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Freitag, 10. September 2010

Franz Krüger


Der Volksmund nennt ihn Pferde-Krüger, weil er so gut Pferde malen kann. Wenn es sein muss auch ganz viele Pferde. Und ganz viele Menschen. Und ganz akkurat. Wie zum Beispiel bei diesem Bild einer Parade auf dem Opernplatz in Berlin. Hat er fünf Jahre lang dran gemalt.

Hier ist nicht nur Preußens militärischer Stolz gemalt, sondern auch normales Straßenleben, ein Bettler, ein Schusterjunge. Und viele Hunde. Und eine berühmte Schauspielerin, Karoline Bauer, im weißen Kleid. Die wird einen Prinzen aus dem Hause Coburg heiraten, aber der lässt sich von ihr scheiden, wenn er als Leopold I König der Belgier wird.

Hinter Karoline steht eine Gruppe von Künstlern, die berühmtesten ihrer Zeit: Johann Gottfried Schadow, Carl Joseph Begas, Karl Friedrich Schinkel, Karl Wilhelm Wach, und Christian Daniel Rauch. Schinkel ist der Herr mit dem Zylinder, der uns sein Gesicht zuwendet, direkt über den kunstvollen Locken von Karoline Bauer. Die Sängerin Henriette Sontag (mit einem riesigen Hut) ist auch auf dem Bild, rechts neben ihr sitzt der Geiger Niccolo Paganini. Sie überragt, passend für eine gefeierte Opernsängerin, alle anderen Personen, weil sie in ihrer Kutsche steht. Suchen Sie sie nicht auf diesem Bild, man hat leider den rechten Bildrand beschnitten.

Franz Krüger hat sich auch unter die Zuschauer gemalt, in einem braunen Reitrock mit schwarzem Zylinder. Natürlich zu Pferde, das erwartet man vom Pferde-Krüger. Es ist für das Jahr 1824 doch ein klein wenig erstaunlich, dass es im Vordergrund vorne rechts ein großes bürgerliches Gleichgewicht zu dem preußischen Militärgepränge gibt und dass offensichtlich Krügers Interesse viel stärker auf der Darstellung des bürgerlichen Berlins liegt als auf den preußischen und russischen Majestäten. Die Soldaten, die hier über die Prachtstrasse Unter den Linden marschieren, sind die Soldaten des 6. Brandenburgischen Kürassier Regiments. Dessen Chef ist der russische Großfürst Nikolaus, der wenig später als Nikolaus I russischer Zar wird. 1817 hatte er die Prinzessin Charlotte geheiratet, da macht man ihn gleich zum Chef der Brandenburgischen Kürassiere. Und hier auf dem Bild zeigt er seinem Schwiegervater Friedrich Wilhelm III stolz seine Soldaten (zwischen den Majestäten erkennt man Alexander von Humboldt und Giacomo Meyerbeer).

Preußen schafft sich jetzt, nachdem man Napoleon besiegt hat, seine neue Identität durch Architekten und Maler. Der König ist für viele eine Enttäuschung, seit die Königin Luise tot ist. Er kauft zwar manchmal einen Caspar David Friedrich, aber ein richtiger Förderer der Künste ist er nicht. Die Architekten, die ihm das neue Berlin bauen, die fördert er schon. Und die Maler, die es dann malen.

Das ist wieder ein Bild von Franz Krüger, diesmal ohne Pferde. Es zeigt Prinz August von Preußen, einen Neffen des Alten Fritz. Er ist einer der Gönner und Förderer von Franz Krüger. Er kann sich in Generalsuniform malen lassen, weil er mal in einem richtigen Krieg war. Im Gegensatz zu seinem Verwandten, der jetzt König ist, der trägt auch immer Uniform, aber er war nie im Krieg. Er steht im gelbseiden ausgeschlagenen Empfangszimmer (das von Schinkel eingerichtet wurde) seines Palais in der Wilhelmstrasse, den Generalsmantel sorgfältig achtlos über einen Stuhl drapiert. Und er blickt mit diesem Feldherrnblick in die Ferne. Wohin? Nach Paris? Er schaut auf jeden Fall von der Dame auf dem Bild an der Wand weg, die ihn anzuhimmeln scheint. Die Dame ist die berühmte Madame Récamier, gemalt von François Gérard. Sie hat ihm dieses Bild, das es unten noch etwas größer gibt, geschenkt. Er war ja unsterblich in sie verliebt. Ich schwöre bei meiner Ehre und meiner Liebe, das Gefühl, das mich an Juliette Récamier bindet, in all seiner Reinheit zu bewahren, alle durch die Pflicht gebotenen Schritte zu unternehmen, um mich ihr durch das Band der Ehe zu verbinden, und keine Frau zu besitzen, solange ich die Hoffung habe, mein Geschick mit ihrem zu vereinen, hat er geschrieben.

