Donnerstag, 31. Mai 2018

Big Ben


Am 31. Mai 1859 konnte man die Glocke, die Big Ben heißt, zum ersten Mal in London hören. Heute nennt jedermann den Glockenturm Big Ben, aber es ist nur die Glocke, die so heißt. Wir merken uns das mal mit dieser wunderbaren Geschichte, die sich in Tom Stoppards Theaterstück Dirty Linen & New-found-land findet. Diese kleine Geschichte aus dem Stück möchte ich doch mal eben zitieren. Es redet da ein gewisser Bernard, ein Beamter des Home Office:

Lloyd George once asked me whether it was possible to see Big Ben from the upstairs window. I said that it was not. `Surely you are wrong,’ he said, ‘are you absolutely certain?’ ‘Absolutely certain, Prime Minister.’ He replied that he found it difficult to believe and would like to see for himself. I assured him that there was no need. The fact was, my mother was upstairs in bed making out her dinner table: she had the understandable, though to me unwelcome, desire to show me off during my leave. Lloyd George pressed the point, and finally said, ‘I will bet you £5 that I can see Big Ben from Marjorie’s window.’ ‘Very well,’ I said, and we went upstairs. 

I explained to my mother that the Prime Minister and I had a bet on. She received us gaily, just as though she were in her drawing room, Lloyd George went to the window and pointed. ‘Bernard,’ he said, ‘I see from Big Ben that it is four minutes past the hour. The £5 which you have lost,’ he continued, ‘I will spend on vast quantities of flowers for your mother by way of excusing this intrusion. It is a small price to pay,’ he said, ‘for the lesson that you must never pit any of the five Anglo-Saxon senses against the Celtic sixth sense.’ ‘Prime Minister,’ I said, ‘I’m afraid Welsh intuition is no match for English cunning. Big Ben is the name of the bell, not the clock.’ He paid up at once. . . and that was a fiver which I can tell you I have never spent.

Der gute Bernard hat sich sein Leben lang nicht gefragt, wieso der Premierminister das Schlafzimmer seiner Mutter kannte.

Tissot


Irgendwie ist das ja immer noch ein cooles Teil, meine alte Tissot Seastar Seven Visodate. Sie hatte mal ein Metallband, jetzt hat sie ein Krokoband. Man kann den Boden nicht aufschrauben, das Gehäuse ist aus einem Stück. Wenn man an das Werk will, muss man mit einem →Spezialöffner das Plexiglas abnehmen, diese Konstruktion garantierte, dass die Uhr wasserdicht war. Tissots Schwesterfirma Omega hatte damals das Modell Seamaster, Tissot die Seastar. Die Erwähnung des Meeres musste sein, auch wenn die meisten Besitzer einer solchen Sportuhr sie nie den salzigen Fluten aussetzten. Bevor die Seastar auf den Markt kam, bot Tissot als Sportuhr das Modell Camping an (und in den 40er Jahren gab es schon eine →Aquasport), eine robuste Uhr mit dem unverwüstlichen 27er Kaliber.

Tissot hatte damals noch eine andere wasserdichte Uhr im Programm, das Modell hieß T12. Das T stand für Tissot, das 12 für 120 Meter. Wenn Schweizer Firmen 120 Meter garantierten, dann war die Uhr wirklich wasserdicht. Ansonsten besagen diese Zahlen auf dem Zifferblatt wenig, wenn da 30 Meter steht, dann darf man sich mal gerade mit der Uhr die Hände waschen. Auf dem Boden der Seastar steht waterproof, und das war sie wirklich, da ich jahrelang mit ihr geschwommen bin. Was das Symbol auf dem Rückboden bedeutet, weiß ich nicht. Es könnte etwas Bootsähnliches sein. Beim Modell T12 ist eine Art spanischer Galeone auf dem Boden, könnte auch das Flaggschiff von Christoph Kolumbus sein.

Die außergewöhnliche Wassersportwelle und das große Interesse für das Fischen und Tauchen im Meer haben die Fabrik Tissot dazu veranlasst, eine Uhr zu etwickeln, welche die strengsten Anforderungen unter verschiedensten zeitlichen, örtlichen und beruflichen Bedingungen erfüllt, schrieb Tissot 1956 in einem Prospekt anläßlich der Lancierung des T12 Modells.

