Sonntag, 21. November 2010

White Christmas


The sun is shining, the grass is green,
The orange and palm trees sway.
I've never seen such a day,
But it's December the 24th
And I'm longing to be up north.

I'm dreaming of a white Christmas,
Just like the ones I used to know,
Where the treetops glisten
And children listen
To hear sleigh bells in the snow.

I'm dreaming of a white Christmas,
With every Christmas card I write,
May your days be merry and bright,
And may all your Christmases be white.

I'm dreaming of a white Christmas,
Just like the ones I used to know,
Where the treetops glisten
And children listen
To hear sleigh bells in the snow.

I'm dreaming of a white Christmas,
With every Christmas card I write,
May your days be merry and bright,
And may all your Christmases be white.


Kennen wir alle, Bing Crosby. Heute vor 68 Jahren hat er damit Platz Eins der US Charts erreicht und blieb da für die nächsten zehn Wochen. In wenigen Wochen können wir es überall hören, und dann können wir es bald nicht mehr hören. Irving Berlin (links), der keine Noten lesen und schreiben konnte, hat den Song geschrieben. Hat zu seiner Sekretärin gesagt: Grab your pen and take down this song. I just wrote the best song I've ever written — heck, I just wrote the best song that anybody's ever written! Er hat viel Geld damit verdient, spendet jetzt aber im Zweiten Weltkrieg auch Millionen für die Hilfswerke für Soldaten. Deshalb hat ihn Churchill als er 1944 in London ist, zum Mittagessen eingeladen. Churchills Frau hatte ihrem Mann gesagt, dass Irving Berlin in London sei und ihn gefragt, ob er ihm nicht dafür danken wolle, für all das, was er für die patriotische Sache getan habe. Sie hatte dabei an einen kurzen Empfang und ein einfaches Händeschütteln gedacht. Churchill hat zu ihrer Überraschung sofort ja zu dem Plan gesagt und darauf bestanden, dass der Mann zum Mittagessen eingeladen werden müsse.

Die Sache wäre es nicht weiter wert, hier erzählt zu werden, wenn es hier jetzt nicht eine wunderbar schräge Komplikation aus der Kategorie Guess, who's coming to dinner gäbe. Winston Churchill weiß nicht, wer Irving Berlin ist, er hat nie von White Christmas und anderen Irving Berlin Songs gehört. Winston Churchill glaubt, seine Gattin hätte Isaiah Berlin gemeint. Den hat er zwar noch nie gesehen, aber den kennt er. Er liest jede Woche die Berichte, die Isaiah Berlin aus der amerikanischen Botschaft in Washington schickt. Offiziell schickt die zwar der Botschafter. Das ist Lord Halifax, der war schon einmal Vizekönig von Indien, und so benimmt er sich auch in Washington. Die Amerikaner können ihn nicht ausstehen, Churchill auch nicht, deshalb hat er ihn nach Washington abgeschoben. Halifax stand für die Appeasement Politik (und in den Roman The Remains of the Day von Kazuo Ishiguro ist er auch hineingewandert). Der streng religiöse und furchtbar langweilige Halifax ist auch kein Mann der Feder. Deshalb überlässt er das Schreiben der Berichte gerne diesem Fellow des All Souls College, den ihm das Informationsministerium geschickt hat. Zu dem hat er gleich Vertrauen, er selbst war ja auch in Oxford. Da weiß er schon, was All Souls ist (er selbst war da einmal kurze Zeit Fellow, obgleich das schwer zu glauben ist). Ein College ohne Studenten, wenn man hier Fellow ist, dann ist man in der Hierarchie der Geistesgrößen von Oxford ganz oben angekommen.

Wer schreibt Halifax jetzt die Berichte? fragt Churchill den Außenminister Anthony Eden. Der muss erst nachfragen. Wenn man wie Eden englischer Außenminister ist, dann weiß man, wer sein Schneider in der Savile Row ist, aber nicht, wer our man in Washington ist. In Antwort des Außenministeriums heißt dann: Mr. Berlin, baltisch-jüdischer Abstammung, von Beruf Philosoph. Und Anthony Eden (Eton und Oxford) lässt in der folgenden Korrespondenz durchblicken, dass dieser Mr. Berlin keiner von uns ist. Ein Jude aus Riga, kein englischer Großgrundbesitzer mit jahrhundertealten Stammbaum. Wenn Anthony Eden, einer der elegantesten Herren der Zeit, nur wüsste, was Lord Bertrand Russell über seinen Dandyismus denkt: Not a gentleman; dresses too well.

So viel zu den Nettigkeiten, mit denen sich die englische upper-class untereinander bekämpft. Mit seinem Scharfsinn und seiner Intelligenz steckt der Philosoph Isaiah Berlin sicherlich die ganze Churchill Regierung in die Tasche. Die können in Washington auch froh sein, dass sie diesen Oxford Professor aus dem von Duff Cooper geschaffenen Informationsministeriums bekommen haben. Isaiah Berlin wird nach dem Krieg mit dem Gedanken spielen, als Presseattaché zu Duff Cooper in die Pariser Botschaft zu wechseln, bleibt dann aber doch in Oxford. Duff Cooper ist ein noch größerer Dandy als Anthony Eden, aber er kann sich das leisten, er hat mehr im Kopf als der, er ist nebenbei ein nicht unbedeutender Schriftsteller. Seine Talleyrand Biographie ist auch heute noch ein Lesevergnügen (die netten Bücher, die seine Gattin Lady Diana Cooper schreibt, lassen wir heute mal unerwähnt, aber ich glaube die beiden tauchen irgendwann noch einmal in diesem Blog auf).

Habe ich nun die Beteiligten, beziehungsweise Nicht-Beteiligten vorgestellt? Winston Churchill brauche ich wohl nicht vorzustellen. Die Szene des folgenden Dramoletts ist ein Esszimmer (der Garden Room) in Number Ten. Gäste sind der Feldmarschall Sir Alan Brooke (der Chief of the Imperial General Staff, er sitzt auf dem Photo (das leider aus dem Internet berschwunden ist) zwischen Churchill und Eden), die Herzogin von Buccleugh und, und, und. Und natürlich Irving Berlin, den Churchill für den Professor Isaiah Berlin hält. Ich wundere mich bis heute, dass Tom Stoppard daraus kein Theaterstück gemacht hat. So was nettes Kleines in der Art von Dirty Linen und New-Found-Land.

Wer der Gast ist, der einen breiten Bronx Dialekt spricht, wissen nur Clementine Churchill und Jock Colville, der Privatsekretär des Premierministers. Alle anderen halten ihn für einen Beamten aus einem der vielen Ministerien. Churchill versucht ständig, den stillen Gast in die Unterhaltung einzubeziehen. Er möchte alles mögliche über die Verhältnisse in Amerika wissen. Als er ihn fragt, wann der Krieg nach seiner Einschätzung enden würde, antwortet sein Gast: Herr Premierminister, das werde ich meinen Kindern und Enkeln erzählen, dass Winston Churchill mir diese Frage gestellt hat. Churchill ist völlig verwirrt, wechselt das Thema und fragt, was das Wichtigste sei, dass Berlin jemals geschrieben hat. Er erhält als Antwort: White Christmas. Jetzt weiß Winston Churchill überhaupt nicht mehr, was los ist. Er raunzt seinen Privatsekretär an: Hören Sie auf, mich immer unter dem Tisch zu treten.

Irving Berlin verlässt Number Ten im Zustand leichter Verwirrung. Churchill wird nach dem Essen von Jock Colville über die Verwechslung aufgeklärt und amüsiert sich königlich. Erzählt die Geschichte eine halbe Stunde später dem War Cabinet. Irgendwann gelangt sie von Whitehall in die Presse und macht Isaiah Berlin berühmt. 1949 haben sich Isaiah Berlin und Churchill dann zum ersten Mal getroffen. Churchill hat sich vor dem Philosophen verbeugt und gesagt, dass er ja bestimmt den Schnitzer kenne, der ihm damals unterlaufen sei. Berlin hatte im gleichen Jahr einen Essay geschrieben, der viel zum Mythos Winston Churchill beigetragen hat. Too good to be true, hatte Churchill dazu gesagt, aber es hat ihm doch gefallen.

Isaiah Berlin zu lesen, lohnt sich heute immer noch. Ich würde empfehlen, da wir ja ein Tolstoi Jubiläum haben, mit dem brillanten hundertseitigen Essay Der Igel und der Fuchs anzufangen. Der ist in dem Band Russische Denker enthalten, ist aber auch als Einzelpublikation in der Bibliothek Suhrkamp erhältlich. Es gibt über Berlin eine gute Biographie von Michael Ignatieff: Isaiah Berlin - A Life. Die deutsche Übersetzung davon sollte man lieber nicht benutzen, sie ist grauenhaft und voller Fehler.

