Montag, 23. August 2010

Gorch Fock


Heute vor 52 Jahren ist sie auf den Namen Gorch Fock getauft worden. Eigentlich ist sie Gorch Fock Nummer Zwei, denn die Marine hatte schon mal eine Gorch Fock. Die liegt heute als Museumsschiff in Stralsund. Sie hatte damals zwei Schwesternschiffe, die Horst Wessel und Albert Leo Schlageter hießen und auch alle bei Blohm und Voss in Hamburg gebaut waren.

Die segeln alle heute noch, wenn auch nicht mehr unter deutscher Flagge, diese Baureihe von Blohm und Voss scheint unverwüstlich zu sein. Gehen nicht unter. Von der Vielzahl von F. Laeisz' Flying P Liners segelt nur die Krusenstern (ex Padua) noch, vom traurigen Schicksal der Preußen oder der Pamir wollen wir lieber nicht reden. Was bei der Gorch Fock regelmäßig kaputtgeht, ist die goldene Galionsfigur, die einen stilisierten Albatros zeigt. Sie hat jetzt schon den sechsten. Man sollte ja glauben, dass das Unglück bringt (in Coleridges Ballade The Rime of the Ancient Mariner bringt der Albatros auf jeden Fall Unglück), aber glücklicherweise war das bisher nicht der Fall.

Die Gorch Fock ist gerade zu einer langen Fahrt ausgelaufen, die sie auch um Kap Hoorn führen wird. Da war sie noch nie. Ihr Kapitän formulierte das in einem Interview so Seglerisch betritt das Schiff mit der Umrundung der Südspitze Südamerikas Neuland. Aus der Zeit der 'Flying P-Liner' wie 'Pamir' und 'Passat' ist Kap Hoorn legendenbehaftet, woraus sich für die Besatzung eine gewisse Erwartungshaltung ergibt. Kap Hoorn ist für den Segler das, was für den Bergsteiger der Mount Everest ist. Wie der Mann redet! Erwartungshaltung! Früher hatten die einfach Schiss.

Wenn sie um Kap Hoorn sind, könnte sich der Kapitän dann als Albatros bezeichnen. So hießen früher diejenigen, die als Kapitän eines Segelschiffes um Kap Hoorn gefahren waren. Alle anderen an Bord konnten sich Kap Hoornier nennen. Hätte mein Onkel auch können, wenn er nicht vorher in Südamerika von Bord der Großherzogin Elisabeth getürmt wäre (sowas hatte Jahrzehnte vor ihm Joachim Ringelnatz ja auch gemacht). Hat meinen Opa in den dreißiger Jahren ganz schön Geld gekostet, seinem Sohn die Reise zurück nach Deutschland auf einem Trampdampfer zu finanzieren. Die Großherzogin Elisabeth heißt heute Duchesse Anne und liegt in Dünkirchen. Sie ist schon über hundert Jahre alt und hat sich auch gut gehalten. Ist nicht bei Blohm und Voss gebaut, sondern bei Tecklenborg in Bremerhaven. Über diese Werft gab es früher einmal den netten Zweizeiler Kaptein sei unbesorgt - din Schipp is baut bi Tecklenborg.

Die Gorch Fock heißt natürlich nach dem Schrifsteller, der aber nicht wirklich Gorch Fock hieß, sondern Johann Kinau. Der Sohn eines Finkenwerder Hochseefischers wollte zur Marine, hat aber die Seetauglichkeitsprüfung nicht bestanden. Im Ersten Weltkrieg war er zuerst bei der Infantrie, hat es dann aber doch noch zur kaiserlichen Marine geschafft. Das war der größte Wunsch des Mannes, der Seefahrt ist not! geschrieben hat. Und viele andere Geschichten, die immer mit der Seefahrt zu tun haben. Meist im Finkenwarder Platt, wie man bei dem Buchtitel links sehen kann. Johann Kinau ist in der Skageragschlacht mit dem Kreuzer Wiesbaden untergegangen. Sein Grab ist auf einem schwedischen Marinefriedhof. Seefahrt ist not! war für ganze Generation ein Jugendbuch (später haben die Nazis Gorch Fock vereinnahmt). Ich habe das auch gelesen, als ich klein war (Hein Godenwind auch), das war an der Küste sozusagen Pflichtlektüre. Meine bayrischen Leser mögen jetzt die Augenbrauen hochziehen. Aber ich kann nichts dafür, wenn man aus einem Kaff kommt, das nur von der Seefahrt lebt, dann kriegt man eben Gorch Fock statt Karl May in die Hand gedrückt. Es hat mir nicht geschadet. Es hat mir auch nicht geschadet, dass ich niemals Karl May gelesen habe.