Sie hat aber vielen Männern schöne Äugsken gemacht, sich aber nie an einen gebunden. Auch nicht an August. Er kriegt zwar nicht die Frau, aber dafür ihr Abbild. Madame Récamier wird es irgendwann für Jahre ausleihen, damit davon Kopien und Kupferstiche gemacht werden können. Nach dem Tod des Prinzen August wird sie es zurückerhalten. Er hat nie geheiratet, hatte aber genügend Lebensgefährtinnen (und auch genügend Kinder).

Es gibt zu dieser Liebesgeschichte noch eine parallele Liebesgeschichte, und die betrifft den Adjutanten des Generals August von Preußen. Das ist ein junger Offizier von etwas zweifelhaftem Adel, Jahrgangsbester der neuen Militärakademie, von Scharnhorst empfohlen. Er heißt Carl von Clausewitz. Als Adjutant des Prinzen gerät der Leutnant jetzt in die höfische Welt und lernt die junge Marie Sophie von Brühl bei einem Souper im Palais des Prinzen Louis Ferdinand kennen und lieben. Also, für den Fall, dass Sie sich in dieser Gesellschaft nicht auskennen: die junge Gräfin Brühl ist eine Enkelin des sächsischen Kanzlers, nach dem die Brühlschen Terrassen benannt sind. Und Louis Ferdinand ist der Preußenspross, der Klaviermusik komponiert, die Beethoven ganz ordentlich findet (man kann sie heute noch auf CD bekommen). Er ist der Held der Gesellschaft, ist in allen literarischen Salons zuhause. Fontane wird über ihn dichten:

Sechs Fuß hoch aufgeschossen,
Ein Kriegsgott anzuschaun,
Der Liebling der Genossen,
Der Abgott schöner Fraun,
Blauäugig, blond, verwegen,
Und in der jungen Hand,
Den alten Preußendegen –
Prinz Louis Ferdinand.


Manchmal kriegt es der gute Theodor Fontane ja mit der Preußenverehrung über den Kopp, der wirkliche Louis Ferdinand war wohl ein klein wenig anders. Weibergeschichten und Schampus. Nach Zeugnis vom Freiherrn von der Marwitz: Im Jahr 1806 trank er nichts anderes als Champagner und fing damit an, sowie er aufstand, so daß er vormittag gewiß schon mit sechs Bouteillen fertig war und den Tag über ein Dutzend nicht hinreichte. Der militärisch völlig unerfahrene Louis Ferdinand wird in dem Gefecht von Saalfeld, das der Schlacht von Jena und Auerstädt vorausgeht (und eine militärische Katastrophe war), von einem französischen Kavalleristen vom Pferde gehauen. Napoleon hätte ja lieber einen lebenden Preußenprinzen als Gefangenen gehabt.

Den wird er bekommen, und der heißt Prinz August von Preußen. Der war nämlich mit seinem Regiment in den Sümpfen der Uckermark versackt (ich sage jetzt nichts zu der Sphinx der Uckermark) und von den Franzosen gefangen genommen worden. Sein Adjutant (inzwischen Stabskapitän) Clausewitz beobachtet mit Rührung, dass der Marschall Joachim Murat Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat. Napoleon belässt den leicht am Bein blessierten Preußenprinzen (er trägt bei dem Gespräch mit Napoleon am lädierten Bein einen Pantoffel) zuerst in Berlin, zum Jahresende befiehlt er ihn nach Paris. 