Zur Konfirmation hatte ich, wie Millionen aus meiner Generation, eine Junghans bekommen. Das Armband war aus Nylon und wurde unter der Uhr durchgezogen. Man konnte es jede Woche waschen, das war praktisch. Ich hätte die →Junghans wahrscheinlich heute noch, wenn sie nicht in einem →Bundeswehrmanöver unter einen Panzer gekommen wäre. Glücklicherweise war mein Arm nicht dran. Als ich Leutnant wurde, schenkten mir meine Eltern zu Weihnachten die Tissot Seastar Seven, automatisch und wasserdicht, sozusagen state of the art. Sie hat mich nie im Stich gelassen. Sie hat in den siebziger Jahren mal den Großbaum unseres Congers bei einem verunglückten Wendemanöver abbekommen. Seitdem sitzt das Werk etwas schief im Gehäuse, jeder Uhrmacher weist mich darauf hin. Macht aber nix, sie geht nach 50 Jahren immer noch zuverlässig.

Auf die Marke Tissot, die im 19. Jahrhundert im Rußlandgeschäft groß geworden war, lasse ich nichts kommen. Meine Schwägerin gewann als junges Mädchen bei einem Tissot Preisausschreiben eine Mexikoreise, damals hatte Tissot gerade eine Fabrik in Cuautitlan in Mexiko eröffnet. Meine Schwägerin trägt aber keine Tissot. Mein Bruder hat ihr einmal eine Omega geschenkt, ist ja die gleiche Firma. Mein Bruder bekommt zum medizinischen Staatsexamen von meinen Eltern eine Rolex, gottseidank eine Explorer, ein schlichtes Modell. Hat damals achthundert Mark gekostet. Für das, was ihm die Firma Rolex beim Kundendienst in den letzten Jahrzehnten an Geld abgenommen hat, hätte er zwei Dutzend Tissot Seastars kaufen können. In Gold.

Als es Omega in den zwanziger Jahren schlecht ging, schlossen sich Tissot und Omega zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère SA (SSIH) zusammen. Madame Marie Tissot pflegte noch Jahrzehnte später im Aufsichtsrat die Vertreter der inzwischen viel mächtigeren Konzernschwester Omega daran zu erinnern, wer sie damals gerettet hatte. Die Enkelin des Firmengründers, die wie ihr Bruder Paul noch in Russland geboren wurde, hat fünfundfünfzig Jahre für die Firma gearbeitet, deren Namen sie trug. Die Firmengeschichte von Tissot kann man in dem Buch Tissot: 150 Jahre Geschichte 1853-2003 von Estelle Fallet nachlesen, ein Buch, das leider nicht an die Qualität von Marco Richons Omega Buch heranreicht.

Omega und Tissot verwendeten häufig die gleichen oder ähnliche Werke. Dies ist das erste Automatikwerk (noch eine Hammerautomatik) von Tissot, das beinahe baugleich mit dem  Omega Werk 28.10 ist. Diese Baugleichheit wird man bei Tissot bis zu den neuesten Omega Werken beibehalten. Das Tissot 2940 ist nichts anderes als das Omega 1022. Auch die Quarzwerke der beiden Firmen werden die gleichen sein. Die Werke von Tissot sehen nicht besonders schön aus, den letzten Schliff, den die Omega Werke haben, den haben sie nicht. Aber sie sind robust.

Ein Werk, das Tissot in den 70er Jahren auf den Markt brachte, hat Omega nicht gebaut. Das ist das Kaliber 2250, beinahe nur Plastik. Lief unter dem Namen Astrolon und Sytal (Systeme Total d'Autolubrification). Hatte keine lange Lebensdauer. Die goldenen Taschenuhren, die die Tissots im 19. Jahrhundert dem russischen Zaren lieferten, können heute noch gehen (Tissot hat solche Uhren als Replikat wieder aufgelegt), ein Astrolon Werk aus den 7oer Jahren geht heute bestimmt nicht mehr. Mein Nachbar Uli hat mal versucht, seins zu reparieren. Zu dem Ergebnis sage ich lieber nichts.