Samstag, 20. November 2010

Krieg und Frieden


»Nun, Fürst, hat die Familie Bonaparte auch Genua und Lucca in Besitz genommen? Ich sage Ihnen, Sie sind nicht mehr mein Freund, mein getreuer Sklave, wie Sie sagen, wenn Sie noch ferner die Notwendigkeit des Krieges leugnen und noch länger die Greuel verteidigen wollen, welche dieser Antichrist begeht, denn es ist der Antichrist selbst, davon bin ich überzeugt. Setzen Sie sich hierher und erzählen Sie.« Es war im Juni 1805, als Anna Pawlowna Scherer diese Worte sprach. Sie war Hofdame der Kaiserin Maria Feodorowna und gehörte sogar zu dem vertrauten Kreis Ihrer Majestät. Sie sprach mit dem Fürsten Wassil, welcher zuerst zu ihrer Abendgesellschaft eingetroffen war. Ein Diener in roter, kaiserlicher Livree hatte am Morgen in der ganzen Stadt Einladungsbriefe zu dieser Abendgesellschaft umhergetragen. »O Himmel, welch heftiger Überfall!« erwiderte der Fürst, ohne durch diesen Empfang in Aufregung zu geraten. Der Fürst trug die goldgestickte Uniform des Hofes mit Ordenssternen, seidene Strümpfe und Schnallenschuhe. Sein Gesicht zeigte beständig ein liebenswürdiges Lächeln. Er sprach Französisch, jenes gewählte Französisch, in dem unsere Großväter nicht nur sprachen, sondern auch dachten, und in dem gemessenen, herablassenden Ton eines einflußreichen Würdenträgers, der am Hofe alt geworden ist. Er näherte sich Anna Pawlowna, küßte ihr die Hand, indem er sein kahles, parfümiertes Haupt neigte, und ließ sich dann bequem auf einem Sofa nieder.
»Vor allem, verehrte Freundin, beruhigen Sie mich über den Zustand Ihrer Gesundheit«, fuhr er in galantem Tone fort, der aber nicht frei von Spott war.
»Wie könnte ich mich wohl befinden bei solchen Aufregungen? Sie bleiben den ganzen Abend, hoffe ich?«
»Nein, heute nicht. Der englische Gesandte gibt ein großes Fest, auf dem ich erscheinen muß; meine Tochter wird mich abholen.«
»Ich glaubte, das Fest sei verschoben worden, und ich gestehe Ihnen sogar, daß alle diese Festlichkeiten mich nachgerade schrecklich langweilen.«
»Hätte man Ihren Wunsch ahnen können, so hätte man sie gewiß verlegt«, erwiderte der Fürst maschinenmäßig, wie eine gut gehaltene Uhr, ohne den geringsten Anspruch darauf, daß man seine Worte ernst nehme. »Spotten Sie nicht, und nun, da Sie alles wissen, sagen Sie mir, was ist beschlossen worden über die Depesche von Nowosilzow?«
»Was soll ich Ihnen sagen?« erwiderte der Fürst mit dem Ausdruck der Langenweile. »Sie wollen wissen, was man beschlossen hat? Nun, man hat entschieden, daß Bonaparte seine Schiffe hinter sich verbrannt habe, und es scheint, daß wir im Begriff sind, dasselbe zu tun.«
Der Fürst Wassil sprach immer mit einer gewissen Nachlässigkeit, wie ein Schauspieler, der eine alte Rolle spielt. Fräulein Scherer dagegen zeigte trotz ihrer vierzig Jahre eine große Lebhaftigkeit. Ihre soziale Stellung beruhte darauf, für eine enthusiastische Dame zu gelten. Das politische Gespräch, das sich entwickelte, brachte sie nach und nach in Aufregung.


So fängt der Roman an, der Krieg und Frieden heißt. In meiner Ausgabe beginnt er etwas anders, es wird nicht nur über das gewählte Französisch geredet, die Personen sprechen Französisch. Die Übersetzerin Marianne Kegel hat die französischen Passagen unübersetzt gelassen, sie ist nicht die einzige Übersetzerin, die das macht. Ich finde das auch sehr charmant. 

Der Roman ist sehr lang. Wenn man nicht die Woody Allen Methode verwendet (I took a speed-reading course and read War and Peace in twenty minutes. It involves Russia) muss man lange lesen. Aber er wird mit dem Lesen immer besser. Ich hatte mich immer darum gedrückt, Krieg und Frieden zu lesen. Ich hatte Dostojewski gelesen, Turgenjew, Gontscharow, Puschkin und Lermontow. Aber um Tolstoi hatte ich einen Bogen gemacht. Als leicht größenwahnsinniger jugendlicher Leser wollte ich mit einundzwanzig durch die Weltliteratur durch sein. Ist mir auch gelungen. Mit Ausnahme von Krieg und Frieden. Und leider auch Fontanes Vor dem Sturm, der ja viel mit Tolstois Zeitgemälde gemeinsam hat.

Alles fing damit an, dass ich Günter Grass' Ein weites Feld las, was ein wunderbares Leseerlebnis war. Ist meiner Meinung nach sein bester Roman. Ich weiß, dass ein gewisser Herr Reich-Ranicki da anderer Meinung ist, aber das kümmert mich nicht. Und als ich die Geschichte von Fonty las, da wurde mir plötzlich klar, dass ich durch das Leben gekommen war, ohne je Vor dem Sturm gelesen zu haben. Ein Versäumnis! Als ich mit dem Fontane fertig war, beschloss ich, dass ich jetzt eigentlich auch Krieg und Frieden lesen könnte. Ich fand die Winkler Dünndruckausgabe, die ein Rezensent als einen Dünndruckziegelstein bezeichnet hat, in einem Antiquariat (sieben Mark) und begann zu lesen. Bei Daniel Pennac, der uns Lesern (und auch allen Nichtlesern!) diese zauberhafte Gebrauchsanleitung für das Lesen Wie ein Roman (bei Amazon ab 1,21€ - unbedingt kaufen und lesen!) geschenkt hat, war das anders. Der bekam Krieg und Frieden von seinem älteren Bruder. "Ist das toll?" "Ja, prima!" "Wovon handelt es?" "Es ist die Geschichte von einem Mädchen, das einen Typ liebt und einen dritten heiratet." Ich hatte keinen älteren Bruder, ich hatte einen Kollegen aus der Slavistik, der mir zwar nicht erzählte, dass dies die Geschichte von einem Mädchen, das einen Typ liebt und einen dritten heiratet sei, aber mich doch beständig sanft und mit leisem Vorwurf ermahnte, dass ich unbedingt noch Krieg und Frieden lesen müsse. Normalerweise gebe ich auf Leseempfehlungen wenig, aber da er einer der gebildetsten Menschen ist, die ich kenne, behielt ich den Vorsatz, irgendwann einmal Tolstois Roman zu lesen, im Gedächtnis.

Als ich dann in den Salon von Anna Pawlowa Scherer eintrat, war ich kein Neuling in dieser Welt. Ich hatte alle Filme gesehen. Also zum Beispiel das da links, was Sie wahrscheinlich wegen der Rehaugen von Audrey Hepburn auch gesehen haben. Hat wenig mit dem Roman zu tun, es gibt bessere Verfilmungen. Damit meine ich nicht das, was gestern Abend auf 3sat lief, alles andere, nur das nicht. Eine Ausstattungsorgie mit nigelnagelneuen Uniformen und wabernder Musik. Im Zweifelsfall die Bilder aus dem Film von Bondartschuk geklaut, und dann die Handlung und die Dialoge so vereinfacht, dass man das auch noch nach Amerika verkaufen kann. Teuer genug (mit unseren Fernsehgebühren bezahlt) war es ja. Die ZDF-Redaktionsleiterin Birte Dronsek sah wie der Tagesspiegel damals schrieb in dem mit 26 Millionen Euro Produktionskosten zweitteuersten europäischen Fernsehprojekt einen Beitrag zur Identität nicht nur des ZDF, sondern der gesamteuropäischen Medien. Fernsehen als Selbstvergewisserung: Tolstoi ist eben europäische Weltliteratur, und so gesehen sind wir alle Russen.