Prinz August und Clausewitz reisen mit der Kutsche, ohne Militäreskorte. Wohin sollten sie auch ausbüxen? Europa gehört jetzt Napoleon. Für den jungen Liebenden Clausewitz (der damals vielleicht so aussah) bedeutet dies wieder die Trennung von Marie. Als Napoleon die beiden nach dem Tilsiter Frieden freilässt, muss August ja noch unbedingt diesen Abstecher über Coppet zu Madame de Stael machen. Und dort die Frau treffen, nach der ein Möbelstück heißt. Und Clausewitz hasst jetzt seinen Chef, er wäre jetzt so gerne in Berlin bei seiner Marie. Das Leben in der französischen Gefangenschaft hatte Clausewitz' französische Sprachkenntnisse verbessert, ihn aber nicht zu einem Bonvivant gemacht wie den Prinzen August. Er besäße zu viel an Gravitaet, urteilt ein Zeitgenosse über Clausewitz, ein kaltes, stolzes, höhnisches Wesen war ihm zur Natur geworden. Und seine Marie, die eine englische Mutter hat, hat ihn zum Franzosenhasser gemacht.

Franz Krüger wird nicht nur seinen Gönner Prinz August, sondern die halbe Königsfamilie malen, mit Pferd oder ohne. Er wird auch über die Last dieser vielen Portraits stöhnen, etwas das ihm Friedrich Wilhelm III nicht so recht verzeiht. Einmal malt sich Franz Krüger ganz frech als Bürgerlichen neben einem Preußenprinzen mit aufs Bild, und das ist ein sehr kleines und sehr intimes Bild.

Es ist eins seiner schönsten Bilder. Der Prinz Wilhelm (der später Wilhelm I sein wird und hier einen bösen Post hat) im Vordergrund und Krüger sind gleich alt, aber irgendwie hat sich Krüger hier ein wenig jünger gemacht. Der Preußenprinz wirkt älter als seine neununddreißig Jahre. Er trägt sehr elegante Hosen und sitzt auch elegant zu Pferde, das ganze Ensemble ist duftig gemalt, mit einem schönen Himmel. Und den Staub, den die Pferde aufwirbeln, hat Krüger auch nicht vergessen. Das Bild hängt heute in der Berliner Nationalgalerie.

An die muss ich immer zurückdenken, wenn ich irgendwo den Namen Franz Krüger lese. Wie zum Beispiel auf der Wikipedia Seite, die mir sagt, dass er heute an einem 10. September geboren wurde. Vor einem halben Jahrhundert war ich mit meiner Freundin Traute, die später leider viel zu früh verstorben ist, eine Woche in Berlin. Wir bewegten uns von Museum zu Museum. Wir hatten noch kein Abitur, aber ihr war klar, dass sie Kunst studieren würde. Mir war klar, dass ich Kunstgeschichte studieren würde. Und an diesem schönen Spätsommertag, als wir auf der Museumsinsel landeten, konnte ich es wieder einmal nicht lassen, den Mini-Kunsthistoriker herauszulassen und gab vor jedem Bild meine Kommentare ab.

Als wir bei Franz Krüger angekommen waren, gesellte sich eine vierköpfige Familie aus Sachsen zu uns, die irgendwie den Eindruck hatten, dies sei eine offizielle Museumsführung. Bei der Nennung von Pferde-Krüger nickten sie schon alle fachmännisch mit den Köpfen, und als ich dann noch hinzufügte, dass Krüger bei einem Landschaftsmaler namens Kolbe gelernt hatte, den man den Eichen-Kolbe nannte (weil er immer so schöne Eichen in seine Bilder malte), waren sie von mir begeistert. Pferde-Krüger und Eichen-Kolbe, das kann man sich leicht merken. Und dann zur Krönung noch die Geschichte, dass Krüger am Anfang seiner Karriere Kohlezeichnungen von Pferden und Stallburschen gemacht hat, für fünf Groschen das Bild. Die Geschichte stimmt wahrscheinlich nicht, kommt aber immer gut an. Am Ende des Nachmittags war die Gruppe, die wir von Saal zu Saal mitschleppten auf etwas über zwanzig Leute angewachsen. Meine Freundin hatte die ganze Zeit über Schwierigkeiten, nicht vor Lachen loszuprusten. Ein schwedisches Diplomatenehepaar mit einem verzogenen Gör gab mir zum Schluss sein ganzes DDR Blechgeld. Sie glaubten wohl, einem jungen DDR Bürger damit einen großen Gefallen zu tun.