Tissot hatte noch eine Sportuhrenlinie, die PR 516 hieß, Seamaster stand da auch häufig noch auf dem Zifferblatt. Was PR 516 bedeutet, weiß niemand so recht, das PR kann für präzise und robust oder particulièrement robuste stehen. Dies hier ist eine PR 516 GL, ein wunderbares 70er Jahre Monster. Man kann mit einem Blick sehen, dass zwischen Zifferblatt und Gehäuse ein Spalt ist. Das Zifferblatt (mit dem Werk) stößt also nicht ans Gehäuse. Diese Entkoppelung von Werk und Gehäuse finden wir in den 70er Jahren bei Sportuhren häufig, so zum Beispiel in der →IWC Yacht Club oder der →Zenith Defy. Aber man konnte eine solche Konstruktion auch schon preiswerter in der Junghans Trilastic bekommen.

Auch unter der Bezeichnung Seastar lief dieses Modell, das aber keine Verzierungen auf dem Stahlschraubboden hatte. Es war ein Chronograph (Handaufzug), in dem das Tissot Kaliber 872 tickte. Was nichts anderes als das Lemania 1277 war. Der Chronospezialist Lemania war 1930 zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère gekommen und versorgte seitdem Omega und Tissot mit Chronographenwerken.

Mein Chrono hat ein schönes Edelstahlband, und man muss sagen, dass Tissot in den sechziger und siebziger Jahren hrvorragende Armbänder hatte (bei der T12 kamen die sogar von Gay Frères). Ich kannte einen Rolex Besitzer, der seine →Rolex mit einem Tissot Band versehen hatte. Sah beinahe so aus wie ein Rolex Band, war aber qualitativ besser. Über die Jahre habe ich eine schöne kleine Tissot Sammlung zusammengetragen. Was mir fehlt, ist diese rechteckige Uhr aus den dreißiger Jahren. 

Aber da ich so viele rechteckige Uhren habe - unter anderem zwei rechteckige Moeris - ist das nicht so schlimm. Meine eine Moeris hat ein gutes Zifferblatt, die andere hat eine Stoßsicherung. Moeris war eine der ersten Firmen, die in den 1930er Jahren Incabloc Stoßsicherungen und Glucydurunruhen einbaute. Die Firma Moeris erwähne ich deshalb, weil ich dadurch einen schönen Übergang zu den Taschenuhren von Tissot bekomme, denn Tissot hat Moeris Anfang der siebziger Jahre gekauft. 

Die Firma von →Fritz Moeri war berühmt für ihre Taschenuhren, die im Zweiten Weltkrieg auch von der englischen Armee verwendet wurden. Moeris lieferte erstklassige Qualität, ihre Armbanduhren hatten schon in den 30er Jahren Stoßsicherung und Glucydurunruhe (die vom gleichen Hersteller kamen, der auch Eterna belieferte). Eine Armbanduhr ist berühmt beworden, als es der Firma schon schlecht ging, und sie keine Top Qualität mehr lieferte. Und das ist die James Bond Uhr, sie können Sie in dem Post →007 sehen. Die Taschenuhrproduktion - Tissot ist heute einer der wenigen Hersteller, der noch Taschenuhren anbietet - wanderte zu Moeris. Die auch eine Modellreihe mit der Bezeichnung Moeris Grand Prix offerierten, aber das hatte nichts mehr mit der Qualität zu tun, mit der Moeris einst seine Grand Prix Modelle anbot.

Sonntag, 27. Mai 2018

Jahrmarkt


In Winsen war gerade Stadtfest, in ein paar Tagen ist in meinem Heimatort Vegesack ein Hafenfest, in vier Wochen fängt hier die →Kieler Woche an. Irgendwie sind diese vielen Feste zu einer Pest geworden. Früher gab es Jahrmärkte (und das Wort sagt schon alles) am Ende des Sommers, das reichte für den Rest des Jahres. Vor allem, wenn es nach dem Marktbesuch so aussah wie auf diesem Bild von →Anders Zorn. Ich möchte Sie in dieses früher heute einmal mitnehmen. Wir blättern im Buch der Erinnerungen mal einige Seiten zurück, bis wir zu den fünfziger Jahren kommen.

