of liberty and humanity. Die Amerikaner, die sich in der American Renaissance ihre eigene nationale Vision schaffen, haben die Freiheit, die ihnen die Unabhängigkeitserklärung garantiert (und natürlich auch Gott) auf ihrer Seite. Die Deutschen, die sich in dieser Zeit ihren Nationalstaat schaffen, haben dagegen nur den Untertanengeist (und sicher auch den Gott, der Eisen wachsen ließ) auf ihrer Seite, da hat O'Connor schon Recht.
Aber dennoch hat Elze nicht Unrecht. Richtig lieben werden die Amerikaner den Mitbegründer der amerikanischen Literatur der Romantik nicht. (Und es gibt bis heute nicht einmal wirklich gute Bücher über ihn, von textkritischen Werkausgaben ganz zu schweigen). Aber eigentlich mag man all die anderen auch nicht, den schwierigen Philosophen Emerson ebenso wenig wie den Schriftsteller Herman Melville. Eher liest man Mr Cooper mit seinen spannenden Lederstrumpf Romanen. Obgleich den die Amerikaner eigentlich nicht mögen können, denn der beschimpft sie ständig. Dass sie Banausen sind, sich nicht benehmen können, kein richtiges Englisch sprechen und keine Kultur haben. Lag er da so falsch?
Neil Postman hat in seinem Buch Amusing Ourselves to Death vor Jahren ausgeführt (und diesen Bestseller hat man leider heute schon beinahe vergessen), dass die amerikanische Gesellschaft sich im 19. Jahrhundert wandelt und ein willenloses Opfer der Vergnügungsindustrie wird. Das Bild, das Matthiessen von der amerikanischen Kultur gibt, ist ein geschöntes Bild einer Hochkultur, mit Büttenschnitt und Goldrand. In Wirklichkeit lesen die Amerikaner nicht Moby-Dick (keine 3.000 verkauften Bücher in fünfzig Jahren) sondern Susan B. Warner The Wide, Wide World (Millionen verkaufte Exemplare) oder Maria Cummins' The Lamplighter (40.000 verkaufte Exemplare allein in den ersten zwei Monaten).
Die Vorgängerinnen von Hedwig Courths-Mahler und Rosamunde Pilcher sitzen längst am Schreibtisch und schreiben und schreiben. Was hatte Nathaniel Hawthorne in einem unbedachten Moment in einem Brief an seinen Verleger geschrieben? America is now wholly given over to a damned mob of scribbling women, and I should have no chance of success while the public taste is occupied with their trash–and should be ashamed of myself if I did succeed. What is the mystery of these innumerable editions of the ‘Lamplighter,’ and other books neither better nor worse?–worse they could not be, and better they need not be, when they sell by the 100,000. Dieses damned mob of scribbling women haut ihm die feministische Literaturkritik immer noch um die Ohren.
Bis auf George Innes' Bild vom Lackawanna Valley mit der Eisenbahn, sind alle Bilder im Text von Bryants Freund Thomas Cole. Am Ende seines zu kurzen Lebens hatte er von that earlier wilder vision, dem großartigen sublime der unberührten Natur Amerikas, zu dem Bild da oben gefunden. Was ja eher einer Kitschpostkarte ähnelt, aber sicher perfekt den Zeitgeschmack trifft, in dem der damned mob of scribbling women den Ton angibt. Manche Leser werden sich erinnern, dass in diesem Blog schon einmal von Cole und Bryant die Rede war. Ich hoffe, ich habe mich nicht wiederholt, variatio delectat.
Und ich möchte heute morgen noch einen Geburtstagsgruß nach Hamburg ins Schmuddelwetter hier dranhängen, dafür habe ich mir Bryants Gedicht November ausgewählt. Damit jeder Sonnenstrahl dem Geburtstagskind the piercing winter frost, and winds, and darkened air, meteorologisch und symbolisch, vertreiben möge.
Yet one smile more, departing, distant sun!
One mellow smile through the soft vapoury air,
Ere, o'er the frozen earth, the loud winds ran,
Or snows are sifted o'er the meadows bare.
