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Dienstag, 15. Februar 2011

['bɜ:bərᴗi]


Sieht etwas gewöhnungsbedürftig aus, ist aber nichts anderes als Burberry in phonetischer Lautschrift. Dafür gibt es im Englischen diese Pronunciation Dictionaries, seit der gute alte Daniel Jones vor hundert Jahren das erste auf den Markt gebracht hat. Denn die Aussprache von englischen Wörtern ist ja häufig eine Glückssache. Nicht nur für Ausländer. Das beste Aussprachewörterbuch ist zur Zeit wahrscheinlich das von J.C. Wells (Langenscheidt/Longman), obgleich man den guten alten Daniel Jones (Cambridge UP) auch immer noch kaufen kann. Erfunden hat das Ganze der Professor Henry Sweet, der die Gabe hatte, jeden englischen Sprecher auf der Landkarte Englands zu plazieren. Shaw hat ihn als Professor Henry Higgins in Pygmalion verewigt. Ich erwähne das Ganze, weil ich ein einziges Mal in meinem Leben vor vielen Jahren eine Sendung von Wetten, dass? gesehen habe. Und da gab es jemanden, der in der Lage war, jeden, der einen Text am Telephon vorlas, genau geographisch einzuordnen. Amazing, isn't it? Die Sendung Wetten, dass? gibt es ja nun leider nicht mehr, da wird uns allen etwas fehlen. Nicht die Sendung, aber die seltsamen Klamotten, die Thomas Gottschalk immer getragen hat.

Burberry war einer der ersten Markennamen, der als Synonym für Regenmäntel in das Oxford English Dictionary aufgenommen wurde. Das ist sicherlich auch berechtigt, denn kaum ein Markenname neben Rolly-Royce wird so mit England assoziiert wie die Firma von Thomas Burberry. Vor über hundert Jahren waren sie für die neuen Armeeuniformen (die es im Prinzip heute noch unverändert gibt) zuständig, und im Ersten Weltkrieg haben sie den Trenchcoat kreiert. Den mit den Metallösen am Gürtel, wo man die Handgranaten einhaken konnte. Eigentlich war das nichts anderes als das Modell Tielocken, das sie sowieso schon im Programm hatten. Aber sie verkauften natürlich auch die Geschichte, dass Lord Kitchener (der bei seinem Tod übrigens einen Burberry trug) das Modell entworfen hätte. In den achtziger Jahren hatte Michael Bywater von dem Magazin Punch kritisiert, dass es mit der Qualität des berühmten Trenchcoats nicht mehr weit her sei, woraufhin ihm die Firma ein Modell nach den Originalspezifikationen von 1915 lieferte.

Mit der Kritik an der Qualität der Produkte hatte Bywater nicht Unrecht, in den Thatcher Jahren hatte Burbery unkontrolliert expandiert, vor allem in den Vereinigten Staaten. Und schon zuvor hatten sie Lizenzen in einem Maße vergeben, als wollten sie ihren Ruf ebenso schnell ruinieren wie das Pierre Cardin mit seinen Lizenzen getan hatte. Wobei man als rühmliche Ausnahme die deutsche Firma Eduard Dressler nennen muss, die seit 1971 Burberry Jacketts, Anzüge und Hosen in seriöser Qualität lieferte. Als Burberry vor Jahren begann, die Lizenzen zu widerrufen, war das ein weiterer Sargnagel für Eduard Dressler. Jetzt will Burberry offensichtlich das Hauptgeschäft in Eigenregie abwickeln. Was nicht bedeutet, dass der englische Arbeitsmarkt davon profitiert, große Teile der Produktion sind längst nach China verlagert worden. Womit wir dann wieder mit chinesischer Kinderarbeit bei den menschenunwürdigen Bedingungen der britischen sweatshops zur Zeit des Manchester Kapitalismus angekommen sind. Als Burberry 2007 seine Fabrik in Treorchy schloss, gab es nicht nur in Wales einen Aufstand. Auf einer BBC Wales Seite kommentierte jemand das mit den schlichten Sätzen: Burberry along with a lot of other brands have moved overseas. I think the best way to treat these companies is simply not to buy their products anymore. Vielleicht sollten sich die Königin und Prince Charles das mit dem Royal Warrant noch einmal überlegen. Der Fürst von Wales hat sich immerhin besorgt gezeigt. Tom Jones war als echter Waliser sofort auf der Seite der Protestierer. Witzigerweise auch Kate Moss, durch die Burberry in den letzten Jahren erst den Durchbruch zu einer jugendlichen Szene bekommen hatte.

Dass die Produkte von Burberry mit diesem schönen Royal Warrant verziert sind - für sowas legt man als Kunde beim Kauf ja gerne noch ein paar Mark drauf - müsste dem Buckingham Palast schon peinlich sein. Nicht weil die Burberry Handtasche den tödlichen Beinamen Camilla chic bekommen hat, da könnte die Queen ja drüber grinsen. Nein, weil Burberry längst in die hooligan und chav Szene gewandert ist. Die Proteste gegen die Auslagerung der Produktion nach China interessieren Burberry kein bisschen, aber vor dem dumbing down haben sie Angst. Als die englische Polizei eine Großaktion gegen die Hooligans Operation Burberry taufen wollte, da standen die Firmenanwälte doch gleich protestierend auf der Matte.

Die Verlagerung der Produktion hatte natürlich schon viel früher angefangen. In den siebziger Jahren gab es eine kuriose Situation, weil die Produktion still lag, als sich französische Schneider weigerten Burberry Hosen nach den Vorgaben der Firma zu schneidern. Unmöglicher Schnitt, überhaupt nicht sexy, keinem französischen Schneider zuzumuten, so etwas zu schneidern. Die mit Süffisanz geführte Debatte hatte natürlich Untertöne von No sex please, we're British! Für manche Kommentatoren war das die Fortsetzung des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich, aber vielen wurde damals zum ersten Mal klar, dass man die Buy British Kampagne (die die Regierung Heath ausgegeben hatte) nicht ganz zu Ende gedacht hatte.

Mein erster Burberry hat seinen fünfzigsten Geburtstag nicht erlebt, aber er hat sehr lange gehalten. Er war dunkelblau und hatte nicht das grässliche Karofutter, sondern besaß den gleichen blauen Stoff als Futter. Von solcher Qualität kann die Firma heute nur träumen. Es war ein praktischer Mantel, in dessen riesigen Taschen man eine kleine Bibliothek von Taschenbüchern unterbringen konnte. Abgesehen von seiner Qualität und seinen praktischen Eigenschaften hat er mir nicht viel bedeutet. Er war für mich kein Kleidungsstück eines Iconic British luxury brand, wie man es heute auf der Burberry Homepage lesen kann. Aber für manche meiner Mitschüler, die ständig mit ihrem Burberry prahlten, war er das. Doch das waren Schönlinge mit schlechten schulischen Leistungen, die aus armen Familien kamen. Ich habe mich schon vor einem halben Jahrhundert für diese beaux geschämt - da legen sich die Eltern krumm, damit das Früchtchen in der Schule herumprahlen kann, dass er einen Burberry trägt!