Es gab einmal eine englische TV Produktion mit 20 Folgen, in der der junge Anthony Hopkins Pierre Besuchov spielt. Die ist eigentlich sehr gut. Auch schön lang, mindestens 15 Stunden. Inzwischen ist diese  ✺Serie mit allen Folgen  bei YouTube aufgetaucht, Da kommen auch alle Nebenfiguren und Nebenhandlungen zu ihrem Recht. Denn in den voluminösen Romanen des 19. Jahrhunderts sind ja die Nebenfiguren eigentlich die Hauptfiguren. Ich gebe zu, dass ich diesen Satz bei Arno Schmidt geklaut habe, aber er stimmt. Was wäre der Roman ohne die kleinen Leute? Wie zum Beispiel der kleine, pfeiferauchende Hauptmann Tuschin, der dem Fürsten Bagration in der Schlacht den Tagessieg sichert. Man kann die englische TV Version beim englischen Amazon bekommen.

Aber es gibt einen Film, den man glücklicherweise seit einigen Jahren auf DVD bekommt (auch wenn das leider nicht die Traumkopie ist, weil es eine alte DEFA Kopie ist), der ohne Zweifel die beste Woina i mir Verfilmung aller Zeiten ist. Ich sage nur: Sergei Bondartschuk. Acht Stunden lang, einer der längsten und teuersten Filme aller Zeiten. Das ZDF warb vor zwei Jahren bei der Erstausstrahlung seiner Soap Opera mit dem Satz Nach diesem Film wird jeder glauben, dass Sie das Buch gelesen haben. Wenn Sie es nötig haben, jemandem vorzugaukeln, Sie hätten Krieg und Frieden gelesen, dann sehen Sie sich diesen Film an. Denn der ist auch filmisch ein überwältigendes Kunstwerk.

Als ich mich als Leser dem Ende des Romans näherte (was in der Winkler Dünndruckausgabe die Seite 1.598 ist), fing ich an, langsamer zu lesen. Ich wollte aus dieser Welt nicht mehr heraus. Danach habe ich mir den Bondartschuk Film in kleinen Teilen angeschaut und die entsprechenden Passagen bei Tolstoi noch einmal gelesen. Es ist erstaunlich, wie nahe der Film am Text ist! Und gestern Abend habe ich mir anderthalb Stunden diese platte Banalisierung der ZDF Produktion angetan. Dann habe ich den Fernseher ausgemacht und angefangen, in Krieg und Frieden zu lesen. Und habe dabei Tschaikowskis 1812 Ouvertüre gehört. Eine amerikanische Aufnahme mit echten Kanonen.

Die neueste Übersetzung von Barbara Conrad bei Hanser behält glücklicherweise das Französische bei, 
gibt aber Übersetzungshilfen. Der Hanser Verlag hat die ersten Seiten der neuen Übersetzung ins Netz gesteltt. Da sieht der Anfang dann so aus:


»Eh bien, mon prince. Gênes et Lucques ne sont plus que des apanages, des Landgüter, de la famille Buonaparte. Non, je vous préviens, que si vous ne me dites pas, que nous avons la guerre, si vous vous permettez encore de pallier toutes les infamies, toutes les atrocités de cet Antichrist (ma parole, j’y crois) – je ne vous connais plus, vous n’êtes plus mon ami, vous n’êtes plus mein ge treuer Sklave, comme vous dites. Aber seien Sie gegrüßt. Je vois que je vous fais peur,* setzen Sie sich und erzählen Sie.« 
Mit diesen Worten empfing im Juli 1805 die bekannte Anna Pawlowna Scherer, Hofdame und Vertraute der Kaiserin Marija Fjodorowna, den einflussreichen ranghohen Fürsten Wassili, der als erster auf ihrer Abendgesellschaft erschien. Anna Pawlowna hustete seit einigen Tagen, sie hatte grippe, wie sie sich ausdrückte (grippe war damals ein neues Wort, das erst wenige benutzten). in den Billetts, die sie am Morgen durch einen roten Lakaien verschickt hatte, stand unterschiedslos stets dasselbe:...

Und unten auf der Seite findet sich dann für den kleinen Stern *:  nun, mein Fürst, Genua und Lucca sind doch nur noch Apanagegüter der Familie Buonaparte. nein, ich warne Sie, wenn Sie mir nicht sagen, dass wir im Krieg sind, wenn Sie sich weiterhin erlauben, all die Infamien, die Grausamkeiten dieses Antichrist (mein Wort darauf, das glaube ich) zu beschönigen – dann kenne ich Sie nicht mehr, dann sind Sie nicht mehr mein Freund, nicht mehr mein getreuer Sklave, wie Sie sagen. Aber ich mache ihnen ja Angst...

Und merken Sie etwas? Ganz oben in dem Text, den ich aus dem Spiegel Online Projekt Gutenberg DE kopiert habe, fehlt nicht nur das Französische, es fehlt auch die grippe. Einfach weggelassen. Und das darf nicht sein, einen Roman wie Krieg und Frieden liest man wegen der Details, nicht wegen der Handlung. Die Spiegel Online Übersetzung ist von einem gewissen L. Albert Hauff (1838-1904), der seit den 1870er Jahren russische Romane ins Deutsche übersetzt hat. Ich habe sie mit meiner Marianne Kegel verglichen und festgestellt: die ist viel besser. Aber wenn ich Sie jetzt so peu à peu davon überzeugt habe, dass Sie unbedingt Krieg und Frieden lesen müssen, dann werden Sie sich wahrscheinlich die neue Hanser Ausgabe kaufen. Was kein Fehler ist, schmökern Sie doch einfach einmal hier. Die vielen Fußnoten werden ein wenig lästig, aber sonst ist die Übersetzung eigentlich sehr schön.

Vor einigen Jahren ist vom Eichborn Verlag etwas auf den Markt geworfen worden, was als die Urfassung des Romans marktschreierisch angepriesen wurde. Sehr viel kürzer. Der Verlag ist dabei nicht ganz ehrlich gewesen. Dies ist eine verstümmelte Fassung dessen, an dem die Russin Evelina Zajdensnur ein Leben lang gearbeitet hatte, eine philologische Rekonstruktion einer möglichen Urfassung. Nur die Familiengeschichte, nicht das historische Drumherum. Wenn man bei Eichborn ehrlich gewesen wäre, hätte man alle Klammern und Anmerkungen mitdrucken müssen und die französischen Passagen im Original belassen müssen. Und dazu sagen müssen, dass Evelina Zajdensnurs Version nur für die Forschung und nicht für ein breites Lesepublikum bestimmt war.

Vielleicht ist heute, hundert Jahre nach Tolstois Tod, der richtige Zeitpunkt, um mit der Lektüre von Tolstois Meisterwerk zu beginnen. I think Balzac is the greatest novelist the world has ever known, but I think Tolstoy's 'War and Peace' is the greatest novel, hat Somerset Maugham einmal gesagt. Und was ist mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und Anthony Powells A Dance to the Music of Time? Wenn Sie mit der Lektüre von Krieg und Frieden fertig sind, werden wir an dieser Stelle mal über diese Romane reden müssen.

Lesen Sie auch: Krieg und Frieden: Verfilmungen, Lew Tolstoi, Tolstoi, Anna Karenina: Übersetzungen, la belle inconnue, der Oberrock, Bondartschuk, russischer Adel, Anna Karenina: Translations, Kutusow

Freitag, 19. November 2010

Bertel Thorvaldsen


Der heute vor 240 Jahren geborene Bertel Thorvaldsen war Dänemarks bedeutendster Bildhauer, obgleich er mehr als die Hälfte seines Lebens nicht in Dänemark war. Sondern hier in Rom in irgendeiner Trattoria saß. Da führte der sculptore Alberto (auf dem Bild oben sitzt er ganz rechts am Tisch) ein Künstlerleben. dolce far niente, oder in Thorvaldsens Worten Im übrigen gilt es in Rom nicht als Künstlertugend, wenn man sich allzu produktiv gebärdet. Aber dem dolce far niente wird der Däne nicht verfallen (obgleich er bei der Ablieferung von fest bestellten Werken ein wenig saumselig ist). Der Sohn eines Holzschnitzers ohne jede klassische Bildung wird sich mit seinem Fleiß nach oben arbeiten. Er ist furchtbar produktiv. Ungefähr tausend klassizistische Skulpturen (800 davon im Thorvaldsen Museum) zeugen von großem Fleiß. Und von einer fabrikartigen Werkstatt, in der er bis zu 39 Steinmetze und Bildhauer beschäftigt.