Die Bremer haben ihren Freimarkt, wo angeblich jeder in Bremen herumläuft und ischa Freimaak grölt, wie sich Journalisten das so ausdenken. Selbst der →Roland bekommt ein Lebkuchenherz mit Ischa Freimaak verpasst, wahrscheinlich auch von einem Journalisten. Aber uns in Vegesack interessiert der Bremer Freimarkt nicht so sehr, wir haben unseren eigenen Vegesacker Markt. Der ist auch schon alt, nicht so alt wie der Oldenburger Kramermarkt oder der Bremer Freimarkt, aber seit 1808 gibt es ihn doch schon. Da ist das noch, wie alle diese Märkte, ein Viehmarkt gewesen, und es wird nicht viel anders ausgesehen haben als der irische Markt im Jahre 1828, den →Humphrey O’Sullivan in seinem berühmten Tagebuch beschrieben hat. Das werde ich eines Tages für Karl August Großkreutz, den promovierten Tiermediziner, der im Alter beginnt, Bücher über das →Schwein in der Weltliteratur zu schreiben, zum Teil übersetzen.

Es scheint noch ein anderes Volksvergnügen in Vegesack gegeben zu haben, denn Marga Berck berichtet in ihrem bittersüssen Liebesroman →Sommer in Lesmona, dass sich die feine Bremer Gesellschaft einmal im Jahr zu einem Volksball im →Havenhaus in Vegesack einfindet: Also ist es eine alte Sitte, daß die Bremer Familien von den Landgütern dieser Gegend sich einmal im Sommer oder alle paar Jahre irgendwann zu einem Volksball im alten Vegesacker Havenhaus treffen. Die Alten sitzen in irgend einer Ecke, und die Jugend tanzt. Ich war noch nie dabeigewesen. Das Erlebnis im Havenhaus bedeutet der Heldin viel, und so schreibt sie später: Wir tanzten schöner denn je und immer nur wir beide, und wir dachten an den Volksball in Vegesack und an den Abend im Hotel Hillmann nach dem Rennen und an Nizza. Es war ein solcher Rausch und dabei der Abschiedsgedanke in der Kehle.

Nach dem Krieg fängt der Vegesacker Markt erst einmal wieder ganz klein an, bevor er dann den ganzen →Sedanplatz und den Aumunder Marktplatz belegt. Und alle Straßen dazwischen. Einmal ist der Markt sogar in der Weserstraße gewesen, keiner weiß mehr genau, wann das war. Aber dass ein kleines Karussell vor Giessels Kolonialwarenladen stand und Keunekes Wurstbude vor Schnatmeyer (wo ich jeden Morgen die Brötchen hole) war, daran erinnert sich jeder.

Die Märkte unserer Jugend in den fünfziger Jahren sind ein Ereignis, sie haben noch nichts von der bunten Hochtechnologie und dem Lärm der heutigen Volksvergnügen an sich. Das Hippodrom, über dem Reiten kann ein jedermann im Hippodrom von Haberjahn stand, ist leider irgendwann vom Markt verschwunden.

Hier ist →Haberjahns Hippodrom noch im Hintergrund zu sehen. Fügt sich ein in die Welt von Schießbuden, Kettenkarussells, Riesenrad und Geisterbahnen, dem eingeölten starken August, einem Hau-den-Lukas und der Dame ohne Unterleib. Das alles gibt es sicher schon seit Jahrzehnten. Und die Kuchenherzen mit Liebesbotschaften, die so grauenhaft nach Pappe schmecken, wenn man sie zu essen versucht.

Besser schmecken natürlich die Borgholzhausener Pfefferkuchen. Eine kleine Papiertüte mit Borgholzhausener Pfefferküchlein war für mich, als ich klein war, das Schönste auf der Welt. Eigentlich kommen die ja aus Dissen, sagt Opa, die Kuchenbäcker sind nur irgendwann in den Nachbarort abgewandert. Ich weiß nicht, ob das wieder so eine lokalpatriotische Geschichte ist (das weiß man bei Opas Geschichten nie), aber irgendwie besteht meine Jugend nur aus →Borgholzhausener Pfefferkuchen. Luftballons, Zuckerwatte, rot-weiße Lutschstangen, Lakritze, gebrannte Mandeln, braune Moppen und Kokoskonfekt gehören selbstverständlich zu einem Marktbesuch.