One smile on the brown hills and naked trees,
And the dark rocks whose summer wreaths are cast,
And the blue Gentian flower, that, in the breeze,
Nods lonely, of her beauteous race the last.
Yet a few sunny days, in which the bee
Shall murmur by the hedge that skim the way,
The cricket chirp upon the russet lea,
And man delight to linger in thy ray.
Yet one rich smile, and we will try to bear
The piercing winter frost, and winds, and darkened air.
Dienstag, 2. November 2010
Nachtigallen
Sie nennen dich die Nachtigall
Mit dürftgem Bilderraube,
So süß auch deiner Lieder Schall,
Doch nenn ich dich: die Taube.
Und bist du Rose, wie dus bist,
Seis denn die Alpenrose,
Die, wo sich Schnee und Leben küßt,
Aufglüht aus dunklem Moose.
Du bist nicht Farbe, bist das Licht,
Das Farben erst verkündet,
Das, wenn sein Weiß an Fremdem bricht,
Die bunte Pracht entzündet.
Und spenden sie des Beifalls Lohn
Den Wundern deiner Kehle,
Hier ist nicht Körper, kaum noch Ton,
Ich höre deine Seele.
Das musste Franz Grillparzer ja unbedingt so dichten, auf Jenny Lind, die man die schwedische Nachtigall nannte. Heute vor 123 Jahren ist sie gestorben, es gibt keine Tondokumente von ihr, suchen Sie nicht bei Amazon. Nur Wörter, die ihre Sangeskunst beschreiben. Aber natürlich tritt sie im Film auf, 1941 als Ilse Werner. Die kann zwar pfeifen, aber nicht singen, Erna Berger hat die Lieder für sie gesungen. Aber für Millionen Deutsche ist sie damals Jenny Lind. Und die Vorzeigesängerin für die Nazis, ihre ganze Karriere passt zwischen Wunschkonzert und Große Freiheit Nummer Sieben.
Hans Christian Andersen war von der Lind hingerissen. Hat das Märchen von der Nachtigall geschrieben. Das, wo der ganze chinesische Hof auf der Suche nach der so wunderbar singenden Nachtigall ist. Und nur das kleine arme Mädchen in der Küche (diese kleinen armen Mädchen mit Schwefelhölzern oder Fischschwänzen bei Andersen hängen einem ja allmählich zum Hals raus), das weiß, wo die Nachtigall zu finden ist: O Gott, die Nachtigall, die kenne ich gut, ja, wie kann die singen! Jeden Abend habe ich die Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter einige Überbleibsel vom Tische mit nach Hause zu bringen; sie wohnt unten am Strande, und wenn ich dann zurückgehe, müde bin und im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall singen; es kommt mir dabei das Wasser in die Augen, und es ist gerade, als ob meine Mutter mich küßte!
Damit ist die Lind gemeint, haben die Leser gesagt, und so ist aus ihr die schwedische Nachtigall geworden. Und die Nachtigall im Märchen, die den Tod hinweg gesungen hatte, als der sich schon auf die kalte Brust des Kaisers legte, sagt dem Kaiser am Schluss: Ich kann nicht nisten und wohnen im Schlosse, aber laß mich kommen, wenn ich selbst Lust habe, da will ich des Abends dort beim Fenster sitzen und Dir vorsingen, damit Du froh werden könnest und gedankenvoll zugleich. Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da leiden; ich werde vom Bösen und Guten singen, was rings um Dich her Dir verborgen bleibt. Der kleine Singvogel fliegt weit herum zu dem armen Fischer, zu des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von Dir und Deinem Hofe entfernt ist. Ich liebe Dein Herz mehr als Deine Krone, und doch hat die Krone einen Duft von etwas Heiligem um sich. Ich komme und singe Dir vor! Das hier sind natürlich nicht Jenny Lind und Hans Christian Andersen, das sind Mary Alice Therp und Thorkild Roose, die 1930 in Odense in die Rollen geschlüpft sind.