Auf diesem Bild von Constantin Hansen, dass auch dänische Künstler in Rom zeigt, ist er nicht drauf, da bricht er gerade nach Dänemark auf. Wo er wie ein Staatsoberhaupt empfangen wird. Weil er so berühmt ist. Der König Frederik VI soll grün vor Neid gewesen sein, weil der Bildhauer beim Volk beliebter ist als er. Unmittelbar neben dem Schloss Christiansborg wird man jetzt ein Thorvaldsen Museum bauen (in dessen Innenhof ist auch sein Grab). Dänen, die international bekannt sind, sind jetzt rar. Außer Thorvaldsen, ➱Sören Kierkegaard und ➱Hans Christian Andersen fällt mir niemand ein. Wie Hans Christian Andersen kommt Thorvaldsen von ganz unten. Und wie der dänische Dichter kommt er nach ganz oben. Den dänischen Phidias wird man ihn eines Tages nennen.

Es ist nicht so, dass er der einzige wäre, der jetzt klassizistische Plastiken für die internationale Kundschaft in Rom herstellt, beziehungsweise herstellen lässt. Denn sein Eigenanteil an den Marmorstatuen wird mit der Zeit immer geringer. Der Meister entwirft das Modell, die Werkstatt führt aus. Da ist sein Konkurrent Antonio Canova ganz anders, der arbeitet noch selbst am harten Stein. Er ist auch, das muss man an dieser Stelle einfügen, ein grösserer Bildhauer. Und er verlangt höhere Preise. Wenn Canova 6.000 römische Taler für eine Statue verlangt, kann man bei Thorvaldsen schon Griechengötter für 600 Taler bekommen. Kein Wunder, dass er mit dieser Preiskalkulation in Aufträgen erstickt. Wobei er in den ersten Jahren nicht aus den roten Zahlen herauskommt, die Herren Marchetti, Finnelli und Keller (die führenden Marmorhändler der Zeit) haben den Preis für Carrara Marmor angesichts der Nachfrage aus dem halben Dutzend Bildhauerateliers in Rom ganz gewaltig erhöht.

Griechische Götter und griechische Helden sind jetzt in. Wenn die durchreisenden reichen Engländer keine Originale aus der Antike kaufen, dann erwerben sie diese klassizistischen Figuren. Das ist für Bildhauer, Steinmetze im Studio, Marmorhändler und die englischen Zwischenhändler in Rom ein gutes Geschäft. Ein großer Teil der englischen Kunden ist mit der industrial revolution reich geworden, in England gehen ja industrial revolution und die culture of collecting Hand in Hand. Ich habe mir den schön klingenden Ausdruck aus Vicci Coltmans Buch Classical Sculpture and the  Culture of Collecting in Britain since 1760 geklaut. Klingt ja auch vornehmer als Sammelwut. Irgendwie ist es in diesem Zusammenhang schon ironisch, dass Thorvaldsen jetzt eine Art prä-industrieller Massenfertigung von nachempfundener griechischer Antike aufnimmt. Er ist auch, und das sei beiläufig gesagt, groß im Geschäft mit Restaurierungen und Ergänzungen griechischer Torsi. Aber natürlich alles in weiß, angemalt wird nicht.

Aber es sind nicht nur Engländer, wie der berühmte Thomas Hope, auch in Deutschland schaut (und reist) man nach Rom. Daß mir nicht vergönnt war, Griechen, zu leben bei Euch!/ Lieber denn Erbe des Throns, wär ich ein hellenischer Bürger,/ In den Gedanken wie oft träumt ich mich sehnend zu Euch dichtet jemand in Bayern. Nach seiner Italienreise gesteht er Ich war in Schwetzingen erzogen und keineswegs Kunstfreund, aber die scheußlichen Figuren im Hofgarten von Nymphenburg machten mich der Skulptur abgeneigt, bis ich nach Venedig kam und es mir vor Canovas Hebe wie Schuppen von den Augen fiel. Der enthusiasmierte Italienreisende ist, Sie ahnen es schon, Ludwig von Bayern. Und Antonio Canovas Hebe (im Bild oben, die drei Grazien hier links sind von Thorvaldsen) regt ihn sogleich zu einem Gedicht (Sonett X) an:

Was für ein Zauber hält mich hier gefangen!
In mir ein wonnig nie gespürtes Regen,
Durchdrungen plötzlich von der Weihe Segen;
Der Sinn für Kunst war in mir aufgegangen.

Verloren stand ich da in Glutverlangen,
Ich sah dich mir entgegen nun bewegen,
Und Lieb' und Sehnsucht in mein Herz sich legen,
In neue Welt sich die Gefühle schwangen.

Ich konnte mich der Stelle nicht entrücken,
In deinem Anblick war mein ganzes Leben,
Ich schwamm, dich Hebe! sehend, in Entzücken.

Dir ist die ew'ge Jugend froh gegeben.
Und ew'ger Ruhm Canova'n wird beglücken;
Der Lorbeern schönste Künstler nur erstreben.


Ludwig bestellt auch bei dem Dänen, der inzwischen wie im Märchen seines Landsmanns Andersen seine Metamorphose vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan der Bildhauerei vollzogen hat. Er muss aber, wie andere Kunden lange warten, bis er bekommt, was er wollte. Nicht ganz so lange wie Thomas Hope, der hatte zwei Jahrzehnte auf seinen Jason warten müssen. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, wenn man von der Griechenlandbegeisterung berauscht ist?

Thorvaldsen, der selbst ein bescheidener Mann ist und keinerlei (wie man heute sagen würde) Starallüren besitzt, wird auch ein Objekt des in der Zeit grassierenden Geniekults. Dänischer Phidias ist nur eins der vielen Epitheta, die dem Bildhauergenie verliehen werden. Hier links auf dem Bild seines Landsmannes Detlev Conrad Blunck sehen wir ihn mit Puschen und einer Art Hausmantel in seinem Atelier. Es gibt viele Portraits von Thorvaldsen, jeder Maler, der zu dieser Zeit in Rom ist (und das sind nicht wenige), glaubt ihn malen zu müssen. Eins der bekanntesten Bilder stammt wiederum von einem Landsmann, dem berühmten Christoffer Eckersberg (den Thorvaldsen auch modelliert hat, so wie Horace Vernet, der den Bildhauer mit der Vernet Büste gemalt hat). Eckersberg ist ein Freund Thorvaldsens geworden und ist mehrere Jahre in Italien geblieben. Auf seinem Bild trägt Thorvaldsen alle möglichen Orden, in Neapel war er ja sogar geadelt worden.

Was mich, der ich eigentlich Thorvaldsen auf den Tod nicht ausstehen kann - wovon ich mir bisher in diesem Text nichts habe anmerken lassen - viel mehr interessieren würde, wäre ein Bild Thorvaldsen von dem Eckersberg Schüler ➱Hans Matthison Hansen. Das ist vor Jahren einmal im dänischen Kunsthandel bei einer Auktion aufgetaucht. War es eine Kopie nach Eckersberg? Über die malerische Karierre von Hans Matthison Hansen aus Flensburg (damals noch dänisch) ist nicht furchtbar viel herauszufinden. Dass er eines Tages als Organist des Doms von Roskilde der berühmteste dänische Kirchenmusiker wird, darüber lässt sich alles herausfinden. Über den Maler Hans Matthison Hansen (manchmal auch Flensborg Hansen genannt) überhaupt nix. Sein Vater, ein Flensburger Kapitän, der Eckersberg gut kannte, hatte seinen 16-jährigen Sohn am Tag nach der Konfirmation auf die Reise nach Kopenhagen mitgenommen und ihm dem Leiter der Kopenhagener Akademie vorgestellt.

Und Eckersberg hat den Jungen gleich dabehalten. Der junge Hansen hatte nicht nur ein zeichnerisches Talent, sondern spielte auch mehrere Instrumente. Und Hausmusik ging Eckersberg über alles, die ganzen dänischen Komponisten gingen bei ihm ein und aus. Na ja, Kuhlau und Weyse, gibt es noch mehr? Von denen holt sich Hansen auch Rat, ob er die Palette an den Nagel hängen soll und sich stattdessen der Musik widmen soll. Der Rest ist bekannt, ein halbes Jahrhundert Organist im Königsdom von Roskilde. Grieg hat bei ihm sein Orgelexamen abgelegt, und zur großen Weltausstellung hat sein Heimatland Matthison Hansen nach London geschickt, damit er im Crystal Palace Orgel spielt.

Ich kenne den Flensborg Hansen erst seit einigen Monaten, weil ich bei dem reizenden Herrn von M. in seinem Antik&Trödel Laden dieses tolle Bild gekauft habe. Ein romantische Landschaft, eine Sicht auf Roskilde aus einem Waldstück heraus über den Roskilde Fjord. Und das alles in einem schönen Goldrahmen. Gut, man merkt ein wenig, dass es eine Schülerarbeit ist, der Vordergrund ist nicht so ganz gelungen. Aber die Bäume und der Himmel - perfekt! Der Himmel hat diese leichte Rosatönung, die alle Maler aus Italien mitbringen.