Vor einem halben Jahrhundert war ein Burberry Regenmantel in den Hansestädten Bremen und Hamburg vielleicht noch eine große Sache. Weil er exklusiv war. Man kaufte ihn allerdings meistens in Helgoland, weil er da nur die Hälfte kostete (und billiger als in London war). Dennoch hatte das Karo, das in der Folgezeit bis zum Gehtnichtmehr vermarktet wurde (in Japan war es ja schon mal Mode, Burberry Trenchcoats umgedreht zu tragen), damals schon einen gewissen prolligen touch. Heute erst recht. Trotz oder wegen des Bikinis von Kate Moss.

Feine Leute kauften damals lieber einen Mantel von Aquascutum oder Rodex. Wobei letztere Firma zwar eine eigene Adresse in London hatte (21a Hanover Square), aber letztlich nur Aquascutum in disguise war (der Markenname gehört noch heute zu Aquascutum). Und dann gab es auch immer noch die Firma Grenfell, die unverwüstliche Mäntel herstellte. Und es gab, ein wenig preisgünstiger, die Marke Driway, von denen hatte ich mal einen short mac. Der hat länger gehalten als alle meine Burberrys. Wie man es dreht und wendet, man braucht eigentlich keinen Burberry. Sollen die sich doch Bulbelly 巴寶莉 nennen und ihre chinesischen Produkte mit dem galoppierenden Ritter und dem lateinischen prorsum an die Chinesen verkaufen!

Wahrscheinlich braucht man auch überhaupt keine Regenmäntel. So sagte der Herzog von Bedford in seinem Book of Snobs: Regenmäntel kann man auf dem Land tragen, aber nur auf dem Land. In der Tat hat Mr. Wilson dem Regenmantel einen tödlichen Schlag versetzt. Er hat Regenmäntel unmöglich gemacht, weil sie jetzt als Labour gelten, und das geht natürlich nicht. Mit seiner Erwähnung des Premierministers Harold Wilson spielt der Herzog darauf an, dass Wilson immer Gannex Mäntel getragen hat. Hat sogar den Besitzer von Gannex von der Königin adeln lassen. Wenig später saß der Lord im Gefängnis und die Firma war pleite. Sieht heute so aus wie auf dem Photo, und hier gibt es noch mehr Photos die zeigen, was aus Gannex the saviour of the Yorkshire textile industry geworden ist. Man fragt sich, ob solcherlei Wirtschaftspolitik die übliche britische Arroganz ist oder ob es nicht irgendein Modell geben könnte, das zwischen den vor sich hin rottenden textile mills von Yorkshire oder der Produktion in China existieren könnte.

Dem Merchandise Marks Act von 1887 verdanken wir das berühmte Made in Germany, das ursprünglich dazu diente, Importe zu klassifizieren. Die natürlich nach englischer Vorstellung nur minderwertig sein konnten. Doch das Made in Germany ist zu einem Gütesiegel geworden. Und was ist mit Made in Britain? Es gibt interessante Ansätze, den Begriff ethical fashion hört man immer häufiger. Ein Unternehmen wie Frank & Faith scheint auf dem richtigen Weg. Mulberry war ja mit seinem Konzept der regionalen handwerklichen Produktion mal auf dem richtigen Weg. Aber dann blieben sie nicht mehr bei ihren Leisten, mussten unbedingt größer und größer werden. Ja, und 2008 haben sie dann ihren letzten Shop in Deutschland dichtgemacht.

Und die Firma Burberry scheint außer bei ihren eigenen Flagship Stores (die jahrhundertalte Firmenadresse am Haymarket wurde inzwischen aufgegeben) auch nicht mehr bei den wirklich feinen Adressen vertreten zu sein. Auf jeden Fall nicht in Deutschland, da sind sie eher bei Anson's (ich möchte mal wissen, woher die ihren englischen Namen haben?) und im Internet. Und natürlich überall auf der Welt. Früher war dieses Rot ja das Symbol auf der Weltkarte für das englische Empire, das ja in Uniformen von Burberry erobert wurde (die Offiziere im Krimkrieg hatten noch Mäntel von Aquascutum getragen), jetzt suggeriert die Firma Burberry, dass ihnen die ganze Welt gehört.

Und nicht nur die Welt, auch die Sprache. So wusste der Spiegel im Jahre 2001 zu vermelden: Nun schlägt Burberry in Anzeigen zurück: Wer das "eindeutige und unverwechselbare Markenzeichen", also das Karo, verwende, der müsse mit Gegenmaßnahmen der Anwälte rechnen. Damit nicht genug: Burberry hat auch die Sprache zum firmeneigenen Territorium erklärt. Ein Rundbrief an Redaktionen droht, wer die Wörter "Burberry-Stil", "Burberry-inspiriert", "Burberryesk" oder Ähnliches verwende, dem werde man ebenfalls die Anwälte auf den Hals hetzen. Dafür gibt es im deutschen Markenrecht zwar keine Grundlage, doch es entspricht dem Burberry-Image: kleinkariert.

In den siebziger und achtziger Jahren, als Burberry im großen Stil den Wandel vom Regenmantelhersteller zur Modemarke vollzog, warb die Firma mit dem adligen Photographen Patrick Anson, dem fünften Lord Lichfield, der sich und seine Familie per Selbstauslöser in Burberry Produkten ablichtete. So fand man unter dem wiederkehrenden Slogan The Burbery Look ein Äquivalent zum amerikanischen Marlboro Man.
Die Anzeigen zeigten die englische Oberschicht in einer pittoresken englischen Landschaft. Häufig auch mit der ikonischen Beigabe eines Wauwis. So wie auf mittelalterlichen englischen Grabplatten immer ein Hund zu Füssen des Ritters liegt, so gab es auch hier immer einen Golden Retriever oder Labrador dazu. Aber natürlich war die Idylle des rural England eine Fälschung der Werbewelt wie das ploughman's lunch in dem gleichnamigen Film. A propos Film, das ist ja die einzige Stelle, wo man die Burberrys ertragen kann. Also zum Beispiel an Joel MCrea in Hitchcocks Foreign Correspondent oder an Alain Delon in Le Samurai.

Vor Jahren sah ich in einem secondhand Laden eine ganze Stange voller Burberry Regenmäntel. Die hatten alle ein Label von Ladage und Oelke und stammten aus dem Brandschaden des Jahres 1989, als man ein Chinarestaurant neben Ladage abgefackelt hatte. Sie rochen weder nach Rauch noch nach Peking Ente. Sie waren nagelneu (und noch nicht Made in China) und kosteten pro Stück 39 Mark. Trotz des verlockenden Preises habe ich keinen gekauft. Ich bin längst immun gegen die Verlockungen der Werbewelt.

