Donnerstag, 19. August 2010

Bonnie Prince Charlie


Das ist das Glenfinnan Monument am Loch Shiel. Hier hat der Thronprätendent Bonnie Prince Charlie am 19. August 1745 seine Standarte aufgestellt und einen kleinen Krieg gegen die Engländer angezettelt. Es war der Anfang vom Ende der Stuarts. Nach einer Anzahl von kleineren Gefechten verlieren die Stuartanhänger nach einem Jahr in der Schlacht von Culloden. Charles Edward Stewart kann entkommen (nachdem ihm auf dem Schlachtfeld noch ein schottischer Lord nachgerufen hat Run, you cowardly Italian!) und irrt monatelang durch die Highlands, aber niemand verrät ihn an die Engländer. Obgleich die Summe, die England auf seinen Kopf ausgesetzt hat, jeden armen Highlander zum Millionär machen würde. Flora MacDonald, die ihn nach der Schlacht von Culloden versteckt hatte, wird in Schottland heute noch als Heldin gefeiert. Im September 1746 ist er dann zu Schiff nach Frankreich. Er wird niemals wieder kommen, wenn auch die Schotten immer noch davon träumen.

Bonnie Charlie's now awa',
Safely owre the friendly main;
Mony a heart will break i' twa,
Should he no' come back again.
[Chorus:]
Will ye no come back again?
Will ye no come back again?
Better lo'ed ye canna be,
Will ye no come back again?


Das ist natürlich Stoff für hunderte von Romanen, der erste von Bedeutung ist Walter Scotts Waverley, or tis sixty years since von 1814. Aber auch Robert Louis Stevenson hat mit Kidnapped und Catriona dieses Thema aufgenommen. Von G.A. Henty bis Jane Lane gibt es eine beinahe industrielle Produktion von Bonnie Prince Charlie Romanen. Aber die romantische Verherrlichung Schottlands, die mit Walter Scott beginnt, vernebelt die schottische Realität. Die Chiefs der Clans vertreiben in den so genannten Highland clearances ihre eigenen clansmen und treiben sie in die Emigration. Eine ethnische Säuberung der besonderen Art.

Es ist ein klein wenig größenwahnsinnig, dass sich die Schotten den Engländern auf dem Moor von Culloden in einer offenen Feldschlacht stellen. Die Gefechte, die sie bis dahin gewonnen hatten, haben sie mit einer Art Guerillataktik und dank ihrer besseren Kenntnis des Terrains gewonnen. Jetzt aber haben sie die ganze englische Artillerie gegen sich. Auf seinen fähigen General Lord George Murray hört der junge Kriegsherr nicht mehr. Er wird auch später, wenn sie beide auf den Kontinent entkommen sind, nie wieder mit ihm reden. Wir wollen mal hoffen, dass er sich geschämt hat. Sein Vater, the Old Pretender, wird dagegen Lord Murray eine Rente auf Lebenszeit aussetzen.


Zu solchen Kämpfen Mann gegen Mann wie auf diesem zeitgenössischen Bild von dem Schweizer David Morier ist es in der Schlacht kaum gekommen. Morier hat das Bild 1746 für den siegreichen Herzog von Cumberland gemalt. Er war auf Uniformen und Pferde spezialisiert, wie man auf seinen Bildern in der Royal Collection sehen kann. Irgendwie kann Morier nicht mit Geld umgehen, denn er wird in einem Londoner Schulgefängnis sterben. Nach der Schlacht wird der Herzog von Cumberland niemanden entkommen lassen, wird Verwundete und Gefangene gleichermaßen töten lassen. Das trägt ihm den Beinamen Butcher Cumberland ein, der ihn in Schottland bis heute verfolgt. In London wird der Mann, der nach heutigen Maßstäben ein Kriegsverbrecher ist, als Held gefeiert. Man nennt eine Blume Sweet William nach ihm, die heißt noch heute so. Und es gibt auch peinliche Gelegenheitslyrik wie

The pride of France is lily white,
the rose in June is Jacobite.
The prickly thistle of the Scot
is northern knighthood's badge and lot;
but since the Duke's victorious blows
the lily, thistle and the rose
all droop and fade, all die away;
Sweet William only rules the day.
No plant with brighter lustre grows,
except the laurel on his brows.

In Schottland gibt es keine Verse, aber man tauft umgehend eine übelriechende, giftige Pflanze (senecio jacobaea) Stinking Billy.

Die Schlacht von Culloden ist die letzte Schlacht auf britischem Boden. Es ist auch die einzige Schlacht, die der fettleibige Sohn von George II als Feldherr Englands gewinnt (er hat ja immerhin die gleiche Stellung, die einst der Duke of Marlborough hatte). Ein Jahr vorher hatte er die Schlacht von Fontenoy gegen Maurice de Saxe verloren, ein Jahr nach Culloden wird er bei Laufeldt wieder gegen den illegitimen Sohn von August dem Starken verlieren. Jon Manchip White, der eine schöne Biographie über den Marschall von Frankreich geschrieben hat, kann keine erwähnenswerten Qualifikationen beim Lieblingssohn von George II entdecken. Und zehn Jahre darauf kneift Cumberland im Siebenjährigen Krieg vor den Franzosen, obgleich er eine riesige Armee hat und schließt die Konvention von Zeven ab. Danach holt man ihn nach London zurück und vertraut ihm nie wieder eine Armee an. Er wird sich fortan der Pferdezucht widmen. Und der gute Herzog Ferdinand von Braunschweig, der uns in Wilhelm Raabes Roman Das Odfeld begegnet, muss alles wieder gutmachen, was Cumberland versiebt hat.