So wie Ludwig Stracks Ukleisee (links) mit dem es einiges gemein hat. Das Bild war nicht billig, ist aber jeden Cent wert. Ich nehme jetzt auch Eintritt, wenn Gäste kommen. Wenn ich mich nachts in die Kunsthalle schleichen würde und es an die Wand hinge, würde niemand auf die Idee kommen, dass es da nicht hingehörte. So kommt über Hans Matthison Hansen, der bei Eckersberg gelernt hat, diesen abgetönten Himmel zu malen ein bisschen Italien auch in mein Wohnzimmer. Der Uli hat mir das Bild von Hansen im oberen Absatz photographiert, das Photo sagt etwas über den Aufbau des Bildes, aber das Original ist viel, viel besser als das Photo. Diese DigiCams können auch nicht alles.

So groß Thorvaldsens Ruhm zu Lebzeiten ist, so gibt es doch auch Kritiker. Nicht alle sind so nett böse wie Harald von Mendelssohn in seinem Kierkegaard Buch: Thorvaldsens Talent fiel gewissermaßen dem Bedürfnis seiner Zeit nach Harmonie zum Opfer; die meisten seiner Werke sind nur nett: Putten, Amoretten, Cupidos und Grazien, alle tadellos, hübsch, vollkommen und langweilig. Bei aller wohlgeformten Nackheit vermitteln sie den Eindruck, als habe es weder Leidenschaft noch Erotik in dieser Welt gegeben. Schon Stendhal (der ja auch einen großen Teil seines Lebens in Italien verbringt) äußert sich etwas abfällig über Thorvaldsen (und über den ganzen Griechenwahn), aber das liegt natürlich auch daran, dass er Antonio Canova verehrt. Den hat er 1811 in seinem Atelier besucht. Hatte es aber als französischer Beamter unterlassen, dem französischen Polizeipräsidenten einen Pflichtbesuch zu machen (er konnte den eh nicht ausstehen). Dieses Versäumnis wird aber zu einem Karriereknick Stendhals führen, wenn er im nächsten Jahr nach Paris zurückkommt. In einem Augenblick von Langeweile und Frustration schließt er sich Napoleons Rußlandabenteuer an. Schon im Jahr zuvor hatte er in seine Tagebuch geschrieben: They speak of war with Russia. Es müßte eigentlich reizvoll sein, sich nach der Rückkehr aus Italien einer Armee anzuschließen, die wirklich im Einsatz steht. Und 1813, nachdem er das alles mitgemacht hat, schreibt er unter diese Eintragung: Das ist inzwischen geschehen. Reizvoll ist nicht ganz das richtige Wort. Hätte er doch den Polizeipräsidenten Roms besucht und sein honneurs gemacht bevor er Canova aufsuchte! Da hätte er sich den ganzen russischen Winter sparen können.

Das beste Buch zu Thorvaldsen ist der 756-seitige Katalog Künstlerleben in Rom. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde aus dem Jahre 1991. Es gibt noch Restexemplare bei Amazon ab 19,97 €.

Donnerstag, 18. November 2010

David Wilkie


Also wenn Sie so richtig schön modern wohnen wie hier, dann muss es natürlich ein David Wilkie sein, der da auf die weisse Projektionsfläche gehängt wird. Das Bild (The Chelsea Pensioners Reading the Gazette of the Battle of Waterloo) zeigt die Veteranen in draussen vor dem Haus, die die Nachricht vom Sieg Wellingtons bei Waterloo erfahren. Von dem Bild war man in England 1822  begeistert. Offensichtlich heute immer noch, man kann es in allen Größen (meistens made in China) als Kopie kaufen, wird wahrscheinlich nach Quadratmetern berechnet. Als der Schotte David Wilkie bei seinen historischen und Genrebildern angekommen ist - und das ist es ja, was sich in England im 19. Jahrhundert verkauft - hat man längst vergessen lassen, wie gut er am Anfang seiner Karriere war.

Damit meine ich so etwas, dieses Selbstportrait, das er mit zwanzig Jahren gemalt hat. Altmeisterlich, ein touch von Rembrandt, hat auch auch ein wenig von Sir ➱Thomas Lawrence. Dessen Nachfolger als Hofmaler wird er eines Tages werden, geadelt wird er auch. Es hat allerdings etwas gedauert, angeblich hatte in der Royal Academy nur sein Freund William Collins für ihn gestimmt. Collins ist ein Landschaftsmaler, der eigentlich technisch gut ist, aber sich schnell an den süßlich-sentimentalen Zeitgeschmack des Jahrhunderts anpasst. Und dann solche Bilder wie Rustic Civility von 1833 produziert.

Das kommt beim Publikum gut an - Kinder kommen ja immer gut an -  ein Indiz dafür ist, dass seine Bilder am Ende des Jahrhunderts höhere Preise im Kunsthandel erbringen als die Bilder von Constable und Turner. Manche Bilder sind so beliebt, dass er sie mehrfach malen muss. Auch dieses, das Original hatte der Herzog von Devonshire gekauft, aber der Sammler ➱John Sheepshanks wollte unbedingt eine Kopie haben. Die hängt heute im Victoria und Albert Museum, weil Sheepshanks seine riesige Gemäldesammlung 1857 dem Museum geschenkt hatte. Und wenn Sie jetzt fragen, worin die rustic civility des Bildtitels besteht, und Sie keinerlei Höflichkeit in dem Bild entdecken können, dann achten Sie doch einmal auf den Schatten im Vordergrund. Das ist der Schatten eines Reiters, die kiddies haben ihm höflicherweise das Tor aufgemacht, damit er nicht vom Pferd abzusteigen braucht.

William Collins wird seinen Sohn nach seinem Freund Wilkie nennen, ➱Wilkie Collins. Der wird kein Maler, der wird auch nicht in den Teehandel gehen, wie sein Vater das gerne hätte, der wird Schriftsteller. Er schreibt auch 1848 eine Biographie über seinen Vater Memoirs of the Life of William Collins, Esq., R.A. und wird einer der berühmtesten und beim Publikum beliebtesten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Er erfindet, wenn man so will, mit The Moonstone den englischen Detektivroman. Auf jeden Fall ist T.S. Eliot dieser Meinung gewesen, als er den Roman the first, the longest, and the best of modern English detective novels.. in a genre invented by Collins and not by Poe nannte. Da wird niemand widersprechen, der Wilkie Collins gelesen hat (The Woman in White ist auch sehr zum empfehlen). Collins ist, im Gegensatz zu seinem Freund Charles Dickens, schnell in Vergessenheit geraten, weil seine Romane immer weniger Spannung und immer mehr soziale Anliegen enthielten. So dass der Dichter Charles Algernon Swinburne spotten konnte What brought good Wilkie's genius nigh perdition? Some demon whispered - 'Wilkie! have a mission. Aber er wird eine Renaissance erleben, nicht zuletzt wegen T.S. Eliot.

Bei uns in Deutschland ist es Arno Schmidt gewesen, der Collins aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat. Durch seinen Essay Der Titel aller Titel! (in Der Triton mit dem Sonnenschorm: Großbritannische Gemütsergetzungen) und die Übersetzung von The Woman in White. Allerdings muss man dazu sagen, dass dies nicht die erste deutsche Übersetzung war. Schon 1862 war er von einem gewissen Dr. C. Büchele übersetzt worden (der auch die damals berühmte schwedische Erfolgsautorin Marie Sophie Schwartz übersetzte), und 1891 erschien eine zweite Übersetzung von Marie Scott bei Karl Prochaska in Wien (die man noch antiquarisch finden kann). Arno hat diese Übersetzungen angeblich nicht gekannt. Was ich bei seiner penetranten philologischen Besserwisserei nicht so ganz glauben kann. Aber sei es wie es sei, die Übersetzung von The Woman in White wurde zu einem Bestseller in Deutschland. Man kann ihn immer noch im Buchhandel erhalten und lesen. Aber ich finde, wenn man Wilkie Collins noch gar nicht kennt, dann sollte man mit The Moonstone anfangen, es ist der bessere Roman. Und wenn Sie eine deutsche Wilkie Collins Fanpage brauchen, dann klicken Sie hier.