Ja, l'amour est un oiseau rebelle, niemand kann die Nachtigall besitzen. H.C. Andersen nicht, und viele andere auch nicht. Den Chopin hätte sie gerne zum Ehemann gehabt, sie hat ihn sogar in Paris in seiner Wohnung am Place Vendôme besucht. Aber der will irgendwie nicht. P.T. Barnum hat in Amerika ein Millionenvermögen mit ihr verdient, noch nie hatte es einen solchen Starrummel gegeben. Sie hat auch ganz gut an dem Amerika Gastspiel verdient, aber sie tut mit ihrem Geld nur gute Werke. Unausstehlich edel.
Warum ist sie nicht zickig? Wir sind das aus der Welt der Oper gewöhnt, dass Operndiven schlimme Zicken sind. Wir hätten da eine, Henriette Sontag (oben), die deutsche Nachtigall. Der Maler ➱Carl Blechen hat seine Stelle als Bühnenmaler in Berlin verloren, weil er sich mir ihr gezofft hat. Die Welt ist damals im Sontag Fieber. Fürst Pückler ist in sie verliebt. Goethe ist von ihr hingerissen. Börne ist kritischer. Also das sprachliche Feuerwerk ➱hier über Henriette Sontag in Frankfurt, das muss man einfach gelesen haben.
Es ist jetzt die Zeit der Diven. Spätestens seit Angelica Catalani (links). Oder ➱Maria Malibran. Und Adelina Patti, Thérèse Tietjens oder Christina Nilsson. Wahrscheinlich ist die Sontag gar nicht so gut gewesen, wahrscheinlich wollen wir nur in dem neuen international Diven Zirkus unsere eigene Göttin haben. Und deshalb schreiben Börne und Goethe und Hoffmann von Fallersleben über sie. Ludwig Rellstab sogar einen Roman, Henriette, oder die schöne Sängerin. Heinrich Heine ist da eher skeptisch und sieht das als Modephänomen. Und in dem Romanzero Gedicht 16. Oktober 1849 schreibt er:
Ein Feuerwerk zur Goethefeier! –
Die Sontag, die dem Grab entsteigt,
Begrüßt Raketenlärm – die alte Leier.
Da ist die Sontag nach 19 Jahren zum ersten Mal wieder auf der Bühne gewesen, hatte sieben Kinder in der Zwischenzeit großgezogen. Jetzt singt sie wieder, sie braucht das Geld. Sie ist dann auf einer Mexiko Tournee an der Cholera gestorben (fünf Jahre vorher war die Catalani in Paris an der Cholera gestorben). Irgendwie haben diese Diven jetzt ein Leben und einen Tod, der wie ein Libretto für eine melodramatische Oper wirkt. Immer wieder kommen sie vom biederen, bürgerlichen Weg der Jenny Lind ab, la traviata. Die Malibran fällt in London auf der Jagd vom Pferd, weigert sich aber, sich behandeln zu lassen. Und steht mit Knochenbrüchen und schwanger weiter auf der Bühne. Ist dann wenig später aber tot.
In unserem Jahrhundert hat es ja eine Vielzahl von Primadonnen gegeben, die den Diven des 19. Jahrhunderts nacheiferten und sich ein melodramatisches Leben inszenierten, die ➱Callas ist nur eine von vielen. Und wenn Anna Netrebko auch noch nicht an die Callas heranreicht, inszeniert sie sich wie eine amerikanische Sängerin namens Madonna. Die heißt zwar nicht Madonna und kann auch nicht singen, aber in der Welt der Selbstinszenierung macht das gar nichts aus. Man kann nur hoffen, dass eine Sängerin mit einer so großen Stimme wie Elīna Garanča diesen Weg nicht geht.