Krüger hat noch ein ähnliche Ereignisbilder mit Paraden und Huldigungen gemalt, er erstickte ja beinahe in Aufträgen. Hatte aber eine Vielzahl von begabten Schülern, die für ihn manchmal den Landschaftshintergrund, markante Bauwerke oder hübsche Uniformen malte. Das war zu Rembrandts Zeiten nicht anders, Krüger hat aber niemals die Mitarbeit seiner Schüler geleugnet. Ob manche der Architekturwerke auf seinen Bildern von dem Berliner Maler Eduard Gaertner stammen, ist unter Kunsthistorikern heute eine Streitfrage. Krüger liebte Tiere, er hatte ja auch als Tiermaler angefangen, später malt er die grossen Tiere Preußens. Kaum einer seiner Zeitgenossen ist nicht von ihm porträtiert worden. Ich stelle einmal an den Schluss ein Bild von ihm aus dem Jahre 1819, dass mich immer fasziniert hat. Es heißt Ausritt zur Jagd.

Es gibt dazu in der Nationalgalerie noch ein gleich großes (oder gleich kleines) Bild, das Heimkehr von der Jagd heißt und erschöpfte Windhunde und Pferde zeigt, die in den Stall geführt werden. Hier bei der Ausritt zur Jagd haben wir einen winterlichen, nebligen Morgen, an dem der junge Offizier seine Windhunde so elegant an der Leine führt. Der Wind lässt seinen Mantel und den Pferdeschweif dekorativ flattern. Ein Dandy zu Pferde, zehn Jahre früher hätte er in dieser Pose nach dem französischen Feind Ausschau gehalten wie auf Krügers Bild Preußischer Reitervorposten im Schnee von 1821, das in der Sammlung Reinhart in Winterthur ist.

Am besten gefällt mir der frierende Hund unten links. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Krüger insgeheim ein kleiner bürgerlicher Revolutionär ist, obgleich er mit der 48er Revolution nichts zu tun haben wollte. Aber auf dem Bild der Parade interessiert uns (und ihn) eigentlich nur das bürgerliche Berlin. Der Schusterjunge mit seinen Stiefeln ist liebevoller gemalt als der König. Die Feldherrnpose des Prinzen August im Salon wirkt nur lächerlich. Und der militärische Dandy mit seinen Windhunden ist das letztlich auch. Die preußischen Offiziere auf dem Bild von 1821 haben wenig Heldenhaftes an sich, der Hund links im Bild ist interessanter. Vielleicht habe ich jetzt eine neue kleine Theorie, auf die noch keiner gekommen ist? Wahrscheinlich wohl nicht, die Berliner Krüger Ausstellung von 2007 „preußisch korrekt, berlinisch gewitzt“: Der Maler Franz Krüger scheint etwas Ähnliches angedeutet zu haben, wenn ich die Besprechung der Ausstellung von Gerhild Komander richtig verstehe:

Die Kunstkritiker beklagten Krügers mangelnde Kreativität, die großen Ideen fehlten ihm, hieß es. Die Bürgerschaft der Stadt jubelte, als sie sich in den Bildern des Künstlers wiederfand. Der Maler brach – aus dem Stand, ohne Vorbild – mit der höfischen Bildordnung. Der reaktionären Haltung des Königs und der preußischen Politik desVormärz setzte er das – noch – verdeckte bürgerliche Selbstbewußtsein entgegen. Die Berlinerinnen und Berliner, Maler, Architekten, Schauspielerinnen und Verwaltunsgbeamte fanden sich nicht nur als Schaulustige der Paraden wieder, sondern nahmen den Platz von Adel und königlicher Familie ein. Dem König – Friedrich Wilhelm III. – fehlte die intellektuelle Einsicht in die sozialen Veränderungen, die Krüger subtil und geistreich ins Bild setzte.