Außer dem Namen hat Wilkie Collins nichts von David Wilkie, und das ist auch gut so. Der Schotte war nämlich ziemlich langsam im Kopf. Der hätte niemals in seinem Leben 30 Romane, mehr als 60 short stories und 14 Theaterstücke (davon eins in Zusammenarbeit mit Dickens) fertig gekriegt. Er liebte zwar das gesellige Beisammensein mit anderen Malern, verstand aber ihre Witze und Anspielungen meistens erst sehr viel später. Wilkie's mind was very slow, but fixed itself pertinaciously on any subject, and this led him to brood on whatever struck him. Like all Scotsmen, he was not alive to pun or equivoque. We have heard Sir Augustus Wall Calcott tell curious stories of his lack of readiness, schreiben Richard und Samuel Redgrave in A Century of British Painters. Und dann erzählen sie natürlich eine Geschichte, wo Wilkie erst auf dem Nachhauseweg die Pointe einer Geschichte begreift, die Stunden vorher erzählt wurde. Der Designer und Maler Richard Redgrave, R.A., hat zusammen mit seinem älteren Bruder Samuel diese Geschichte der englischen Kunst 1866 veröffentlicht. Es ist eins der erstaunlichsten Bücher zur englischen Kunst, das mit Hogarth, Reynolds und Gainsborough beginnt und mit William Dyce endet. Viele der Maler haben die beiden Brüder noch persönlich gekannt, und man muss ihnen lassen, dass viele ihrer Urteile auch nach beinahe anderthalb Jahrhunderten noch Bestand haben. Der Kunstverlag Phaidon hat das Buch in der Reihe Landmarks of Art History 1947 wieder auf den Markt gebracht, 1981 gab es eine zweite Auflage. Es ist immer noch lieferbar, bei Amazon neu für 45,99 und gebraucht ab 4,12 €. Wer sich für die englische Kunst in ihrer großen Zeit interessiert, sollte sich diese kuriose Goldmine der Information nicht entgehen lassen. Und natürlich bekommt Sir David Wilkie darin ein ganzes Kapitel.

Und hier präsentiere ich zum Schluss noch ein Bild von Sir David Wilkie, das eigentlich erstaunlich ist. Und zeigt, dass er das Malen noch nicht verlernt hat. Bei George IV hatte er sich ja mit diesem idealisierten Portrait mit der schottischen Verkleidung eingeschleimt, aber seinen Nachfolger William IV, den hat er kurz vor seinem Tod aufregend modern gemalt (vergleichen Sie das Bild einmal mit diesem hier). Das ist nicht mehr geschönt, wie die vielen anderen Bilder, die Wilkie von William IV angefertigt hat. Das könnte Jahrzehnte später von John Singer Sargent oder Anders Zorn gemalt worden sein. Hier ist der Sailor King (er hatte mehr als die Hälfte seines Lebens bei der Royal Navy verbracht und konnte fluchen wie ein Matrose) nicht hinter Roben versteckt, hier ist er ganz er selbst.

Mittwoch, 17. November 2010

Charles Mackerras


Er wäre heute 85 geworden, aber er ist leider schon vor einigen Monaten gestorben. Er hat lange im Stillen gewirkt, falls man das von Dirigenten sagen kann, bevor er weltberühmt wurde. Manche Dirigenten werden ja im Scheinwerferlicht geboren wie Karajan. Andere arbeiten sich im Verborgenen nach oben, bis sie im Alter jeder liebt, wie Günter Wand. Wenn man Dirigent eines Rundfunkorchesters ist (wie Schmidt-Isserstedt und Wand beim NDR) wird man immer etwas scheel angeguckt. Wenn man ein eigenes Flugzeug hat, eine Segelyacht, Sportwagen und ein Model als Frau, dann ist man ein richtiger Dirigent. Oder wenn man einen roten Frack hat.

Das alles hat Sir Charles Mackerras nie gehabt. He really was egoless, hat der schottische Dirigent Douglas Boyd (der wie Mackerras als Oboist begonnen hatte) nach seinem Tod über ihn gesagt. Aber wenn er auch kein ausgeprägtes Ego wie Karajan hatte, die Autorität hatte er immer. Er hat auch beharrlich etwas begonnen, was heute überall gemacht wird und wofür andere berühmt geworden sind. Wie zum Beispiel Nikolaus Harnoncourt. Einspielungen mit Originalinstrumenten, die Suche nach dem Originalklang. Er hat gerne mit dem Orchestra of the Age of Enlightment zusammen gearbeitet. Allerdings ist er auf der Suche nach dem Originalklang nie so dogmatisch verbissen gewesen wie Harnoncourt. 1959 hatte er Händels Feuerwerksmusik in der ursprünglich vorgesehenen Besetzung von 24 Oboen eingespielt. Wenn man Oboe gelernt hat, muss man so etwas einfach mal machen. 1965 kam Le nozze di Figaro in Sadler's Wells in einer viel beachteten Inszenierung auf die Bühne, philologisch genau nach der Originalpartitur und mit den Appoggiaturen aus der Konvention des 18. Jahrhunderts.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war er zum Studium nach Prag gegangen und hatte Janácek neu entdeckt. Die lieben ihn da heute noch. Mit dem Prager Kammerorchester hat er alle 41 Mozart-Symphonien eingespielt. Und als 1991 das Prager Ständetheater frisch  renoviert eröffnet wurde, da durfte die Don Giovanni Aufführung am Ort der Uraufführung (damals mit Mozart als Dirigent) natürlich niemand anderer dirigieren als der frischgebackene Prager Ehrenbürger Mackerras. Mit dem Orchester, Chor und Ballet des Nationaltheaters Prag am 200. Todestag Mozarts. Vaclav Havel war auch da. Es gibt davon eine DVD, die zum Billigpreis bei Amazon verhökert wird. Und wenn man auch keinen der Sänger kennt, die Aufführung ist einfach nur schön, weil sie einen für zweieinhalb Stunden ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Das hat ihm an diesem historischen Ort mit einer schön altmodischen Inszenierung auch besser gefallen, als wenn er Opern dirigieren musste, bei denen das so genannte Regietheater eine schrill modernistische Inszenierung auf die Bühne brachte. Er war das irgendwann leid und hat sich ein Mitspracherecht bei Operninszenierungen ausbedungen. Die Mäuse (oder waren es Ratten?), die es in diesem Jahr in Bayreuth auf der Bühne gab, hätten ihm bestimmt nicht gefallen.

Die englische Königin hat Charles Mackerras 1979 geadelt und ihn 2003 zum Companion of Honour ernannt. Er war der erste Nicht-Engländer, der die Last Night of the Proms dirigieren durfte. Sein Heimatland Australien hat ihn natürlich auch nicht vergessen, er dirigierte die Eröffnung der neugebauten Oper von Sidney. Als Alfred Brendel zu letzten Mal auftrat, dirigierte Mackerras die Wiener Philharmoniker bei Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 271. Es soll nach Meinung der Kritiker eine Sternstunde gewesen sein. Musikalisch sicher, sartorial auf keinen Fall.

Mackerras hatte es sich im Alter angewöhnt, anstelle einer weißen Weste zum ➱Frack einen weißen Cummerbund zu tragen (Brendel übrigens auch). Und das gehört sich nun wirklich nicht. Wenn man schon einen Frack trägt - und nicht diese seltsamen schwarzen Mao Jäckchen, das neuerdings viele Dirigenten tragen - dann muss man dazu auch eine weiße Weste tragen. Punktum.

Oder man trägt wie Mozart einen roten Frack. Brendel hat wenig später über Mackerras gesagt: Schon in jungen Jahren hatte ich den Eindruck, der sogenannte Altersstil sei ein Kompromiss mit der Arthritis: Ein Musiker, der sich nach siebzig seinen natürlichen Schwung bewahrt hat, ist also selten. Unter den Dirigenten nenne ich als erstaunliche Beispiele Claudio Abbado und Charles Mackerras. Das haben viele, die mit ihm zusammengearbeitet haben, ähnlich gesagt. Obgleich er sichtbar älter wurde, behielt er doch bis zu seinem Ende auf musikalischem Gebiet seinen Schwung und ein jugendliches Feuer. Oder, wie es der englische Musikkritiker Barry Millington in seinem Nachruf im Guardian formulierte: Mackerras might have been made for the role of spry octogenarian: he certainly inhabited it with all the zestful vitality that characterised his entire career.

Und zum Andenken an den ehemaligen Oboisten des Sydney Symphony Orchestra habe ich noch ein kleines Gedicht von Laurence McKinney, das Oboe heißt:

Hard to pronounce and play, the OBOE--
(With cultured folk it rhymes with
"doughboy"
Though many an intellectual hobo
Insists that we should call it oboe)
However, be that as it may,
Whene'er the oboe sounds its A
All of the others start their tuning
And there is fiddling and bassooning.
Its plaintive note presaging gloom
Brings anguish to the concert room,
Even the player holds his breath
And scares the audience to death
For fear he may get off the key,
Which happens not infrequently.
This makes the saying understood:
"It's an ill wood wind no one blows good."