Von dem Zirkus unberührt blieb eine der ganz Großen, die vor drei Wochen gestorben ist, und die die Kritiker la stupenda, die Fabelhafte, genannt haben: Joan Sutherland. Die trotz des Ruhmes und der internationalen Anerkennung immer normal geblieben ist. I'm a mum, sagte sie dem Journalisten des Guardian im Jahre 2002, I never thought of becoming a diva. I just wanted to sing the roles and get on with my work. I used to come to the theatre in a taxi, not in some Rolls-Royce. I didn't have time to do all that silly stuff. Wahrscheinlich hat sie deshalb auch als letztes Lied bei ihrem letzten Auftritt Home, Sweet Home gesungen.
Ich hatte mir vor Wochen überlegt, ob ich sie mit einem kleinen Artikel würdigen sollte, habe es dann aber verworfen. Ich weiß nicht genug über sie. Nicht soviel, wie meine ehemalige Kollegin Iris, die alles über alle Primadonnen wusste. Die schrieb auch für die Opernzeitung orpheus und hatte Joan Sutherland gekannt und eine englische Biographie über Joan Sutherland ins Deutsche übersetzt. Dass ich Opernaufnahmen von Joan Sutherland besitze, ist eigentlich eher ein Zufall. Sie ist mir sozusagen im Doppelpack ins Haus gekommen, weil ich für die kanadische Mezzosopranistin Huguette Tourangeau schwärme. Und Tourangeau und Sutherland in vielen Opern (aber auch bei Händels Messias), die Richard Bonynge dirigierte, nebeneinander auf der Bühne standen. Und sich sängerisch jahrelang wunderbar verstanden. Also zum Beispiel bei der Decca Aufnahme von Maria Stuarda. Aber auch bei Lucia die Lammermoor, Les Huguenots, Les contes d'Hoffmann und der Fledermaus. Da gibt es für mich auch nach Jahrzehnten nichts Besseres. Und an dieser Stelle gibt es noch eine Diskographie mit weiteren Links.
Wenn ich damals schon nicht über sie geschrieben habe, dann habe ich es doch mit Freude zur Kenntnis genommen, dass einer meiner Leser, der den sehr empfehlenswerten und immer wieder verblüffenden Blog ➱MartininBroda schreibt, die Sangeskunst der prima donna assoluta gewürdigt hat.
In unserem Jahrhundert hat es ja eine Vielzahl von Primadonnen gegeben, die den Diven des 19. Jahrhunderts nacheiferten und sich ein melodramatisches Leben inszenierten, die ➱Callas ist nur eine von vielen. Und wenn Anna Netrebko auch noch nicht an die Callas heranreicht, inszeniert sie sich wie eine amerikanische Sängerin namens Madonna. Die heißt zwar nicht Madonna und kann auch nicht singen, aber in der Welt der Selbstinszenierung macht das gar nichts aus. Man kann nur hoffen, dass eine Sängerin mit einer so großen Stimme wie Elīna Garanča diesen Weg nicht geht.
Von dem Zirkus unberührt blieb eine der ganz Großen, die vor drei Wochen gestorben ist, und die die Kritiker la stupenda, die Fabelhafte, genannt haben: Joan Sutherland. Die trotz des Ruhmes und der internationalen Anerkennung immer normal geblieben ist. I'm a mum, sagte sie dem Journalisten des Guardian im Jahre 2002, I never thought of becoming a diva. I just wanted to sing the roles and get on with my work. I used to come to the theatre in a taxi, not in some Rolls-Royce. I didn't have time to do all that silly stuff. Wahrscheinlich hat sie deshalb auch als letztes Lied bei ihrem letzten Auftritt Home, Sweet Home gesungen.