Sein Bruder Rudolf Kinau ist auch Schriftsteller geworden, obgleich zuerst nichts danach aussah. Er hatte als Elbfischer gearbeitet, dann die Seefahrtsschule besucht, danach war er bei der Marine. Aber da der Arbeitsmarkt für sailors schlecht war, ist er Prokurist der Hamburger Fischmarkt Auktionshalle geworden. Und hat irgendwann angefangen zu schreiben. Zuerst den Nachruf auf seinen Bruder, dann beharrlich immer mehr Plattdeutsches. Er ist in Norddeutschland zu einer Institution geworden. Ich habe ihn jahrzehntelang im Radio gehört, mit Hör mal 'n beten to fing der Tag an.

Die Zeit der Segelschiffe ist vorbei, obgleich die ja ökologisch einwandfrei sind. Sie war eigentlich schon vorbei, als Joseph Conrad über sie schrieb. Von den Segelschiffen geht aber jeden Sommer beim Treffen von Großseglern immer wieder eine Faszination für Touristen aus. Auch für die Becks Bier Trinker, aber das Schiff mit den grünen Segeln ist ursprünglich gar kein Segelschiff gewesen. Sie war ein Feuerschiff und ist nur nachträglich zum Segler umgebaut worden. Das ging nur, weil sie diesen schlanken Rumpf hatte, der in der Fachwelt Claussen Rumpf heißt.

Benannt nach Georg W. Claussen, der ein halbes Jahrhundert (1869 bis 1919) bei Tecklenborg Großsegler baute (zuvor hatte er bei den berühmten schottischen Werften am Clyde gelernt). Claussen, der an den Satz die Stabilität liegt in der Länge glaubte, war für Bremerhaven das, was Donald McKay für Boston war. Allerdings hat Bremerhaven Georg W. Claussen nie solch ein Monument gebaut, wie das Boston für Donald McKay getan hat. Heute hat er nicht einmal einen Wikipedia Eintrag, aber die Marinehistoriker kennen ihn natürlich. Schon Otto Höver sprach 1934 in Von der Galiot zum Fünfmaster: Unsere Segelschiffe in der Weltschiffahrt 1780 bis 1930 geradezu ehrfurchtsvoll von seinen Leistungen als Schiffbauer.

Wir wünschen vom sicheren Festland aus der Gorch Fock auf ihrer Weltreise immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und lassen zum Thema Segelschiffe noch jemanden zu Wort kommen, der als Dichter etwas davon verstand, weil er als Matrose auf dem Segelschiff Elli angefangen hatte.

Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch
Und über sich Wolken und Sterne.
Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch
mit Herrenblick in die Ferne.


Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand
Wie trunkene Schmetterlinge.
Aber sie tragen von Land zu Land
Fürsorglich wertvolle Dinge.

Wie das im Wind liegt und sich wiegt,
Tauwebüberspannt durch die Wogen,
Da ist eine Kunst, die friedlich siegt,
Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.

Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. -
Natur gewordene Planken
Sind Segelschiffe. - Ihr Anblick erhellt
Und weitet unsre Gedanken.


Das Gedicht heißt Segelschiffe. Besser als Kuttel Daddeldu kann das ja keiner sagen.

1 Kommentar:

  1. Die GORCH FOCK in Stralsund hab ich letzten Sommer bestiegen. Soll heißen, ich bin auf die erste Sail am Großmast geklettert, äh, natürlich hab ich sie geentert. Weiter rauf durften Landratten aber trotz Sicherungsleine nicht. Ein oder zwei hätte ich schon gern noch probiert. Obwohl man ja nicht die Piraten der Karibik gucken muss um zu wissen, dass man da runter fallen kann. Das konnte man auch aktueller in der Zeitung lesen. Nun, die Kadetten müssen zwar überall in der Ausbildung mal hin auf diesem Windjammer, aber sie müssen es auf großer Fahrt nicht. Das hat mir eine Sportkameradin erklärt, die da mit geschippert ist.

    Nicht Karl May lesen ist auch keine Lösung. Ich hab höllischen Spaß gefunden an den leicht nationalpatriotischen Kolportageromanen wie
    FÜRST DES ELENDS,
    DER VERLORENE SOHN und
    DIE HERREN VON GREIFENKLAU.
    Letzteres müssten Sie allerdings unbedingt lesen. Hugo von Greifenklau würde seine Frau, eine Französin, auf keinen Fall bekommen haben, wenn nicht der Marschall Vorwärts dafür gesorgt hätte. Die vier Bücher GREIFENKLAU gehen übrigens bis 1870/71. Da wird der Erzfeind endlich zur Strecke gebracht. Hugos Schwager ist damit gemeint, nicht gleich ganz Frankreich.
    Leicht fragwürdig, aber amüsant...

    (Verbesserte Sendung)

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