Es ist aus dem Gedichtband People of Note, der wirklich sehr witzig ist, wie man an dieser Buchseite sehen kann.

Dienstag, 16. November 2010

Clark Gable


My dear, I don't give a damn, sagt Rhett Butler in Gone With the Wind. Im Roman sagt er es lightly but softly und lässt Scarlett O'Hara allein zurück. Der Drehbuchautor, einer der vielen (auch Fitzgerald hat sich ja einige Wochen an dem Skript versucht), hat noch ein Wort hinzugefügt, so dass Clark Gable im Film jetzt Frankly, my dear sagt. Nach dem Film ist er der berühmteste Mann Hollywoods. Das war er am Anfang seiner Karriere noch nicht. His ears are too big and he looks like an ape, sagt der Chef von Warner Bros. Darryl F. Zanuck nach einem screen test. Aber dennoch wird das Publikum ihn lieben, vor allem die Frauen. Und wenn er erst in It Happened One Night sein Oberhemd auszieht! Und kein Unterhemd darunter trägt!

Die Verkäufe von U-Hemden gehen in den USA schlagartig zurück, kein Witz. Claudette Colbert mag da ja gar nicht hingucken, wie shocking. Aber dann guckt sie doch ein bisschen. Und ganz Amerika auch. Clark Gable bekommt einen Oscar, für Gone With the Wind bekommt er zu aller Überraschung keinen der zehn Oscars, die der Film erhält. Obgleich er dafür nominiert war. Und ihn eigentlich auch verdient hätte. Im gleichen Jahr hat er seine Kollegin Carol Lombard geheiratet. Die nächsten Jahre sind die glücklichste Zeit seines Lebens. Als Lombard 1942 bei einem Flugzeugabsturz stirbt, ist Clark Gable verzweifelt und weiß mit seinem Leben nichts mehr anzufangen. Er meldet sich freiwillig zum Army Air Corps, obgleich er eigentlich viel zu alt dafür ist. Er beginnt als einfacher Soldat, aber er ist wohl der einzige Private in (von den Schneidern des MGM Studios) maßgeschneiderten Uniformen. Beim Kriegsende wird er als Major in allen Ehren entlassen. Seine Entlassungspapiere werden von einem Captain namens Ronald Reagan unterzeichnet.

Auf dem Photo hier sehen wir zwei Schauspieler in Uniform. James Stewart wird es im Krieg in vier Jahren vom einfachen Soldaten zum Colonel bringen (in den fünfziger Jahren macht man ihn noch zum Brigadegeneral), einer der wenigen Amerikaner, dem eine solche Karriere gelingt. Das liegt weniger an seinem Hollywood Starstatus als an der Tatsache, dass er seit 1935 einen Pilotenschein besitzt und bei Kriegbeginn schon hunderte von Flugstunden als Pilot vorweisen kann. Trotzdem hat er wie Gable Schwierigkeiten, überhaupt genommen zu werden. Andere, wie John Wayne, bemühen sich erst gar nicht. Manche Schauspieler, die hinterher harte Helden spielen, waren im Krieg wirklich tough. So wie Lee Marvin bei den Marines mit einem Purple Heart ausgezeichnet oder Audie Murphy, der am höchsten dekorierte Soldat der US Army. Wenn Sie wissen wollen, was Hollywoods Helden im Krieg gemacht haben, dann klicken Sie hier.

Nach dem Krieg bekommt er nicht mehr diese Traumrollen, die er vorher hatte. Er trinkt zu viel und wird fett, was er mit Diäten und Drogen bekämpft. Über John Fords Mogambo (sicherlich der schwächste John Ford Film) schrieb das Berliner Filmecho 1954: Man ist geneigt, die sich ergebenden Situationen mit gelindem Spott zu beschreiben, und damit der Heiterkeit Ausdruck zu geben, die des öfteren auch das Berliner Premieren-Publikum erfüllte, angesichts der sich bei Löwenfauchen und Gorillagebrüll abwickelnden Liebesgeschichten. Aber Gable, schon erkennbar übergewichtig, passt in seine Rolle. Ava Gardner erst Recht. Und dann gibt es ja noch als Zugabe Grace Kelly. Clark Gable ist immer gut, wenn er schöne Frauen an seiner Seite hat. So auch in seinem letzten Film, bei dem er die Premiere nicht mehr erlebt hat. Obgleich er das gehasst hat, wie die beiden Diven Marilyn Monroe und Montgomery Clift ihre psychologischen Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten ausgelebt haben. Aber es ist einer seiner besten Filme geworden, weil er jetzt im Alter ganz er selbst sein kann.

Er hat zahlreiche Frauen gehabt, und die Regenbogenpresse hat da auch noch einiges hinzu getan. In der Art von Leporellos Ma in Spagna son gia` mille e tre. Manche seiner Filmpartnerinnen mochten ihn nicht. So Vivien Leigh über die Filmküsse in GWW Kissing Clark Gable in 'Gone With the Wind' was not that exciting. His dentures smelled something awful. Und er kommt auch nicht bei allen Frauen an. Ich hatte mal eine Kollegin, die über ihn sagte, er hätte so große Ohren, dass man den Feuerschein des brennenden Atlantas in Gone With the Wind durch sie hindurch sehen könnte. Es stimmt natürlich nicht, gucken Sie beim nächsten Mal, wenn Sie den Film sehen, genau hin! Aber lassen wir doch diese kleinliche Kritik beiseite und geben lieber Doris Day das letzte Wort: He was as masculine as any man I've ever known, and as much a little boy as a grown man could be – it was this combination that had such a devastating effect on women.

Clark Gable ist heute vor 50 Jahren gestorben. Wir behalten ihn so in der Erinnerung, wie er Frankly, my dear, I don't give a damn sagt.

Montag, 15. November 2010

Sam Waterston


In my younger and more vulnerable years my father gave me some advice that I’ve been turning over in my mind ever since.“Whenever you feel like criticizing any one,” he told me, “just remember that all the people in this world haven’t had the advantages that you’ve had.”He didn’t say any more, but we’ve always been unusually communicative in a reserved way, and I understood that he meant a great deal more than that. In consequence, I’m inclined to reserve all judgments, a habit that has opened up many curious natures to me and also made me the victim of not a few veteran bores. The abnormal mind is quick to detect and attach itself to this quality when it appears in a normal person, and so it came about that in college I was unjustly accused of being a politician, because I was privy to the secret griefs of wild, unknown men. Most of the confidences were unsought — frequently I have feigned sleep, preoccupation, or a hostile levity when I realized by some unmistakable sign that an intimate revelation was quivering on the horizon; for the intimate revelations of young men, or at least the terms in which they express them, are usually plagiaristic and marred by obvious suppressions. Reserving judgments is a matter of infinite hope. I am still a little afraid of missing something if I forget that, as my father snobbishly suggested, and I snobbishly repeat, a sense of the fundamental decencies is parcelled out unequally at birth.

Nein, keine Angst, ich mache jetzt nicht das, was Andy Kaufmann gemacht hat und lese Ihnen den ganzen Great Gatsby vor. Der Anfang ist ja auch etwas abschreckend. Fitzgerald versucht hier sein Idol Joseph Conrad zu imitieren und seinen Erzähler Nick Carraway als eine moralische Instanz zu etablieren. So, wie Conrad das mit seiner Figur Charles Marlowe macht. Fitzgerald hat Conrad immer  bewundert. Einmal hat er nachts auf dem Rasen des Doubleday Estate in Oyster Bay (Long Island) getanzt, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit Joseph Conrads auf sich ziehen zu können, der bei seinem Verleger zu Gast war. Aber Conrad hat fest geschlafen, und der betrunkene Fitzgerald wurde vom Gutsverwalter unsanft vom Grundstück entfernt.

Eigentlich beginnt der Roman an dem Punkt, wenn der Erzähler sagt: Across the courtesy bay the white palaces of fashionable East Egg glittered along the water, and the history of the summer really begins on the evening I drove over there to have dinner with the Tom Buchanans. Daisy Buchanan ist eine entfernte Verwandte, und Nick fährt mit seinem alten Dodge zu den reichen Verwandten.