Freitag, 3. März 2023

der glückliche Bülow


Am 3. März 1814 kapituliert die französische Stadt Soissons am zweiten Tag ihrer Belagerung. Die Kapitulation von Soissons ist der wirklich entscheidende Moment des Feldzuges. Das Glück verließ Napoleon an diesem Tage, wird der Marschall Marmont 1832 in seinen Memoiren schreiben. Sieger des Tages ist das preußische Armeekorps unter General Friedrich Wilhelm Bülow von Dennewitz, den man auch den glücklichen Bülow nannte. Er ist heute beinahe vergessen. Bülow ist wahrscheinlich der einzige preußische General der Befreiungskriege, der nie eine Schlacht verloren hat. In Laon ist er wenige Tage später auch wieder dabei, diese Schlacht hat hier schon einen Post. Wilhelm ist der am wenigsten befähigte von uns Brüdern, aber der klügste Offizier in der ganzen preußischen Armee, hat sein jüngerer Bruder Dietrich von Bülow über ihn gesagt. 

Diesen Namen, der allezeit glückliche Bülow, haben ihm die Berliner gegeben, weil er 1813 in dem Gefecht von Luckau, der Schlacht von Großbeeren und der Schlacht von Dennewitz die Franzosen unter den Marschällen Oudinot und Ney besiegte und verhinderte, dass Napoleon in Berlin einmarschieren konnte. Nach der Schlacht von Dennewitz hat der preußische König dem Freihern von Bülow das Eichenlaub zum Pour le Mérite Orden und das Großkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen. Bülow ist einer von fünf Trägern des neugeschaffenn Ordens. In der Völkerschlacht von Leipzig spielt Bülow auch eine wichtige Rolle, aber nur, weil er den Befehlen von Bernadotte nicht gehorcht. Das hatte er schon in Großbeeren nicht getan, als Bernadotte Berlin den Franzosen übergeben wollte. Bülow hatte immer Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten. Auch mit Blücher, aber mit dem kommt er irgendwie zurecht. Bernadotte und Gneisenau konnte er nicht ausstehen, er gehorchte ihren Befehlen nie. Aber seinem König war er ergeben, und Friedrich Wilhelm III wusste, was er an dem Querkopf hatte. Er wird ihm alle Orden verleihen, die Preußen hat und ihn zum Grafen von Dennewitz ernennen.

Bülow erobert in Paris den Montmartre und bringt Blücher mit der Bemerkung, es habe keinen Sinn, den Hass der Franzosen herauszufordern, von dem Plan ab, den Pont d’Iena in die Luft zu sprengen. Bülows erklärter Feind war Napoleon, nicht die Franzosen. Er sorgt auch dafür, dass seine Soldaten die Besiegten respektvoll behandeln. In einem Tagesbefehl droht er jedem Plünderer die unverzügliche standrechtliche Erschießung an. Blücher hatte nichts dagegen, seine Soldaten plündern und brandschatzen zu lassen. Als er 1814 zum ersten Mal London sieht, äußert er den Satz, dass dies eine schöne Stadt zum Plündern wäre. Er hat diese dunklen Seiten: seine Spielsucht am Kartentisch, seine Bereitschaft, Soldaten plündern zu lassen, seine vielen (psychosomatischen) Krankheiten, seine psychotischen Schübe (um deretwillen er die ganze Schlacht von Laon verpasst hat). Bülow hat nichts davon. 