Lesen Sie auch: ➱Trenchcoats

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Burbapple


Das hier gab es schon, das Burberry Verhüterli für das iPhone ist nicht unbedingt neu. Aber neu ist, dass die Chefin von Burberry jetzt zu Apple wechselt. Die Amerikanerin Angela Ahrends war die erste Frau, die es in die Liste der Topverdiener des Königreichs geschafft hatte. Wird Apple ihr mehr als die 16.9 Millionen Pfund Sterling zahlen, die sie bei Burberry bekommen hat? Gibt es in Zukunft iPads und Computer im Burberry Karo? Wird die Qualität von Apple auch so schrottig wie die Qualität von Burberry?

Die Frau, die den Aktienkurs von Burberry verdreifacht hat, hat auch dafür gesorgt, dass Burberry auf kein Produkt mehr Made in England schreiben kann. Beinahe alle Burberry ➱Fabriken in England sind geschlossen worden. Burberry war einmal der Inbegriff des Made in England, es war auch der erste Markenname, den das Oxford English Dictionary als Begriff aufnahm. Und so kann man noch heute lesen:

Burberry Pronunciation: /ˈbəːb(ə)ri/
noun (plural Burberries) trademark
a kind of lightweight belted raincoat, typically beige in colour, with a distinctive tartan lining.
Origin: early 20th century: from Burberrys Ltd, the name of the manufacturer

Ich habe hier zwei interessante Pressestimmen. Die erste ist ein ➱Interview, das die Welt am Sonntag 2010 mit Frau Ahrends führte:

   Welt am Sonntag: Frau Ahrendts, ich war vergangene Woche in London im Burberry Shop. Eine ältere, englische Lady starrte kopfschüttelnd auf die Schlangenlederstiefel im Dominastil und die mit Nieten besetzten Jacken in der Auslage. Bevor sie den Laden verließ, waren ihre letzten Worte: "Was ist bloß aus Burberry geworden?"
   Angela Ahrendts: (grinst) Das kann ich Ihnen sagen: eine aufregende, moderne, innovative Luxusmodemarkte.
   Welt am Sonntag: In den vergangenen hundert Jahren war Burberrys Kernzielgruppe die Upperclass, die in karierten Burberry-Mänteln über ihren Landsitz spazierte. Diese Kunden dürften Sie wohl vergrault haben.


   Ahrendts: Einige Kunden haben wir sicher verloren, das stimmt. Aber wir sind eine globale Marke mit einem Milliardenumsatz. Den nimmt man nicht allein in einem Land oder mit einer Altersgruppe ein. Die wichtigsten Wachstumsmärkte weltweit sind heute Länder wie China, Indien oder Brasilien. Dort sind unsere Kunden durchschnittlich wesentlich jünger als in Europa. Wir versuchen, mit unserer Marke eine breitere Kundenbasis anzusprechen und zu begeistern.
   Welt am Sonntag: Was hätten Sie der älteren Dame denn gesagt, wenn Sie im Geschäft gewesen wären?
   Ahrendts: Dass kein Grund zur Panik besteht, weil wir die traditionellen Burberry-Produkte wie zum Beispiel die Trenchcoats noch immer in der gleichen Fabrik in England, mit der gleichen hohen Qualität herstellen und in unseren Läden verkaufen. Aber was wir in unseren Schaufenstern und Werbekampagnen zeigen, sind unsere innovativen Produkte, mit denen wir eben alle Altersgruppen anlocken wollen. 


Sie haben das richtig gelesen, dass kein Grund zur Panik besteht, weil wir die traditionellen Burberry-Produkte wie zum Beispiel die Trenchcoats noch immer in der gleichen Fabrik in England, mit der gleichen hohen Qualität herstellen. Da bietet sich doch der Kalauer an, wen will Frau Ahrends verapplen? Ich nehme an, dass die sprichwörtliche ältere, englische Lady (die sicher etwas vornehmer ist als die wunderbare Granny von dem Cartoonisten Giles, die da oben als Granny Britannia abgebildet ist) inzwischen vor Gram gestorben ist. Ich habe nie so richtig gewusst, was Genesis damals meinten, als sie ihr Album Selling England by the Pound betitelten, aber ich nehme mal an, dass sie so etwas meinten.

Meine zweite Pressestimme ist ein ➱Artikel im Observer von der Journalistin und Romanautorin Carole Cadwalladr. Es genügt eigentlich, die Überschrift zu lesen: The hypocrisy of Burberry's 'Made in Britain' appeal. How has the 'luxury brand' got the audacity to trade on its pride in Britishness when most of its clothes are made abroad? Das ganze Konzept der Englishness muss neu überdacht werden. In den fünfziger Jahren, als der Franzose Pierre Daninos (dessen Bruder übrigens der Chef der Firma ➱Facel Vega war, die diese tollen Autos baute) seinen englischen Major Thompson die Franzosen entdecken ließ, da sah der Engländer auf dem Schutzumschlag des Buches noch so aus. Und so sieht er in unseren Gedanken immer noch aus.

Wir müssen davon Abstand nehmen, niemand trägt mehr elegante Glencheckanzüge mit einer Nelke im Knopfloch. Die Zeiten ändern sich. Sind nicht diese Engländer das neue England? Was ist aus Tony Blairs Cool Britannia geworden? Die englischen football hooligans haben sich seit den späten siebziger Jahren mit Luxusklamotten verkleidet. Ich glaube, Pringle war die erste Marke, die sie trugen. Das war sehr rufschädigend für die Firma. Das Phänomen, dass sich die Subkultur der heiligen Kühe des Kommerzes bemächtigt, traf dann auch Burberry:

In the mid-1990s, the casual subculture experienced a massive revival, but emphasis on style had changed slightly. Many football fans adopted the casual look as a kind of uniform, identifying them as different from the ordinary club supporters. Brands such as Stone Island, Aquascutum, Burberry and CP Company were seen at nearly every club, as well as classic favourites such as Lacoste, Paul & Shark and Pharabouth. In the late 1990s, many football supporters began to move away from the brands that were considered the casual uniform, because of the police attention that the casual styles attracted; several designer labels also withdrew designs from sale after they became common casual uniforms.

Frau Ahrends kehrt in ihr Heimatland zurück, ein Land mit einer maroden Wirtschaft. Bevor wir uns Sorgen darüber machen, was aus Burberry und was aus Apple wird, sollten wir einfach diesen ganzen eitlen Tand aus unseren Gedanken verbannen. Und was hilft uns dabei mehr als einer unserer deutschen Barockdichter? Für dergleichen sind unsere Barockdichter ja immer gut. Und so gebe ich Frau Angela Ahrends mal das Gedicht Es ist alles eitel von Andreas Gryphius mit auf den weiteren Lebensweg.