Genau wie die Bockwurst von Heinrich Keuneke. Es gibt aber auch Stände mit Roßbratwurst, soll ja toll schmecken, aber ich habe nie eine gegessen. So was könnte man hier auch jeden Tag haben, denn in Aumund gibt es in der Fährer Flur die Schlachterei von Carsten Dohrmann, die nur Fleisch vom Pferd verkauft. Doch als vorsichtiger Norddeutscher hält man sich da lieber an Keunekes Brat- oder Bockwurst, mit viel Senf und diesem labberigen kleinen Brötchen auf der weißen Pappe. Die ist viel besser als die Bockwurst bei →Aschinger in Berlin, aber da kriegt man so viele kleine Brötchen (die da Schrippen heißen), wie man haben will.

Es gibt natürlich immer wieder Neuigkeiten, davon leben Jahrmärkte ja. Autoskooter sind jetzt neu, aber leider auch teuer. Die Todeswand, jene Holztrommel, in der waghalsige Motorradfahrer Kunststücke auf einer alten amerikanischen Indian machen, ist auch neu (und auch teuer). Wenn die Indian nicht in der Trommel gebraucht wird, steht sie aufgebockt vor dem Zelt und ist in ihrer vollen Schönheit, quietscherot und chromblinkend zu bewundern. Doch von diesen Dingen abgesehen, inklusive des billigen Jakobs, der an der Rückseite von Scheffels Wurstbude auf dem Sedanplatz steht (wo ich immer für Opa seine Stumpen und seine geliebten Jerry Cotton Hefte kaufen muss), ist das hier der ganz normale Rummel. Überall gibt es handgemalte Schilder: Junger Mann zum Mitreisen gesucht. Das hat aber nichts mit Eichendorffs Ach wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht! zu tun. Wenn man klein ist, ist das alles eine märchenhafte Welt, vor der man mit offenem Mund steht. Mach den Mund zu, das Herz wird kalt, bekomme ich in solchen Augenblicken immer zu hören. Das Herz wird nur kalt, wenn man nicht mehr staunen kann.

Wenn man über das Alter des Staunens hinaus ist, geht man nur wegen der jungen Frauen in der ersten Septemberwoche auf den Markt. Die gehen immer in Gruppen, wir auch. Wir bewegen uns auf durch ungeschriebene Gesetze des Flirtens vorgeschriebenen Bahnen über den Markt, erst zweimal über den Sedanplatz. Dann am Goldenen Stern vorbei die Georg Gleistein Straße entlang und über den Aumunder Markt. Diese Wege über die Marktplätze haben sich tief in meine Erinnerung eingegraben, sie tauchen nach einem halben Jahrhundert noch in meinen Träumen auf. Immer wieder begegnen wir, scheinbar ganz zufällig, dieser Gruppe von jungen Frauen. Wir kennen sie alle, sie waren mit uns in der Volksschule, sie sind mit uns jetzt in der →Tanzstunde, in der →Jugendgruppe, wir sehen sie ständig. 

Aber der Markt ist eine Ausnahmesituation für das Flirten, da sind junge Frauen ganz anders als sonst. Vor allem bei der Raupe (die manchmal auch Knutschtunnel genannt wird), wenn sich die Persenning über das Wagendach senkt und es diesen Augenblick der Intimität im Dunkel gibt. Wir schießen Blumen für die Frauen, manchmal auch einen Teddybär. Wenn man Glück hat und ein gutes Gewehr erwischt. Wir kaufen ihnen diese pappigen glasierten Herzen mit tief symbolischen Botschaften drauf. Dein ist mein ganzes Herz, oder so was. Und seit dem Gedicht Ischa Freimaak von →Konrad Weichberger hat sich in dreißig Jahren auch nichts geändert:

Bremer Moppen hier, da Bremer Kluten,
volles Herz und leeres Portmoneh -
säurliche Bonbons und süße Schnuten
von der Großen zu der Klein’n—Alleh!