Er besitzt diese preußischen Werte, von denen wir immer reden. Im Gegensatz zu Blücher sitzt er nicht betrunken am Spieltisch, er bewegt sich in den Berliner Salons, wo man Tee trinkt und geistvolle Gespräche führt. Er wird auch der Gouverneur (das heißt der Hauslehrer) des Prinzen Louis Ferdinand, und er schreibt Kirchenmusik: Namentlich beschäftigten ihn Geschichte und Kriegswissenschaften, weniger die fremden Sprachen, wenngleich ihm die französische seit seiner Kindheit sehr geläufig war. Mit besonderer Vorliebe trieb er Musik und fand in dem Kammermusikus Fasch, dem Gründer der Berliner Singakademie, einen gründlichen Lehrer. Er blies die Flöte und war ein guter Klavierspieler, leistete aber auch als Komponist ernster Musik Bedeutendes; unter seinen Tonwerken sollen eine Messe, eine Motette und die Kompositionen des 51 und 100. Psalms sich besonders auszeichen, schreibt Adolf von Bülow im Bülowschen Familienbuch.          
In Ligny war er zu spät auf dem Schlachtfeld, die Befehle des Oberkommandos hatten ihn zu spät erreicht. Wenn es überhaupt Befehle waren, man befiehlt dem Mann, der zum Jähzorn neigt, nicht gerne. Man stellt anheim: Das Hauptquartier Ew. Exzellenz dürfte sich wohl am zweckmäßigsten in Hannut befinden. Aber er ist nicht in Hannut, er ist in Lüttich. Er will seinem Korps auch einen Tag Ruhe geben, den haben sie verdient. Der verspätete Marsch nach Ligny hat etwas Kriegsentscheidendes: Gneisenau kann nach der verlorenen Schlacht von Ligny nicht nach Osten ausweichen, weil da Bülow aufmarschiert, er muss nach Norden gehen. Richtung Wavre und Waterloo. Und Bülow wird mit ausgeruhten Truppen als erster in Waterloo sein.

Hier in Plancenoit wird er die Schlacht entscheiden. Napoleon schickt Truppen über Truppen in das kleine Dorf, das zum Wendepunkt der Schlacht wird. Napoleon weiß, dass er, wenn er Plancenoit verliert, den Feind im Rücken hat. Das ist das Ende der Schlacht. Das erkennt auch Wellington an, der in einer Depesche schreiben wird: I should not do justice to my own feelings, or to Marshal Blücher and the Prussian army, if I did not attribute the successful result of this arduous day to the cordial and timely assistance I received from them. The operation of General Bülow upon the enemy’s flank was a most decisive one; and, even if I had not found myself in a situation to make the attack which produced the final result, it would have forced the enemy to retire if his attacks should have failed, and would have prevented him from taking advantage of them if they should unfortunately have succeeded. Wir heben aus diesem Text einmal die Worte a most decisive one hervor, Wellington tut sich schwer anzuerkennen, dass er ohne die Preußen die Schlacht verloren hätte. Das Dictionary of Military Biography bezeichnet Bülow als Blücher's ablest lieutenant.

Der preußische König schenkt dem General Bülow von Dennewitz ein Schloss, aber viel hat der nicht davon. Er zieht sich auf der Jagd eine Erkältung zu, an der er sterben wird. Wenn man ihn auch heute beinahe vergessen hat, damals vergisst man ihn nicht. Der König beauftragt Christian Daniel Rauch, eine Statue zu schaffen. Und Hugo von Hasenkamp schreibt das Buch General Graf Bülow von Dennewitz in den Feldzügen von 1813 und 1814; und August Varnhagen von Ense, der Ehemann von Rahel, verfasst eine Biographie des Feldherrn. 

Der eindruckvolle Marmorsockel von Bülows Standbild war von Karl Friedrich Schinkel entworfen worden (dies ist die Nordseite). Das Denkmal stand zusammen mit dem Denkmal von Scharnhorst vor der Neuen Wache. Von 1822 bis zum Jahre 1951, da ließ Ulbricht die Helden des Freiheitskriegs wegräumen (lesen Sie hier mehr dazu). Die Neue Wache war ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus geworden, da passten preußische Generäle schlecht ins Bild. Nach dem Mauerfall wurden Bülow und Scharnhorst wieder aufgestellt, allerdings auf der anderen Straßenseite. Es sind auch nicht mehr die Originale, da der Marmor aus dem Jahre 1822 ein wenig unter den Autoabgasen gelitten hat.

Dieser junge Oberleutnant mit dem Eisernen Kreuz ist auch ein Freiherr von Bülow. Als man ihn Jahre nach dem Krieg fragte, ob er ein guter Soldat gewesen sei, antwortete er: Nicht gut genug, sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende. Sie kennen diesen Vicco von Bülow unter einem anderen Namen, da nennt er sich Loriot.