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't.
Noch will was ewig ist kein einig Mensch betrachten!


Lesen Sie auch: ➱['bɜ:bərᴗi] und ➱Trenchcoats

Donnerstag, 19. September 2013

Trenchcoats


Braucht man ihn, den Trenchcoat? Irgendwie scheint seine große Zeit in der Mode vorbei zu sein. Braucht man überhaupt Regenmäntel? Schon 1966 konnte der Herzog von Bedford (lesen Sie doch einmal diesen ➱Post) in The Duke of Bedford's book of snobs über Regenmäntel sagen: The truth is that Mr Wilson has delivered a deadly blow to the mac. He has ruined macs because now they are regarded as labour and that, of course, just will not do. Only straight coats, made to measure, should be worn. Macintoshes — if I come to think of it — are unnecessary also in principle: a proper member of the Snobocracy — a man with money and social ambitions — is not supposed to stay out in out in the rain or even be exposed to it. Der Todesstoß, den der Premierminister Harold Wilson dem Regenmantel versetzte, bestand ihm Tragen des ➱Gannex Coats, der zu seinem Markenzeichen und zu einer Art Kultgegenstand in England wurde. Selbst die Königin trug ihn. Der dankbare Harold Wilson machte den Besitzer der Fabrik zum Lord, aber wenig später war der im Gefängnis. Das war dann auch modisch gesehen das Ende des Gannex Coats. Und die Sache mit Joseph Kagan war ewig ein Fleck auf der weißen Weste von Harold Wilson, seine ➱weißen Socken lassen wir lieber mal unerwähnt.

Ich besaß 1966 einen blauen Burberry Regenmantel. Raglan, einreihig. Hatte natürlich keinen Gürtel, einreihige Raglanmäntel dürfen keine Gürtel haben, zweireihige Trenchcoats gehen nicht ihne Gürtel. ➱Steve McQueen trug mal einen ➱Trench ohne Gürtel, aber wie sieht das aus? Trintignant trug einen in Le mouton enragé, das sah sehr elegant aus. Mein Mantel war eine gedoppelte Qualität, die Burberry nie wieder hergestellt hat. Das war mein famous blue raincoat. Der famous blue raincoat von ➱Leonard Cohen ist übrigens auch ein Burberry gewesen. Einen dunkelblauen Burberry Regenmantel musste man in Bremen ja einfach haben (ich habe immer noch einen). Mein Vater wurde nie von der Burberry Krankheit befallen, der trug seinen alten dunkelblauen Aquascutum Regenmantel, bis der sich auflöste und heimlich von meiner Mutter durch einen ähnlichen ersetzt wurde.

Burberry und Aquascutum waren nicht die einzigen Hersteller von dem Kleidungsstück, das im englischen Lexikon immer noch nach seinem Erfinder Mackintosh benannt ist. Denn da gab es noch Firmen wie Rodex, Baracuta, Grenfell, Invertere und Driway (so einen hatte ich mal: Driway Monarch Weathercoats - Yes indeed, something she's proud of - a man in a Driway Monarch! He reigns over the rain in his princely Weathercoat - so faultlessly fashioned and styled..). Und viele andere. Das Unglück vieler englischer Firmen war, dass sie schon seit den fünfziger Jahren nicht mehr auf erstklassige Gabardine aus bester ägyptischer Baumwolle setzten, sondern seltsame Plastikmischungen mit Namen wie ➱Terylene produzierten. Das war die gleiche Zeit, in der uns die chemische Industrie versicherte, dass das ➱Nyltest Hemd (Wer Nyltest kauft, kauft nie verkehrt) die großartigste Erfindung seit Adams Feigenblatt war.

Das Wetter war damals wahrscheinlich genauso wie jetzt, aber die fünfziger und sechziger Jahre waren irgendwie Regenmanteljahre. Man brauchte einfach einen Regenmantel. Gut, Gene Kelly in ➱Singin' in the Rain nicht, aber das war die Ausnahme. So sehr mich in dieser Zeit der Markenname und das Firmenzeichen mit dem galoppierenden Ritter und dem lateinischen Prorsum  faszinierten, so war ich doch nicht taub gegenüber den Stimmen aus dem Freundeskreis meiner Eltern, die die Burberry Qualität einfach schedderig fanden. Ein schönes norddeutsches Wort, von dem ich annehme, dass es irgendwie mit dem englischen shoddy zusammenhängt. Anstelle von einem blauen Burberry konnte man natürlich ein Blau-Rot Modell von Ernst Gabler in Hamburg-Flottbek tragen. Viel bessere Qualität.

Es war ja nicht so, dass deutsche Regenmäntel keine Qualität boten, schon in den zwanziger, dreißiger Jahren wurden Aquastrella Regenmäntel (Die deutsche Weltmarke) der Firma Paul Engelmann in vornehmen Geschäften neben den Burberry Mänteln plaziert. Viele deutsche Firmen gaben sich jetzt einen international klingenden Namen (sie tun das noch, wie die Marke Darebridge von F.W. Brinkmann zeigt), um in dem Kampf um den großen Kuchen Regenmantelmarkt mitzuhalten. So wurde aus Straehle in Konstanz Strellson und aus Wisolek in Berlin Wiscoat. Ich hatte mal einen Falcon von der holländischen Firma Hollandia Kattenburg, der hat länger gehalten als jeder Burberry. Man konnte eigentlich alles tragen, was wie ein klassischer englischer Regenmantel aussah. Was man aber niemals tragen durfte, das war ein dunkelblauer (oder schwarzer) Trenchcoat. Das kann man nur machen, wenn man Dirk Bogarde (er trägt ➱den in Viscontis La caduta degli dei) oder ➱Michael Caine (oben in ➱Get Carter) heißt. Sonst nicht.

Außer dem Burberry besaß ich damals noch diesen tollen italienischen Trenchcoat. Der Trenchcoat kam aus dem Laden von Hans Kalich in der Böttcherstraße, dem einzigen Geschäft in Bremen, das schon in den sechziger Jahren konsequent auf die Italiener setzte. Mein Mantel sah ein wenig so aus, wie der Mantel auf diesem Filmplakat - ja, das ist natürlich Lucia Bosé im Hintergrund. Ich war sofort verliebt in den Mantel bei Hans Kalich. Ich war natürlich auch verliebt in Lucia Bosé. Obgleich es ein Ausverkaufsangebot war, war der Trenchcoat noch sehr teuer, aber meine Eltern hatten ein großes Herz. Der Trenchcoat hatte kein kariertes Innenfutter wie die Burberrys, er war vollständig gedoppelt. Alle Knopflöcher und Taschenkanten waren mit Leder umsäumt. Niemand hatte einen Mantel wie diesen. Junge Frauen konnten sich an ihm ausheulen. Allerdings hatte sich die Firma Burberry damals schon den Spruch gesichert: Cry on baby, it's a Burberry.