Samstag, 26. Mai 2018

Heinzelmännchen


Muss das schön gewesen sein, als es noch die Heinzelmännchen gab. Heute sind sie zu Mainzelmännchen degeneriert, das ist natürlich nicht dasselbe. Mein Vetter Uwe hatte ein Buch mit den Heinzelmännchen, um das ich ihn sehr beneidete, als ich klein war. Das Buch meines Vetters war kein gewöhnliches Bilderbuch. Es gab da Pappstreifen am Buchseitenrand, mittels derer man die putzigen Kerlchen auf den Bildern bewegen konnte. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war fünf und wollte unbedingt auch so ein Buch haben. Versprichst Du mir das, Mammi? Versprichst Du mir das? Mammi verspricht mir in diesem Augenblick alles, sie will nur das quengelnde Kind durch die gekachelte Unterführung zum nächsten Bahnsteig schleppen. Da soll gleich ein Zug abfahren, es ist kurz nach dem Krieg, man weiß in diesen Tagen nie so genau, wann die Züge fahren. Ich schwitze in meinem Wintermantel, aber ich schleppe stolz die schwere Tasche meiner Mutter die Treppe hoch, sie trägt zwei Koffer. Wir kriegen den fauchenden und dampfenden Zug noch so gerade eben.

Manche Bilder aus der Erinnerung wird man nicht mehr los, sie sind wie kleine Filmstreifen, die keinen Anfang und kein Ende haben. Natürlich kriege ich nicht das Buch mit den Heinzelmännchen, sondern ein Buch, das ich einmal auf einem Spaziergang mit Vati in einem Glaskasten an der Wand einer Buchhandlung in Blumenthal gesehen hatte und das mich magisch anzog. Den Glaskasten an der Mauer und das Buch mit dem blassblauen Umschlag, auf dem ein Einhorn abgebildet ist, sehe ich noch heute vor mir. Es war sicher ein künstlerisch und pädagogisch wertvolles Buch, für mich war es eine Enttäuschung. Never judge a book by its cover. Die ordinären Heinzelmännchen wären schon richtig gewesen. Wenn man klein ist, will man immer Dinge haben, die andere besitzen, aber man bekommt sie nie. Das geht das ganze Leben lang so weiter.

Der Maler und Dichter August Kopisch, der die Blaue Grotte entdeckte und dem wir die Heinzelmännchen verdanken, wurde am 26. Mai 1799 geboren. Er hat hier schon einen schönen langen Post. Ich musste das hier mal eben schreiben, vielleicht geht mir dann mal der kleine Erinnerungsfilm mit dem Bahnhof und Uwes Heinzelmännchen aus dem Kopf.

Freitag, 25. Mai 2018

Jessi


Das ist Jessi Colters erstes ↝Soloalbum aus dem Jahr 1970, die LP steht noch bei mir im Regal. Gleich neben dem concept album ↝White Mansions und ↝Wanted: The Outlaws. Dieser Post wird heute ganz kurz: Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag, Jessi Colter! Es gab hier lange nichts mehr zum Thema Country & Western, das war früher mal anders. Es gibt natürlich längst einen ↝Jessi Colter Post für die Sängerin, die zur Outlaw Bewegung der Country Music gehörte. Wir hören mal eben in ↝What's Happened to Blue Eyes hinein. Als sie klein war, hat sie in der Kirche das Piano gespielt, dazu ist sie, wenn man so will, im letzten Jahr nach zehnjähriger Pause zurückgekehrt, als sie ↝The Psalms auf den Markt brachte. Was sie da mit Lenny Kaye eingespielt hat, ist ganz erstaunlich. Hören Sie doch einmal ↝hier hinein.

Jessi Colters Ehemann ↝Waylon Jennings hat hier natürlich auch schon einen Post. Und ich habe bei dem wunderbaren amerikanischen Dichter ↝Red Shuttleworth ein Gedicht gefunden, das Waylon Jennings heißt, das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

The guitar skitters, jumps. It's a pounding
bad-ass surly song: Take your sorry chances.
'cause gloom is what we all deserve,
for this is Pay Later Day, but if you can
battle past it, finally truth your way around
the cactus, she'll be there in a black Cadillac,
Love. It's a Wednesday, probably, sweat and dread.
He takes a pull off a bottle of whiskey,
can't seem to sleep on the ebony Silver Eagle
somewhere between Chickasha and Mineral Wells.
It's a gambler's soup and losers end at sixty
in furnished rooms feeding D-Con to rats.
He laughs, jots down some lines on a girl
with a nest of vultures in her topaz eyes.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Annette von Droste-Hülshoff