Ich hatte mir vor Wochen überlegt, ob ich sie mit einem kleinen Artikel würdigen sollte, habe es dann aber verworfen. Ich weiß nicht genug über sie. Nicht soviel, wie meine ehemalige Kollegin Iris, die alles über alle Primadonnen wusste. Die schrieb auch für die Opernzeitung orpheus und hatte Joan Sutherland gekannt und eine englische Biographie über Joan Sutherland ins Deutsche übersetzt. Dass ich Opernaufnahmen von Joan Sutherland besitze, ist eigentlich eher ein Zufall. Sie ist mir sozusagen im Doppelpack ins Haus gekommen, weil ich für die kanadische Mezzosopranistin Huguette Tourangeau schwärme. Und Tourangeau und Sutherland in vielen Opern (aber auch bei Händels Messias), die Richard Bonynge dirigierte, nebeneinander auf der Bühne standen. Und sich sängerisch jahrelang wunderbar verstanden. Also zum Beispiel bei der Decca Aufnahme von Maria Stuarda. Aber auch bei Lucia die Lammermoor, Les Huguenots, Les contes d'Hoffmann und der Fledermaus. Da gibt es für mich auch nach Jahrzehnten nichts Besseres. Und an dieser Stelle gibt es noch eine Diskographie mit weiteren Links.
Wenn ich damals schon nicht über sie geschrieben habe, dann habe ich es doch mit Freude zur Kenntnis genommen, dass einer meiner Leser, der den sehr empfehlenswerten und immer wieder verblüffenden Blog ➱MartininBroda schreibt, die Sangeskunst der prima donna assoluta gewürdigt hat.
Montag, 1. November 2010
Stephen Crane
None of them knew the color of the sky. Their eyes glanced level, and were fastened upon the waves that swept toward them. These waves were of the hue of slate, save for the tops, which were of foaming white, and all of the men knew the colors of the sea. The horizon narrowed and widened, and dipped and rose, and at all times its edge was jagged with waves that seemed thrust up in points like rocks. Many a man ought to have a bath-tub larger than the boat which here rode upon the sea. These waves were most wrongfully and barbarously abrupt and tall, and each froth-top was a problem in small-boat navigation. So fängt die Geschichte The Open Boat von Stephen Crane an. None of them knew the color of the sky, das ist so ein Satz, auf den Hemingway stolz gewesen wäre. Und auf Hemingway hat Crane einen großen Eindruck gemacht.
Dieser Anfang von The Red Badge of Courage ist ja geradezu impressionistisch, nur Farben und Nuancen. Es ist wie eine Szenenanweisung aus einem Drehbuch, ein cinematic style, man kann das alles sehen, während man es liest. Immer wieder fügt Crane solche Bilder in den Text ein, wenn er die feindlichen Armeen in der Schlacht von Chancellorsville beschreibt: When another night came, the columns, changed to purple streaks, filed across two pontoon bridges. A glaring fire wine-tinted the waters of the river. Its rays, shining upon the moving masses of troops, brought forth here and there sudden gleams of silver or gold. Upon the other shore a dark and mysterious range of hills was curved against the sky. The insect voices of the night sang solemnly. Veteranen aus dem Bürgerkrieg haben geschworen Stephen Crane sei bei der Schlacht von Chancellorsville dabei gewesen, so genau habe er sie beschrieben. Er war da noch nicht einmal geboren. Aber die Sache mit The Open Boat, die kennt er aus Erfahrung, als sein Schiff auf dem Weg nach Cuba gesunken ist, und er tagelang in einem Boot in der See trieb. Es ist die Kunst des Schriftstellers, dass man am Text nicht erkennen kann, welcher aus der eigenen Erfahrung kommt und welcher aus der Imagination.
Joseph Conrad, der Crane kennengelernt hatte, als der nur noch kurze Zeit zu leben hatte und von ihm begeistert war, hat in seinem Vorwort zu The Nigger of the Narcissus etwas Programmatisches gesagt, was die Schriftsteller damals beschäftigt: My task which I am trying to achieve is, by the power of the written word to make you hear, to make you feel—it is, before all, to make you see.
To make you see, das ist es, was Crane gelingt. Wie in der Kurzgeschichte The Blue Hotel: The Palace Hotel at Fort Romper was painted a light blue, a shade that is on the legs of a kind of heron, causing the bird to declare its position against any background. The Palace Hotel, then, was always screaming and howling in a way that made the dazzling winter landscape of Nebraska seem only a gray swampish hush. It stood alone on the prairie, and when the snow was falling the town two hundred yards away was not visible.