Mein Mantel hatte keinen Namen. Mein Mantel war einfach nur vornehm. Es gab bei Kalich natürlich auch italienische Regenmäntel mit Marken: Duca di Bard (die Marke wurde von Herno gekauft), Valstar, Maduson (Vienna), Caesar Confezini di Lusso, Sealup (auch Confezini di Lusso). Manche Marken sind vom Markt verschwunden, aber Herno und Valstar stellen auch heute noch Qualität her. Dafür muss man heutzutage ja schon dankbar sein.

Natürlich wurde mein Mantel von jungen Frauen bewundert. Die alle ein wenig so aussahen wie ➱Lucia Bosé, aber das lag wohl daran, dass sich damals viele junge Frauen auch bei uns an den Schönheiten des italienischen und französischen Films orientierten. Mein italienischer Trench machte aus einem schüchternen jungen Mann, der ein wenig wie der junge ➱Tony Perkins oder der junge ➱Jean Louis Trintignant aussah, einen dieser toughen Typen des französischen Gangsterfilms (gleichgültig, ob sie Gangster oder Kommissare waren, sie trugen immer Trenchcoats), lange bevor Alain Delon das Teil zu seinem filmischen Markenzeichen machte. Sie kennen diesen Imitationseffekt. Wenn man früher die Zuschauer beobachtete, die aus einem John Wayne Film kamen, die gingen die ersten fünfzig Meter immer genau wie ➱John Wayne.

Zwischen dem italienischen Teil, das außer Hans Kalich Bremen Juist keinen Namen hatte und dem, was auf dem deutschen Markt als Trenchcoats (meist aus Nino-Flex oder Valmeline, die deutschen ➱Edgar Wallace Filme zeigten ihre ➱Auswirkungen) angeboten wurde, lagen Welten. Ich hatte ➱John Braines Room at the Top noch nicht gelesen, aber ich hatte instinktiv das begriffen, was der Held des Romans erst lernen muss: My clothes were my Sunday best: a light grey suit that had cost fourteen guineas, a plain grey tie, plain grey socks, and brown shoes. The shoes were the most expensive I' d ever possessed, with a deep, rich, nearly black lustre. My trench coat and my hat, though, weren't up to the same standard .... Later I learned, among other things, never to buy cheap raincoats.

Irgendwann gab es das Geschäft von Hans Kalich nicht mehr. Er war gestorben, seine Schwester versuchte es noch mit einem Laden für exklusive Damenmode, dann kauften die Hesterbergs, denen ➱Stiesing gehört, den Markennamen Hans Kalich Bremen Juist. Kennt heute eh niemand mehr, die einzigen Verweise im Internet führen zu meinem Blog. Was blieb mir übrig, als mir einen Burberry Trench zu kaufen? Mit dem war ich nie glücklich, den hatte jeder. Man will nicht das haben, was jeder hat. Auch war eben die Qualität längst nicht mehr das, was man einmal mit dem Markennamen assoziierte. Sozusagen schedderig.

Ich erinnere mich noch daran, dass der Herausgeber des Punch die Firma Burberry öffentlich kritisierte, die ihm daraufhin einen Trenchcoat nach den Originalvorgaben anfertigte: Michael Bywater, 30-year old Punch columnist and former trendy who once worked in films, made bold to criticise Burberrys for the inferior quality of their product - the trench coats are not what they were in the days of the trenches. Burberrys riposted that indeed they could live up to their past, and made Bywater a coat to the 1915 design devised by Kitchener and Burberry - complete with camel hair lining to protect a gentleman officer's flesh on the field.

So ist es im Young Fogey Handbook von Suzanne Lowry zu lesen. Ich habe die obige Anzeige von Aquasctum aus den fünfziger Jahren zum Vergleich mit der Burberry Anzeige (Maxium Protection Tielocken Burberry) aus dem Ersten Weltkrieg da oben hin gestellt. Der Mantel ist im Prinzip der gleiche, er wird nur etwas weniger martialisch präsentiert. Ein genaues Studium der Modeanzeigen sagt einem mehr als jede Sozialgeschichte. Der französische Historiker ➱Lucien Febvre hat seinen Kollegen gesagt, dass es wichtiger sei, sich mit Knöpfen zu beschäftigen, als mit den Heldentaten großer Persönlichkeiten. Was ein Kulturhistoriker aber zu diesem Bild in Vogue in den 1920er Jahren sagen soll, das weiß ich aber wirklich nicht.

Während die Firma Simpson (Piccadilly) unter dem Namen Padak (registered for topcoats, overcoats and raincoats) in den dreißiger Jahren einen cotton gaberdine belted trench coat for town ganz zivil präsentiert, sieht die Aquascutum Anzeige vom Ende der dreißiger Jahre ganz anders aus. Hier wird der Aquascutum storm coat an einem englischen Offizier  genauso dargeboten wie bei Burberry Jahrzehnte zuvor. Oder in ihrer eigenen ➱Anzeige aus dem Ersten Weltkrieg (the most reliable military waterproofed coat produced), die der Burberry Werbung sehr ähnlich war. Denn Aquascutum lieferte der Armee damals ein beinahe identisches Modell wie den Burberry Tielocken. Man hat das Gefühl, dass die Firma angesichts des kommenden Krieges schon auf einen Großauftrag des Verteidigungsministeriums schielt. Wahrscheinlich hätte dieser Offizier des Ersten Weltkriegs, dem man bei aller stiff upper lip Haltung die Erschöpfung ansieht, nicht so recht für die Werbung getaugt. Es ist sicher kein Zufall, dass der Trenchcoat als modisches Kleidungsstück in England erst in den dreißiger Jahren wieder in Erscheinung tritt - vorher war die Erinnerung an den Krieg wohl noch zu frisch.

Der Krieg ist der Vater aller Dinge, für ihn wurde der Trenchcoat geschaffen. Das finden manche Trenchcoatträger so toll. Und erzählen einem, dass ein Trenchcoat nur echt ist, wenn er die Metallringe zum Einhaken der Handgranaten am Gürtel hat. Und dass im Ersten Weltkrieg die Trenchcoats für die Kavallerie teurer waren als für die Infanterie, ich kann das alles nicht mehr hören. Das mit den Preisen stimmt übrigens. Aquascutum nahm für das Infantriemodell fünfeinhalb guineas, für die Kavallerie kostete er eine halbe guinea mehr. Wahrscheinlich deshalb, weil das Modell innen Strapse hatte, die die Mantelschöße hielten. Aber natürlich ist der Trenchcoat auch noch im Zweiten Weltkrieg getragen worden. Zumindest von diesem Herren, der ein wenig modeverrückt war und ständig für seine Panzertruppe neue Uniformen entwarf. Hier auf dem Bild ist übrigens nicht der echte General Patton (zu dem es ➱hier, ➱da und ➱dort drei wirklich interessante Posts gibt), das ist George C. Scott in dem Film Patton.