Die Schlacht von Culloden bedeutet auch die völlige Vernichtung der Highland Clans, von da an darf kein Kilt und kein Tartan mehr getragen, und kein Gaelisch mehr gesprochen werden. Erst 1782 wird dieser Bann aufgehoben, doch nach einer Generation sind Tartan und Kilt in Vergessenheit geraten. Ihre Renaissance werden die Schotten erst wieder durch Sir Walter Scott, seine Romane und seine Sammlung von Liedern haben.

Und wenig später durch das englische Königshaus. Schon George IV hatte (im scharlachroten Tartan über fleischfarbenen Strümpfen) Edinburgh besucht, und unter Victoria werden die Schotten Kult. Das schottische Schloss Balmoral wird zu ihrer zweiten Heimat, und ihr Prinzgemahl Albert entwirft Tapeten und Teppiche im Tartan-Look. Ist auch nicht komischer als der Tartananzug oben, den sich ein Herr aus dem Gefolge von George IV für den Besuch in Edinburgh 1822 hatte machen lassen. Wenn Sie alles über den Besuch des Königs im Kilt (der bei einem Londoner Schneider ein Vermögen kostete) in Edinburgh wissen wollen, dann klicken sie hier. Das hätte ich nicht schöner schreiben können.

Und natürlich ist die Schlacht von Culloden auch längst beschrieben worden. Das beste Buch dazu stammt von John Prebble, der viele gute Bücher über Schottland geschrieben hat. Er hat überhaupt erstaunliche Bücher geschrieben, aber sein Culloden halte ich für ein unübertroffenes Werk. Er sagt im Vorwort: I believe, the truth of this unhappy affair has been obscured by the over-romanticized figure of the Prince. He appears in the book where he is relevant to its theme, and I make no apology for ignoring him at other times. The books begins with Culloden because then began a sickness from which Scotland and the Highlands in particular, never recovered. It is a sickness of the emotions and its symptoms can be seen on the labels of whisky bottles. Long ago this sickness, and its econonomic consequences, emptied the Highlands of people. And this book, I hope, is about people. Da merkt man doch noch ein klein wenig durch, dass er in den dreißiger Jahren mal in die Kommunistische Partei England eingetreten war, aber nicht für lange. Dieses ist eine Sozialgeschichte Schottlands am Vorabend der Schlacht und im zweiten Teil zeigt das Buch, was die Schlacht für Schottland im nächsten halben Jahrhundert bedeutete. Bonnie Prince Charlie Fans werden dieses Buch nicht gerne lesen.

Bonnie Prince Charlie Fans werden auch den Film Culloden von Peter Watkins aus dem Jahre 1964 nicht mögen. Das ist ein wirklich erstaunlicher Film, und ich bin diesem Medium, vor dem ich mit meiner Tastatur sitze, dankbar, dass man ihn heute noch auf dem Bildschirm hier sehen kann. Zwar mit französischen Untertiteln, aber das ist ja irgendwie passend, die ganze Unterstützung für Charles' Abenteuer kam ja aus Frankreich. Wenn es einen Antikriegsfilm gibt, dann ist es dieser Film. Er war für die BBC gedreht, und er war so erfolgreich, dass Peter Watkins The War Game drehen konnte (was er eigentlich vor Culloden drehen wollte). Den hat die BBC aber nie gesendet, das war zu nahe an der Wirklichkeit. Der Film wurde zwar nicht gezeigt, bekam aber 1967 einen Oscar und war im filmischen Untergrund durchaus zu sehen. Zwanzig Jahre später kam er offiziell in die Kinos. Wenn Sie mal reinschauen wollen, klicken Sie hier.

Wenn Ihnen das alles zuviel an Realismus ist, dann habe ich um Schluss noch richtigen Kitsch für Sie, David Niven (immerhin ein Schotte) als Bonnie Prince Charlie und dazu schottische Klänge von Loreena McKennitt.

Kommentare:

  1. Ich gebe gab mal eben etwas weiter, was mich per Mail erreichte: "In Ihrem wunderbaren Blog-Eintrag über die Schlacht von Culloden sprechen Sie auch The War Game an. Der Fernsehfilm – der letztendlich in Kinos gezeigt wurde, da man dort ja wisse, dass es sich um Fiktion handelt (die BBC hatte Angst, dass engl. Grannies vor dem Fernsehgerät einschlafen und dann mitten in The War Game aufwachen und denken, sie sähen die Nachrichten...) - hat zu einem sehr interessanten Streit zwischen James Chapman und Mike Wayne geführt. Herrlich, wie es dort zur Sache geht! Sie finden Chapmans ursprünglichen Aufsatz, Waynes Angriff und dann Chapmans Antwort anbei. Viel Spaß bei der Lektüre". Also, wenn Sie den Expertenstreit lesen wollen, gehen Sie auf: http://jch.sagepub.com und tippen Sie im Suchfeld "the war game" ein.

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  2. Wow, das nenne ich einen Post nach meinem Geschmack, ich hatte kurz auf das Datum geblickt und dann doch lieber verzichtet, aufrichtiger Glückwunsch.

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