Manchmal reicht ihm, wie am Anfang von The Bride Comes to Yellow Sky, ein Satz aus, schnell hingetupft und voller Bewegung: The great Pullman was whirling onward with such dignity of motion that a glance from the window seemed simply to prove that the plains of Texas were pouring eastward. Vast flats of green grass, dull-hued spaces of mesquite and cactus, little groups of frame houses, woods of light and tender trees, all were sweeping into the east, sweeping over the horizon, a precipice.
Der Mann, der in die Titel seiner Erzählungen Farbadjektive schreibt (red badge, blue hotel, yellow sky), ist mit den Farben eigentlich sparsam. Aber wenn er sie auf die Leinwand seiner Erzählung aufträgt, dann geschieht das mit entschlossener Pinselführung. It was late at night, and a fine rain was swirling softly down, causing the pavements to glisten with hue of steel and blue and yellow in the rays of the innumerable lights. Ein Satz, der bei Chandler stehen könnte. Es klingt auch ein wenig so, als wäre es James Abbott McNeill Whistler in Prosa.
Through the mists of the cold and storming night, the cable cars went in silent procession, great affairs shining with red and brass, moving with formidable power, calm and irresistible, dangerful and gloomy, breaking silence only by the loud fierce cry of the gong. Two rivers of people swarmed along the sidewalks, spattered with black mud which made each shoe leave a scar-like impression. Overhead, elevated trains with a shrill grinding of the wheels stopped at the station, which upon its leg-like pillars seemed to resemble some monstrous kind of crab squatting over the street. The quick fat puffings of the engines could be heard. Down an alley there were sombre curtains of purple and black, on which street lamps dully glittered like embroidered flowers.
To make you see, das ist es, was Crane gelingt. Wie in der Kurzgeschichte The Blue Hotel: The Palace Hotel at Fort Romper was painted a light blue, a shade that is on the legs of a kind of heron, causing the bird to declare its position against any background. The Palace Hotel, then, was always screaming and howling in a way that made the dazzling winter landscape of Nebraska seem only a gray swampish hush. It stood alone on the prairie, and when the snow was falling the town two hundred yards away was not visible.
Manchmal reicht ihm, wie am Anfang von The Bride Comes to Yellow Sky, ein Satz aus, schnell hingetupft und voller Bewegung: The great Pullman was whirling onward with such dignity of motion that a glance from the window seemed simply to prove that the plains of Texas were pouring eastward. Vast flats of green grass, dull-hued spaces of mesquite and cactus, little groups of frame houses, woods of light and tender trees, all were sweeping into the east, sweeping over the horizon, a precipice.
Through the mists of the cold and storming night, the cable cars went in silent procession, great affairs shining with red and brass, moving with formidable power, calm and irresistible, dangerful and gloomy, breaking silence only by the loud fierce cry of the gong. Two rivers of people swarmed along the sidewalks, spattered with black mud which made each shoe leave a scar-like impression. Overhead, elevated trains with a shrill grinding of the wheels stopped at the station, which upon its leg-like pillars seemed to resemble some monstrous kind of crab squatting over the street. The quick fat puffings of the engines could be heard. Down an alley there were sombre curtains of purple and black, on which street lamps dully glittered like embroidered flowers.
Stephen Crane wurde am 1. November 1871 geboren, er starb am 5. Juni 1900 in Badenweiler. Das Sanatorium für Lungenkranke dort zieht jetzt Menschen aus aller Herren Länder an. Vier Jahre nach Crane wird da ein Autor sterben, der sicherlich noch größer war als er: Anton Tschechow.
Die Bilder im Text sind von amerikanischen Malern, die Zeitgenossen von Crane waren: Winslow Homer, George Bellows, James Abbott McNeill Whistler, George Henri und John Sloan. Wenn Ihnen diese Namen nichts sagen, keine Sorge. Es wird an dieser Stelle noch eine kleine Vorlesung zu ihnen geben.
Postscriptum (November 2012) Das letzte waren keine leeren Versprechungen, wenn Sie jetzt die Maler anklicken, finden Sie kleine Essays zu ihnen.
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