Ich habe eines Tages meinen Burberry Trench verschenkt, trug fortan helle, beinahe weiße Allegri Mäntel und Mäntel von Valstar. Allerdings habe ich noch einen tollen Rodex Regenmantel aus den achtziger Jahren, hundert Prozent dicke Seide, oyster white. In Country Life war in den siebziger Jahren zu lesen: And there you will find Rodex: superbly styled raincoats, sports jackets, blazers and topcoats. All with that meticulous finish so characteristic of Rodex of London, makers of fine clothing for men who really care about looking their best. 

Ich trug keine Trenchcoats mehr. Auch in den französischen Filmen wurden sie seltener. Obgleich manche Schauspieler wie Michael Caine natürlich immer gut in einem Trenchcoat aussehen. Manchmal glaube ich, dass der Trenchcoat sowieso nur für die Gangsterfilme erfunden worden ist. Täuschen wir uns nicht, im wirklichen Leben hat der Trenchcoat in der englischen Mode niemals die Rolle gespielt (wir sehen mal von seiner kurzen Blütephase bei den ➱Mods ab), die ihm der Film und die aggressive Burberry Werbung eingeräumt haben.

Im Gangsterfilm ist der Trenchcoat ein doppelt codiertes Symbol: Gangster und Detektive tragen ihn, meistens noch Schlapphüte dazu. Auf diesem Photo haben sich einige Herren im Jahre 1966 vor dem Maigret Denkmal im holländischen Delfzijl versammelt. Der Mann in der Mitte kann so viel Trenchcoats anziehen, wie er will, er wird nie Kommissar Maigret sein. Auch kein Gangster, er ist immer Heinz Rühmann. Der Schöpfer der Romanfigur steht links neben ihm, und ganz links ist Rupert Davies, einer der wenigen überzeugenden Maigrets. Jean Gabin, der im Trenchcoat immer gut aussah, ist nicht auf dem Bild. Wollte der Panzerkommandant der Forces françaises libres nicht neben dem Mann stehen, der auf Hitlers Gottbegnadeten Liste gestanden hatte? Dem ehemaligen Royal Air Force Leutnant Davies, der den größten Teil des Krieges in einem deutschen Stalag verbrachte, scheint das nicht auszumachen.

Heinz Rühmann ist ein trauriger Beweis dafür, dass nicht jedermann einen Trench tragen kann. Lino Ventura kann das natürlich. Wahrscheinlich ist in den Filmen von Jean-Pierre Melville der Trenchcoat sowieso de rigueur. Melville selbst sah im ➱Trenchcoat ziemlich peinlich aus, da war es schon besser, dass seine Filmhelden ➱Montand, Ventura, Belmondo und Delon den trugen. Wo seine Filme doch sowieso nichts mit der Wirklichkeit der Unterwelt von Paris zu tun hatten und nur die Realisierungen seiner Träume waren. Der Trenchcoat war für viele Schauspieler das perfekte Kleidungsstück. Sah ➱Alan Delon jemals wieder so gut aus wie in ➱Der eiskalte Engel? Verdankt nicht ➱Humphrey Bogart seinen Mythos seinem Regenmantel? Er hat es selbst gesagt: The role doesn't bother me. I've been doing the role for years. I've worn that trench coat of mine in half the pictures I've been in.

Wenn ich auch einen großen Teil meines Lebens wie ein imitierter Engländer herumgelaufen bin, so hatte ich mit meinem tollen italienischen Trenchcoat damals nicht das Gefühl, diese Englishness der Bremer und Hamburger zu verraten. Die ja letztlich immer ein fake ist, wie all die Dinge im Schaufenster von Ladage & Oelke. Das wusste ich schon früh. Die Engländerin Kennedy Fraser, die lange für den New Yorker schrieb und einen Teil ihrer ➱Kolumnen in ihrem Buch The Fashionable Mind veröffentlichte, hatte das schon 1977 ganz klar formuliert:

Englishness or Americanness is as accessible to the French, the Italians, or the Japanese as it is to the fashion designers or the inhabitants of its country of origin. Fashionable British young people approach the idea of generalized and international Englishness with almost as much detachment as if it had grown out of some country other than their own, which in a way it has. This Englishness is once removed from the modern, postwar Britain they grew up in. It is a confident, insular, countrified style filtered down through nostalgic films, television programs, and advertisements. It is only one of the styles that British fashion designers work in, and it is not necessarily their most colloquial or their most authentic. They examine Englishness partly in response to foreign enthusiasm for it. Just as the French or the Italians give anglophilia their particular signature, the British regard it in their own way, with an attitude that is inevitably tinged with irony. Sometimes fashionable young British people see Englishness as a purely foreign idea and prefer to buy it in a French or Italian Version.

Es regnete und regnete und regnete, ein Satz, der mir in Jahrzehnten nie aus dem Kopf gegangen ist. Er muss irgendwo in Winnie-the Pooh stehen. Endlich habe ich einmal nachgeforscht. Es steht in Winnie-the-Pooh (es gibt hier natürlich einen ➱Post zu dem Buch): Es regnete und regnete und regnete. Ferkel sagte sich, daß es in seinem ganzen Leben noch nie - und es, Ferkel, war nun wirklich weiß Gott wie alt - drei, oder ? Oder vier? soviel Regen gesehen hatte. Tage-, tage-, tagelang. Das musste mal eben zitiert werden, das Wetter lädt dazu ein. Richtiges Trenchcoat Wetter. Ich habe nach Jahrzehnten nämlich wieder einen. Hätte ich nicht gebraucht, war ein Kauf aus Daffke. Hat mich bei Ebay 15 Euro gekostet. Vintage, aber ansonsten nagelneu. Das Label innen sagt: Dietl München. Das Teil sieht aus wie der von Michael Caine da oben. Also ein Trenchoat  von Max Dietl für 15 Euro, so etwas kann man tragen. Ich ziehe den jetzt mal an.


Noch mehr Trenchcoats in den Posts ➱Burberry, ➱Overcoat, ➱Lino Ventura.

Sonntag, 13. Februar 2022

Hosenkauf


Wenn ich am Schreibtisch sitze und in meine Tastatur tippe, dann will ich es bequem haben. Keine Jacketts, immer Sweatshirts. Das habe ich schon irgendwann einmal in diesem Blog gesagt, dass meine Arbeitskleidung aus Sweatshirts, teuren italienischen Hemden und Chinos besteht. Aber gelbe Baumwollhosen, möglichst eng und ohne Bundfalten kann man immer tragen. Sie sollten nicht baggy sein, aber auch nicht so ganz eng wie das, was die Engländer drainpipes nennen. Mein Herrenausstatter schwört seit Jahren auf Valentini, einen Italiener, der nichts anderes als Hosen macht. Und das können die Italiener ja. Incotex ist auch O.K., und neuerdings ist Cucinelli auch in diesem Geschäft mit sauteuren Hosen. Ob die gut sind, weiß ich nicht.