Und an der Stelle macht Fitzgerald etwas, was man nur als brillantes cinematic writing bezeichnen kann: And so it happened that on a warm windy evening I drove over to East Egg to see two old friends whom I scarcely knew at all. Their house was even more elaborate than I expected, a cheerful red-and-white Georgian Colonial mansion, overlooking the bay. The lawn started at the beach and ran toward the front door for a quarter of a mile, jumping over sun-dials and brick walks and burning gardens — finally when it reached the house drifting up the side in bright vines as though from the momentum of its run. The front was broken by a line of French windows, glowing now with reflected gold and wide open to the warm windy afternoon, and Tom Buchanan in riding clothes was standing with his legs apart on the front porch. Der Regisseur einer Great Gatsby Verfilmungen brauchte sich nur an diese Beschreibung zu halten. Das tut der in Amerika überforderte Engländer Jack Clayton aber nicht, der hält sich auch nicht an das intelligente Drehbuch, das ihm der junge Francis Ford Coppola geschrieben hat. Er lässt Nick Carraway mit einem Motorboot über die Bucht kommen. Und dazu einen Erzähler im off (muss ich jetzt extradiegetische Narration sagen oder kann ich mir das sparen?) den Anfang des Roman aufsagen. Aber sehen Sie ➱hier selbst.

Das Einzige, was hier stimmt, ist Sam Waterston. Der wird heute siebzig, und dazu gratuliert Jay ganz herzlich. Dies war sein bester Film (Rancho Deluxe ist eigentlich auch ganz gut, aber über den redet ja niemand mehr), Nick Carraway war das Beste, was diesem Film passieren konnte. Alle unbekannten Darsteller spielten die Stars an die Wand, Sam Waterston als Nick Carraway, Bruce Dern als Tom Buchanan und Karen Black als Myrtle Wilson. Wenn Sie mich fragen, was dieses Photo hier soll: das ist ein Außenbordmotor aus dem Jahre 1925. Sieht der an dem Boot von Sam Waterston so aus? Nein, weil er nicht aus dem Jahre 1922 ist (in dem Jahr spielt The Great Gatsby). Selbst wenn der Johnson, der 1925 auf den Markt kommt, leichter ist als ein ELTO oder Evinrude, dies ist ein moderner Außenborder. Und ein Georgian Colonial mansion (ein Symbol, für altes Geld) ist das Haus der Buchanans auch nicht. Und der Anzug stimmt auch nicht, es gibt 1922 keine so engen Hosen. Man hätte nicht Ralph Lauren mit den Kostümen beauftragen sollen, sondern sich wirkliche Fachleute nehmen sollen. Sagt Anne Hollander in The Gatsby Look and other Costume Blunders. Nix ist authentisch, alles ist aus der Retorte von Hollywoods Kostümfundus. Andererseits, die Automobile sind alle echt, von amerikanischen Millionären unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Es gibt einige große Momente in dem Film von 1974. Wenn Sam Waterston das Wohnzimmer der Buchanans betritt, fängt die Kamera für einen Augenblick diese Stimmung von Fitzgeralds Roman ein: We walked through a high hallway into a bright rosy-colored space, fragilely bound into the house by French windows at either end. The windows were ajar and gleaming white against the fresh grass outside that seemed to grow a little way into the house. A breeze blew through the room, blew curtains in at one end and out the other like pale flags, twisting them up toward the frosted wedding-cake of the ceiling, and then rippled over the wine-colored rug, making a shadow on it as wind does on the sea.
       The only completely stationary object in the room was an enormous couch on which two young women were buoyed up as though upon an anchored balloon. They were both in white, and their dresses were rippling and fluttering as if they had just been blown back in after a short flight around the house. I must have stood for a few moments listening to the whip and snap of the curtains and the groan of a picture on the wall. Then there was a boom as Tom Buchanan shut the rear windows and the caught wind died out about the room, and the curtains and the rugs and the two young women ballooned slowly to the floor.

Sam Waterston ist wie Nick Carraway ein Produkt der amerikanischen upper middle class. Er kommt jedoch nicht aus dem Mittleren Westen (wie alle Romanfiguren in The Great Gatsby) sondern aus Neuengland. Vornehme Familie, vornehme prep school (Groton), vornehme Universität (Yale). Passt alles zu Fitzgeralds Nick Carraway, nur dass der in Princeton war. Fitzgerald auch, ist da aber rausgeflogen. Mit einem solchen Bildungsgang landet man normalerweise im Außenministerium (er hat unter anderem Französisch studiert) oder bei der CIA. Ich dachte zuerst, dass Waterston der einzige Yale Absolvent im amerikanischen Film ist - Tommy Lee Jones war in Harvard - habe mich aber auf dieser ➱Seite belehren lassen müssen, dass man neuerdings von Yale direkt auf die Leinwand kommen kann.

Auf diesem Photo ist er noch ganz jung. Da interessiert er den Zuschauer auch gar nicht, weil wir alle nur auf das Schnuckelchen ➱Charlotte Rampling gucken. Sam Waterston stand von Kindesbeinen an auf der Bühne. Er hat auch im Theater angefangen, bevor er einige kleine Rollen in Filmen bekam. Aber  so richtig tolle Rollen wie in The Great Gatsby hat er eigentlich nie wieder bekommen, Bruce Dern schon. Eigentlich ist er Amerikas berühmtester Nebendarsteller. Vielleicht hätte er nach Europa gehen sollen, um gute Rollen zu finden. Bekannt geworden ist er uns allen als Staatsanwalt Jack McCoy in der Serie Law & Order, wo er von 1994 bis 2010 in 368 Episoden auftrat. Wenn man in solchen Serien landet, ist die Karriere eigentlich zu Ende. Aber man verdient da viel Geld.

Sam Waterston tut viele gute Werke und lebt ein Leben ohne Skandale. Seit 1976 ist er in zweiter Ehe mit dem Model Lynn Woodruff verheiratet. Im Model Business war er auch mal ganz kurz, als er in den Siebzigern diese schrecklichen Klamotten für Mademoiselle angezogen hat. Aber kurz danach bekam er andere Sachen von Ralph Lauren angezogen und war berühmt, weil er Nick Carraway war. Manchmal denke ich, er sollte auf die Bühne gehen und wie Andy Kaufmann den ganzen Great Gatsby vorlesen. In my younger and more vulnerable years....

Wenn man aus Neuengland kommt und in Groton und Yale war, ist man nicht dazu geboren Bösewichte zu spielen. Dann spielt man im Alter Jefferson und Lincoln. Wenn man ein intelligent, introspective leading man of the American stage and screen (so Ephraim Katz in seiner Film Encyclopedia), kann man in Amerika nichts werden. Wenn man nicht intelligent und introspective ist, dann schon.

Das Bild mit dem dramatischen Wolken ist von dem amerikanischen Maler Thomas Moran, im 19. Jahrhundert auf Long Island gemalt, als dies noch nicht die Insel von ash-heaps and millionaires war (so ein Titelentwurf von Fitzgerald für seinen Roman). Man kann sich heute den Film von 1974 mit einer gewissen Nostalgie anschauen und ihn irgendwie schon wieder gut finden. Man bekommt ihn preiswert auf DVD. Es wurden schlechtere Literaturverfilmungen nach 1974 gedreht. Aber was Tennessee Williams dazu bewogen hat zu sagen: Jack Clayton... made of the The Great Gatsby a film that even surpassed, I think, the novel by Scott Fitzgerald, das weiß ich wirklich nicht. Doch eigentlich braucht man keine Verfilmung von The Great Gatsby, der Roman ist Film genug. Filmische Szenenanweisungen bis zum Schluss:

On the last night, with my trunk packed and my car sold to the grocer, I went over and looked at that huge incoherent failure of a house once more. On the white steps an obscene word, scrawled by some boy with a piece of brick, stood out clearly in the moonlight, and I erased it, drawing my shoe raspingly along the stone. Then I wandered down to the beach and sprawled out on the sand.
   Most of the big shore places were closed now and there were hardly any lights except the shadowy, moving glow of a ferryboat across the Sound. And as the moon rose higher the inessential houses began to melt away until gradually I became aware of the old island here that flowered once for Dutch sailors’ eyes — a fresh, green breast of the new world. Its vanished trees, the trees that had made way for Gatsby’s house, had once pandered in whispers to the last and greatest of all human dreams; for a transitory enchanted moment man must have held his breath in the presence of this continent, compelled into an aesthetic contemplation he neither understood nor desired, face to face for the last time in history with something commensurate to his capacity for wonder.
   And as I sat there brooding on the old, unknown world, I thought of Gatsby’s wonder when he first picked out the green light at the end of Daisy’s dock. He had come a long way to this blue lawn, and his dream must have seemed so close that he could hardly fail to grasp it. He did not know that it was already behind him, somewhere back in that vast obscurity beyond the city, where the dark fields of the republic rolled on under the night.
   Gatsby believed in the green light, the orgastic future that year by year recedes before us. It eluded us then, but that’s no matter — to-morrow we will run faster, stretch out our arms farther. . . . And one fine morning ——
   So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.











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