Annette von Droste-Hülshoff ist am 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg in Meersburg gestorben. Mein Freund Peter in Hamburg mag sie, ich habe mein Leben lang um sie einen Bogen gemacht. Nicht, dass ich sie nie gelesen hätte, ich habe sie sogar einige Male in diesem Blog erwähnt, aber ich bin ohne sie ausgekommen. Dennoch habe ich an diesem Tag etwas anzubieten, nämlich zwei Gedichte. Nicht von der Droste, es sind Gedichte von anderen Dichtern. Das erste Gedicht ist von Sarah Kirsch, die Marcel Reich-Ranicki 1980 als der Droste jüngere Schwester bezeichnet hat. Das Gedicht, das häufig zitiert worden ist, findet sich in dem Band Zaubersprüche (1973):

Der Droste würde ich gern Wasser reichen
in alte Spiegel mit ihr sehen, Vögel
nennen, wir richten unsre Brillen
auf Felder und Holunderbüsche, gehen
glucksend übers Moor, der Kiebitz balzt
Ach, würde ich sagen, Ihr Lewin – 
schnaubt nicht schon ein Pferd?

Die Locke etwas leichter – und wir laufen
den Kiesweg, ich die Spätgeborne
hätte mit Skandalen aufgewartet – am Spinett 
das kostbar in der Halle steht
spielen wir vierhändig Reiterlieder oder 
das Verbotene von Villon
Der Mond geht auf – wir sind allein

Der Gärtner zeigt uns Angelwerfen
bis Lewin in seiner Kutsche ankommt
der schenkt uns Zeitungsfahnen,
Schnäpse gießen wir in unsre Kehlen, lesen 
Beide lieben wir den Kühnen, seine Augen 
sind wie grüne Schattenteiche, wir verstehen 
uns jetzt gründlich auf das Handwerk Fischen

Das zweite Gedicht ist, Sie ahnen das schon, von Gottfried Benn. Das muss am Todestag der Droste zitiert werden, das geht nicht anders:

In jenem kleinen Bett, fast Kinderbett, starb die Droste
(zu sehn in ihrem Museum in Meersburg),
auf diesem Sofa Hölderlin im Turm bei einem Schreiner,
Rilke, George wohl in Schweizer Hospitalbetten,
in Weimar lagen die großen schwarzen Augen
Nietzsches auf einem weißen Kissen
bis zum letzten Blick −
alles Gerümpel jetzt oder garnicht mehr vorhanden,
unbestimmbar, wesenlos
im schmerzlos-ewigen Zerfall.

Wir tragen in uns Keime aller Götter,
das Gen des Todes und das Gen der Lust −
wer trennte sie: die Worte und die Dinge,
wer mischte sie: die Qualen und die Statt,
auf der sie enden, Holz mit Tränenbächen,
für kurze Stunden ein erbärmlich Heim.

Kann keine Trauer sein. Zu fern, zu weit,
zu unberührbar Bett und Tränen,
kein Nein, kein Ja,
Geburt und Körperschmerz und Glauben
ein Wallen, namenlos, ein Huschen,
ein Überirdisches, im Schlaf sich regend,
bewegte Bett und Tränen −
schlafe ein!

Mittwoch, 23. Mai 2018

Petrolumkönige


↝Cinderella Rockefella sangen einst Esther und der vor kurzem verstorbene Abi Ofarim, das war 1968 ein großer Hit. Das bringt mich zu John D. Rockefeller, der am 23. Mai 1937 im Alter von 98 Jahren gestorben ist. Er war der reichste Mann der Welt. The only question with wealth is, what do you do with it? hat er einmal gesagt. Es ist eine gute Frage. Als ich im Wikipedia Tageskalender las, dass heute der Todestag von John D. Rockefeller ist, dachte ich mir, ich schreibe einmal über seinen Bremer Geschäftspartner Franz Schütte (Bild). Denn der hatte 1890 zusammen mit Rockefeller die Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft gegründet.

Dieses Bild kennen Sie, es ist von Edward Hopper und heißt schlicht Gas. Zu dem Bild gibt es ↝hier schon einen ausführlichen Post. Das Bild wirkt wie eine Illustration zu einer Romanstelle von Fitzgeralds ↝The Great Gatsby, wo es heißt: Already it was deep summer on roadhouse roofs and in front of wayside garages, where new red petrol-pumps sat out in pools of light. Da sind die new red petrol-pumps, hier sind sie von der Firma Mobilgas, aber sie könnten auch von Standard Oil sein, die eines Tages die Firma Mobilgas schlucken wird.