Die gelben Hosen tauchen als Nankinghosen (nach der chinesischen Stadt Nanking benannt, woher die gelbe Baumwolle kommt) schon im 19. Jahrhundert in der deutschen Literatur auf. In Büchners Leonce und Lena und in Fontanes Briefen aus London, wo er uns sagt, dass man jetzt ächte Nanking-Hosen tragen müsse. Und über solche Hosen will ich heute mal eben schreiben, über Freizeithosen. Nicht über Flanellhosen oder Cordhosen, die haben hier schon einen Post. Das hellblaue Hemd auf dem Photo oben ist übrigens von Werner Scherer, der neben Rudolf Böll wohl der teuerste deutsche Herrenaustatter ist. Ich habe das mal für zehn Mark in einem Secondhand Laden gekauft, es war so billig, weil der Besitzer mit dem Namen Werner Scherer nichts anfangen konnte.

Jogginghosen wären sicherlich beim Schreiben bequem, aber sowas habe ich nie gehabt. Jogginghosen geht nicht, nicht nur weil Karl Lagerfeld das gesagt hat, sondern auch, weil sowas zu sehr an Jimmy Savile erinnert. Der inzwischen verstorbene Sexualverbrecher ist in England zur Zeit Tagesgespräch, weil Johnson behauptet hat, dass der Oppositionsführer Sir Keir Starmer als Direktor des Crown Prosecution Service verhindert hätte, Savile strafrechtlich zu verfolgen. Das war natürlich wieder eine Lüge von Johnson, die dazu führte, das Starmer in London von einem Mob auf offener Straße angegriffen wurde. Johnson hat von Donald Trump viel gelernt.

Rory Stewart (OBE FRSGS FRSL) hat über Johnson gesagt: Johnson is after all the most accomplished liar in public life – perhaps the best liar ever to serve as prime minister. Some of this may have been a natural talent – but a lifetime of practice and study has allowed him to uncover new possibilities which go well beyond all the classifications of dishonesty attempted by classical theorists like St. Augustine. He has mastered the use of error, omission, exaggeration, diminution, equivocation and flat denial. He has perfected casuistry, circumlocution, false equivalence and false analogy. He is equally adept at the ironic jest, the fib and the grand lie; the weasel word and the half-truth; the hyperbolic lie, the obvious lie, and the bullshit lie – which may inadvertently be true. Das hat zwar nichts mit Hosen zu tun, aber es musste mal gesagt werden.  

Also nichts mehr über Jogginghosen. Und auch nichts über englische Hosen. Ich glaube, die Engländer können keine Hosen. Obgleich DAKS Simpson mal für seine slacks berühmt war und auch die ersten Hosen produzierte, die man ohne Hosenträger und ohne Gürtel tragen konnte. Aber das ist lange her. In den siebziger Jahren hatte Burberry seine Hosenproduktion einmal nach Frankreich verlagert, allerdings kam die Produktion schnell zum Erliegen. Weil sich die französischen Schneider weigerten, Burberry Hosen nach den Vorgaben der Firma zu schneidern. 

Unmöglicher Schnitt, überhaupt nicht sexy, keinem französischen Schneider zuzumuten, so etwas zu schneidern. Die mit Süffisanz geführte Debatte hatte natürlich Untertöne von No sex please, we're British! Für manche Kommentatoren war die Debatte die Fortsetzung des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich. Burberry verlangt heute für diese schlichte Baumwollhose (wo immer die produziert wurde, Dressler hat schon lange die Burberry Lizenz verloren) 450 Euro. Was ganz schön happig ist. Die Schneider von Prince Charles, Anderson & Sheppard, setzen auf eine Zusammenarbeit mit der italienischen Firma von Ampelio Rota, die neben der Firma Valentini die besten italienischen Hosen macht. Valentini hat auch Zwischengrößen, die haben nicht nur 50 und 52, die haben auch eine 51 im Programm, die passt mir immer.

Früher gab es in Deutschland Hosenspezialisten, die qualitativ hochwertige Hosen herstellten. Die kamen zum Beispiel von Regent, die ja mal in den fünfziger Jahren als Hosenhersteller angefangen haben. In Bremen konnte man die in der Sögestraße bei Mey & Edlich kaufen, die damals ein seriöser bürgerlicher Laden waren. Gibt es heute nicht mehr, Mey & Edlich ist nach der Pleite von der Firma Walbusch gekauft worden. Die haben auch Hosen im Programm, ist aber kein Vergleich zu den Regent Hosen. Sehr gute Hosen kamen auch aus den Hela Kleiderwerken in der Rendsburger Landstraße 206-208 vor den Toren von Kiel (hier ein Blick in die Fabrikationshalle aus dem Jahre 1968), man konnte sie bei allen besseren Herrenaustattern kaufen. 

Aber nicht in dem Kaufhaus Hettlage & Lampe (wo es bei der Eröffnung 1972 auf der Holstenstraße so aussah), das Ottomar Lampe auch gehörte. Mit seinen Hela Hosen belieferte er nur die Herrenaustatter. Die Hela Kleiderwerke gibt es heute nicht mehr, und von Regent ist auch nichts übriggeblieben. Die Hosenspezialfabrik Adolf Vetter machte einst auch gute Hosen. Ihr Geschäftsführer Thomas Schaefer dachte sich den Namen René Lezard aus, mit dem fremdländischen neuen Namen wollten sie dann keine Hosenfabrik mehr bleiben, sondern ein großer Konzern werden. Der Untergang vor zwei Jahren war nach dieser Entscheidung eigentlich vorprogrammiert. 

Die Geschichte der deutschen Hosenfabrikanten läuft immer nach einem ähnlichen Muster ab, es gibt eine Gründungsphase, in der man sehr gute Qualität produziert, dann folgt die Expansion. Danach verlagert man Teile der Produktion ins Ausland. Fritz Hiltl begann 1955 mit seiner Frau, in Sulzbach-Rosenberg Hosen zu schneiderns, es sollten Hosen wie vom Maßschneider sein. Anfangs wurden täglich gerade einmal zwanzig Hosen produziert. 1958 stellt er auf der Kölner Herrenmode Woche seine erste Kollektion vor. Damit begann der Erfolg der Firma. Seit 2010 ist die Firma auch auf dem chinesischen Markt vertreten, die Chinesen lieben Hiltl Hosen. In Sulzbach werden nur noch Maßanfertigungen genäht, alles andere kommt aus  Rumänien und Mazedonien. Nicht made in Germany, aber made by Hiltl, ist das neue Firmenmotto. 2016 wurde die Firma von einer Holding übernommen. 2020 meldet die Firma, die Beinkultur seit 1955 auf ihrer Internetseite stehen hat, Insolvenz an. Sie wurde von einer schweizerischen Beteiligungsgesellschaft gerettet. Gerhard Kränzle, der Chef und Miteigentümer von Gardeur wurde Chef bei Hiltl.

Bei der  Konkurrenzfirma Gardeur in Mönchengladbach sieht das nicht viel anders aus. 1969 nannte die Hosenfabrik Dieter Janssen & Co, die seit den zwanziger Jahren bestand, ihre Hosenkollektion Gardeur, aus welchem Grund auch immer. Fünf Jahre später eröffnete man eine Fabrik in Tunesien. Und  im Oktober 2017 meldete man die Insolvenz an, im Dezember war die Übernahme der Firma durch die holländische Duijndam Gruppe perfekt. Nicht von einer Insolvenz bedroht ist die Firma Leineweber mit ihren Marken Brax und Eurex, obgleich sie in den letzten zwei Jahren durch Corona und Lockdown gewaltige Umsatzeinbußen hinnehmen musste. Der Name Brax ist übrigens in den fünfziger Jahren aus dem lateinischen bracae (Hosen) und dem DAKS von DAKS Simpson (für die Leinweber in Lizenz arbeitete) entstanden. Leineweber ist jetzt stark im Online Geschäft. Über den Internetkauf kann man im Stern lese: Da wird sich ja wohl eine Hose finden lassen. Der größte Irrtum. Das Internet ist eine optische Täuschung. Es gibt da gar nichts! Schlimmer als in der DDR! 16 Farbvarianten, von 'Deep Koralle' bis 'Midnight Oil Schwarz', aber nur noch in XXS, oder man muss in einer obskuren Kryptowährung bezahlen ('Sofortüberweisung').

Auch viele der anderen Hosenfabrikanten, Meyer, Alberto, Digel, Hoal, Brühl und wie sie alle heißen, sind im Netz. Meyer (Eigene europäische Produktion - zertifiziert von Made in Green by Oekotex) näht 1,4 Millionen Hosen im Jahr, ein großer Teil davon geht an C&A. Alberto beschäftigt tausend Mitarbeiter in der Türkei, in Tunesien, Polen, Marokko und China; das Familienunternehmen Hoal (Hosenfabrik Alberth) läßt seine Hosen in Bückeburg fertigen. Deutsche Hosen sind offenbar immer gefragt. Das Online Geschäft hat aber seine Tücken, man kann die Hose nicht anprobieren, man kann den Stoff nicht fühlen, man weiß nicht, ob die Hose wirklich die Farbe hat wie auf dem Photo im Internet. Ein noch größeres Problem ist, dass sich die Industrie offenbar verabredet hat, Hosen wie diese hier nicht mehr herzustellen. Der Engländer nennt so etwas high rise, eine große Leibhöhe. Das ist heute nicht mehr angesagt, die ganz, ganz niedrige Leibhöhe ist modern.

Dann sieht man nicht so aus wie Sean Connery in den Hosen von Anthony Sinclair, dann sieht man so aus wie der ehemalige Außenminister Heiko Maas. Das ist modern, versichern uns viele Hosenhersteller. 1950 bewarb Brax seine Hosen mit die Hose des Fortschritts (wie man auf dem Plakat oben sehen kann), heute heißt der Fortschritt low rise. Das mag ja bei der halbnackten Brigitte Bardot gut aussehen, aber nicht bei Heiko Maas. Da bekommt der Maasanzug eine neue Bedeutung. Aus mir unerfindlichen Gründen hat das GQ Magazin Maas im Jahre 2016 zum bestangezogenen Mann des Landes erklärt.

Ich weiß nicht, wer den Werbespruch Augen auf beim Hosenkauf aufgebracht hat, aber ganz so leicht ist der Online Kauf eben nicht. Es sei denn, man kennt den Modellnamen seiner Liebligshose. Und der Hersteller existiert noch. Ich komme bei Hiltl mit den Modellen Cesano und Parma sehr gut zurecht, die haben nicht nur italienische Namen, sondern auch einen schlanken italienischen Schnitt. Und es sind keine low rise Hosen. Das Internet ist voll von Berichten, wo Männer ihre Schwierigkeiten beim Hosenkauf berichten. Dass der so aussehen kann wie hier bei ✺Loriot, das wissen wir. Und da wir gerade beim Kabarett angekommen sind, hätte ich auch noch die Hosenpredigt von ✺Jochen Malmsheimer für Sie, vorgetragen 2012 beim Bayerischer Kabarettpreis. Die von rutschenden Hosen handelt: Und nun, Hose? Wer gab dir ein, dass du dich weigerst nun seit kurzer Zeit, den Träger ärschlings zu bedecken, wie du's tatest von alters her? Was trieb dich, abzusacken unter jene beiden Backen?

Thomas Bernhard hat einmal ein recht witziges Dramolett mit dem Titel Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen geschrieben (für Markenbewußte: es werden darin Hosen von Zegna erwähnt), in dem wir Dinge lesen können wie: Die Hosenprobierzellen sind zu eng, in ihnen ist keine Luft. In den Hosenprobierzellen hat schon so viele der Schlag getroffen, fragen Sie doch die Kleiderinnung, die wird es Ihnen bestätigen. Die Leute gehen in ein Geschäft hinein und wollen nur eine Hose probieren und probieren naturgemäß sieben oder acht und es trifft sie der Schlag, der Kleiderhausprobierzellenschlag ist der häufigste. Oder: Wenn wir von den Grabsteinen jeweils die Todesursache ablesen könnten, wir würden alle Augenblicke auf den Grabsteinen gleich welchen Friedhofs lesen: Todesursache Hosenprobe.

Das kleine Theaterstück von Thomas Bernhard ist einmal in der von Benjamin von Stuckrad-Barre umgeschriebenen Version in der Sendung von ✺Harald Schmidt aufgeführt worden. Harald Schmidt wollte Stuckrad-Barres Text ins Internet stellen, aber die Frankfurter Allgemeine verweigerte den Abdruck von Claus Peymann kauft sich keine Hose, geht aber mit essen. Da führte Harald Schmidt das Stück einfach in seiner Show auf; mit Harald Schmidt als Peymann, Stuckrad-Barre als Stuckrad-Barre und Manuel Andrack als Hosenverkäufer. Falls Sie diesen Höhepunkt des deutschen Fernsehens verpasst haben sollten, klicken Sie doch einfach mal ✺hier. Und falls Sie den ganzen Text lesen wollen, den die FAZ nicht hergeben wollte, den habe ich hier auch noch.