Und das bringt mich zurück zu der Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft von Franz Schütte, den man in Bremen den Petroleumkönig nannte. Hamburg hat mit ↝Godeffroy einen Südseekönig, die Bremer haben einen Petroleumkönig. Rockefellers Mineralölunternehmen, an dem Schütte einen Anteil hatte, gibt es immer noch. Es heißt heute Esso, die phonetische Schreibweise der Abkürzung SO für Standard Oil. Das Ölgeschäft ist nicht das einzige, dass Schütte interessiert. Er bereichert die Sammlungen des ↝Bremer Kunstvereins, dessen Vorsitzender sein Bruder Carl ist. 1893 gründet er mit anderen Aktionären den Bremer Vulkan in Vegesack. Die Gründung der Bremen Vegesacker Fischerei Gesellschaft (die hier mit ↝Heringe einen Post hat) ist auch sein Verdienst.

Es gibt in Bremen für den Philanthropen und Mäzen natürlich eine Franz Schütte Allee im feinen Oberneuland. Die Straße fängt fein an und heißt ↝Kurfürstenallee. Geht dann nicht so fein in der ↝Neuen Vahr weiter, da heißt sie Richard Boljahn Allee. Der ist natürlich niemals ein Philanthrop gewesen. Den ↝Politiker, nach dem Bremen in den sechziger Jahren für viele Boljanograd heißt, hätte mein Opa am liebsten im Gefängnis gesehen. Boljahn hat sich bei den ↝Straßenbahnunruhen 1968 noch dadurch hervorgetan, dass er vom Schusswaffeneinsatz gegen die protestierenden Schüler träumte. Doch das ist auch das Ende von König Richard, wie man ihn nannte, die ↝Baulandaffäre bricht ihm endgültig das Genick.

Um das Geschäft mit Rockefeller zu besiegeln, reist Schütte 1889 mit seinem Compagnon Wilhelm Anton Riedemann (nach dem in Bremen auch eine Straße benannt ist) nach New York, im November können sie den Vertrag mit der Standard Oil Company of New York unterschreiben. Amerika kannte Schütte, denn nach seiner kaufmännischen Ausbildung bei der Tabakfirma Lüttge & Horst in Bremen war er mit seinem Bruder Carl in die USA gegangen, auch die väterliche Firma war ja im ↝Tabakgeschäft.

Den Riedemann hatte Schütte ins Geschäft genommen, weil der eine Reederei hatte und der erste war, der richtige Tankschiffe bauen ließ. Davor hatte er in New York das Petroleum in die Wassertanks der Segelschiffe kippen lassen. Die Entladung der gefährlichen Fracht in Hamburg bereitete ihm keine Schwierigkeiten, er hatte den ganzen Petroleumhafen gepachtet. Riedemann (1917 geadelt) war ein Vorläufer der griechischen Tankerkönige wie Onassis und Niarchos, er besaß zu Anfang des Ersten Weltkriegs die größte Tankerflotte der Welt. In seiner Heimatstadt Meppen nennt man ihn auch den Petroleumkönig.

Als ich die Namen Rockefeller und Franz Schütte bei Google eingab, war eins der ersten Ergebnisse ein Post namens ↝Rockefeller. In einem Blog namens SILVAE. Ich hatte völlig vergessen, dass ich diesen Post geschrieben hatte. Das kann passieren, 2.182 Posts in sieben Jahren, da verliert man schon einmal die Übersicht. Franz Schütte kommt noch an einer ganz anderen Stelle in diesem Blog vor, nämlich in dem Post ↝Benn & Oelze. Nicht weil Benn Franz Schütte gekannt hat, aber weil sein Freund und Bewunderer Oelze mit einer Frau aus der Schütte Familie verheiratet war. The only question with wealth is, what do you do with it? Schütte, der über ein Vermögen von 25 Millionen Mark verfügt, tut gute Werke, Schüttes Spenden kann man überall in Bremen noch sehen. Riedemann tut auch gute Werke und kauft sich auf dem Olsdorfer Friedhof noch ein riesiges Mausoleum für sich und seine Familie. Mitnehmen kann man das Geld ja nicht, auch Petroleumkönige nicht.